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Gutenberg > Ludvig Holberg >

Die Wochenstube

Ludvig Holberg: Die Wochenstube - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleHolbergs ausgewählte Komödien. Erster Band
authorLudvig Holberg
translatorRobert Prutz
year1872
firstpub1723
publisherBibliographisches Institut
addressLeipzig und Wien
isbn
titleDie Wochenstube
pages80
created20090918
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Akt.

Erste Scene.

Eine Frau (dieselbe, die im ersten Akt auftrat). Traugott.

Frau. Deine Madame hat es gut, Traugott, die kriegt so viel schöne Visiten.

Traugott. Ja, das sagt Sie wol so, Madame: ich war nur einmal im Zimmer, wie die Visiten da waren, aber das hat mich gleich zwei Schillinge zu Branntwein gekostet.

Frau. Wieso?

Traugott. Je nun, auf alles, was bläht, muß man doch Branntwein trinken, sonst kriegt man ja das Fieber; wie es aber blähende Speisen giebt, so giebt es auch blähende Gespräche, die einem ehrlichen Kerl den Magen ebenfalls in Confusion bringen können. Mit einem Wort, Madame, ich möchte nicht Wöchnerin sein und wenn man mir zwei Mark dafür gäbe.

Frau. Ja freilich, das glaub' ich schon, daß Deine Madame mit unsern heutigen Visiten nicht sehr zufrieden gewesen ist, um einer gewissen Ursache willen, ha ha ha!

Traugott. Was für eine Ursache?

Frau. Ach, die keusche Frau! Ha ha ha! Ja, das waren unglückliche Visiten, ha ha ha!

Traugott. Ha ha ha, was heißt das?! Wenn Ihr über die Visiten lacht, so lacht Ihr über Euch selbst.

Frau. Die arme Frau hatte keine Zeit mehr – ha ha ha!

Traugott. Sie hatte keine Zeit mehr, Euch zu bitten, Ihr möchtet Euch allzusammen zum Teufel scheeren. 312

Frau. Nein, sie hatte keine Zeit mehr, mit ihrem – ha ha ha!

Traugott. Mit ihrem ha ha ha? Was für ein ha ha ha ist das?

Frau. Mit ihrem Galan, der unter dem Tisch versteckt lag; welch ein Unglück für die arme Frau!

Traugott. Was Teufel redet Ihr da? Lag da ein Galan versteckt?

Frau. Ja, ich hatte ordentlich Mitleid mit dem armen Kerl. Ha ha ha! Aber ich sage nichts nach.

Traugott. Daran thut Ihr gut, Madame: denn es könnte sich wol ereignen, wenn Ihr einmal in die Wochen kommt, daß unsere Madame dann ebenfalls solch einen Spürhund unter Eurem Tisch entdeckte.

Frau. O, damit hat es keine Noth.

Traugott. Aber will Madame uns denn heut noch eine Visite machen, daß Sie schon wieder kommt?

Frau. Nicht zur Wöchnerin, sondern zu dem braven alten Monsieur Corfitz, mit dem ich seit Langem bekannt bin.

Traugott. Ich hoffe doch nicht, Madame hat im Sinne, meinen Meister noch mehr zu betrüben, und ihn noch katholischer im Kopfe zu machen, als er schon ist? Denn er hat so bereits einen Cantor im Verdacht, der sie in der Musik informirt hat.

Frau. Vermuthlich ist das derselbe, der unter dem Tische lag, aber . . .

Traugott. Um alles in der Welt bitt' ich, mache Sie ihm den Kopf nicht noch krauser, denn was gewinnt Sie damit?

(In diesem Augenblick kommt Corfitz im Hintergrunde herein, er bleibt stehen, hört alles mit an und giebt seine Bestürzung darüber durch Geberden zu erkennen.)

Frau. Muß man nicht einen guten Freund in so etwas warnen, damit er bei Zeiten einen Riegel vorschieben kann?

Traugott. Ihr betrübt den Mann nur damit, indem Ihr ihm ein Unglück entdeckt, das er nicht ändern kann, und bringt sie und ihre ganze Familie gegen Euer Haus auf.

Frau. So räthst Du mir also davon ab?

Traugott. Gewiß und das sowol um der Frau als um 313 Eurer selbst willen: denn Ihr würdet den meisten Schaden davon haben.

