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Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
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VII.

Die strahlende Frühlingssonne versank fern drüben hinter den grünen Höhenzügen der Insel Wight. Das weiße Schiff war der Brandung von Brighton entronnen; nun glitt es, in der sanften Dünung sich graziös wiegend, den Kanal hinunter, vorüber an den Schlössern der englischen Küste; fern drüben dämmerte ein grauer Streifen Landes: Frankreich.

Janna lag in ihrem bequemen Liegestuhl, ein wenig gesondert von der langen Reihe der Rastenden, zur Seite Lisette Roberts. Stewards gingen vorüber, mit Tabletts, auf denen verheißungsvolle Dinge blinkten. Aus dem Schiffsinnern kam leises Quinquilieren.

»Der erste große Ball«, sagte Janna. »Ich freue mich sehr darauf.«

Lisette Roberts warf einen Blick auf die schimmernden Kreidefelsen dort drüben, auf denen der Reflex der Sonne lag. »Der Prinz von Battenberg soll bis drei Uhr mit Léonie Storm musiziert haben.«

Janna lachte. »Dabei fährt er nach Amerika, um sich eine Gould zu holen.«

»Ich glaube, sie macht sich nichts aus ihm«, sagte Lisette. »Wenigstens habe ich beobachtet, daß sie kein Auge von Alfons Costa verwandt hat.«

»Er ist ein schöner Mann,« nickte Janna, »und seine Musik ... sie hat ihm eine Karte hinaufgeschickt, ich sah es zufällig: mit einem Verzeichnis ihrer Lieblingsstücke. Er hat sie gehorsam gespielt.«

Lisette zog fröstelnd die Decke höher; schon kam ein Steward herangestürzt, ihr zu helfen. »Ich danke«, sagte sie mit ihrem sicheren, immer ein wenig distanzgebietenden Lächeln. »Es geht schon. Ich möchte heute nicht zum Dinner gehen«; Lisette blickte den Herren nach, die eilig zur Halle drängten. »Ich pflege vor dem Tanzen so gut wie nichts zu essen. Haben Sie die Speisekarte gesehen? Sie fängt an mit Mulligatawny-Suppe und führt über Boiled Redsnapper und Mousse Dumplings of Capon à l'Alexandra und Chicken en Casserole über zwanzig verschiedene Süßspeisen zum Käse, zum Obst und zum Dessert; nein, ich ziehe es vor, heute zu fasten.«

Janna warf einen schnellen Blick in das Gesicht ihrer Nachbarin. »Merkwürdig,« sagte sie, »genau denselben Gedanken habe ich gehabt. Ich denke, man nimmt zum Abendessen eine Tasse Tee und etwas kaltes Fleisch.«

Zwei junge Damen gingen vorüber, mit dem federnden Schritt der Amerikanerin. Sie grüßten lachend zu den beiden hinüber und gingen dann die Treppe hinauf, die zum Sonnendeck führte.

»Die machen es genau so wie wir«; Lisette folgte ihnen mit den Augen; »haben Sie übrigens gesehen: die kleinere von den beiden, Miß Thornycroft, hat dem bulgarischen Attaché gestern zweimal einen Korb gegeben. Das scheint mir sehr verdächtig.«

»Wieso verdächtig?«

»Nun, das ganze Schiff ist überzeugt, daß Miß Thornycroft auf diese Weise die Täuschung hervorrufen wolle, sie habe nichts mit dem Attaché, während das ganze Schiff weiß, daß sie erst heute morgen um fünf Uhr in ihre Kabine zurückgekehrt ist.«

»Vielleicht hat sie mit ihm eine Mondscheinpromenade gemacht.«

Lisette lachte. »Es ist seltsam, wie ansteckend die ›Yoshiwara‹-Atmosphäre ist. Es sind mindestens fünfzig Frauen an Bord, die an Land sicher die treuesten Gattinnen sind; hier, auf diesem Schiff, sind sie nicht mehr wiederzuerkennen. Ich glaube, hier entflammt sich einer am andern; die Atmosphäre ist mit Erotik geladen.«

»Der Baron Clinchant«, sagte Janna, »hat mir versichert: Léonie Storm sei eine wirklich treue Frau.«

»Das hat er gesagt,« nickte Lisette, »um einen Aphorismus anzubringen. Ich habe gestern über dasselbe Thema mit ihm gesprochen: über Léonie Storm. Der Baron behauptet: wenn eine Frau ihrem Manne treu ist, so ist sie es nicht aus Treue gegen ihren Mann, sondern aus Bosheit gegen den Dritten.«

Eine Dame ging vorüber, Ende der Vierzig, vielleicht älter, vielleicht jünger. Sie war groß, stattlich. Erst bei ihrem Näherkommen erkannte man, daß ihre Gesichtszüge eingefallen, ihre Gestalt hager war.

»Morphium ...«, flüsterte Lisette.

