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Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
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Die Falle der weißen Sphinx

Gegen acht oder neun Uhr morgens kam ich zu dem Sitz aus gelbem Metall, von dem aus ich am Abend meiner Ankunft die Welt überschaut hatte. Ich dachte an meine übereilten Schlüsse an jenem Abend und konnte mich nicht enthalten, über meine Zuversicht bitter zu lachen. Hier war dieselbe wundervolle Szene, dasselbe reiche Laub, waren dieselben glänzenden Paläste und großartigen Ruinen, derselbe Silberstrom rann zwischen seinen fruchtbaren Ufern. Die bunten Gewänder der schönen Leute bewegten sich zwischen den Bäumen hierhin und dorthin. Einige badeten genau an der Stelle, wo ich Weena gerettet hatte, und das gab mir plötzlich einen scharfen Stich des Schmerzes. Und wie Flecken auf der Landschaft erhoben sich die Kuppeln über den Wegen zur Unterwelt. Ich verstand jetzt, was all die Schönheit des Oberweltvolkes bedeckte. Sehr heiter war ihr Tag, heiter wie der Tag des Rindes auf dem Felde. Wie das Rind wußten sie von keinen Feinden und sorgten sie gegen keine Not. Und ihr Ende war das gleiche.

Ich dachte mit Schmerz daran, wie kurz der Traum des menschlichen Intellekts gewesen war. Er hatte Selbstmord begangen. Er hatte unbeirrt nach Behagen und Ruhe gestrebt, nach einer ausgeglichenen Gesellschaft mit Sicherheit und Dauer als Parole, er hatte seine Hoffnungen erreicht – um schließlich hierzu zu kommen. Das Leben und Eigentum mußten einmal fast absolute Sicherheit erreicht haben. Der Reiche war seines Reichtums und Behagens sicher gewesen, der Arbeiter seines Lebens und seiner Arbeit. Ohne Zweifel war in jener vollkommenen Welt kein Problem der Arbeitslosen, keine soziale Frage ungelöst geblieben. Und eine große Ruhe war gefolgt.

Es ist ein Naturgesetz, das wir übergehen, daß intellektuelle Beweglichkeit ein Entgelt für Wechsel, Gefahr und Unruhe ist. Ein mit seiner Umgebung vollkommen in Harmonie lebendes Tier ist ein vollkommener Mechanismus. Die Natur wendet sich an den Intellekt erst, wenn Gewohnheit und Instinkt nutzlos werden. Nur die Tiere haben teil an der Intelligenz, die einer ungeheuren Mannigfaltigkeit von Bedürfnissen und Gefahren zu begegnen haben.

So war, wie ich sehe, der Oberweltmensch bis zu dieser hübschen Schwäche gesunken, und die Unterwelt zur rein mechanischen Industrie. Aber jenem vollkommenen Zustand hatte es selbst zur bloß mechanischen Vollkommenheit an einem gefehlt – an absoluter Dauer. Offenbar war im Laufe der Zeit die Ernährung der Unterwelt, wie sie auch geschehen sein mag, gestört worden. Mutter Not, die auf ein paar tausend Jahre abgewehrt gewesen war, kam wieder, und sie begann unten. Die Unterwelt war mit Maschinen in Kontakt geblieben, und so vollkommen die auch sein mögen, so erfordern sie doch außer der Gewohnheit noch ein wenig Denken, und so hatten die Unterweltler notwendigerweise mehr Initiative bewahrt als die Oberweltler, wenn auch weniger von jeder anderen menschlichen Eigenschaft. Und als ihnen anderes Fleisch ausging, wandten sie sich zu dem, was die alte Sitte bislang verboten hatte. So, sagte ich, sah ich es bei meinem letzten Überblick über die Welt von achthundertzweitausend siebenhundertundeins. Es mag eine so falsche Erklärung sein, wie sie menschlicher Witz nur erfinden kann. So wuchs die Sache vor mir auf, und für mehr gebe ich es nicht aus.