Frau. So sag' denn nichts davon, daß ich hier gewesen bin. (Ab.)

Zweite Scene.

Traugott. Corfitz.

Traugott. Was das für eine verfluchte Geschichte wird! Ich vergaß, sie zu fragen, wie der Kerl aussah. Ja ja, so geht es, wenn ein Mann von siebzig Jahren ein Mädchen von funfzehn heirathet. Wär' ich beauftragt worden, den Ehecontract aufzusetzen, so hätte der so lauten sollen: Herr Corfitz übergiebt sein ganzes Besitzthum und Vermögen, beweglich und unbeweglich, dieser tugendsamen Jungfrau und verpflichtet sich, ihren Staat jederzeit so in Stand zu halten, daß ihr nichts daran mangelt. Dagegen verbindet sie sich, jederzeit seine Stirn so in Stand zu halten, daß auch ihm niemals eine gewisse Art von Zierrath mangelt, welche alten Ehemännern so wohl ansteht. Bisher dacht' ich immer, der Madame geschehe Unrecht, nun aber geb' ich dem Meister Recht. Denn schämt sie sich nicht einmal jetzt, wo sie unwohl ist, Galane bei sich zu haben, was muß sie nicht erst thun, wenn sie gesund ist?! O, du armer alter Hahnrei, ich habe großes . . . .

(Hier wendet er sich um und wird Corfitz gewahr, der dicht hinter ihm steht und horcht.)

Corfitz. Du predigst vortrefflich, Traugott; das war ein tröstlicher Discours für mich.

Traugott. Was für ein Discours?

Corfitz. Ich hab' alles gehört von Anfang bis zu Ende. Aber warum hast Du Hund mir das nicht früher offenbart? Ach, Himmel, mein Mißtrauen war also nur allzu begründet! Ich will meine Frau nicht wieder vor Augen sehen; das Unglück ist nur, daß ich nicht mehr als einen Zeugen auf den Kerl habe, der in meiner Abwesenheit mit ihr allein in ihrer Kammer gewesen ist. Denk' mal Einer an, welche Frechheit, welche 314 schamlose Zärtlichkeit, sich nicht einmal in solcher Zeit wie jetzt zu entblöden, fremde junge Kerle bei sich zu haben! Ich kann mich nicht mäßigen, ich will ihre Schande der ganzen Welt bloßlegen und sie der Obrigkeit anzeigen.

Traugott. Ja, zur Scheidung kann der Meister es damit bringen.

Corfitz. Nun, das will ich meinen.

Traugott. Ich ebenfalls: nämlich zur Scheidung von Seinem guten Namen und Ruf. Denn seiner Frau eine Untreue nachzuweisen, daß will schon was heißen; ich kenne das Consistorium hinlänglich, denn ich habe einen Bruder, der ist Bedienter bei einem Consistorialrath. Da wird etwa folgender Spruch gefällt werden: Obschon es aus verschiedenen Umständen ersichtlich, daß Sieur Corfitz ein Hahnrei ist, so doch, sintemal er es ihr nicht so klar beweisen kann, wie daß zwei und drei fünf macht, wird er verurtheilt, ihr Abbitte zu leisten.

Corfitz. Das mag werden wie es will, so will ich es doch wenigstens versuchen. Zuerst geh' Du mal zum Cantor, Monsieur Gotthard.

Traugott. Gleich, Meister. (Geht fort.)

Corfitz. Bist Du verrückt, Bursche? Du hast ja noch keinen Bescheid gekriegt, wo willst Du hin?

Traugott. Wohin mir der Herr befohlen hat, zu Monsieur Gotthard.

Corfitz. Was willst Du denn da machen?

Traugott. Ja, das weiß ich denn freilich nicht.

Corfitz. Ei, so hör' erst Bescheid, bevor Du gehst, Du dummer Esel! Du sollst ihn bitten, mir die Ehre zu erweisen und einen Augenblick herzukommen.

Traugott. Hat der Meister denn was mit ihm zu sprechen?

Corfitz. Ja, was sonst? Ich will ihn ein wenig ausforschen wegen der Sache.

Traugott. Aha, jetzt versteh' ich schon, Meister. Na, ich werd' es ihm ganz gewiß sagen.

Corfitz. Was willst Du ihm sagen?

Traugott. Daß da Einer ist, der hat den Meister zum . . . . 315

Corfitz. Daß Dich das Donnerwetter, Du Schlingel, wer heißt Dich so was sagen?