»Es ist eine russische Fürstin.«

Lisette nickte. »Sie hat eine Luxuskabine: Nummer drei. Versuchen Sie, im Laufe des Abends bei ihr Einlaß zu finden; Sie werden einen Anblick haben, den Sie nie in Ihrem Leben wieder vergessen.«

»Darf ich Ihnen etwas bekennen?« fragte Janna lächelnd. »Es wundert mich, daß Sie so unverblümt von diesen Dingen sprechen. Weiß ich doch, daß dieser Dampfer Ihrem Gatten gehört!«

Lisette machte eine kleine Handbewegung. »Werden Sie es mir glauben, wenn ich Ihnen sage: daß dieses Schiff bisher meinem Manne nur Verluste gebracht hat?«

»Ich dachte, die ›Yacht der Sieben Sünden‹ bringt ihrem Besitzer jedes Jahr eine Million.«

»Mein Mann ist offiziell der Eigentümer; aber der Pächter, dem alle Gewinne zuflossen, ist vor kurzem gestorben.«

Janna blickte schweigend an Lisette vorüber; der Name Martini lag unausgesprochen zwischen den beiden Frauen.

Hier war eine Möglichkeit; es galt, geschickt und vorsichtig zu lavieren.

»Kennen Sie den Mann der Frau Léonie Storm?«

Lisette richtete sich auf und sah einen Augenblick zu Janna hinüber. »Den Schriftsteller Kilian Gurlitt?« fragte sie. »Er ist in London verhaftet worden; von Bord dieses Dampfers. Wenn ich nicht irre, waren Sie in der Nähe?«

»Ja«, sagte Janna. Diese Lisette war klüger als sie dachte; zudem hatte sie sichere Nerven: sie ging auf ihr Ziel los. Es war aussichtslos, ihr auf einem Umweg beikommen zu wollen.

»Er ist verhaftet worden unter dem Verdacht, einen Mord begangen zu haben.«

»Ich hörte es. Er ist bestimmt unschuldig. Aber die Konstellation der Dinge ist gegen ihn. Ja, ich möchte sagen, wenn ich nur die Sache kennen würde und nicht die Person: ich würde ihn vielleicht für den Täter halten.«

»Sie kennen ihn also näher?«

Janna richtete sich halb auf und sagte langsam: »Ja, Frau Roberts. Ich habe mich mit dem Fall ... nun, sprechen wir es schon aus: mit dem Fall Martini befaßt. Ich kenne alle Einzelheiten.«

»Sie wissen auch, daß mein Mann vorübergehend unter Verdacht gestanden hat?«

»Ja.«

»Und halten Sie ihn für den Täter?«

»Nein. Aber ich glaube, daß er uns wichtige ... daß er Doktor Gurlitt wichtige Dienste leisten könnte; denn ich glaube, daß Herr Roberts den Mörder kennt. Vielleicht ist es eine glückliche Fügung des Schicksals, daß wir miteinander, unter vier Augen, über diese Dinge sprechen können. Gurlitt leidet unter einem furchtbaren und entehrenden Verdacht – der ungerechtfertigt ist. Wenn Roberts reden würde, so wäre Gurlitt gerettet.«

»Aber warum sollte mein Mann nicht sagen, was er weiß?«

»Weil er ... weil er ...«

Eine kleine Pause entstand; die Blicke der Frauen tauchten ineinander.

»Es ist kein Kriminalfall im üblichen Sinne«, sagte Janna leise. »Hier spielen tausend Dinge hinein, die dem Mörder Recht und abermals Recht geben. Ich möchte fast sagen: dieser Mord war eine ethische Tat. Ein Parasit ist vernichtet worden, ein Ehrlicher wurde von seinem Peiniger befreit. Ich habe mit dem Täter – vielleicht ist es eine Täterin, nicht wahr, gnädige Frau? – alles Mitgefühl; ich würde ihn schützen, wenn er sich zu mir flüchten würde. Aber er muß das eine begreifen: daß er durch seine Tat einen Unschuldigen, einen Gehetzten, einen Verzweifelten auf dem Gewissen hat – und er muß seine Tat krönen durch das Geständnis: ich bin es gewesen – jener ist unschuldig. Erst dann, wenn er vor seinen Richter tritt, wenn er gesteht – erst dann hat er sein Werk vollendet. Es ist merkwürdig genug: man kann an diese Dinge nicht mit dem Rüstzeug des Geistes herangehen, nicht mit spitzfindigen Recherchen – man muß, um den Täter zu überführen, an seine anständige Gesinnung appellieren. An sein Herz. An sein Mitleid. Vielleicht darum: weil dieser Täter eine Frau ist

Lisette warf die Decke zurück und erhob sich mit einem Ruck. »Fräulein Lynd,« sagte sie mit tiefer, vielleicht trauriger Stimme, »ich weiß es: Sie halten mich für die Mörderin Stefan Martinis.«

Janna schwieg.

