Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
Schließen

Navigation:

Der Sonnenuntergang der Menschheit

Etwas Wunderliches entdeckte ich bald an meinen kleinen Wirten, und das war ihr Mangel an Interesse. Sie kamen wohl wie Kinder mit gierigen Rufen des Staunens zu mir, aber bald hörten sie auf, mich zu prüfen, und liefen einem anderen Spielzeug nach. Als das Essen und die Anfänge meiner Konversation zu Ende waren, bemerkte ich zum erstenmal, daß alle, die mich zuerst umgeben hatten, fort waren. Auch das ist merkwürdig, wie bald ich diese kleinen Leute nicht mehr beachtete. Ich traf fortwährend mehr von diesen kleinen Menschen der Zukunft, und sie folgten mir in einem kleinen Abstand, schwätzten und lachten über mich und überließen mich meinen eigenen Plänen, sobald sie mich freundlich angelächelt und angestikuliert hatten.

Als ich aus der großen Halle heraustrat, lag die Abendruhe über der Welt, und die warme Glut der untergehenden Sonne beleuchtete die Szene. Zuerst waren die Dinge sehr verwirrend. Alles war so ganz anders als in der Welt, die ich gekannt hatte – selbst die Blumen. Das große Gebäude, das ich verlassen hatte, lag am Hange eines breiten Flußtals, aber die Themse hatte ihren Lauf um vielleicht eine Meile von ihrem gegenwärtigen Bett verschoben. Ich beschloß, vielleicht anderthalb Meilen entfernt, auf den Gipfel eines Hügels zu steigen, von dem aus ich einen weiteren Ausblick, auf unseren Planeten im Jahre achthundertzweitausend siebenhundertundeins nach Chr. haben würde; denn das, so sollte ich erklären, war das Datum, das die kleinen Zifferblätter meiner Maschine angaben.

Als ich dorthin ging, war ich für jeden Eindruck wach, der etwa den Zustand verfallenen Glanzes erklären helfen konnte, in dem ich die Welt fand – denn es war eine Welt in Trümmern. Ein wenig den Hügel hinauf, zum Beispiel, lag ein großer Haufe von Granit, der durch Aluminiummassen gebunden war, ein ungeheures Labyrinth jäher Mauern und zerbröckelter Massen, zwischen denen dichte Haufen sehr schöner pagodenartiger Pflanzen standen – vielleicht Nesseln – aber um die Blätter wundervoll braun gefärbt und nicht imstande, zu brennen. Es waren offenbar die Trümmer eines Riesenbaus, wozu erbaut, das konnte ich nicht bestimmen. Hier sollte ich zu einer späteren Zeit ein sehr seltsames Erlebnis haben – die erste Andeutung einer noch seltsameren Entdeckung – doch davon will ich an seiner Stelle sprechen.

Als ich mich mit einem plötzlichen Gedanken von einer Terrasse aus, wo ich eine Weile ruhte, umsah, entdeckte ich, daß keine kleinen Häuser zu sehen waren. Offenbar war das einzelne Haus, vielleicht sogar der Haushalt verschwunden. Hier und dort standen im Grün palastartige Gebäude, aber das Haus und Landhaus, das einen so charakteristischen Zug englischer Landschaft ausmacht, war nicht mehr vorhanden.

»Kommunismus«, sagte ich zu mir selber.

Und dem Gedanken folgte ein weiterer auf den Fersen. Ich sah das halbe Dutzend kleiner Gestalten an, die mir folgten. Da sah ich im Blitz, daß alle das gleiche Kostüm trugen, alle die gleichen, weichen haarlosen Gesichter und die gleiche mädchenhafte Rundung der Gliedmaßen zeigten. Es mag vielleicht seltsam erscheinen, aber das war mir noch nicht aufgefallen. Doch alles war so fremd. Jetzt sah ich die Tatsache deutlich genug. Im Kostüm und in all den Unterschieden des Gewebes und der Machart, die jetzt die Geschlechter markieren, waren diese Leute der Zukunft gleich. Und die Kinder schienen mir nur die Miniaturen ihrer Eltern zu sein. Ich fand schon jetzt, daß die Kinder jener Zeit außerordentlich frühreif waren, wenigstens physisch, und ich fand später reichliche Bestätigung meiner Meinung.

