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Die Yacht der Sieben Sünden

Paul Rosenhayn: Die Yacht der Sieben Sünden - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Rosenhayn
titleDie Yacht der Sieben Sünden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year0.J.
firstpub1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectid64cc0c67
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I.

Kilian Gurlitt öffnete behutsam, während er scheu nach der Tür spähte, das untere Fach des Schreibtisches und knipste das Kästchen auf. Ohne hinzusehen griff er hinein; kalt und hart fühlte er das Metall in seinen Händen. Dann schlug er die kleine Tür zu, daß es dumpf krachte; erschrocken hielt er inne. Da nichts im Hause sich rührte, ließ er die Waffe spielend in die Tasche gleiten.

Über dem Tiergarten lag der junge Abend. Bogenlampen, aufgereiht in leuchtenden Schnüren, flankierten die große Allee. Die letzten Anzeichen des Frostes waren der Wärme des Vorfrühlings gewichen; nun lag bläulicher Dunst über den dunklen Bäumen, die schon junges Grün ahnen ließen.

Er ging hinüber, quer über die Geleise der Hofjägerallee, hinein in den Tiergarten. Es galt für gefährlich, hier zu gehen; er mußte lächeln bei dem Gedanken. Seltsam, wie alles sich änderte, wie die Perspektive zu den Dingen blitzschnell wechselte, wenn man sie von der anderen Seite betrachtete!

Einen Moment lang blieb er stehen, das schimmernde Bild zu erfassen. Die Konturen der Stadt, fern drüben jenseits der dunklen Alleen, verschwammen im Dunst des Abends. Die Lichter der Straßen gaben der Ferne seltsam geometrische Linien; zur Rechten lief die Tiergartenstraße; das endlose Défilé der Autos, unabsehbar nach rechts und links, führte, ein glühendes Band, vom Kurfürstendamm ins Innere der Stadt.

Ein Schritt klang hinter ihm auf. Er wandte sich um.

Der Herr, der eben aus dem Lichtkreis der Bogenlampen in den dunklen Weg trat, war ihm nicht fremd. Freilich, seltsam genug: auch nicht bekannt. Dieses Gesicht hatte er schon gesehen. Oft. Noch heute. Noch vor kurzem. Er erinnerte sich jetzt: als er heute mittag heimkam, war ihm dieser Herr vor der Tür begegnet.

Von einem unbehaglichen Gefühl erfaßt beschleunigte Kilian Gurlitt den Schritt. Während er, das Gesicht halb zur Seite gewendet, rückwärts blickte, sah er, daß auch der Fremde schneller ging. Gurlitt blieb stehen, öffnete den Mantel, nahm das Zigarettenetui. Der Fremde ging achtlos an ihm vorüber, die Augen geradeaus gerichtet. Gurlitt nahm umständlich eine Zigarette aus der Dose und zündete sie an; dabei bemerkte er, daß der Fremde langsamer ging.

War das Zufall? Er warf das Streichholz fort. Dort war ein Seitenweg, der zu einem unbeleuchteten Innenpfad führte. Vorsichtig bog er zur Linken ein; der Weg lief, parallel der Straße, auf den Kemperplatz zu.

Der Fremde war stehengeblieben. Er sah sich suchend um; dann wandte er den Kopf zur Linken und spähte in das Dunkel hinein.

Gurlitt betrachtete ihn aufmerksam von der Seite. Er war groß, breitschultrig, nicht mehr jung; der blaue Raglan war von fremdartigem Schnitt. Unter dem steifen schwarzen Hut schimmerten graue Schläfen. Der Fremde versenkte die Hände in die Taschen und ging mit plötzlichem Entschluß weiter. Hatte er ihn gesehen? Hatte er die Verfolgung aufgegeben? Oder war das alles ein Irrtum?

Wie wichtig er diese Belanglosigkeiten nahm! So sehr war man verwachsen mit den Nichtigkeiten des Alltags; man spürte die tausend Wurzeln erst, wenn man im Begriff war, sie zu zerreißen.

Während er gedankenverloren dem Wasser zuging, stürmten die Gedanken von neuem auf ihn ein. Was hinderte ihn eigentlich, in diesem Augenblick, an dieser Stelle, in der Einsamkeit des dunkelnden Parks, sein Vorhaben auszuführen? Ein kurzer kleiner Knall, wahrscheinlich würde ihn niemand hören, vielleicht, daß jener Fremde neugierig hinzukommen würde – warum zögerte er noch? Hatte er sich selbst belogen? War in seinem Unterbewußtsein eine Stimme, die abriet? War das alles nur eine Spielerei gewesen, ein Kreisen der Gedanken um die letzten Dinge, ein Kokettieren mit einem heroischen Entschluß, dem seine Nerven nicht gewachsen waren? Für den er zu feige war?

Er senkte den Kopf; unwillkürlich ging er langsamer.

Ja, es war so; dennoch war es nicht so.

Was aber sollte werden? Wollte er in diesem Trott weiterleben, in dieser völligen, erbarmungslosen, unerträglichen Einsamkeit? Seine Arbeitskraft war erschöpft, aufgerieben, zermürbt durch das endlose trostlose Warten; zerschlagen war seine Produktivität, alles war wie ausgetilgt, seine Gedanken waren verdorrt; ausgelöscht war jeglicher erfinderische Gedanke. Er ging in einem starren und trostlosen Gefühl durch den Tag, wie durch eine Wüste – nicht lustig, nicht traurig, nur mit einer grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles. Das eben war es. Irgendein großer himmelstürmender Schmerz: der raste vorüber, tobte sich aus – machte das Innere bereit für ein neues, tröstendes, freudebringendes Erlebnis. Aber diese dumpfe Apathie war hoffnungslos.

Warum also zögerte er?

Unmittelbar neben ihm scharrte ein Schritt über den Sand. Er wandte sich betroffen zur Seite.

Der Fremde ging an ihm vorüber.

Welch eine ungezogene Zudringlichkeit! Wäre er in anderer Stimmung, er würde den Fremden zur Rede stellen. So ging er der Belästigung aus dem Wege: dort war die Siegesallee; der Fahrdamm war eben frei.

Worauf wartete er noch?

Und dann gab er sich selbst die Antwort. Noch einmal mußte er unter Menschen sein. Noch einmal, im Rahmen einer Stunde, einer Nacht, die Dinge des Lebens an sich vorüberziehen sehen: Lachen. Frauen. Musik. Menschen ... Noch einmal, ehe er das Leben verließ, wollte er es grüßen – so wie jemand zurückwinkt vom Deck des abfahrenden Schiffes.

Ja, das war es. Abschied nehmen; ein Abschied, wie ihn ein Mann von Geschmack, von Kultur, von Diskretion feiern mag: still, lächelnd, mit einem schweigenden Kapitulieren vor dem Unvermeidbaren.

Zum Teufel, was bedeutete das? Auf der andern Seite der Straße ging der Fremde. In plötzlich ansteigendem Ärger ging Gurlitt schnellen Schrittes über die Straße. Ein paar Chauffeure schimpften; warnend kam der Zuruf des Polizisten; gleichmütig überquerte er den Asphalt.

Der Fremde hatte sich umgewandt; mit schnellen Schritten ging er davon, in der Richtung nach der Bellevuestraße.

Mochte er ... Fast mußte Gurlitt lachen, als er dem geschäftig Davonhastenden nachsah.

Nun hatte er wenigstens Ruhe. Er rief ein Auto an.

»Zum Hotel Adlon!«

Durch das kleine Fenster spähte er zurück. Dort, unter der Laterne, stand der Fremde, aufmerksam zu ihm hinüberblickend. Nun hob er die Hand; nun hielt ein Auto ...

Gurlitt lehnte sich achselzuckend in das Lederpolster zurück; eben bog der Wagen zur Rechten ein; dort war schon das Brandenburger Tor. Das altvertraute Bild der Linden tat sich auf: bläuliches Licht lag schimmernd über dem Asphalt, Transparente standen leuchtend gegen den Himmel; schon hielt der Wagen.

Gurlitt blickte sich um; nichts war zu sehen. Dann ging er hinein.

In der Bar saßen gelangweilt-wichtig ein paar Herren hinter Strohhalmgetränken. Der Mixer grüßte ihn mit einem Lächeln in seinem frischen Amerikanergesicht. »Martini?«

Gurlitt nickte und schwang sich auf den unbequemen Bock. Vor ihm, über einer Parade farbiger Flaschen, hing ein Schiffsplakat: das Sonnendeck eines schneeweißen Dampfers, leuchtend von Blumen; dazwischen die Gesichter lachender Frauen.