»Ich gebe zu: Sie haben dafür manche Gründe.«

»Sie haben«, sagte Janna leise, »alles getan, um Gurlitts Abreise aus Hamburg zu verhüten. Sie haben ihn mit List festgehalten, bis Herr Roberts abgereist war.«

Lisette nickte. »Begreifen Sie nicht den Grund? Ich hielt Roberts für den Schuldigen. Erst jetzt, in London, habe ich erfahren, daß ihm ein anderer zuvorgekommen war.«

»Roberts hat die Verhaftung Gurlitts in London bewirkt. Welchen Grund kann er dafür gehabt haben, wenn nicht den, daß er jemanden, der ihm näher stand, schützen wollte? Gurlitt hatte ihm nichts getan.«

Lisette zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, ob mein Mann dahinter steht. Ja, ich glaube es nicht. Nur das eine müssen Sie mir glauben: ich habe keinen Anteil an dieser Tat. Ich habe Martini nicht einmal allein sprechen können; unverrichteter Dinge bin ich nach Hamburg zurückgefahren.«

»Sprechen Sie die Wahrheit?« murmelte Janna.

*

Durch die große Halle der ›Yoshiwara‹ flutete Musik, Licht, Tanz. Der Name »Léonie« schwebte unhörbar in den Klängen der synkopierten Musik; alles in diesem Raume schien sich zu einem Reigen um Léonie zu vereinen. Alfons Costa hatte seinem neuen Tango, der eben schmelzend durch den Saal wogte, den Namen »Léonie« gegeben; der Prinz von Battenberg war Léonies Partner.

Janna und Lisette hatten sich während des ganzen Abends nur flüchtig gesehen; es war, als ob eine stumme und drohende Frage zwischen ihnen liege. Der bulgarische Attaché hatte Janna nun schon zum dritten Male zum Tanz aufgefordert; Miß Thornycroft tröstete sich mit dem neuen Star der Metropolitan Oper, dem Tenor Cortoletti.

*

In der Tiefe des Schiffes, in der letzten brodelnden Tiefe, arbeiteten in rotglühender Nacht die chinesischen Heizer: halbnackt, versengt von der unendlichen Hitze, Kinder der Tiefe. Der Raum war, ein einziger glühender Rachen, erfüllt von dem heißen Atem, der durch das ganze Schiff ging; kein Klang von oben drang in diese Unterwelt.

Wang, der Jüngste, ein Kantonkuli Von achtzehn oder neunzehn, hatte den Kopf auf die Schaufel gelehnt. Ein Kamerad stieß ihn an.

»Halloh, Wang! Dein Feuer wartet!«

Grinsend kam ein Dritter hinzu: »Wang träumt von seiner schönen weißen Frau.«

Der Geneckte wandte sich unwillig herum; aber er schwieg.

»Zweimal ist sie hiergewesen«, nickte Li; »zweimal hat sie Wang Grape Fruit gebracht und Zigaretten. Seither ist es aus mit ihm; er träumt nur noch von der schönen weißen Frau dort oben.«

»Sie ist eine berühmte Schauspielerin«, sagte der andere. »Wenn sie wollte, könnte sie uns alle reich und glücklich machen.«

»Heut wird sie nicht kommen, Wang«, Li nahm Wangs Schaufel und stieß sie mit einem Ruck in den Kohlenberg; »da, vergiß dein Feuer nicht; der Oberheizer sieht schon herüber. Heut ist großer Ball dort oben.«

»Warum sollte sie nicht kommen?« knurrte Wang.

»Sie würde sich hier unten ihre feinen Kleider schmutzig machen.«

»Sie wird überhaupt nicht wiederkommen«, sagte ein anderer, der hinzutrat. »Sie hat sich einen Scherz mit dir gemacht. Mit uns. Sie lacht über die armen Chinamänner hier unten; ganz sicher, sie lacht über uns.«

»Sie tanzt«, sagte Wang; »dieses Schiff trägt sie, trägt uns. Was wäre, wenn wir nicht arbeiteten?«

»Dann wären tausend andere da, die es täten«, sagte Li, der Philosoph. »Geh an deine Arbeit!«

»Warum hat sie mir Zigaretten geschenkt?« Wang war von seinen Gedankengängen nicht abzubringen. »Ganz sicher: ich habe ihr gefallen.«

»Hast du nie in deinem Leben einem räudigen Hund einen Knochen zugeworfen? So, Wang, so und nicht anders war es, als sie dir Zigaretten gab.«

»Das ist nicht wahr!« sagte Wang. »Du lügst, du bist neidisch!«

»Wenn sie wiederkommt,« sagte Li, »muß es ihr jemand sagen: daß sie unrecht tut. Das wird sie nicht wollen, die weiße Frau. Sie wird es nicht wissen, daß sie ihn unglücklich macht. Was ist ihr ein armer kleiner Chinamann?«

Zugwind kam plötzlich durch den Raum; irgendwo mochte eine Tür gegangen sein: sechzig Chinesenköpfe wandten sich nach oben.