Traugott. Ei, Meister, ich werde das ja nicht just so plump heraussagen, sondern auf eine verblümte Manier, so zum Exempel: der Herr Meister hätte einen kleinen Auswuchs an seiner Stirn bemerkt und nun wollt' er gerne wissen, was das wäre; da versteht er gleich, was ich meine, laßt mich nur machen. (Geht fort.)

Corfitz. He, Traugott! Dich soll die Schwerenoth, wenn Du nicht schweigst!

Traugott. Ei, laßt mich nur dafür sorgen, der Auftrag soll ausgerichtet werden, daß kein Mensch was dagegen einzuwenden hat.

Corfitz. Ich glaube, den Jungen reitet der Teufel; willst Du mich denn zum Narren machen?

Traugott. Na, will der Meister es ihm denn selbst sagen?

Corfitz. Ja, was sonst? Ich habe doch nicht nöthig, Dich zum Dolmetscher zu gebrauchen?

Traugott. Dann macht der Meister sich selbst zum Narren, und das ist schlimmer, als wenn ich es thäte.

Corfitz. Ich haue dem Burschen, glaub' ich, den Kopf auf einmal in Stücke, er macht mich ganz toll.

(Zieht ihn bei den Haaren.)

Traugott. Au au au! – Aber wenn er mich nun fragt, was der Meister mit ihm sprechen will, soll ich dann dastehen wie ein dummer Hund und nicht zu antworten wissen?

Corfitz. Wenn Du ihm sagst, daß ich etwas sehr Wichtiges mit ihm zu sprechen habe, so ist das genug.

Traugott. Ja, nun versteh' ich erst, was der Meister meint, von der Hahnreischaft sag' ich kein Wort.

Corfitz. Der Bengel ist heute verhext!

Traugott. Und wenn er mich tausendmal fragt, was es denn giebt, so werd' ich nichts anders antworten, als daß der Meister ihm wol schon noch selbst von dem Kerl erzählen wird, der unter dem Tisch gelegen hat. 316

Corfitz. Nichts sollst Du sagen, Du Vieh, als daß ich mit ihm sprechen will.

Traugott. Ja ja, es ist schon gut. (Geht ab.)

Corfitz. Ich kann dem Burschen sein Wesen nicht begreifen; wär' er nicht so treu, wie er ist, ich hätt' ihn längst zum Hause hinausgejagt; ob das Bosheit oder Dummheit ist, ich weiß es nicht.

Traugott (kommt wieder zurück). Meister, eben wie ich da an die freie Luft komme, krieg' ich einen Einfall. Nämlich, wenn Monsieur Gotthard mich ausfragt, so will ich ihm blos sagen, eine Madame, die heute zum Wochenbesuche dagewesen, hätt' uns verteufelte Streiche erzählt von der Meisterin.

Corfitz. Und wie ich Dich da eben aus der freien Luft wieder herauskommen sehe, krieg' ich den Einfall, Dir Arme und Beine in Stücke zu schlagen! (Er läuft ihm nach.)

Dritte Scene.

Corfitz kommt wieder hereingelaufen, wirft die Mütze ab und setzt sich die Perücke auf. Ein Offizier. Nachher Christopher Eisenfresser. Später ein Mädchen.

Corfitz. Element, das war ein großes Unglück, ich vergesse einen Verdruß über den andern! Hier kommt ein Cavalier, der bei dem Kinde Gevatter gestanden hat; bei dem Kerl ist's mit Einer Flasche Wein nicht abgethan. Hätt' er mich nicht gesehen, so hätt' ich mich können verläugnen lassen; denn nie konnte er mir zu einer ungelegeneren Stunde kommen als jetzt, wo ich den Kopf voll Sorgen habe und mich mit Monsieur Gotthard besprechen will. Nicht genug bei solcher Wochenstube, daß man sich mit den Frauenzimmern plagen muß, so kriegt man nun auch noch aller Welt Mannsvolk auf den Hals, und dabei ist mir jede Gratulation, die mir Einer abstattet, ein Messerstich ins Herz.

(Ein Offizier kommt, singt ein deutsches Lied, wird Corfitz gewahr, umarmt und küßt ihn.)

Der Offizier. Ach, mein lieber Herr Corfitz, seid nicht böse, daß ich habe so lange auf mich warten lassen! 317

Corfitz. Nein, nicht im Geringsten, mein Herr!

