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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
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8

In Düsseldorf blühten die Bäume, als wären sie gesegnet. Süßer, schwerer Duft strich vom Hofgarten her über den Rheinstrom, mischte sich mit seinem Teergeruch und ließ die Jugend, die die Ruder handhabte, sehnsüchtig die Köpfe recken, als träumte sie von Meerfahrten und fernen Gewürzinseln. Im langgestreckten Akademiegebäude standen sämtliche Fenster weit offen. Ewald Wiskotten saß in seiner Klasse und kopierte einen Gipskopf auf den Zeichenbogen. Mechanisch zog er die Linien nach, prüfte mit müde erhobenem Arm, den Kohlenstift als Maßstab nutzend, aus der Entfernung die Größenverhältnisse, vollendete die Umrisse und begann, die Schatten hineinzuwischen. Der Professor hatte eine halbe Minute hinter seinem Schemel gestanden, war ihm mit dem Bleistift in die Zeichnung gefahren und hatte mißbilligend vor sich hingeknurrt.

»Wer ist nun das schielende Scheusal? Die Antike oder Sie? Für den Gips leg' ich die Hand ins Feuer.«

Als er gegangen war, radierte Ewald Wiskotten ärgerlich die Korrekturen des Professors aus, zog eine Hilfslinie von der Nasenwurzel zum Nasenflügel und legte das Auge aufs neue an. Aber der Apollo schielte nur noch heimtückischer. Da gab er's für heute auf, den Prometheus zu spielen und den göttlichen Funken zu suchen. Durch das offene Fenster lockte der Mischgeruch von Teer und Würzhauch. Er stand auf und lehnte sich hinaus. Die Sonne hatte werbende Kraft. Drunten, rheinabwärts, hatte man die erste Badeanstalt ausgefahren.

In seinen Gliedern lag seit Wochen eine Mattigkeit, über die er nicht Herr zu werden vermochte. Der breit dahinfließende Rhein schickte ihm eine Aufforderung hinauf. Und er widerstand nicht länger. Er packte sein Zeichenmaterial zusammen und verließ mit hastigen Schritten den Saal. Ein paar Akademiker blickten auf und lachten hinter ihm drein.

»Na, Langer, gibst du Fersengeld?«

»Der Kerl ist so klapperig, als hätte Apollo ihn als Marsyas geschunden.«

»O nee! Der Wiskotten hat den Apollo geschunden. Süch ens die Zeichnung.«

Er machte, daß er von dannen kam. Wütend rannte er über die Korridore, nahm die Treppenstufen paarweise und atmete erst erleichtert auf, als er das lastende Gebäude im Rücken wußte. Vor der Badeanstalt kramte er die Groschenstücke aus der Tasche, trat in die Zelle, riß an seinem Anzug, als wäre der ein Panzer, und sprang kopfüber ins Wasser.

»Achtung, Drickes«, lachte der Besitzer dem Wärter zu, »dat is ene Selbstmörder.«

»Sie, jong Här, jagen Sie uns nich die Fisch' weg! Sie müsse die Fisch' erst langsam an Ihren Anblick gewöhne.«

Prustend kam Ewald Wiskotten nach oben. »Schafskopp!« schrie er und tauchte von neuem unter.

»Wat hat er gesagt? Ich glöw, er hat mich geschimpft.«

»Er hat dich erkannt, Drickes. Dat is keine Selbstmörder. Der hat noch sehr klare Momente.«

»M'r kann sich auch irren, Baas. Wat die Adresse anlangt« – –

Ewald Wiskotten stieß heftig gegen einen andern Schwimmer. »Hoppla«, sagte er und wollte weiter.

»Ich werde Ihnen gleich: Hoppla! Sie leiden wohl an Verfolgungswahn?«

Wütend machte der junge Mann kehrt und schnellte den Oberkörper aus dem Wasser.

»Frechheit!«

»Was –?«

Auf und ab wippend schauten sie sich ins Auge.

