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Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
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Im Dunkel

Wir verließen den Palast, als die Sonne noch zum Teil über dem Horizont stand. Ich hatte vor, die weiße Sphinx früh am andern Morgen zu erreichen, und ich wollte vor Einbruch der Dunkelheit durch den Wald kommen, der mich auf der ersten Wanderung aufgehalten hatte. Mein Plan war, diese Nacht so weit wie möglich zu gehen, dann ein Feuer aufzubauen und im Schutz seines Scheins zu schlafen. Demgemäß sammelte ich unterwegs alles, was ich an Holz und trockenem Grase fand, und hatte bald die Arme voll solcher Streu. Unter dieser Last ging unser Marsch langsamer, als ich gerechnet hatte, und außerdem war Weena müde. Auch ich begann unter Schläfrigkeit zu leiden; so war es tiefe Nacht, ehe wir den Wald erreichten. Weena hätte gern auf dem buschbedeckten Hügel an seinem Rande halt gemacht, weil sie das Dunkel vor uns fürchtete; aber ein merkwürdiges Gefühl drohenden Unheils, das mir freilich hätte als Warnung dienen sollen, trieb mich vorwärts. Ich war seit einer Nacht und zwei Tagen ohne Schlaf gewesen, und ich war fieberisch und reizbar. Ich fühlte, wie mich der Schlaf überkam und mit ihm die Morlocken.

Während wir noch zögerten, sah ich unter den schwarzen Büschen hinter uns und undeutlich vor ihrer Schwärze drei kauernde Gestalten. Rings um uns stand Strauchwerk und langes Gras, und ich fühlte mich vor ihrem heimtückischen Nahen nicht sicher. Der Wald, berechnete ich, war eher weniger als eine Meile breit. Wenn wir auf den kahlen Hügelhang durchkommen konnten, schien mir, hatten wir einen in jeder Hinsicht sicheren Rastort: ich meinte, mit meinen Streichhölzern und meinem Kampfer werde ich den Pfad durch den Wald beleuchten können. Aber wenn ich mit meinen Händen Streichhölzer schwingen sollte, so war klar, mußte ich mein Feuerholz im Stich lassen: und so warf ich es ziemlich widerwillig hin. Und dann fiel mir ein, daß ich unsere Feinde verblüffen würde, wenn ich es anzündete. Die wilde Narrheit dieses Vorgehens sollte ich noch entdecken, aber mir erschien es als ein scharfsinniger Schachzug, um unsere Flucht zu decken.

Ich weiß nicht, ob Sie je daran gedacht haben, wie selten in einem gemäßigten Klima die Flamme sein muß, wo der Mensch fehlt. Die Sonnenhitze ist kaum stark genug, um zu brennen, selbst, wenn sie durch Tautropfen gesammelt wird, wie es in tropischen Distrikten bisweilen vorkommt. Der Blitz versengt und schwärzt, verursacht aber selten weitverbreitetes Feuer. Faulende Vegetation glimmt gelegentlich in der Hitze ihrer Gärung, aber da kommt es selten zur Flamme. Und in dieser Dekadenz war die Kunst des Feuermachens auf der Erde vergessen. Die roten Zungen, die an meinem Holzhaufen emporleckten, waren für Weena etwas ganz Neues und Fremdes.

Sie wollte hinlaufen und damit spielen. Ich glaube, sie hätte sich hineingeworfen, hätte ich sie nicht zurückgehalten. Aber ich hob sie auf und tauchte trotz ihres Widerstandes kühn in den Wald hinein. Eine kleinere Strecke weit beleuchtete der Schein meines Feuers den Pfad. Als ich bald darauf zurücksah, sah ich durch die engen Stämme, daß sich die Glut von meinem Holzhaufen auf einige umstehende Büsche ausgedehnt hatte, und daß eine krumme Feuerlinie das Gras des Hügels hinaufkroch. Darüber lachte ich und wandte mich dann wieder zu den dunklen Bäumen vor mir. Es war sehr schwarz und Weena klammerte sich krampfhaft an mich, aber als meine Augen sich ans Dunkel gewöhnten, war doch noch genügend Licht vorhanden, um die Stämme zu vermeiden. Zu Häupten war es einfach schwarz, außer, wo hier und dort ein Spalt fernen, blauen Himmels auf uns niederleuchtete. Ich zündete keins meiner Streichhölzer an, weil ich keine Hand frei hatte. Auf dem linken Arm trug ich meine kleine Freundin, in der rechten Hand hielt ich meine Eisenstange.

