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Die Wochenstube

Ludvig Holberg: Die Wochenstube - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1723
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleDie Wochenstube
pages80
created20090918
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Akt.

Erste Scene.

Gotthard. Leonhard.

Gotthard. Was für verfluchte Geschichten! Wie kann die Eifersucht eines Menschen Hirn so in Verwirrung setzen!

Leonhard. Was hat er denn in Absicht?

Gotthard. Er hat im Sinne, erstlich alte Hexen und Wahrsager zu consultiren, die ihm sagen sollen, ob seine Frau ihm wirklich untreu geworden, und ihm ihren Galan angeben, für den er nämlich mich hält. Gleich heute soll in seinem Hause eine Versammlung von allerhand solchen Leuten gehalten werden, mit denen er sich berathschlagen will.

Leonhard. Aber was denkt er denn damit zu gewinnen?

Gotthard. Wenn er seiner Sache nur erst gewiß ist, will er einen Proceß gegen mich anstellen.

Leonhard. Das ist nicht möglich. Aber wo habt Ihr alle diese Umstände zu wissen gekriegt?

Gotthard. Er hat sich an eine alte Frau adressirt, die zu seinem Unglück mir ergebener ist als ihm. Eben dieses Weib, das er zu allen jenen angenehmen Leuten umherschickt, hat mir den ganzen Handel offenbart und ich habe mit ihr überlegt, wie wir ihm unterschiedliche Possen spielen wollen; denn mich auf eine andere Art an dem Narren zu rächen, hab' ich keine Lust.

Leonhard. Wie denn?

Gotthard. Kennt Ihr nicht den Oldfuchs?

Leonhard. Ja wol, den Possenmacher; ist er noch in der Stadt? 326

Gotthard. Er soll mir zur Hand gehen und alle diese Personen agiren; auch bringt er sich noch verschiedene von seinen Freunden zum Beistand mit, die eben solche durchtriebene Schelme sind wie er selbst. Euch hab' ich hierher mitgenommen, damit Ihr das Vergnügen mit mir theilt, diese Historien versteckter Weise mit anzusehen. Aber da seh' ich ihn kommen; laß uns schnell bei Seite, es wird gleich angehen. Denn Oldfuchs trödelt nicht lange, er wird seine Rolle gleich zu spielen anfangen, sowie er Herrn Corfitz herauskommen sieht.

(Beide ab.)

Zweite Scene.

Corfitz. Traugott. Oldfuchs, als Chiromanticus.

Corfitz (allein). Ich muß zu Mitteln greifen, an die ich früher nicht gedacht habe. Freilich weiß ich, daß es sündlich ist, solche Mittel zu gebrauchen. Allein ehe ich das ungerächt lasse, will ich lieber sterben. Ich kenne den recht gut, der mir den Schimpf angethan hat, aber ich kann es ihm nur nicht beweisen. Madame Maren, die eine Menge Leute kennt, welche verborgne Dinge zu entdecken wissen, hat mir schon einige hierher bestellt . . . . Aber was willst Du, Traugott?

Traugott. Da ist Einer, der nennt sich Kilian Maticus, der sagt, der Meister hätte nach ihm geschickt.

Corfitz. Das ist der Chiromanticus, der den Leuten aus den Händen liest, er soll nur hereinkommen. (Oldfuchs tritt auf.) Sein Diener, Herr Doctor! Ich wollte Ihn gern in etwas um Rath fragen.

Chiromanticus. Ist das in Mathesi inferiori, superiori, chiromantia, necromantia, arte onirocritia, talismanica, magia naturali sive diabolica, das ist mir Alles eins; ich bin der Kerl, der Euch dafür gut ist, sowol für das Eine wie für das Andere.

Corfitz. Nein, Herr, mir thut was Anderes noth.

Chiromanticus. Wenn Euch was Anderes noth thut, so müßt Ihr zum Doctor gehen. 327

Corfitz. Nein, Herr, mein Leib ist wol gut im Stande, aber ich bin krank an der Seele.