»Donnerkiel, dat is ja der Ewald Wiskotten ...!«

»Ernst Kölsch? Ich hab' dich in deinen triefenden Haaren gar nicht erkannt.«

»Blaue Flecke hab' ich von dir. Du hast wohl dein Fleisch in der Garderobe abgegeben und nur die Knochen ins Wasser geworfen?«

»Herrgott, bin ich denn so mager geworden, daß es bereits auffällt?«

»Ich würd' mir an deiner Stelle einen englischen Anzug machen lassen oder Pumphosen tragen. Die wären sehr kleidsam.«

»Scherz beiseite. Ich fühl' mich ganz wohl.«

»Das soll mich freuen«, sagte der andre trocken und warf sich wassertretend auf den Rücken. »Übrigens: Anna war in Düsseldorf. Weshalb? Ja, wie soll ich sagen? Um mein Zeug zu flicken oder um mir am Zeuge zu flicken. Beides hielt sie für nötig. Läßt dich grüßen. Brr – jetzt krieg' ich eine Gänsehaut. Doch noch verdammt kalt, das Wasser. Komm mit heraus.«

Als sie nebeneinander zur Zelle schritten, warf Ernst Kölsch einen prüfenden Blick auf den Heimatsgenossen. Und dann über die eigne, stämmige Gestalt. Aber er sagte nichts weiter. Sie rieben sich ab, kleideten sich an und gingen bummelnd durch den Hofgarten zur Stadt. An der Ecke der Alleestraße wollte sich Ewald Wiskotten von seinem Begleiter trennen.

»Warum? Willst du arbeiten?«

»Ich möcht' heut mal bei Zinters essen. Und die sind pünktlich.«

»Hast wohl Angst vor deinem Herbergsvater? Schlechte Angewohnheit. Mußt du dir und ihm abgewöhnen.«

»Ich hab' da Rücksichten zu nehmen – –«

»Ach so. Versteh' schon. Mit der Miete im Rückstand. Na, wenn ich Wiskotten hieße!«

»Und was wär dann?«

»Der Name ist doch wie bar Geld. Den ließ' ich wechseln.«

Ewald Wiskotten zog die Brauen zusammen. Sein blasses junges Gesicht wurde finster und älter über seine Jahre hinaus. »Ich trag' den Namen für mich allein, und so gilt er nichts. Noch nicht!«

Sein Begleiter kniff ein Auge ein. »Nobel siehst du gerade nicht aus. Wenigstens einen anständigen Schneider sollt'st du dir halten.«

»Wenn ich dir so nicht passe, brauchst du ja nicht mit mir herumzulaufen.«

»Du, hör mal, wir sind hier nicht in eurer Fabrik. Den Befehlshaberton kannst du dir sparen.«

»Adieu«, sagte Ewald Wiskotten kurz, warf den Kopf auf und ging mit langen Schritten über die Straße.

Einen Augenblick zögerte Ernst Kölsch. Dann siegte seine Gutmütigkeit, und er rannte ihm nach. »Du, Ewald!«

»Was willst du?«

»Dich fragen, ob du mit mir zu Mittag essen willst. Bei Schmitz in der Weinstube. Fein, sag' ich dir.«

»Ich lass' mich nicht freihalten.«

»Mensch, ich hab' doch ein Bild verkauft!«

»Was –?« Mit einem Ruck wandte er sich um. »Wahrhaftig? Nee, du, sag: ein Bild? Was denn und wem? Ernst, herrje, wie ich mich freu'! Jetzt marschieren die Wuppertaler an! Jetzt kommen wir! So sprich doch! Was für ein Bild?«

Ernst Kölsch stiebte ein Stäubchen von seinem eleganten Anzug. Neben dem Fabrikantensohn im abgescheuerten Jackett glich der Werkmeisterssohn einem vornehmen Dandy. »Was für ein Bild?« sagte er ruhig und knipste weiter. »Ein Gastmahl des –«

»Ein Gastmahl des Plato?«

»Nee, des Bacchus. Was soll der Wein-Schmitz mit andrer Philosophie als der, die aus den Trauben steigt?«