Eine Strecke weit hörte ich nichts als die krachenden Zweige unter meinen Füßen, das schwache Rascheln des Windes oben, meinen Atem und das Pochen der Blutgefäße in meinen Ohren. Dann meinte ich ein Trappeln um mich zu bemerken. Ich drang grimmig weiter. Das Trappeln wurde deutlicher, und dann hörte ich dieselben wunderlichen Töne und Stimmen, die ich in der Unterwelt gehört hatte. Es war offenbar eine Anzahl Morlocken, und sie schlossen mich ein. Wirklich fühlte ich eine Minute darauf an meinem Rock zerren und dann etwas an meinem Arm. Und Weena schauderte heftig und wurde ganz still.

Es war Zeit zu einem Streichholz. Aber um eines zu bekommen, mußte ich sie niedersetzen, und als ich in meine Tasche griff, fühlte ich im Dunkel um meine Knie einen Kampf, der auf ihrer Seite in vollkommener Stille vor sich ging, von den Morlocken aber unter denselben eigentümlichen, girrenden Lauten. Und weiche kleine Hände krochen mir über Rücken und Rock und berührten selbst meinen Hals. Dann strich das Streichholz und zischte auf. Ich hielt es flackernd hin und sah die weißen Rücken der Morlocken zwischen den Bäumen auf der Flucht. Ich nahm schnell ein Stück Kampfer aus der Tasche und machte mich bereit, es anzuzünden, sobald das Streichholz verlöschen wollte. Dann blickte ich auf Weena. Sie lag an meine Füße geklammert und ganz regungslos da, das Gesicht auf dem Boden. Mit plötzlichem Schreck bückte ich mich zu ihr. Sie schien kaum zu atmen. Ich zündete den Kampferblock an und warf ihn zu Boden, und als er barst und aufflammte und die Morlocken und die Schatten vertrieb, kniete ich nieder und hob sie auf. Der Wald hinter mir schien voll vom Lärm und Brummen einer großen Herde!

Sie schien ohnmächtig zu sein. Ich hob sie mir behutsam auf die Schulter und stand auf, um weiter zu kommen, und dann ging mir eine furchtbare Wirklichkeit auf: Während ich mit meinen Streichhölzern und mit Weena manövrierte, hatte ich mich mehrmals gedreht, und jetzt hatte ich nicht die geringste Ahnung, in welcher Richtung mein Pfad lag. Soweit ich wußte, konnte ich vielleicht zum grünen Porzellanpalast zurückkehren. Ich fühlte den kalten Schweiß. Ich mußte schleunigst überlegen, was zu tun war. Ich beschloß, wo wir waren, ein Feuer zu bauen und zu lagern. Ich legte die noch reglose Weena auf ein Moosbett und begann, da mein erstes Stück Kampfer zu erlöschen begann, sehr eilig Zweige und Blätter zu suchen. Hier und dort leuchteten aus dem Dunkel um mich die Augen der Morlocken wie Karfunkeln.

Der Kampfer flackerte und verlosch. Ich zündete ein Streichholz an, und da stürzten zwei weiße Gestalten, die sich Weena genähert hatten, hastig davon. Eine war vom Licht so geblendet, daß sie direkt auf mich losstürzte. Ich fühlte ihre Knochen unter meinem Faustschlag dröhnen. Sie stieß einen Schreckensschrei aus, taumelte eine Strecke weiter und brach zusammen. Ich zündete ein neues Stück Kampfer an und sammelte für mein Feuer weiter. Dann merkte ich, wie trocken das Laubwerk über mir zum Teil war, denn seit meiner Ankunft auf der Zeitmaschine – etwa einer Woche, war kein Regen mehr gefallen. Anstatt also unter den Bäumen nach gefallenen Zweigen umherzustreifen, begann ich hochzuspringen und die Äste niederzuzerren. Sehr bald hatte ich ein erstickendes, rauchiges Feuer aus grünem Holz und trockenen Zweigen und konnte meinen Kampfer sparen. Dann wandte ich mich dahin, wo neben meiner Eisenkeule Weena lag. Ich versuchte, was ich konnte, um sie zu beleben, aber sie lag wie tot da. Ich konnte mich nicht einmal überzeugen, ob sie atmete oder nicht.