Chiromanticus. Apropos. Ihr sprecht von der Seele? Was ist die Seele? Detur definitio animae, ut audiam, quam hypothesin sequeris, an Moschi et qui eum sequuntur, Democriti, Epicuri, Lucretii, an Platonis, an Aristotelis, an....

Corfitz. Ja, das mögt Ihr mit Euch selbst abmachen.

Chiromanticus. An Peripateticus es, an Scepticus, an Stoicus, an....

Corfitz. Ich verstehe nicht, was Ihr sagt, ich bin ein unstudirter Mann.

Chiromanticus. Sagt mir denn auf Dänisch: was ist Eure Meinung von der Seele?

Corfitz. Mein Herr, das ist eine ganz dunkle Sache für mich.

Chiromanticus. Ha ha, Ihr seid ein Scepticus, Ihr habt Euch der allerverwerflichsten Secte angeschlossen; alles bezweifeln, das ist ja der gerade Weg zur Atheisterei. Ich erkühne mich, Euch ins offene Gesicht zu sagen, daß Pyrrhus, als welcher der Autor dieser Secte, ein Schlingel war, ein Vieh, ein Flegel, ein Laie, ein Thor, ein Narr, ein Speckfresser –

Corfitz. Mein Herr, ich verstehe nicht, was Ihr meint.

Chiromanticus. Ja, aber ich verstehe, ich habe gewisse Principia, denen ich folge. Ich bin ein Στοιχυσ, wollte Gott, Ihr wäret das auch, so stünde das besser um Euch und um Euer Haus.

Corfitz. Mein Herr, ich bin ein ehrlicher Mann und ein guter Christ, das ist mir gerade genug.

Chiromanticus. Wie könnt Ihr ein Christ und ein Scepticus zugleich sein? Ich muß den Kerl nur ein bischen genauer examiniren; quot sunt Elementa? Wie viel Elemente giebt es nach Eurem Dafürhalten?

Corfitz. Na, das weiß ich auch noch, ohne studirt zu haben; Elemente giebt es vier: Feuer, Wasser, Luft –

Chiromanticus. Nun, wo bleibt das vierte Element, das ist ja das, worauf Ihr steht? 328

Traugott. Ich, mein Herr Doctor, ich weiß sie alle vier: Feuer, Wasser, Luft und meine Schuhe, denn da steh' ich drauf.Diese bekannte und noch jetzt beliebte Geschichte war zuerst durch den bekannten Schupp in Hamburg in die Literatur eingeführt worden, sie steht im 2. Theil seiner »Sämmtlichen lehrreichen Schriften«, Frankfurt a. M. 1701, Seite 702.

Chiromanticus. Du bist ein Ignorant, laß mich mit Deinem Herrn sprechen.

Corfitz (leise). Der Kerl ist toll; eh' ich eins von meinen Kindern studiren ließe, wollt' ich ihm lieber den Hals umdrehen. (Laut) Herr Doctor, erlaubt mir doch nur drei bis vier Worte zu sagen.

Chiromanticus. Herzlich gern, aber mit der Condition, daß Ihr sie vorbringt methodice, in forma syllogismi.

Corfitz. Es geht mir was im Kopf herum, ich zweifle an meiner Frau ihrer Treue.

Chiromanticus. Ha ha ha, purus putus scepticismus. Er zweifelt an allem; Atheisten müssen aus dem Lande gepeitscht werden. Ihr solltet nur Stoicus sein, wie ich, so zweifeltet Ihr weder an Eurer Frau, noch an sonst was.

Traugott (leise). Na, ich bin ein Schoicus, ich habe gesagt, das vierte Element wären meine Schuhe.

Corfitz. Monsieur, mit Eurem verfluchten Gewäsche macht Ihr mich toll; just weil ich Zweifel habe, darum frag' ich Euch ja um Rath, damit Ihr sie mir löst.

