Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
Schließen

Navigation:

Der grüne Porzellanpalast

Ich fand den grünen Porzellanpalast, als wir uns ihm gegen Mittag näherten, verlassen und in Trümmer zerfallend. Nur noch zerbrochene Glasspuren saßen in den Fenstern, und von der grünen Fassade waren große Flächen abgestürzt, so daß man das Metallgerüst dahinter sah. Er lag sehr hoch auf einer Düne, und als ich vor dem Eintreten nach Nordosten blickte, sah ich, wo meiner Meinung nach einstmals Wandsworth und Battersea gelegen haben mußten, ein großes Ästuar, oder sogar eine Bucht. Ich dachte daran – freilich habe ich den Gedanken nicht weiter verfolgt – was wohl mit den Lebewesen im Meer geschehen sein mochte oder geschah.

Das Material des Palastes stellte sich bei näherer Prüfung wirklich als Porzellan heraus, und auf der Fassade sah ich eine Inschrift in unbekannten Lettern. Ich dachte ziemlich törichterweise, Weena werde sie mir deuten helfen können, aber ich erfuhr nur, daß der bloße Begriff des Schreibens ihr noch nie in den Kopf gekommen war. Sie schien mir, ich glaube, immer menschlicher als sie war, vielleicht weil ihre Liebe so menschlich war.

Innerhalb der großen Türflügel fanden wir statt der gewohnten Halle eine lange, durch viele Seitenfenster beleuchtete Galerie. Beim ersten Blick wurde ich an ein Museum erinnert. Der Ziegelboden war hoch mit Staub bedeckt, und eine auffallende Anordnung verschiedener Gegenstände war in die gleiche graue Decke gehüllt. Dann sah ich unheimlich und hager mitten in der Halle etwas stehen, was ohne Zweifel der untere Teil eines riesigen Skeletts war. Ich erkannte an den schrägen Füßen, daß es ein ausgestorbenes Geschöpf in der Art des Megatheriums war. Der Schädel und die oberen Knochen lagen im dicken Staub daneben, und an einer Stelle, an der der Regen durch ein Leck im Dach getröpfelt war, war das Ding selber zerfressen. Weiterhin in der Galerie stand das riesige Skelett eines Brontosaurus. Meine Museums-Hypothese bestätigte sich. Ich trat an die Seite und fand dort offenbar schräge Flächen. Ich beseitigte den dicken Staub und sah die allbekannten Glaskästen unserer Zeit. Aber nach der guten Erhaltung eines Teils des Inhalts mußten sie luftdicht sein.

Offenbar standen wir in den Ruinen eines South Kensington-Museums der späten Tage! Dies war offenbar die paläontologische Abteilung und es mußte eine sehr glänzende Sammlung von Fossilien gewesen sein, obgleich der unvermeidliche Prozeß des Verfalls, der eine Zeitlang abgewehrt war und durch das Aussterben von Bakterien und Pilzen neunzig Prozent seiner Kraft verloren hatte, trotzdem mit äußerster Sicherheit, wenn auch mit äußerster Langsamkeit, von neuem an all ihren Schätzen arbeitete. Hier und dort fand ich Spuren des kleinen Volks, da seltene Fossilien in Stücke gebrochen oder auf Rohrfäden aufgereiht waren. Und an einigen Stellen waren die Kästen entfernt – von den Morlocken, schloß ich. Es war sehr still. Der dicke Staub dämpfte unsere Schritte. Weena, die einen Meerkobold das schräge Glas eines Kastens hinuntergerollt hatte, trat, als ich mich umblickte, zu mir, nahm sehr ruhig meine Hand und blieb neben mir stehen.

Und zuerst war ich über dieses alte Monument einer intellektuellen Zeit so sehr erstaunt, daß ich gar nicht an die Möglichkeiten dachte, die es bot. Selbst meine Sorge um die Zeitmaschine wich ein wenig aus meinem Geist.

