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Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
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Als die Nacht kam

Jetzt aber war ich eigentlich schlimmer daran als vorher. Bisher hatte ich, abgesehen von der nächtlichen Angst über den Verlust der Zeitmaschine, an der Hoffnung auf ein schließliches Entkommen eine Stütze gehabt, aber diese Hoffnung war durch die neuen Entdeckungen ins Wanken gebracht! Bisher hatte ich mich nur durch die kindliche Einfalt der kleinen Leute und durch einige unbekannte Kräfte, die ich nur zu verstehen brauchte, um sie zu überwinden, gehindert gehalten; aber in der ekelhaften Art der Morlocken lag ein ganz neues Element – ein unmenschliches und boshaftes Etwas; Instinktiv verabscheute ich sie. Vorher hatte ich etwa das Gefühl eines Mannes gehabt, der in eine Grube gefallen ist: meine Sorge galt der Grube, und wie ich herauskommen könnte. Jetzt fühlte ich mich wie ein Tier in einer Falle; über das bald sein Feind kommen mußte.

Der Feind, den ich fürchtete, wird Sie vielleicht überraschen. Es war die Dunkelheit des Neumonds. Das hatte mir Weena durch ein paar zuerst unverständliche Bemerkungen über die dunklen Nächte in den Kopf gesetzt. Es war jetzt kein so schwieriges Problem mehr, zu erraten, was die kommenden dunklen Nächte bedeuteten. Der Mond war im Abnehmen. Jede Nacht wurde die Zeit des Dunkels länger. Und jetzt verstand ich wenigstens bis zu einem gewissen Grade den Grund der Furcht der kleinen Oberweltler vor dem Dunkel. Ich fragte mich unbestimmt, welche verworfene Untat die Morlocken unter dem neuen Mond tun mochten. Ich war ziemlich überzeugt, daß meine zweite Hypothese ganz verkehrt war. Die Oberweltler mochten einmal die begünstigte Aristokratie gewesen sein und die Morlocken ihre mechanischen Diener; aber das war längst vorbei. Die beiden Arten, die sich aus der Entwicklung des Menschen ergeben hatten, glitten zu einem ganz neuen Verhältnis nieder oder hatten es schon erreicht. Die Eloi waren wie die karolingischen Könige zu einer bloß schönen Nichtigkeit entartet. Sie besaßen die Erde noch geduldet: denn die Morlocken waren seit unzähligen Generationen unterirdisch gewesen und fanden jetzt die tagerhellte Oberfläche unerträglich. Und die Morlocken, schloß ich, machten ihnen ihre Gewänder und unterhielten sie in ihren gewohnten Bedürfnissen, weil vielleicht die alte Gewohnheit des Dienstes fortlebte. Sie taten es, wie ein stehendes Pferd mit dem Hufe scharrt oder wie der Mensch aus Sport Tiere zu töten liebt: weil alte und nicht mehr vorhandene Notwendigkeiten es dem Organismus aufgeprägt hatten. Aber offenbar war die alte Ordnung zum Teil schon umgekehrt. Die Nemesis der Üppigkeit kam schnell herbei. Vor Jahrhunderten, vor Tausenden von Generationen hatte der Mensch seinen Brudermenschen aus dem Behagen und dem Sonnenschein verjagt. Und jetzt kam dieser Bruder zurück – verwandelt! Schon hatten die Eloi begonnen, eine alte Lehre neu zu lernen. Sie wurden wieder mit der Furcht bekannt. Und plötzlich kam mir die Erinnerung an das Fleisch wieder in den Kopf, das ich in der Unterwelt gesehen hatte. Es war merkwürdig, wie sie mir in den Geist floß: nicht gleichsam durch den Strom meiner Gedanken geweckt, sondern fast wie eine Frage von draußen kommt. Ich versuchte, mich auf die Form zu besinnen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl von etwas Bekanntem, aber ich konnte zur Zeit nicht sagen, was es war.

Aber so hilflos die kleinen Leute in Gegenwart ihrer geheimnisvollen Furcht auch waren, ich war anders konstituiert. Ich kam aus dieser unserer Zeit, der reifen Blüte des Menschengeschlechts, wo die Furcht nicht lähmt und das Geheimnis seine Schrecken verloren hat. Ich wollte mich wenigstens verteidigen. Ohne Verzug beschloß ich, mir Waffen zu machen und eine Festung, worin ich schlafen konnte. Mit der Zuflucht als Basis konnte ich dieser unheimlichen Welt wieder mit ein wenig von der Zuversicht entgegentreten, die ich verloren hatte, seit ich wußte, welchen Geschöpfen ich Nacht für Nacht preisgegeben lag. Ich fühlte, ich konnte nie wieder schlafen, bis mein Bett vor ihnen sicher war. Mir schauderte vor Grauen, wenn ich daran dachte, wie sie mich schon untersucht haben mußten.

