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Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
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V.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, erfüllt von unruhigen und fiebernden Gedanken, erhob sich Kilian Gurlitt müde und zerschlagen. Er sah auf die Uhr; es war kurz nach sieben; er war sonst kein Frühaufsteher; aber es litt ihn nicht mehr im Bett. Es galt zu handeln, etwas zu unternehmen – es galt nach London zu kommen. Der Gedanke hatte ihn in seine wirren Träume hinein verfolgt. Immer wieder war Léonies Bild vor ihm aufgetaucht, so als ob ihm das Unterbewußtsein zuflüsterte: Léonie muß helfen!

Er öffnete das Fenster. Graue Dämmerung lag über den kahlen Bäumen. Das Nebelhorn eines fernen Dampfers kam durch die Stille; drüben, von der Seewarte, schimmerte rotes Licht: Sturmwarnung.

Nach London ...

Man mußte seine Notlage begreifen; man mußte seine Argumente anerkennen. Es gab keinen Menschen, der jenen Roberts, jenen Harrendorf kannte, der ihn rekognoszieren konnte – außer ihm, Kilian Gurlitt, selbst. Alles andere war ein Tasten im Dunkel, abhängig von Zufällen; es konnte glücken, aber ebenso leicht konnte es fehlgehen. Jener Roberts war aller Wahrscheinlichkeit nach Engländer, oder doch englischer Staatsangehöriger; ganz sicher, die englischen Behörden würden einer Beschuldigung aus Deutschland gegenüber einem britischen Bürger skeptisch gegenübertreten; er mußte ihm die Beschuldigung, der Mörder Martinis zu sein, ins Gesicht schleudern. Gewiß: Janna Lynd war klug und energisch; sie war sicher im Begriff, die Wege zu ebnen, alles vorzubereiten; aber daß das letzte Wort von ihm kommen mußte, bewies ihr Telegramm.

Während er sich ankleidete, überkam ihn ein Gefühl: so als ob man unterwegs ist zu einem Zug, einem wichtigen, einem lebenswichtigen Zug, von dem man genau weiß, daß man ihn nicht mehr erreichen wird: während man auf die Uhr sieht, begreift man, daß in zwei, drei, vier Minuten dieser Zug abgehen wird; vielleicht daß man ihn noch erreichen könnte, wenn nichts dazwischen kommt; aber ein einziges Haltsignal eines Schutzmanns, ein einziges Hindernis, wie es sich immer einstellt, wenn es sich nicht einstellen darf – und nun, während man den Sekundenzeiger beobachtet, weiß man plötzlich: daß der Zug eben aus der Halle fährt.

Er fühlte, wie ihm der Angstschweiß ausbrach; die Wände des Zimmers, der fahle Tag jenseits der seidenen Vorhänge, alles war drohend, unheilschwanger, erfüllt von Gefahren. Auf den Sonnengardinen malte sich undeutlich der Schatten der Fenstersprossen; während er auf die dunklen Vierecke starrte, schienen sie deutlicher, schwärzer, gefährlicher zu werden; auf einmal hatte er das Gefühl, in einer Zelle gefangen zu sein. Die Wände dieses Zimmers, glatt, erbarmungslos, undurchdringlich, engten ihn ein; waren das die Nerven, oder war es mehr: war es das Vorahnen von etwas Kommendem, das seine überreizten Sinne erfühlten?

Er mußte unter Menschen sein; er mußte den Klang ihrer Sprache hören, er mußte wissen, daß er zu ihnen gehörte, noch, noch, noch; er mußte ruhiger werden.

Hastig ging er hinunter in den Frühstückssaal.

Wohlige Wärme empfing ihn. Hier war alles sorglos, blitzend, von einer diskreten, unpersönlichen Kultur. Hier war das Grau jenseits der hohen Fenster belanglos; das Licht, das freundliche Licht der Lüster durchtränkte den Raum mit sonnenähnlichem Glanz.

Der Kellner brachte das Frühstück; diskret legte er die Zeitung neben das Gedeck. Gurlitt entfaltete sie mit nervöser Hast; in dieser fremden Stadt kreisten die Interessen um andere Dinge; das bedeutete wohltätige Entspannung.

Er überflog zerstreut das Feuilleton und blätterte weiter.

Plötzlich fiel ihm der großgedruckte Name ins Auge: Léonie Storm.

Der Name seiner Frau ...

Und dann las er, daß Léonie Storm heute abend im Thalia-Theater gastieren werde. In einem englischen Stück: »Finden Sie, daß Constance sich richtig verhält?«

War das ein Fingerzeig? Wollte das Schicksal ihn bei der Hand nehmen, ihn zu der Frau führen, zu der er gehörte – um deren Besitz er gebangt hatte, deren Verlust ihn fast in den Tod getrieben hatte?

