Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
Schließen

Navigation:

Erklärung

So weit ich es sehen konnte, entfaltete die ganze Welt den gleichen üppigen Reichtum wie das Themsetal. Von jedem Hügel aus, den ich bestieg, sah ich dieselbe Fülle glänzender Gebäude, in Material und Stil endlos variiert; dieselben vollen Dickichte von Immergrün, dieselben blütenbeladenen Bäume und Baumfarren. Hier und dort leuchtete Wasser wie Silber, und dahinter erhob sich das Land zu blauen, wogenden Hügeln und verblaßte dann zur Heiterkeit des Himmels. Ein besonderer Zug, der alsbald meine Aufmerksamkeit erregte, war die Anwesenheit gewisser kreisrunder Brunnen, von denen mehrere, wie mir schien, von sehr großer Tiefe waren. Einer lag an dem Pfad den Flügel hinauf, dem ich während meines ersten Spazierganges gefolgt war. Wie die anderen war er mit merkwürdig gegossener Bronze eingefaßt und durch eine kleine Kuppel vor dem Regen geschützt. Wenn ich am Rande dieser Brunnen saß und in das Dunkel hinunterblickte, konnte ich kein Wasser sehen; auch konnte ich mit einem brennenden Streichholz keinen Widerschein wecken. Aber in allen hörte ich einen bestimmten Schall: ein Bumm – Bumm – Bumm, wie das Stoßen einer großen Maschine, und durch das Flackern meiner Zündhölzer entdeckte ich, daß ein stetiger Luftstrom in den Schacht hinunterstieg. Ferner warf ich in einen der Schlünde ein Stück Papier, und statt langsam hinunterzuflattern, entschwand es sofort meinem Blick.

Und nach einer Weile begann ich diese Brunnen mit großen Türmen in Verbindung zu bringen, die hier und dort auf den Hängen standen, denn über ihnen sah ich oft genug solch Flimmern in der Luft, wie man es an einem heißen Tage über einem sonnenversengten Strand sehen kann. Wenn ich das zusammenhielt, so wurde es mir sehr wahrscheinlich, daß ein ausgedehntes System unterirdischer Ventilation existierte, dessen wahren Zweck sich vorzustellen schwer war. Ich war erst geneigt, es mit sanitären Vorrichtungen in Verbindung zu bringen. Der Schluß lag auf der Hand, aber er war absolut verkehrt.

Und hier muß ich zugeben, daß ich von Wasseranlagen und Beförderungsmitteln und ähnlichen Annehmlichkeiten in dieser wirklichen Zukunft während meines Aufenthalts wenig erfahren habe. In manchen jener Visionen und Utopien von kommenden Zeiten, die ich gelesen habe, steht eine Menge über Gebäude und soziale Einrichtungen und so weiter. Aber während solche Einzelheiten leicht genug zu bekommen sind, wenn die ganze Welt nur in der Phantasie existiert, sind sie dem wirklichen Reisenden unter solchen Realitäten, wie ich sie hier gefunden habe, absolut unzugänglich. Denken Sie an den Bericht über London, den ein frisch aus Zentralafrika kommender Neger seinem Stamm zurückbrächte! Was wüßte er von Eisenbahngesellschaften, von sozialen Bewegungen, vom Telephon und Telegraphendraht, von der Paketpost, Postanweisungen und dergleichen mehr? Und doch wären wir noch bereit genug, ihm diese Dinge auseinanderzusetzen. Und selbst von dem, was er wüßte, wieviel könnte er seinem ungereisten Freund davon verständlich machen? Und nun bedenken Sie, wie schmal der Abgrund zwischen einem Neger und einem Weißen unserer Zeit ist und wie weit der Abstand zwischen mir und jenen aus der goldenen Zeit! Ich fühlte vieles, was man nicht sah und was mein Behagen erhöhte; aber abgesehen von einem allgemeinen Eindruck automatischer Organisation, fürchte ich, kann ich Ihnen wenig von dem Unterschied klarmachen.

Was zum Beispiel das Begraben anging, so sah ich weder ein Zeichen von Krematorien noch irgend etwas, was an Gräber erinnerte. Aber mir fiel ein, es könne irgendwo außerhalb des Umkreises meiner Untersuchungen Kirchhöfe oder Krematorien geben. Und dies war eine Frage, die ich mir überlegterweise stellte, und meine Neugier blieb über diesen Punkt zunächst völlig unbefriedigt. Die Sache machte mir zu schaffen, und sie führte mich zu einer weiteren Entdeckung, die mir noch mehr zu schaffen machte: daß es nämlich unter diesen Leuten keine Alten und keine Kranken gab.

