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Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
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II.

Das Mädchen stellte, mit einem verwunderten Seitenblick auf seinen Herrn, den dampfenden Mokka auf den Tisch. Gurlitt, der eben ein Bad genommen und sich in aller Hast umgekleidet hatte, nahm die Morgenzeitungen vom Schreibtisch, und während er den heißen Kaffee hinunterstürzte, wandte er suchend Blatt um Blatt. Irgendwo mußte doch der Mord in der Winterthur-Allee auftauchen! Ein solches Kapitalverbrechen warf Wellen auf, die Zeitungen ließen sich dergleichen sicher nicht entgehen. Mit zitternder Hand, mit übernächtigten Augen suchte er weiter.

Es klingelte.

Er schrak zusammen; er fühlte, daß er bleich wurde. Tat der Brief schon seine Wirkung? Die Behörden arbeiteten schnell, das war sicher.

Zum zweiten Male klingelte es: mahnend, ungeduldig. Ganz sicher, das war ein amtliches Klingeln. Er hörte den Schritt des Mädchens auf dem Korridor.

Zum Teufel, war denn nirgends, in keiner von allen Zeitungen, die Rede von dem Mord an Martini? Dann kam ihm ein Gedanke: könnte die Tat vielleicht schon so lange zurückliegen, daß sie die Aktualität verloren hatte? Arbeitete die Behörde vielleicht im stillen? Allerdings, er konnte sich nicht erinnern, den Namen Martini – oder auch nur den Namen Winterthur-Allee – je gelesen zu haben. Aber er war so sehr mit andern Dingen beschäftigt gewesen diese ganze Zeit, daß er sich um die Tagesereignisse kaum gekümmert hatte.

Draußen hörte er die Stimme des Mädchens, ihr antwortete eine zweite Stimme. Merkwürdig, das war eine Frau, die sprach. Er schüttelte den Kopf. Sollte Léonie ...? Aber nein, der Tonfall war heller.

Dann klopfte es. Er öffnete die Tür. Das Mädchen gab eine Karte herein; darauf stand:

Janna Lynd
Dr. juris.

Er sah auf die Uhr: Ein Viertel nach zehn. Während er noch ratlos auf die Karte blickte, ging die Tür auf; herein trat eine junge Dame.

Unschlüssig sah er ihr entgegen. Er machte eine fast verlegene Verbeugung; sie lächelte ein kurzes, nicht unfreundliches Lächeln; sie war blond und hübsch. Da er noch immer reglos stand, wandte sie sich um und schloß mit einer kurzen energischen Bewegung die Tür.

»Herr Doktor Gurlitt ... es ist noch ein bißchen früh ... Sie werden noch nicht so recht auf Besuch gefaßt sein ... Ich weiß nicht, ob Sie meinen Namen kennen?«

Er machte eine höflich entschuldigende Bewegung. »Ich muß gestehen: nein.«

»Das schadet nichts. Wollen Sie mir erlauben, mich zu setzen?«

»Verzeihung –« er schob nervös einen Sessel zurecht.

Sie nahm Platz; ihr frisches junges Gesicht sah weder nach Doktor noch nach Jus aus. Immerhin: da war ein Ausdruck in der Tiefe ihrer blauen Augen, der eine kühle und sichere Intelligenz verriet. Ein weiblicher Untersuchungsrichter? ging es ihm durch den Kopf.

»Herr Doktor Gurlitt ...« Er schrak zusammen; Herr Gott, wie nervös er war! »Herr Doktor Gurlitt, ich möchte mit Ihnen von den Ereignissen der vergangenen Nacht sprechen.«

Betroffen richtete er sich auf. »Darf ich fragen, in welcher Eigenschaft ...«

Von neuem lächelnd, erwiderte die junge Dame: »Sie dürfen beruhigt sein: in keiner behördlichen. Ich möchte nur ein wenig mit Ihnen plaudern.«

Ich werde ihr sagen, daß ich keine Zeit habe, ging es ihm durch den Kopf. Aber dann gestand er sich ein: das würde sie mißtrauisch machen. So sagte er:

»Bitte fragen Sie nur.«

Sie sah ihn an, ruhig, nunmehr völlig sachlich. »Sie waren heute nacht, oder vielmehr heute morgen, bei einem Herrn Harrendorf im Hotel Adlon?«

Ehrlich erstaunt sagte er:

»In der Tat ...«

»Sie erzählten Herrn Harrendorf, jemand habe seinen Namen entlehnt – er habe unter diesem Namen mit Ihnen einen Vertrag geschlossen – auf Grund dieses Vertrages habe er Ihnen eine Summe Geldes ausbezahlt. Stimmt das alles?«

Er nickte verblüfft.

