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Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
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IV.

Der Wagen fuhr den Alsterdamm hinunter.

Gurlitt saß in die Polster zurückgelehnt, die Augen unverwandt auf das ungewohnte Bild gerichtet: auf die dämmernde Alster. Es war einer von jenen sommerlichen Abenden, die eine unbegreifliche Laune mitten in das rauhe Klima der Wasserkante einzustreuen liebt: ein Abend, erfüllt von kristallener Klarheit, von Duft und weicher Zärtlichkeit. Über dem Wasser flimmerte es in bläulichen Reflexen; fern drüben, und dort geradeaus, auf jener breiten Prachtstraße, stand es schon gegen das Dunkel wie leuchtende Perlenschnüre; flammende Spiegelbilder zitterten in den Wassern.

Kilian Gurlitt hatte in den Hotels um den Hauptbahnhof herum vergeblich gefragt. Das Meldeamt war geschlossen; so blieb ihm, wenn er nicht kostbare Zeit verlieren wollte, nichts übrig als persönliche Nachforschung in den großen Hotels.

Der Wagen bog zur Rechten ein; schimmernd tat sich der Jungfernstieg auf.

Gurlitt war nicht zum ersten Male in Hamburg; aber immer wieder schlug ihn der seltsame und fremdartige Zauber dieser Stadt in Bann. Hier hatten alle Dinge ihre besondere Note, nordischer waren die Fassaden der Häuser, nordischer waren die Mienen der Menschen; aber über allem lag der Glanz einer tiefen und gesicherten Kultur.

Ihm blieb keine Wahl; er mußte diese Erkundungsfahrt fortsetzen; morgen war es vielleicht schon zu spät.

Aus dem Alsterpavillon scholl Musik, die Drehausgänge wirbelten; schon flankierten Palmen den Eingang, ein paar Vorwitzige saßen in Mäntel gehüllt draußen beim Tee.

Der Wagen fuhr, hart an der Bordschwelle entlang, quer über den Asphalt des Neuen Jungfernstiegs; die dunkle Häuserschlucht der Kolonnaden nahm ihn auf.

Wie völlig anders diese Straße war; eine Stadt voll unbegreiflicher Gegensätze. Die Säulenreihe, die kleinen Läden, der Stil der Häuser: rein italienische Renaissance.

Am Stephansplatz staute sich der Strom der Wagen; eben flammte rotes Licht auf, Gurlitts Auto hielt. In ununterbrochener Kette glitten die Fahrzeuge vorüber: in die schweigende Esplanade, zum Dammtor-Bahnhof, der wie eine leuchtende Burg jenseits des Botanischen Gartens stand, und in das Dunkel jener Allee, die auf den Hafen zuführte.

Gurlitt blickte gedankenverloren auf das Gewimmel; plötzlich, irgendwie aus dem Unterbewußtsein heraus, hatte er das Gefühl, daß sich in diesem Augenblick eine bestimmte, wichtige, vielleicht entscheidende Wendung vollziehe. Er wußte nicht, was es war, nur mit den Nerven begriff er den blitzschnellen Wechsel; und während er den Blick auf das offene Auto heftete, das eben in der Richtung zur Lombardsbrücke an ihm vorüberfuhr, wußte er, seltsam genug: daß in diesem Wagen jener Mann saß, den er suchte: jener Fremde, der sich Holger Harrendorf genannt hatte, und der in Wahrheit Charles Roberts hieß. Er sah auf das Signallicht, das immer noch rot zu seinen Häupten stand; dann, als sein Blick von neuem jenen Wagen traf, erkannte er in dem Passagier, über dessen Züge das Scheinwerferlicht der wartenden Autos huschte, jenen Mann, den er suchte.

» Herr Roberts

Der Angerufene wandte betroffen den Kopf; sei es, daß ihn das Licht blendete, sei es, daß er die Situation blitzschnell erfaßt hatte – Roberts blickte fremd über Gurlitt hinweg; im gleichen Augenblick schon glitt sein Wagen in das Dunkel der Esplanade hinein.

Gurlitt riß das Sprechfenster auf. »Fahren Sie jenem Wagen nach!«

Der Chauffeur drehte sich herum und wies auf das Licht dort oben, das eben in Gelb überging.

»Ich darf nicht.«

»Ich zahle die Strafe!«

Der Chauffeur schüttelte den Kopf.

»Ich muß den Herrn sprechen, der dort im Wagen sitzt.«

Der Chauffeur, der aus Gurlitts Tonfall die Angst heraushören mochte, sah seinen Fahrgast an, mit einem neugierigen, vielleicht argwöhnischen Blick. »Es geht nicht, Herr«, sagte er. »Ich riskiere meinen Führerschein.«

Inzwischen hatte sich ein Dutzend Wagen zwischen ihn und Roberts' Auto geschoben: eben flammte dort oben das grüne Licht auf.