Das war ein gutes Omen. Seine Frau war gekommen; Léonie war hier; er fühlte, wie ihm der Gedanke an sie freudige Entschlossenheit gab. Nun wußte er, wofür er kämpfte; nun sah er ein Ziel. Die Behörden würden nicht unerbittlich sein. Man mußte ihm die Möglichkeit geben, sich zu rehabilitieren, sich von dem furchtbaren Verdacht zu reinigen; diese Reise ins Ausland war eine Lebensnotwendigkeit. Mochte man ihm einen Begleiter beigeben ...

Er erhob sich mit neuer Zuversicht.

*

»Ihr Name ist uns nicht unbekannt, Herr Doktor Gurlitt«, nickte der Inspektor. »Bitte nehmen Sie Platz.«

Gurlitt sah verstohlen auf den Mann ihm gegenüber. Er war groß, schlank, von englischem Typ; das frische Gesicht trug den Ausdruck einer höflichen Distanziertheit. »Berlin hat uns von Ihrer Angelegenheit in Kenntnis gesetzt; wir wußten schon, daß Sie kommen würden, ehe Sie uns vom Hotel gemeldet wurden.«

»Sie kennen also vermutlich die Situation, in der ich mich befinde ...«

»Den Fall Martini? Natürlich!«

Gurlitt zog Jannas Telegramm. Der Inspektor las es mit höflicher Gelassenheit und reichte es Gurlitt mit freundlichem Lächeln zurück. »Und?«

»Sie sehen, Herr Inspektor: ich stehe kurz vor der Aufklärung des Falles.«

»Verzeihung –« der andere machte ein verwundertes Gesicht – »ich muß gestehen, daß ich das keineswegs sehe.«

»Aber jener Roberts ist der Mörder Martinis!«

»So so. Der Mörder Martinis, sagen Sie. Das wäre nicht schlecht. Übrigens – wer ist das: Janna Lynd

Ein wenig zögernd antwortete Gurlitt:

»Fräulein Janna Lynd ... Fräulein Lynd ist eine Journalistin, die sich die Aufklärung des Falles Martini zur Aufgabe gemacht hat.«

»Also eine Bundesgenossin?« nickte der Inspektor.

In leichtem Ärger antwortete Kilian:

»Fräulein Lynd kennt den Fall genau. Sie weiß daher, daß ich schuldlos bin. Deshalb ruft sie mich nach London.«

Der Inspektor sah schweigend vor sich nieder. In merklich kühlerer Tonart fragte er plötzlich: »Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

» Ich muß nach London, Herr Inspektor

Wieder antwortete ein erstauntes Lächeln. »Verehrter Herr Doktor, wir sind unter erwachsenen Männern. Wollen wir uns im Ernst über ein derartiges Ansinnen unterhalten? Wollen Sie im Ernst die Antwort von mir hören? Die selbstverständlich nur ein Nein sein kann?«

»Wie dieses Telegramm beweist, ist Roberts gefunden, ist Roberts ...«

»Aber wer ist denn eigentlich Roberts? Wie kommen Sie darauf, daß Roberts der Mörder sein soll? Ebensogut können Sie mir erzählen, ich sei der Mörder!«

»Wollen Sie mich ein paar Minuten anhören, Herr Inspektor?«

Der Beamte zog die Uhr. »Bitte.«

»Roberts ist der Mann, der in jener Nacht zu mir kam und mich bat, den Mord auf mich zu nehmen.«

»Das ist ein Novum.«

»Man wird es Ihnen in Berlin bestätigen. Dieser Roberts ist der Mörder Martinis. Er selbst hat es mir gestanden.«

»Hm.« Mit einem schnellen Blick in Gurlitts Gesicht fragte der Inspektor: »Womit können Sie das beweisen?«

»Beweisen ... Ich kann es leider nicht beweisen. Er verlangte von mir die Ausstellung eines Reverses.«

»Wo befindet sich dieser Revers?«

»Ich weiß es nicht.«

Der Inspektor stand auf. »Auf Grund welcher Tatsachen also, bitte beantworten Sie mir diese Frage, beanspruchen Sie einen Paß?«

Gurlitt zuckte die Achseln. »Man könnte, wenn es unbedingt sein muß, mir jemanden mitgeben, der dafür sorgt, daß ich nicht fliehe.«

»Ins Ausland? Hoffentlich glauben Sie selbst nicht, was Sie da sagen.«

Auch Gurlitt hatte sich erhoben. »Man läßt mich also einfach im Stich? Ich biete Beweismöglichkeiten an, sie werden mit kühlem Lächeln zurückgewiesen; es gibt eine Möglichkeit, den wahren Mörder zu ermitteln, man macht von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch? Ich bin unschuldig, ich könnte es in London beweisen – Sie verweigern mir die Hilfe, diesen Beweis anzutreten?«

