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Die Zeitmaschine

Herbert George Wells: Die Zeitmaschine - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHerbert George Wells
titleDie Zeitmaschine
publisherrororo
year1951
translatorFelix Paul Grewe
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150313
projectid88fe3eac
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Die Morlocken

Es mag Ihnen sonderbar erscheinen, aber es dauerte zwei Tage, ehe ich den neugefundenen Schlüssel auf dem offenbar richtigen Wege weiter verfolgen konnte. Ich empfand einen eigenartigen Widerwillen gegen diese bleichen Wesen. Sie hatten genau die blasse Farbe der Würmer und Wesen, die man in zoologischen Museen in Spiritus aufbewahrt sieht. Und sie waren bei der Berührung schlüpfrig kühl. Vermutlich rührte mein Widerwille zum großen Teil von dem sympathetischen Einfluß der Eloi her, deren Ekel vor den Morlocken ich nun zu begreifen begann.

Die nächste Nacht schlief ich nicht gut. Vermutlich war meine Gesundheit ein wenig in Unordnung. Mich bedrückten Zweifel und Verwirrung. Ein- oder zweimal hatte ich eine Empfindung intensiver Furcht, für die ich keinen bestimmten Grund finden konnte. Ich entsinne mich, daß ich geräuschlos in die große Halle schlich, wo die kleinen Menschen im Mondlicht schliefen – diese Nacht war Weena unter ihnen – und daß ich mich in ihrer Gegenwart beruhigt fühlte. Mir fiel ein, daß in wenigen Tagen der Mond durch sein letztes Viertel gehen mußte und die Nächte dunkler wurden, und vielleicht würden dann die Erscheinungen dieser weißen Lemuren, dieses neuen Gewürms, das das alte ersetzt hatte, häufiger werden. Und an diesen beiden Tagen hatte ich das rastlose Gefühl dessen, der sich um eine unvermeidliche Pflicht herumdrückt. Ich war überzeugt, daß ich die Zeitmaschine nur wiedererlangen konnte, wenn ich kühn in diese unterirdischen Geheimnisse eindrang. Und doch konnte ich dem Geheimnis nicht ins Gesicht sehn. Wenn ich nur einen Gefährten gehabt hätte, dann wäre es anders gewesen. Aber ich war so furchtbar allein, und selbst in das Dunkel des Brunnens hinunterzusteigen, fürchtete ich mich. Ich weiß nicht, ob Sie meine Empfindung verstehen werden, aber ich fühlte mich im Rücken nie ganz sicher.

Vielleicht war es die Rastlosigkeit, diese Ungewißheit, was mich auf meinen Forschungsausflügen immer weiter ins Land trieb. Als ich südwestlich auf das steigende Land zuging, das jetzt Combe Wood heißt, in der Richtung auf das Banstead des neunzehnten Jahrhunderts, bemerkte ich sehr fern einen gewaltigen grünen Bau von anderem Charakter als alles, was ich bisher gesehen hatte. Er war größer als der größte der Paläste und Trümmerhaufen, die ich kannte, und die Fassade sah orientalisch aus: die Oberfläche hatte den Glanz wie auch die blaßgrüne Färbung – eine Art bläulichen Grüns – einer gewissen Art Porzellan. Dieser Unterschied im Aussehen deutete auf einen Unterschied im Gebrauch, und ich hatte Lust, weiter vorzudringen und ihn zu erforschen. Aber der Tag neigte sich, und ich hatte den Palast nach einem langen und ermüdenden Umweg zu sehen bekommen; so beschloß ich, das Abenteuer auf den folgenden Tag zu verschieben, und ich kehrte zum Willkomm und zu den Liebkosungen der kleinen Weena zurück. Aber am nächsten Morgen sah ich klar genug, daß meine Neugier inbetreff des grünen Porzellanpalastes nur eine Selbsttäuschung war, um ein Erlebnis, das ich fürchtete, noch einen Tag zu umgehen. Ich beschloß, ohne weitere Zeitverschwendung hinabzusteigen, und brach am frühen Morgen nach einem Brunnen in der Nähe der Granit- und Aluminiumruinen auf.