»Fahren Sie also zum Hotel Esplanade.«

»Ich denke, ich soll diesem Herrn dort ...«

»Jetzt ist es natürlich aussichtslos.«

Irgendein Livrierter riß den Schlag auf. Gurlitt hastete hinein in das erleuchtete Vestibül; das gleichgültige und betriebsame Gewimmel eines internationalen Hotels empfing ihn; Licht, staubige Wärme, Musik, jene seltsame Mischung von Hast und Feierlichkeit; er murmelte, von vornherein eines Nein gewiß, eine Frage; plötzlich vernahm er mit Erstaunen die Antwort:

»Ja, mein Herr. Mr. Charles Roberts wohnt bei uns.«

»Er ist nicht zu Hause, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht. Einen Moment. Hier ist eine Notiz. Nein, mein Herr: Mr. Roberts ist nicht zu Hause.«

»Wissen Sie, wo ich ihn finden könnte?«

Der Angestellte warf einen Blick auf den Zettel. »Die ›Alhambra‹ hat angerufen: Herr Roberts möge sofort kommen.

Eben trat ein zweiter Hotelbediensteter hinzu. Er mochte dem Gespräch mit halbem Ohr gelauscht haben. »Herr Roberts war eben hier; ich habe ihm von dem Anruf aus der ›Alhambra‹ gesagt. Ich glaube, mein Herr, Sie werden ihn dort finden!«

Alhambra ... Das war der Name des Vergnügungspalastes, dessen Flammenschrift durch die Nächte von St. Pauli schrie: von dem sich die Seeleute erzählten, auf einsamen Fahrten, in allen Ozeanen der Erde. Alhambra ... die berühmte, berüchtigte Stätte der Lust.

Zur Alhambra!

*

Gurlitt stieg aus; in Riesenlettern lud die flammende Fassade in das schönste Tanzpalais der Welt.

Er blickte zurück, die Straße hinunter.

Zur Rechten, zur Linken, Haus an Haus die Transparente, die, eine flammende Kette, die Stadt der tausend Freuden säumten. Dumpfe Musik, mehr fühlbar als gehört, stand in der Luft; zusammenfließend aus Hunderten von Quellen, die diesen wirbelnden Strom der Liebe speisten.

Er trat ein.

Türen taten sich auf, Lichtströme erfüllten das funkelnde Vestibül; wieder pendelten Glastüren, Stimmengewirr empfing ihn, die Sprachen aller Nationen der Erde schwirrten durcheinander. Musik jazzte, quäkte, rauschte, brüllte; sie durchtränkte den ungeheuren Raum bis in seine letzten Winkel mit stampfendem Rhythmus.

Gurlitt ging durch die Reihen; irgend jemand drückte ihm ein Programm in die Hand; Blitzlicht flammte auf, Kurbelmänner verteilten ihre Karten. Aus tausend Frauenaugen warb lockendes Lächeln.

Er blickte rechts und links, aufmerksam, niemand durfte ihm entgehen; aber es war nicht leicht, in diesem Chaos einen einzelnen zu finden. Ein englischer Kapitän, an jedem Arm eine blonde Hamburgerin, ging mit unsicheren Schritten zur Bar. Die Augen der beiden Mädchen streiften den interessanten Fremdling mit aufmunterndem Lächeln.

Wie hatte der Hotelportier gesagt? »Die Alhambra hat angerufen.« Das bedeutete: daß Roberts in diesem Hause nicht nur Gast war wie alle andern.

Er ging weiter, eben brach der Jazz ab; augenblicklich setzte die zweite Kapelle dort drüben mit einem schwermütigen Tango ein.

Die Alhambra hatte angerufen ...

Vielleicht war Roberts gar nicht in diesem Saal zu suchen; vielleicht hatte er mit dem Reigen der Lebensfreude, der durch dieses Haus ging, nichts zu tun. Er saß vielleicht irgendwo bei den Intimen des Hauses, es konnte sein, daß er in beruflichen Beziehungen zu ihnen stand.

Gurlitt schlug das Programm auf.

»Alhambra« stand auf der ersten Seite; er blätterte um; fast erschrocken las er: »Besitzerin: Lisette Martini.«

Martini ... Waren hier Beziehungen? Führten von diesem Namen Beziehungen hinüber zu jenem Martini, den man ermordet hatte? Es konnte kaum Zufall sein, hier waren Zusammenhänge: Charles Roberts, der Mörder Martinis, und hier, der gleiche Name: Lisette Martini ...

Eine junge Schöne hängte sich in seinen Arm.

»Mein Herr – ich vermute, Sie suchen mich.«

Er mußte lachen. Sie war wirklich jung. Und wirklich hübsch.

»Wollen wir ein Glas Sekt an der Bar trinken?«

Er zog einen Schein. »Leider muß ich Sie bitten, den Sekt ohne mich zu trinken. Wollen Sie mir eine Auskunft geben?«

Sie sah ihn mit blitzschnellem Erstaunen an; irgendwie lag Argwohn in ihrem Blick.

»Gibt es eine Möglichkeit, die Inhaberin dieses Hauses zu sprechen?«

»Frau Martini? Im ersten Stock ist ein kleines Kabarett. Dort finden Sie sie; sie sitzt neben dem Büfett. Jeder kennt sie. Ich werde an der Bar bleiben, bis Sie zurückkommen.«

Er lachte. »Lieber nicht, mein Fräulein!«

Im ersten Stock ... Lisette Martini ... Ganz sicher: dort mußte auch Charles Roberts zu finden sein.