Der Beamte machte eine bedauernde Handbewegung. »Es ist möglich, daß Sie unschuldig sind, Herr Doktor Gurlitt. Aber es wäre ebensogut möglich, daß dieses Fräulein Lynd Ihre Bundesgenossin wäre – und daß dieses Telegramm nur den einen Zweck hätte: Ihnen eine Flucht ins Ausland zu ermöglichen. Wir sind berufsmäßige Skeptiker, Herr Doktor Gurlitt; das werden Sie bei einigem Nachdenken begreifen müssen. Wenn Sie Grund haben, zu behaupten, daß dieser Roberts der wirkliche Mörder ist, so wird die Behörde diese Spur verfolgen.«

»Soviel ich weiß, hören die Machtmittel der deutschen Behörde an der Grenze auf.«

»Wir werden uns mit den englischen Behörden in Verbindung setzen ...«

»Dieser Roberts ist Engländer. Zum mindesten ist er englischer Staatsangehöriger. Glauben Sie nicht, Herr Inspektor, daß die englischen Behörden schwer von der Schuld eines britischen Bürgers zu überzeugen sein werden? Zumal wenn der Ankläger ein Deutscher ist?«

Der Inspektor wiegte den Kopf.

»Noch eins kommt hinzu: der einzige, der jenen Roberts gesehen hat, der einzige, der ihn rekognoszieren kann, bin ich. Wenn ich ihm gegenüberstehe, ihm die Tat ins Gesicht schreie – dann wird er sie im Ernst nicht leugnen können. Jedem Dritten gegenüber wird er mit Einwendungen antworten, die man ihm nicht widerlegen kann.«

»Man wird Ihnen Gelegenheit geben, sie zu widerlegen.«

»Und wenn dieser Roberts inzwischen merkt, daß er verfolgt wird? Wenn er mit dem nächsten Dampfer nach Amerika fährt?«

»Ja«, sagte der Inspektor und ging zur Tür; »die Situation ist für Sie ungünstig; daran ist kein Zweifel.«

»Und es besteht keine Möglichkeit, mir eine Ausreiseerlaubnis zu geben?«

»Es besteht keine.«

*

Der Himmel schien noch grauer geworden zu sein, als Gurlitt den Neuenwall hinaufging, der Alster zu. Wie bedrückt ihm plötzlich die Gesichter der Menschen schienen! Sie gingen ihren Geschäften nach, sie hasteten aneinander vorüber; aber jeder einzelne trug seine unsichtbare Kette mit sich; jeder war gefesselt, durch fühlbare Fäden gefesselt an einen ungeheuren unsichtbaren Ring, um den alles kreiste, was Leben hatte. Es gab kein Entweichen, es gab keine Freiheit des Handelns, der Entschlüsse; hier und da mochte einer den Versuch machen, den Trott zu ändern, den Takt seiner Schritte, die Richtung seines Blicks zu wechseln; augenblicklich traf ihn die unsichtbare Peitsche, die über allen schwebte, über diesem ganzen lebendigen Ring, der rotierte, bis er zusammenbrach.

Auf dem Alsterdamm krächzten die weißen Seemöwen; sie flatterten über dem Wasser, pickten in blitzschnellem Flug nach den Körnern, froh ihres wilden jungen Daseins. Ach, auch ihre Freiheit war eine Täuschung; sie waren erdgebunden, Glieder eines geordneten Staatswesens; sie gehörten den Menschen, die sie fütterten, nicht eine war unter ihnen, die nicht demütig in die Gewalt der Menschen heimkehrte, wenn der Hunger kam.

Dort war das Theater; schon von weitem leuchtete in großen Lettern der Name: Léonie Storm.

Er ging zum Bühneneingang und fragte nach Léonie.

»Frau Storm hatte um halb elf Arrangierprobe. Wenn Sie solange warten wollen; hinter der Bühne ist das Konversationszimmer.«

Gurlitt ging die Treppe hinauf; obwohl niemand zu sehen war, fühlte man das emsige Leben, das durch dieses Haus vibrierte.

Irgendwo ging eine Tür; ein Gruß klang auf, ein leichter Schritt kam ihm entgegen – die Treppe herunter kam Léonie.

Sie erblickte ihren Mann und stieß einen leisen Schrei aus: »Kilian!«

Er blieb stehen, unschlüssig, in zärtlicher Freude, dennoch ungewiß, wie sie ihm begegnen würde.

»Kilian!«

Sie trat auf ihn zu und umarmte ihn. Er preßte sie an sich, stumm, in der überquellenden Freude des Wiedersehens.

