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Die Zwei und die Dame

Sven Elvestad: Die Zwei und die Dame - Kapitel 11
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typefiction
authorSven Elvestad
titleDie Zwei und die Dame
publisherGeorg Müller Verlag München
year1919
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Zehntes Kapitel

Der Mann mit dem Halstuch

Frau Sonjas Sinne waren aufs höchste gespannt und witterten. Sie hatte die Schritte im Verandazimmer gehört. In diesem Augenblick war sie fast bewußtlos vor Schreck. Sie dachte nur das eine: ihrem Mann zu verbergen, daß der Polizeileutnant gekommen war. Wie aber sollte sie es fertig bringen? Um ihn am Lauschen zu verhindern, klammerte sie sich krampfhaft an ihn, legte ihren Kopf und ihre Hände gegen seine Ohren und flüsterte unaufhörlich und ganz sinnlos:

»Du darfst nicht, du darfst nicht!«

Aber es nützte alles nichts, denn jetzt drang ein scharfer Laut zu ihnen herein. Es war das Knarren einer Tür, die vorsichtig geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Diesmal hörte der Ehemann es.

Er starrte wie verhext auf die Tür, die von dicken Portieren verborgen war. Sollte es möglich sein? Hatte sie ihn dennoch belogen?

Von nebenan ertönte ein scharrendes Geräusch. Es war, als ob ein Schlüssel ins Schloß gesteckt würde.

Der Advokat schob Sonja mit solcher Gewalt von sich, daß sie fast über die japanische Lampe getaumelt wäre, und dann ging er drohend auf sie zu. Sein Gesicht war furchtbar anzusehen.

»Also doch,« schrie er, »du hast mich also doch belogen! Wen erwartest du?«

Sie schüttelte verstört den Kopf. Sie wollte antworten, aber kein Laut kam über ihre Lippen; sie wollte sich ihm nähern, aber sie wagte es nicht.

Er blieb mitten im Zimmer stehen, am ganzen Körper bebend.

»Ich werde dir zeigen,« sagte er, und seine Stimme war gedämpft und heiser, »ich werde dir zeigen, daß ich Ehrlosen, die in mein Haus einbrechen, entgegenzutreten weiß. Ich verstehe mich darauf, solche Leute zu behandeln.«

Frau Sonja kannte ihn genau. Sie wußte, daß sie ihn nicht länger zurückhalten konnte. In ihrer tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit warf sie sich neben ihn auf die Knie. Ihr Haar war aufgegangen und floß an ihr herab. Sie streckte beide Arme zu ihm hinauf. Er aber blieb ruhig stehen, ganz ruhig, und betrachtete sie nur. Gerade diese seine Ruhe erschreckte sie am meisten und ließ sie vor Kälte erschauen.

Dann flüsterte sie ihm eindringlich und von Schluchzen halb erstickt zu:

»Alles kann erklärt werden. Glaube mir, das Ganze ist nur ein unglückseliges Mißverständnis. Laß mir nur Zeit dir den Zusammenhang in Ruhe zu erzählen! Du hast mich mit deiner grausamen Kälte ganz verstört gemacht. Hör' mich nur einen Augenblick an!«

Jetzt erklangen nebenan wieder Schritte, gedämpfte Schritte. Jemand ging über den weichen Teppich. Sie hörte die Schritte und meinte zu wissen, wer es sei; gleichzeitig aber begriff sie nicht, warum der Betreffende nicht in ihr Boudoir kam oder flüchtete, wenn er ihre Stimmen gehört hatte.

Die Kälte im Wesen des Ehemannes war unheimlich.

Er lächelte.

»Still,« flüsterte er, »wir wollen ihn nicht stören. Er wird schon hereinkommen.«

Er starrte auf die Tür, aber weder die Tür noch die Portieren bewegten sich. Und jetzt war auch kein Laut mehr von drinnen zu hören.

Der Advokat sah sich im Zimmer um. Er suchte nach einer Waffe.

»Ich bedaure nur eins,« flüsterte er – und so leise, daß seine Frau ihn kaum verstehen konnte, aber mit furchtbarem Ernst – »ich bedaure nur, daß ich meinen Revolver in der Stadt gelassen habe. Aber hier sehe ich eine ausgezeichnete Waffe.«

Er nahm einen großen, schweren Silberleuchter vom Spiegeltisch.

»Warte, mein Lieber,« fuhr er fort – es war, als ob er eindringlich mit sich selbst spräche –, »ich will dir lehren, wie man Leute behandelt, die nachts in das Haus guter Freunde einbrechen.«

Er ging auf die Tür zu und schwang den Leuchter drohend in seiner muskelstarken Faust.

Seine Frau aber ist mit einem Satz neben ihm und klammert sich an seinem Rock fest. Er stürmt auf die Tür zu, kann jedoch ihres Armes und Kleides wegen kaum vorwärts kommen.

Sie flüstert ihm in höchstem Entsetzen unaufhörlich zu:

»Du darfst nicht. Du darfst nicht.«

Er antwortet nicht. Er lächelt nur herzlos und entschlossen. Er weiß, was er will. Jetzt ist er bei der Tür. Er schiebt die Portiere beiseite und öffnet sie mit raschem Griff. Frau Sonja stößt einen Schrei aus und versucht seinen Arm zu umklammern.

Sie stehen nun beide in der offenen Tür. Der Advokat will durchs Zimmer rasen und sich auf seinen Feind stürzen, bleibt aber verblüfft auf der Schwelle stehen.