Er ging die Treppe hinauf; kühl schlug Nachtwind herein; irgendwo mochten Fenster offen stehen. Wie feucht und herb diese Hamburger Luft war!

Diese Treppe war merkwürdig. Sie hatte nichts von der betonten, ein wenig übertriebenen Eleganz jener Säle dort unten; sie sah aus, als ob sie sich bewußt absondere. Ganz sicher: diese Treppe, die abgenutzt, fast schäbig war, führte zu persönlichen und intimen Räumen.

Gelächter drang aus dem portierenverhangenen Raum.

Er trat ein.

Auf dem Podium stand eine Grotesktänzerin. Sie war klein, breitschultrig, mit plumpen Beinen; sie steckte in einem pompösen Kostüm; ihr Tanz war von einer Komik, die offensichtlich unfreiwillig war. Zurufe schwirrten zu ihr herauf; das Publikum amüsierte sich offenbar glänzend.

Dort war das Büfett. Dort, an jenem Tisch ...

Er hatte erwartet, eine beleibte und bejahrte Wirtin zu finden. Dort drüben saß eine bildschöne junge Dame.

Der Kellner kam platzanweisend auf ihn zu.

Gurlitt stellte eine Frage.

»Ja, mein Herr. Das ist Frau Martini.«

Gurlitt ging, seinen Entschluß absichtlich verzögernd, durch die Tischreihen, immer den Blick auf die Frau dort drüben geheftet. Sie wurde aufmerksam; unruhig hob sie den Kopf und sah ihm ins Gesicht. Er lächelte; aber sie lächelte nicht zurück.

»Ist ein Platz an dem Tisch dort drüben frei?«

Achselzuckend antwortete der Kellner:

»Der Tisch ist reserviert, mein Herr. Aber ich werde Frau Martini fragen.«

Der Kellner ging hinüber; er flüsterte mit der blonden Frau; wieder sah sie hinüber zu Gurlitt, ein Lächeln schien in ihren Augen aufzuglimmen; der Kellner kam zurück:

»Bitte sehr, mein Herr. Der Tisch ist frei.«

Gurlitt ging quer durch den Raum. Lisette Martini sah ihm unbefangen, weder freundlich noch unfreundlich, entgegen.

Wo war Roberts? Wenn irgendwo in diesem Hause, so war er an diesem Tisch zu erwarten.

Gurlitt bestellte Sekt.

Der Kellner brachte eine Abendzeitung mit; Lisette Martini nahm sie ihm aus der Hand. Sie entfaltete das Blatt; suchend glitten ihre Augen über die Zeilen. Gurlitt spähte unauffällig hinüber; plötzlich sah er, wie ihr Blick an einer Notiz haften blieb, die die Überschrift trug:

»Neues in der Mordsache Martini.«

Er sah, daß ihre Hand zu zittern begann; ihm schien, als ob sie einen schnellen, angsterfüllten Blick zu ihm hinüberwerfe. Sie las die Notiz, die nur wenige Zeilen umfaßte, zwei- oder dreimal. Nun war sie so völlig vertieft in ihre Lektüre, daß sie keine Augen mehr für den Fremden an ihrem Tisch hatte. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen; mit einer kraftlosen Bewegung legte sie das Blatt auf den Tisch nieder. Mit einem Ruck stand sie auf und ging in den kleinen schmalen Gang hinein, der, zur Rechten, offenbar ins Innere des Hauses führte.

Eben begann ein Sänger auf dem Podium ein Couplet. Das Schlagzeug fiel ein.

In diesem Augenblick kam aus dem kleinen Korridor zur Rechten ein Schrei. Niemand außer Gurlitt, der dem Ausgang am nächsten saß, hatte ihn gehört. Er erhob sich; niemand im Publikum achtete auf ihn; alles blickte interessiert auf die Bühne. Er ging mit schnellen Schritten der Frau nach, die den Schrei ausgestoßen hatte.

Der Korridor lag im unbestimmten Licht der Notlampe; in einer Ecke, halb zusammengesunken, lehnte Lisette Martini. Er ging auf sie zu, stellte eine Frage; sie antwortete nicht. Aufs Geratewohl öffnete er irgendeine Tür; es war ein kleiner, wohnlich eingerichteter Raum, mit einer Chaiselongue. Er kehrte zurück zu der Ohnmächtigen und trug sie in das kleine Zimmer. Behutsam öffnete er das Fenster.

Gelächter kam von nebenan; Lisette schlug die Augen auf. Sie sah erstaunt in das Gesicht des fremden Mannes; betroffen blickte sie um sich, dann, mit sichtlicher Mühe, richtete sie sich auf.

»Ich danke Ihnen«, flüsterte sie mit schwacher Stimme.

»Wie fühlen Sie sich?«

Sie machte eine matte Handbewegung. »Ich möchte schlafen«, sagte sie leise.