Auf der Wendeltreppe schimmerte es golden; wie gebannt starrten die blassen Gesichter auf das Wunder, das vor ihren Augen Fleisch und Blut wurde. Brokatene Schuhchen, darüber schimmernd, fleischfarben, lockend und verführerisch, seidenbestrumpfte Frauenbeine.

Der Oberheizer trat hinzu; sechzig Paar Arme schaufelten in den Kohlenbergen.

Léonie war die erste, die auf die eiserne Plattform sprang; ihr folgte Miß Thornycroft und noch ein paar der schönsten Frauen aus jener Welt dort oben, getrieben von Neugierde, von einem seltsamen, vielleicht grausamen Kitzel. Alle hatten die Hände voll Zigaretten; eine brachte Sekt. Das Feuer, das aus den Schlünden strahlte, warf dunkelglühende Reflexe auf rosiges Frauenfleisch. Wieder standen die Chinesen betroffen, wie in stummer Verzückung.

Léonie nahm das Wort.

»Komm her, Wang: die schönsten Zigaretten für dich. Und hier, trink ein Glas Sekt; es ist mein Glas; du sollst es behalten, Wang.«

Die andern leerten den Inhalt der Sektflaschen in die Trinknäpfe der Kulis. Der Oberheizer stand grollend daneben; er warf einen finsteren Blick auf den Offizier, der die Frauen geführt hatte.

»Die Ladies machen mir die Kulis verrückt«, sagte er leise.

Der Offizier zuckte die Achseln. »Dies Schiff gehört den Passagieren«, sagte er, wie in einer Art Rechtfertigung.

»Nun, Wang, liebst du mich noch?« fragte Léonie lachend.

Wang antwortete nicht, er starrte nur mit weitaufgerissenen Augen auf die Frau, die vor ihm stand.

»Es gefällt mir hier unten viel besser«, lachte Miß Thornycroft, »als bei den Gents dort oben. »Hier ist unverfälschte Natur!« Sie strich einem der Heizer über den nackten Arm; der Gestreichelte grinste.

»Komm, trink noch ein Glas Sekt, Wang.«

Der Aufgeforderte trank in einem Zuge das Glas leer. Plötzlich warf er sich vor Léonie auf die Knie und küßte ihren Brokatschuh.

Léonie, die die unerwartete Bewegung vielleicht nervös machte – vielleicht daß sie sie falsch deutete, daß sie an eine plötzliche Gefahr glaubte – Léonie machte eine kleine erschreckte Bewegung, die dem Chinesen nicht entging. Er sah den Abscheu, der einen Moment lang in den Augen jener Frau aufblitzte; er begriff vielleicht in diesem einen winzigen Augenblick, daß alle Träume, in die er sich eingesponnen hatte, tief unten in der Hölle dieses Riesenschiffes, vermessener Wahnsinn gewesen waren; daß eine Schar von Auserwählten, von Kindern des Glücks, von lachenden, übermütigen Lieblingen des Lebens, sich damit vergnügt hatte, denen da unten ein Zipfelchen des Glücks zu zeigen – um es ihnen lachend wieder zu entreißen.

Eben füllte Léonie, der die Veränderung in Wangs Gesicht vielleicht nicht entgangen war, das Glas zum dritten Male; sie hielt es ihm hin.

Er stieß es mit einer haßerfüllten Gebärde zurück, daß es klirrend auf den Boden schmetterte.

Der Offizier, der unmutig den Stimmungsumschwung beobachtet hatte – auch die Gesichter der andern Chinesen waren plötzlich finster geworden – sagte:

»Meine Damen: ich muß bitten!«

Die lustige Gesellschaft wandte sich um, grüßte noch einmal mit weißen Armen zurück und entflatterte in die Höhen, aus denen sie gekommen war.

Der Oberheizer blickte ihnen nach; dann spuckte er in weitem Bogen in den Kohlenhaufen und murmelte etwas zwischen den Zähnen, was sie zum Glück nicht hörten.

Die Heizer gingen mit verbissenem Eifer an ihre Arbeit; Wang stand zwischen ihnen; mechanisch nahm er die Schaufel, mechanisch entleerte er sie in den Schlund des Ofens; dann, plötzlich, wie in einem verzweifelten Entschluß, warf er die Schaufel klirrend auf den Boden und stürzte die Treppe hinauf.

»Wang!« rief der Oberheizer ihm nach; er rannte hinter dem Enteilenden her, die Treppe hinauf; aber der Wahnsinn mochte dem kleinen Chinesenjungen Kraft und Schnelligkeit verleihen.

»Holt ihn zurück!« kommandierte der Oberheizer. Zwei Chinesen rannten hinter dem Flüchtling her.

