Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Rosenhayn >

Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
Schließen

Navigation:

III.

Gurlitt fuhr verwirrt aus seinen Träumen auf; es hämmerte gegen die Tür, und eine wohlbekannte Stimme rief lachend:

»Wie lange willst du schlafen, Kilian?«

Er sprang aus dem Bett und öffnete die Tür.

Es war Léonie, die eintrat, mit frischen Wangen, gerötet von der jungen Märzsonne, und mit blitzenden Augen.

»Ich bringe Gutes, Kilian«, sagte sie lachend. »Warum bist du noch nicht aufgestanden? Schön verbummelt bist du in diesen Wochen! Also denke dir ... geh' ruhig wieder ins Bett, es ist kühl hier im Zimmer, und du hast natürlich deinen Sommerpyjama an!«

Sie ging ans Fenster und zog die Vorhänge zurück; warm und leuchtend floß das Sonnenlicht ins Zimmer.

»Jetzt hätt' ich's beinah vergessen: ich habe ja noch jemand mitgebracht. Er steht draußen. Warte einen Augenblick!«

Sie ging zur Tür und öffnete; herein trat Costa. Auch er lachte, alles schien zu lachen an diesem Morgen: die Menschen, die Sonne, die ganze Welt.

»Grüß Gott, Kilian«; Costa faßte mit sicherer Hand in das Zigarettenetui, das auf dem Nachtschränkchen lag. »Danke, laß, ich hab' ein Feuerzeug. Also: wir haben dir viel Gutes zu erzählen. Wir fahren alle zusammen nach Amerika: du, deine Frau und ich. Und die Rose, versteht sich.«

Kilian blickte auf Léonie, die strahlend nickte.

»Gestern ist es perfekt geworden«, sagte Léonie; sie setzte sich auf den Bettrand und nahm Kilians Hand. »Luxuskabine auf dem Dampfer ›Yoshiwara‹: für Herrn und Frau Doktor Gurlitt; hier ist das Ticket. Hab' keine Angst, Kilian, du sollst nicht als Mann deiner Frau fahren. Im Gegenteil: man rechnet stark auf deine Arbeit. Drei Filme soll ich spielen – und du sollst die drei Manuskripte schreiben; gegen sehr hohes Honorar, du wirst staunen, ich habe an alles gedacht; der Direktor war weiches Wachs in meinen Händen. Freust du dich, Kilian? Nun sind wir zusammen: ein Jahr Hollywood; die Gesellschaft stellt uns eine entzückende Villa zur Verfügung, in Beverley Hills; er hat mir die Photographie gegeben, entzückend, ein kleines weißes Schloß, mitten unter Palmen. Douglas Fairbanks wohnt gleich neben uns, mit Mary Pickford.«

Costa räusperte sich.

»Ja, und denke dir: Costa ist richtig engagiert worden, er war in Hamburg, er wird Musikdirektor auf der ›Yoshiwara‹, Kilian«; sie legte die Arme um seinen Hals und küßte ihn. »Das wird ein herrliches Leben werden! Sonne und Meer und das schöne Schiff – und wir beide, wir beide endlich wieder zusammen in einer gemeinsamen Arbeit. Ich bin so glücklich, Kilian!« Sie sah auf die Uhr. »Herrgott! Halb zwölf? Wie lange brauchst du zum Anziehen? Sagen wir: eine halbe Stunde. Kommen Sie, Costa; mach' dich schnell fertig, Kilian, hol' mich ab von der Pension, wir fahren zusammen nach Wannsee. Kommen Sie, Alfons!«

Und draußen waren sie.

Kilian Gurlitt ging hinaus ins Badezimmer; die Gedanken kreisten in seinem Kopf, irr und verzweifelt; die Dinge überstürzten sich, nichts war mehr Wirklichkeit, nichts war faßbar. Die beklemmenden und überwältigenden Ereignisse der letzten Nacht tauchten vor seinen Augen auf, der Gedanke an den falschen Harrendorf und, merkwürdig genug: immer wieder kam dazwischen das helle Lächeln Janna Lynds.