Gurlitt sah sich ratlos um. Wenn er ihren Wunsch erfüllte, war dieser Abend verloren – verloren wie alles, was er bisher getan hatte. Er mußte aus diesem Stadium der unaufhörlichen Fehlschläge heraus; er mußte begreifen; daß das Schicksal ihn getroffen hatte, ihn gehämmert hatte; es galt, aus dem Bisherigen, aus Unglück, Schuld und Schwäche endlich die Konsequenz zu ziehen: sich aufzuraffen. Ein Mann zu sein. Die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Er war nicht feige, nur weich; nicht die Kraft fehlte ihm – nur die Fähigkeit, einen schnellen, robusten Entschluß zu fassen, hatte er verlernt. Es galt, das Verlorene wiederzufinden, es galt: zu kämpfen.

»Ich muß Ihnen etwas sagen, gnädige Frau«; seine Stimme klang so verändert, daß sie ihn betroffen ansah. »Ich weiß, was Sie so erschreckt hat. Sie lasen die Notiz über den Mord an Martini. Sie sind seine Frau, nicht wahr?«

Sie sah ihm bestürzt ins Gesicht; aber sie antwortete nicht.

»Auch ich stehe in Beziehungen zu diesem Unglück.«

»Wer sind Sie?« fragte sie unruhig.

»Sie kennen meinen Namen nicht. Ich hatte nichts mit Ihrem Gatten zu tun; aber ich kenne Herrn Roberts.«

Lisette Martini sah ihm mit starren Augen ins Gesicht; wie in tödlicher Bestürzung sprang sie auf.

»Wer sind Sie?«

»Ich heiße Kilian Gurlitt ...«

»Kilian Gurlitt«, wiederholte sie mechanisch; »Kilian Gurlitt ...« Er sah, daß sie, vielleicht ohne es zu wissen, den Kopf schüttelte. »Sie sind Kilian Gurlitt? Sie leben?«

Mit einem Schlage begriff Gurlitt: diese Frau wußte alles. Sie wußte von seiner Selbstmordabsicht – von seinem Abkommen mit Roberts. Denn sonst, wenn ihr nicht jede dieser Einzelheiten bekannt war, konnte sie nicht diese seltsame Frage stellen: »Sie leben ...?«

Gedämpfter Applaus drang aus dem Saal herüber; eine Ziehharmonika präludierte quäkend; händeklatschend sang das Publikum mit:

Lustig klingt und springt die Heuer,
Morgen geht die Reise los.
Heute ist mir nichts zu teuer;
Hüt speel ick dat feine Oos ...

Die Stille in dem kleinen Raum wurde schwer und drohend. Gurlitt sah auf die schöne, blonde, junge Frau, die kraftlos in ihrem Sessel lehnte; er fühlte, daß in diesem Hause die Lösung aller Rätsel lag. Der Name Roberts, der Name Martini waren hier vertraute, vielleicht alltägliche Begriffe. Nun galt es: du oder ich – und es konnte kein Zögern geben, kein Rücksichtnehmen. Diese Frau wußte, daß er schuldlos war; in ihren Händen lag es, ihn zu retten.

»Ich stehe unter einem schweren Verdacht«, sagte er leise. Merkwürdig, während er sprach, wußte er plötzlich, daß er dieser Frau mit seinen Worten unendlichen Schmerz bereitete. Das war eine Erkenntnis, die verstandesmäßig nicht zu begründen war – denn sicher sagte er ihr mit keinem seiner Worte etwas Neues – ganz sicher wußte sie alles, was er wußte – und wußte es hundertmal besser. Dennoch, mit einer unbegreiflichen Sensibilität der Nerven, fühlte er die wachsende Angst dieser Frau – und während er weitersprach, stieg es wie würgendes Mitleid in ihm auf. »Ich habe Sie nie gesehen, gnädige Frau. Ich habe vernünftigerweise keine Rücksichten zu nehmen, ich habe keine Pflichten gegen Sie. Wohl aber haben Sie eine Pflicht gegen mich: die Wahrheit zu sprechen.« Er trat auf sie zu. »Alles um diesen seltsamen Fall liegt im Dunkel. Von Ihnen muß die Hilfe kommen – oder ich bin verloren.«

Sie antwortete nicht.

Verstärkt setzte nebenan der Rhythmus ein:

Kehren wir nach einem Jahre
Braungebrannt wie 'n Hottentott,
Hast du deine blonden Haare
Schwarz gefärbt, vielleicht auch rot.
Triffst dann wohl den braunen Knaben,
Aber du erkennst ihn nicht ...

»Wollen Sie mir helfen, gnädige Frau?«

Sie senkte den Kopf; es konnte ein Bejahen sein, vielleicht auch der Ausdruck einer trostlosen Verzweiflung.

»Sie müssen mir alles sagen«, murmelte er, gegen seinen Willen, ja gegen alles Verstehen von Mitleid ergriffen.

Sie hob ein wenig den Kopf; er sah, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Ich bin nicht Frau Martini«, begann sie leise; »ich war Martinis Geliebte.«

»Sie führen seinen Namen ...«

»Er verlangte es so.«

Eine kleine Pause entstand; der Boden dieses Raumes schien im Zusammenklang der Rhythmen zu vibrieren, die die Säle dieses Hauses erfüllten; man hatte die Empfindung, auf einem Schiff zu sein; deutlich glaubte man den dumpfen Gleichtakt der Maschine zu spüren.