Ich wanderte während des Nachmittags das Themsetal entlang, fand aber nichts, was sich mir als unzugänglich empfahl. Alle Gebäude und Bäume schienen geschickten Kletterern, wie es die Morlocken nach ihren Brunnen zu urteilen sein mußten, leicht ersteigbar. Dann fielen mir die hohen Zinnen des grünen Porzellanpalastes und der blanke Glanz seiner Mauern wieder ein, und abends nahm ich Weena wie ein Kind auf die Schultern und ging den Hügel nach Südwesten hinauf. Die Entfernung, hatte ich gerechnet, betrug sieben oder acht Meilen, aber es müssen eher achtzehn gewesen sein. Ich hatte den Palast zuerst an einem feuchten Nachmittag gesehen, an dem die Entfernungen täuschend verringert waren. Obendrein war der Absatz einer meiner Schuhe lose – es waren bequeme alte Schuhe, die ich sonst nur im Hause zu tragen pflegte – so daß ich lahm wurde. Und es war schon spät nach Sonnenuntergang, als der Palast, schwarz gegen das blasse Gelb des Himmels abgehoben, in Sicht kam.

Weena war erst entzückt gewesen, als ich sie zu tragen begann, aber nach einer Weile verlangte sie, ich solle sie niedersetzten, und dann lief sie an meiner Seite und schoß nur gelegentlich auf einer Seite davon, um Blumen zu pflücken und mir in die Taschen zu stecken. Meine Taschen hatten Weena immer zu schaffen gemacht, aber schließlich war sie zu dem Schluß gekommen, sie seien eine exzentrische Art Vasen für Blumendekoration. Wenigstens benutzte sie sie zu dem Zweck. Und da fällt mir ein: Als ich meine Jacke auszog, fand ich ...«

Der Zeitreisende hielt inne, steckte die Hand in die Tasche und legte schweigend zwei welke Blumen, sehr großen weißen Malven nicht unähnlich, auf den kleinen Tisch. Dann nahm er seine Erzählung wieder auf:

»Als die Abendstille über die Welt kroch und wir über den Hügelkamm gegen Wimbledon stiegen, wurde Weena müde und wollte zum Haus aus grauem Stein zurückkehren. Aber ich zeigte auf die fernen Zinnen des grünen Porzellanpalastes und machte ihr begreiflich, daß wir dort vor ihrer Furcht eine Zuflucht suchten. Sie kennen die große Pause, die vor der Dunkelheit über die Dinge kommt? Selbst die Brise in den Bäumen ruht. Für mich liegt in dieser Abendstille immer ein Ausdruck der Erwartung. Der Himmel war klar, fern und, abgesehen von ein paar horizontalen Strichen weit unten im Westen, leer. Nun, an diesem Abend nahm die Erwartung die Farbe meiner Befürchtungen an. In dieser dunkelnden Ruhe schienen meine Sinne übernatürlich verschärft. Ich meinte, ich könnte sogar fühlen, daß der Boden unter meinem Fuß hohl war: konnte sogar die Morlocken dadurch sehen, wie sie auf ihrem Ameisenhaufen hin und her gingen und auf die Dunkelheit warteten. In meiner Aufregung bildete ich mir ein, sie würden meinen Einfall in ihren Bau als Kriegserklärung auffassen. Und warum hatten sie mir die Zeitmaschine genommen?

So gingen wir in der Ruhe weiter, und das Zwielicht vertiefte sich zur Nacht. Das klare Blau der Ferne blich, und ein Stern nach dem andern kam heraus. Der Boden wurde undeutlich, die Bäume schwarz. Weenas Ängste und ihre Ermattung überwältigten sie. Ich nahm sie in die Arme, sprach mit ihr und liebkoste sie. Als dann die Dunkelheit tiefer wurde, schlang sie die Arme um meinen Hals, schloß die Augen und schmiegte mir das Gesicht eng an die Schulter. So gingen wir einen langen Hang in ein Tal hinunter, und dort lief ich im Dunkel fast in einen kleinen Fluß. Ich durchwatete ihn und ging die andere Seite des Tals hinauf, an einer Anzahl Schlafhäuser und einer Statue vorbei – einem Faun oder etwas Ähnlichem, minus dem Kopf. Hier wuchsen auch Akazien. Bisher hatte ich von den Morlocken nichts gesehen, aber es war noch früh in der Nacht, und die dunkleren Stunden, ehe der alte Mond aufging, sollten noch kommen.