Nach der Größe zu urteilen, mußte dieser grüne Porzellanpalast viel mehr enthalten als eine Galerie der Paläontologie; vielleicht historische Galerien; vielleicht gar eine Bibliothek! Mir mußte das, wenigstens unter meinen damaligen Verhältnissen, ungeheuer viel interessanter sein als dieses Schauspiel verfallener Geologie der alten Zeit. Ich suchte und fand eine zweite kurze Galerie, die quer zur ersten lief. Sie schien der Mineralogie gewidmet, und der Anblick eines Schwefelblocks brachte meine Gedanken auf Schießpulver. Aber ich konnte keinen Salpeter finden; überhaupt keinerlei Nitrate. Ohne Zweifel waren sie seit Jahrhunderten zerronnen. Aber der Schwefel haftete mir im Geist und regte eine Kette von Gedanken an. Für den übrigen Inhalt der Galerie hatte ich, obgleich er im ganzen das am besten Erhaltene war, was ich zu sehen bekam, wenig Interesse. Ich bin kein Spezialist in der Mineralogie und ich ging einen sehr verfallenen Flügel hinunter, der der ersten Halle, die ich betreten hatte, parallel lief. Offenbar war diese Abteilung der Naturgeschichte gewidmet gewesen, aber alles war längst unkenntlich geworden. Ein paar verschrumpfte und schwarze Spuren von Dingen, die einmal ausgestopfte Tiere gewesen waren, vertrocknete Mumien in Glasgefäßen, die einst Spiritus enthalten hatten, ein brauner Staub von entschwundenen Pflanzen: das war alles! Das tat mir leid, denn ich hätte gern die langsame Umordnung verfolgt, durch die die Eroberung der belebten Natur erreicht war. Dann kamen wir in eine Galerie von einfach kolossalen Verhältnissen, die jedoch merkwürdig schlecht beleuchtet war, in leichtem Winkel abwärts. In bestimmten Abständen hingen weiße Kugeln von der Decke nieder – viele gebrochen und zertrümmert – was darauf schließen ließ, daß der Raum ursprünglich künstlich beleuchtet wurde.

Hier war ich mehr in meinem Element, denn zu beiden Seiten erhoben sich die Riesenformen großer Maschinen, alle sehr abgenagt und viele zusammengebrochen, aber manche noch recht vollständig. Sie wissen, ich habe eine gewisse Schwäche für die Mechanik, und ich hielt mich wohl lange bei ihnen auf: um so mehr, als die meisten das Interesse von Rätseln für mich hatten, und ich nur ganz unbestimmte Vermutungen darüber anstellen konnte, wozu sie waren. Ich meinte, wenn ich ihre Rätsel lösen könnte, würde ich im Besitz von Kräften sein, die gegen die Morlocken schützen sollten.

Plötzlich kam Weena eng an meine Seite. So plötzlich, daß sie mich erschreckte. Wäre sie nicht gewesen, glaube ich, hätte ich überhaupt nicht bemerkt, daß der Boden sich senkte Natürlich ist es möglich, daß sich der Boden gar nicht senkte, sondern daß das Gebäude auf einem Hügelhang gebaut war.. Das Ende, wo ich eingetreten war, war ganz überirdisch und durch seltene schlitzartige Fenster erhellt. Wenn man den Raum der Länge nach hinunterging, stieg der Boden gegen diese Fenster, bis man schließlich wie in einem Keller war, wo nur noch oben eine schmale Linie des Tageslichtes eindrang. Ich ging langsam hinunter und machte mir mit den Maschinen zu schaffen, und war zu sehr mit ihnen beschäftigt gewesen, um die allmähliche Verminderung des Lichtes zu beachten, und erst Weenas wachsende Angst machte mich aufmerksam. Da sah ich, daß die Galerie schließlich in dichtes Dunkel hinunterlief. Ich zögerte, und als ich mich umblickte, sah ich, daß der Staub weniger reichlich und seine Oberfläche weniger eben war. Weiter nach dem Dunkel hin, schien mir, war es von einer Anzahl kleiner, schmaler Fußspuren unterbrochen. Das belebte meine Empfindung von der unmittelbaren Gegenwart der Morlocken von neuem. Ich fühlte, daß ich mit dieser akademischen Untersuchung meine Zeit verschwendete. Ich besann mich, daß es schon spät am Nachmittag war und daß ich noch keine Waffe, keine Zuflucht und kein Mittel hatte, um Feuer zu machen. Und dann hörte ich unten in der fernen Dunkelheit der Galerie ein sonderbares Klappern und dieselben merkwürdigen Geräusche, die ich unten im Brunnen gehört hatte.