Nach den Anstrengungen, Aufregungen und Ängsten der vergangenen Tage und trotz meines Schmerzes waren dieser Sitz und der ruhige Ausblick und das warme Sonnenlicht etwas sehr Angenehmes. Ich war sehr müde und schläfrig, und bald ging mein Theoretisieren im Schlummern unter. Als ich mich dabei ertappte, nahm ich meinen eigenen Wink an, streckte mich im Grase aus und genoß einen langen und erfrischenden Schlaf.

Ich erwachte kurz vor Sonnenuntergang. Jetzt fühlte ich mich sicher davor, daß mich die Morlocken im Schlaf überraschten, und indem ich mich reckte, stieg ich den Hügel zur weißen Sphinx hinunter. Ich hatte mein Brecheisen in der einen Hand, und die andere spielte mit den Zündhölzern in meiner Tasche.

Und jetzt kam etwas höchst Unerwartetes. Als ich mich dem Piedestal der weißen Sphinx näherte, fand ich die Bronzetüren offen. Sie waren in den Boden versenkt.

Da blieb ich kurz vor ihnen stehen und zögerte, einzutreten.

Drinnen war ein kleines Zimmer, und auf einem erhöhten Platz im Winkel stand die Zeitmaschine. Die kleinen Hebel hatte ich in der Tasche. Hier fand ich also nach all meinen sorgfältigsten Vorbereitungen zum Sturm auf die weiße Sphinx eine demütige Übergabe. Ich warf meine Elsenstange fort; es tat mir fast leid, daß ich sie nicht brauchte.

Mir kam ein plötzlicher Gedanke, als ich mich zum Eingang bückte. Endlich begriff ich doch einmal die geistigen Operationen der Morlocken. Ich unterdrückte eine starke Neigung zu lachen und trat durch den Bronzerahmen zur Maschine ein. Ich fand zu meiner Überraschung, daß sie sorgfältig geölt und gesäubert war. Ich habe mir seither gedacht, daß die Morlocken sie sogar teilweise auseinandergenommen hatten, um auf ihre dunkle Art den Zweck der Maschine zu erfassen.

Und als ich dastand und sie prüfte und mich an dem bloßen Aussehen der Erfindung freute, geschah, was ich erwartet hatte. Die bronzenen Paneele glitten plötzlich in die Höhe und schlugen schallend in die Rahmen. Ich war im Dunkel – gefangen. So dachten die Morlocken. Ich kicherte lustig bei dem Gedanken.

Schon konnte ich murmelndes Lachen hören, als sie auf mich zukamen. Sehr ruhig versuchte ich das Streichholz anzuzünden. Ich brauchte nur die Hebel anzusetzen und konnte wie ein Geist verschwinden. Aber ich hatte eine Kleinigkeit übersehen. Die Zündhölzer waren von der abscheulichen Art, die man nur auf der Schachtel entzünden konnte.

Sie können sich vorstellen, wie meine ganze Ruhe verschwand. Die kleinen Bestien waren dicht über mir. Eine berührte mich. Ich schlug im Dunkel mit den Hebeln nach ihnen und begann, in den Sattel der Maschine zu klettern. Dann legte sich eine Hand auf mich, und dann noch eine. Dann mußte ich einfach gegen ihre Finger kämpfen, die beharrlich an den Hebeln zogen, und zugleich mußte ich nach den Schrauben tasten, über die sie schlossen. Einen entrissen sie mir einmal fast. Als er mir aus der Hand rutschte, mußte ich im Dunkeln mit dem Kopf umherschlagen – ich konnte den Morlockenschädel dröhnen hören – um ihn wiederzubekommen. Ich kam bei diesem letzten Handgemenge, glaube ich, mit genauerer Not davon als bei dem Kampf im Walde.

Aber endlich saß der Hebel, und ich drückte ihn hinüber. Die haftenden Hände glitten von mir. Das Dunkel fiel mir von den Augen. Ich sah mich in demselben grauen Licht und Tumult, wie ich sie schon geschildert habe.

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