»Wie blaß du bist, Kilian«, sagte sie, ihn zärtlich und mitleidig anblickend. »Du hast Kummer, Kilian, ich weiß es, daß du Kummer hast. Komm, wir wollen um die Alster gehen, das wird uns beiden guttun; ich habe ein bißchen Kopfschmerzen. Wir können dann irgendwo frühstücken, im Alsterpavillon vielleicht. Der Direktor war sehr liebenswürdig, die Vorstellung ist ausverkauft. Aber ich werde mir einen Sitz für dich geben lassen, in der Direktionsloge.«

Über dem Häusermeer ballten sich die Wolken; der Wind kam in wirbelnden Stößen, weich und feucht, herüber von der Nordsee, von den Schleswigschen Marschlanden; in lustigem Spiel sprengte er die Wolken; lächelnd und sieghaft brach einen Moment die Sonne durch das Gewölk. Alles war plötzlich übergossen von ihrem tröstlichen Licht: die Häuser, die blinkenden Dächer, die Gesichter der Spaziergänger.

Er hatte Léonies Arm genommen; zärtlich schmiegte sie sich an ihn; die Vorübergehenden blickten ihr ins Gesicht; in ihren Mienen schimmerte ein Lächeln auf, wie ein Widerglanz von Léonies strahlender Schönheit. Er sah es; stolz auf seine schöne junge Frau, drückte er ihren Arm.

»Hast du mich noch lieb?« fragte er leise.

Sie deutete hinüber. »Dort ist der Alsterpavillon.«

»Du sollst mir sagen, ob du mich lieb hast.«

Sie blickte sich unruhig um. »Kennst du den Herrn, der dort drüben geht? Sieh vorsichtig hinüber.«

Er tat es. »Ich weiß nicht, wen du meinst.«

»Er stand an der Ecke der Raboisen, als wir aus dem Theater kamen; ich bemerke, daß er uns die ganze Zeit über nachgegangen ist.«

Beunruhigt sah Gurlitt hinüber. Ja: er hatte den Mann, der dort drüben ging, sicher schon gesehen. Er wußte genau, daß er ihn kannte; aber er konnte sich nicht erinnern, wo er ihn gesehen hatte.

»Wie steht die Sache Martini?« fragte Léonie seufzend.

Da war der Alsterpavillon.

Sie gingen hinein, auf die Alsterveranda, die den Blick freigab auf die schimmernde Wasserfläche, auf der weiße Segel glitten.

Gurlitt spähte um sich; von dem Fremden war nichts zu sehen.

»Woher wußtest du, daß ich gastiere?« fragte Léonie, während er dem Kellner den Auftrag gab.

»Ich las es im Fremdenblatt.«

Sie legte ihre Hand auf die seine. »Hast du dich gefreut, mich zu sehen?«

Er schloß die Augen und nickte.

»Und warum bist du in Hamburg?« fragte sie interessiert.

»Ich habe eine Spur. Eine wichtige Spur: sie führt geradenwegs auf den Mörder zu.«

»Auf diesen Roberts? Der existiert also wirklich?«

Er sah sie befremdet an. »Hast du jemals daran gezweifelt?«

»Hör mal, Kilian«; ihr Gesicht wurde ernst; »ich muß etwas mit dir besprechen.«

»Nun?« fragte er aufhorchend.

»Ich fahre von hier nach London; in London gehe ich an Bord der ›Yoshiwara‹. Du weißt, welche Hoffnungen ich auf Amerika setze; und nun kommt mir deine fatale Mordaffäre dazwischen. Brause nicht auf«; sie machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Wir wollen kein Wort darüber verlieren, ob du schuldig bist oder ob du unschuldig bist. Aber du weißt, wie prüde die Amerikaner in dergleichen Dingen sind. Ich gelte als die Frau eines ... eines des Mordes Beschuldigten; ich weiß nicht, ob es schon bekanntgeworden ist; aber ich muß damit rechnen, daß die Zeitungen darüber schreiben werden, wenn meine Abreise angekündigt wird. Ich fürchte allen Ernstes: man wird mir drüben Schwierigkeiten machen. Du weißt, wie man den armen Charlie Chaplin boykottiert hat – mein Manager sagte mir, daß ich etwas Ähnliches zu erwarten habe, wenn nicht ... wenn nicht ...«

»Du willst dich von mir trennen, Léonie?«

Der Kellner erschien mit dem Frühstück; die beiden schwiegen, während er servierte.

»Nun, Léonie?«

Sie zuckte hilflos die Achseln. »Du weißt, wie sehr mir meine Karriere am Herzen liegt. Es ist direkt ein Geschenk des Himmels, dieses Engagement nach Amerika. Du mußt es begreifen, Kilian: ich kann das alles nicht aufs Spiel setzen.«

»Und ich? Und du? Gehören wir beide nicht zusammen? Sag' mir das eine, Léonie«, er nahm ihre Hand: »hast du nicht das Gefühl, daß Mann und Frau ein solches Unglück gemeinsam tragen müssen?«

Sie wiegte den Kopf. »Sag' selbst: was könnte ich dir nützen? Du bist in deinen Bewegungen viel freier, wenn du nicht Rücksicht auf einen andern zu nehmen hast.«