Ich nahm Weena an der Hand. Dann hatte ich einen plötzlichen Gedanken, verließ sie und wandte mich zu einer Maschine, aus der ein Hebel hervorragte, der denen in einer Signalstube nicht unähnlich war. Ich kletterte auf den Stand, faßte diesen Hebel mit den Händen und legte seitlich mein ganzes Gewicht dagegen. Plötzlich begann Weena, die ich im Mittelschiff verlassen hatte, zu wimmern. Ich hatte die Stärke des Hebels ziemlich richtig beurteilt, denn nach etwa einer Minute der Anstrengung brach er, und ich ging wieder zu ihr, bewaffnet mit einer Keule, die meiner Meinung nach für jeden Morlockenschädel, dem ich begegnen mochte, mehr als genügte. Und ich sehnte mich sehr danach, einen Morlocken oder so zu töten. Sehr unmenschlich, meinen Sie vielleicht, hingehen zu wollen und seine eigenen Nachkommen zu töten! Aber irgendwie war es unmöglich, das Menschliche in den Wesen zu fühlen. Nur meine Abneigung dagegen, Weena allein zu lassen, und der Gedanke, daß, wenn ich begann, meinen Morddurst zu stillen, meine Zeitmaschine leiden mochte, hielten mich ab, geradeswegs die Galerie hinunter zu laufen und die Bestien zu töten, die ich hörte.

Nun, die Keule in einer, Weena an der anderen Hand, ging ich aus dieser Galerie heraus und in eine andere und noch größere, die mich beim ersten Blick an eine mit zerfetzten Fahnen behangene Militärkapelle erinnerte. Die braunen und verkohlten Fetzen, die an den Seiten hingen, erkannte ich alsbald als die verwesenden Spuren von Büchern. Sie waren längst in Stücke zerfallen und jeder Schein von Druck war verloschen. Aber hier und dort lagen verschrumpfte Einbanddecken und gesprungene Metallschließen, die beredt genug sprachen. Wäre ich ein Gelehrter gewesen, so hätte ich vielleicht über die Nichtigkeit allen Ehrgeizes moralisiert. Aber so fiel mir am schärfsten die ungeheure Arbeitsverschwendung auf, die diese finstere Wildnis vermoderten Papiers bezeugte. Zur Zeit, das will ich bekennen, dachte ich hauptsächlich an die »Philosophischen Abhandlungen« und meine siebzehn Aufsätze über physikalische Optik.

Dann ging ich eine breite Treppe hinauf und kam in eine Galerie, die einmal der technischen Chemie gedient haben mag. Und hier hatte ich nicht geringe Hoffnung auf nützliche Entdeckungen. Außer an einem Ende, wo das Dach eingestürzt war, war diese Galerie wohlerhalten. Ich ging begierig zu jedem nicht zerbrochenen Kasten. Und schließlich fand ich in einem der wirklich luftdichten Kästen eine Schachtel Streichhölzer. Ich probierte sie begierig. Sie waren vollkommen gut erhalten. Sie waren nicht einmal feucht. Ich wandte mich zu Weena. ›Tanze!‹ rief ich ihr in ihrer Sprache zu. Denn jetzt hatte ich eine Waffe gegen die schrecklichen Geschöpfe, die wir fürchteten. Und so vollführte ich in jenem Trümmermuseum, auf dem dicken, weichen Staubteppich zu Weenas ungeheurer Freude feierlich einen verschlungenen Tanz, indem ich, so lustig ich konnte, dazu pfiff. Zum Teil war es ein schüchterner Kankan, zum Teil ein Schrittanz, zum Teil ein Kleidtanz (soweit mein Rockschoß es erlaubte) und zum Teil Original. Denn, wie Sie wissen, bin ich von Natur erfinderisch.

Nun meine ich immer noch, daß diese Streichholzschachtel durch undenkliche Jahre hindurch dem Zahn der Zeit entgangen war; das war höchst seltsam, wie es für mich höchst glücklich war. Und doch fand ich, sonderbar genug, eine noch viel unwahrscheinlichere Substanz, und das war Kampfer. Ich fand ihn in einer versiegelten Flasche, die, wie ich vermute, zufällig wirklich hermetisch versiegelt war. Erst meinte ich, es sei Paraffinwachs, und ich zertrümmerte also das Glas. Aber der Kampfergeruch war unverkennbar. In dem allgemeinen Verfall hatte sich diese flüchtige Substanz durch einen Zufall vielleicht viele Jahrhunderttausende hindurch erhalten. Sie erinnerte mich an ein Sepiagemälde, das ich einst mit der Tinte eines Belemniten hatte malen sehen, der vor Millionen von Jahren umgekommen und fossilisiert sein mußte. Ich stand im Begriff, sie fortzuwerfen, aber ich besann mich, daß Kampfer brennbar ist und mit guter heller Flamme brennt – kurz, daß er eine ausgezeichnete Kerze war – und ich steckte das Stück in die Tasche. Ich fand jedoch keine Explosionsstoffe, kein Mittel, die Bronzetüren zu erbrechen. Trotzdem verließ ich die Galerie in sehr gehobener Stimmung.