Der Mixer balancierte kunstgerecht die Zitronenschale über den Glasrand und zog zwei seidenpapierumhüllte Strohhalme aus dem Becher. »Das ist die ›Yoshiwara‹«, sagte er mit einem lächelnden Blick auf das weiße Schiff. »Haben Sie schon von der ›Yoshiwara‹ gehört?«

»Ich glaube.«

»Es ist das schönste Schiff der Welt. Ich kenne es. Ich war früher Steward; die ›Yoshiwara‹ war nämlich noch vor einem Jahr die Yacht des Fürsten von Monaco. Nicht so eine Yacht wie man sie sich sonst vorstellt – ein Vierundzwanzigtausend- tons-Dampfer. Ich glaube, er hat sie gleich bauen lassen, um sie mit Vorteil zu verkaufen. Jetzt hat eine Hamburger Reederei das Schiff. Das wäre etwas für Sie, mein Herr. Ein Kollege hat es mir gezeigt, vor acht Tagen war ich in Hamburg. Es hat den schönsten Tanzsaal der Welt, mit Parquet lumineux, mit Scheinwerfern; es hat ein Theater; die ersten und teuersten Kräfte von New York, London und Berlin sind verpflichtet, für jede Fahrt neue.«

»So, so«, sagte Gurlitt.

»Und die schönsten Frauen der Welt. Das ganze Schiff ist ein Blumengarten. Ja, wahrhaftig: es ist ein schwimmender Palast.«

»So, so«, sagte Gurlitt.

»Wissen Sie, wie man das Schiff nennt?«

»Nein.«

»Die Yacht der Sieben Sünden. Es macht nur ›wilde‹ Fahrten; es ist ein Schiff für Millionäre – und für Hochstapler. Die nächste Fahrt geht, glaube ich, nach Amerika. Nehmen Sie noch einen Cocktail?«

Gurlitt schüttelte den Kopf und legte einen Schein auf den Tisch. »Es ist gut.«

Der Mixer betrachtete die Note erstaunt; auf Gurlitts abwehrende Handbewegung machte er eine tiefe betroffene Verbeugung.

Aus dem kleinen Saal kam Tanzmusik; der scharfe Rhythmus der Jazzband schnitt sich verheißungsvoll in das Stimmengewirr. Ein paar Bekannte grüßten; er ging langsam an den Tischen vorüber; dort war die schlanke Braune; sie grüßte lächelnd herüber. Vor einer Woche noch hätte ihm ihr Gruß ein leises, vielleicht uneingestandenes, Herzklopfen verursacht. Vor einer Woche noch wäre er um das Rund der Tanzfläche herumgeschlendert, um eine Anknüpfung zu suchen; leicht genug wäre es gewesen. Heute, in dieser seltsamen Stimmung, in dieser letzten Stunde, zwischen hier und dort, war alles gleich.

Léonie fiel ihm ein; er schrak fast zusammen. Merkwürdig: ein Mann konnte sich wegen einer Frau erschießen – und dabei das Lächeln einer andern suchen.

Die Braune blickte aufmerksam zu ihm hinüber; er sah an ihr vorbei, fast ohne es zu wollen; dann ging er in den Speisesaal.

Der Kellner begrüßte ihn; er war häufiger Gast in diesen Räumen. »Ein Ecktisch«, flüsterte der Kellner; »ich habe ihn für Sie freigehalten.«

Gurlitt nickte. Er warf einen Rundblick durch den Raum. Der Saal war noch halb leer; ein paar Amerikaner, ruhig, sicher, souverän, saßen an den Tischen gegenüber dem Orchester. Ihre Frauen, schlank, dekolletiert, mit dem unbefangenen Lächeln der Amerikanerinnen, musterten ihn; er bemerkte, daß sie von ihm sprachen. Eine von ihnen, es war die Schönste, lächelte mit einem halben Lächeln zu ihm hinüber. Dort, schräg rechts, war der Tisch des peruanischen Gesandten; die junge exotische Schönheit mit den großen Ohrringen, die an der Seite des Attachés saß, war eine berühmte südamerikanische Primadonna. An dem kleinen Tisch, nahe dem Eingang zum Ballsaal, saß ein unscheinbar aussehender Herr; er sprach mit dem Geschäftsführer, der sich bei jedem zweiten Wort verneigte. Es war ein ehemals regierender König.

Eben ging die Tür auf; ein großer, dunkler Exote trat ein; zu seiner Rechten eine schlanke, blonde Frau: der Präsident von Venezuela.

Der Kellner brachte den Sekt. Er löste behutsam den Draht und warf ihn mit dem Stanniol in den Kübel; dann drehte er mit einer zärtlichen Bewegung den Korken aus dem Hals und schenkte vorsichtig ein. »Der Herr wünscht nicht zu essen?«

Gurlitt blickte flüchtig auf die Karte. »Bringen Sie mir Natives. Und Welsh Rarebits.«

Der Kellner schenkte ein und verschwand mit einer flüchtigen Verbeugung.

Gurlitt trank das Glas in einem Zuge leer. Welch belebende Macht dieser seltsame Wein hatte! Er spürte noch das Brennen des eiskalten Tranks im Halse; zugleich fühlte er, wie aus der Kälte des rinnenden Weins eine unbegreifliche Wärme aufstieg, die, eine machtvolle Welle, sein Blut erfüllte. Wie frei und leicht plötzlich alles wurde! Alle Dinge waren unbeschwert, die Musik, die durch die pendelnden Glastüren kam, wurde zärtlicher; das Lächeln in den Zügen der Frauen schien ihm mit einem Schlage wärmer, persönlicher.

Er nahm die Flasche und schenkte von neuem ein. Und trank.

Ja, ein paar Glas Sekt: das hatte ihm gefehlt. Die Dinge ergaben sich von selbst, die Hemmungen waren fortgespült, lichter kreisten die Gedanken, alles schien vereinfacht, in die Nähe gerückt. Alles war leicht ...

Nicht leicht genug zwar um ihn vergessen zu lassen, daß dies alles ein Rausch war. Aber leicht genug: für den Entschluß zu der einen letzten einfachen Tat.

Wieder trank er. Und während er das Glas niedersetzte, geschah es plötzlich:

Jemand sagte:

»Herr Gurlitt, nicht wahr?«

Er blickte auf. Vor ihm stand jener Fremde.

»Herr Gurlitt, nicht wahr?«

»Was wünschen Sie von mir?«

»Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.«

»Ich wüßte nicht ...«

»Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich?«

Wieder fragte Gurlitt mit einem kühlen Blick in das Gesicht des andern:

» Wer sind Sie

Der Fremde, der im Frack war, sagte, während er den Stuhl heranzog:

»Mein Name wird Ihnen zwar nichts sagen. Aber ich begreife schon, daß Sie wissen möchten, wer ich bin. Ich heiße Holger Harrendorf.«

»Sie verfolgen mich seit einer Stunde.«

Der Fremde nickte. »Ja, Herr Gurlitt. Ich ... es ist nicht das richtige Wort. Ich suche Sie. Rund heraus gesagt.«

Der Kellner erschien mit den Austern. Er warf einen fragenden, ein wenig unfreundlichen Blick auf den Hinzugekommenen.

Der wies lässig auf die Sektflasche im Kübel: »Bringen Sie mir dasselbe.«

»Auch Austern?«

»Auch Austern.«

»Auch Welsh Rarebits?«

»Auch Welsh Rarebits.«

Während der Kellner eilfertig verschwand, sagte der Fremde, indem er ihm mit einem halben Blick nachsah:

»Was ich Ihnen zu sagen habe, Herr Gurlitt, ist seltsam genug. Ich würde vielleicht nicht daran denken, mit Ihnen über diese Dinge zu sprechen – aber ich glaube: diese Nacht ist für Sie ohnehin so ungewöhnlich, daß es ..., daß es ...«

»... daß es auf ein bißchen mehr nicht mehr ankommt?« fragte Gurlitt, fast lächelnd.

»Ja, Herr Gurlitt.«

»Woher wissen Sie, daß diese Nacht für mich ungewöhnlich ist?«

Der andere sah ihm ins Gesicht. Langsam hob er die Hand; und indem er seinem Gegenüber in die Augen blickte, sagte er leise:

» Ich weiß alles

Gurlitt runzelte die Stirn. »Und woher?« fragte er kurz und scharf.

In das Gesicht des andern trat ein begütigendes Lächeln. »Es steht Ihnen frei, mir diese Unterredung abzuschlagen. Das brauche ich kaum zu betonen. Es steht Ihnen frei, sie mir zu gewähren. Das alles ist in Ihrem Belieben. Sie können jede Frage stellen, Herr Gurlitt – Sie sollen auf jede Frage Antwort haben. Sie werden Fragen stellen. Nur um das eine muß ich Sie bitten: fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß – was ich weiß. Diese eine einzige Frage, Herr Gurlitt, kann ich Ihnen nicht beantworten.«

Der andere zuckte die Achseln. »Das ist ein schlechter Scherz.«

Harrendorf schüttelte leise, mit einem fast traurigen Lächeln, den Kopf. »Nein, Herr Gurlitt. Das ist kein Scherz. Kein schlechter Scherz. Es ist Ernst. Es ist tödlicher Ernst.«

»Ich wüßte mit dem besten Willen nicht«; Gurlitt nahm ostentativ eine Auster und löste mit dem kleinen Stahlmesser den Bart ...