Der Mann, den er im Zimmer sieht, ist nicht der, den er erwartet hatte. Es ist nicht der Polizeileutnant.

Es ist der Mann mit dem blauseidenen Halstuch.

Nun pflegen in der Regel Ehemänner, die wütend mit Revolvern, Kandelabern oder anderen Waffen herumrasen, keine gute Figur machen. Aber noch weniger vorteilhaft nimmt sich ein Ehemann aus, wenn er auf falscher Spur ist und es zu seinem eigenen Erstaunen entdeckt. Just in dieser Lage befand sich Advokat Aage Gade, der berühmte Anwalt großer Rechtsfälle.

Sein Gesicht spiegelte im Laufe von wenigen Sekunden alle Grade einer furchtbaren Gemütsbewegung. In den Augenblick, als er in die Tür trat, hatte sein feines Rassegesicht einen Ausdruck gehabt, der von gekränkter Ehre erzählte, in Verbindung mit einem festen und grausamen Willen, diese Kränkung zu rächen.

Des Mannes wilder und rücksichtsloser Mut stand auf seiner Stirn geschrieben, und in seinen Augen brannte der grenzenlose Zorn, der nicht gedämpft werden kann, bevor er sich in irgend einer Rachetat ausgetobt hat.

Eine Sekunde danach aber war alles verändert.

Dieser ganze verdichtete Ausbruch von Mut, Raserei und Tatenlust, wich einer unsagbaren Verblüfftheit, die ihm aus den aufgerissenen Augen und dem halbgeöffneten Munde starrte.

Aber dann wich auch dieser Ausdruck, und statt dessen zeigte sich auf seinem Gesicht eine deutliche Ratlosigkeit und Verlegenheit. Im nächsten Augenblick aber faßte er sich und folgte dem ganz natürlichen Verlangen, seine Frau zu beschützen. Diese letzte edle Stimmung wurde durch die Haltung veranlaßt, die der Mann mit dem Halstuch einnahm.

Sie war wahrlich drohend genug.

Der Advokat befand sich in der offenen Tür zwischen seinem Arbeitszimmer und Frau Sonjas Boudoir.

In der einen Hand hielt er den großen, schweren Silberkandelaber. Aber sein Arm war gesenkt. Zu seinen Füßen lag Frau Sonja. Sie hatte sich mit hereingeschleppt und umklammerte seine Knie. Aber sie hielt auf eine merkwürdige Weise den Kopf gebeugt, so daß ihr Gesicht zwischen den Armen verborgen war.

Die Tür zum Verandazimmer stand angelehnt, aber die grüne, dicke Portiere verdeckte den Spalt.

Neben dem Stahlschrank, zwischen dem Tisch und diesem stand der Mann mit dem Halstuch.

Er hatte verschiedene Einbruchswerkzeuge neben sich auf den Tisch gelegt, einige große Stahlbohrer und Zangen, die in dem Licht einer Blendlaterne, die ebenfalls dort stand, blitzten.

In der massiven Tür des Geldschrankes steckte einer seiner Bohrer.

Alles dies aber war nicht sonderlich schlimm. Viel schlimmer war, daß der Einbrecher einen Browningrevolver in seiner rechten Hand hielt, eines dieser bläulichen, gefährlichen Dinger, vor denen man sich, wenn sie auf einen gerichtet sind, in acht nehmen muß.

Und mit diesem Revolver zielte der Einbrecher auf den vordringenden Gatten.

Der Advokat benahm sich so, wie jeder Ehrenmann sich in einer ähnlichen Lage benommen haben würde. Er stellte sich zwischen seine Frau und den Revolverlauf.

Fast eine Minute verging, ohne daß von irgendeiner Seite ein Wort fiel. Der Advokat sah den Einbrecher an, und der Einbrecher sah den Advokaten an. Aage Gade war ein mutiger Mann. Er schlug seine Augen bei dem drohenden und feindlichen Blick des andern nicht nieder. Aber auch die Hand des Einbrechers, die den Revolver umschloß, zitterte nicht im geringsten.

Sobald der Advokat seine Geistesgegenwart wiedergefunden hatte, wurde es ihm klar, daß in diesem drückenden Schweigen etwas Gefährliches lag, und darum richtete er, so ruhig wie er es vermochte, folgende Worte an den Einbrecher:

»Wer sind Sie, und was haben Sie in meinem Haus zu schaffen?«

Diese Frage wirkte auf den Einbrecher ganz und gar nicht. Man kann annehmen, daß er eine Antwort für recht überflüssig hielt. Jedenfalls machte er sich nicht die Mühe zu antworten. Dagegen sagte er folgendes, was durch eine entsprechende Bewegung mit dem Revolver noch erheblichen Nachdruck bekam:

»Lassen Sie den Leuchter los!«

Da der Advokat nicht die Absicht zu haben schien, dieser Aufforderung nachzukommen, sagte er noch einmal:

»Lassen Sie den Leuchter los!«

Und jetzt fiel der Kandelaber mit einem Krach zur Erde. Der Ehemann hatte keine Waffe mehr.

Im selben Augenblick begann die Uhr im Boudoir zwölf zu schlagen.

Hier will ich eine Zeile aus Asbjörn Krags Manuskript wörtlich anführen.

Er schreibt:

»Zum Teufel, warum ist P. C. Helmersen nie pünktlich?«

 

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