Ich kann Ihnen nicht die Geschichte dieses langen Nachmittags erzählen. Es würde ein großes Gedächtnis dazu gehören, meine Entdeckungen in einigermaßen richtiger Reihenfolge aufzuführen. Ich erinnere mich einer langen Galerie rostender Waffenständer und wie ich zwischen meinem Brecheisen und einem Beil oder einem Schwerte schwankte. Aber ich konnte nicht beides tragen, und meine Eisenstange versprach am meisten gegen die Bronzetüren. Es waren zahllose Flinten, Pistolen und Gewehre da. Die meisten waren Rostmassen, aber viele waren aus einem neuen Metall und noch recht heil. Aber was einmal an Patronen oder Pulver vorhanden gewesen sein mochte, war zu Staub verfallen. Ein Winkel, sah ich, war verkohlt und zertrümmert: vielleicht, dachte ich, durch eine Explosion unter den Proben. An einer anderen Stelle fand ich eine lange Reihe Idole – polynesische, mexikanische, griechische, phönikische – aus allen Ländern der Erde, die mir einfielen. Und hier gab ich einem unwiderstehlichen Impulse nach und schrieb meinen Namen auf die Nase eines südamerikanischen Speckstein-Ungeheuers, das mir besonders Spaß machte.

Als der Abend vorrückte, schwand mein Interesse. Ich durchzog eine Galerie nach der anderen – staubige, stille, oft verfallene Räume, deren Sammlungen bisweilen nur Haufen von Rost und Kohle waren, bisweilen aber auch frischer. An einer Stelle sah ich plötzlich das Modell einer Zinnmine, und dann entdeckte ich durch einen Zufall in einem luftdichten Kasten zwei Dynamitpatronen! Ich rief ›Eureka‹ und zertrümmerte den Kasten voller Freude. Dann kam ein Zweifel. Ich zögerte. Dann wählte ich eine kleine Seitengalerie und machte meinen Versuch. Ich habe nie eine solche Enttäuschung empfunden, als wie ich dort fünf, zehn, fünfzehn Minuten auf eine Explosion wartete, die niemals kam. Natürlich waren es nur Modelle, wie ich gleich hätte erraten können. Ich glaube wirklich, wären sie das nicht gewesen, so wäre ich alsbald davongelaufen und hätte Sphinx und Bronzetüren und (wie sich herausstellte) meine Aussicht, die Zeitmaschine zu finden, alles zugleich ins Nichtsein gesprengt.

Darauf glaube ich, kamen wir zu einem kleinen, offenen Hof im Palast. Er war grasbewachsen und enthielt drei Obstbäume. So ruhten wir aus und erfrischten uns. Gegen Sonnenuntergang begann ich, unsere Lage zu überlegen. Die Nacht überschlich uns, und mein unzugängliches Versteck sollte erst noch gefunden werden. Aber das machte mir jetzt sehr wenig Sorge. Ich hatte etwas im Besitz, was vielleicht die beste Verteidigung gegen die Morlocken war – ich hatte Streichhölzer! Und ich hatte auch noch den Kampfer in der Tasche, wenn ein Feuer nötig wurde. Mir schien, das beste, was wir tun konnten, war, die Nacht unterm Schutz eines Feuers im Freien zu verbringen. Morgens war dann noch die Zeitmaschine zu holen. Dazu hatte ich bis jetzt nur meine Eisenkeule. Aber mit meiner wachsenden Kenntnis empfand ich gegen diese Bronzetüren sehr anders. Bislang hatte ich sie zum guten Teil deshalb nicht erbrochen, weil auf der anderen Seite das Geheimnis lauerte. Sie hatten mir nie den Eindruck großer Stärke gemacht, und ich hoffte, ich werde mein Brecheisen nicht ganz unzulänglich finden.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.