Nun kam der Rauch des Feuers über mich, und er muß mich plötzlich schwer gemacht haben. Obendrein lag der Kampferdunst in der Luft. Mein Feuer konnte eine Stunde lang oder so kein Nachlegen mehr nötig haben. Ich fühlte mich nach meiner Anstrengung sehr müde und setzte mich. Und der Wald war voll von einem schlummrigen Gemurmel, das ich nicht verstand. Mir war, ich nickte ein und öffnete die Augen wieder. Aber alles war Dunkel, und die Morlocken hatten die Hände auf mir. Indem ich ihre tastenden Finger abschleuderte, griff ich hastig nach meiner Streichholzschachtel in der Tasche, und – sie war fort! Dann griffen sie wieder nach mir und drangen auf mich ein. Im Nu wußte ich, was geschehen war. Ich hatte geschlafen und mein Feuer war ausgegangen; nun kam die Bitterkeit des Todes über meine Seele. Der Wald schien voll vom Geruch brennenden Holzes. Ich wurde am Hals, am Haar, an den Armen gepackt und niedergehalten. Es war unbeschreiblich grauenhaft, im Dunkel all diese weichen Geschöpfe auf mich gehäuft zu fühlen. Ich hatte die Empfindung, als sei ich in einem ungeheuren Spinnennetz. Ich wurde überwältigt und sank zusammen. Ich fühlte kleine Zähne an meinem Nacken nagen. Ich wälzte mich herum und dabei stieß meine Hand gegen meinen Eisenhebel. Das gab mir Kraft. Ich arbeitete mich in die Höhe, schüttelte die menschlichen Ratten von mir ab, faßte die Stange kurz und schlug dahin, wo ich etwa ihre Gesichter vermutete. Ich konnte unter meinen Schlägen den saftigen Stoß auf Fleisch und Knochen fühlen, und einen Moment war ich frei.

Das seltsame Triumphgefühl, das wohl harten Kampf zu begleiten schien, überkam mich. Ich wußte, daß sowohl ich wie Weena verloren war, aber ich war entschlossen, die Morlocken für ihr Fleisch zahlen zu lassen. Ich stand mit dem Rücken gegen einen Baum und schwang die Eisenkeule um mich. Der ganze Wald war von ihrem Rennen und Schreien lebendig. Eine Minute verging. Ihre Stimmen schienen sich zu größerer Erregung zu steigern, und ihre Bewegungen wurden rascher. Aber keiner kam in meinen Bereich. Ich stand und starrte ins Schwarze. Dann plötzlich kam die Hoffnung. Wie, wenn die Morlocken Angst hatten? Und dem eng auf den Fersen kam etwas Seltsames. Das Dunkel schien leuchtend zu werden. Ganz schwach begann ich die Morlocken um mich zu sehen – drei lagen mir zerschmettert zu Füßen – und dann erkannte ich mit ungläubiger Überraschung, daß die anderen in einem unaufhörlichen Strom, so schien es, von hinter mir und fort durch den Wald vor mir liefen. Und ihre Rücken waren nicht mehr weiß, sondern rötlich. Als ich noch staunend dastand, sah ich einen kleinen roten Fleck über eine Lücke des Sternenlichts zwischen den Zweigen fliegen und verschwinden. Und da verstand ich den Geruch brennenden Holzes, das schläfrige Murmeln, das jetzt in einem stürmischen Brüllen anwuchs, den roten Schein und die Flucht der Morlocken.

Ich trat hinter meinem Baum hervor und blickte zurück und sah durch die schwarzen Pfeiler der näheren Bäume die Flammen des brennenden Waldes. Es war mein erstes Feuer, das mir nachkam. Da schaute ich nach Weena aus, aber sie war fort. Das Zischen und Prasseln hinter mir, der explosive Schall, wenn wieder ein Baum in Flammen ausbrach – das ließ mir wenig Zeit zum Überlegen. Meine Eisenkeule noch gefaßt, folgte ich den Morlocken. Es war ein scharfes Rennen. Einmal schlichen die Flammen während meines Laufs rechts von mir so schnell vorwärts, daß ich überholt wurde und nach links abbiegen mußte. Aber schließlich tauchte ich auf einer kleinen offenen Fläche auf, und in dem Moment stolperte ein Morlocke gegen mich und an mir vorbei und geradeswegs ins Feuer!

Und jetzt sollte ich das gespenstischste und grauenhafteste Schauspiel erleben, glaube ich, von allem, was ich in der Zukunft gesehen hebe. Diese ganze Fläche war vom Feuerschein so hell wie der Tag. Im Zentrum befand sich ein kleiner Hügel, den ein versengter Hagedorn überragte. Dahinter lag wieder ein Arm des brennenden Waldes, aus dem schon gelbe Zungen hervorzüngelten und der die Fläche ganz mit einem Feuerzaun umschloß. Auf dem Hügelhang waren einige dreißig oder vierzig Morlocken, die vom Licht und der Hitze geblendet waren und in ihrer Verwirrung hierhin und dorthin gegeneinander stolperten. Zuerst war mir ihre Blindheit nicht klar, und ich schlug in wahnsinniger Angst mit meiner Eisenkeule wütend auf sie ein, als sie mir nahe kamen, und tötete und verkrüppelte noch mehrere. Als ich die Gesten von einem sah, der unter dem Hagedorn gegen den roten Himmel tastete, und als ich ihr Stöhnen hörte, war ich von ihrer absoluten Hilflosigkeit und ihrem Elend im Licht überzeugt, und ich schlug nicht mehr nach ihnen.