»Dürfte ich Sie um die Auskunft bitten, Herr Doktor Gurlitt, wie diese Dinge zusammenhängen? Sie wollten den Vertrag mit jenem angeblichen Harrendorf rückgängig machen, Sie wollten das Geld zurückzahlen. Der Vertrag muß also so beschaffen gewesen sein, daß es Sie hinterher gereut hat, ihn geschlossen zu haben. Ja, er muß eine Gefahr für Sie bedeuten – und jener falsche Harrendorf muß sich dessen bewußt gewesen sein: denn sonst hätte er keinen Grund gehabt, sich Ihnen unter einem falschen Namen vorzustellen. Es würde mich interessieren, von Ihnen zu erfahren, was Sie mit jenem falschen Harrendorf abgemacht haben.«

Vorsicht! flüsterte etwas in ihm. »Ich könnte die Beantwortung Ihrer Frage ablehnen«, sagte er lächelnd. »Aber ich habe keinen Grund, es zu tun. Heute, jetzt, um diese Stunde, kann ich Ihnen die Wahrheit gestehen: es handelte sich um eine Wette. Um einen Ulk. Was ich Herrn Harrendorf erzählt habe, war ein Märchen, das wir uns bei einem Glas Sekt ausgedacht haben: meine Freunde und ich.«

Sie nickte. »Dann ist es also überhaupt nicht wahr, daß sich Ihnen ein falscher Harrendorf vorgestellt hat? Und es ist ferner nicht wahr, daß Ihnen dieser falsche Harrendorf eine große Summe Geldes ausgezahlt hat?«

»Natürlich nicht.«

»Das klingt begreiflich. Ein Ulk. Darf ich mir noch eine Frage erlauben?«

»Bitte.«

Sie warf einen forschenden Blick in sein Gesicht; dann, indem sie den Blick auf den Teppich heftete, sagte sie leise:

»Was hat es zu bedeuten, Herr Doktor Gurlitt, daß Sie einem Freunde in der Zimmerstraße in dieser Nacht ein Geschenk von Hunderttausend Mark gemacht haben?«

Er erhob sich. »Ich?« fragte er kopfschüttelnd. »Hunderttausend Mark! Einem Freunde in der Zimmerstraße? Das ist völliger Unsinn!«

Auch die junge Dame stand auf. »Das eine ist also ebensowenig wahr wie das andere?«

»Ich sagte Ihnen schon: man hat Ihnen ein Märchen erzählt.«

»Dann freilich«; sie faßte nach ihrer Handtasche, die auf dem Tisch lag und warf einen Blick auf die Uhr. »Man hatte mir in der Tat diese beiden Dinge als Wahrheit, als verbürgte Wahrheit berichtet. Da sieht man, wie leichtfertig die meisten Menschen mit dem Begriff der Wahrheit umgehen. Nicht wahr, Herr Gurlitt?«

»Allerdings«, bestätigte er unbehaglich.

Sie knipste spielend das Täschchen auf. »Und dies?« fragte sie. Damit warf sie ein Bündel Banknoten auf den Tisch.

»Was ist das?«

»Das ist englisches Geld, Herr Doktor.«

Er blätterte unruhig in den weißen Noten; mit freundlichem Lächeln sah sie ihm zu. Dann sagte sie:

»Das ist das Geld, das Sie heute nacht Ihrem Freunde Alfons Costa gebracht haben.«

Er legte die Noten auf den Tisch zurück und wandte sich zu ihr herum.

»Ich will Ihnen erklären, was Sie vermutlich gern wissen möchten, Herr Doktor«, sagte sie. »Es ist in Wahrheit viel harmloser als Sie denken mögen. Ich war diesen Abend im Hotel Adlon. Haben Sie mich nicht gesehen? Ich tanzte mit Alfons Costa. Nachher waren wir alle mit Costa und Rose in der Zimmerstraße. Als Sie kamen, stand ich auf dem Korridor. Sie drückten ihr das Geld in die Hand und verschwanden wieder. Sie sehen, es ist keine Zauberei im Spiel.«

»Das erklärt immerhin noch nicht, woher Sie von der Sache mit jenem Harrendorf wissen.«

»Nun gut –« sie gab sich einen entschlossenen Ruck. »Ich sehe, ich muß Ihr letztes Mißtrauen zerstören. Ich bin nicht von der Polizei; ich bin Journalistin.«

Unwillkürlich ließ er einen Blick über ihre junge, schlanke Erscheinung gleiten.