In Anbetracht der Ruhe und Sicherheit, in der diese Leute lebten, empfand ich, war diese enge Ähnlichkeit der Geschlechter schließlich nur, was man erwarten mußte; denn die Kraft eines Mannes und die Weichheit einer Frau, die Institution einer Familie und die Trennung der Beschäftigungen waren bloße kriegerische Notwendigkeiten einer Zeit der Gewalt. Wo die Bevölkerung im Gleichgewicht und reichlich vorhanden ist, werden viele Geburten für den Staat eher zum Übel als zur Segnung: wo die Gewalttat selten wird und die Nachkommenschaft sicher ist, da ist eine kräftige Familie weniger nötig – ja, unnötig – und die Spezialisierung der Geschlechter im Hinblick auf Bedürfnisse ihrer Kinder verschwindet. Einige Anfänge davon sehen wir sogar schon in unserer Zeit, und in dieser Zukunft war es vollzogen. Dies, muß ich Sie erinnern, war, was ich mir damals zurechtlegte. Später sollte ich einsehen, wie weit ich fehlgeschossen hatte.

Während ich über diese Dinge nachsann, zog ein hübscher kleiner Bau meine Aufmerksamkeit auf sich – etwas wie ein Brunnen unter einer Kuppel. Ich dachte flüchtig daran, wie sonderbar es war, daß noch Brunnen existierten, und dann nahm ich den Faden meiner Gedanken wieder auf. Bis zum Gipfel des Hügels gab es keine großen Gebäude mehr, und da meine Gehkräfte offenbar ein Wunder waren, so ließ man mich alsbald zum erstenmal allein. Mit einer seltsamen Empfindung von Freiheit und Abenteuer drang ich zum Hügel hinauf vor.

Dort fand ich einen Sitz aus einem mir nicht bekannten gelben Metall, das stellenweise von rötlichem Rost angenagt und halb in weichem Moos erstickt war; die Armlehnen des Sessels waren zu Greifenköpfen gefeilt. Ich setzte mich und überschaute den weiten Ausblick auf unsere alte Welt unter dem Sonnenuntergang jenes langen Tages. Es war eine so liebliche und schöne Aussicht, wie ich nur je gesehen hatte. Die Sonne stand schon unterm Horizont, und der Westen war flammendes Gold mit einigen Horizontalstreifen von Purpur und Rot. Darunter lag das Themsetal, in dem der Fluß wie ein Band glänzenden Stahles floß. Ich habe bereits von den großen Palästen gesprochen, die unter dem mancherlei Grün verstreut standen – einige in Trümmern und einige noch bewohnt. Hier und dort erhob sich eine weiße oder silbrige Gestalt im wilden Garten der Erde; hier und dort sah ich die scharfe Vertikallinie einer Kuppel oder eines Obelisken. Es gab keine Hecken, keine Zeichen von Eigentumsrechten, kein Zeugnis der Landwirtschaft; die ganze Erde war ein Garten geworden.

Als ich so niedersah, begann ich meine Deutung auf die Dinge zu legen, die ich gesehen hatte, und wie sie sich an diesem Abend vor mir aufbaute, war meine Deutung etwa die folgende (später fand ich, daß ich nur eine Halbwahrheit gewonnen hatte oder nur einen Widerschein von einer Schleifflasche der Wahrheit):

Mir schien, ich war zu der Menschheit in ihrem Untergang gekommen. Der rote Sonnenuntergang gab mir den Gedanken eines Sonnenuntergangs der Menschheit ein. Zum erstenmal begann ich eine sonderbare Folge der sozialen Anstrengung zu sehen, an der wir jetzt arbeiten. Und doch ist es, recht bedacht, eine ganz natürliche Folge. Die Kraft ist das Ergebnis der Not; die Sicherheit setzt die Prämie auf Schwäche. Die Arbeit an der Verbesserung der Lebensbedingungen – der echte Zivilisationsprozeß, der das Leben immer sicherer macht – war stetig bis zu einem Höhepunkt gestiegen. Ein Triumph einer verbündeten Menschheit über die Natur war dem andern gefolgt. Dinge, die jetzt bloße Träume sind, waren mit Überlegung angegriffene und ausgeführte Pläne geworden. Und die Ernte war, was ich sah!