Doch ab und zu kam einer gerade auf mich los, und das entfesselte ein bebendes Grauen, so daß ich ihm schnell auswich. Einmal starben die Flammen ein wenig nieder, und ich fürchtete schon, die ekelhaften Geschöpfe würden mich alsbald wieder sehen können. Ich dachte sogar daran, selber den Kampf zu beginnen und einige von ihnen zu töten, ehe das geschehen würde; aber das Feuer brach wieder hell aus, und ich hielt meine Hand zurück. Ich ging unter ihnen auf dem Hügel umher, indem ich ihnen auswich, und suchte nach einer Spur von Weena. Aber Weena war fort.

Schließlich setzte ich mich auf den Gipfel des Hügels und beobachtete diese unheimliche, unglaubliche Gesellschaft von blinden Wesen, die sich hin und her tasteten und sich fremdartige Geräusche machten, wenn der Feuerglanz sie traf. Die wirbelnde Rauchsäule strömte über den Himmel, und durch die seltenen Risse dieses roten Baldachins schienen fern, als gehörten sie zu einem anderen Weltall, die kleinen Sterne. Zwei oder drei Morlocken stolperten über mich, und ich vertrieb sie mit Faustschlägen, wobei ich zitterte.

Den größten Teil der Nacht war ich überzeugt, daß es ein Alp war. Ich biß mich und schrie in dem leidenschaftlichen Wunsch zu erwachen. Ich schlug den Boden mit den Händen und stand auf und setzte mich nieder; ich wanderte hin und her und setzte mich wieder. Dann rieb ich mir die Augen und rief Gott an, er solle mich erwachen lassen. Dreimal sah ich, wie Morlocken in einer Art Krampf den Kopf senkten und in die Flammen stürzten. Aber schließlich stieg über dem sinkenden Rot des Feuers, über den strömenden Massen schwarzen Rauches, den bleichenden und verkohlenden Baumstümpfen und den geringer werdenden Zahlen dieser undeutlichen Geschöpfe das weiße Licht des Tages herauf. Ich suchte noch einmal nach Spuren von Weena, aber ich fand nichts. Es war klar, sie hatten ihren armen, kleinen Leichnam im Walde gelassen. Ich kann nicht schildern, wie es mich erleichterte, daß sie dem furchtbaren Schicksal entgangen war, dem man sie bestimmt hatte. Wenn ich daran dachte, so trieb es mich fast, unter dem hilflosen Gesindel um mich ein Blutbad anzurichten. Aber ich bezwang mich. Der Hügel war, wie gesagt, eine Art Insel im Wald. Von seinem Gipfel aus konnte ich jetzt durch den Rauchdunst den grünen Porzellanpalast erkennen und danach konnte ich meine Richtung zur weißen Sphinx bestimmen. Und so ließ ich die Reste dieser verdammten Seelen hier- und dorthin rennen und stöhnen, als der Tag heller wurde, band mir ein wenig Gras um die Füße und hinkte über rauchende Asche an den schwarzen Stämmen vorbei, die innerlich noch vom Feuer glimmten, auf das Versteck der Zeitmaschine los. Ich ging langsam, denn ich war fast erschöpft und lahm, und ich empfand den intensivsten Schmerz über den furchtbaren Tod der kleinen Weena. Es schien ein überwältigendes Unheil. Jetzt, hier in diesem alten, vertrauten Zimmer, ist es mehr wie der Schmerz eines Traumes als wie ein wirklicher Verlust. Aber jenen Morgen war ich dadurch wieder absolut allein – furchtbar allein. Ich begann an dieses mein Haus zu denken, an diesen Kamin, an einige von Ihnen, und mit solchen Gedanken kam eine Sehnsucht, die mir weh tat.

Aber als ich unter dem hellen Morgenhimmel über die rauchende Asche ging, machte ich eine Entdeckung. In meiner Hosentasche waren noch ein paar lose Streichhölzer. Die Schachtel mußte aufgegangen sein, ehe sie verloren ging.

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