Die Jagd ging durch die volle Höhe des Schiffes, durch Treppen, die an Magazinkammern vorüberführten, vorbei an den Kabinen der dritten Klasse; vorüber an den Treppen der Lagerräume. Immer hatte Wang einen Vorsprung von zwanzig Stufen.

»Wang! Wang!«

Der Flüchtling stieß eine eiserne Tür auf; die frische kühle Luft des Meeres strömte ihm entgegen. Er blieb einen Augenblick stehen, vielleicht um Atem zu schöpfen, vielleicht um einen klaren Gedanken zu fassen. Aber schon hörte er die Stimme seiner Verfolger, die seine Kameraden waren – die dennoch, in diesem Augenblick, nichts anderes schienen als Feinde, als Jagdhunde, die das fliehende Wild zur Strecke bringen sollten.

Er sah zurück; dort unten, in jener letzten Tiefe, aus der es warm und dunstig und schmutzerfüllt heraufquoll – dort unten war die Hölle. Dort war die Fron, das ewige, monotone, verfluchte Leben; keine Brücke war von dort zu hier, von der Tiefe zum Licht; diese eine Bewegung der weißen Frau hatte genügt, ihn alles dies in einem winzigen Augenblick erkennen zu lassen.

Sie kamen heran ...

Wenn sie ihn jetzt ergriffen, war alles vorbei; sie würden ihn herunterschleppen, ein Gegenstand des Mitleids, der Verachtung; ein Galeerensträfling, der an sein Ruder geschmiedet blieb bis an das Ende seines elenden Lebens.

»Wang!«

Der Gehetzte blickte sich um; dann lief er, mit einem letzten verzweifelten Sprung, zur Reeling, schwang sich hinüber; ein kleiner schmächtiger Körper klatschte in das dunkle Wasser des Kanals, das ihn aufnahm, so wie eine Mutter ihr verzweifeltes Kind in die Arme schließt.

*

Léonie, Léonie,
Königin der »Yoshiwara«,
Königin der Sternennacht ...

Das Licht erlosch; das Parquet lumineux glühte auf.

Allmählich ging der gleitende Rhythmus des Tangos in ein gedämpftes Unisono der Geigen über. Die Figuren der Tanzenden warfen gespenstische und huschende Schatten, riesengroß verzerrt, in den Raum. Das Licht wechselte: rot, grün, gelb, blau, weiß; in tausend Facettierungen brach es sich in den Spiegeln an den Wänden.

» Danse Macabre«, flüsterte der Baron Clinchant.

Der Prinz von Battenberg hielt Léonie im Arm. »Königin der Sternennacht«, flüsterte er.

Sie antwortete nicht; sie schien auf etwas zu lauschen, auf irgendeinen Klang, der aus der Ferne kommen mochte. Aus der Tiefe ...

Das Licht flammte wieder auf:

Léonie, Léonie,
Deine blauen Augen strahlen;
Deine blauen Augen lügen;
Léonie, Léonie ...

In diesem Augenblick schien irgend etwas vor sich zu gehen. Ein Hauch vielleicht, ein Wort, eine unsichtbare Welle; aber Léonie, geschärften Sinnes, empfänglich für das Ungesagte, wußte es: daß hier das Schicksal an die Tür pochte.

Die Musik setzte ein zu einem neuen Fortissimo ...

In diesem Moment erlosch plötzlich das Licht.

Ein paar mochten hier eine neue raffinierte Wendung vermuten: sie applaudierten. Aber jemand rief dazwischen: »Ruhe!« Die Musik, die verwirrt abgebrochen hatte, setzte mit einem flotten Onestep ein.

Warum spielte man die Melodie nicht zu Ende?

»Licht!« schrie jemand, und in hundertstimmigem Echo wiederholte sich der Ruf: »Licht!«

Merkwürdig: der Ruf verhallte – der Saal blieb dunkel.

Immer noch dominierte das Bewußtsein der absoluten Sicherheit, das Gefühl, daß an dieser Stätte der Lebensfreude für Gefahr kein Platz sei. Die Nischen des Saals füllten sich, es füllten sich die kleinen lauschigen Zimmer, die an der Peripherie der Halle entlangliefen. Zärtliche Liebesworte irrten durch das Dunkel. Der Prinz flüsterte, Léonie an sich pressend, eine verliebte und leidenschaftliche Bitte. Sie gehorchte ihm fast wider Willen. Er zog sie mit sich in das kleine Rokokozimmer zur Rechten.

Aber in diesem Augenblick geschah es:

Eine Tür ging; ein Mann trat ein, auf den das Licht einer spärlichen Notlampe fiel: ein Mann in Schiffsuniform. Er sagte: die Herrschaften möchten verzeihen, es sei kein Grund zur Besorgnis; es werde ein paar Minuten dauern, bis das Licht wieder funktioniere; man möge solange mit dem Tanz pausieren.