Ich muß gestehen, daß meine Zufriedenheit mit meinen ersten Theorien über eine automatische Zivilisation und eine dekadente Menschheit nicht lange dauerte. Und doch wollte mir nichts anderes einfallen. Lassen Sie mich Ihnen meine Schwierigkeiten nennen. Die verschiedenen großen Paläste, die ich erforscht hatte, waren bloße Wohnorte: große Eßsäle und Schlafräume. Ich konnte keine Maschinerie, keine Vorrichtungen irgendwelcher Art entdecken. Und doch waren diese Leute in schöne Gewebe gekleidet, die zu Zeiten der Erneuerung bedürfen mußten, und ihre Sandalen waren zwar verunziert, aber sie waren aus ziemlich komplizierter Metallarbeit. Irgendwie mußten solche Dinge gemacht werden. Und die kleinen Leute zeigten keine Spur von schöpferischer Neigung. Es gab keine Läden, keine Werkstätten, keine Zeichen von Einfuhrartikeln. Sie verbrachten ihre ganze Zeit, indem sie heiter spielten, im Flusse badeten, auf halb spielende Art den Hof machten, Früchte aßen und schliefen. Ich konnte nicht herausbekommen, wie die Dinge gehalten wurden.

Dann wieder mit der Zeitmaschine: irgend etwas, ich wußte nicht, hatte sie in das hohle Piedestal der Sphinx getan. Warum? Um mein Leben konnte ich mir das nicht vorstellen. Und dann diese wasserlosen Brunnen, diese flimmernden Türme. Ich fühlte, mir fehlte ein Schlüssel. Ich fühlte – wie soll ich es ausdrücken? Denken Sie sich, Sie fänden eine Inschrift, die hier und dort Sätze in ausgezeichnet klarem Englisch enthielte, und unter sie geschoben andere, die aus Ihnen absolut unbekannten Worten, ja, Lettern bestände. Nun – so etwa stellte sich mir am dritten Tage meines Besuchs die Welt von achthundertzweitausend siebenhundertundeins dar!

An jenem Tage gewann ich mir auch eine Freundin – sozusagen. Es traf sich, als ich zusah, wie ein paar von den kleinen Leuten an einer flachen Stelle badeten, daß eine von ihnen einen Krampf bekam und den Strom hinunterzutreiben begann. Der Hauptstrom ging ziemlich rasch, aber selbst für einen mäßigen Schwimmer nicht zu stark. Es wird Ihnen also von der seltsamen Unzulänglichkeit dieser Geschöpfe eine Vorstellung geben, wenn ich Ihnen sage, daß niemand den geringsten Versuch machte, dem elend schreienden kleinen Ding, das vor ihren Augen ertrank, zu Hilfe zu kommen. Als ich das sah, warf ich eilig meine Kleider ab, watete weiter unten hinein, fing das kleine Wurm auf und zog sie sicher ans Land. Ein wenig Reiben der Glieder brachte sie bald zu sich, und ich hatte die Befriedigung, daß ich sie wohl und munter sah, ehe ich sie verließ. Ich war zu so niedriger Schätzung ihrer Art gekommen, daß ich keine Dankbarkeit von ihr erwartete. Darin aber hatte ich unrecht.

Das geschah am Morgen. Nachmittags traf ich meine kleine Frau, denn ich glaube, das war sie, als ich von einem Ausflug zu meinem Zentrum zurückkam: und sie empfing mich mit entzückten Rufen und schenkte mir eine große Blumengirlande, die offenbar eigens für mich gemacht war. Das Wesen nahm meine Phantasie gefangen. Sehr wahrscheinlich hatte ich mich verlassen gefühlt. Auf jeden Fall tat ich mein Bestes, um die Gabe zu würdigen. Wir saßen bald zusammen in einer kleinen Steinlaube, in einer Unterhaltung begriffen, die zumeist in Lächeln bestand. Die Freundschaftlichkeit des Geschöpfes berührte mich genau, wie die eines Kindes es hätte tun können. Wir gaben einander Blumen, und sie küßte mir die Hände. Ich tat dasselbe mit ihren. Dann versuchte ich zu plaudern und fand, daß sie Weena hieß; ich wußte zwar nicht, was der Name bedeutete, aber irgendwie schien er mir passend genug. Das war der Beginn einer wunderlichen Freundschaft, die eine Woche dauerte und endete – wie ich Ihnen noch erzählen werde.