»Du läßt mich also in diesem Kampf um mein Recht allein?«

Ein wenig ungeduldig antwortete sie: »Ich sagte es schon einmal, Kilian: was könnte ich dir nützen?«

»Das Bewußtsein, daß du an mich glaubst, würde mir Kraft geben. Der Gedanke, ein Ziel zu haben: mit reinen Händen zu dir zurückzukehren, nur dieser Gedanke, Léonie, hat mich aufrecht gehalten.«

In ihre Augen trat ein freudiges Lächeln. »Aber du verstehst mich falsch. Wenn du deine Unschuld bewiesen hast, Kilian – und du bist doch überzeugt, daß du sie beweisen kannst –, dann wirst du zu mir kommen. Nach Amerika. Und wir werden zum zweiten Male heiraten.«

»Du denkst an Scheidung

»Es tut mir leid – ja: ich denke an Scheidung. Und du wirst mir nichts in den Weg legen, Kilian. Hörst du? Wenn du mich lieb hast, muß dir meine Karriere heilig sein.«

»Du ... du ... deine Karriere ... deine Interessen – immer nur du! An mich denkst du überhaupt nicht.« Er zog das Telegramm. »Ich bin unmittelbar vor der Lösung – wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, nach London zu kommen – morgen würde ich dir den Mörder zeigen können.«

Sie nahm das Telegramm und las es aufmerksam.

»Janna Lynd ... ist das die hübsche junge Dame, die dich damals, nach deiner Vernehmung, erwartete?«

»Sie glaubt an meine Schuldlosigkeit – und sie hilft mir, sie zu beweisen.«

»Dieses Fräulein Lynd scheint ein auffallendes Interesse für dich zu haben.«

»Gibt es nur die eine Erklärung?«

»Du kennst die Frauen nicht. Also viel Glück! Ich wünsche dir alles Gute. Ich habe eine Verabredung: ich muß zum Photographen. Willst du mich begleiten?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wir essen nach der Vorstellung bei Schümann: der Direktor und ich, mit einigen Kollegen. Willst du dich anschließen?«

»Nein, Léonie.«

»Vielleicht überlegst du dir's noch. Ich wohne im Atlantik. Auf Wiedersehen!«

Seltsam: während er ihr nachsah, fühlte er, daß, zum ersten Male, dieser Schlag ihn nicht zu Boden geworfen hatte. Wie im Kampf um sein Recht, im Kampf gegen Schein, gegen Schicksal, gegen Léonie, gegen alle, seine Willenskraft, seine Energie sich gesammelt, sich gestrafft, gestärkt hatte! Auch sie hatte ihn verlassen – mochte es drum sein!

Er erhob sich.

Der Kellner erschien. Er zahlte.

Während er den Jungfernstieg hinaufging, überschlug er die Chancen seiner Situation. Einen Paß zu erhalten war unmöglich. Aber war denn der obrigkeitlich abgestempelte Schein alles – war der Mann nichts? Das mochte zutreffen für brave Staatsbürger, die in ihrem gleichmäßigen Trott dahindämmerten, denen ein gütiges Schicksal jeden rauhen Wind fernhielt. Wer in Gefahr stand, in Lebensgefahr, sah die Dinge mit anderen Augen an. Man hörte von genug Menschen, die ohne Paß hinausgekommen waren. Und er hatte ein ungeheures Plus vor ihnen voraus: er reiste nicht, um zu fliehen – er verließ das Land, um wiederzukehren, seine Rehabilitierung in den Händen. Er mußte den Versuch machen, komme was da wolle. Dieses Gefangensein, diese Bewegungslosigkeit trieb ihn in die Verzweiflung. Er mußte es probieren – auf die Gefahr hin, daß der Versuch mißglücken würde.

Er trat in das Reisebureau, das dort, pavillonartig, unmittelbar vor der Freitreppe lag, die zu den Alsterdampfern führte.

»Ein Billett nach London.«

»Besitzen Sie einen Paß?« fragte der Verkäufer.

Gurlitt stutzte; aber der Verkäufer blickte gleichmütig drein.

»Sonst übernehmen wir die Besorgung der Pässe gegen ein geringes Entgelt.«

»Ich habe einen Paß.«

Während der Verkäufer an das Kartenfach trat, ging die Tür. Gurlitt wandte sich, fast ohne es zu wissen, ein wenig herum. Er fuhr zusammen: das war jener Fremde, der vor einer Stunde Léonie aufgefallen war. Der Ankömmling ging, scheinbar ohne Gurlitt zu beachten, auf den Schaltertisch zu; ein Herr, der an einem Schreibtisch gesessen hatte, erhob sich; die beiden sprachen leise miteinander; Gurlitt beobachtete von der Seite, daß sie zu ihm hinübersahen.