Der Prinz, plötzlich ernüchtert, sagte: »Hier stimmt etwas nicht.«

»Eine kleine Betriebsstörung«, sagte jemand, der vorübergehen mochte.

»Schon gut, schon gut. Aber warum bittet man uns, nicht zu tanzen? Das sieht nach Gefahr aus.«

Das Wort »Gefahr« schwirrt durch den Raum; es verhundertfacht sich, es bricht sich an den Wänden; einer raunt es dem andern zu: »Gefahr!«

Aber noch hält man alles für eine Art Scherz, für eine Übertreibung, entstanden aus dem Rausch dieser Nacht, aus Laune. Keiner glaubt im Ernst, daß dieses herrliche Schiff etwas anderes bergen könne als Lachen und Glück.

Schon fügt man sich, ein wenig zaudernd vielleicht, doch in der wohligen Wärme, in der weichen, schmeichelnden und sinnlichen Atmosphäre dieses Raums, in das Unvermeidliche. Flüstern steigt auf, mischt sich mit Lachen und Seufzen; zwar – die Musik hat aufgehört, Stille liegt über dem Raum; aber das Schiff gleitet weiter durch die Wasserfluten, über denen man schon das erste silbrige Dämmern zu spüren glaubt. Eine Stunde noch, zwei Stunden vielleicht, dann wird alles vergessen sein, Angst und Beklommenheit; dann wird diese ganze Nacht versunken sein; man wird sich mit einem kleinen Lächeln, einem bißchen Scham vielleicht, zaghaft mancher zärtlicher und schmeichelnder Dinge erinnern; zwei Stunden noch ...

Da aber klingt ein Ton auf, den man nicht begreift; es ist, als ob ein paar Dutzend Menschen miteinander flüstern – es können auch hundert sein; man glaubt ihre Schritte zu hören; es ist so, als ob der Chor in einer Oper summend heranmarschiert; plötzlich hört man ganz lautes Sprechen, und es ist kein Zweifel, daß es näherkommt; und es ist kein Zweifel, daß es die Gefahr ist. Die blanke, nackte Todesgefahr, die an die Pforte klopft. Es hilft nun nichts, man wird den Dingen ins Auge sehen müssen; fünf, sechs Türen öffnen sich zugleich. Es quillt herein; undeutlich erkennt man den asiatischen Gesichtsschnitt der Menschen, die hier, mit nacktem Oberkörper, schweißtriefend, hereinstürmen. Sie tragen etwas in den Händen, es mögen Waffen sein, vielleicht sind es Wurfgeschosse oder auch hie und da aufgegriffene primitive Dinge, die aber sehr wohl genügen können, dem Nächstbesten den Schädel einzuschlagen.

»Halt!« schreit jemand; vielleicht ist es der Prinz, vielleicht ist es einer von den andern Herren der Aristokratie. Aber wieherndes Gelächter antwortet ihm. Zwei, drei Männer gehen langsam auf den zu, der »Halt!« gerufen hat; einer schlägt ihm mit einem Gegenstand über den Kopf. Es kracht, und er schlägt wie ein abgehauener Baum zu Boden. Nun kreischt es auf, Frauen fangen an zu weinen, Männer versuchen gegen die Eindringlinge vorzugehen; plötzlich fällt ein Schuß, man weiß nicht, wer geschossen hat, die Angreifer oder die Angegriffenen. Aber im nächsten Augenblick kracht und blitzt es durcheinander, dreißig, vierzig Schüsse donnern durch den Raum. Irrsinniges Kreischen dringt zur Decke; ein heulender Ton füllt den Saal; die Todesangst schreit in hundert Variationen um Hilfe. Ein paar erreichen die Türen, brechen aus; man will sie zurückhalten. Ein Strom, ein dichter, schwarzer Menschenstrom flutet hinaus.

Plötzlich geht ein Signal durch das Schiff. Die Maschinen stoppen ...

Jemand sagt leise aber akzentuiert, es klingt wie die Feststellung einer interessanten, nicht sehr wichtigen Tatsache:

» Feuer

Wieder greift man das Wort auf; »Feuer!« hallt es rollend über das Deck. Nun sieht man, daß aus Fugen und Ritzen des Deckbelags dichter Rauch quillt, und es ist kein Zweifel: die Heizer, die Dämonen der Unterwelt, haben sich empört gegen die weiße Fracht hier oben. Die Dunkelheit ist aufgestanden gegen das Licht; die Hölle gegen den Himmel. Tausendjährige Rachegelüste haben sich explosionsartig entladen, die Chinesen gehen in rasendem Sturm vor gegen alles Weiße, gegen alles Lebendige auf diesem Schiff.