»Der Wein-Schmitz? Bei dem du zu Mittag ißt?«

»Derselbige. Du hatt'st wohl gedacht, ich hätt' einen Freitisch beim Fürsten von Hohenzollern in Schloß Jägerhof? Ich muß zahlen wie jeder andre Sterbliche, und wenn ich nicht zahlen kann und hab' gerade Hunger, dann muß ich eben – malen.«

»Ja, ist denn der Schmitz – Bilderhändler?«

»Weinwirt ist er. Und eine originelle Bude will er haben. Die wichs' ich ihm so peu à peu voll, wenn die Rechnung es verlangt. Jetzt ist nur noch eine Querwand frei. Hab' ich die auch erst unter Ölfarbe gesetzt, muß ich einen Lokalwechsel vornehmen. Ja, was staunst du denn? Auf diese Weise entstehen hier in Düsseldorf die besuchtesten Kneipen, und der Mäzen und sein Künstler fühlen sich wohl dabei.«

»Was hast du denn gemalt?«

»Einen stadtbekannten feudalen Offizier als Bacchus, ein paar leckere junge Mädchen, die sich mit einer Pantherkatze um eine Traube balgen, die ihnen der Gott zugeworfen hat, und einen dicken töchterreichen Stammtischgast als schwermütigen Silen.«

»Werden sich die Herrschaften auch nicht wiedererkennen?«

»Keine Sorge, ich habe sie alle zusammen nackt gemalt. Dadurch wurden sie Mythologie.«

»Jetzt geh' ich mit«, lachte Ewald Wiskotten. Aller Ärger war verflogen. Eine gehobene Künstlerstimmung war über ihn gekommen. So hatte er sich's gedacht: Lachende Sonne, lachende Lebensauffassung. Nieder mit dem Philistertum, hoch die Kunst! Und er hatte quälerisch in grauen Nebeln getappt, unfroh und ohne Spannkraft. Leichtlebig und vertrauensselig sprang der ältere Kamerad in der Sonne herum. »Du hast den Schlüssel, Ernst. Wie findet man den?«

»Man braucht nur was zu können«, sagte der, zuckte die Achseln und faßte den jungen Landsmann unterm Arm.

Beim Wein-Schmitz bewunderte Ewald Wiskotten das Wandgemälde. »Recht laut«, knurrte ihm Kölsch zu. Und Ewald Wiskotten verstieg sich schlankweg zu der Behauptung, daß das in ganz Düsseldorf keiner nachmachen könne, selbst der Akademiedirektor, der Pitter Janssen, nicht.

»Sie sind wohl sachverständig?« fragte der Wirt. »Dat kömmt bei Ihnen wie klar Wasser.«

»Ich bin selber Maler«, antwortete der Junge stolz. »Aber vor so einer Arbeit kennt man eben keinen Neid.«

Da ließ der Wirt gern zu, daß Kölsch ihm den Freund als seinen Gast vorstellte, und hatte auch nichts dagegen, daß nach der ersten die zweite Flasche Kupferberg Gold den Stöpsel knallen lassen mußte. Der Schaumwein regte Ewald Wiskotten gewaltig auf. Das Blut rieselte ihm wohliger durch die Adern, er sah durch einen rosigen Schleier, und bald ging sein Mut auf Stelzen.

»Es ist ein Skandal, daß man sich auf der Akademie abschinden muß. Ein Vierteljahr sitz' ich nun vor demselben Apollo. Einmal von vorne, einmal von der Seite, einmal von hinten. Da ekelt einen ja zuletzt die edelste Schönheit an.«

»Schimpf du nur, wenn's dich erleichtert.«

»Hab' ich nicht recht? Die sollten mich einmal machen lassen, was ich wollte. Denen wollt' ich's zeigen.«

»Was denn?«

»Ach, was Lebendiges, was Eignes, so etwas, weißt du, was sonst keinem einfällt – du hast es ja auch gezeigt.«

»Ich –? Was kennst du denn von mir?«

»Nun – hier das Bacchanal.«

»Laß mir nur den Quark aus dem Spiel. Das sind doch Witze, Papierkorbschnitzel. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, und ich wart's ab.«