Chiromanticus. Gut, gut, will Er sich nur bedeuten lassen, so will ich Ihn schon noch bekehren. Was will Er denn von mir? Ist das was von natürlichen Sachen?

Corfitz. Ja, nur zu natürlich.

Chiromanticus. Ist das in Physica coelesti oder terrestri, im Himmel oder auf Erden?

Corfitz. Es ist in meinem eigenen Hause, da muß es ja wol auf Erden sein.

Chiromanticus. Bene, so bleiben wir also auf Erden. Ihr wollt vielleicht etwas wissen de fontium origine, de fluviorum incrementis et decrementis, de Oceani qualitate, terrae magnitudine oder etwas in Philosophia occulta?

Corfitz. Ich verstehe in des Dreiteufels Namen nichts von allem, was Ihr sagt; sprecht dänisch. 329

Chiromanticus. Ich frage, ob Ihr etwas von heimlichen Angelegenheiten wissen wollt?

Corfitz. Ja freilich, eine heimliche Angelegenheit ist das.

Chiromanticus. Gut, so betrifft das wol Kraft und Wirkung des Magneten?

Corfitz. Nein, nein: ich will wissen, ob meine Frau mir treu ist oder nicht.

Chiromanticus. Ha ha, nun versteh' ich, zeigt Eure Hand her. Hört, Monsieur, ich sehe, wenn Ihr kein Hahnrei seid, so verdientet Ihr doch einer zu werden. (Ab.)

Traugott. Ist das nun nicht, wie ich sage, Meister? Je mehr man an so etwas rührt, je ärger stinkt es. Darum scheint mir am besten, der Meister giebt sich hübsch zur Ruhe; Er erreicht doch nichts Anderes damit, als daß Er in der Leute Mäuler umhergetragen wird.

Corfitz. Halt das Maul! Fühltest Du in Deinem Herzen, was ich fühle, so sprächst Du anders, als Du thust; mein Blut ist so in Aufregung, daß ich nicht zur Ruhe kommen kann, bis ich Gewißheit darüber habe. Und wenn die Gelehrten mir die nicht geben wollen, so sollen Wahrsagerinnen . . . . Ach Himmel, muß ich zu solchen Mitteln greifen, die ich früher selbst so verdammt habe?! Aber was thut nicht die Angst? Was thun nicht die Leidenschaften? Was thut nicht die Eifersucht? Erst muß ich Gewißheit haben, nachher kann ich mich bewaffnen mit Gesetz und Recht, und hilft das auch nicht, so pack' ich meine Sachen zusammen und reise fort, dann mag sie sich so viele junge Kerle kommen lassen, als sie Lust hat. Aber da seh' ich die Wahrsagerin.

(Traugott läuft fort.)

Dritte Scene.

Corfitz. Gunhild.

Corfitz. Hör', meine liebe Gunhild, ich habe Dich hierher bemüht, weil ich von Dir etwas erfahren will, was mir auf dem Herzen liegt.

Gunhild. Was ist Dein Begehren? Willst Du, daß ich 330 Einem ein Auge ausschlagen soll, so kostet das sechs Schillinge, ich habe niedrige Preise, aber desto mehr Kundschaft.

Corfitz. Nein, Gunhild, ich habe meine Frau in Verdacht wegen Untreue, durch Dich will ich zu wissen kriegen, wie das zusammenhängt.

Gunhild. Bist Du etwa bange, Du bist Hahnrei? Laß mich Dir mal ins Gesicht sehen. – Ja, Gevatter, Du siehst nach allerlei aus. Na, Du sollst es gleich erfahren. Setz' Dich mal hier auf den Stuhl und nimm Deinen Hut ab.

(Er setzt sich und sie fängt an, ihn zu streichen, jetzt an den Armen, jetzt auf dem Rücken, jetzt im Gesicht und zuletzt setzt sie ihm ein Gestell auf den Kopf mit zwei Hörnern.)