»Hilfe ...!«

Fliehende Füße hasten über die Bohlen; Türen werden aufgerissen, vielleicht sucht man Verstecke, vielleicht gilt es, die Fliehenden einzufangen, sie niederzuschlagen; man weiß nicht mehr, wo Freund, wo Feind ist. Die Tür einer Luxuskabine rollt zurück. In verzückten Stellungen, traumhaft, verzerrt, liegen die Opiumraucher in den Appartements der Fürstin Dolgoruki; jemand stößt mit dem Fuß nach ihnen; wie ein Leichnam rollt der Körper über den Teppich ...

Auf dem Korridor begegnet Janna Alfons Costa – und Rose. Costa ist, merkwürdig genug, aufgelöst in Erregung, in Angst; totenbleich, mit wankenden Knien, schwankt er, in Roses Arm gehängt, vorüber; Janna zieht die beiden in ihre Kabine. Hier bricht Costa zusammen. Nein, das ist kein körperliches Zusammenbrechen mehr; das kommt tiefer, das kommt aus der Seele. Er starrt hinüber zu Rose; sie blickt an ihm vorbei. In beider Augen liegt irgendein Ausdruck, der nichts mehr mit dem zu tun hat, was auf dem Schiff vor sich geht; und plötzlich fährt es Janna durch den Sinn: daß in dieser Stunde, an diesem jüngsten Tag, alles sich scheiden wird, Lüge von Wahrheit, Schuld von Schein.

Schüsse krachen durch das Schiff; der Körper des Dampfers wankt; Hilferufe gellen durch die Korridore, krachende Schläge fallen auf Wehrlose; Heulen, Trampeln, Pfeifen erfüllen alle Räume dieses Schiffs.

»Wir müssen sterben«, flüstert Rose. Janna schweigt. Sie faßt die beiden ins Auge; Costa birgt seinen Kopf in Roses Schoß.

Wieder hört man Geräusche von draußen, die man sich nicht erklären kann. Arbeiten die Pumpen? Verläßt die Besatzung das Schiff? Überläßt sie die »Yacht der Sieben Sünden« widerstandslos den Revoltierenden, die nun als Herren ihren letzten Sieg feiern?

»Wir sinken«, sagt jemand; und man weiß nicht, wer von den Dreien das Wort gesprochen hat.

Plötzlich springt Costa auf. Er geht auf Janna zu; er nimmt ihre Hände, preßt sie. So mag ein Sterbender, der etwas Schweres auf dem Herzen hat, sich gebärden.

»Ich will alles sagen«, flüstert er; »Sie sollen das Letzte erfahren. Ich weiß, Sie sind ... Sie haben die Aufgabe übernommen, Kilian zu retten. Nun wohl – Kilian ist unschuldig. Ich bin Stefan Martinis Mörder

Janna springt auf. »Sie ...?«

In diesem Augenblick flammt das Licht auf. Es geht fast wie ein Schrei durch das ganze Schiff; wie ein einziger, lautloser, dennoch mit den Nerven deutlich erfaßbarer Schrei; Janna geht zur Tür, öffnet sie ein wenig. In allen Korridoren brennt tröstend, sonnenähnlich, das Licht der Glühlampen; aus den Türen quillt es; die Verängstigten lugen hervor. Ein paar Schiffsoffiziere, ruhig, gebräunt, mit festen Schritten, gehen durch die Gänge. Man erfährt von ihnen, daß die kleine Revolte der Chinesen niedergeschlagen ist; daß alle Gefahr vorüber ist und daß die Herrschaften gebeten werden, in den Tanzsaal zurückzukehren.

» Sie, Costa?« fragt Janna; und sie schiebt die Tür wieder zu.

Costa wirft einen Blick auf Rose. Seltsam, jetzt, in dem neu erwachten Leben, in dem Schein des Lichts, sehen die Dinge plötzlich anders aus.

»Martini war mein Gönner«, keucht er. »Wenigstens hielt ich ihn dafür. Eines Abends, ich weiß selbst nicht recht warum, fuhr ich hinaus zu ihm. Rose war nicht zu Hause ...«

Er blickt auf Rose. Die steht auf, mechanisch; leise öffnet sie die Tür; leise geht sie hinaus.

»Ich fühlte eine Unruhe in mir, die ich mir nicht erklären konnte. Der Hintereingang stand offen; niemand sah mich. Martini erschien; er mochte meine Schritte auf der Diele gehört haben. Er war erstaunt, nervös. Zu meinem Befremden ließ er mich plötzlich stehen, ging hinüber ins Arbeitszimmer.

Da entdeckte ich auf einem kleinen Taburett an der Tür Roses Handtasche ...

Rose bei Martini ...?

Ich öffnete die nächstbeste Tür, ich wußte Bescheid in Martinis Wohnung; es war Martinis Schlafzimmer.

Und dort ... dort stand ein Paravent. Während ich darauf zuging, wußte ich: daß ich Rose dahinter finden würde ...

Die Tür ging auf. Martini blickte ins Zimmer.