Im Grunde sind Sanierung und Ackerbau unserer Zeit noch in rudimentärem Zustand. Die Wissenschaft unserer Zeit hat erst einen kleinen Teil vom Felde der menschlichen Krankheit in Angriff genommen, aber beharrlich und unaufhaltsam breitet sie ihre Operationen aus. Unser Acker- und Gartenbau vernichten nur eben hier und dort ein Unkraut und kultivieren vielleicht etwa zwanzig gesunde Pflanzen oder so und überlassen es der größeren Zahl, so gut sie können, ein Gleichgewicht auszukämpfen. Wir Verbessern unsere Lieblingspflanzen und Tiere – und wie wenige sind es! – durch allmähliche Zuchtwahl: bald einen neuen und besseren Pfirsich, bald eine samenlose Traube, bald eine schönere und größere Blume, bald eine brauchbarere Rinderrasse. Wir verbessern sie langsam, weil unsere Ideale unklar und nur Versuche sind und unser Wissen sehr beschränkt; weil auch die Natur in unseren plumpen Händen scheu und langsam ist. Eines Tages wird all das besser und immer besser organisiert werden. So treibt der Strom trotz seiner Wirbel. Die ganze Welt wird intelligent und gebildet sein, wird zusammenarbeiten; alles wird schneller und schneller auf die Unterjochung der Natur losarbeiten. Schließlich werden wir die Waage des animalischen und vegetabilischen Lebens klug und sorgfältig stellen, so daß sie unseren menschlichen Bedürfnissen entspricht.

Diese Anpassung, sage ich, mußte geschehen sein, und zwar gut: mußte in der Zeit, die meine Maschine durchsprungen hatte, für alle Zeiten vollzogen sein. Die Luft war frei von Mücken, die Erde von Unkraut und Schwamm; überall sah ich Früchte und liebliche und köstliche Blumen; leuchtende Schmetterlinge flogen hierhin und dorthin. Das Ideal vorhandener Medizin war erreicht. Krankheiten waren ausgetilgt. Ich habe während meines Aufenthalts kein Zeugnis ansteckender Krankheiten gesehen. Und ich werde Ihnen später erzählen müssen, daß selbst die Prozesse der Fäulnis und. des Verfalles durch diese Veränderung tief berührt worden waren.

Auch soziale Triumphe waren erreicht. Ich sah die Menschheit in glänzenden Gebäuden untergebracht, glorreich gekleidet, und bislang hatte ich sie noch an keiner Arbeit betroffen. Ich sah keine Zeichen des Kampfes. Der Laden, die Anzeige, der Verkehr, all der Handel, der die Masse unserer Welt ausmacht – all das war verschwunden. Es war natürlich, wenn ich an jenem goldenen Abend den Sprung zum Gedanken eines sozialen Paradieses machte. Der Schwierigkeit der wachsenden Bevölkerung, dachte ich mir, war man entgegengetreten, und die Bevölkerung stieg nicht mehr.