»Aber auf was wartest du denn noch? Wenn ich das könnte – –!«

»Auf die große Sammlung. Mir ist es noch nicht schlecht genug im Leben ergangen oder noch nicht gut genug. Das Triumphgeheul des Todes oder des Lebens hat sich noch nicht eingestellt.«

Ewald Wiskotten trank in einem Zuge sein Glas leer. »Nein«, sagte er, »nur nicht warten. Wir müssen auf den Plan treten und da sein.«

»Ich danke für die Wunderknaben. Wenn sie eines Tages das Matrosenjäckchen ausziehen, sind sie meistens auch im Gehrock die dummen Jungens geblieben. Daraus rekrutieren sich dann die Nörgler an der gesammelten Kraft.«

»Aber diese langwierige Lehrzeit nimmt einem die Kraft.«

»Denen, die keine haben. Reifeperiode, mein Junge, Reifeperiode des Lebens! Wenn du Kaufmann geworden wärst, säßest du jetzt vor dem Kopierbuch und hättest auch für drei Jahre Pech an den Hosen. Nee, die Dinge seh' ich nun anders an. Die äußere Handfertigkeit kannst du mit auf die Welt bringen. Wozu sie taugt, das lehrt dich erst der gereifte Verstand. Meiner hat sich noch nicht klar genug gemeldet. Die Pause füll' ich mit Lumpen aus. Später kommt der dicke Strich.«

»Es gibt eben Leute, bei denen der Verstand früher kommt«, beharrte der Jüngere.

»Oder die Arroganz. Das kostet die schönsten Jugendjahre.«

»Das ist Faulenzertheorie!«

»Ich möcht' mich selber darum beneiden«, lachte Kölsch und hob sein Glas. »Solch einen Wein zum Beispiel hat mein Alter in seiner Jugend nicht getrunken. Dein Alter auch nicht. Und wer weiß, ob wir ihn später wieder zu trinken kriegen. Also: nutzet die Jugend, sie kehret nicht mehr. Sollst leben, Arbeitsfanatiker.«

»Wir haben jetzt eine Kompositionsaufgabe bekommen. In den nächsten Tagen bleib' ich zu Hause. Da geh' ich heran!«

»Das quält nun sein armes Gehirnchen ab! Ideen müssen kommen wie Sommervögel, am Schraubstock lassen die sich nicht fabrizieren.«

»Wirst du am Sonnabend kommen und dir die Arbeit ansehen?«

»Wenn es dir eine Beruhigung ist? Für die Erstlingssünden ist sonst der Papierkorb da.«

»Bitte, Ernst!« Er wurde leidenschaftlicher. Der Wiskottensche Tatendrang stürmte in ihm, und der Schaumwein öffnete der Phantasie die Tore. »Ich denke mir – hör mal zu – –«

Aber der Ältere wehrte ab. »Erzähl das deinem Zeichenbogen. Der hat den ersten Anspruch darauf. Ich komm' früh genug an die Reihe.«

»Hab dich nur nicht so. Am Sonnabend wirst du anders sprechen.«

»Das walte Gott. Trinken wir noch eine?«

»Nein, laß. Ich bin jetzt gerad' in Stimmung. Die soll ausgenutzt werden. Adieu, Ernst, hab' vielen Dank.«

»Du, Ewald – – –. Wovon – lebst du eigentlich? Nun sei mal vernünftig. Die Anna ist gestern mit einem Geldschiff gelandet, und ich hab' so Angst vor Dieben. Sieh mal, hier wär' so ein schöner Hundertmärker.«

»Hat dir das – die Anna aufgetragen?«

»Du bist wohl übergeschnappt? Die Anna? Wie kommst du denn auf die Anna?«

»Ich – ich – das war eine Dummheit – und – und sag ihr nichts. Brauchen – brauchen könnt' ich's schon. Der Zinters wird schwierig. Na, Ernst, danke schön ...«

Er verabschiedete sich kurz und verließ aufgeregt die Weinstube. In einem Zigarrenladen kaufte er sich Tabak und ließ den Hundertmarkschein wechseln. Die Goldstücke behielt er in der Hand, bis sie ganz warm geworden waren.