Sie war genau wie ein Kind. Sie wollte immer bei mir sein. Sie versuchte, mir überall zu folgen, und bei meiner nächsten Wanderung ging es mir ans Herz, sie so zu ermüden und sie schließlich erschöpft zu verlassen, während sie mir klagend nachrief. Aber die Probleme der Welt wollen bemeistert werden. Ich war nicht, sagte ich mir, in die Zukunft gekommen, um eine Miniaturkoketterie zu betreiben. Doch war sie, wenn ich sie verließ, sehr betrübt, ihre Vorstellungen beim Abschied waren bisweilen wahnsinnig, und ich glaube überhaupt, ich hatte von ihrer Hingabe mehr Unruhe als Annehmlichkeit. Trotzdem war sie irgendwie ein großer Trost. Ich glaubte, sie hinge in einfacher, kindlicher Liebe an mir. Bis es zu spät war, wußte ich nicht, was ich ihr angetan hatte, wenn ich sie verließ. Und ehe es zu spät war, verstand ich auch nicht, was sie mir war. Denn dadurch, daß sie mich nur gern zu haben schien und daß sie mir auf ihre schwache nichtige Art zeigte, daß sie sich etwas aus mir machte, gab die kleine Puppe alsbald meiner Rückkehr in die Nähe der weißen Sphinx beinahe das Gefühl, daß ich nach Hause kam; und ich beobachtete ihre winzige Gestalt in Weiß und Gold, sobald ich über den Hügel kam.

Von ihr erfuhr ich auch, daß die Furcht die Welt noch nicht verlassen hatte. Sie war bei Tag furchtlos genug, und sie hatte das merkwürdigste Vertrauen zu mir; denn einmal machte ich in einem törichten Moment drohende Grimassen gegen sie; und sie lachte einfach darüber. Aber sie fürchtete das Dunkel, fürchtete Schatten, fürchtete schwarze Dinge. Die Dunkelheit war ihr das Furchtbare. Es war eine merkwürdig leidenschaftliche Aufregung, und ich mußte darüber nachdenken und Beobachtungen anstellen. Da entdeckte ich unter anderen Dingen, daß diese kleinen Leute sich nach Einbruch der Dunkelheit in den großen Häusern sammelten und in Herden schliefen. Ohne ein Licht zu ihnen hineinkommen, hieß, sie in einen Aufruhr der Angst versetzen. Ich habe nach Einbruch der Dunkelheit nie einen draußen gefunden und drinnen keinen, der allein schlief. Und doch war ich noch ein solcher Dummkopf, daß ich mir die Lehre dieser Furcht entgehen ließ und trotz Weenas Betrübnis darauf bestand, diesen schlummernden Mengen fern zu schlafen.

Es machte ihr große Sorge, aber schließlich triumphierte ihre alte Liebe zu mir, und fünf Nächte unserer Bekanntschaft, mit Einschluß der von allen letzten Nacht, schlief sie, den Kopf auf meinem Arm gebettet. Aber mir entschlüpft meine Geschichte, während ich von ihr spreche. Es muß die Nacht vor ihrer Rettung gewesen sein, da wurde ich gegen Morgen geweckt. Ich war unruhig gewesen und hatte höchst unangenehm geträumt, ich ertrinke und Seeanemonen tasteten mir mit ihren weichen Fühlern übers Gesicht. Ich fuhr zusammen und wachte auf und mir war genau, als sei gerade ein graues Tier aus dem Zimmer gestürzt. Ich versuchte, wieder einzuschlafen, aber ich fühlte mich unruhig und unbehaglich. Es war jene unklare, graue Stunde, in der die Dinge gerade aus dem Dunkel kriechen, wo alles farblos und scharfgeschnitten und doch unreal ist. Ich stand auf und ging in den großen Saal hinunter und so hinaus auf die Fliesen vor dem Palast. Ich dachte, ich wolle aus der Not eine Tugend machen und den Sonnenaufgang sehen.