Der Offizier. Ja, ich merke Euch doch recht gut an, daß Ihr heute etwas verdrießlich seid.

Corfitz. Aber wahrhaftig nicht darum, daß mein Herr nicht gestern gekommen ist: (leise) denn mir wär' es recht, Du wärst gar nicht gekommen.

Der Offizier. Mannsleute richten sich nicht so genau nach der Mode wie Frauenzimmer. Ei, Herr Corfitz, nehmt Euch das nicht weiter zu Herzen, ich werde es wieder gut machen, und jeden Tag herkommen, so lange Eure Frau in Wochen liegt.

Corfitz. Ei, mache der Herr sich doch keine Ungelegenheit, so etwas wieder gut zu machen, ich kann einen Eid darauf ablegen, daß ich in der That nicht böse bin, weil Er gestern nicht gekommen.

Der Offizier. Ich konnte wahrhaftig nicht kommen; will Er es mir nun glauben?

Corfitz. Ich glaub' es, ich glaub' es ja, Herr!

Der Offizier. Ich war pardi anderwärts engrassirt.

Corfitz. Will Er durchaus, daß ich Ihm schwören soll, daß ich Ihm nicht böse bin, weil Er gestern fortblieb? (leise) sondern vielmehr deshalb, daß Du heute nicht ebenfalls fortgeblieben bist.

Der Offizier. Ich hatte gestern Nachmittag eine kleine Affaire mit einem fremden Offizier, den ich bei der Vogelstange, unter uns gesagt, todtgestochen habe.Der Vogelstangenplatz, der seinen Namen nach den daselbst abgehaltenen Vogelschießen führte, lag außerhalb des Norderthors und wurde dazumal häufig zu Duellen benutzt. Wir kamen in Disput und mußten deswegen hinaus nach der Vogelstange, wo ich nahe daran war, meinen Gegenpart niederzustechen; die Spitze meines Degens war keinen Finger breit mehr von seinem Herzen.

Corfitz. Mich dünkt, vorhin hätt' Er gesagt, Er hätte ihn schon todtgestochen?

Der Offizier. Hab' ich gesagt, ich hab' ihn todtgestochen, so hab' ich ihn auch todtgestochen. Erst stieß er eine Seconde, welche ich parirte und ihm dafür eine Terz wiedergab (stößt nach Corfitz), nachher stieß er nochmals eine Seconde und ich gab ihm eins über den Arm. (Stößt Corfitz nieder) 318

Corfitz. Mein Herr beliebe Seine Kunst an Andern zu exerciren, ich kann heutzutage nicht viel Stöße mehr aushalten.

Der Offizier (umarmt ihn). Ach, mein lieber Herr Corfitz, ich bitte um Permission, ich dachte nicht, daß ich so hart stieße.

Corfitz. Und ich noch minder.

Der Offizier. Er sieht mir aber nicht so vergnügt aus, wie Er doch sein sollte, Herr Corfitz.

Corfitz. Mich plagt mitunter, mit Permission zu sagen, die Kolik, wohlgeborner Herr.

Der Offizier. Nichts weiter? Dagegen weiß ich ein vortreffliches Mittel. Ihr müßt nur ein paar von Euren alten Bouteillen die Hälse brechen, die Ihr im Keller habt; nichts besser gegen die Kolik als ein guter alter Rheinwein. Laßt uns ein paar Bouteillen holen, ich will Euer Doctor sein.

Corfitz. Wein ist mir jetzt wahrhaftig nicht dienlich.

Der Offizier. Wie ich nun sage, es ist das einzige Mittel gegen Kolik. Auch habe ich selber Lust zu einem Glase.

Corfitz. Der Wein sollte gern zu Diensten stehen, wenn nur jemand bei der Hand wäre; aber Mägde und Bursche sind alle in der Stadt.

Der Offizier. Da wird mein Kerl Ihm gern behülflich sein und ein paar Bouteillen aus dem Keller holen.

Corfitz. Aber, wohlgeborner Herr –

Der Offizier. Ei, sanc façon, Herr Corfitz, das ist ja weiter keine Mühe. – Christopher Eisenfresser!

Christopher (mit einem großen Knebelbart, kommt). Herr!

Der Offizier. Du sollst mal für Herrn Corfitz in den Keller gehen und uns ein paar Bouteillen Wein heraufholen.