Vielleicht war dies die beste Lösung: eine Atlantikfahrt mit der »Yoshiwara«, ein Jahr Amerika; inzwischen würde sich alles klären, man würde den Täter finden; wenn er zurückkehrte, war der Fall Martini erledigt, begraben, vergessen. Ja, es war gut so: ein anderer hatte die Dinge in die Hand genommen, Léonie hatte für ihn gedacht und gehandelt, Léonie war tüchtig; lachenden Auges löste sie die Fragen, vor denen er ratlos stand; mit sicherer Hand öffnete sie Türen, die ihm verschlossen waren.

Dann, plötzlich, mitten in seine neuen Hoffnungen hinein, kam der Gedanke: nun war der Brief fällig – nun würde der Mörder nicht mehr zögern, das Geständnis abzusenden, das einem andern die Tat aufbürdete. Jetzt stand er vor der letzten und schwersten Wendung.

Gleichviel – es mußte durchgekämpft werden. Er fühlte sich unschuldig, das war die Hauptsache. Und dann: er hatte einen Kameraden, der an ihn glaubte. Léonie! Das Herz klopfte ihm schneller beim Gedanken an sie; Léonie, seine junge, schöne, kluge Frau! Wie sehr sie ihn liebte! Ja, sie gehörten zusammen, was ihm Ende und Tod bedeutet hatte, war nun in Wahrheit der Anfang eines neuen, schöneren, innigeren Zusammenlebens geworden.

Hastig beendete er die Toilette, in einer Art Angst vor den trüben Gedanken, die schon wartend an der Schwelle des Bewußtseins standen.

Dort war die Pension Scalandrini. Sonne lag über dem weißen Hause; auf den spiegelnden Fenstern lag Sonne.

Er ging schnellen Schrittes die Treppe hinauf; das Mädchen öffnete die Tür zu Léonies Zimmer und schloß sie leise wieder, mit einem lächelnden Blick auf ihn, auf Léonie, die wartend am Fenster stand.

Seltsam: seine Fran kam ihm nicht entgegen. Sie stand regungslos, mit dem Rücken zum Fenster. Ihm schien, als ob sie bleicher sei als vorhin. Ihr Blick war starr; sie sah ihn an, nein, sie sah durch ihn hindurch.

Er ging auf sie zu, beklommen, in der aufsteigenden Ahnung eines Unheils. Er reichte ihr die Hand; sie schüttelte langsam, mit ernstem Gesicht, den Kopf.

»Was ist dir, Léonie?«

Wie zögernd und trostlos ihre Bewegungen waren! Sie hob den Arm, wie in unendlicher Mühe; sie wies auf die Zeitungen, die auf dem Tisch lagen, und sagte mit tonloser Stimme:

»Diese Nacht ist Stefan Martini ermordet worden.« Er sah hinüber auf den Tisch. Dann, sich zu ihr herumwendend, fragte er leise:

»Wer ist Stefan Martini?« und lauernd setzte er hinzu: »Kanntest du ihn?«

»Ja«, antwortete sie. »Ich kannte ihn. Er war der Mann, der zwischen dir und mir stand; er war es, der Lieselotte bestochen hat – auf dessen Geheiß sie deine Briefe zurückgehalten hat.«

Er sah ihr ins Gesicht. »Martini hat sich um dich beworben?«

Sie nickte. »Das hast du doch gewußt. Nicht wahr?« setzte sie in drohendem Ton hinzu, indem sie ihn mit einem schnellen Blick maß.

»Nein«, antwortete er.

Sie machte eine unmutige Bewegung. »Warum warst du gestern vormittag bei ihm?«

»Auch das weißt du?«

»Du siehst es.«

»Woher weißt du es, Léonie?« er faßte sie bei der Hand.

Sie entwand sich ihm. »Er selbst hat es mir gesagt.«

»Du standest noch in Verbindung mit ihm?«

Sie schien seine Frage zu überhören. »Was wolltest du von ihm?«

»Ich ging zu ihm in einer Angelegenheit, die ich dir später einmal auseinandersetzen werde.«

»Warum nicht jetzt?« fragte sie kopfschüttelnd, sichtlich von Mißtrauen erfüllt.