»Ich habe mich – bitte nehmen Sie mir ein offenes Wort nicht übel – ich habe mich gewundert, als ich Sie sah, gnädige Frau; so hatte ich mir die Besitzerin der Alhambra nicht vorgestellt.«

Gurlitt wunderte sich über sich selbst: über seine zögernde Art, Fragen zu stellen, die abseits von dem lagen, auf was es ihm ankam. Aber gleich darauf kam ihm von selbst die Antwort ins Bewußtsein: es galt, diese Frau nicht zu erschrecken. Sie durfte ihn nicht für ihren Feind halten. Denn er war auf ihre Gnade angewiesen; er konnte sie nur bitten, nicht zwingen, zu sprechen. Darum galt es: ihr Vertrauen zu gewinnen.

»Ich bin in Wahrheit nicht die Inhaberin der Alhambra«, sagte sie. »Martini ist der Besitzer. Er hatte Gründe, den Besitz zu verschleiern ...«

Kilian blickte auf. Das klang nicht nach freundschaftlichen Gefühlen für den Toten.

»Kennen Sie Roberts?« fragte er plötzlich.

Wieder sah er ihr jähes Erbleichen.

»Roberts ist hier, in Hamburg. Im Hotel sagte man mir, er sei von der Alhambra angerufen worden. Darum bin ich hier: ich hoffte ihn zu finden.«

»Er wird nicht kommen«, antwortete sie.

»Dann muß ich ins Hotel zurückfahren, ihn zu stellen.«

Lisette Martini erhob sich, mühsam, mit verzweifelter Energie.

» Bleiben Sie

Sie ging an ihm vorüber, quer durch das Zimmer, und schloß die Tür. Einen Augenblick blieb sie lauschend stehen; dann wandte sie sich zu Gurlitt herum. Und indem sie ihm, gegen die Tür gelehnt, ins Gesicht blickte, sagte sie tonlos:

» Ich bin Charles Roberts' Frau

Gurlitt ging auf sie zu; in fassungslosem Staunen hemmte er plötzlich den Schritt; bleich, mit halb geschlossenen Augen, sah sie ihm entgegen.

»Seine Frau ...?«

»Sie sollen alles wissen.« Langsam trat sie ins Zimmer; sie wies auf den Stuhl dort drüben.

Er blieb stehen; unentschlossen murmelte er:

»Sie müssen mir die Wahrheit sagen. Ich muß alles wissen – ist Herr Roberts hier im Hause?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich schwöre Ihnen, daß er nicht hier ist.«

»Dann wird es Zeit, zu handeln«, antwortete er. »Ich werde ins Hotel fahren. Vielleicht ist er schon zurück; sonst werde ich warten, bis er ins Hotel kommt; ich werde Hamburg nicht verlassen, ehe ich ihn gefunden habe.«

»Sie müssen mich anhören. Mir liegt daran, daß Sie alles erfahren.«

Er zuckte die Achseln. »Gnädige Frau – alle meine Interessen sind auf diese eine einzige Karte gesetzt. Sie müssen begreifen, daß ich ... daß ich ...«

»Warten Sie. Sie können selbst mit dem Hotel telephonieren.«

Sie ging ins Nebenzimmer. In der Tür wandte sie sich noch einmal um. »Der Apparat steht in meinem Schlafzimmer; ich hole ihn herüber.«

Die Tür schloß sich hinter ihr; Gurlitt war allein.

Unaufhörlich schlug, wie eine ewige Welle, der Rhythmus des Jazz herüber. Die dunkle Melodie eines Niggersongs stieg klagend auf, untermalt vom Klimpern des Banjos; dazwischen, an den Höhepunkten, jaulte das Saxophon:

Wenn ich Sonntags nachmittags
Zu meiner Liebsten geh',
Dann bring' ich bunten Kaliko
Und Kaffee ihr und Tee.
Küsse sie dann auf den Mund
Und mach' es immer so;
Und wenn sie recht in Stimmung ist,
Dann tanze ich Jim Crow ...

Stampfender Tanz setzte dröhnend ein; mit einem Höllenlärm nahm die ganze Jazzband die Melodie auf.

So primitiv das Ganze war – Gurlitt fühlte, wie ihn die Fremdartigkeit des Vortrags seltsam ergriff. Ein Duft wie von fernen Ländern, Seegeruch, Seewind, schien aus dieser dunklen Melodie herüberzuwehen; fast gespannt lauschte er dem Sang.

Aber eben ging die Tür auf; Lisette Martini erschien.

»Hier ist das Telephon,« sie schaltete behutsam die Stöpselung ein, »und hier ist auch die Nummer des Hotel Esplanade. Warten Sie – ich werde Sie verbinden.«

Sie nannte eine Nummer in den Apparat und reichte Gurlitt den Hörer.

Das Hotel Esplanade meldete sich. Gurlitt fragte nach Roberts. Das Hotel antwortete, daß Herr Roberts noch nicht wieder zurückgekehrt sei.

Lisette machte ihm ein Zeichen; er reichte ihr den Hörer hinüber.

