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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 12
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
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Elftes Kapitel

Der Dritte, der kam

Kaum hatte der Einbrecher gesehen, daß der Advokat ohne Waffe war, als er den Revolver neben sich auf den Tisch legte, aber so nah, daß er ihn jederzeit mit der Hand erreichen konnte.

Einen Augenblick stand er und betrachtete die beiden, den aufrechtstehenden Advokaten, und seine Frau, die noch immer in halb liegender Stellung verblieb, das Gesicht zwischen den Armen verborgen.

Er schien über das Eintreten dieser beiden Menschen nicht sonderlich erstaunt zu sein. Wahrscheinlich war er von früher her an unvorhergesehene Ereignisse in seinem Berufe gewöhnt. Dagegen schien er kaltblütig darüber nachzudenken, wie er die Sache am besten angreifen könne. Er hatte ja den Revolver. Er warf einen Blick darauf. Sollte er sich mit der Waffe in der Hand einen Weg aus der Villa bahnen? Im nächsten Augenblick betrachtete er den Geldschrank, und beim Gedanken an das, was sich in seiner Tiefe verbergen könnte, wurde sein Gesicht verbissen und entschlossen. Es schien, daß er einen verwegenen Plan faßte, um den Einbruch dennoch auszuführen.

Er griff nach dem Revolver.

Drohend hielt er ihn dem Advokaten entgegen, der sich nicht rührte und nicht einmal mit den Augen blinzelte.

»Rühren Sie sich nicht!« sagte er, »Sie dürfen nicht einen einzigen Schritt machen.«

Der Advokat, dem es klar war, daß hier kein Widerspruch half, nickte nur. Gleichzeitig aber dachte der kluge Mann: Wenn ich ein Gespräch mit ihm in Gang bringen könnte, ist viel gewonnen.

Darum sagte er, indem er einen scherzenden Ton anschlug:

»Wünschen Sie vielleicht, daß ich Ihnen zur Hand gehe?«

Der Einbrecher aber war zum scherzen nicht aufgelegt und antwortete nur:

»Rühren Sie sich nicht, rühren Sie sich nicht!«

Er sprach mit einem fremden Akzent und einer harten, unangenehmen Stimme. Seine Augen aber waren noch unangenehmer. Hart, kalt und gleichzeitig spähend, Augen, die nicht viel Menschlichkeit verrieten ... In ihnen war keine Angst, aber auch nicht der geringste Funken von Mitleid oder Freundlichkeit. Nur Berechnung war in ihnen und eine merkwürdig jagende Unruhe, wie man sie in den Augen gewisser Tiere sehen kann, die beständig auf ihrer Hut sein müssen. Von einem Menschen mit solchen Augen war keine Schonung zu erwarten.

Der Fremde legte den Revolver wieder langsam neben sich auf den Tisch, während er den beiden einen bösen Blick zuwarf. Als der Advokat unwillkürlich eine Bewegung machte, griff der Mann von neuem nach dem Revolver. Ein Schauder ging durch das Herz des Advokaten, er meinte in den Augen des Einbrechers zu lesen, daß er bei sich dachte: Wäre es nicht doch das Beste, wenn ich abdrückte? Zögernd aber legte der Verbrecher den Revolver wieder hin.

Und dann begann er sich von neuem mit dem Schrank zu beschäftigen.

Der Advokat bekam einen praktischen Kursus in Einbruchstechnik, für den er unter anderen Umständen dankbar gewesen wäre.

Der schlanke Bohrer glitt tiefer und tiefer in den Stahl hinein.

Im Laufe einer einzigen kleinen Minute hatte er drei Löcher gebohrt. Der Advokat erwartete jeden Augenblick, daß das Schloß aufspringen würde.

Es fiel dem Advokaten schwer, sich bei alledem ruhig zu verhalten. Aber bei jeder noch so kleinen Bewegung, die er machte, griff der andere sofort nach dem Revolver. Der Advokat hatte wieder genügend Grund sich darüber zu ärgern, daß er seinen Revolver nicht mitgenommen hatte. Der lag jetzt in Kopenhagen in seiner Schreibtischschublade. Auf einmal ging es ihm auch durch den Kopf, daß das Benehmen seiner Frau äußerst sonderbar sei. Sie rührte sich nicht. Weinte sie? Er tastete über ihr Haar und hörte sie flüstern: »Um Gottes willen, rühre dich nicht! Laß ihn die Juwelen nehmen!«

Der Verbrecher hatte dieses Flüstern auch gehört und sah auf. Diesmal glitt sein Blick von dem Advokaten über die Frau, die zu seinen Füßen lag. Der Einbrecher zuckte nur die Achseln, und indem er sich seiner Arbeit wieder zuwandte, sagte er wie zu sich selbst:

»Was für schönes Haar ... was für schönes Haar ...«

Es schien wirklich, als ob Frau Sonjas schönes Haar Eindruck auf ihn gemacht habe, denn während der nächsten Minute drehte er sich ein paarmal um, sah sie forschend an und murmelte dabei:

»Was für schönes Haar ... was für schönes Haar ...«

Als der Advokat diesen Blick sah und diese Stimme hörte, bekam er eine seltsame Lust, sich auf den Verbrecher zu stürzen und ihn an der Kehle zu packen.