»Und Harrendorf ...?«

»Mein Gott –« sie lachte hell auf. »Harrendorf, ich meine: der echte Holger Harrendorf ist jener dänische Wirtschaftspolitiker, der zu einem Anleiheabschluß nach Berlin gekommen ist. Ich habe ihn heute früh interviewt. Meine erste Frage war: ›Wie gefällt Ihnen Berlin?‹ Wissen Sie, was er mir geantwortet hat? ›Berlin ist eine merkwürdige Stadt. Heute morgen werde ich aus dem Schlaf geholt; der Portier meldet mir, ein Herr Doktor Gurlitt müsse mich unbedingt auf der Stelle, um fünf Uhr früh, sprechen. Ich lasse ihn heraufkommen – er erzählte mir eine verworrene Geschichte von einem Doppelgänger – und von einer Summe Geldes.‹ Sie werden begreifen, Herr Doktor, daß ich aufhorchte; denn Ihr Name war mir bekannt. ›Gurlitt – Wissen Sie vielleicht, wie der Herr mit Vornamen hieß?‹ frage ich ihn. ›Ja‹, sagt er. ›Der Besucher nannte sich Kilian Gurlitt.‹ Nun wußte ich, daß Sie es waren; den Vornamen Kilian führt außer Ihnen in Berlin kein Mensch. Ich kenne Ihre Arbeiten, Herr Doktor: ich habe alle Ihre Bühnenwerke gesehen, einige sogar zweimal. Was liegt näher, als daß ich hierhergefahren bin, um von Ihnen selbst die Lösung des Rätsels zu erbitten? Was ist das für eine Geschichte mit diesem falschen Harrendorf?«

Gurlitts Blick fiel auf die weißen Banknoten. »Zuvor eine Frage: wie kommen Sie in den Besitz dieses Geldes?«

»Costa fürchtet, daß ein Unglück geschehen ist. Er würde dieses Geldes nicht froh werden. Überdies steht er vor einem großen Engagement: mit dem Acht-Uhr-Zug ist er nach Hamburg gefahren. Er wollte Ihnen das Geld zurücksenden; da habe ich ihn gebeten, es Ihnen bringen zu dürfen. Verstehen Sie? Ich hoffte, daß für mich und für meine Zeitung ›Die Stunde‹ – deren Redaktrice ich bin, Herr Doktor Gurlitt – ein interessantes Interview herausschauen würde. Also ...?«

Er zuckte die Achseln. »Es tut mir leid. Ich kann Ihnen darüber nichts sagen.«

Sie reichte ihm die Hand. »Und ich erkläre Ihnen, Herr Doktor: in drei Tagen werde ich das Rätsel um diesen geheimnisvollen Harrendorf gelöst haben.«

Er öffnete höflich die Tür. »Ich wünsche mir nichts Besseres«, sagte er leise.

»Das ist eine Phrase«, lächelte sie.

»Nein«, erwiderte er. »Das ist weiß Gott keine Phrase.«

Er geleitete sie über den Korridor zur Tür.

Wie siegessicher ihr Gang war! Sie winkte noch einmal mit der Hand zurück; dann schloß sich die Tür hinter ihr. Und während er aufatmend stehen blieb, dachte er bei sich:

Ist das nun eine Feindin ... oder eine Bundesgenossin?

*

Das Auto hielt an der Ecke der Königsallee; Kilian Gurlitt ging die Villenstraße hinunter, die zur Linken abbog. Nummer achtzehn ...

Je näher er dem Hause kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Mit berlinischer Akkuratesse reihte sich ein nagelneues Drahtgitter an das nächste; herausgeschnitten aus der Peripherie des Grunewalds standen dunkle Kiefern in Reih' und Glied; hinter ihnen schimmerten neue blitzblanke Villen.

So also sah eine Straße aus, eine Häuserreihe, in deren Mitte ein Mord geschehen war ... Hart und nüchtern blinkten die Fenster im Licht der Mittagssonne; alles war nuancenlos, nirgends schien Raum für Gefühlsmäßiges. Jemand war herausgeholt aus der Reihe der Lebenden, irgendein kaltes und anteilloses Gehirn hatte es beschlossen, irgendeine erbarmungslose Hand hatte die Tat ausgeführt. Märkischer Wind ging kühl und feucht durch saubere und gezirkelte Straßen, die illusionslos waren, strotzend von reinlicher Korrektheit; märkischer Wind, der herüberblies vom Havelländischen Luch, der den Hauch der fernen Wasser mit sich trug und den herben Erdgeruch nebelverhangener Wiesen.

Dort war das Haus. Es lag in der Tiefe des mageren Gartens, durch nichts unterschieden von den Villen rechts und links: glatte, auf Zweckmäßigkeit gestellte Fassade mit glatter, zweckmäßiger Sonnenveranda.

Nichts an diesem Hause erinnerte an das Verbrechen, das diese Mauern gesehen hatten.

Warum war er eigentlich hier? Er mußte lächeln bei dem Gedanken: ein bekanntes Wort behauptete, daß es den Mörder immer wieder an den Ort der Tat ziehe. So sehr hatte er sich schon eingelebt in die Vorstellung, Stefan Martini ermordet zu haben, daß die seelischen Verwirrungen eines Mörders von ihm Besitz ergriffen hatten ...