Der Mond ging unter, und das sterbende Mondlicht und die erste Blässe der Dämmerung mischten sich zu einem gespenstischen Halblicht. Die Büsche waren tintig schwarz, der Boden ein düsteres Grau, der Himmel farb- und freudlos. Um den Hügel hinauf meinte ich Geister sehen zu können. Drei verschiedene Male sah ich, als ich den Hang prüfend ansah, weiße Gestalten. Zweimal meinte ich ein einzelnes weißes affenartiges Geschöpf den Hügel ziemlich rasch hinauflaufen zu sehen, und einmal sah ich bei den Ruinen eine Koppel von ihnen einen dunklen Körper tragen. Sie bewegten sich eilig. Ich konnte nicht sehen, was aus ihnen wurde. Es schien, sie verschwanden zwischen den Büschen. Die Dämmerung war noch unbestimmt, müssen Sie wissen. Ich hatte jenes frostige, ungewisse Frühmorgengefühl, das Sie vielleicht kennen. Ich mißtraute meinen Augen.

Als der östliche Himmel heller wurde und das Tageslicht heraufkam und der Welt noch einmal wieder ihre lebhafte Färbung zurückkehrte, da ging ich den Ausblick scharf durch. Aber ich sah keine Spur von meinen weißen Gestalten. Es waren bloße Geschöpfe des Zwielichts. ›Es müssen Geister gewesen sein‹, sagte ich; ›ich möchte wissen, woher sie datieren.‹ Denn mir fiel eine wunderliche Idee Grant Allens ein, und sie amüsierte mich. Wenn jede Generation stirbt, meint er, wird die Welt schließlich davon übervölkert werden. Auf Grund der Theorie müßten sie in einigen achthunderttausend Jahren unzählig geworden sein, und es wäre kein großes Wunder, wenn man vier auf einmal sähe. Aber der Scherz war unbefriedigend, und ich dachte den ganzen Morgen an diese Gestalten, bis die Rettung Weenas sie mir aus dem Kopf vertrieb. Ich brachte sie in unbestimmte Verbindung mit dem weißen Tier, das ich auf meiner ersten leidenschaftlichen Suche nach der Zeitmaschine aufgestört hatte. Aber Weena war ein angenehmer Ersatz. Und trotzdem sollte sie meinen Geist bald tödlicher in Besitz nehmen.

Ich glaube, ich habe schon gesagt, wie viel wärmer es in dieser goldenen Zeit war als bei uns. Vielleicht war die Sonne heißer oder die Erde der Sonne näher. Man nimmt gewöhnlich an, die Sonne werde sich in der Zukunft stetig abkühlen. Aber die Leute, die mit solchen Spekulationen wie denen des jüngeren Darwin unbekannt sind, vergessen, daß die Planeten schließlich einer nach dem andern in die Sonne zurückstürzen müssen. Wenn diese Katastrophen eintreten, wird die Sonne mit erneuter Energie aufflammen; und vielleicht hatte einer der inneren Planeten dieses Schicksal erfahren. Welches auch der Grund war, die Tatsache bleibt, daß die Sonne sehr viel heißer brannte, als wir sie kennen.

Nun, eines sehr heißen Morgens – ich glaube, es war mein vierter – suchte ich vor der Hitze und der blendenden Glut in einer kolossalen Ruine in der Nähe des großen Hauses, wo ich schlief, Obdach, und da geschah etwas Seltsames. Als ich unter diesen Mauerhaufen umherkletterte, fand ich eine schmale Galerie, deren End- und Seitenfenster durch gestürzte Steinmassen versperrt waren. Im Kontrast zu dem Glanz draußen schien sie mir zuerst undurchdringlich dunkel. Ich trat tastend hinein, denn durch den Wechsel vom Licht zur Schwärze schwammen mir Farbflecken vor den Augen. Plötzlich blieb ich gebannt stehen. Ein Paar im Widerschein des Tageslichtes draußen leuchtende Augen beobachteten mich aus dem Dunkel.