Die kleine Weena lief mit mir. Sie tanzte bis zum Brunnen an meiner Seite, aber als sie sah, daß ich mich über die Mündung beugte und hinabsah, war sie seltsam fassungslos. ›Adieu, kleine Weena,‹ sagte ich und küßte sie; und dann stellte ich sie nieder und begann nach den Kletterhaken über die Brustwehr zu tasten. Ein wenig hastig, kann ich bekennen, denn ich fürchtete, der Mut könne mir schwinden! Zuerst sah sie mir entsetzt zu. Dann stieß sie einen jämmerlichen Schrei aus, lief auf mich zu und begann mit ihren kleinen Händen an mir zu ziehen. Ich glaube, ihr Widerstand gab mir gerade Kraft, weiterzusteigen. Ich schüttelte sie ab, vielleicht ein wenig rauh und im nächsten Augenblick war ich im Schlund des Brunnens. Ich sah ihr zerquältes Gesicht über der Brustwehr und lächelte, um sie zu beruhigen. Dann mußte ich auf die wackligen Haken achten, an denen ich hing.

Ich hatte einen Schacht von vielleicht zweihundert Metern hinunterzuklettern. Der Abstieg geschah mittels Stangen aus Metall, die in der Brunnenwand staken, und da sie für die Bedürfnisse eines viel kleineren und leichteren Geschöpfes bestimmt waren, so ermüdete mich das Klettern bald, und ich bekam Krämpfe. Und es war keine einfache Ermüdung: Eine der Stangen bog sich plötzlich unter meiner Last und warf mich fast in die Tiefe hinab. Einen Moment hing ich an einer Hand, und nach dieser Erfahrung wagte ich nicht wieder auszuruhen. Obgleich mich Arme und Rücken bald scharf schmerzten, kletterte ich doch mit der raschest möglichen Bewegung weiter. Als ich nach oben sah, sah ich die Öffnung als eine kleine blaue Scheibe, in der ein Stern zu sehen war, während der kleinen Weena Kopf als ein schwarzer runder Vorsprung erschien. Der stoßende Schall einer Maschine unten wurde lauter und ausdrucksvoller. Alles außer jener kleinen Scheibe oben war tiefdunkel, und als ich wieder aufsah, war Weena verschwunden.

Ich war in einer Qual des Unbehagens. Ich dachte halb daran, den Schacht wieder hinaufzuklettern und die Unterwelt in Ruhe zu lassen. Aber während ich mir das überlegte, fuhr ich mit dem Abstieg fort. Schließlich sah ich mit intensiver Erleichterung undeutlich einen Fuß rechts von mir ein dünnes Schlupfloch in der Wand heraufkommen. Ich schwang mich hinein und sah, daß es die Öffnung eines schmalen Horizontaltunnels war, in den ich mich legen und ausruhen konnte. Es war nicht zu früh. Die Arme schmerzten mich, der Rücken war steif, und ich zitterte von der langen Angst vor einem Fall. Und dann hatte die ununterbrochene Dunkelheit eine schlimme Wirkung auf meine Augen. Die Luft war vom Schwirren und Stoßen der Maschinerie erfüllt, die in den Schacht Luft hinunterpumpte.

Ich weiß nicht, wie lange ich liegen blieb. Mich störte eine weiche Hand auf, die mein Gesicht berührte. Ich fuhr im Dunkel hoch, griff nach meinen Streichhölzern, entzündete eins und sah drei gebückte weiße Geschöpfe, ähnlich dem, das ich über der Erde in der Ruine gesehen hatte, eilig vor dem Lichte fliehen. Da sie hier unten in einem Dunkel lebten, das mir undurchdringlich schien, so waren ihre Augen genau wie die Pupillen der Tiefseefische abnorm groß und empfindlich, und sie reflektierten auch das Licht ebenso. Ich zweifle nicht, daß sie mich in jener strahlenlosen Finsternis sehen konnten, und sie schienen sich, abgesehen von dem Licht, durchaus nicht vor mir zu fürchten. Aber sobald ich ein Zündholz anstrich, um sie zu sehen, flohen sie unverzüglich, und sie verschwanden in dunkle Kanäle und Tunnels, aus denen mich ihre Augen auf die unheimlichste Art anglänzten.