»Hundertfünfundvierzig Mark«, sagte der Verkäufer, den Fahrschein in der Hand. »Wünschen Sie Schlafwagen?«

In diesem Augenblick trat der zweite Beamte hinzu. »Verzeihung, mein Herr: Sie sind Herr Doktor Gurlitt aus Berlin, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»Darf ich Ihren Paß sehen?«

»Ich habe ihn nicht bei mir.«

»Ich bitte um Entschuldigung; wir dürfen Ihnen kein Billett aushändigen.«

»Warum nicht?«

»Ich glaube, Sie wissen selbst am besten warum nicht. Außerdem wäre das Billett nutzlos: Sie würden nicht über die Grenze kommen.«

Gurlitt blickte hinüber zu dem Fremden, der teilnahmslos, scheinbar gelangweilt, am Kassenschalter stand; dann zuckte er die Achseln und ging mit kurzem Gruß hinaus.

Er hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als sie sich von neuem öffnete. Es konnte nur jener Fremde sein.

»Herr Doktor Gurlitt!«

Er blieb stehen und blickte zurück. Es war in der Tat der Fremde; indem er ihm ins Gesicht blickte, wußte er genau, daß er ihn kannte.

»Erkennen Sie mich nicht wieder?« fragte jener. »Ich bin der Geschäftsführer der ›Alhambra‹.«

»Warum verfolgen Sie mich?«

»Begreifen Sie das nicht? Ich tue es auf höheren Befehl.«

Blitzschnell kam es Gurlitt in den Sinn: Lisette Martini ...

»Ich kenne ungefähr die Zusammenhänge. Ich bin beauftragt, Ihre Abreise zu verhindern. Nun, ich habe meine Pflicht getan. Übrigens habe ich Sie vor einer großen Dummheit bewahrt: man hätte Ihre Fahrt ohne Paß als Flucht ausgelegt.«

»Und nun?« fragte Gurlitt.

»Nun ist meine Pflicht erfüllt. Kommen Sie, wir wollen drüben bei Möller eine Flasche Wein trinken.«

»Ist das Ihr Ernst? Sie haben mich verfolgt, haben mich geschädigt; und nun erwarten Sie, daß ich mich mit meinem Feind an einen Tisch setzen soll?«

Der andere blieb stehen und lächelte. Er hatte ein nicht unsympathisches, eher gutmütiges Gesicht, kleine, schlaue, flinke Augen; dieser Mann, der die Großstadtnacht in allen ihren Schattierungen kannte, der sie als Zuschauer erlebte, als kühler über den Dingen stehender Menschenkenner, dem mochte ein Schicksal wie dieses: das Schicksal eines Gehetzten, Verfolgten, Bedrohten, nichts Besonderes bedeuten.

»Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen«, sagte er. »Etwas, was Sie interessieren wird. Sie wollen nach London, soviel weiß ich. So wie Sie es angefangen haben, wäre es unter keinen Umständen geglückt. Aber ich wüßte eine andere Möglichkeit; und eben über die möchte ich mit Ihnen sprechen.«

Sie gingen der Bergstraße zu. Etwas in dem Gehaben dieses Mannes erweckte Vertrauen. Vielleicht nicht jenes Vertrauen, das man zu einem Freunde hat, der es gut mit einem meint; eher das Vertrauen, das man zu einem Manne faßt, von dem man weiß, daß er ein tüchtiger Geschäftsmann ist.

»Wissen Sie denn noch eine andere Möglichkeit? Einen legalen Weg?«

Sie überquerten eben die Hermannstraße.

»Nun ... einen legalen ... das Wort ist ein bißchen übertrieben.«

Winkte hier wirklich eine Rettung? Dieser Mann, der mit zielbewußten Schritten neben ihm herstapfte, sah nicht aus wie einer, der sich mit Zwecklosem befaßt.

»Sie müßten sich allerdings entschließen, vorübergehend einen anderen Namen zu führen. Ich denke, das wird Ihnen nicht viel ausmachen.«

»Einen falschen Paß?« fragte Gurlitt.

Sie bogen zur Linken ein, in die Steinstraße.

»Falscher Paß ist nicht das richtige Work. Der Paß ist echt: ausgestellt, gestempelt, alles richtig, von den englischen Behörden. Bloß die Photographie ... wir haben da ein besonderes Verfahren ... haben Sie zufällig Ihr Bild bei sich?«

»Ich glaube.«

»Dann können Sie in zehn Minuten im Besitze eines gültigen Auslandspasses sein, auf den Sie jeder Polizeibeamte anstandslos passieren läßt.«

Sie gingen an der Petrikirche vorüber, die Straße hinauf; zur Rechten öffnete sich ein schmaler Gang, nur wenige Fuß breit; die Häuser, uralt, mit Fachwerk durchsetzt, schienen sich einander zuzuneigen; die Fenster gingen nach außen; unter den Fenstern Holzstangen mit flatternder Wäsche. »Kattrepel« stand auf dem Straßenschild.