»Natürlich wissen Sie nicht«, sagte der andere. »Natürlich wissen Sie nicht. Darum eben will ich mit Ihnen sprechen.«

Gurlitt ließ die geleerte Austernschale auf den Teller fallen. »Also meinetwegen ...«, sagte er achselzuckend. »Sie gestatten vielleicht, daß ich dabei weiteresse.«

»Bitte.« Der Fremde sah mit leeren Augen in den Saal hinein, an Gurlitt vorüber; während Gurlitt ihn betrachtete, bemerkte er den traurigen Ausdruck in seinen dunklen Augen. Nein, dieser Mann sah nicht aus wie jemand, der einen Scherz vorhatte.

»Ich weiß«, begann Harrendorf leise; »ich weiß, daß Sie seit zwei Monaten auf die Rückkehr Ihrer Frau warten. Daß Sie vergeblich warten; und ich weiß, daß heute die Scheidungsklage gekommen ist.«

»Das wissen Sie? Und woher ...?«

Der andere hob die Hand. »Nicht wahr, Herr Gurlitt, Sie lieben Ihre Frau? Ich begreife, daß Sie sie lieben. Jeder muß es begreifen. Sie waren sehr glücklich miteinander, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Gurlitt, fast ohne es zu wollen.

»Ich habe Ihre Frau im vorigen Jahre im Deutschen Theater in London spielen sehen.«

»Wirklich?« fragte Kilian, unwillkürlich interessiert. »Wirklich? Aber woher wissen Sie, daß es meine Frau war? Sie führt als Schauspielerin nicht meinen Namen!«

»Sie nennt sich mit ihrem Mädchennamen: Léonie Storm.«

»Ja«, bestätigte Gurlitt immer erstaunter.

»Ich sah sie zweimal: in einem Stück von Molnar und in einem Drama von Ihnen.«

»Sie erhielt auf die Rolle in meinem Stück einen Engagementsantrag nach Hollywood.«

Harrendorf lächelte. »Dieser Engagementsantrag ist, wenn ich nicht irre, der Grund zu Ihrer Scheidung.«

»Auch das ...«, fuhr der Schriftsteller auf.

»Sie waren gegen die Reise nach Hollywood. Gegen das Engagement. Sie verlangten, daß Ihre Frau bei Ihnen bleiben solle. Es kam zu einem furchtbaren Streit. Schließlich erklärten Sie Ihrer Frau, daß Sie als Ehemann das Bestimmungsrecht hätten – und daß Sie die Erlaubnis für Hollywood einfach verweigerten.«

»Mein Gott!«

»Sie sehen, jede Einzelheit ist richtig. Ich begreife, daß ein Mann, der seine Frau liebt, so handeln kann wie Sie. Daß er zugleich stolz auf ihren Ruhm sein – und dennoch eifersüchtig auf jeden sein kann, der sie auf der Bühne oder im Filmatelier mit seinen Blicken streicheln darf.«

Gurlitt nickte. »Ich kann auch meine Frau begreifen«, sagte er. »Damals konnte ich es vielleicht nicht – heute denke ich immerhin schon ein bißchen anders. Cecil de Mille hat ihr ein Engagement für drei Filme angetragen: der größte Filmregisseur der Welt! Ich war dagegen – wie man eben dagegen ist, wenn man liebt, gegen alles, sinnlos, ohne Überlegung. Nach jenem furchtbaren Auftritt ist sie abgereist: am nächsten Mittag, als ich heimkam, war sie fort.«

»Und haben Sie nicht versucht, sie umzustimmen?«

Gurlitt machte eine trostlose Handbewegung. »Eine Woche habe ich gewartet. Dann schrieb ich ihr. Einen ausführlichen langen Brief. Ich schrieb ihr, daß alles ein Mißverständnis sei – daß ich sie noch liebe, daß ich sie mehr liebe als je – und daß ich sie bitte, meine Worte zu vergessen. Sie antwortete nicht.

Ich wartete drei Tage. Vier Tage. Dann schickte ich ein Telegramm. Auch darauf kam keine Antwort. Dann schrieb ich wieder einen langen Brief – ich bat sie, ich bat sie, Herr Harrendorf: das Engagement nach Hollywood anzunehmen: ich würde getreulich auf sie warten, auf meine berühmte, schöne, begehrte Frau.«

»Und Sie erhielten keine Antwort?«

»Keine.«

»Warum fuhren Sie nicht nach Oberhof?«

»Ich wollte es. Ich meldete ein Telephongespräch an. Die Zofe meiner Frau erklärte mir: die gnädige Frau lehne es ab, mit mir zu sprechen. Ich möge nicht kommen: sie würde sofort abreisen. Jeder Versuch sei von vornherein vergeblich.«

»Das sieht fast aus«, sagte Harrendorf, »als ob ein Dritter ...«

Eben erschien der Kellner; er brachte Sekt und Austern.

»Sie haben recht«, sagte Gurlitt. »Als ob ein Dritter ... Inzwischen habe ich es erfahren: Léonie steht im Begriff, einen andern zu heiraten. Einen reichen Mann. Zu heiraten ... oder, man wußte es nicht genau: oder seine Freundin zu ...«

»Hm. Hm.«

»Noch ein paarmal habe ich versucht, sie umzustimmen. Es gibt kein zärtliches Wort, das ich ihr nicht gesagt hätte; ich habe sie an ihre scheuen und verstohlenen Liebesgeständnisse erinnert, an unsere gemeinsamen Reisen – an unsere gemeinsame Arbeit: die junge Frau des jungen Schriftstellers – war das nicht das schönste Fundament einer glücklichen und sonnigen Ehe? Alles war vergeblich. Alles war in den Wind gesprochen. Léonie hat kein Wort der Verzeihung für mich gefunden. Sie ist in ihren Gedanken wohl längst über mich hinweggeschritten zu jenem Neuen. Er kann ihr das bieten, was ich nicht habe: Reichtum.«

»Ja«, nickte der Fremde. »Reichtum.«

»Ich weiß selbst nicht« – der Schriftsteller sah mit einem halben Blick zu Harrendorf hinüber; »warum ich das alles so rückhaltlos mit Ihnen bespreche«; der andere machte eine Bewegung mit der Hand; »aber da Sie ohnehin eingeweiht sind ...«

»Ich muß jetzt«, sagte Harrendorf, »von den Dingen der letzten Tage sprechen. Sie glauben die Trennung von Ihrer Frau nicht verwinden zu können.«

Kilian Gurlitt schüttelt den Kopf. Er stützte die Stirn in die Hand. »Nein«, sagte er leise. »Ich kann es nicht überwinden. Ich kann ohne Léonie nicht leben. Alles ist zerstört; ich kann keinen Gedanken mehr fassen; alles ist leer, phantasielos, meine Worte sind ohne Schwung, alle Erfindungsgabe ist versiegt. Und, was das Schlimmste ist: ich habe nicht mehr den Wunsch, daß es anders werden möge. Ich stehe unaufhörlich vor der Frage: für wen sollst du arbeiten?«

»Ja«, sagte Harrendorf. »Und so haben Sie den Entschluß gefaßt – sich heute nacht zu erschießen.«

Gurlitt ließ die Hand auf den Tisch niederfallen und blickte hinüber zu Harrendorf, der ihn mit ernsten, tiefen Augen betrachtete. »Was wünschen Sie mir zu sagen, Herr Harrendorf?«

Der andere nahm die Flasche aus dem Eiskübel und füllte die beiden Gläser. »Ich weiß, Herr Gurlitt«, sagte er, »daß Sie nicht zu denen gehören, die mit einem solchen Gedanken spielen. Ich weiß es genau. Sie werden die Tat ausführen. Heute nacht werden Sie es tun.«

»Nun ja.« Und in plötzlichem Begreifen fragte Gurlitt: »Haben Sie etwa die Absicht, mich daran zu hindern? Dann muß ich Ihnen sagen, daß Ihre Mühe von vornherein vergeblich ist.«

Wieder blickte ihm der andere ins Gesicht. Endlich, nach einer langen stummen Pause, sagte er langsam:

»Ich habe nicht die Absicht, Sie an Ihrem Vorhaben zu hindern.«

Ein wenig verwirrt murmelte Gurlitt: »Dann weiß ich nicht ... dann weiß ich nicht, welchen Zweck diese Unterredung haben soll.«

Der andere, der fast mit einer leisen Verlegenheit zu kämpfen schien, legte sinnend die Serviette zusammen. »Was ich Ihnen zu sagen habe, Herr Gurlitt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Vorschlag. Sie können ihn annehmen, Sie können ihn ablehnen; das ist selbstverständlich. Der Vorschlag, den ich Ihnen mache, ist, ich sagte es schon, vielleicht das Ungewöhnlichste, was je ein Mensch einem Menschen gesagt hat. Ja, es ist so ungewöhnlich, daß ich mich schon eines Gleichnisses bedienen muß: Wenn jemand in ein fernes und fremdes Land reist, so geschieht es wohl, daß an dem Augenblick, da das Schiff abgehen will, noch jemand erscheint, ein Fremder vielleicht – um ihm einen wichtigen Brief mitzugeben. Oder einen Auftrag. Oder eine Mission. Irgend etwas, was jener Reisende in das ferne und fremde Land mitnehmen soll. Ja, das ist das richtige Wort: etwas mitnehmen

Gurlitt richtete sich erstaunt auf. »Sie meinen, ich soll etwas ... in das Jenseits ... mit hinübernehmend?«

Der andere nickte. »Ja. Ein Geheimnis.«

Die Augen der beiden trafen sich. Harrendorfs Blick irrte zur Seite.