»Bitte,« sagte sie ins Telephon, »sagen Sie Herrn Roberts, er möge sofort nach seiner Rückkehr bei seiner Frau anrufen; in einer dringenden Angelegenheit.«

Dann legte sie den Hörer nieder. »Jetzt sind Sie in ständigem Kontakt mit dem Hotel. Jetzt können Sie mich in Ruhe anhören. Sagen Sie nur eins: Wofür halten Sie Martini

Er zuckte die Achseln, ein wenig zerstreut; deutlich fühlte er das wachsende Unbehagen, das aus Quellen aufstieg, über die er sich keine Rechenschaft geben konnte. »Martini ... ich bin nicht ganz unbefangen. Er war drauf und dran, mir meine Frau zu nehmen; mit verbrecherischen Mitteln.«

Sie sah ihn mit unverhohlenem Erstaunen an. »Sprechen Sie die Wahrheit?«

»Welchen Grund sollte ich haben, die Unwahrheit zu sagen?«

Sie lachte bitter auf. »Dann hat er also mit Ihnen dasselbe Spiel getrieben wie mit Roberts und mir. Er ist einer von denen, die ihre Spekulationen auf dem Umwege über die Frauen führen.«

»Er hat die Zofe meiner Frau durch Geldgeschenke bestochen, meine Briefe zu unterschlagen; dadurch hat er sie in seine Arme gelockt.«

Lisette Martini nickte. »Er hat immer Glück bei den Frauen gehabt. Er hat diese Macht über die Frauen mit kalter Berechnung ausgenutzt: wie ein Zuhälter ... Sie werden erstaunt sein, vielleicht entsetzt über ein solches Wort aus meinem Munde ...

Es war vor fünf Jahren. Da verlebten wir den Sommer in den Dolomiten: mein Mann, mein Vater – und Martini. Mein Vater hatte Roberts sehr ins Herz geschlossen; er hatte ihm ein großes Vermögen ins Geschäft gegeben.«

»Ist Mr. Roberts Engländer?«

Lisette warf einen schnellen Blick auf den Frager. »Wir wohnten im Savoy-Hotel, in Cortina d'Ampezzo. Ich wurde, als blonde Norddeutsche, sehr umschwärmt; einer meiner glühendsten Verehrer war Martini.«

»Hatten Sie ihn auf dieser Reise kennengelernt?«

»Nein. Er verkehrte bei uns im Hause.«

»Wo lebten Sie, gnädige Frau?«

Wieder warf Lisette Martini einen unruhigen Blick auf Gurlitt. Sie schien seine Frage überhört zu haben; sie fuhr fort:

»Da, an einem Augustmorgen, geschah das furchtbare Unglück. Roberts, mein Vater und Martini machten eine gefährliche Bergpartie: auf den Cimone della Pala. Die drei waren angeseilt. Voran ging mein Vater, der ein enragierter Bergsteiger war, in der Mitte mein Mann; als letzter Martini. An einem gefährlichen Grat glitt mein Vater plötzlich aus. Die Wand fällt hier absolut senkrecht etwa tausend Meter steil ab. Der Sturz riß meinen Mann bis an den Rand des Grates; Martini, als dritter, war nicht so unmittelbar in Gefahr. Wie die Katastrophe sich in allen ihren Einzelheiten zugetragen hat, damit will ich Sie nicht aufhalten; ich kann nur sagen, daß es Roberts nicht gelungen ist, meinen Vater zu retten. Mein Vater ist in die Tiefe gestürzt. Sie werden sich das traurige Wiedersehen denken können, unten im Savoy-Hotel. Die beiden, Roberts und Martini, traten scheu und schweigend ein; erst auf meine angstvollen Fragen erfuhr ich das ganze Unglück. Es wurde eine Rettungsexpedition ausgerüstet; man hat meinen Vater nicht gefunden; in den Abgründen des Cimone della Pala, an unzugänglicher Stelle, liegt irgendwo seine Leiche.

Ein paar Tage glaubte ich in Martini einen treuen und ergebenen Freund gefunden zu haben; er versuchte, mich auf alle mögliche Art und Weise zu trösten. Eins machte mich stutzig: Martini wurde merklich kühler gegen meinen Mann. Dann wurde Roberts geschäftlich zurückgerufen. Ich blieb, vielleicht in der unbestimmten Hoffnung, doch noch über das Schicksal meines Vaters zu hören, in Cortina d'Ampezzo; auch Martini blieb. Da, eines Abends, als wir von dem Unglück sprachen, erfuhr ich von Martini das Ungeheuerliche: Roberts hat, um sich zu retten, das Seil durchschnitten. Ich wollte ihm nicht glauben; da zeigte mir Martini zum Beweise das Seil mit der frischen Schnittstelle – und das Messer, mit dem der Schnitt ausgeführt war. Kein Zweifel war möglich: das war das Messer meines Mannes.«

Gurlitt, beunruhigt und erschüttert, fragte leise:

»Und Sie glaubten diesem Mann?«

»Ich wollte ihm nicht glauben; ja, ich erklärte ihm, daß ich ihn für einen Lügner halte. Da erinnerte mich Martini an etwas, was ich völlig vergessen hatte und was das Verbrechen meines Mannes wahrscheinlich machte: Roberts hatte sich durch seine Tat nicht nur das Leben gerettet – sie brachte ihm auch einen ungeheuren finanziellen Gewinn. Denn mein Vater hatte, damals verstand ich nicht viel von geschäftlichen Dingen, mein Vater hatte seinem Schwiegersohn das Kapital gegen eine Lebensrente überlassen; mit dem Tode meines Vaters hörte jede Zinszahlung auf. Sie begreifen ...?«

Gurlitt nickte. »Roberts hatte also ein Interesse an dem Tode Ihres Vaters.«

»Diese Entdeckung warf mich völlig nieder. Ich brachte es nicht fertig, zu meinem Manne zurückzukehren; ich hob mein Vermögen ab und machte Reisen in Europa.