»Weil sie so eigenartig ist und so kompliziert, daß du sie nicht begreifen würdest, wenn ich sie dir nicht in allen Einzelheiten ...«

»Du hast bei Martini einen Brief gefunden«, unterbrach sie ihn. »Einen Brief an mich.«

»Auch das weißt du?«

»Du hast diesen Brief an dich genommen, gegen den Willen des Dieners. Du hast mehrere Male telephoniert, du hast gedroht, du würdest unter allen Umständen eine Aussprache mit Martini erzwingen. Ist das wahr, Kilian?«

»Ja«, sagte er. »Es ist wahr.«

»Wo warst du gestern abend?«

»Gestern abend ...« er sah sie an. »Gestern abend ...« er wurde unsicher; »soll das ein Verhör sein?« fragte er, sich einen Ruck gebend.

Sie machte Miene, einen Schritt auf ihn zuzugehen, vielleicht in einer wärmeren Regung, vielleicht in einem plötzlichen Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dann, fast als ob es gegen ihren eigenen Willen sei, blieb sie stehen und schlug die Hände vors Gesicht.

»Ich kann es nicht glauben, Kilian!« flüsterte sie, ihre Stimme war verschleiert; »nicht wahr: du kannst dich rechtfertigen? Ich bin sicher, man wird dich noch heute vormittag vernehmen. Du brauchst ja nur zu sagen, wo du in der letzten Nacht gewesen bist, irgendein Alibi mußt du doch haben; es wird doch einen Menschen geben, mit dem du zusammen warst, oder der dich gesehen hat; dann wird alles sich klären. Aber das mußt du einsehen, Kilian: daß ich ... daß ich ...« sie vollendete den Satz nicht.

Er ging auf sie zu; plötzlich fiel sie ihm um den Hals. »Du mußt selbst zur Behörde gehen«, sagte sie schluchzend, »du selbst mußt alle Zweifel zerstreuen. Wer weiß, vielleicht ist man schon dem Täter auf der Spur. Hörst du, Kilian: warte nicht, bis man dich ruft; geh' freiwillig!«

»Ja«, sagte er, in einem plötzlichen Entschluß. »Du hast recht, Léonie; es kann nur Vertrauen erwecken, wenn ich aus mir selbst heraus erscheine.«

»Ich warte auf dich, Kilian. In einer Stunde kann alles vorüber sein, sprich mit den Beamten, es sind verständige und kluge Menschen unter ihnen; man kann dich im Ernst nicht einer solchen Tat für fähig halten.«

Während er die Treppe hinunterging, dachte er bei sich: »Sie hat recht. Ich muß mich stellen. Komme was da wolle.«

*

Als Kilian Gurlitt in das Verhörzimmer eintrat, ging ihm unablässig der eine Gedanke durch den Kopf: Ist der Geständnisbrief schon eingegangen? Dann werde ich einen schweren Stand haben ...

Der Kommissar erhob sich kurz aus seinem Sessel. Er war glattrasiert, blond, mittelgroß, von breitschultriger Gestalt, unbeweglichen Gesichts.

»Es ist mir lieb, daß Sie kommen, Herr Doktor Gurlitt«, sagte er mit kühler Stimme. »Wir warten schon sehnlichst auf Sie.« Er schlug das dünne Aktenstück auf, das vor ihm lag. »Was haben Sie mir zu sagen?«

Gurlitt spähte verstohlen in das Heftchen hinein. Ein paar Blätter waren übereinandergeschichtet, Protokolle offenbar. Wo war der Geständnisbrief? Er konnte ihn nirgends erblicken; aber vielleicht daß ihn der Kommissar als Trumpf bereithielt ...