Christopher. Das thu' ich mit Plaisir.

Corfitz (leise). Ja, das glaub' ich schon, aber mein Keller steht nicht offen für Eisenfresser und Gaudiebe.

Der Offizier. Herr Corfitz schenkt Dir auch was für Deine Mühe.

Corfitz (leise). Das thut nicht noth: denn wenn ich den Herrn Eisenfresser recht kenne, so wird er sich schon selber was schenken, wenn er in den Keller kommt. 319

Der Offizier. Gebt ihm nur den Kellerschlüssel sans façon.

Corfitz (leise). Ja, einen Strick will ich ihm geben, damit er sich aufhängt. (Laut) Es ist doch wol nicht nöthig, glaub' ich, jetzt fällt mir ein, daß eins von den Mädchen doch zu Hause ist. Marthe! Marthe! (Marthe kommt.) Höre, Marthe, geh' mal 'runter in den Keller und hol' uns ein paar Bouteillen Wein. (Marthe ab.)

Der Offizier. Wir wollen uns so lange hier an den Tisch setzen. Ihr seid ein glücklicher Mann, Herr Corfitz, daß Ihr noch in Euren alten Tagen einen Leibeserben gekriegt habt. – Aber es ist ja wahr, nicht Ihr habt das Kind gekriegt, sondern Eure Frau.

Corfitz (leise). Ich fürchte, das trifft nahe zur Wahrheit.

Der Offizier. Ich darf mich nicht in die Wochenstube wagen, ich fürchte, ich könnte meinen Hut verlieren.

Corfitz (leise). Na und mir wär's Recht, wenn meinen Hut der Teufel geholt hätte.

Der Offizier. Ei, Er ist so traurig, Herr Corfitz, Er müßte ja vor Freuden über Tisch und Bänke springen.

Corfitz (leise). Wenn ich an den denke, der unter dem Tisch lag, so hab' ich wenig Lust, noch oben drauf zu springen.

Der Offizier. Was sagt mein Herr Corfitz?

Corfitz. Ich sage, das Mädchen mit dem Wein bleibt lange.

Der Offizier. Sieh, da ist sie schon mit Wein und Gläsern.

(Marthe bringt Wein, er schenkt ein und kostet den Wein.)

Der Offizier. Bon, bon! Auf der Frau Liebsten Wohl! Und daß sie in ein paar Monaten wieder einen andern lieben Erben kriegt.

Corfitz. Er hält meine Frau wol für eine Monatstaube, wohlgeborner Herr? – Aber sieh, kommt da nicht mein Nachbar Jens Oelsen? Na, der ist gut im Thran.

Der Offizier. Er sollte Jens Biersen heißen. Denn das ist ein gesunder Rausch. 320

Vierte Scene.

Corfitz. Der Offizier. Jens Oelsen, taumelnd.

Corfitz. Wo bist Du denn gewesen, Schwager? Du bist schön im Thran.

Jens Oelsen. Ich bin besoffen wie 'n Vieh.

Corfitz. Setz' Dich nieder und erhole Dich.

Jens Oelsen (setzt sich). Laß mir mal Thee machen, ich bin so dur . . . . stig. Wo ist Deine Frau? Laß sie mal rein . . . . kommen.

Corfitz. Ei, Thorheit, ist meine Frau denn jetzt in der Verfassung, hereinzukommen?

Jens Oelsen. Das ist auch wahr, Schwager, Du hast Recht, und ich habe Unrecht: denn ich bin besoffen. – Thee! Thee!

Corfitz. Na, wart' nur ein bischen, bis das Mädchen kommt.

Jens Oelsen. Weißt Du was, Schwager? In der Stadt sagen sie, hol' mich der Satan, Deine Frau wäre nicht Vater zu dem Kind.

Der Offizier. Ha ha!

Jens Oelsen. Wer ist da? Sieh da, Sein Diener, Monsieur. – Denn sie meinen, daß so ein alter Mann von siebzig Jahren, wie Du bist, nicht mehr . . . .

Der Offizier. Ei, Monsieur, laßt doch solche verfluchten Redensarten.

Jens Oelsen. Wer ist da? Sieh da, Sein Diener, Monsieur.

Corfitz. Was für Thee willst Du denn haben, Schwager?