»Wollen Sie das tun?«

Wieder sah Gurlitt auf; wieder wich der andere seinem Blicke aus. »Ein okkultes Experiment?«

Harrendorf lächelte und schüttelte den Kopf. »Etwas ganz Reales. Ich muß deutlicher werden. Ein Geheimnis, das Sie mit ins Grab nehmen sollen.«

Gurlitt ballte die Hand auf der Tischplatte; irgendwo, aus dem Unterbewußtsein vielleicht, stiegen seltsame und argwöhnische Gedanken auf. » Ein Verbrechen?« fragte er leise, mehr vor sich hin.

»Können Sie sich vorstellen,« Harrendorf senkte den Kopf, »können Sie sich vorstellen, daß ein ehrlicher und rechtschaffener Mann in eine Zwangslage gerät, aus der es keinen andern Ausweg gibt als ein Verbrechen?«

»Vielleicht.«

»Können Sie sich denken, daß, wenn dieses Verbrechen nicht geschieht, unabsehbares Unglück droht?«

»Was für ein Verbrechen, Herr Harrendorf?«

»Leuchtet es Ihnen ein, daß eine solche Tat moralisch eine Notwendigkeit ist – juristisch indessen ein Verbrechen bleibt?«

Gurlitt hob den Kopf und sah seinem Gegenüber ins Gesicht. » Ein Mord ...?«

»Ja«, sagte der andere leise.

»Ich soll einen Mord begehen?«

Wieder schüttelte jener den Kopf. »Die Tat ist geschehen. Sie sollen sie auf sich nehmen.«

Gurlitt fühlte, daß ihn jemand ansah; er wandte den Kopf; drüben ging Alfons Costa, der junge Komponist. Mit seiner Freundin. Die beiden grüßten lachend herüber; dann ging die Tür zum Tanzsaal auf, ein Tango schmeichelte herüber; pendelnd fielen die Türen wieder zusammen.

»Wer hat den Mord begangen?« fragte Gurlitt.

Der andere sah ihn an, mit einem halben Lächeln, das langsam in einen leeren und starren Ausdruck überging.

» Ich.«

»Sie?« Gurlitt richtete sich auf, abweisend, in einem jähen Erschrecken. »Sie, Herr Harrendorf?« Indem er einen hastigen Blick auf sein Gegenüber warf, setzte er hinzu: » Wer sind Sie?«

Der andere machte eine hilflose Handbewegung. »Was würde es nützen, wenn ich Ihnen jetzt antworten würde: ich bin der Kaufmann Harrendorf aus Hamburg? Oder der Plantagenbesitzer Harrendorf aus Brasilien? Würde das irgend etwas erklären? Ich kann Ihnen nur wiederholen: man hat mich gehetzt, man hat mich in eine Falle gelockt; die äußere Konstellation der Dinge spricht gegen mich, so geschickt hat man es eingefädelt, ich habe jahrelang gegeben und beschwichtigt und gebeten, ich habe mehr getan als ein Mensch wohl sonst tun kann, – aber immer noch hatte ich nicht genug getan; er verlangte alles, mit einem Wort, mit einem Schlage: alles. Da schoß ich ihn nieder.«

Gurlitt schüttelte den Kopf. »Was habe ich mit Ihrer Tat zu schaffen, Herr Harrendorf? Jeder muß für sich einstehen; jeder hat mit seinem Leben genug zu tun, mit seinen Schmerzen, mit seinen Hoffnungen. Nein, ich kann Ihnen nicht helfen.«

Eine lange Pause entstand. Herr Harrendorf ließ seine Augen durch den Saal schweifen, nachdenkliche, kluge, ein wenig müde Augen.

»Vielleicht wissen Sie,« sagte er nach einer Weile, fast flüsternd, »vielleicht wissen Sie jemanden, den Sie glücklich machen möchten. Dem mit einer Geldsumme geholfen wäre?«

»Nein.«

»... haben Sie keinen Freund, dem es schlecht geht, keine Geliebte? Keine alte Mutter? Sie können den Betrag bestimmen.« Harrendorf faßte in die Brusttasche. »Wissen Sie keinen, für den Hunderttausend Mark ein neues Leben bedeuten würden?«

»Nein«, sagte Gurlitt. »Ich will einen ehrlichen Namen hinterlassen.«

Der andere machte eine resignierte Handbewegung. »Dann muß ich um Verzeihung bitten.«

Er erhob sich, zögernd – vielleicht in einer letzten Hoffnung.

»Nein«, sagte Gurlitt.

Der andere ging durch den breiten Mittelgang, wie ein etwas gelangweilter Besucher einer mondänen, im Grunde belanglosen Stätte. Einen Augenblick kam Gurlitt der Gedanke: der dort geht ist ein Mörder – du hast die Pflicht, die Behörden ... Dann, mit einer lächelnden Resignation, begriff er, wie sinnlos alle diese Dinge der Menschen waren, wenn man drauf und dran war, sie von sich zu werfen. Er zog nervös die Uhr – ohne zu erfassen, welche Zeit sie zeigte. Welch ein seltsames Erlebnis das gewesen war! Welch überraschende Episode unmittelbar vor dem Schluß aller Dinge! Ein Mörder ... Welch ein Anerbieten! Was würde Léonie wohl gesagt haben, seine Frau, wenn es bekannt wurde: Kilian Gurlitt ist gar nicht in den Tod gegangen aus Verzweiflung, aus verschmähter Liebe – Kilian Gurlitt ist gestorben, weil er eine schwere Schuld auf sich geladen hatte! Während er diese Dinge zu Ende dachte, erkannte er plötzlich den seltsamen Reiz, der um diese Vorstellungen kreiste. Vielleicht daß Léonie ihre Stirn gefurcht hätte, ihre schöne, weiße, reine Stirn; vielleicht daß diese Tat, die gar nicht die seine war, ihm in ihren Augen ein letztes Relief gegeben hätte! Er mußte fast lächeln über sich.

Dort drinnen war Costa. Alfons, der liebste von allen seinen Freunden.

Er rief den Kellner heran und zahlte. Dann ging er hinüber in den Saal, Costa noch einmal zu sehen.

Eben war ein Tanz zu Ende; Alfons kam mit Rose, seiner schönen Freundin, quer durch den Saal. Er lachte, während er mit ihr sprach. Alfons Costa lachte immer.

Rose war die erste, die Gurlitt bemerkte.

Die beiden kamen auf ihn zu; Costa hatte tausend Neuigkeiten.

»Das ist großartig, daß du kommst! Wir haben da hinten – siehst du, dort – einen kleinen Ecktisch, nein, nicht dort«; wieder lachte er, »da drüben, wo der Kellner eben besorgt Umschau hält. Er glaubt, wir sind verschwunden. Komm mit, wir haben noch etwas Graves in der Flasche.« Schon hängte er sich in den Arm des Freundes; Rose eilte voran.

Wie graziös sie war! Leuchtend hob sich ihr schmaler Hals von dem dunklen Pagenkopf ab. Ein Bohémien aus dem Romanischen Café hatte einmal von ihr gesagt: sie sähe aus wie ein Offenbachsches Allegretto.

Ein Foxtrott klang auf; die Tische lichteten sich. Die drei nahmen Platz.