Ich versuchte sie anzurufen, aber ihre Sprache war offenbar anders als die der Oberweltmenschen: so blieb ich also meinen eigenen hilflosen Bemühungen überlassen, und noch jetzt dachte ich an Flucht vor der Erforschung. Aber ich sagte mir: ›Jetzt bin ich drin‹, und als ich mich den Tunnel entlang tastete, merkte ich, daß der Maschinenlärm lauter wurde. Alsbald wichen die Wände von mir fort, und ich kam auf einen weiten, offenen Platz, und als ich ein zweites Zündholz anstrich, sah ich, daß ich in eine weite, überwölbte Höhle getreten war, die sich hinter dem Bereich meines Lichtes wieder ins tiefste Dunkel streckte. Was ich von ihr sah, war soviel, wie man bei brennendem Streichholz sehen kann.

Meine Erinnerung ist natürlich unbestimmt. Große Formen – wie riesige Maschinen – erhoben sich aus dem Dunkel und warfen groteske schwarze Schatten, in die gespenstische Morlocken vor dem Lichtschein flohen. Es war dort, nebenbei, sehr heiß und drückend, und ein matter Geruch von frisch vergossenem Blut lag in der Luft. Eine Strecke in der Zentralhalle hinunter stand ein kleiner Tisch aus weißem Metall, der scheinbar mit einem Mahl bedeckt war. Die Morlocken waren auf jeden Fall Fleischesser! Ich entsinne mich, daß ich mich gleich fragte, welches große Tier überlebt haben könnte, um die rote Keule zu liefern, die ich sah. Alles war sehr undeutlich: der schwere Geruch, die großen, unklaren Formen, die ekelhaften Gestalten, die in dem Schatten lauerten und nur auf das Dunkel warteten, um wieder zu mir zu kommen! Dann brannte das Streichholz ab, sengte mir die Finger und fiel – ein sich ringelnder roter Fleck in der Schwärze.

Ich habe seither daran gedacht, wie besonders schlecht ich für ein solches Unternehmen ausgerüstet war. Als ich mich mit der Zeitmaschine aufgemacht hatte, hatte ich es in der absurden Annahme getan, die Menschen der Zukunft würden uns in allen Vorrichtungen unendlich voraus sein. Ich war ohne Waffen, ohne Medizin, ohne irgend etwas zu rauchen – zuzeiten entbehrte ich den Tabak furchtbar – selbst ohne genug Streichhölzer gekommen. Wenn ich nur an einen Kodak gedacht hätte! Ich hätte den Blick in die Unterwelt in einer Sekunde aufnehmen und in Muße untersuchen können. Aber so stand ich nur mit den Waffen und Kräften da, die mir die Natur verliehen hatte – mit Händen, Füßen und Zähnen; die und vier Sicherheitszündhölzer blieben mir noch.