Jens Oelsen. Ich will grü . . . . nen Thee haben, das hei . . . ßt Thee de Boeuf. Denn sie sagen, lieber Schwager, so ein alter Mann von siebzig Jahren, wie Du bist, der kann nicht mehr . . . .

Der Offizier. Ich kann nicht begreifen, Monsieur, wie Ihr Euch unterstehen könnt, hier solch Geschwätz vorzubringen.

Jens Oelsen. Wer ist da? Sieh da, Sein Diener, 321 Monsieur. Denn sie sagen, ein Mann von siebzig Jahren . . . Aber ich will Dir was sagen, lieber Schwager –

(Der Offizier wendet sich ab.)

Na da ist ja schon der Thee. (Er trinkt dem Offizier das Glas aus.) Ah, das thut gut, ja, das war Thee de Boeuf –

Der Offizier (dreht sich um und giebt ihm einen Nasenstüber). Und das war ein Compliment de Boeuf, Monsieur! Anderer Leute Glas auszutrinken! (Der Bürger reißt ihm die Perücke ab; Corfitz besänftigt sie. Der Offizier ruft nach Eisenfresser; Eisenfresser haut die beiden Bürger nieder; Jens Oelsen läuft fort, der Offizier verfolgt ihn; Corfitz verkriecht sich unter dem Tisch und Eisenfresser geht mit den Bouteillen ab.)

Fünfte Scene.

Gotthard. Traugott. Corfitz.

Traugott. Hier ist wol Besuch gewesen, da stehen ja Gläser auf dem Tisch?

Gotthard. Ja, hier ist wol jetzt immer Besuch, vom Morgen bis zum Abend.

Corfitz (den Kopf hervorstreckend). Traugott, sind sie schon fort?

Traugott. Hier ist niemand als Monsieur Gotthard, den ja der Meister hat kommen lassen.

Corfitz (kommt hervor). Ist Christopher Eisenfresser auch fort?

Traugott. Ich habe weder Christopher Eisenfresser gesehen, noch . . . . .

Gotthard. Wie ging denn das zu, Monsieur Corfitz? Warum kriecht Er denn unter den Tisch?

Corfitz. Hauptsächlich aus Furcht vor Monsieur Eisenfresser; Ihr müßt wissen, Monsieur, hier in meinem Hause wäre beinahe ein Mord geschehen –

Gotthard. Weswegen denn?

Corfitz. Weswegen? Wegen unserer verfluchten Moden, daß wir das Haus voll Leute haben müssen, jedesmal wie ein Kind zur Welt kommt. Ihr habt ja selbst gesehen, Monsieur, 322 wie das in diesen Tagen in meiner Frau ihrer Stube zugegangen ist.

Gotthard. Ich habe Eure Frau wahrhaftig nicht gesehen, ich weiß nicht wie lange.

Corfitz. Stellt Euch nur nicht so fromm an, Monsieur, ich weiß das besser.

Gotthard. Das sind dunkle Worte für mich.

Corfitz. Wollt Ihr mit Güte bekennen, so will ich Euch pardonniren, wo nicht, so sollt Ihr exemplariter bestraft werden.

Gotthard. Monsieur, ich glaube, der Spectakel hier hat Euch so verwirrt im Kopfe gemacht, daß Ihr nicht wißt, was Ihr redet.

Corfitz. Ihr sollt schon noch erfahren, daß ich weiß, was ich sage.

Gotthard. Was Henker ist denn das? Was hab' ich begangen? Was wollt Ihr von mir?

Corfitz. Ihr sollt schon erfahren, daß es noch Gesetz und Recht im Lande giebt.

Gotthard. Das weiß ich ganz wohl; aber was Ungesetzliches habe ich denn begangen?

Corfitz. Hab' ich das Gesetz recht im Kopfe, so dürftet Ihr am Leben bestraft werden für Eure Thaten.

Gotthard. Das spricht ein Verrückter!

Corfitz. Ja, in einen Sack gesteckt und ersäuft werden.

Gotthard. Erst beweist mir etwas, Monsieur, dann wird es für mich noch Zeit genug sein, mich zu vertheidigen.

Corfitz. Noch vor Abend werd' ich Alles bewiesen haben, was ich sage.

Traugott. Da klopft es wieder. (Läuft zur Thüre und kommt wieder zurück.) Der Gang ist voll fremder Leute, vermuthlich wollen sie dem Meister gratuliren.

