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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 13
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
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Zwölftes Kapitel

Ihr Geheimnis

Was ging mit dem Verbrecher vor? Einen Augenblick schien er die beiden Männer ganz vergessen zu haben, sowohl den Advokaten, wie den neuen Feind, der so plötzlich aufgetaucht war. Statt dessen heftete er seine harten, stechenden Augen unverwandt auf Frau Sonja. Und er wiederholte flüsternd und verwundert, als habe er ein großes Geheimnis entdeckt:

»Sie ist es ... sie ist es ...«

Dies sonderbare Benehmen machte die beiden Männer stutzig. Der Polizeileutnant, unschlüssig, was er tun sollte, ließ die Waffe sinken.

Was Frau Sonja anbetraf, so benahm auch sie sich höchst merkwürdig. Sie hatte ihr Gesicht nur einen Augenblick gezeigt, dann verbarg sie es wieder in den Händen, während sie noch immer auf dem Fußboden kniete. Es war, als fürchte sie den Fremden anzusehen.

Der Advokat, der wahrnahm, daß der Polizeileutnant den Revolver gesenkt hatte, schrie ihm zu:

»Um Gottes willen, geben Sie acht! Es ist nur eine List von ihm.«

Nun ging er auf den Einbrecher zu.

»Die Sache hat sich jetzt gedreht,« sagte er. »Vielleicht sind Sie nun geneigt, mir mitzuteilen, was Sie zu dieser Zeit in meiner Wohnung suchen.« Der Advokat war so erregt, daß es ihm gar nicht auffiel, wie sinnlos seine Frage war.

Der Fremde antwortete nicht. Er sah zum Fenster und dann zur Tür.

Der Polizeileutnant aber stellte sich vor die Tür, mit dem Revolver in der erhobenen Faust.

An der andern Seite stand der Advokat, der jetzt wieder den Leuchter ergriffen hatte. Es gab keinen Ausweg für den Verbrecher. Dennoch bereitete er sich zur Flucht. Da rief der Advokat zum zweitenmal:

»Schießen Sie ... schießen Sie, wenn er die geringste Bewegung macht.«

Der Polizeileutnant stand mit dem Finger auf dem Hahn des Revolvers.

Der Verbrecher blieb unsicher stehen. Aage Gade vergaß nie wieder den Anblick seiner Augen. Diese kalten und tiefliegenden Augen, mit ihrem unheimlichen herzlosen Glanz! In dieser Sekunde glühte ein seltsames Leben darin, ein gejagtes Umherirren, ein hastiger Wechsel. Er spähte nach einem Ausweg. Verzweiflung flammte aus seinem Blick. Der Advokat erwartete jeden Augenblick, daß er einen Fluchtversuch machen würde. Plötzlich jedoch ergab der Einbrecher sich. Er kreuzte die Arme und sagte:

»Bemächtigen Sie sich meiner! Ich bin erledigt.«

Selbst jetzt, wie er machtlos und ohne Waffe dastand, sah er drohend aus. In seiner Hoffnungslosigkeit war etwas Herausforderndes, über seiner muskulösen Gestalt lag etwas Freches, Aufreizendes.

Der Polizeileutnant trat jetzt so dicht an ihn heran, daß nur eine Armlänge den Verbrecher von dem Revolverlauf trennte. Ohne einen Blick von ihm abzuwenden, sagte der Polizeileutnant:

»Herr Advokat, bringen Sie bitte einen dicken, starken Strick! Ich werde indessen auf ihn acht geben, und wenn er die geringste Miene zum Widerstand macht, schieße ich ihn glatt nieder.«

Der Advokat verschwand und kam im nächsten Augenblick mit einem Strick zurück.

»Können Sie ihn binden?« fragte der Polizeileutnant. Der Advokat nickte. Er kannte die Kniffe von der Kriminalbehörde her.

Der Verbrecher hatte jetzt anscheinend jede Hoffnung auf Flucht aufgegeben, denn er ließ sich willig fesseln. Der Polizeileutnant gab dem Advokaten den Revolver und sagte:

»Ich gehe Hilfe holen. Passen Sie indessen auf ihn auf!«

Als der Polizeileutnant gegangen war, verließ auch Frau Sonja das Zimmer. Sie ging in ihr Boudoir, aber sie schloß die Tür nicht. Die Portieren aber fielen hinter ihr zusammen und entzogen sie den Blicken der andern.

Die Augen des Fremden folgten ihr, solange er sie sehen konnte ... Und als sie im Nebenzimmer verschwunden war, sagte er leise zum Advokaten:

»Ist die Dame mit dem schönen Haar Ihre Frau?«

Der Revolver in der Hand des Advokaten hob sich drohend.

»Hüten Sie sich,« sagte er.

»Es war nur eine Frage,« antwortete der Einbrecher.

»Ich unterhalte mich nicht mit Zuchthäuslern,« sagte der Advokat, »ich bin gewohnt, sie auf andere Weise zu behandeln. Ich bin gewohnt, sie zu richten und ins Gefängnis zu werfen.«

Der Einbrecher lächelte.

»Haben Sie auch in dieser Gegend des Landes Gefängnisse?« fragte er.

»Das werden Sie gleich sehen.«

Der Advokat begriff, daß der Verbrecher an Flucht dachte, und er beschloß, ihn so schnell wie möglich nach Kopenhagen abtransportieren zu lassen. Dieser Mann war zu gefährlich für das einfache Dorfgefängnis.

Der Polizeileutnant kam jetzt in Begleitung der beiden Schutzleute des Ortes zurück. Der Einbrecher ließ sich willig fortführen. Der Advokat schärfte den Schutzleuten ein, ihn aufs strengste zu bewachen. Dann waren die beiden Herren allein.