Gunhild. Nun haltet Euch ruhig, Gevatter, bis ich wieder komme: denn ich muß erst gehen und mich ein bischen mit meinem Kater besprechen. (Geht ab.)

Ein Mädchen (kommt herein). Wenn der Meister jetzt ein bischen hereinkommen will, nun ist die Madame allein – Ah – ah – ah – was seh' ich!

Ein zweites Mädchen. Was ist denn das für ein Geschrei? – Ah – ah – ah, was seh' ich! (Laufen beide fort.)

Corfitz. Na, die Dummköpfe, glaub' ich, reitet der Teufel; haben sie denn ein Gespenst gesehen oder einen Geist? Ich weiß ja doch, daß ich kein Popanz bin, die Leute zu schrecken. Vermuthlich hat die alte Gunhild mit ihren Künsten allen im Hause einen Schrecken eingejagt; das ist Euch recht, meiner Treu', Ihr Menscher, das alte Weib kann doch noch mehr als ein Vaterunser. Aber wo sie nur so lange bleibt? Es sollte mir doch eine Freude sein, wenn ich Rache nehmen könnte an meiner Frau und meinen untreuen Dienstleuten. Ha ha ha, der Anfang ist nicht übel.

(Traugott kommt herein.)

Traugott. Nun, Meister, kam das Weib? – Ah – ah – ah – (Er bekreuzigt sich, fällt auf die Kniee und liest laut Dedication und Titel aus einem Gesangbuch.)Das Gesangbuch selbst ist verschollen, doch sind Matthias Gedecke und Peter Kramm Namen wirklicher Personen jener Zeit, die auch anderweitig erwähnt werden. »Geistliche Lieder zu Trost und Erbauung abgefaßt, gedruckt in Kopenhagen bei Gedecke und zu kaufen bei ebendemselben . . . .«

Corfitz (steht auf). Was Henker ficht den Jungen an? 331

Traugott. Ah – ah – ah –! (Weiter lesend) »Ehrenfester und wohlwürdiger Peter Kramm, Reichsadmiral, mein hochgünstigster Patron und Gönner.«

Corfitz. Bist Du verrückt, Junge?

Traugott. Ah – ah –! – »Ich unterstehe mich, hochgünstigster Herr, Euch diese Schrift zu dediciren . . . .«

Corfitz. Kennst Du denn Deinen Meister nicht, Traugott? Was ist denn los?

Traugott. Ach, Meister, seid Ihr das?! Ich dachte, das wäre der Leibhaftige!

Corfitz. Wie so denn?

Traugott. Will der Meister die Güte haben und sich mal hier in dem kleinen Spiegel sehen?

Corfitz. Ach Himmel, wie hat das verhenkerte Weib mich zugerichtet und seinen Spott mit mir getrieben!

Traugott. Ja ja, Meister, darum laßt Euch nicht mehr ein mit Sternguckern und Wahrsagerinnen, consultirt lieber ehrliche Leute, die auf Erden zu Hause sind: denn die Andern sind entweder verrückt oder böswillig; oder laßt es überhaupt bleiben und gebt Euch zur Ruhe.

Corfitz. Nein, nein, ich gehe nicht zu Bett, bevor ich mit dieser Angelegenheit nicht im Reinen bin; ich muß nun hin und mit einem Advocaten sprechen.

Traugott. Laßt Euch nicht mit Advocaten ein, bevor Ihr andere vernünftige Leute um Rath gefragt habt, ob das eine Sache ist, mit der Ihr bei Gericht durchkommt. Seht, da kommt ein gelehrter Mann, fragt den, wenn Ihr es für rathsam haltet. Denn die Advocaten rathen immer blos zu Processen.

Vierte Scene.

Corfitz. Traugott. Ein Poet. Der Poet mit entblößtem Haupte geht auf und nieder.