Es gab nur eine Möglichkeit: er mußte den Stier bei den Hörnern packen. »Darf ich etwas fragen, Herr Kommissar? Ist bei Ihnen ein Brief eingegangen, von mir geschrieben, ein Brief, in dem ich mich bezichtige, den Mord an Stefan Martini begangen zu haben?«

Der Kommissar hob den Kopf und sah ihn mit unverhohlener Verblüffung an. »Ein Brief ... von Ihnen ... ein Geständnis ... Haben Sie denn einen Geständnisbrief geschrieben?«

»Ja.«

Der Kommissar erhob sich mit einem Ruck von seinem Sitz. »Sie sind der Mörder Martinis?«

»Nein. Aber ich habe mich als Mörder bekannt

»Das müssen Sie mir schon näher erklären. Warum haben Sie sich als Mörder bekannt? Ich würde es nicht einmal begreifen, wenn Sie der Mörder wären. Wenn Sie der Mörder nicht sind, ist es mir vollends unverständlich.«

»Ich stand vor dem Selbstmord. Ein Fremder kam auf mich zu und bat mich, diese Tat auf mich zu nehmen; er zahlte mir dafür ein Vermögen.«

»Was für ein Interesse hatten Sie daran, ein Vermögen zu gewinnen? Da Sie doch sterben wollten?«

»Ich dachte an einen bedürftigen Freund. Ihm habe ich das Geld geschickt.«

»Können Sie das beweisen?«

»Ja. Er heißt Alfons Costa: Zimmerstraße 144.«

»Hm. Wir werden ihn vernehmen.« Der Beamte, der um eine Schattierung eisiger geworden war, lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Sie behaupten also, die Tat nicht begangen zu haben?«

»Gewiß nicht. Ich glaube,« setzte er lächelnd hinzu, »ich wäre nicht hier, wenn ich nicht ein gutes Gewissen hätte.«

»Das ist ein Trugschluß. Dann brauchte ja nur jeder Schuldige freiwillig zur Behörde zu gehen und hätte damit seine Unschuld bewiesen.«

»Ich habe nichts gegen Martini; ich hatte keine Veranlassung, ihm den Tod zu wünschen.«

»Hm. Wir haben ein paar Leute vernommen. Aus ihren Aussagen ergibt sich folgendes Bild: Martini stand zwischen Ihnen und Ihrer Frau. Sie haben in Martinis Besitz einen Brief gefunden, den Sie an Ihre Frau gerichtet hatten. Sie waren zweifellos von feindseligen Gefühlen gegen Martini erfüllt. Und ...« der Kommissar blickte auf ... »Sie sind in der letzten Nacht vor der Villa Martini gesehen worden. Wenigstens scheint es so. Oder ist das ein Irrtum? Dann würden wir Gelegenheit haben, Ihnen den Wächter gegenüberzustellen, der mit jenem Fremden in der Nacht gesprochen hat: mit jenem Fremden, der an der Villa Martini klingelte.«

»Der Wächter hat die Wahrheit gesagt: ich war an der Villa Martini.«

»Und dann sind Sie unverrichteter Dinge wieder umgekehrt?«

»Ein Mann stürzte aus dem Hause, es war der Diener; er holte Assistenz; aus dem Gespräch erfuhr ich von der Tat, die eben geschehen war.«

»Zu welchem Zwecke waren Sie nach der Winterthur-Allee hinausgefahren?«

»Ich wollte Martini zur Rede stellen: ich ahnte, daß Beziehungen zwischen ihm und meiner Frau bestanden.«

»Sie müssen zugeben, Herr Doktor Gurlitt, daß hier recht seltsame Zusammenhänge zu bestehen scheinen. Sie hatten Grund, Martini zu hassen. Martini ist ermordet worden. Sie standen vor der Tür seines Hauses. Sie selbst haben ein Geständnis abgelegt, in dem Sie diese Tat auf sich genommen haben.«

»So ist das Geständnis eingegangen?« entfuhr es Gurlitt.

»Ich muß es ablehnen, diese Frage zu beantworten. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß die Geschichte von jenem großen Unbekannten, der Ihnen ein Vermögen ausgezahlt hat, dem Sie ein Mordgeständnis ausgeliefert haben, weil Sie ohnehin aus dem Leben zu scheiden beabsichtigten – sehr unwahrscheinlich klingt.«

»Ich gebe es zu«, sagte Gurlitt leise.