Niemand hatte ihm Näheres über diese Tat sagen können. Das hatte seine Unruhe von Stunde zu Stunde vergrößert. Nun war er zum Letzten entschlossen: an Ort und Stelle, unter allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, Erkundigungen einzuziehen über das Wie und Wann.

Dort blinkte das Messingschild: Stefan Martini.

Eben kam ein Gärtner den Kiesweg herunter. Er ging zum Gartentor und blickte aufmerksam die Allee hinunter. Dann hob er den Sperriegel aus der Verankerung und öffnete die beiden Flügel des Tores. Ein Auto kam aus der Königsallee und bog zur Linken ein; der Gärtner grüßte.

Der Herr, der im Fond des Autos saß, mochte in der Mitte der Vierzig stehen. Er war dunkelhaarig, mit dunklen Augen; die glattrasierten Wangen schimmerten bläulich.

Das Auto hielt; der Herr stieg aus und zog ein Schlüsselbund; er winkte dem Gärtner ab. Der Wagen fuhr den Weg hinunter, offenbar zur Garage.

Wer war dieser Mann? So benahm sich keiner, der zu Gast kam, kein Besucher; das war das Gehaben eines Hausherrn. Unwillkürlich wanderten Gurlitts Augen zurück zu dem Messingschild: Stefan Martini ...

Der Gärtner kam zurück, um das Tor wieder zu schließen. Er blickte auf den Fremden, der nun schon seit mehreren Minuten vor dem Gitter stand; in seine Augen trat ein befremdeter, vielleicht mißtrauischer Ausdruck.

Gurlitt tippte an den Hut. »Wer war der Herr, der eben gekommen ist?«

Der Gärtner sah sich halb um, nach der Haustür, die sich eben hinter dem Ankömmling schloß.

»Wer das war?« fragte er. »Wer das war?« wiederholte er achselzuckend. »Das war der Herr.«

»Der Herr ...« wiederholte Gurlitt. »Ja, ja ... natürlich ... ich bin hier fremd, müssen Sie wissen. Ich muß noch etwas fragen: wie heißt Ihr Herr?«

Der Gärtner schob mit einem ostentativen Ruck den Riegel in den Eisenring. Er blickte auf und wies auf das Schild.

»Dort steht es: Martini heißt er. Stefan Martini.«

»Stefan Martini?« wiederholte Gurlitt ... »Herr Martini? Herr Martini lebt

Der Gärtner trat einen Schritt zurück und maß den Frager mit einem bedenklichen Blick.

»Mir scheint, Sie haben sich eben selbst überzeugt, daß er noch lebt.« Damit wandte er sich herum und drehte Kilian brummend den Rücken.

Gurlitt ging, um den Argwohn des Bediensteten nicht zu steigern, langsamen Schrittes die Straße hinunter, immer den Davonschreitenden im Auge behaltend. Stefan Martini lebte ... er selbst hatte ihn vor wenigen Minuten ins Haus gehen sehen ... dann waren ja alle Ängste, alle Qualen dieser Nacht sinnlos gewesen. Aber halt, hier lag das Entscheidende: man hatte ihm doch ein Vermögen hingeworfen ... man hatte ihn bezahlt für sein Geständnis ... und nun, plötzlich, war alles nichts als ein Scherz gewesen? Konnte im Ernst ein Mensch herumgehen und aus purer Laune Unsummen auf die Straße streuen?

Hier lag ein neues Rätsel zugrunde, zweifellos. Aber ein anderes war gelöst – Gott sei Dank – wie ein Alp fiel es von ihm ab: der Mord, dessen er sich schuldig bekannt hatte, war überhaupt nicht geschehen.

Wie seltsam – mit einem Schlage war alles verändert. Die Mittagssonne, die ihn eben noch grell und erbarmungslos geblendet hatte, erschien ihm warm und tröstend; die gezirkelte Geometrie dieser Straße, dieser Häuser, dieser Bäume erschien ihm plötzlich wie das Sinnbild einer ehrlichen und offenen, allem Versteckten abholden Welt.

Da fiel ihm ein: es war seine Pflicht, diesem Herrn Martini von jener seltsamen Begegnung im Hotel Adlon zu erzählen. Martini hatte ein Recht darauf, von diesem Komplott zu erfahren, das vielleicht in letzter Minute erst abgewendet worden war. Martini hatte ein paar Stunden lang in äußerster Todesgefahr geschwebt, soviel war sicher. Er mußte von dieser Gefahr Kenntnis erhalten.

Entschlossen drückte er auf den Klingelknopf. Der Sperrer surrte; die Tür ging auf.

Ein Diener öffnete die Innentür.

»Ich möchte Herrn Stefan Martini sprechen.«

»Darf ich um Ihre Karte bitten?«

Gurlitt griff nach der Brieftasche. »Mein Name dürfte zwar Herrn Martini unbekannt sein. Aber sagen Sie ihm, ich hätte ihm nichtsdestoweniger eine außerordentlich wichtige Mitteilung zu machen.«

Der Diener warf einen verstohlenen Blick auf die Karte und öffnete die Tür eines Zimmers.