Corfitz. Ach, Herr Magister, ich wollte Euch gern wegen etwas um Rath fragen. (Der Poet giebt Corfitz eine Ohrfeige.) Weshalb schlagt Ihr mich? 332

Poet. Schlage da doch gleich der Teufel drein, nun bin ich richtig aus dem Concept! Laß sehen:

        Aurora öffnete ihr purpurfarbnes Thor –

Nun hab' ich darüber den Reim verloren, den ich auf der Zunge hatte.

Traugott. Kann der Herr Magister das nicht zum Exempel so machen:

        Aurora öffnete ihr purpurfarbnes Thor
        Und langt' zum Frühstück sich ein Butterbrod hervor?

Das fällt mir blos so in der Geschwindigkeit ein, wiewol ich noch nie einen Vers gemacht habe.

Poet. Wirklich nicht? Es scheint mir doch, aus Dir könnte noch mal ein Poet werden. Wie heißt Du?

Traugott. Ich heiße Traugott.

Poet. Das ist in der Poesie ein unglücklicher und ungereimter Name, da ist kein einziges dänisches Wort, das sich auf Traugott reimt – Hum, Traugott – Traugott –

Traugott. Traugott – Treugott – i potz Wetter, könnte man da nicht sagen Sch . . . pott?

Poet. Ha ha ha! Der Bursche hat eine wunderbare Phantasie.

Traugott (leise). Du magst wol selbst ein Phantast sein.

Corfitz. Ich wollte meinen Herrn wegen etwas um Rath fragen, bevor ich an die Advocaten ginge. Ich habe meine Frau in Verdacht wegen Untreue, ich kann ihr beweisen, daß sie einen jungen fremden Kerl bei sich in der Schlafkammer versteckt hat, und nun möchte ich wissen, ob . . . .

Poet. Will Monsieur die Geschichte in heroischen Versen haben, so kostet das acht Mark . . . .

Corfitz. Ach, mein Herr Magister, so mein' ich das ja nicht, ich will blos –

Poet. Aha, Monsieur, ich verstehe schon, Ihr wollt das vermuthlich in sapphischen Versen haben: aber dann kostet es das Doppelte.

Corfitz. Ich will überhaupt keinen Vers haben, Monsieur, ich will Ihn nur fragen . . . . 333

Poet. Solche Geschichte, Monsieur, muß in Versen sein, in ungebundener Rede hört sich das nach gar nichts an. Wie heißt Er denn übrigens, Monsieur?

Corfitz. Ich heiße Corfitz.

Poet. Ha, ha, ha!

Corfitz. Das ist doch ein ehrlicher Name, so viel ich weiß.

Poet. Ha, ha, ha! Corfitz, auf Latein Cornificius. Ha ha ha, ich will meiner Treu' einen Vers umsonst auf Ihn machen, blos wegen des Namens! (Geht ab.)

Corfitz. Nein, das ist doch eine verfluchte Art von Leuten, ich will nichts mehr mit ihnen zu thun haben, ich processire. Wäre doch nur der Advocat schon hier, den ich bestellt habe!

Traugott. Hat der Meister einen Advocaten herbestellt?

Corfitz. Ja, ich habe nach ihm geschickt.

Traugott. Aber Er hat ja keine Beweisstücke?

Corfitz. Ich werde schon noch Beweise kriegen; die Frau, die ihrer Erzählung zufolge den Schnapphahn unter dem Tisch gesehen hat, soll zugleich mit allen meinen Hausleuten citirt und ihr ein Eid aufgelegt werden.

Traugott. Sieh, da kommt ein Advocat, ja sogar zwei; alle Wetter, die scheinen guten Appetit zu haben.

Fünfte Scene.

Corfitz. Traugott. Zwei Advocaten.

Erster Advocat. Die Rede, Herr Collega, die Ihr heute vor Gericht hieltet, die war gegen Euer eigenes besseres Wissen.