»Haben Sie Beweise irgendwelcher Art? Einen Zeugen – ein Alibi? Können Sie glaubhaft machen, daß Sie tatsächlich in jener Nacht mit diesem Fremden zusammengewesen sind? Daß Sie mit ihm jenen merkwürdigen Vertrag geschlossen haben?«

»Leider nicht«, sagte Gurlitt. »Ich habe weder einen Zeugen noch ein Alibi.«

Der Kommissar blickte auf, und fast schien es wie ein Lächeln in sein Gesicht zu treten. »Ist das Ihr Ernst?« fragte er, und auf Gurlitts verständnisloses Achselzucken fuhr er fort: »Ich meine – werfen Sie die Flinte so schnell ins Korn? Wollen Sie nicht wenigstens versuchen, Ihre Angaben zu beweisen? Das läßt auf kein sehr gutes Gewissen schließen. Ich habe gefunden, daß ein ehrlicher Mann, der eine ehrliche Sache zu vertreten hat, sich bis zum letzten Atemzuge zu wehren pflegt.«

»Sie mögen recht haben, Herr Kommissar«, sagte Gurlitt. »Aber ich wüßte mit dem besten Willen nicht, was ich ...«

»Dann will ich Ihnen zu Hilfe kommen«, sagte der Kommissar, und das Lächeln in seinen Augen schien sich zu verstärken. »Nein, das ist nicht richtig gesagt. Ich möchte Ihnen statt dessen raten: bedanken Sie sich bei einer jungen Dame, die es sich anscheinend in den Kopf gesetzt hat, das Rätsel des Falles Martini zu lösen – und die allem Anschein nach von Ihrer Unschuld überzeugt ist.«

»Fräulein Lynd?« fragte Kilian.

»Fräulein Janna Lynd«, nickte der Kommissar. »Sie hat, unorientiert wie sie ist, Beweise beigebracht. Danach scheint es tatsächlich zu stimmen, daß Sie in jener Nacht mit einem Fremden einen Vertrag geschlossen haben. Soll ich Ihnen die Beweise aufzählen?«

»Ich bin, offen gestanden, neugierig«, sagte Gurlitt.

»Da ist zum Beispiel ein Fräulein Rose Majewski. Sie hat gesehen, daß Sie mit einem Herrn im Speisesaal des Hotel Adlon eifrig geplaudert haben. Auch ihr Verlobter, der Musiker Alfons Costa, soll das gleiche aussagen können; aber Costa war bis gestern nacht verreist.«

»Das beweist natürlich noch nicht, daß ich mit diesem Fremden jenen Vertrag geschlossen habe.«

»Wir spielen hier mit vertauschten Rollen«, sagte der Kommissar kopfschüttelnd. »Jetzt muß ich Ihnen beweisen, daß Sie die Wahrheit gesagt haben, und Sie machen Gegeneinwendungen. Nun, in Gottesnamen, wenn Sie diese Taktik für zweckmäßig halten, so müssen Sie das mit sich abmachen.«

»Ich verfolge keine Taktik«, sagte Gurlitt.

»Jetzt kommt eine ungleich wichtigere Angelegenheit: die Aussage eines Hotelboys. Dieser Boy, der Sie von Ansehen kennt, hat Sie und jenen Herrn ins Schreibzimmer geführt. Er hat das Licht eingeschaltet. Da er ein wenig erstaunt war über die späten Besucher, hat er neugierig durch die Scheiben geguckt. Er hat gesehen, daß jener andere eine große Summe Geldes in ein Kuvert getan und sie Ihnen übergeben hat. Was sagen Sie dazu, Herr Doktor?«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar.«

»Wir haben nicht die Aufgabe, irgendeinen Schuldigen zu finden – sondern: den Schuldigen zu finden. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit: das alles, so sehr es zu Ihren Gunsten sprechen mag, schließt nicht aus, daß Sie der Mörder sind. Immerhin: vielleicht liegen hier Möglichkeiten. Also: jener Boy hat nach Ihrem Fortgehen das Licht im Schreibzimmer wieder ausgeschaltet. Bei dieser Gelegenheit hat er etwas Weißes auf dem Schreibtisch liegen sehen. In dem Glauben, es sei ein zerknitterter Briefbogen, hat er es in den Papierkorb werfen wollen; da hat er entdeckt, daß es eine englische Banknote war: eine Fünfzig-Pfund-Note. Tausend Mark! Er muß ein ehrlicher Junge sein; denn er ist mit der Note in der Hand ins Vestibül hinausgelaufen, wo eben der Herr, der inzwischen Hut und Mantel genommen hatte, durch die Drehtür hinausging. Draußen, auf der Straße, hat er jenen Herrn eingeholt und hat ihm die tausend Mark wiedergegeben.«