Auf der Stirn des nächsten Hügels sah ich einen dichten Wald weit und schwarz vor mir liegen. Da zögerte ich. Ich konnte weder rechts noch links ein Ende sehen. Da ich mich müde fühlte – besonders meine Füße waren sehr wund – so nahm ich mir Weena behutsam von der Schulter, als ich stehen blieb, und setzte mich ins Gras. Den grünen Porzellanpalast konnte ich nicht mehr sehen, und ich war über meine Richtung im Zweifel. Ich blickte ins Dunkel des Waldes und dachte, was er verbergen mochte. Unter diesem dichten Wirrwarr von Zweigen würde man die Sterne nicht mehr sehen. Selbst, wenn keine Gefahr vorhanden war – auf Gefahren hütete ich mich meine Phantasie loszulassen – so blieben doch all die Wurzeln, über die man stolpern konnte, und die Baumstämme, gegen die man laufen mußte. Und ich war nach den Aufregungen des Tages auch müde; so beschloß ich, nicht einzudringen, sondern die Nacht auf dem offenen Hügel zu bleiben.

Weena, das sah ich mit Freuden, schlief fest. Ich hüllte sie sorgsam in meine Jacke und setzte mich neben sie, um den Mondaufgang abzuwarten. Der Hügelhang war ruhig und verlassen, aber aus der Schwärze des Waldes kam hin und wieder ein Laut von lebenden Wesen. Über mir schienen die Sterne, denn die Nacht war sehr klar. Ich fühlte etwas wie freundlichen Trost in ihrem Blinken. All die alten Konstellationen waren jedoch vom Himmel verschwunden: jene langsame Bewegung, die durch hundert Menschenleben noch nicht zu merken ist, hatte sie längst zu neuen Gruppen geordnet. Aber die Milchstraße, schien mir, war noch derselbe zerrissene Streif von Sternenstaub wie ehedem. Südwärts (nach meinem Ortssinn) stand ein sehr heller roter Stern, der mir neu war: er war noch glänzender als unser grüner Sirius. Und unter all diesen flimmernden Lichtpunkten leuchtete ein heller Planet freundlich und fest wie das Gesicht eines alten Freundes.

Als ich zu diesen Sternen aufsah, schwanden plötzlich all meine eigenen Sorgen und alle Schwierigkeiten irdischen Lebens zusammen. Ich dachte an ihre unermeßliche Ferne und die langsame, unweigerliche Fahrt ihrer Bewegungen aus der unbekannten Vergangenheit in eine unbekannte Zukunft. Ich dachte an den großen fortschreitenden Zyklus, den der Erdpol beschreibt. Nur vierzigmal hatte diese stille Revolution stattgefunden während all der Jahre, die ich durchfahren hatte. Und während dieser wenigen Umdrehungen waren alle Tätigkeit, alle Traditionen, die komplizierten Organisationen, die Nationen, Sprachen, Literaturen, Bestrebungen, selbst die bloße Erinnerung an den Menschen, wie ich ihn kannte, aus dem Dasein gelöscht. Statt dessen lebten diese gebrechlichen Geschöpfe, die ihre hohen Ahnen vergessen hatten, und die weißen Wesen, vor denen ich in Angst umherging. Dann dachte ich an die große Furcht, die zwischen den beiden Gattungen herrschte, und zum erstenmal ging mir mit einem plötzlichen Schauder die Erkenntnis auf, was das Fleisch, das ich gesehen hatte, sein mochte. Aber es war zu grauenhaft! Ich blickte auf die kleine Weena, die neben mir schlief, das Gesicht weiß und sternengleich unter den Sternen – und ich gab den Gedanken auf.