Auf diese Weise vergingen drei bis vier Minuten, und wenn der Verbrecher nicht flüsternd sprach, war im Zimmer kein anderer Laut zu hören als das feine und schneidende Geräusch des Bohrers in dem blanken Stahlschrank.

Da geschah etwas, was für den Advokaten ganz verblüffend und überraschend war, seine Frau aber erzittern machte. Sie beugte den Kopf noch tiefer zur Erde.

Die äußere Verandatür hatte ganz leise geknarrt.

Der Verbrecher meinte, daß der Lärm von der Gruppe in der Tür zum Boudoir herrührte, und hob drohend den Arm. Der Advokat stand unbeweglich. Der Einbrecher konnte sich keinen ruhigeren Zuschauer wünschen, und er nickte zufrieden, indem er sich wieder über den Geldschrank beugte.

Der Advokat aber stand unbeweglich, weil er in dem dunklen Verandazimmer etwas gesehen hatte. Er hatte eine Gestalt gesehen, die sich dort bewegte.

Advokat Aage Gade hatte nie in seinem Leben darüber nachgedacht, ob er ein guter Schauspieler sei oder nicht. Er dachte überhaupt selten an Schauspieler. Er besaß die tiefeingewurzelte Antipathie des strengen Juristen gegen alles Gaukelspiel. Plötzlich aber, in dieser merkwürdigen Lage, wurde es ihm klar, daß er sich vorzüglich dazu eignete, Komödie zu spielen.

Die grünen Portieren zum Verandazimmer waren zurückgezogen worden, und in der Öffnung zeigte sich eine Gestalt. Die Gestalt trat lautlos näher. Es war der Polizeileutnant.

Um die seltsamen Ereignisse zu verstehen, die jetzt eintraten, muß man sich ins Gedächtnis zurückrufen, wie die Stellung der verschiedenen Personen in diesem Augenblick war.

In der Tür zum Boudoir stand der Advokat, die Frau zu seinen Füßen. Der Advokat hatte sein Gesicht dem Eingang zum Verandazimmer zugewandt. Und hier stand der Polizeileutnant.

Mitten im Zimmer stand der Einbrecher mit dem Schrank beschäftigt. Er hielt seine Augen bald auf den Stahlschrank, bald auf den Advokaten und die Dame mit dem schönen Haar gerichtet. Er konnte den Polizeileutnant also nicht sehen, und er hatte ihn auch nicht gehört, denn Helmersen war vollkommen lautlos über den Teppich gegangen.

Der Einbrecher setzte also seine Arbeit fort.

Und inzwischen standen der Advokat und der Polizeileutnant und sahen sich an. Hier bewahrheitete sich das alte Sprichwort, daß ungeheucheltes Erstaunen stumm macht. Der Polizeileutnant war ehrlich verblüfft, seinem Freund, dem Advokaten, Aug in Auge gegenüberzustehen. Als sein Blick jetzt zu dem nichtsahnenden Einbrecher hinüberglitt, sah er recht wie ein Mann aus, der aus den Wolken gefallen ist.

Aber er sagte nichts.

Der Advokat merkte, daß er in einer äußerst heiklen Lage sei, bei der er den vollen Gebrauch seiner Selbstbeherrschung und Schlauheit nötig hatte. Am meisten Lust hatte er, den Kandelaber von der Erde aufzunehmen und dem Polizeileutnant an den Kopf zu werfen. Aber er war doch so verständig, einzusehen, daß dieser Sport ihm das Leben kosten könne.

Statt dessen also stand er ruhig da und ließ seine Augen reden.

Da es den Anschein hatte, daß der Polizeileutnant sich nicht gleich über die Gefahr der Situation klar war, machte der Advokat eine Bewegung, bei der der Verbrecher aufsah und mit der Hand nach dem Revolver griff.

Der Advokat aber schüttelte den Kopf.

»Fahren Sie nur ruhig fort!« sagte er. »Ich bin in Ihrer Gewalt.«

»Schweigen Sie!« zischte der Dieb und legte den Revolver wieder auf den Tisch.

Jetzt hatte der Polizeileutnant begriffen.

Er schlich sich an den Tisch, Schritt für Schritt, langsam und vorsichtig. Der Einbrecher kehrte ihm den Rücken zu, er war in seine Arbeit am Schrank vertieft und sah ihn nicht. Der Advokat war aufs äußerste gespannt, aber er stand unbeweglich. Endlich war der Polizeileutnant so nahe an den Tisch herangekommen, daß er den Revolver des Einbrechers erreichen konnte. Er streckte die Hand aus und packte die Waffe.

Das erregte schließlich die Aufmerksamkeit des Einbrechers. Hastig wandte er sich der neuen Gefahr zu. Aber es war bereits zu spät. Er starrte in seinen eigenen Revolverlauf und blieb unsicher und gespannt wie auf dem Sprung stehen.

Der Advokat rief:

»Schießen Sie ihn nieder, wenn er die geringste Bewegung macht!«

Der Einbrecher sah von einem zum andern.

Schließlich fiel sein Blick auch auf Frau Sonjas Gesicht.

Und plötzlich zuckte er zusammen und stammelte verblüfft und geistesabwesend:

»Mein Gott, sie ist es.«

 

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