Zweiter Advocat. Ihr thut mir Unrecht; nie in meinem Leben hab' ich eine ungerechte Sache vertheidigt.

Erster Advocat. Dann war wenigstens diese ungerecht, die Ihr heute gegen mich geführt habt.

Zweiter Advocat. Aber wie könnt Ihr etwas als Besitz rechnen, was nicht bonae fidei possessio ist? Wo keine bonae fidei possessio ist, da kann noch viel weniger praescriptio werden. 334

Erster Advocat. Wer sagt, daß das keine bonae fidei possessio?

Zweiter Advocat. Das sag' ich, das sagt Justinianus, das sagt Molinäus, Cujacius, GrotiusSämmtlich berühmte Rechtslehrer. Daß oben in der Scene mit dem Chiromanticus statt Pyrrhus vielmehr Pyrrhon gemeint ist, der Stifter der älteren skeptischen Schule (376 bis 288 v. Chr.), braucht wol kaum erinnert zu werden. und Andere.

Erster Advocat. Meinetwegen kann das Alexander Magnus sagen, so bleibt doch wahr, was ich sage.

Zweiter Advocat. Was sagt nicht Vasquius? Usucapio non habet locum inter duos diversorum regum ac populorum subditos.

Erster Advocat. Ja, Vasquius, das ist auch der richtige Kerl zum Citiren.

Zweiter Advocat. Was habt Ihr gegen Vasquius einzuwenden?

Traugott. Sie streiten sich um eine Waschfrau, wie ich höre; sie muß hübsch sein, weil sie so hitzig sind.

Erster Advocat. Ich habe nichts anderes gegen ihn einzuwenden, als daß er ein Narr ist.

Zweiter Advocat. Und von Euch, Monsieur, ist es bekannt, daß Ihr ein Idiot seid.

(Sie kriegen sich bei den Haaren.)

Traugott (bringt sie auseinander). Ei, Messieurs, das ist ja eine Schande, daß solche gelehrte Leute, wie Ihr seid, sich wegen einer Waschfrau schlagen wollen! Aber Ihr kommt gerade recht, Ihr lieben Leute, mein Meister hat eine wichtige Sache, die er demjenigen von Euch anvertrauen will, welcher der Beste ist.

Erster Advocat (nimmt Corfitz auf die Seite). Monsieur, nehmt mich, ich habe dies Jahr schon über vier und zwanzig Sachen gewonnen, die kein Anderer hätte gewinnen können.

Zweiter Advocat (zieht ihn auf die andere Seite). Monsieur, nehmt lieber mich, der Andere ist ein Laie, ich habe gestern eine Sache gewonnen, von der alle Menschen merken und fühlen konnten, daß sie ungerecht war.

Erster Advocat (zieht ihn wieder zu sich). Monsieur, der Andere ist nur ein Winkeladvocat, ich aber habe meine Jura vier Jahre zu Rostock studirt. 335

Zweiter Advocat. Eure Sache mag so toll sein, wie sie will, ich werde sie schon gewinnen als ein ehrlicher Mann.

Erster Advocat. Nehmt Ihr mich nicht, so wird es Euch gereuen.

Zweiter Advocat. Monsieur, ich kann jede Sache verdrehen, die ich will, mit subtilen Distinctionen, und kann jedes Ding vertheidigen, was ich will, auf zweierlei Manieren.

Erster Advocat. Monsieur, was die Formalitäten anbetrifft, bin ich der Stärkste in der ganzen Stadt.

(Corfitz will sich losmachen; sie laufen ihm nach, zerren ihn sechsmal Einer auf diese, der Andere auf die andere Seite und flüstern ihm ins Ohr, bis er endlich um Hülfe ruft, worauf. ein Offizier ihm zu Hülfe kommt und die Advocaten forttreibt.)

Sechste Scene.

Corfitz. Traugott. Der Offizier.