Die alte instinktive Angst vor wilden Tieren kam mir zurück. Ich ballte die Fäuste und blickte fest in die leuchtenden Augäpfel. Ich fürchtete mich, umzukehren. Dann fiel mir ein, in welcher absoluten Sicherheit die Menschheit zu leben schien. Und dann besann ich mich auf die seltsame Angst vor dem Dunkel. Ich überwand meine Furcht bis zu einem gewissen Grade, trat einen Schritt vor und sprach. Ich will zugeben, meine Stimme war rauh und schlecht beherrscht. Ich streckte die Hand aus und berührte etwas Weiches. Zugleich schossen die Augen zur Seite, und etwas Weißes lief an mir vorbei. Ich wandte mich mit dem Herzen in der Kehle und sah eine wunderliche kleine affenartige Gestalt, den Kopf auf eigenartige Manier gesenkt, über die sonnenbeleuchtete Fläche hinter mir laufen. Sie rannte gegen einen Granitblock, taumelte zur Seite und war im Moment im schwarzen Schatten unter einem anderen Haufen von Mauertrümmern verborgen.

Mein Eindruck ist natürlich unvollkommen. Ich weiß, es war ein stumpfes Weiß und hatte seltsam große graurote Augen; auch daß es Flachshaar auf dem Kopf und den Rücken hinunter hatte, weiß ich. Aber, wie gesagt, um es deutlich zu sehen, dazu lief es zu schnell. Ich kann nicht einmal sagen, ob es auf allen Vieren lief oder die Vorderarme nur sehr niedrig hielt. Nach einem Moment des Zögerns folgte ich ihm in den zweiten Trümmerhaufen. Erst konnte ich es nicht finden; aber nach einer Weile in der tiefen Finsternis traf ich auf eine jener runden, brunnenartigen Öffnungen, von denen ich erzählt habe; diese war durch einen gestürzten Pfeiler halb geschlossen. Mir kam ein plötzlicher Gedanke. Konnte dieses Wesen in den Schacht hinunter verschwunden sein? Ich zündete ein Streichholz an, und als ich hinunterblickte, sah ich ein kleines, weißes, sich bewegendes Geschöpf, das mich im Rückzug mit seinen großen, glänzenden Augen fest ansah. Mir schauderte. Es sah wie eine menschliche Spinne aus! Es kletterte die Wand hinunter, und jetzt sah ich zum erstenmal eine Anzahl metallener Fuß- und Handstützen, die eine Art Leiter in den Schacht hinunter bildeten. Dann verbrannte mir die Flamme die Finger, und ich ließ das Streichholz fallen; es verlosch im Fall, und ehe ich ein zweites angezündet hatte, war das kleine Ungeheuer verschwunden.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß und in den Brunnen niederblickte. Lange Zeit hindurch konnte ich mich nicht überreden, daß das, was ich gesehen hatte, menschlich war. Aber allmählich dämmerte mir die Wahrheit auf: der Mensch war nicht eine einzige Gattung geblieben, sondern hatte sich in zwei gesonderten Tieren differenziert: meine anmutigen Kinder der oberen Welt waren nicht die einzigen Abkommen unserer Generation, sondern auch dieses bleiche, ekelhafte, nächtliche Wesen, das vor mir aufgeblitzt war, war ein Erbe aller Zeiten.

Ich dachte an die flimmernden Türme und an meine Theorie von einer unterirdischen Ventilation. Ich begann ihre wahre Bedeutung zu ahnen. Und was, fragte ich mich, tat dieser Lemure in meinem Aufriß einer vollkommen ausgeglichenen Organisation? In welchem Verhältnis stand er zur indolenten Heiterkeit der schönen Oberweltler? Und was war dort unten am Fuß des Schachtes verborgen? Ich setzte mich auf den Rand des Brunnens und sagte mir, auf jeden Fall sei nichts zu fürchten, und zur Lösung meiner Schwierigkeiten müsse ich dort hinuntersteigen. Und trotzdem fürchtete ich mich einfach, hineinzugehen! Als ich so zögerte, kamen zwei von den schönen Oberweltlern in ihrem Liebesspiel durch Tageslicht in den Schatten gelaufen. Der Mann verfolgte die Frau, indem er Blumen nach ihr warf.