Die lange Nacht hindurch hielt ich den Geist, so gut ich konnte, von den Morlocken ab, und ich vertrieb mir die Zeit, indem ich mir vorzustellen versuchte, ich könne Zeichen der alten Konstellation in der neuen Verwirrung entdecken. Der Himmel blieb, abgesehen von einer Nebelwolke, sehr klar. Ohne Zweifel verfiel ich bisweilen in Halbschlaf. Dann kam, als meine Wache weiter ging, eine Blässe am östlichen Himmel, wie der Widerschein eines farblosen Feuers, und der alte Mond ging auf, dünn und siech und weiß. Und bald dahinter kam die Dämmerung und holte ihn ein und überflutete ihn, bleich erst und dann rosig und warm. Keine Morlocken hatten sich uns genaht. Ja. ich hatte die ganze Nacht auf dem Hügel keine gesehen. Und in der Zuversicht des neuen Tages schien es mir fast, meine Angst sei unvernünftig gewesen. Ich stand auf und fand, daß der Fuß mit dem losen Absatz um die Knöchel geschwollen war und unter der Ferse schmerzte. So setzte ich mich wieder hin und warf meine Schuhe fort.

Ich weckte Weena, und wir gingen in den Wald hinunter, der jetzt grün und heiter war statt schwarz und widerwärtig. Wir suchten uns Früchte zum Frühstück. Bald trafen wir andere von den hübschen Menschen, die lachten und im Sonnenschein tanzten, als gäbe es in der Natur kein solches Ding wie die Nacht. Und dann dachte ich noch einmal an das Fleisch, das ich gesehen hatte. Ich war jetzt davon überzeugt, was es war, und vom Grunde meines Herzens bemitleidete ich dieses letzte schwache Rinnsal aus der großen Flut der Menschheit. Offenbar war irgendwann im frühen Einst des menschlichen Verfalls den Morlocken die Nahrung ausgegangen. Vielleicht hatten sie von Ratten und solcherlei Gewürm gelebt. Schon jetzt ist der Mensch in seiner Nahrung weit weniger wählerisch und exklusiv als er war – weit weniger als der Affe. Sein Vorurteil gegen Menschenfleisch ist kein tiefwurzelnder Instinkt. Und diese unmenschlichen Söhne der Menschen – –! Ich versuchte die Sache im wissenschaftlichen Sinn zu betrachten. Im Grunde waren sie weniger menschlich und ferner als unsere kannibalischen Ahnen von vor drei- oder viertausend Jahren. Und die Intelligenz, die diesen Zustand der Dinge zur Qual gemacht hätte, war fort. Warum sollte ich mich beunruhigen? Diese Eloi waren nur gemästetes Rindvieh, das die ameisengleichen Morlocken hüteten und jagten – für dessen Mast sie wahrscheinlich sorgten. Und da tanzte Weena mir zur Seite.

Dann versuchte ich mich gegen das Grauen zu wehren, das mich überkam, indem ich es als eine strenge Strafe menschlicher Selbstsucht ansah. Der Mensch hatte sich damit begnügt, daß er in Behagen und Lust von der Arbeit seines Mitmenschen lebte, hatte die Not zu seiner Parole und seinem Vorwand gemacht, und als die Zeit erfüllet war, war die Not wieder zu ihm gekommen. Ich versuchte selbst diese elende Aristokratie im Verfall wie ein Carlyle zu verachten. Aber diese Geistespose war unmöglich. Wie groß auch ihre intellektuelle Erniedrigung war, die Eloi hatten zu viel von der menschlichen Gestalt bewahrt, um nicht meine Sympathie in Anspruch zu nehmen und mich zur Teilnahme an ihrer Erniedrigung und ihrer Angst zu zwingen.

Ich hatte zu der Zeit sehr unbestimmte Vorstellungen darüber, welchen Weg ich einschlagen sollte. Die erste war, mir einen sicheren Zufluchtsort zu schaffen und mir solche Waffen aus Metall oder Stein zu machen, wie ich sie fertig bringen würde. Dann hoffte ich, mir Mittel zum Feuermachen zu verschaffen, so daß ich als Waffe eine Fackel zur Hand hätte, denn nichts, wußte ich, konnte gegen die Morlocken wirksamer sein. Dann wollte ich etwas ersinnen, um die Bronzetüren unter der weißen Sphinx aufzubrechen. Ich dachte an eine Art Mauerbrecher. Ich war überzeugt, wenn ich in diese Türen eindringen und eine Fackel vor mir hertragen könnte, würde ich die Zeitmaschine finden und entkommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß die Morlocken stark genug waren, sie weit fortzuschleppen. Weena hatte ich beschlossen in unsere Zeit mitzunehmen. Und mit solchen Plänen im Geist folgte ich unserem Weg zu dem Gebäude, das meine Phantasie zu unserm Wohnsitz erwählt hatte.

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