»Es ist großartig, daß du kommst«; Costa winkte dem Kellner mit den Augen: »Ein Glas – ich habe dir so viel zu erzählen. Ich rief bei dir an, gegen Abend; du warst nicht zu Hause. Wie geht es dir, mein Junge? Hast du Zigaretten bei dir? Komm, gib her, ich bestelle nachher neue. Was macht deine Arbeit? Neulich traf ich übrigens deinen Verleger; er war nicht gut auf dich zu sprechen, du beantwortest seine Briefe nicht, behauptet er. Warum schreibst du ihm nicht? Wie kann man einem Verleger nicht antworten, denk an den nächsten Vorschuß! Was macht übrigens die Geschichte mit deiner Frau? Hast du Nachricht aus Oberhof? Oder schweigt sie noch immer hartnäckig? Wir haben oft von dir gesprochen, die Rose und ich, nicht wahr, Rose? Weißt du, was die Rose gestern sagte? Sie sagte, du würdest dir etwas antun –«, er lacht auf. »Sowas gibt's doch gar nicht. Gell, Kilian? Wegen einer Frau, Kilian! Denk bloß an, was so ein Mädel daherredet. Hier, endlich, da ist es. Stellen Sie nur hierher, Herr Ober. Danke schön, ich schenke selbst ein. Warte. Prosit, Kilian, du bist mir doch der Liebste von allen! Das war der Rest der Flasche«, fuhr er fort, sich unruhig umsehend. »Man könnte vielleicht ...«

Gurlitt schluckte den Graves herunter und verzog den Mund. »Laß nur. Ober, bringen Sie Sekt. Halbtrocken.«

»Du hast mich noch gar nicht gefragt, warum ich bei dir angerufen habe.«

»Ich dachte, du würdest es mir von selbst sagen.«

Rose lachte. »Wir haben zusammen telephoniert.«

»Natürlich«, sagte Gurlitt. »Daß Alfons etwas ohne Sie täte, könnte ich mir gar nicht vorstellen.«

»Weißt du, was ich dir erzählen wollte? Etwas ganz Großartiges. Du wirst Augen machen. Allerdings, die Sache ist noch nicht spruchreif. Also denke dir: ich habe einen Mäzen gefunden. Nicht so wie man sich das gewöhnlich vorstellt, daß er nun Frühstückskörbe schickt oder mir ein Bankkonto einrichtet – so nicht. Aber doch, wiederum! Es ist mir ja eigentlich viel lieber so: also er setzt sich für mich ein. Er glaubt an mich. Ich habe ihm den ersten Akt meiner Oper vorgespielt, meine ›Insel der Träume‹; Rose hat die Katja gesungen. Er war begeistert. Und da ist es also geschehen.«

»Was denn eigentlich?« fragte Gurlitt.

»Ja so. Du weißt es ja noch gar nicht. Also denke dir: vielleicht hast du schon mal etwas von dem Dampfer ›Yoshiwara‹ gehört.«

»Allerdings. Vor einer Stunde noch. Der Mixer hat mir Wunderdinge von diesem Schiff erzählt. Ich weiß über alle Einzelheiten Bescheid. Eine frühere Yacht des Fürsten von Monaco. Vierundzwanzigtausend tons. Weiß angestrichen. Mit dem Beinamen ›Die Yacht der Sieben Sünden‹.«

»Wenn alles klappt, werde ich auf der ›Yoshiwara‹ Musikdirektor.«

»Musikdirektor – auf einem Schiff?«

»Die ›Yoshiwara‹ ist eben eine Klasse für sich. Zwei Kapellen: eine Jazzband und ein Symphonieorchester.«

»Und welches sollst du leiten?«

»Beide. Das ist es eben.«

Der Kellner kam mit dem Sekt. Costa zog zwei Strohhalme aus dem Behälter und rührte zärtlich erst Roses Glas, dann Kilians Sekt, dann den seinen um. »Wenn das perfekt wird, Kilian –,« er hob mit glücklichem Lächeln das Glas, »dann lade ich dich und die Rose zu unserer ersten Fahrt ein. Auf meine Kosten. Du mußt wissen, die ›Yoshiwara‹ ist kein Schiff; sie ist kein Dampfer, der die Leute von hier nach dort bringt; sie ist ein Märchentraum. Ein Paradies auf dem Ozean.«

»Und wohin fährt sie?«

»Jede Fahrt ist eine Unternehmung für sich. Die nächste Reise geht nach dem Mittelmeer. Denke dir: eine schwimmende kleine Stadt, Licht, Musik, Frauen, Sonne und Meer. Dein Wohl, mein Junge!«

»Ich wünsche dir ...«

»Um Gottes willen! Wünsch mir Hals- und Beinbruch!«

Die drei tranken. Mittendrin rief Costa, indem er hinüberwies: »Dort geht Lucius!« und fort war er.

Die beiden blickten ihm lächelnd nach; er redete eifrig auf einen kleinen stattlichen Herrn ein, der es ein wenig eilig zu haben schien.

»Was will er von ihm?« fragte Gurlitt.

Sie zuckte die Achseln. »Geld«, sagte sie, mit einer Stimme, die ihn aufblicken ließ.

Plötzlich sah er, daß das Lächeln aus ihrem Gesicht geschwunden war.

»Ein Schuldner?« fragte er verwundert.

Rose schüttelte den Kopf.

»Braucht er denn Geld?«

Sie sah ihm ins Gesicht. »Er braucht immer Geld. Wir haben nicht einen Pfennig.«

Er schüttelte den Kopf. Dort drüben stand Alfons, lachend wie immer; seine unverwüstliche Laune schien auch den andern in ihren Bann geschlagen zu haben; jedenfalls war der abweisende Ausdruck aus seinem Gesicht verschwunden.

»Seit drei Monaten sind wir die Miete schuldig. Ich kann nicht mehr das Notwendigste kaufen. Keiner borgt uns mehr.«

Der Zigarettenboy ging vorüber. Er winkte ihn heran und warf dem Jungen ein Geldstück aufs Tablett. »Wollen Sie rauchen?«

»Nein, danke.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, Rose: warum müßt ihr ins Adlon gehen, wenn es so steht?«

In ihrer Stimme stieg ein Schluchzen auf. »Es ist das einzige, was ihm den Lebensmut erhält; wenn er das nicht mehr hat, diese Atmosphäre hier, die Musik, den Tanz, die gutangezogenen Menschen, dann, fürchte ich, ist es ganz vorbei.«

»Und wovon lebt ihr?«

»Er komponiert Chansons. Hier und da ein paar Mark; es reicht immer gerade von einem Tag auf den andern. Wenn er doch nur einmal einen richtigen Auftrag bekäme! Ich meine: etwas was eine größere Summe Geldes einbringt. Er ist doch so begabt, nicht wahr, Herr Gurlitt? Er ist doch der Begabteste von allen!«

»Ja«, sagte Gurlitt. Er wußte nicht, wie es kam; in diesem Augenblick mußte er an den Fremden denken; an jenen Herrn Harrendorf.

»... damit er die Möglichkeit hätte, seine Oper zu Ende zu komponieren. Wenn es ein Erfolg wird – und es wird sicher ein Riesenerfolg – dann wäre er aus allem heraus.«

»Und Euer Mäzen?«

Ihr Gesicht verdüsterte sich; schweigend machte sie eine resignierte Handbewegung.

»Und die Anstellung? Auf der ›Yoshiwara‹?«

»Er kommt«, sagte sie. »Die Anstellung auf der ›Yoshiwara‹ ... Luftschlösser, Herr Doktor. Alfons ist ein Kind: wenn er etwas gern haben möchte, so redet er sich ein, er brauche nur danach zu greifen.«

Costa trat an den Tisch, strahlender als je. »Denkt euch, er hat mir dreißig Mark gegeben. Ich hatte nämlich eine kleine geschäftliche Besprechung mit ihm, mußt du wissen. Komm, wir bestellen noch ...«

»Nein«, sagte Gurlitt, die Brieftasche ziehend. Und indem er einen Blick mit Rose wechselte, setzte er hinzu: »Ich muß sowieso gehen. Ich habe noch zu arbeiten.«

Er zahlte und ging mit schnellen Schritten durch den Saal. In der Tür wandte er sich noch einmal um. Die beiden saßen lebhaft plaudernd an ihrem Tischchen. Roses Miene hatte sich wieder aufgehellt, sie hörte seinem begeisterten Optimismus mit einem lächelnden Entzücken zu, das fast etwas Mütterliches hatte.

Die Tür schloß sich hinter ihm; fröstelnd kam durch den Korridor der kühle Atem der Nacht.

Seltsam, wie klar jetzt alles war! Trotz allem: kein Bedauern, das in ihm aufstieg, kein Gedanke an alles was er zurückließ; nur die letzte alles andere verdrängende Erkenntnis: nun muß es geschehen!

Wer doch diesem armen Teufel Costa helfen könnte! Wieder fiel ihm jener Herr Holger Harrendorf ein. Wie hatte er doch gesagt? »Wenn Sie jemanden glücklich machen möchten – Sie brauchen den Betrag nur zu bestimmen.« Was hinderte ihn eigentlich, Ja zu sagen? Der Wunsch, einen ehrlichen Namen zu hinterlassen? Niemandem war damit gedient, er besaß keine Angehörigen; seine Frau führte ihren Bühnennamen. Vielleicht würde es sogar für sie eine fabelhafte Reklame bedeuten, aber das alles war Unsinn, war belanglos, war nebensächlich. Diesem armen, hungrigen, ewig begeisterten, ewig bedrängten Costa mußte geholfen werden.

Welch eine lächerliche Sentimentalität, daß er abgelehnt hatte! Wenn jetzt Herr Harrendorf vor ihm stände, er würde gewiß nicht Nein sagen.

Aber so war es: immer kamen die richtigen Gedanken zur falschen Zeit. Nun mochte er längst wieder abgereist sein – Gurlitt hatte das Gefühl, daß dieser Mann aus einem fremden Lande gekommen war – innerlich vielleicht immer noch ein bißchen verwundert über den sentimentalen Deutschen, der im Tode noch auf Reputation hielt.