Corfitz. Ach, mein Herr, ich bin Ihm höflich verbunden, wär' Er mir nicht zu Hülfe gekommen, ich hätte wirklich mein Leben eingebüßt.

Offizier. Das ist mir jedes Mal eine Freude, wenn ich wackeren Leuten einen Dienst erweisen kann. Aber was hatten diese Advocaten denn mit Ihm auszufechten?

Traugott. Nun soll Einer noch sehen, nun offenbart er dem seine Angelegenheit auch noch.

Corfitz. Mein Herr, ich bin ein ehrlicher Bürgersmann hiesiger Stadt, der manches Böse in der Welt ausgestanden hat und sich in alle Dinge schickte bis auf diese Stunde. Aber nun in meinem hohen Alter hab' ich ein Hauskreuz gekriegt, das mich so niederschlägt, daß ich meines Lebens überdrüssig bin. Kurz zu sagen: ich hab' eine Frau, die fremden Göttern nachtrachtet, deshalb will ich einen Proceß mit ihr führen, und zu dem Ende wollt' ich mich mit diesen Advocaten berathen, die aber, statt mir ihren Rath zu ertheilen, auf einander losgingen wie die 336 hungrigen Wölfe und sich um mich zankten, nicht anders als um einen Raub oder eine Beute, die ihnen in die Hände gefallen.

Offizier. Seine Sorge thut mir leid; aber vielleicht kann ich so gut rathen wie ein Anderer: denn ich habe mich viel um Gesetz und Recht bekümmert. Allein bevor ich die Sache weiter höre, muß Monsieur mir noch erst wegen einiger Nebenumstände Auskunft geben; wie alt ist Monsieur?

Corfitz. Ich gehe in mein siebzigstes Jahr.

Offizier. Wie lange ist Er verheirathet?

Corfitz. Zwei Jahre.

Offizier. Wie alt ist Seine Frau Liebste?

Corfitz. Siebzehn Jahre.

Offizier. Ist sie hübsch?

Corfitz. Ja, das ist ja eben das Unglück, mein Herr, sie war eins der hübschesten Mädchen in der Stadt.

Offizier. Ist Monsieur des Tages viel außer dem Hause, so daß sie Gelegenheit hat, fremde Kerle zu sich kommen zu lassen?

Corfitz. Von Glock' zwei bis fünf des Nachmittags bin ich in Geschäften aus, und das ist auch die Zeit, die sie sich zu ihren Galanterien muß ausgesucht haben.

Offizier. Wo wohnt Monsieur?

Corfitz. Wir stehen vor dem Hause, wohlgeborner Herr.

Offizier. Gehorsamer Diener, Monsieur, ich danke für gefälligen Nachweis.

(Macht ein tiefes Compliment und geht ab.)

Traugott. Ha ha, hab' ich das nicht gedacht? Seid Ihr nicht Hahnrei, so werdet Ihr es gewiß noch werden, und das dafür, daß Ihr den Mund nicht halten könnt. Wie er fragte, um welche Tageszeit der Meister auszugehen pflegte, da merkte ich gleich, wo er hinaus wollte. Nu, die Sache macht sich ja recht hübsch, nun geht ein ander Mal wieder hin und vertraut jungen Offizieren Eure Geheimnisse.

Corfitz. Höre, Traugott, ich will mit keinem Menschen mehr davon reden, sondern meine Sachen zusammenpacken, in eine andere Stadt reisen und sie aufgeben. Der Einzige, mit 337 dem ich noch sprechen möchte, das ist mein Nachbar Jeronimus: denn der ist mein aufrichtiger Freund. Laß uns zu ihm gehen – aber sieh, da kommt er gerade recht.

Siebente Scene.

Jeronimus. Traugott. Corfitz.

Jeronimus. Wie geht's Euch, Nachbar?

Corfitz. Nicht besonders.

Jeronimus. Ihr verspracht mir ja aber eben erst, Euch die Grillen aus dem Kopf zu schlagen?