Der alte Zinters unterhielt in Erinnerung an seine langjährige Laufbahn als selbständiger Rheinschiffer gen Holland in der Bolkerstraße eine kleine Schankstube, in der er holländische Schnäpse zum Ausschank brachte. Seine Kundschaft waren gleichzeitig seine Lieferanten. Was die Schleppschiffer über die Stromgrenze schmuggelten, luden sie im großen bei dem alten Zinters ab und tranken es im kleinen beim alten Zinters wieder aus. Das verräucherte Gemach roch beständig nach Teer. Die wenigen Gäste waren hemdärmelig wie der Wirt, trugen wie dieser die Schiffermütze im Nacken und die lange holländische Tonpfeife in irgendeiner Zahnlücke. Das förderte einen gemütlichen Schifferskat, denn es verhinderte Zank und Leichenreden. Bevor man die zerbrechliche Pfeife aus ihrer Ruhe brachte, ließ man fünf gerade sein. Das wußte der Alte auszunutzen.

Als Ewald Wiskotten eintrat, war die Stube leer. Er mußte sie durchqueren, um durch die Hintertür auf die Stiege zu gelangen, die zu seiner Atelierdachkammer führte. Nun regte sich doch Leben hinter dem Schanktisch. Sein Schritt hatte den Wirt aufgeweckt, der mit dem Kopf auf der Theke lag und schlummerte.

»So wat macht ene Lärm, als käm' die feinste Kundschaft«, brummte er mürrisch, als er seinen Mieter erkannte.

»Herr Zinters, ich hab' Schulden bei Ihnen –«

»Enee? An so wat denkt Ihr auch? Ich denk' als eweil daran.«

»Hier sind fünfundsiebzig Mark, Herr Zinters. Ich kann nicht so regelmäßig zahlen, wie sich das wohl gehört. Aber gezahlt wird, und wenn Sie wollen: mit Zinsen. Nur Ruhe müssen Sie mir lassen.«

Der Alte strich seinen grauen Bart und zwinkerte nach dem Geld. Dann schob er es mit gehöhlter Hand in die Theke.

»Ja, wenn Ihr auf die Weis' zu mir sprecht, jong Här – ich hatt' sonst als die Kündigung parat.«

Ewald Wiskotten fuhr sich durch das langgewachsene Haar. Die Kündigung? Und während er den Schreck über das Wort niederzukämpfen suchte, fiel ihm plötzlich ein, was Ernst Kölsch ihm vor wenigen Stunden zugerufen und was er vor wenigen Stunden erst weit von sich gewiesen hatte. Ohne daß er es wollte, formte es sich auf seinen Lippen zu Worten.

»Die Kündigung? Der Name Wiskotten ist doch wohl so gut wie bar Geld.«

»Jewiß doch, jong Här. Wenn bar Geld dahintersteht ...«

»Wir arbeiten mit dreihundert Mann zu Haus!«

»Donnerlütsch – –!« Der schlaue Ausdruck im Gesicht des Alten schwand und machte einer staunenden Hochachtung Platz. »Wat sagt Ihr? Drei – –?« Er tastete mit der Hand über die Flaschenbatterie. »Ich tät glauben, hier wär' esu e klein Geneverchen wohltätig.«

Ewald Wiskotten trank das Gläschen aus. Und auf einmal spürte er es wie heiße Scham. Hart setzte er das Glas aufs Schankblech und öffnete die Hintertür. »Adieu.«

»Die Quittung schick' ich jleich durch et Jretchen 'rauf«, rief ihm Zinters nach. »Adschüs, Herr Wiskotten!«

In seiner Mansarde ärgerte er sich wütend. Er hatte sich etwas vergeben, er hatte mit fremdem Kalbe gepflügt. Und zwischendurch wurde der Stolz in ihm mächtig, der Stolz auf den Familiennamen, der sich Respekt erzwang. Das besänftigte seinen Zorn und steigerte ihn wieder. Aber es blieb zuletzt doch eine Siegerstimmung in ihm zurück. Er warf den Rock ab. Es wurde ihm zu heiß. Der Sekt tat auch noch seine Wirkung. Nun wollte er arbeiten.