Gurlitt trat ein; der Diener zog die Tür hinter ihm zu.

Das Zimmer schien der Arbeitsraum des Hausherrn zu sein; eine Bibliothek bedeckte zwei Wände, zur Seite der Fenster, durch die das volle Sonnenlicht hereinfiel, stand der dunkle Schreibtisch; mehrere Klubsessel deuteten darauf, daß dieser Raum für Konferenzen benutzt wurde. Zwischen den Fenstern und über dem Schreibtisch hingen Photographien und Karikaturen bekannter Schauspielerköpfe.

Ein Schritt kam näher. Die Tür ging auf; herein trat der Herr aus dem Auto. Er blieb mit argwöhnischem Gesichtsausdruck an der Tür stehen. »Was wünschen Sie?« fragte er in ziemlich unfreundlichem Ton.

»Ich möchte Ihnen etwas sehr Seltsames erzählen, was mir passiert ist. Es betrifft Sie, Herr Martini.«

Der Hausherr zuckte die Achseln. »Mich?«

»Es ist so merkwürdig, daß Sie das, was ich Ihnen erzähle, vielleicht für ein Märchen halten werden. Man hat mir allen Ernstes eine Belohnung ausbezahlt, eine hohe Belohnung; dafür habe ich ein Geständnis abgelegt, ich hätte Sie ermordet.«

» Was ist das?« fragte Martini, die Hand an die Stirn schlagend.

»Ist Ihnen vielleicht ein Herr bekannt – es ist schwer, ihn zu beschreiben: er war groß, breitschultrig, nicht mehr jung. Mit dunkelblauen Augen, das Haar an den Schläfen ergraut.«

»Wie heißt er?«

»Er nannte sich Harrendorf; aber der Name ist falsch, wie ich inzwischen festgestellt habe.«

Martini schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Den Mann, den Sie da beschreiben, kenne ich nicht.« Langsam hob er die Augen zu Gurlitt; zu seinem Erstaunen sah dieser ein seltsam verschleiertes, fast lauerndes Lächeln in Martinis Blick. Er mißtraut mir, dachte er bei sich. Er glaubt, ich erzähle ihm ein Märchen, vielleicht in irgendeiner verbrecherischen Absicht.

»Welchen Grund hatten Sie, den Mord auf sich zu nehmen?« Und indem in sein Gesicht ein drohender und lauernder Ausdruck trat, setzte Martini hinzu: »Haben Sie etwa Ursache, mir den Tod zu wünschen?«

»Natürlich nicht.«

»Ich meine: gibt es irgendeine Beziehung zwischen uns, die Anlaß zur Feindschaft böte?«

Eben wollte Gurlitt antworten, als das Telephon klingelte. Mit einer kleinen entschuldigenden Geste gegen seinen Besucher nahm Martini den Hörer ab und nannte seinen Namen. Eine Frauenstimme kam aus dem Apparat. Eine Stimme, bei deren Klang Gurlitt aufhorchte.

Während Martini Antwort gab, blickte er aus den Augenwinkeln zu seinem Besucher hinüber. Gurlitt sah es, obwohl er geflissentlich an dem Telephonierenden vorüberblickte. Wieder sprach die Dame. Und plötzlich erkannte Gurlitt: es war Léonie, seine Frau, die ins Telephon sprach.

Als ob Martini die Gedanken seines Besuchers erriet: er wandte sich langsam zu Gurlitt herum und betrachtete ihn schweigend, während er ein paar gleichgültige Worte in den Apparat sprach. Gurlitt konnte nicht verstehen, was er Léonie sagte. Aber er hatte den Eindruck, als ob er geflissentlich von fremden und gleichgültigen Dingen redete. Vielleicht um seinen Besucher zu beruhigen – vielleicht um Léonie klar zu machen, daß hier eine Gefahr sei.

Plötzlich sagte Martini ins Telephon:

»Um halb elf« und hängte ohne ein Wort des Abschieds den Hörer an.

Gurlitt sah ihm zu; die Augen der beiden begegneten sich. Martini faßte in die Tasche, dann, als ob er irgend etwas vergessen habe, sagte er plötzlich mit einer entschuldigenden Bewegung: »Ich bin in einer Minute zurück« – und ging aus dem Zimmer.

Gurlitt lauschte dem Schritt des sich Entfernenden; dort, zu seiner Linken, stand das Telephon. Was lag hier vor? Welche Beziehungen bestanden? War es wirklich Léonie gewesen, die eben angerufen hatte – er mußte Gewißheit haben. Er würde Martini zur Rede stellen – aber Martini sah nicht aus wie jemand, dem man Angst einflößen konnte. Mit einem entschlossenen Griff nahm er den Hörer ab. Vielleicht war die Verbindung schon getrennt ... vielleicht meldete sich das Amt ...