»Ein guter Junge«, sagte Gurlitt. »Er rettet mir vielleicht meinen ehrlichen Namen.«

»Sie sagen,« der Kommissar klappte den Deckel des Tintenfasses herunter, »daß dieser fremde Mann, jener Herr im blauen Mantel, nach Lage der Dinge der Täter sein muß. Ist es Ihnen möglich, irgend etwas anzugeben, was uns auf seine Spur führen kann?«

Gurlitt sah nachdenklich vor sich nieder. »Er selbst hat einen falschen Namen angegeben.«

»Stimmt. Den Namen Holger Harrendorf. Auch das hat uns Fräulein Lynd erzählt. Wir haben Herrn Harrendorf, der glücklicherweise noch in Berlin ist, gefragt, ob vielleicht irgendwelche Beziehungen zwischen ihm und jenem Manne bestehen. Harrendorf kennt ihn nicht. Wir wissen nicht, wie jener Fremde auf den Namen Holger Harrendorf gekommen ist. Daß er sich unkenntlich machen wollte, steht natürlich außer Zweifel. Und ich will Ihnen nicht verhehlen, daß diese Feststellungen in unsern Augen zu Ihren Gunsten sprechen, Herr Doktor Gurlitt. Wenn ich mich rechnerisch ausdrücken soll, so möchte ich sagen: Vierzig Prozent sprechen gegen Sie, sechzig Prozent sprechen zu Ihren Gunsten. Ihr Vorleben ist einwandfrei, Ihrer ganzen Art nach ist Ihnen ein Mord kaum zuzutrauen; allerdings lehrt die Erfahrung, daß Morde fast niemals von gewohnheitsmäßigen Verbrechern ausgeführt werden, sondern fast immer Gelegenheitsverbrechen sind. Eins steht jedenfalls fest: Sie haben alle Ursache, mit allen Ihnen zu Gebote stehenden Mitteln jenen falschen Holger Harrendorf zu suchen. Solange er nicht gefunden ist, bleibt ein gewisser Verdacht auf Ihnen haften. Sie sind der einzige, der ihn so recht eigentlich von Angesicht zu Angesicht gesehen hat; die beiden andern Zeugen können sich seiner nur ganz dunkel erinnern, zumal er im Schreibzimmer mit dem Rücken nach der Tür gesessen hat. Bringen Sie uns jenen Harrendorf, Herr Gurlitt – es ist in Ihrem Interesse! Es wird Sie vielleicht wundern, daß ich Ihnen diesen Auftrag gebe; Sie werden meinen, das sei Sache der Polizei. Das ist ein Irrtum Ihrerseits. Jener Mann hält Sie für tot; er hat daher von Ihnen, wie er meint, nichts zu befürchten; und Sie können sozusagen ungesehen und ungehört an seiner Identifizierung arbeiten. Sobald die Behörde ihren ein wenig geräuschvollen Apparat in Bewegung setzt, wird jener Harrendorf zweifellos aufmerksam – und sobald er merkt, daß man ihn sucht, ist schon das Fiasko da. Und damit möchte ich Ihre Vernehmung schließen.«

In der Tür wandte Gurlitt sich noch einmal um. »Meine Frau hat ein Engagement nach Amerika angenommen; man hat ihr eine Kabine angewiesen, für uns beide: meine Frau und mich.«

Der Kommissar lächelte. »Ich hoffe, Sie stellen diese Frage nicht im Ernst. Selbstverständlich würden Sie verhaftet werden, sobald Sie den Versuch machen würden, Deutschland zu verlassen.«

*

Als Gurlitt über den Korridor ging, trat aus einer Nische eine junge Dame.

Es war Léonie.