Corfitz. Die alten Grillen haben neue geheckt, die mich ganz in Verzweiflung gebracht haben, so daß Einer mein Leben für vier Schillinge kaufen könnte.

Jeronimus. Was ist Euch denn widerfahren, seitdem wir davon sprachen?

Corfitz. Eine fremde Frau, die gar kein Interesse haben könnte zu lügen, hat mir zugeschworen, daß sie heute in der Wochenstube einen jungen Kerl versteckt gesehen hat, und das hat mich in solche Unruhe versetzt, daß ich herumgelaufen bin wie ein Verrückter von Einem zum Andern, um mehr Licht zu kriegen und mir Raths zu erholen, was ich dabei thun sollte. Allein ich bin den allerverfluchtesten Leuten in der Stadt begegnet, die, statt mir Aufklärung und guten Rath zu geben, mich aus einem Halbverrückten zum Ganzverrückten gemacht haben.

Jeronimus. In solchen Fällen, Nachbar, ist es das Beste, zu schweigen, denn man deckt nicht nur seine eigene Schande auf, sondern man gewinnt auch nichts damit; es gehört schon was dazu, seine Frau einer Untreue zu überführen. Auch glaub' ich noch jetzt wie früher, daß Ihr Eurer Frau Unrecht thut.

Traugott. Nein, Monsieur Jeronimus, er thut ihr nicht Unrecht, ich weiß noch verschiedene Nebenumstände, welche die fremde Frau mir erzählt hat, und die ich dem Meister nicht habe mittheilen wollen.

Corfitz. Was hat sie Dir denn gesagt? 338

Traugott. Sie hat mir geschworen, sie hätte einen jungen Kerl unter dem Tisch liegen sehen.

Corfitz. Unter dem Tisch?! Um welche Zeit war das denn?!

Traugott. Nachmittags drei Uhr.

Corfitz. Ach, Himmel, was hör' ich, ich muß gleich hinein!

Jeronimus. Nur nicht zu hastig, Nachbar.

Corfitz. Ihr versteht mich nicht, Nachbar; ich will hinein und will auf die Kniee fallen vor meiner Frau und will ihr die Hände küssen und sie mit hellen Thränen um Verzeihung bitten. Denn just dies Letzte, was ihre Schuld am meisten beweisen soll, spricht sie völlig frei. Ach, welch grober Irrthum! Ich muß dem Nachbar nur die ganze Geschichte erzählen: heute nach dem Essen war ich bei meiner Frau in der Wochenstube, indem ich mir keinen Besuch mehr vermuthete. Aber just in dem Augenblick klopft' es an die Thüre, und da die Stube nämlich nur einen Ausgang hat und ich aus gewissen Gründen um die Zeit mich nicht wollte zu Hause finden lassen, kroch ich unter den Tisch, wo ich wider Verhoffen zwei Stunden liegen mußte, bis die Stube leer ward. Nun muß eine von den fremden Madamen mich gesehen haben und durch ihre falsche, wenn auch gut gemeinte Nachricht hat sie den ganzen Spectakel hervorgerufen. Jetzt ist mein einziger Kummer nur der, daß ich mich übereilt und meine unschuldige Frau aus Unbedacht in bösen Ruf gebracht habe.

Jeronimus. Nachbar, gebt Euch zufrieden und danket Gott, daß Ihr Euch geirrt habt.

Seht einen Handel hier, der stellt Euch vor die Augen
Aufs neu', wie selten doch Mißtrau'n und Argwohn taugen;
Denn hätt' Herr Corfitz gar ums Leben sich gebracht,
Es wäre nur geschehn, um was er selbst erdacht.

Zu sehen, wie ein Mann flieht vor dem eignen Schatten,
Es ist der beste Spaß, den wir seit Langem hatten;
Der Casus ist so rar, wie Jenes, der entsprang
Aus Bangniß vor sich selbst, lief und im Fluß ertrank.

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