Nein. Die Verbindung bestand noch. Ein klingender Ton kam aus dem Apparat; dann meldete sich eine gleichgültige Stimme:

» Hier Pension Scalandrini.«

»Mein Gespräch ist unterbrochen worden«, log Gurlitt. »Bitte rufen Sie die Dame an den Apparat, mit der ich eben telephoniert habe.«

»Frau Léonie Storm«, antwortete jene Stimme höflich. »Einen Augenblick, mein Herr.«

Betroffen und verwirrt legte Gurlitt den Hörer nieder.

Er blickte zur Tür. Wo blieb Martini?

Von draußen kam das Rattern des Autos; offenbar verließ es die Garage. Gurlitt trat ans Fenster; aber das Zimmer hatte Ausblick auf den Hintergarten, die Garage lag irgendwo seitlich.

Wo zum Teufel blieb Martini?

Gurlitt war schon im Begriff, die Tür zu öffnen, als er sich plötzlich erinnerte: irgendwo in diesem Zimmer war etwas, was, aus dem Unterbewußtsein, seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er wußte nicht mehr, was es war – nur daß es in jener Blickrichtung lag, war ihm erinnerlich. Nichts Positives, nichts Greifbares: nur etwas mit dem Gefühl Erfaßtes.

Er ließ den Blick kreisen; an dem Pochen seines Herzens spürte er, daß sich hier irgendwo eine Fährte auftat.

Auf dem Schreibtisch, gleich neben der kleinen mit bunten Steinen besetzten Lampe, lag ein Brief. Ein weißes Kuvert, von einem unauffälligen und belanglosen Format. Dennoch wußte er, daß dieser Brief irgendeine Beziehung hatte. Daß dieser Brief mit ihm, mit Martini, mit Léonie zusammenhing.

Er ging auf den Schreibtisch zu. Dort lag der weiße Umschlag, der Inhalt schob sich ein wenig vor.

Plötzlich erkannte Gurlitt auf dem Kuvert seine eigene Handschrift. Dieser Brief war gerichtet an Frau Léonie Storm, Oberhof, Hotel Westminster.

Wie kam dieser Brief in Stefan Martinis Haus? Wer hatte ihn Martini gegeben? Dieser Brief war sein Eigentum – zum mindesten Léonies Eigentum. Er als ihr Mann hatte ein Recht darauf, auf alle Fälle mehr Recht als der, auf dessen Schreibtisch er ihn gefunden hatte.

Er nahm den Brief vom Schreibtisch. Eben hörte er einen Schritt, der näher kam. In dem Gefühl eines Unrechts wollte er den Brief zurücklegen. Aber nein – dieses Schriftstück war sein Eigentum, an ihm war es, jenen zur Rede zu stellen; nicht umgekehrt.

Wenn jetzt die Tür aufging, würde ihn Herr Martini mit dem Kuvert in der Hand überraschen. Nun wohl. Dann würde sich alles aufklären.

Er nahm den Brief heraus. Es war sein letztes Schreiben an Léonie: seine Erklärung, er werde sich das Leben nehmen, wenn Léonie nicht zurückkehre.

Hier war Verrat!

Die Tür ging auf. Erwartungvoll wandte sich Gurlitt herum.

Nein. Es war nicht Herr Martini. Es war der Diener. Er sah erstaunt auf den Brief in Gurlitts Hand; sein Blick wanderte hinüber zum Schreibtisch. Er mochte den Zusammenhang begriffen haben.

»Wo ist Herr Martini?« fragte Gurlitt kurz.

»Herr Martini bittet um Entschuldigung«, sagte der Diener mit einer Verbeugung. »Herr Martini ist soeben telephonisch abgerufen worden. In einer Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet. Er bittet Sie, Ihren Besuch zu gelegener Stunde zu wiederholen. Nach telephonischer Verständigung, läßt Ihnen Herr Martini sagen.«

»Herr Martini ist fortgegangen?« fragte Gurlitt kopfschüttelnd.

»Er ist eben im Auto abgefahren.«

»Sie lügen!«

Der Diener sah Gurlitt schweigend in die Augen. »Ich lüge nicht, mein Herr. Ich bin im übrigen nicht gewohnt, mir Beleidigungen sagen zu lassen. Am wenigsten von einem Fremden.«

»Dann ist Ihr Herr ein Lügner!«

Der Diener runzelte die Brauen. »Ich werde Herrn Martini von Ihren Worten ...« damit ging er zur Tür und öffnete sie mit einer Verbeugung, die zu höflich war, um aufrichtig gemeint zu sein.