Ich stürzte auf ihn zu. Er sah mich an, und in seinen Augen erkannte ich das höhnische Glimmen.

›Ist Rose Ihre Geliebte?‹ fragte ich.

Er antwortete: ›Glauben Sie, um Ihrer schönen Augen willen sind Sie Musikdirektor auf der ›Yoshiwara‹ geworden?‹

Ich wandte mich um. ›Rose ...?‹

Rose blickte zu Boden und fing an zu schluchzen.

Ich trat auf Martini zu, packte ihn bei der Brust. Er rief mir ein höhnendes Schimpfwort zu – ein verächtliches, niederträchtiges Wort – warum soll ich das traurige Wort wiederholen – da zog ich die Waffe. Außer mir vor Wut und Verzweiflung schoß ich ihn nieder.«

Durch die Gänge kam rhythmisches Händeklatschen:

»Costa! Costa!«

Aber schon setzte im Musiksaal von neuem sein Tango ein.

»Und Rose?« fragte Janna.

Costa lehnte die Hand um die Lehne seines Sessels.

»Sie werden kaum begreifen, was ich jetzt sage, Fräulein Lynd: das gemeinsame Unglück hat uns fester aneinander geschmiedet. Ich wußte: sie hat es meinetwegen getan – um mich zu fördern – um mein Glück zu begründen. Sie aber wußte, daß sie die Ursache meiner Tat war. Manche Dinge mögen zwischen uns stehen; aber eins wiegt schwerer als alle andern: wir haben uns lieb.«

Die beiden schwiegen. Leise rieselnd kam durch die Nacht Costas Melodie:

Königin der ›Yoshiwara‹,
Königin der Sternennacht ...

»Und Gurlitt?« fragte Janna leise. »Haben Sie in der ganzen Zeit niemals an Ihren Freund Gurlitt gedacht, der unschuldig für eine Tat litt, die Sie begangen haben?«

Costa stützte den Kopf in die Hand und schloß die Augen. Mit schluchzender Stimme sagte er:

»Immer bin ich drauf und dran gewesen, die Wahrheit zu sagen; aber immer war ein Grund, es nicht zu tun. Schließlich habe ich auf ein Wunder gehofft, auf ein Wunder, das Kilians Unschuld enthüllen würde – ohne meine Schuld zu offenbaren.«

»Und nun?« fragte Janna.

»Ich werde in Southampton an Land gehen« sagte Costa, sich aufrichtend. »In Southampton werde ich alles gestehen.«

*

Der Zug fuhr in die Halle des Lehrter Bahnhofs ein; Janna stieg aus.

Schon kam Kilian Gurlitt auf sie zu; er ergriff ihre Hände; er sah ihr in die Augen; dann schloß er sie schweigend in die Arme.

»Die Zeitungen sind voll von dem Fall Martini«, sagte er; »und alle sprechen von dir. Deine drahtlose Depesche von Bord der ›Yoshiwara‹ an die Berliner Behörde beherrschte zwei Tage lang alle Blätter.«

»Seit wann bist du frei?«

»Sofort nachdem das Deutsche Konsulat Southampton das Geständnis Costas herübertelegraphiert hatte, ließ mich der Richter rufen.«

Sie nahm seinen Arm; das Gedränge der Reisenden schob sie dem Ausgang zu.

»Bist du mit mir zufrieden?« fragte sie, ihm zulächelnd.

Er drückte ihren Arm. »Und Costa?« fragte er mit einem tiefen Seufzer. »Und Léonie?«

Sie gingen eben über die Brücke, dem Tiergarten zu; das Licht der hohen Kandelaber fiel auf den frühlingshellen Platz.

»Costa ist in Southampton zusammengebrochen; er liegt im Hospital; Rose pflegt ihn. Ich fürchte, er wird nicht davonkommen. Nein, Kilian: ich hoffe es.«

Aus dem Dunkel des Tiergartens kam der warme Atem des jungen Frühlings. Das Licht der Lampen lachte durch das erste Grün; aus den kleinen Zelten zur Rechten drang der zärtliche Rhythmus des Tanzes. Pärchen, untergefaßt, streiften an ihnen vorüber; Janna drückte Kilians Arm fester an sich. In leuchtenden Schnüren flankierten Bogenlampen die große Allee; dort, jenseits des Dunkels, verschwammen die Konturen der fernen Stadt in den Schleiern der Frühlingsnacht.

Kilian Gurlitt mußte an jenen Abend denken, da er alles dieses mit trostlosem Blick umfaßt hatte: an jenen Abend, der ein Abschied sein sollte – und der Auftakt geworden war zu neuer Liebe. Zu neuem Leben.

»Und Léonie?« fragte Janna leise. »Léonie wartet auf dich. Nun, da du rehabilitiert bist ...«

Er schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Sie wartet nicht. Sie weiß, daß ich nicht kommen werde. Daß mein Platz hier ist. An deiner Seite.«

 

Ende.

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