Während er durch die Halle ging, drängte sich ihm plötzlich ein merkwürdiges Gefühl auf. Er wußte auf einmal: in der nächsten Sekunde wirst du diesem Harrendorf begegnen.

Über dem Raume lag die unbehagliche Stimmung, die den Hotelhallen der ganzen Welt um diese Nachtzeit das Gepräge gibt: ein Gemisch aus Nervosität, Hast und Übermüdung. Gruppen standen herum, Damen und Herren in Gesellschaftskleidung, dazwischen hastige Boys. An der Rezeption standen ein paar Engländerinnen, mit dem Clerk eifrig über eine Fahrplanangelegenheit diskutierend. Er ging vorbei, dem Ausgang zu ...

Aus dem Ledersessel zur Rechten erhob sich ein Herr.

Gurlitt wandte den Kopf. Es war Holger Harrendorf.

»Sie sind noch hier?« fragte Gurlitt; er fühlte fast etwas wie Verlegenheit.

»Ich wohne hier.«

Harrendorf reichte Gurlitt die Hand. »Ich weiß, wohin Sie jetzt gehen«, sagte er leise. Und indem er Gurlitt in die Augen sah, setzte er hinzu: »Kann ich noch irgend etwas für Sie tun?«

Gurlitt sah zu Boden. »Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen.«

Harrendorf sah sich um. »Dort drüben ist das Schreibzimmer. Es ist leer, glaube ich. Kommen Sie.«

Die beiden traten ein; der Boy knipste das Licht an und zog sich geräuschlos zurück.

»Ich habe mir Ihre Worte von vorhin diese ganze Zeit überlegt«, sagte Gurlitt zögernd. »Ich glaube, daß ... ich weiß zwar nicht, ob Sie Ihr Angebot noch aufrechthalten ...«

»Selbstverständlich. Wenn Sie jemanden wissen, dem eine Freude zu gönnen wäre ...«

Gurlitt nickte. »Ja, Herr Harrendorf. Ich bin einem Freund begegnet. Einem jungen Komponisten. Er ist arm. Er hungert. Mit einem kleinen Vermögen wäre ihm geholfen.«

Der andere faßte nach der Brieftasche. »Sie können den Betrag bestimmen.« Er zog das Portefeuille und schlug es auf; es war gefüllt mit weißen englischen Banknoten. Harrendorf ließ sich in den Sessel nieder, der an dem Doppelschreibtisch stand und wies auf den Stuhl gegenüber. Fast ohne hinzusehen griff er in das Portefeuille und zog mit einer flüchtigen Bewegung eine Anzahl Scheine heraus; dann nahm er ein Kuvert aus dem kleinen Briefständer, faltete die Banknoten hinein und schob Gurlitt den Umschlag hinüber.

Kilian Gurlitt nickte wie in wortlosem Dank und sah erwartungsvoll auf sein Gegenüber.

Harrendorf nahm einen kleinen Oktavbogen aus dem Messinghalter; dann, ihn plötzlich zurücklegend, sagte er:

»Nein. Bitte auf Ihre Visitenkarte.«

Zögernd öffnete Gurlitt die Brieftasche.

»Darf ich Sie bitten, selbst zu schreiben?«

Gurlitt zog den Füllfederhalter und schraubte ihn auf. »Wollen Sie diktieren?«

»Bitte schreiben Sie:

Ich habe den Mord in der Winterthur-Allee 18 begangen: an Stefan Martini. Aus Eifersucht.«

»Aus Eifersucht?« Der Schreibende hielt inne und schüttelte betroffen den Kopf. »Ich kenne keinen Stefan Martini.«

»Selbstverständlich nicht«; der andere hob begütigend die Hand.

»Und ebensowenig meine Frau.«

Harrendorf lächelte. »Begreifen Sie nicht ...? Ein Motiv ... ein plausibler Grund ... Mir liegt daran, daß mit diesem Brief der Fall abgeschlossen ist ...«

»Wer ist das: Stefan Martini?«

»Er hat mich gehetzt bis zum Zusammenbrechen. Es gab keine andere Lösung.«

Gurlitt blickte in einem seltsamen Zwang auf die Hand des andern, die wuchtig auf der Platte des spiegelnden Tisches lag. Das also war die Hand eines Mörders – diese Hand hatte die Waffe geführt, diese Augen hatten das Zusammenbrechen eines ahnungslosen Opfers gesehen. Als ob jener seine Gedanken erriet, sagte er leise:

»Begreifen Sie jetzt, warum ich Sie schreiben ließ: aus Eifersucht? Ich wollte Sie beruhigen. Kein materielles Motiv steht hinter dieser Tat, kein Eigennutz. Nur die Verzweiflung eines Menschen, der sich nicht anders zu helfen wußte.«

Gurlitt sah ihm ins Gesicht. Das dunkle Blau seiner Augen erschien plötzlich glanzlos, die Schläfen waren eingefallen; dieser Mann sprach die Wahrheit.

Er nahm den Halter und unterschrieb mit fester Hand: Kilian Gurlitt.

*

Das Auto kreuzte die lichtschimmernde Friedrichstraße und hielt vor einer dunklen Mietskaserne. Das Haus schien im Schlaf der tiefen Nacht zu liegen; nur aus den Fenstern des vierten Stocks, die geöffnet waren, drang Licht, Musik, Stimmengewirr. Die Haustür stand wie gewöhnlich halb offen. Im Dunkel des Torwegs lehnte ein engumschlungenes Pärchen, das sich auch durch das Aufflammen des Zündholzes nicht stören ließ. Stolpernd tastete er sich bis zum vierten Stock empor. Ein paarmal mußte Gurlitt klingeln. Endlich ging die Tür auf, eine Welle von Gelächter flutete ihm entgegen.

Es waren fremde Gesichter, die ihn empfingen, aber schon kam Rose aus der Küche; Mokkaduft erfüllte den Korridor.

»Doktor!« rief sie, sichtlich erfreut. »Sie finden den Weg nach der Zimmerstraße?«

»Ich suchte Euch im Saal; der Kellner sagte mir, Ihr wäret fortgefahren.«

»Kommen Sie herein. Alfons spielt seine Kavatine.«

Er sah sich um. Der Korridor war leer; die andern, junge Bohémiens, hatten sich zurückgezogen. Er fand das Wort nicht recht, nun, da er ihr im hellen Licht gegenüberstand.

»Ich habe etwas für Alfons ...«

»Warum bleiben Sie hier draußen?«

Er sah, daß sie ihm forschend ins Gesicht blickte; mit einem plötzlichen Aufraffen sagte er:

»Ich habe Eile. Der Wagen wartet. Bitte geben Sie ihm dies.« Damit zog er das pralle Geldkuvert und legte es auf den Spiegeltisch. »Gute Nacht«, er drückte ihr flüchtig die Hand und öffnete die Tür. Während er sie hastig hinter sich zuwarf, sah er, wie Rose, immer noch in unbeweglicher Haltung, ihm nachblickte; deutlich erinnerte er sich, Stufe für Stufe der dunklen Treppe hinuntertastend, ihres verstörten Gesichts.

Die Haustür war noch offen. Er trat auf die Straße hinaus. Das Klavierspiel oben hatte geendet; er blickte hinauf zu den hellen Fenstern; jemand beugte sich hinaus, es war wohl Costa.

Ja, er war es; eben rief er: »Kilian!«

Aber schon schlug die Wagentür hinter Gurlitt zu.

Nun lag das letzte hinter ihm. Er hatte seinen Preis gefordert; er hatte ihn erhalten, in gutem englischen Gelde hatte er ihn bekommen. Er hatte dieses Geld, das ihm nicht mehr nützen konnte, ja, das ihm nicht gehörte – denn es war der Preis für seinen Selbstmord – einem andern ausgeliefert, einem, dem trotz allem das Glück seine Gaben bereithielt; nur war nichts mehr zu tun als das eine.

Was sie wohl sprachen in diesem Augenblick, in der Zimmerstraße? Was für Augen wohl Alfons Costa gemacht hatte beim Anblick des Vermögens, das ihm so plötzlich in den Schoß gefallen war? Wie mochten sie sich die Herkunft des Geldes erklären? Freilich: in Roses Gesicht war ein Ausdruck gewesen, ein wissender, verständnisvoller Ausdruck, der ihn beunruhigt hatte die ganze Zeit. Sie mochte ahnen, was in ihm vorging, was in der Tiefe dieser Nacht Schritt für Schritt auf ihn zukam.

Der Wagen fuhr am Landwehrkanal entlang; dunkel brütete das Wasser zwischen den schweigenden Baumreihen. Der Landwehrkanal: die letzte Zuflucht jener, die keine mehr hatten ... Schon streckte er die Hand aus, um auf den Stoppball zu drücken; aber zögernd ließ er sie wieder sinken.