Als Gurlitt an ihm vorbeiging, wies der Diener auf das Kuvert in Kilians Hand: »Verzeihung, mein Herr – wenn ich nicht irre, hat dieser Brief auf dem Schreibtisch meines Herrn gelegen.«

»Sie irren sich absolut nicht«, antwortete Gurlitt. »Aber Sie sind offenbar nicht ganz ausreichend orientiert. Sonst würden Sie nämlich wissen, daß dieser Brief mir gehört.«

»Ich bedaure – ich würde Unannehmlichkeiten haben, wenn ich Ihnen diesen Brief überließe.«

»Seien Sie unbesorgt. Ich werde Ihren Herrn noch heute wegen dieses Briefes zur Rechenschaft ziehen.«

Damit ging Kilian Gurlitt hinaus.

*

Lèonie war nicht in der Pension, als Kilian vorsprach. Ein Herr war am Nachmittag gekommen, im Auto; sie war mit ihm zusammen in die Stadt gefahren. Die Unruhe in Gurlitt wurde immer unerträglicher. Er ging ans Telephon, rief die Villa Martini an. Der Diener gab kühl und gemessen Auskunft: Herr Martini sei bisher nicht zurückgekehrt, er sei vor heute nacht nicht zu erwarten. Vielleicht um halb elf ...

Halb elf ... halb elf ... Er erinnerte sich: als Martini mit Léonie sprach, war das Wort gefallen: um halb elf. Bestand hier eine Verabredung, von der der Diener wußte? Hatte vielleicht Martini den Besuch einer Dame auf halb elf Uhr heute abend angesagt?

Je tiefer der Abend sank, desto verzweifelter wurde er. Um neun Uhr kam ein Rohrpostbrief von Léonie: er möge nicht auf sie rechnen, sie sei mit einem amerikanischen Manager zusammen, Verträge besprechen. Vielleicht würden sie auf eine Stunde in ein Theater gehen, wahrscheinlich werde sie mit dem Amerikaner soupieren. Auf alle Fälle werde sie noch anrufen, spät in der Nacht: sie sehne sich danach, seine Stimme zu hören.

War das nun die Wahrheit? Um halb elf, hatte Martini gesagt, als er mit Léonie sprach. Nicht vor halb elf, hatte der Diener erklärt.

Nein. Das war unerträglich. Wer war dieser Martini? Wo war Léonie? Betrog sie ihn? Stand sie vielleicht unter irgendeinem Zwang? Bedurfte sie seiner Hilfe?

Die Nacht brach herein; vom Tiergarten her strich der Nachtwind durch die blätterlosen Bäume.

Und Léonie kam nicht.

Es ging ihm durch den Kopf: alles muß sich aufklären – nie sind die Dinge so schlimm, wie sie auf den ersten Blick erscheinen –, vielleicht hat alles eine harmlose Bewandtnis, im Lichte des neuen Tages nimmt sich alles anders aus; aber seine Nerven hielten den neuen Eindrücken nicht mehr stand. Er war zermürbt, aufgerieben, skeptisch geworden; er fühlte, daß er sich selbst belog; etwas in ihm schrie nach Klarheit. Klarheit – selbst um den Preis einer furchtbaren Erkenntnis.

Und plötzlich wußte er es: Léonie ist bei ihm ... Léonie ist in der Winterthur-Allee.

Er nahm Hut und Mantel, ging hinunter auf die Straße. Dort war die Pension Scalandrini; Léonies Zimmer waren dunkel; er hatte es vorher gewußt, es war überflüssig gewesen, sich zu vergewissern.

Die dünne Kette der Bogenlampen schaukelte im nächtlichen Wind; zur Rechten floß dunkel und schweigend das Wasser des Landwehrkanals. Zur Linken lief die Mauer des Zoologischen Gartens; fern, jenseits der Bäume, lag blutroter Schein am Himmel. Das war der nächtliche Kurfürstendamm. Er hastete, immer mehr den Schritt beschleunigend, über die Schleusenbrücke. Verwegene Gestalten schlichen an ihm vorbei, musterten ihn; seine Eile schien sie zu verwirren. Zärtliches Flüstern kam aus dem Dunkel, ein Zuruf streifte ihn; zur Rechten lief das leuchtende Band eines Fernzuges. Langsam wurde es heller, belebter, geschäftiger; die strahlende Helle des Westens tat sich auf.

Er irrte ratlos durch das Getümmel, erfaßt von einer tiefen und lähmenden Angst, erfüllt von gefährlichen und drohenden Gedanken.

Dort war der Kurfürstendamm. Lichtsäulen stiegen an den Häusern empor, Lichtkolonnen wandelten mit ihm durch die endlose Straße, Flammenfackeln warfen Tageshelle in die nächtliche Stadt. Allmählich ließ er das Gewühl hinter sich; die Stille von Halensee nahm ihn auf. Zur Rechten, leuchtend, ein glitzernder Obelisk, stand der Funkturm gegen den nächtlichen Himmel.

Dann wurde es dunkel und still.