Corfitz. Daß sie das Donnerwetter mit ihren Gratulationen! Hier, Monsieur Gotthard mag die Glückwünsche annehmen, der hat mehr Theil daran als ich. Uebrigens kannst Du sagen, ich wäre nicht zu Hause.

(Ab. Traugott ebenfalls.) 323

Sechste Scene.

Gotthard allein.

Gotthard. Was Henker ist das für ein Abenteuer? Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume. Ich habe seine Frau in der Musik informirt, bevor sie verheirathet war, und seit sie den Mann gekriegt hat, bin ich zwei oder dreimal im Hause gewesen, und dafür soll ich nun in einen Sack gesteckt und ersäuft werden? Wüßt' ich, daß ich nur ein unziemlich Wort zu ihr geredet, so wollt' ich mich nicht ärgern. Am meisten leid thut es mir um die arme junge Frau, daß sie so unschuldig in Verdacht kommt: denn nie hab' ich etwas an ihr gesehen, was nicht anständig und schicklich wäre. Aber da kommt der Bursche wieder, den muß ich doch mal ausfragen. (Traugott kommt zurück.) Hör', Traugott, träum' ich oder wach' ich? Ist das Deines Meisters Haus, in das ich gekommen bin, oder nicht? Hör' ich recht oder nicht? Seh' ich recht oder bin ich blind?

Traugott. Ja, jetzt sieht Er noch recht, Monsieur, aber auf den Abend, wer weiß, da werdet Ihr wol nur noch auf Einem Auge sehen.Eine Hauptkunst der Wahrsager und Zauberer war, Einem durch magische Mittel, je nach Gelegenheit, ein oder auch beide Augen zu blenden. Dies Mittel will nun auch Corfitz gegen den vermeintlichen Verführer seiner Frau zur Anwendung bringen lassen, um ihn daran herausfinden zu können. Da klopft es schon wieder! (Läuft zur Thüre.) Ihr guten Leute, mein Meister sagt, er wäre nicht zu Hause. (Kommt wieder zurück.) Unser Haus ist in diesen Tagen wie eine belagerte Stadt, nun hab' ich schon zwei Stürme abgeschlagen, aber dabei wird's noch nicht bleiben.

Gotthard. Was willst Du damit sagen, Traugott, daß ich heute Abend nur noch mit Einem Auge sehen werde?

Traugott. Ich will wünschen, Monsieur, daß es nicht noch schlimmer kommt und daß Ihr nicht noch alle beide einbüßt.

Gotthard. Zu diesem allen kann ich meiner Treu' nichts thun als lachen, das ist eine reine Komödie.

Traugott. Nein, Monsieur, eine Tragödie wird das werden; denn seine Augen einzubüßen, da hört das Lachen auf.

Gotthard. Was ist das denn nur?

Traugott. Ich werd' es Euch gleich sagen – da pocht es, ich muß nur erst an die Thüre und den dritten Sturm abschlagen. 324 (Läuft an die Thüre und ruft:) Mein Meister ist nicht zu Hause in des Dreiteufels Namen! (Kommt zurück.) Hört, Monsieur, mein Meister hat Euch schon seit Langem mit seiner Frau im Verdacht; eine von den Madamen, die heute hier Visite gemacht haben, behauptet, sie hätte einen Kerl in der Wochenstube versteckt gesehen. Der Meister glaubt, daß Ihr das gewesen seid; da er aber keinen rechten Beweis hat, so beabsichtigt er selbigem Kerl durch die alte Gunhild die Augen ausschlagen zu lassen, und nachher, wenn der Kerl gezeichnet ist, wird er sein Recht schon verfolgen. Daher, wenn Ihr Eure Augen lieb habt, so bekennt bei Zeiten – aber da klopft es schon wieder! (Läuft zur Thüre.)

Gotthard. Ha ha ha, ich kenne die alte Gunhild, die soll ihm einen Possen spielen von meinetwegen; denn er verdient vor der ganzen Welt protistuirt zu werden. Ich werde auch noch Andere anstellen, ihn zu vexiren.

Traugott (kommt zurück). Ihr Hunde, wollt Ihr das Haus denn mit Gewalt stürmen?

Gotthard. Adieu, Traugott, wir sehen einander bald wieder.

Traugott. Ja, aber blos mit Einem Auge. (Beide ab.) 325

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