Aber mit diesem Wandel der Bedingungen kamen unweigerlich Anpassungen an den Wandel. Wenn die Biologie nicht ein Haufe von Irrtümern ist, welches ist da die Ursache menschlicher Intelligenz und Kraft? Mühsal und Freiheit: Bedingungen, unter denen die Tätigen, Starken und Feinen überleben und die Schwächeren an die Mauer gedrückt werden; Bedingungen, die die Prämie auf eine Vereinigung fähiger Männer, auf Selbstzucht, Geduld und Entschiedenheit setzen. Und die Institution der Familie und die Empfindungen, die in ihr ihren Ursprung haben, die wilde Eifersucht, die Zärtlichkeit für Nachkommenschaft, elterliche Hingabe, all das fand seine Rechtfertigung und Stütze in der drohenden Gefahr für die Jugend. Wo sind jetzt diese drohenden Gefahren? Es erhebt sich eine Empfindung – und sie wird wachsam – gegen die eheliche Eifersucht, gegen wilde Mutterleidenschaft, gegen Leidenschaft jeder Art – unnötige Dinge jetzt und Dinge, die uns unbehaglich machen, wilde Überreste, Mißklänge in einem verfeinerten und heiteren Leben.

Ich dachte an die physische Schmächtigkeit der Leute, an ihren Mangel an Intelligenz und an diese großen zahlreichen Ruinen, und das verstärkte meinen Glauben an die vollständige Eroberung der Natur. Denn nach der Schlacht kommt die Ruhe. Die Menschheit war stark, energisch und intelligent gewesen und hatte all ihre überreichliche Lebenskraft dazu benutzt, die Bedingungen, unter denen sie lebte, zu ändern. Und jetzt kam die Reaktion der veränderten Bedingungen.

Unter den neuen Bedingungen vollkommener Behaglichkeit und Sicherheit mußte jene rastlose Energie, die bei uns Stärke ist, Schwäche werden. Schon in unserer eigenen Zeit sind Neigungen und Wünsche, die einst zum Überleben nötig waren, zur beständigen Quelle des Mißlingens geworden. Physischer Mut und Liebe zum Kampf zum Beispiel sind für den zivilisierten Menschen keine große Hilfe mehr – können ihm selbst Hindernisse sein. Und in einem Zustand physischer Balance und Sicherheit wäre physische wie intellektuelle Macht nicht am Platze. Seit unzähligen Jahren, urteilte ich, hatte es keine Gefahr des Krieges oder vereinzelter Gewalttat mehr gegeben, keine Gefahr von wilden Tieren, keine zerstörende Krankheit, die eine Kraft der Konstitution erforderte, keinen Zwang zur Arbeit. Für ein solches Leben sind die, die wir die Schwachen nennen würden, ebenso gut ausgerüstet wie die Starken; sie sind nicht mehr schwach. Ja, sie sind besser ausgestattet, denn die Starken würden von einer Energie verzehrt, für die sie keinen Abfluß hätten. Ohne Zweifel war die erlesene Schönheit der Gebäude, die ich sah, das Ergebnis der letzten Erhebungen der jetzt zwecklosen Energie der Menschheit, ehe sie sich zu vollkommener Harmonie mit den Bedingungen, unter denen sie lebte, zusammenfand – die Blüte des Triumphes, mit dem der letzte, große Frieden begann. Das ist von je das Schicksal der Energie in Sicherheit gewesen; sie wendet sich zur Kunst und Erotik, und dann kommt Mattheit und Verfall.

Selbst dieser künstlerische Ansturm stirbt zuletzt hin – war in der Zeit, die ich sah, fast erstorben. Daß sie sich mit Blumen schmückten, im Sonnenschein tanzten und sangen – soviel war vom artistischen Geist geblieben, mehr nicht. Selbst das mußte schließlich zu zufriedener Untätigkeit erlöschen. Wir werden auf dem Schleifstein des Schmerzes und der Not scharf gehalten, und mir schien, hier war der verhaßte Schleifstein endlich gebrochen.

Als ich dort im wachsenden Dunkel stand, meinte ich, ich habe mit dieser einfachen Erklärung das Problem der Welt bemeistert – das ganze Geheimnis dieser köstlichen Leute bemeistert. Vielleicht hatten die Hindernisse, die sie gegen das Anwachsen der Bevölkerung erfunden hatten, nur zu gut gewirkt, und ihre Zahl hatte sich sogar vermindert, statt konstant zu bleiben. Das würde die verlassenen Ruinen erklären. Sehr einfach war meine Erklärung und plausibel genug – wie es die meisten falschen Theorien sind!

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.