Er bog zur Linken ein. Die Winterthur-Allee war erfüllt von schweigender Finsternis. Alles in dieser Straße schien voll drohender und lauernder Dinge zu sein.

Dort war die Villa.

Das ganze Haus war unerleuchtet; nur in einem Zimmer des ersten Stocks schimmerte Licht hinter den Vorhängen.

Wo war Léonie ...?

Er ging auf den Eingang zu und klingelte. Er mußte Gewißheit haben, und sollte er sie mit Gewalt erzwingen müssen.

Nichts im Hause rührte sich.

Er klingelte zum zweiten Male, langanhaltend, ungeduldig, in kurzen, scharfen Absätzen.

Wieder wartete er. Wieder wartete er vergeblich.

Ein gleichmäßiger fester Tritt kam über die Straße: ein Wächter. »Es hat keinen Zweck, daß Sie klingeln«, sagte er; »die stellen nachts die Glocke ab.«

Damit setzte er seinen Kontrollgang fort.

Während Gurlitt mit brennenden Augen in das Dunkel starrte, ging oben im Zimmer das Licht aus. Nun war alles, das ganze Haus, der Garten, die Straße, gleichförmig lichtlos und schweigsam.

Er fühlte, wie die Müdigkeit in ihm wuchs; kaum vermochte er sich auf den Beinen zu halten. Was hatte er sich von diesem Gang, von diesem endlosen Weg versprochen? Eine Lösung der Rätsel um Léonie? Hatte er im Ernst geglaubt, eine Frau, die auf Abwegen ging, überlisten zu können?

Plötzlich geschah im Hause dort hinten eine Veränderung. Er begriff es deutlich, nicht eigentlich mit den Augen, eher mit dem Gefühl. Ihm war, als ob ein Laut sein Ohr treffe, als ob irgendwo ein Lichtschein aufblitzte; er vermeinte einen Moment lang hastiges Flüstern zu hören, eine Tür schien zu gehen. Aber alles war unbestimmt, gefühlsmäßig, Sache der Nerven. Es konnte ebensogut ein Irrtum sein.

Nein. Es war kein Irrtum gewesen. Die Fenster des Parterres wurden hell; eins nach dem andern. Jemand mußte durch die Zimmer gehen und überall, in jedem einzelnen Raum, das Licht einschalten.

Erstaunt blickte er auf das Haus, das sich vor seinen Augen Fenster um Fenster erleuchtete. Nun flammte auch im ersten Stock das Licht auf: das Eckzimmer – dann wurde es hell in dem Mittelzimmer mit dem großen Balkon. Der Lärm im Hause schien zu wachsen, deutlich hörte er jetzt Gemurmel, Stimmengewirr; nun ging die Tür auf, heraus stürzte ein Mann.

Instinktiv trat Gurlitt in den Schatten zurück, der tiefer und schwärzer wurde im Kontrast gegen das Licht, das von jenem Hause kam.

Der Ankömmling rannte über den Kiesweg; er trug einen Schlüssel in der Hand. Den steckte er ins Schloß, drehte ihn herum, riß mit einer hastigen, vielleicht angsterfüllten Bewegung den Torflügel auf.

Jetzt erkannte ihn Gurlitt: es war der Diener von heute vormittag.

Der Diener ließ das Tor hinter sich offen und lief in das Dunkel hinein.

Was gab es? Was war hier geschehen?

Mochte kommen was da wollte; jetzt war der Weg frei. Jetzt mußte er Gewißheit haben.

Er ging den Weg hinunter, der zur großen Seitentür führte. In diesem Augenblick hörte er Stimmen hinter sich; die Stimme des Dieners, dann eine zweite, der jene antwortete. Wieder trat er in das Dunkel der Mauer.

Den Weg herunter kamen mit eiligen Schritten der Diener und jener Wächter.

»Vielleicht ist er krank?« fragte der Wächter.

»Nein«, sagte der Diener. »Ich kenne das.«

»Oder vielleicht: ein Unfall«, beharrte jener.

Eben kamen die beiden an Gurlitts Platz vorüber. Der Diener sagte, indem er den Schlüssel ins Schloß der Haustür steckte:

» Kein Unfall. Herr Martini ist ermordet worden

Die Tür ging auf, Lichtschein flutete heraus. Deutlich sah Gurlitt verstörte und bleiche Gesichter, die den beiden entgegenblickten; dann fiel die Tür wieder zu.

Nun war wieder Nacht um ihn. Er stand betroffen, unfähig, das Gehörte zu begreifen. Nun war alles eingetroffen, was er für die Hirngespinste eines Irren gehalten hatte; nun war alles Wahrheit geworden, was er lachend, voll heimlichen Übermuts, für einen bösen und verächtlichen Scherz genommen hatte: nun war der Mord geschehen. Nun kroch aus dem Dunkel der Nacht das Verhängnis auf ihn zu.

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