Sie schienen betrübt, mich dort zu finden, den Arm auf den gestürzten Pfeiler gestützt und in den Brunnen hinunter spähend. Offenbar galt es als schlechte Form, diese Öffnungen zu beachten; denn als ich auf diese zeigte und in ihrer Sprache eine Frage zu formen versuchte, waren sie noch sichtlicher betrübt und wandten sich ab. Aber meine Zündhölzer interessierten sie, und ich zündete ein paar an, um ihnen Spaß zu machen. Ich fragte sie noch einmal wegen des Brunnens, und wieder ohne Erfolg. Also verließ ich sie und wollte zu Weena gehen, um zu sehen, was ich aus ihr herausbringen könnte. Aber mein Geist war schon in Revolution; meine Vermutungen und Eindrücke glitten und sprangen zu einer neuen Anordnung zusammen. Jetzt hatte ich einen Schlüssel zur Bedeutung dieser Brunnen, zu den Ventilationstürmen, zum Geheimnis der Geister: vom Sinn der Bronzetüren und dem Schicksal der Zeitmaschine ganz zu schweigen! Und sehr unbestimmt sah ich einen Weg zur Lösung des wirtschaftlichen Problems, das mir zu schaffen gemacht hatte.

Dies war die neue Anschauung. Offenbar war diese zweite Gattung Mensch unterirdisch. Drei Umstände insbesondere ließen mich glauben, daß das seltene Auftauchen über der Erde nach langem Aufenthalt unter der Oberfläche geschah. Zunächst sehen die meisten Tiere so bleich aus, wenn sie lange im Dunkeln leben – der weiße Fisch der Kentucky-Höhlen zum Beispiel. Dann sind diese großen Augen, die das Licht stark reflektieren, den Zügen nächtlicher Wesen eigen – Zeugnis: die Eule und Katze. Und schließlich jene offenbare Verwirrung im Sonnenschein, jene hastige und doch ungeschickte und linkische Flucht zum dunklen Schatten und die besondere Haltung des Kopfes im Licht – alles verstärkte die Theorie einer äußersten Lichtempfindlichkeit der Retina.

Unter meinen Füßen mußte also die Erde gewaltig untertunnelt sein, und diese Tunnels waren die Wohnung der neuen Rasse. Die Anwesenheit der Ventilationsschachte und Brunnen all die Hügelhänge entlang – überall; außer im Flußtal hin – zeigte, wie weit ihre Verzweigungen gingen. Was also war natürlicher als die Annahme, daß alles, was für das Behagen der Tageslichtstraße nötig war, in dieser künstlichen Unterwelt geschah? Der Gedanke war so plausibel, daß ich ihn sofort annahm und zur Vermutung weiterging, wie die Spaltung der menschlichen Gattung geschehen war. Ich glaube, Sie werden den Umriß meiner Theorie erraten, obgleich ich selber sehr bald fühlte, daß sie die Wahrheit weit verfehlte.

Da ich von den Problemen unserer Zeit ausging, so schien es mir gleich anfangs klar wie das Tageslicht, daß die allmähliche Erweiterung des gegenwärtigen nur zeitweiligen und sozialen Unterschiedes zwischen Kapitalist und Arbeiter der Schlüssel zu der ganzen Lage war. Ohne Zweifel wird es Ihnen grotesk genug erscheinen – und wild unglaublich! – und doch existieren schon jetzt Verhältnisse, die in der Richtung zeigen. Man neigt dazu, den unterirdischen Raum für die weniger dekorativen Zwecke der Zivilisation nutzbar zu machen; wir haben zum Beispiel die elektrischen Untergrundbahnen, wir haben Unterführungen, unterirdische Werkstätten und Restaurants, und sie wachsen und mehren sich. Offenbar, dachte ich, hatte sich diese Tendenz gesteigert, bis die Industrie allmählich ihr Geburtsrecht am Himmel verloren hatte. Ich meine, sie war immer tiefer und in immer größere Untergrundbauten gestiegen und hatte einen immer steigenden Teil ihrer Zeit darin verbracht, bis schließlich – –! Lebt nicht ein Ostendarbeiter schon heute unter so künstlichen Bedingungen, daß er praktisch von der natürlichen Erdoberfläche abgeschnitten ist?