Der Wagen hielt an der Ecke der Corneliusbrücke; erst jetzt erinnerte er sich, daß er es so gewünscht hatte. Er warf den Schlag zu und ging in das Dunkel der Hitzigstraße hinein. Seltsam, wie schwierig das war – alle Dinge waren auf das Leben gerichtet, kein Platz schien für den, der den entgegengesetzten Weg gehen wollte. Die wenigen Menschen, die ihm begegneten, sahen ihn argwöhnisch an; der Schutzmann dort an der Ecke blickte aufmerksam zu ihm hinüber. Er ging über den Fahrdamm zur Linken, in die Rauchstraße hinein. Eben bog ein Auto, mit Koffern beladen, um die Ecke, überholte ihn; einen Moment schien es ihm, als ob sich ein Frauengesicht an die Scheibe presse, als ob zwei Augen ihn spähend betrachteten. Aber es mußte wohl die Überreizung der Nerven sein, die in allen Spione witterte ...

Hier war sein Haus. Die Stille seines Arbeitszimmers lockte; hier war möglich, was in der lärmenden Nacht dieser Riesenstadt nicht geschehen konnte.

Er knipste das Licht ein und ging die marmorne Treppe hinauf. Nichts im Hause rührte sich; irgendwo in der Ferne schlug ein Hund an. Das Heulen des Windes ging durch die Nacht; plötzlich prasselte Regen gegen die Fensterscheiben. Er schloß die Vorhänge und schaltete die Schreibtischlampe ein.

Dort stand Léonies Bild. Wie reizend sie aussah! Ihre grauen Augen erschienen tiefdunkel unter dem Blond des vollen Haares. Er schob das Bild mit einer unsicheren Bewegung zurück.

In diesem Augenblick klingelte das Telephon.

Er schrak entsetzt zusammen; wie fassungslos starrte er auf den Apparat, dessen Glocke eben zum zweiten Male schrillte. Wer konnte das sein? Wer konnte ihn in später Nacht sprechen wollen? Dann beruhigte er sich selbst: es war sicher Alfons Costa. Ja, ja, Costa war es ... das viele Geld ... dieser unverhoffte Reichtum ... Und während er den Hörer abnahm, wußte er plötzlich ganz genau: daß es nicht Costa war.

Eine Frauenstimme meldete sich. Eine Stimme, die er kannte – bei deren Klang ihm das Herz zu klopfen begann.

»Bist du es, Kilian? Weißt du, wer hier ist?«

»Nein«, antwortete er. Er log: denn er wußte es.

»Hier ist Léonie – hörst du, Kilian? Léonie – ja, ja – ich bin es, deine Frau.«

»Ja«, sagte er mit zitternder Stimme. »Du, Léonie ... Was willst du von mir?«

»Denk dir: ich komme eben mit dem Auto durch die Hitzigstraße, direkt von Oberhof, weißt du; als wir in die Rauchstraße einbiegen, sehe ich dich plötzlich neben dem Auto gehen. Ich habe dir zugewinkt, du hast es nicht gesehen. Bist du überrascht, Kilian?« Und indem ein zärtliches Lachen in ihre Stimme trat, setzte sie fragend hinzu: »Bist du glücklich ...? Warum antwortest du nicht, Kilian?«

Mühsam sagte er: »Ich begreife das alles nicht, Léonie. Ich verstehe deinen Anruf nicht ... Ich weiß, daß du auf die Scheidung wartest – daß du alles daran setzest, dich von mir zu trennen; ich verstehe nicht, warum du mir plötzlich gute Worte gibst. Was soll diese Frage, ob ich glücklich bin? Willst du mich verhöhnen, Léonie?«

Plötzlich ernster werdend, antwortete sie:

»Nein. Es ist etwas anderes. Etwas Furchtbares ist geschehen. Sage mir nur eins: hast du mich noch lieb?«

»Ich habe heute die Scheidungsklage erhalten ...«

Einen Augenblick wurde es still im Apparat. Dann sagte Léonie:

»Komm sofort zu mir. Es ist ganz nahe: in der Pension Scalandrini, Ecke der Lichtenstein-Allee. Komm sofort, hörst du?«

»Ich kann nicht, Léonie.«

»Du mußt kommen. Alles hängt davon ab. Unser beider Glück steht auf dem Spiel; du mußt sofort kommen. Ich erwarte dich.«

*

Die Zofe stand vor der Tür. Sie hatte verweinte Augen; Kilian sah es mit Verwunderung, während er in das helle Licht des Treppenhauses trat. Léonie wartete schon an der Tür ihres Zimmers, das im ersten Stock lag.

Frischer und schöner als je.

Sie zog ihn ins Zimmer und schloß die Tür behutsam hinter sich.

»Laß dich einmal ansehen ... wie blaß du bist, Kilian ... hast du Kummer?«

Er blickte zu Boden. »Warum wolltest du mich sprechen?«

Immer noch sah sie ihm unverwandt ins Gesicht. Langsam ging sie auf ihn zu und griff nach seiner Hand. »Ich hatte das Gefühl, daß heute nacht irgend etwas passieren würde, daß ich keine Zeit verlieren dürfe. Du planst etwas, Kilian.«

»Du sagtest, es sei etwas Furchtbares geschehen.«

»Ja, Kilian. Ein Verrat ist begangen worden. An dir, an mir.«

»Warum hast du auf meine Briefe nicht geantwortet?«

»Das ist es ja eben, warum ich dich sprechen mußte. Man wollte uns trennen!«

»Ich verstehe dich noch immer nicht, Léonie.«

»Du hast mir geschrieben, nicht wahr?«

»Jeden zweiten Tag. Dann: jeden Tag.«

» Ich habe keinen dieser Briefe bekommen.«

»Aber das ist ... das ist doch nicht möglich!«

»Du sollst alles wissen. Ein Mann hat sich um mich beworben; er ist mir nachgereist, nach Oberhof. Eben, als wir uns Berlin nähern, fängt Liselotte an zu weinen. Ich denke, es ist die Freude über das Heimkommen. Aber sie weint immer heftiger – und endlich gesteht sie mir: sie hat einen schmählichen Verrat an mir begangen. An uns beiden, Kilian. Auf Anstiften jenes Herrn hat sie deine Briefe unterschlagen.«

»Mein Gott ...!«

»Brief für Brief hat er ihr gegen hohes Trinkgeld abgekauft. Begreifst du mich jetzt, Kilian?« Sie sah ihm zärtlich in die Augen. »Ich habe doch immer nur gewartet, Tag für Tag. Ich habe gehofft, du würdest mir ein paar Zeilen schicken – nur auf ein freundliches Wort von dir habe ich gewartet. Tag für Tag vergeblich.«

»Warum hast du nicht das erste Wort gesprochen?«

»Immer war ich drauf und dran, es zu tun. Aber: ich war doch die Beleidigte, du mußt es einsehen; an dir war es, das versöhnende Wort zu sprechen. Und schließlich habe ich mich in den Trotz und in den Haß so hineingewühlt – daß ich gar nicht mehr an das Schreiben dachte. Woche um Woche verging, da mußte ich endlich glauben, du habest mich völlig vergessen. Begreifst du das? Aber nun ist alles gut, Kilian. Komm, setz dich. Du zitterst ja vor Müdigkeit, setz dich in diesen Sessel.«

Zögernd ließ er sich nieder, unfähig, ein Wort zu erwidern.

»Ich habe mir alles durch den Kopf gehen lassen. Du hattest recht, Kilian, daß du mich nicht nach Amerika lassen wolltest. Ich bin entschlossen, das Angebot von Hollywood auszuschlagen. Oder, wenn du willst: wenn du willst, fahren wir zwei zusammen nach Hollywood!«

Gurlitt fragte mit dumpfer Stimme:

»Wie heißt der Mann, der so gehandelt hat?«

Sie machte eine Handbewegung. »Wir wollen nicht von ihm sprechen. Es soll sein, als ob diese zwei Monate Oberhof nicht gewesen wären. Hörst du, Kilian?« Sie umschlang ihn mit ihren Armen. »Es soll sein, als ob nie etwas zwischen uns gestanden hätte. Alles soll wieder sein wie früher.«

Er zuckte die Achseln.

»Oder liebst du eine andere?«

Er schüttelte den Kopf.

»Dann ist alles gut, Kilian. Wir werden ein neues Leben beginnen; eine neue Ehe.« Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn besorgt. »Du mußt schlafen, ich sehe es dir an. Hast du dich sehr gegrämt meinetwegen? Geh jetzt, Kilian, schlaf dich gesund, träume von unserer Liebe, von unserer glücklichen Zukunft! Morgen, wenn die Sonne wieder scheint, haben wir alles vergessen, was diese letzte Zeit uns angetan hat. Hörst du, Kilian?« – – –

Er ging mit müden Schritten auf die nächtliche Straße hinaus. Das erleuchtete Fenster warf ein helles Rechteck auf den feuchten Asphalt. Er blickte hinauf; oben stand Léonie. Er grüßte; sie stand am Fenster und sah ihm nach, bis ihn das Dunkel der Rauchstraße aufnahm.