Aus den Häusern kam Musik; fast in jedem Hause war eine Kneipe. Frauen, halb entblößt, standen in den Eingängen; Kinder balgten sich auf den Kopfsteinen.

Vor einem Hause blieben sie stehen. Im Erdgeschoß eine kleine Seemannswirtschaft mit englischer Inschrift: » Wine, Beer and Spirits«. Darunter stand: » Sailor's Home«. Auf der anderen Seite, wie eine Konzession an den Lokalpatriotismus, der plattdeutsche Gruß: »Hest all affsträngt?«

Die beiden gingen an der Tür vorüber, aus der Grammophonmusik kam und das kreischende Gelächter von Frauen. Am Ende des Korridors war eine kleine Tür; der Voranschreitende öffnete sie; die beiden traten ein.

Das Zimmer war verhältnismäßig behaglich eingerichtet: rote Plüschmöbel, mit gehäkelten Antimakassars. Auf dem Vertiko stand, in einem Gestell montiert, eine Flasche, in die auf rätselhafte Weise ein Schiff eingelassen war, das mit vollen Segeln auf den Flaschenhals zusteuerte. An den Wänden alte hamburgische Bilder: der Hamburger Berg, die Torsperre, der Hamburger Trichter.

Der Geschäftsführer öffnete die Tür, die nach vorn führte: eine dröhnende Musikwelle schlug herein. »Einen Augenblick«, murmelte er und ging hinaus.

» Wackelora«, sagte eine tiefe Seemannsstimme. Gurlitt fuhr entsetzt herum. Dort drüben, neben dem Eckschrank, saß unbeweglich ein grauer Papagei; er war mit einer kleinen Kette an seiner Stange befestigt.

»Mein Name ist Krischan Cohrs«, sagte der Papagei, immer in demselben Seemannston.

Gurlitt trat interessiert näher. Der Vogel blickte ihn aus seinen klugen runden Augen aufmerksam von der Seite an; dann kniff er ein Auge zu und sagte:

»Tausend Mark bitte.«

Ein Schritt klang auf; der Papagei wandte den Kopf zur Tür.

Herein trat ein untersetzter Mann, mit den breitausladenden Schritten des Janmaaten; er sagte:

»Mein Name ist Krischan Cohrs.«

Gurlitt unterdrückte ein aufsteigendes Lachen: Herr Cohrs sprach genau im Tonfall des Papageis.

»Nehmen Sie man Platz«, sagte Herr Cohrs jovial. Er trug eine gestrickte braune Wollweste, doppelreihig geknöpft; darüber einen breiten Klappkragen, dessen spiegelnde Weiße an Gummi denken ließ; unter dem Kragen bauschte sich eine pompöse hellblaue Plastronkrawatte, in der als Nadel eine riesige Koralle steckte. Das rosige Vollmondgesicht war glattrasiert.

»Sie wollen wech. Nech

»Wie meinen Sie?« fragte Gurlitt.

»Und nu brauchen Sie 'n klein büschen Paß. Nech?«

»Paß«, nickte Gurlitt. Das war das einzige Wort, das er verstanden hatte.

»Tje, mein Kollege hat mir allens erzählt. Haben Sie amende 'ne Photographie da?«

Gurlitt zog die Brieftasche und überreichte Herrn Krischan Cohrs das Gewünschte. Der schloß ein Auge und blinzelte mit dem andern vergleichend von dem Bilde auf Gurlitt; nun sah er genau aus wie der Papagei.

Herr Cohrs erhob sich befriedigt. »Soweit wär allens klar. Nu sagen Sie mir mal ganz offen die Wahrheit: was haben Sie ei'ndlich ausgefressen?«

Gurlitt wollte eine hochfahrende Antwort geben. Aber ein Blick in das kluge und ruhige Gesicht des Herrn Cohrs zeigte ihm, daß die Frage nicht aus Neugierde gestellt war.

Achselzuckend sagte er: »Verdacht wegen Mordes.«

»I gitt«, sagte Herr Cohrs, »das 'n bösen Kram!«

»Was kostet der Paß?«

»Tausend Mark bitte!« sagte der Papagei.

Herr Cohrs drehte sich wütend um.

»Holl dat Muul!« befahl der Papagei sich selbst.

Herr Cohrs hatte die Hände in die Taschen versenkt und ging mit schlingernden Schritten auf und ab.