Ein halbes Jahr später traf ich Martini in Hamburg, meiner Heimatstadt. Er schien sehr erfreut über das Wiedersehen; und auch ich kann nicht leugnen, daß er mir nicht ganz gleichgültig war. Er erzählte mir viel von seinen Unternehmungen; und endlich fragte er mich, ob ich seine Frau werden wolle. Aber ich war noch mit Roberts verheiratet – ich bin es heute noch ...«

»Machte Ihr Gatte denn keine Anstrengungen, Sie zurückzugewinnen? Wie nahm er Ihr Verschwinden auf?«

Sie machte eine hilflose Bewegung. »Martini erbot sich, mir alle Korrespondenzen in dieser traurigen und peinlichen Angelegenheit abzunehmen ...«

»Ja«, sagte Gurlitt. »Daran erkenne ich seine Taktik.«

»Nun verwischte und verwirrte sich das Bild aller Dinge in mir so völlig, daß ich nach und nach in Martinis Bann geriet. Erst jetzt, vor wenigen Tagen, habe ich von Roberts, von meinem Manne selbst, erfahren, wie die Dinge in Wahrheit standen. Charles hat mir geschworen, daß er schuldlos sei. Das Seil hat sich an der scharfen Kante des Grats durchgescheuert. Plötzlich, mit einem entsetzlichen Ruck, sind die letzten Hanffasern gerissen, mein Vater ist in die Tiefe gestürzt.«

»Warum glauben Sie Ihrem Gatten jetzt? Bisher haben Sie Martini geglaubt.«

»Weil ich erst jetzt von meinem Manne das Letzte erfahren habe: Martini hat jahrelang finanzielle Vorteile aus seinem Wissen gezogen. Er ist der einzige Mensch, der über den Vorfall Zeugnis ablegen kann. Von Martinis Aussage ist das Schicksal meines Mannes abhängig. Nun: die Behörden haben, auf eine anonyme Denunziation, die Untersuchung gegen meinen Mann eingeleitet. Als Kronzeuge ist Stefan Martini geladen worden. Er hat sich jedesmal, bei jeder neuen Vorladung, an meinen Mann gewandt und ihm die Frage vorgelegt: ›Wünschest du, daß ich aussage – oder möchtest du, daß ich schweige? Es liegt in deiner Hand.‹ Er hat meinen Mann gehetzt und verfolgt bis aufs Blut – bis in die letzte Zeit hinein. Nun, da eine neue Vorladung gekommen ist, ist er mit seiner letzten Forderung hervorgetreten, die die Kräfte meines Mannes überstieg; die Zahlung hätte ihn ruiniert.

Martini blieb unerbittlich: ›Wie du willst.‹ So faßte mein Mann den furchtbaren Entschluß: daß Martini sterben müsse.«

»Haben Sie Ihrem Gatten nicht von der verzweifelten Tat abgeraten?«

Sie schloß die Augen, mit einem müden und traurigen Gesichtsausdruck. »Ich habe mit ihm tausend Möglichkeiten beraten; ich selbst bin zu Martini nach Berlin gefahren, ihn umzustimmen. Er hat mich ausgelacht.«

»Haben Sie Roberts nach dem Morde wiedergesehen?«

»Nein. Er schrieb mir ein paar Zeilen: er werde nach Hamburg kommen. Darauf habe ich Tag für Tag gewartet. Einmal rief er an und sagte mir in aller Eile, er fühle sich beobachtet. Vielleicht verfolgt.«

»Eines kann ich nicht fassen, gnädige Frau. Je länger ich Sie betrachte, desto unbegreiflicher wird es mir: Sie in der ›Alhambra‹?!«

Sie zuckte die Achseln. »Martini hat es verstanden, sich zum Verwalter meines Vermögens zu machen. Um nicht jede Übersicht zu verlieren, habe ich sein Angebot angenommen: die Geschäftsführung der ›Alhambra‹ zu kontrollieren.«

Auf dem Korridor klang ein leiser Schritt auf, der näher kam.

»Waren Sie Martinis Geliebte?« fragte Gurlitt.

Sie sah ihn an; in diesem Augenblick wurde an die Tür geklopft. Ein Herr trat ein, im Frack, nicht mehr jung; vielleicht ein Geschäftsführer.

»Das Hotel Esplanade hat angerufen. Herr Roberts ist abgereist

In Lisette Martinis Gesicht trat ein glückliches Lächeln. »Gott sei Dank!« sagte sie leise.

Gurlitt war betroffen aufgesprungen; er blickte dem Geschäftsführer, der zu seiner Verwunderung in der Tür stehen blieb, erstaunt ins Gesicht.