»Nun?« fragte sie lächelnd, immerhin mit einem Ausdruck der Unruhe.

Er erzählte den Inhalt seiner Unterredung.

Sie gingen zusammen der Treppe zu. »Es wird am besten sein, du gehst dieser ganzen dummen Geschichte aus dem Wege«, meinte Léonie. »Von drüben, von Amerika aus, sieht sich das alles ganz anders an.«

»Wir müssen hier bleiben«, antwortete er kurz.

»Und meine Karriere?« fragte sie erstaunt, während sie die Treppe hinuntergingen.

»Begreifst du nicht, daß hier wichtigere Dinge auf dem Spiele stehen als deine Karriere?«

»Ich hoffe, du sprichst nicht im Ernst«, antwortete sie kühl. »Aber das ist ein Spiel mit Worten. Wir fahren nach Hollywood, inzwischen wird sich alles aufklären.«

» Ich kann nicht nach Hollywood fahren, selbst wenn ich es wollte. Ich darf Deutschland nicht verlassen.«

Jäh blieb sie stehen. »Du darfst nicht ... man würde dich ...« Er sah, wie der Argwohn in ihren Augen aufglomm. Plötzlich streckte sie die Hand, wie in ängstlicher Abwehr, gegen ihn aus. »Du hast es getan!« schrie sie; ein paar Beamte, die eben vorübergingen, blieben neugierig stehen.

»Léonie!«

»Du bist es gewesen, Kilian! Gesteh' die Wahrheit!«

»Du erregst Aufsehen, Léonie.«

»Ich fange an, mich vor dir zu fürchten!«

»Ich will dir alles in Ruhe auseinandersetzen. Nicht einmal der Kommissar glaubt an meine Schuld.«

»Wenn er dich für unschuldig hielte, würde er dir nicht verbieten, nach Amerika zu fahren!«

Sie traten ins Freie.

Eine junge Dame kam ihnen entgegen: Janna Lynd.

»Herr Doktor ...«

Er wollte die beiden miteinander bekanntmachen; aber Léonie ging eben auf ein Auto zu, das wartend an der Bordschwelle stand.

»Nun, Herr Doktor?« fragte Janna.

Eben wollte Kilian seiner Frau nacheilen; aber schon setzte sich das Auto in Bewegung; Léonie blickte geradeaus.

Er sah schweigend dem davongleitenden Wagen nach; Janna betrachtete ihn forschend von der Seite.

»Dort fährt meine Frau. Wenn nicht alles täuscht, ist dies das letzte Wort, das wir miteinander gesprochen haben.«

»Sie hält Sie für schuldig?«

Er nickte.

»Ist die Liebe Ihrer Frau so leicht zu erschüttern?«

Er gab keine Antwort.

»Sie müssen den Kopf klar halten, Doktor Gurlitt«, sagte Janna.

»Jetzt stehe ich in derselben Situation wie vor drei Tagen. Meine Frau hat mich verlassen. Und ich ... und ich ...«

Janna nickte. »Sie vergessen, daß etwas Neues hinzugekommen ist: Sie stehen unter einem schweren Verdacht.«

Er lachte auf. »Also eine Lage, die noch tausendmal schlimmer ist!«

»Nein«, sagte sie. »Die großen Sorgen haben eine gute Seite: daß sie die kleineren absorbieren. Es darf jetzt für Sie nur eins geben: Ihre Unschuld zu beweisen.«

»Dasselbe hat mir der Kommissar gesagt. Dasselbe habe ich mir natürlich längst selbst gesagt. Wenn ich nur einen Weg sähe! Eine Möglichkeit!«

»Sehen Sie wirklich keinen?«

»Ich danke Ihnen übrigens –« er wandte sich zu ihr herum, »daß Sie so kameradschaftlich für mich gearbeitet haben! Dieser Boy aus dem Hotel Adlon ist ein Prachtjunge. Durch sein Zeugnis ist die Existenz jenes Herrn Harrendorf erwiesen. Von da an ist allerdings alles in Dunkelheit gehüllt.«

»Doch nicht so ganz«, sagte Janna leise.