»Nee«, sagte er, plötzlich vor Gurlitt stehen bleibend. »Der Kram is mich zu riskant. Hier haben Sie Ihre Photographie wieder.«

»Ich muß nach London«, sagte Gurlitt. »Sie müssen nämlich wissen: ich bin unschuldig.«

»Unschuldig«, nickte Herr Cohrs. »Tje, mein lieber Herr: daß sie unschuldig sind, das sagen alle Schuldigen.«

»Mag sein. Aber ich glaube: alle Unschuldigen auch.«

»Da haben Sie recht in«, lachte Herr Cohrs. »Das s–timmt.« Er klopfte Gurlitt auf die Schulter. »Sie sind ja 'n gediegen' Knappen! Also weil Sie es sind: Sie sollen Ihren Paß haben. Aber zweitausend Mark müssen Sie all ausgeben.«

Gurlitt wollte schon die Brieftasche ziehen, da fiel ihm der Vogel ins Auge. Der hatte laut und deutlich zweimal gesagt: Tausend Mark. Das war hier offenbar der Satz, und Herr Cohrs hatte nur ein bißchen aufgeschlagen.

»Tausend Mark«, sagte er. »Mehr kann ich nicht bezahlen.«

Herr Cohrs sah sich wütend nach dem Vogel um; er schien Gurlitts Gedankengänge zu erraten. Er riß mit einer verdrießlichen Bewegung Gurlitt das Bild aus der Hand.

»Denn geben Sie die Tausend Mark man her. Und nu,« er riß die Tür auf, »nu gehn Sie man solange da vorne rein; lassen Sie sich 'n Eiergrog geben, das is was Feines.«

Vorn war es still geworden. Vielleicht wußte man von den Geschäften des Herrn Cohrs in dem kleinen roten Hinterzimmer. Die Anwesenden, Männer und Frauen, nahmen von Gurlitts Eintritt scheinbar keine Notiz; nur gelegentlich, bei einem zufälligen Seitenblick, bemerkte er, daß man ihn beobachtete.

»Einen Eiergrog!« bestellte er gehorsam.

Der Mann hinter der Toonbank zwinkerte verständnisinnig zurück und ergriff ein Hühnerei, das er mit geschicktem Schlag auf der Kante des Glases spaltete.

Gurlitt blickte um sich. Der Nigger dort drüben, groß, herkulisch, mit schlaksigen Bewegungen, aber von gutmütigem Gesichtsausdruck, war sicher ein Seemann; auch die beiden Chinesen, die dort drüben schweigend an einer Art Schachbrett saßen, waren offensichtlich Feuerleute von irgendeinem Überseedampfer. Fast allen Gästen dieses Lokals war das blaue Jackett und die blaue Unterjacke mit dem Anker gemeinsam. Die Frauen, die rundlich, nicht mehr ganz jung, nicht ganz sauber, aber von einem seltsam aufreizenden nordischen Typ waren, blickten mit aufforderndem Lächeln zu Gurlitt hinüber. Sie mochten ahnen, was ihn hierherführte, vielleicht daß sie ihn für einen Defraudanten hielten, dem es auf ein paar Hunderter nicht ankam.

Der Geschäftsführer der »Alhambra« war nirgends zu sehen.

Ein junger Mann, im Sweater, mit Hosen, die sich nach unten erweiterten, ging mit den herausfordernden Armbewegungen eines Ringkämpfers zum Grammophon; er blickte beziehungsvoll zu Gurlitt hinüber, den er für einen Konkurrenten bei den Frauen halten mochte; er ging merkwürdigerweise so, daß er den linken Arm zugleich mit dem linken Bein, das rechte Bein gleichzeitig mit dem rechten Arm bewegte, in einer eigentümlich verstimmenden Gangart, die Arme weit vom Körper gespreizt. Dann legte er eine neue Platte auf das Grammophon, alles mit einem betonten schiefen Schick – so wie einer, der sich über die feinen Manieren lustig macht und sie dennoch gern haben möchte.

Der hemdärmelige Wirt zog behutsam seine Jacke über, stieß die Toonbanktür auf und servierte zierlich den Eiergrog. »Eine Mark«, sagte er.

Gurlitt schielte hinüber. Dort, zwischen Soleiern, Frikadellen, Bratheringen, stand ein kleines Schild: Eiergrog: 35 Pfennig. Der Wirt folgte seinem Blick und lächelte ihm freundlich zu. Vielleicht tröstend.

Eben ging die Hintertür auf; Herr Cohrs kam zurück. Er setzte sich ungeniert zu Gurlitt an den Tisch und deutete mit einem Blick auf den Wirt auf Gurlitts Glas; der Wirt zerschlug ein neues Ei.

Herr Cohrs zog, nach einem angelegentlichen Rundblick durchs Lokal, das Paßbuch. Es war ein englischer Paß, ausgestellt auf: Mister Sidney Spencer aus Manchester; ordnungsmäßig abgestempelt, mit allen Unterschriften und Sichtvermerken: mit dem Visum des Generalkonsulats Hamburg.

»Nu sind Sie gerettet«, sagte Herr Cohrs und klopfte Gurlitt auf die Schulter. »Den Paß könn' Sie jedem Kriminalbeamten in der ganzen Welt unter die Nase halten. Wo bleibt mein Eiergrog, Kuddel?«

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