Ich fürchtete mich, zwischen all diesen Maschinen im Dunkel vorzudringen, und erst mit meinem letzten Lichtschein entdeckte ich, daß mein Vorrat an Streichhölzern bald erschöpft war. Es war mir bis zu diesem Moment nie eingefallen, daß ich mit ihnen sparen müßte, und ich hatte fast die halbe Schachtel damit verschwendet, daß ich die Oberweltler erstaunte, denen Feuer etwas Neues war. Jetzt hatte ich, wie gesagt, noch vier, und sowie ich im Dunkel stand, berührte eine Hand meine, dünne Finger tasteten mir übers Gesicht und ich empfand einen eigentümlichen unangenehmen Geruch. Ich meinte, ich hörte das Atmen von einer Herde dieser furchtbaren kleinen Wesen um mich. Ich fühlte, wie man mir die Streichholzschachtel sanft aus der Hand lösen wollte, und andere Hände zogen mir hinten an meinen Kleidern. Das Gefühl, daß diese unsichtbaren Geschöpfe mich untersuchten, war mir unbeschreiblich unangenehm. Mir wurde im Dunkel sehr lebhaft klar, daß ich gar nichts von ihrer Art zu denken und zu handeln wußte. Ich schrie sie an, so laut ich konnte. Sie fuhren auseinander, und dann konnte ich fühlen, wie sie sich mir wieder näherten. Sie packten mich kühner und flüsterten sich sonderbare Laute zu. Mir schauderte heftig, und ich schrie noch einmal – ziemlich mißtönend. Diesmal waren sie nicht so ernstlich erschreckt, und sie stießen einen wunderlichen, lachenden Laut aus, als sie zu mir zurückkehrten. Ich will gestehen, ich hatte furchtbare Angst! Ich beschloß, noch ein Streichholz anzuzünden und unter dem Schutz seines Scheins zu fliehen. Ich tat es, und indem ich das Flackern durch ein Stück Papier aus meiner Tasche verlängerte, vollzog sich mein Rückzug bis zu dem engen Tunnel. Aber kaum hatte ich ihn betreten, als mein Licht ausgeblasen wurde, und in der Finsternis hörte ich die Morlocken wie Wind unter Blättern rascheln und wie Regen klatschen, als sie mir nacheilten.

Im Nu war ich von vielen Händen gepackt, und es war kein Zweifel, sie versuchten, mich zurückzuziehen. Ich strich ein neues Streichholz an und schwenkte es vor ihren geblendeten Gesichtern. Sie können sich kaum vorstellen, wie ekelhaft unmenschlich sie aussahen – diese blassen, kinnlosen Gesichter und großen lidlosen, rötlichgrauen Augen! – als sie so in ihrer Blindheit und Verwirrung starrten. Aber ich wartete nicht, um zu schauen, sage ich Ihnen: ich wich wieder zurück, und als mein zweites Streichholz zu Ende war, strich ich mein drittes an. Es war fast abgebrannt, als ich die Öffnung in den Schacht erreichte. Ich legte mich am Rande nieder, denn der Stoß der großen Pumpe unten machte mir schwindlig. Dann tastete ich seitwärts nach den Haken, und in dem Moment wurden meine Füße von hinten gepackt und ich wurde heftig zurückgerissen. Ich zündete mein letztes Streichholz an ... und es ging sofort aus. Aber ich hatte jetzt die Hand an den Klettergriffen, und indem ich gewaltsam austrat, machte ich mich aus den Griffen der Morlocken los und kletterte rasch den Schacht hinauf, während sie zu mir aufspähten und blinzelten: nur ein kleines Geschöpf folgte mir eine Strecke weit und trug fast meinen Stiefel als Trophäe davon.

Der Aufstieg schien mir endlos. Mit den letzten zwanzig oder dreißig Fuß überkam mich eine tödliche Übelkeit. Es machte mir die größte Schwierigkeit, nicht den Halt zu verlieren. Die letzten paar Meter waren ein furchtbarer Kampf gegen diese Schwäche. Mehrere Male schwamm mir der Kopf und ich hatte alle Empfindungen des Fallens. Schließlich aber kam ich irgendwie über den Brunnenrand und stolperte aus der Ruine in den blendenden Sonnenschein. Ich fiel aufs Gesicht. Selbst der Boden roch frisch und sauber. Dann erinnerte ich mich, wie Weena mir Hände und Ohren küßte und ich die Stimme anderer unter den Eloi hörte. Darauf war ich eine Zeitlang ohne Besinnung.

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