»Wenigstens erklärte mir dies der Kommissar.«

»Wollen Sie mir versprechen, einmal ganz ruhig zuzuhören? Ich habe immerhin etwas Interessantes für Sie in petto

»Sie haben weiter recherchiert?«

»Soll ich offen sagen, was mir an der Aussage des Boys aufgefallen ist? Daß er, als ob dies die größte Selbstverständlichkeit von der Welt gewesen wäre, jenem Herrn im blauen Mantel den Fünfzig-Pfund-Schein so einfach wieder zurückgegeben haben will. Hier schien mir etwas nicht zu stimmen.«

»Das ist großartig«, sagte Gurlitt in ehrlicher Bewunderung.

»Ich fragte deshalb, ob der Herr sich für die Dienstleistung, die ihm immerhin tausend Mark eingebracht hat, erkenntlich erwiesen habe. Der Junge wurde verlegen; das bewies mir, daß er auf diese Frage nicht vorbereitet gewesen war. Da wußte ich, daß er gelogen hatte. Ich nahm ihn mit in die Redaktion und versprach ihm Absolution, wenn er in allen Punkten sage, was er wisse. Was glauben Sie, wie die Sache sich abgespielt hat?«

»Er hat das Geld behalten!«

»Das wäre noch nicht das Schlimmste. Er hat die Adresse, die Ihr Mann im blauen Mantel dem Chauffeur genannt hat, verschwiegen. Begreifen Sie warum? Weil er fürchtete, man werde jenen Herrn ausfindig machen – – und es werde bei dieser Gelegenheit herauskommen, daß er, der Boy, die Fünfzig-Pfund-Note nicht abgeliefert habe.«

»Wir hätten also eine Spur?«

»Der Junge ist, die Note in der Hand, hinter dem Herrn hergelaufen; soweit hat er die Wahrheit gesagt. Aber auf der Straße ist ihm ein Kollege begegnet; er hat den Geldschein in seiner Hand bemerkt, und als unser Freund ihm erklärte, daß er das Geld jenem Herrn zurückbringen wolle, hat er ihm von diesem törichten Schritt sehr energisch abgeraten. Tausend Mark seien tausend Mark, und jener Herr habe keine Ahnung, daß er sie überhaupt verloren habe. Kurz und gut, unser Boy hat die Note mit seinem Freunde geteilt. Das geschah unmittelbar neben dem Auto, in das eben jener Herr stieg. Und der Boy hat, und das ist schließlich tausend Mark wert, gehört, welche Adresse der Herr dem Chauffeur gesagt hat.«

»Er wohnte also nicht im Hotel Adlon?«

»Er hat dem Chauffeur gesagt: zum Eden-Hotel

Gurlitt umklammerte Jannas Arm.

»Wenn wir Glück haben, erfahren wir seinen Namen!«

»Wir haben Glück«, sagte Janna. » Wir haben seinen Namen. Ich komme eben aus dem Eden-Hotel. Der Herr, mit dem Sie jenes Abkommen getroffen haben, heißt Charles Roberts

»Sie haben es fertiggebracht, seinen Namen zu erfahren ... Sie haben das Unmögliche möglich gemacht ... Wir brauchen nur zum Eden-Hotel zu fahren – und wir haben ihn?«

»Nein. Ganz so einfach ist die Sache nun doch nicht. Herr Roberts ist mit dem Flugzeug D 24 nach Hamburg gefahren.«

»Gnädiges Fräulein –« Gurlitt holte tief Atem, »in dem Augenblick, da alles mich verläßt, da meine Frau sich von mir abwendet, weil sie mich eines infamen Verbrechens für fähig hält – in diesem Augenblick ergreifen Sie meine Hände und führen mich zu neuen Ausblicken, die voll Hoffnung sind und voll Licht. Ich weiß nicht, ob Sie es aus Ehrgeiz tun – ich sehe nur, daß Sie für mich denken. Daß Sie für mich handeln. Daß Sie an mich glauben. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll!«

Janna Lynd sah auf die Armbanduhr. »Es wird am besten sein, denke ich, Sie fahren mit dem Vier-Uhr-Zuge nach Hamburg.«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.