Vermochte ein Mensch von Fleisch und Blut dies alles zu fassen? Diesen jähen Wechsel von der Verzweiflung zum Glück? Blitzschnell glaubte er Gesichter an sich vorüberziehen zu sehen: diesen Holger Harrendorf mit den harten blauen Augen – das lachende Gesicht Costas – den forschenden Blick seiner Freundin Rose – wie war doch alles gewesen ... er hatte einen Vertrag geschlossen, er hatte Geld genommen, viel Geld, ein Vermögen; eine furchtbare Schuld hatte er auf sich genommen, freiwillig sich zu ihr bekannt; der Brief war vielleicht schon unterwegs. Nun, mit einem Schlage, war alles sinnlos geworden: das Glück war zurückgekehrt, alle Wolken waren vertrieben vom Wind des jungen Morgens; nun mußte die Sonne aufgehen, nun war alles gut.

Und er hatte sich als ein Mörder bekannt!

Ein Glück nur: er wußte, daß dieser Holger Harrendorf im Hotel Adlon wohnte. Es gab keine andere Möglichkeit, kein Feilschen, kein Paktieren: Harrendorf mußte ihm sein Wort zurückgeben! Sein Geständnis wieder ausliefern!

Dann fiel ihm ein: das Geld ... das Geld, das Costa hatte ...

Nun: er würde Costa alles sagen. Er mußte begreifen, daß es galt, den Preis für das Geständnis zurückzuzahlen. Costa würde ihn nicht im Stich lassen.

Der Entschluß, vielleicht der Gedanke, daß es um sein Leben ging, erfüllte ihn plötzlich mit neuer Kraft. Zum Schlafen war immer noch Zeit – erst galt es, die Dinge zu ordnen.

Zum Hotel Adlon ...!

*

Fern drüben, jenseits des grauen alten Schlosses am Ende der Linden, glomm schon bläuliche Dämmerung. Die Straße lag vor ihm, ein schwärzlicher, schweigender Schacht. Irgendwo lösten sich ein paar fleißige Frühaufsteher aus den dunklen Häusern, verdrossen und feindselig. Das große Haus zur Rechten stand, wie in bewußter Zurückhaltung, lichtlos gegen die Welt ringsum, die langsam zur Arbeit erwachte.

Der Nachtportier sah mißmutig an ihm vorüber; als Gurlitt stehen blieb, musterte er ihn mit einem verachtungsvollen Blick.

»Herr Harrendorf? Ja, der wohnt hier. Was soll's?«

»Ich möchte ihn sprechen.«

Der andere riß die Augen auf. »Jetzt?«

»Jetzt.«

»Sagen Sie mal, ist das Ihr Ernst? Sie verlangen, daß ich Herrn Harrendorf–« er zog die Uhr, »daß ich Herrn Harrendorf um halb fünf in der Frühe aus dem Schlaf stören soll?«

»Sagen Sie Herrn Harrendorf nur: hier wäre Doktor Gurlitt.«

Der Portier blickte, durch Gurlitts Ton unsicher gemacht, auf das Telephon. »Auf Ihre Verantwortung?«

»Selbstverständlich.«

Achselzuckend drückte jener auf den Knopf und nahm den Hörer ab. Ein Summen kam aus dem Apparat, das aufreizend, wie ein seltsamer Fremdkörper, in der völligen Stille stand.

»Er meldet sich nicht.«

»Dann werde ich hinaufgehen und bei ihm klopfen.«

»Das ist ausgeschlossen. Wir können unter keinen Umständen erlauben, daß ein Fremder unsere Gäste mitten in der Nacht stört. Was Sie Herrn Harrendorf zu sagen haben, dürfte schließlich Zeit haben bis morgen früh.«

»Es hat keine Zeit.«

»Warten Sie. Er meldet sich.«

Der verzerrte Widerhall einer Stimme kam aus der Membran.

»Hier ist ein Herr ... er sagt, er muß Herrn Harrendorf sofort sprechen.«

Eine Pause entstand; dann kamen ein paar Worte, offenbar eine Frage.

Der Portier wandte sich um. »Welchen Namen sagten Sie?«

»Doktor Kilian Gurlitt.«

Der Portier wiederholte den Namen ins Telephon; wieder kam eine Antwort.

»Herr Harrendorf sagt, daß er Ihren Namen nicht kennt.«

Kilian mußte fast lächeln. Herr Harrendorf trieb die Vorsicht ein bißchen weit!

»Ob es sehr dringlich wäre?«

»Ich muß ihn sofort sprechen.«

Endlich kam die Antwort. Der Portier wandte sich um:

»Herr Harrendorf erwartet Sie im ersten Stock: Zimmer achtundvierzig.«

Gurlitt ging die Treppe hinauf, Furcht, Zweifel und Hoffnung im Herzen. Noch konnte alles gut werden. Vielleicht hatte Harrendorf den Brief noch in Händen; im allerschlimmsten Falle: man konnte Briefe zurückhalten; noch waren es drei Stunden bis zur ersten Post. Jener mußte begreifen, daß man anderen Sinnes wurde, wenn sich herausstellte, daß alles auf einem Irrtum beruht hatte. Freilich: das Geld ... Nun wohl, er würde Harrendorf freistellen, sofort mit ihm zu Costa zu fahren. Was er wohl sagen würde, der arme Alfons! Ein paar Stunden lang ein reicher Mann – nun war es wieder aus mit der Herrlichkeit!

Dort war die Nummer achtundvierzig. Der Etagenkellner kam herbei, verschlafen, gähnend. Er schien informiert zu sein; er öffnete die Tür und ließ Gurlitt in das Vorzimmer, das offenbar zu Harrendorfs Appartements gehörte, eintreten.

Von nebenan, durch den Spalt der Tür, schimmerte Lichtschein. Ein Geräusch, als wenn jemand hastig Toilette macht. Der Raum war erfüllt von abgestandenem Zigarettendampf.

Dann ging die Tür auf.

Vor Kilian Gurlitt stand ein Fremder.

»Was wünschen Sie?« fragte er, ziemlich unfreundlich.

Unsicher antwortete Gurlitt:

»Ich möchte Herrn Harrendorf sprechen.«

»Der bin ich. Was gibt es?«

»Verzeihung –« Gurlitts Blick wanderte über die Züge des Fremden, über seine Augen, die ihn mißtrauisch betrachteten – »Verzeihung, ich meine: Herrn Holger Harrendorf.«

»Mein Name ist Holger Harrendorf.«

»Aber das ist doch nicht ... das ist doch nicht möglich; ich habe ... heute abend ... in diesem Hotel – vor wenigen Stunden habe ich die Bekanntschaft eines Herrn Holger Harrendorf gemacht, mit dem ich einen seltsamen ... einen Vertrag geschlossen habe, den ich rückgängig machen muß.«

»Zum Teufel,« sagte der andere ärgerlich, »ich bin Holger Harrendorf. Ich sagte es Ihnen doch – Was ist das für ein Mann, der sich meinen Namen beigelegt hat?«

»Ein ... ein ... Ich weiß es nicht ... er hat mir einen großen Betrag ausbezahlt.«

»Hören Sie mal«, der andere richtete sich auf und warf einen Blick auf das Telephon. »Dahinter scheint mir etwas zu stecken, was vermutlich die Behörden interessieren wird. Wer sind Sie? Was für einen Vertrag haben Sie mit diesem Manne geschlossen?«

»Ich sehe ...« Gurlitt merkte, daß er vor Erregung stotterte, »... es muß ein Irrtum ... ich bitte um Entschuldigung ...«

»Dieser Herr Holger Harrendorf ist ein Betrüger. Ich denke, es wird am besten sein, man wird gleich einmal ...« damit griff er nach dem Telephon.

»Nein, nein,« sagte Gurlitt, »ich werde versuchen, jenen andern Holger Harrendorf zu finden. Bitte entschuldigen Sie die Störung.«

Damit schloß er hastig die Tür hinter sich und ging mit schnellen Schritten den Gang hinunter.

Fahles Grau kroch schon über die teppichbelegten Treppen. Gurlitt ging mechanisch, Stufe um Stufe, hinunter; es hämmerte in seinem Blut, in seinem Hirn hämmerte es; alles raste durcheinander, Gedanken, Ängste, die Übermüdung dieser furchtbaren Nacht.

Unten stand der Portier. Er sah ihm argwöhnisch entgegen. Sagte ihm der Instinkt seines Metiers, daß der Mann, der hier an ihm vorüberging, ein schweres und beklemmendes Geheimnis mit sich trug? Hatte Harrendorf vielleicht telephonisch eine Weisung gegeben? Er dankte nicht, als Gurlitt grüßend an ihm vorüberschritt.

Draußen lag fröstelnd die Kühle des frühen Morgens. Gurlitt schlug den Rockkragen in die Höhe; er ging dem Brandenburger Tor zu, unschlüssig, fast ohne zu wissen, was er tat. Nur mit dem einen Gedanken, der ihn erfüllte, der von ihm Besitz nahm, der seinen Körper und seine Sinne durchdrang: in einem Netz gefangen zu sein, aus dem es kein Entrinnen gab – einem Netz, das sich bei jedem Atemzuge, den er tat, fester um ihn schloß.

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