Sie sahen sich an. Der Advokat stand noch immer mit dem Revolver in der Hand. Der Polizeileutnant sah die Waffe eine Sekunde an. Ein sonderbares Zucken ging über sein Gesicht.

»Was nun?« fragte der Advokat.

Der Polizeileutnant zuckte die Achseln.

»Das war ja ein recht interessantes Erlebnis,« sagte er, »wie es einem nicht alle Tage begegnet.«

»Sie haben recht,« sagte der Advokat, »ich habe selten einen Abend mit so viel wechselnden Stimmungen erlebt. Aber ich möchte eine Frage an Sie richten. Wie ging es zu, daß Sie hierher kamen?«

»Da fällt mir etwas ein,« antwortete der Polizeileutnant ausweichend. »Wir wollen nachsehen, ob der Revolver geladen ist, und ob er eine Firma trägt.«

Der Advokat untersuchte den Revolver und drehte an der Trommel.

»Eine Firma trägt er nicht,« sagte er, »aber alle Kammern sind geladen. Er ist von großem Kaliber. Eine Kugel würde absolut tödlich wirken.«

»Dann können wir uns ja glücklich schätzen, daß die Sache so abgegangen ist,« bemerkte der Polizeileutnant leise.

»Sehr richtig. Und dafür sind wir in Ihrer Schuld. Dies bringt mich wieder auf etwas.«

»Worauf?«

»Auf das, wonach ich mir schon einmal erlaubt habe Sie zu fragen: Wie ging es zu, daß Sie hierher kamen? Sie müssen einräumen, daß es ein merkwürdiger Zufall war.«

»Das kann ich Ihnen sagen,« antwortete der Polizeileutnant. »Ich bin den Spuren gefolgt.«

»Ah, wirklich, welchen Spuren?«

»Den Spuren des Einbrechers.«

Der Advokat überlegte einen Augenblick. Dann ging er zu der Tür des Boudoirs und guckte hinein. Frau Sonja lag auf dem Diwan. Sie lag, als ob sie schliefe. Der Advokat schloß die Tür und zog die Portieren zusammen. Der Polizeileutnant folgte diesen rätselhaften Vorbereitungen mit Interesse. Der Advokat hielt den Revolver noch immer in der Hand. Sein Gesicht drückte keine sonderliche Neugierde aus, es war auffallend ruhig und kalt, aber in seinen Augen leuchteten eine eigene Stille und brennende Glut.

»Ich komme also auf die Frage zurück,« sagte er, indem er das Gespräch fortsetzte. »Was meinten Sie damit, daß Sie den Spuren des Einbrechers folgten?«

»Sie fragen sonderbar, aber ich werde Ihnen trotzdem antworten. Sie wissen wohl, daß ich einst das Vergnügen hatte, Ihrer Frau einen kleinen Dienst zu leisten. Ich beschützte sie vor zwei Apachen, die sie anbettelten, aber offenbar Schlimmeres im Sinn hatten.«

»Ich weiß es.«

»Nun wohl. Den einen von diesen Apachen sah ich heute abend in auffallender Weise um Ihr Haus schleichen. Und als ich kurz vor zwölf hier vorbeispazierte, sah ich auch den andern der beiden Apachen. Er stand an der Gitterpforte und späte hinüber. Es sah aus, als ob er Wache hielte. Ich ging schnell auf ihn zu, und da flüchtete er. Ich wollte gerade hinter ihm herlaufen, als ich bemerkte, daß die Gitterpforte offen war. Das erschien mir verdächtig. Ich wußte ja, daß Sie, Herr Advokat, in der Stadt seien. Und als ich im Sande nachsah, fand ich verwischte Fußspuren. Ich kenne diese Art Spuren, Herr Advokat, denn auch ich habe die Gewohnheiten der Verbrecher studiert. Ich folgte den Spuren, sie führten ins Haus. Das andere kennen Sie. Das ist alles. Im übrigen wissen Sie ja, daß ich von der Polizei bin, und wenn Sie es vergessen haben sollten, so ist hier mein Polizeischild.«

Der Polizeileutnant zeigte das blanke Schild von der Polizeibehörde in Christiania. »Wenn man ein solches Schild bei sich trägt,« sagte er, »hat man die Verpflichtung einzugreifen, sobald man meint, daß irgendwo eine Gesetzesübertretung vorliegt.«

Der Advokat verharrte lange schweigend. Dann legte er den Revolver wie zufällig beiseite.

»Es ist spät geworden,« sagte er, »wir sehen uns morgen. Wenn ich mich heute abend etwas sonderbar benommen habe – jetzt eben meine ich – so müssen Sie bedenken, daß ich viele Gemütsbewegungen hinter mir habe und sehr erschöpft bin.«

Der Polizeileutnant verabschiedete sich und ging. Der Advokat stand und lauschte seinen Schritten auf dem Gartenweg und hörte wie die Gitterpforte ins Schloß fiel. Dann eilte er ins Boudoir. Seine Frau lag noch immer auf dem Diwan, er kniete neben ihr nieder.

»Kannst Du mir verzeihen?« sagte er. »Ich bin ganz verstört gewesen und wußte nicht was ich tat.«

Sie schlug die Augen auf, und als er diese Augen sah, fuhr er zurück.

»Mein Gott,« flüsterte er, »in deinen Augen ist eine furchtbare Angst.«

Und von einer Eingebung getrieben, fügte er hinzu:

»Was sagte dieser fremde Mann, als du dein Gesicht zeigtest? »Sie ist es,« sagte er, »mein Gott, sie ist es.«

Und in wachsender Angst fügte der Advokat hinzu:

»Sonja, wofür fürchtest du dich? Woran denkst du? Antworte mir, Sonja!«

 

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