Und andererseits führt die exklusive Tendenz reicherer Leute – ohne Zweifel eine Folge der wachsenden Verfeinerung ihrer Bildung und der Erweiterung des Abgrundes zwischen ihnen und der rohen Gewalt der Armen – schon jetzt dazu, daß sie in ihrem Interesse beträchtliche Teile der Erdoberfläche einschließen. Um London ist zum Beispiel die Hälfte des hübscheren Landes gegen Eindringlinge gesperrt. Und eben dieser weiter werdende Abgrund – der auf seiten der Reichen die Folge der Länge und Kostspieligkeit des höheren Bildungsprozesses und der wachsenden Erleichterung verfeinerter Sitten und der Versuchung zu ihnen ist – wird jenen Austausch zwischen Klasse und Klasse, jene Förderung durch Zwischenheiraten, die gegenwärtig noch die Spaltung unserer Gattung in Linien sozialer Schichtung verzögert, immer weniger häufig machen. So muß man schließlich über der Erde die Besitzenden haben, die Genuß und Behagen und Schönheit verfolgen, und unter der Erde die Habenichtse; denn die Arbeiter passen sich fortwährend den Bedingungen der Arbeit an. Waren sie einmal dort, so mußten sie für die Ventilation ohne Zweifel Mieten, und keine kleinen Mieten, zahlen; und weigerten sie sich, so ließ man sie für ihre Rückstände verhungern oder ersticken. Wer von ihnen so veranlagt war, daß er elend und aufständig wurde, mußte sterben; und wenn schließlich das Gleichgewicht dauernd hergestellt war, mußten die Überlebenden sich den Bedingungen der unterirdischen Arbeit so genau anpassen und auf ihre Art ebenso glücklich werden, wie die Oberweltmenschen auf ihre. Mir schien, die verfeinerte Schönheit und die verkümmerte Blässe folgten natürlich genug.

Der große Triumph der Menschheit, von dem ich geträumt hatte, nahm in meinem Geist einen anderen Ausdruck an. Es war kein solcher Triumph der moralischen Erziehung und allgemeinen Zusammenarbeit gewesen, wie ich gemeint hatte. Statt dessen sah ich eine wirkliche Aristokratie, die mit einer vervollkommneten Wissenschaft bewaffnet war und das Industriesystem von heute zu einem logischen Schluß ausarbeitete. Ihr Triumph war nicht nur ein Triumph über die Natur gewesen, sondern ein Triumph über die Natur der Mitmenschen. Das, lassen Sie mich Sie warnen, war damals meine Theorie. Ich hatte keinen bequemen Cicerone nach Art der Utopienbücher. Meine Erklärung ist vielleicht absolut verkehrt. Ich halte sie noch immer für die plausibelste. Aber selbst bei dieser Voraussetzung mußte die ausgeglichene Zivilisation, die schließlich erreicht wurde, ihren Zenith längst überschritten haben und jetzt weit verfallen sein. Die zu vollständige Sicherheit der Oberweltler hatte sie langsam zur Entartung geführt, zu einem allgemeinen Sinken der Körpergröße, der Kraft und Intelligenz. Das konnte ich schon klar genug sehen. Was mit den Unterweltlern geschehen war, ahnte ich noch nicht; aber nach dem, was ich von den Morlocken gesehen hatte – das war, nebenbei, der Name, mit dem man diese Geschöpfe benannte – konnte ich mir vorstellen, daß die Veränderung des menschlichen Typus unter ihnen noch weit tiefer griff als unter den ›Eloi‹, der schönen Rasse, die ich bereits kannte.

Dann kamen beunruhigende Zweifel. Warum hatten die Morlocken meine Zeitmaschine genommen? Denn ich war überzeugt, daß sie sie genommen hatten. Und warum, wenn die Eloi die Herren waren, konnten sie mir die Maschine nicht wiederverschaffen? Und warum hatten sie so furchtbare Angst vor dem Dunkel? Ich ging, wie gesagt, und befragte Weena über diese Unterwelt, aber wieder erfuhr ich Enttäuschung. Erst wollte sie meine Fragen nicht verstehen, und dann weigerte sie sich, mir zu antworten. Ihr schauderte, als sei das Thema unerträglich. Und als ich sie drängte – vielleicht ein wenig rauh – brach sie in Tränen aus. Es waren außer meinen eigenen die einzigen Tränen, die ich in jener goldenen Zeit zu sehen bekam. Als ich sie sah, hörte ich sofort auf, sie mit den Morlocken zu quälen, und mühte mich nur, diese Zeichen menschlicher Abkunft aus Weenas Augen zu verbannen. Und sehr bald lächelte sie wieder und klatschte in die Hände, denn ich verbrannte feierlich ein Streichholz.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.