»Herr Roberts ist abgereist?« wiederholte er kopfschüttelnd. »Wohin ist Herr Roberts gereist?«

Der Gefragte zuckte die Achseln. Gurlitt blickte auf Lisette Martini, die stumm an ihm vorübersah.

»Ich will wissen, wohin Herr Roberts gefahren ist!«

»Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, Herr Doktor«, sagte Lisette Martini leise. »Sie können nicht von mir erwarten, daß ich Ihnen meinen Mann ausliefern soll.«

»Aber zum Teufel!« Gurlitt schlug zornig auf den Tisch; »ich selbst habe doch mit dem Esplanade-Hotel verabredet, daß man sofort anrufen solle ...«

»Ich muß Ihnen etwas gestehen«, unterbrach ihn Frau Lisette; »Sie haben überhaupt nicht mit dem Hotel Esplanade gesprochen: Sie haben mit der Zentrale der ›Alhambra‹ telephoniert.«

Kilian Gurlitt trat auf die Frau zu. »Sie haben mich also belogen! Warum haben Sie das getan?«

Sie schloß die Augen und sagte leise:

»Ich wollte Sie hinhalten, bis mein Mann in Sicherheit war.«

*

Der Empfangschef des Esplanade-Hotels blickte auf das leere Fach, das dem Zimmer 115 entsprach.

»Nein, mein Herr. Wir wissen nicht, wohin Mr. Roberts gereist ist.«

»Vielleicht kann das Personal Auskunft geben?«

Ein wenig verdrießlich winkte der Chef einen Hausdiener heran. »Haben Sie Mr. Roberts' Gepäck ans Auto gebracht?«

»Gewiß.«

»Wohin ist das Auto gefahren?«

»Ich weiß es nicht, Herr Direktor.«

»Zum Teufel –, welches Ziel hat denn Mr. Roberts dem Chauffeur gesagt?«

»Gar keins. Es war sehr merkwürdig. Der Herr hat mich abgeholt und hat gesagt, ich solle einmal nachsehen, ob vielleicht noch Briefe für ihn da seien. Als ich wieder herauskam, war er abgefahren.«

»Das sieht nach Absicht aus«, sagte der Hotelmann erstaunt.

Gurlitt kam ein Gedanke. Hier war eine letzte Hoffnung: vielleicht daß in dem Zimmer, das Roberts eben verlassen hatte, sich irgendein Anhalt finden würde.

»Ich möchte das Zimmer 115 haben.«

»Sehr wohl, mein Herr. Darf ich bitten«, damit schob er Gurlitt den Meldezettel hinüber.

Gurlitt reichte das ausgefüllte Formular dem Mann hinter der Rezeption zurück. Der warf einen Blick darauf; dann sagte er plötzlich:

»Herr Doktor Gurlitt ...? Eine Dame war hier; sie hat zweimal nach Ihnen gefragt.«

Léonie ...? dachte Gurlitt; gleichzeitig spürte er das Glücksgefühl, das jäh in ihm aufstieg.

»Die Dame hat diese Karte für Sie hinterlassen.«

Gurlitt nahm den kleinen weißen Karton in die Hand; nein, das war nicht Léonies Karte. Zu seiner Überraschung las er den Namen: Janna Lynd.

»Die Dame hat sich ziemlich lange im Vestibül aufgehalten; dann hat sie diese Karte geschrieben und ist hinausgegangen; unmittelbar nach Herrn Roberts. Seither ist sie nicht mehr zurückgekommen.«

Gurlitt drehte unschlüssig die Karte in der Hand. Auf der Rückseite stand in eiligen Zügen:

» Nehmen Sie hier im Hotel Wohnung

»Das Zimmer ist fertig, mein Herr. Sie können es sofort beziehen.«

Gurlitt fuhr mit dem Boy hinauf. Die Fenster blickten auf den Botanischen Garten; jenseits der Lampenreihe lag das dunkle Gewirr der blätterlosen Bäume. Gurlitt schaltete das Licht ein; er blickte aufmerksam um sich, immer in der unbestimmten Hoffnung, irgendeine leise Spur zu finden.

Aber man schien gewissenhaft aufgeräumt zu haben; während er fieberhaft weitersuchte, erkannte er selbst, wie kindlich er sich an eine letzte Hoffnung geklammert hatte.

Nun waren wieder alle Zusammenhänge zerrissen. Alles war beziehungslos, zerflattert, ins Ungewisse zerstoben; er stand mit leeren Händen da, wie je und je. Niemand war, der seiner Not gedachte.

Niemand ...?

Das Lärmen der Autos verstummte allmählich hinter den Fenstern; die Lichter des Bahnhofs dort drüben erloschen; der Schlaf der Nacht legte sich über die Stadt.

Mißmutig und verdrossen schloß Gurlitt die Vorhänge.

Es klopfte.

»Ein Telegramm!«

Er öffnete erstaunt; während er es aufriß, gingen ihm hundert Gedanken durch den Kopf.

Es war ein Radiogramm von Janna Lynd: aus dem Zuge Hamburg – Hoek van Holland:

 

Im Abteil mir gegenüber sitzt Charles Roberts. Er hat Billett nach London genommen. Versuchen Sie mit allen Mitteln, London zu kommen. Erwarte Sie dort Hotel Balmoral.

Janna Lynd.

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