Da klopfte es an seiner Zimmertür.

»Herein!«

Gretchen Zinters kam und brachte die Quittung.

»Danke schön. Wünschen Sie sonst noch was?«

»Och – wat Sie sich einbilden!«

Die schlanke Achtzehnjährige ließ ihre dunkeln Augen blitzschnell an ihm hinunterlaufen. Ewald Wiskotten wurde rot. Heute erst gewahrte er, was für ein apartes Geschöpf sie war. Das erhöhte seine Verlegenheit. Dabei rieselte es ihm so seltsam durchs Blut, daß er fast einen leichten Schwindelanfall verspürte. Er starrte sie an, und wenn er sprechen wollte, fühlte er, daß der Atem aussetzte. Ganz schnell schlug es ihm in den Schläfen und rasend schnell in der Herzgegend. »Dummer Junge«, schalt er sich trotzig.

»Fräulein Gretchen – –«

»Ja –?«

»Sie – Sie könnten mir wirklich mal Modell stehen!«

»Sie sind wohl jeck?«

»Dann – dann wenigstens – einen Kuß ...«

Sie hob nur den Kopf. Kaum erwartungsvoll. Aber sie lief doch nicht fort.

Da trat er näher und legte unbehilflich die Arme um sie. Schneeweiß war er im Gesicht geworden. Und dann spürte er durch ihr Kleid das Pulsen ihres jungen Blutes. »Gretchen!« schrie er auf und preßte seine suchenden Lippen auf ihren Mund.

Nur eine Sekunde, und sie drängte ihn mit beiden Händen zurück.

»Gretchen, was ist denn, Gretchen –?« stammelte er.

Sie schmollte.

»Aber Gretchen!«

»Sie sind jleich so jrob. Als wenn ich die erstbeste wär'.«

»Nu ja – ein Prinz bin ich auch nicht.«

»Aber Sie sind doch von den reichen Wiskottens?«

»Woher wissen Sie das?« fragte er verwirrt.

»Och – dat sieht man Ihnen doch an.«

Da lachte er. Und nun versuchte er, sie aufs neue zu fangen. Sie tollten durch das Zimmer, bis er sie umschlungen hielt. Aber sie bog sich in seinen Armen zurück. »Erst Farb' bekennen! Eher kriegst du keinen.«

»›Du‹ hast du gesagt!« jubelte er.

»Dat hat nix auf sich. Dat sagt m'r so. Loslassen!«

»Erst will ich meinen Kuß –!«

Sie hielt ihm, ausbiegend, den Mund zu. »Schrei nich so. Still! Ich komm' wieder.«

»Du – –?« Vor Überraschung gab er sie frei.

»Ich will nur sehen, ob Vatter wieder schläft ... Wart!«

Er blickte ihr nach, wie sie flink und graziös hinausglitt. Geschmeidig wie ein Wiesel. Seine Augen waren ganz weit geworden. Und eine Seligkeit wogte ihm bis in die Kehle, eine ganz tolle, nie gekannte Seligkeit – –. Alles vibrierte an ihm. Er reckte die Arme, um den fliegenden Atem zur Ruhe zu zwingen, und dann rannte er lachend, schwatzend durchs Zimmer. »Ist das schön! Ist das schön! Herrgott – Herrgott – –«

Da kam sie zurück, die Finger auf den Lippen. Die Tür schnappte ins Schloß.

»Setz dich«, gebot sie. »Aber ganz vernünftig sprechen.«

Er setzte sich und legte die Arme um ihre Mitte. Sie lockerte sich ungeduldig in seinen Armen, bis nur noch seine Fingerspitzen sie berührten.

»Mach nich so Dummereien. Dat verträgt sich nich mitenander.«

Den Kopf hintenübergelehnt, hielt er sich ganz still. Und dann sagte er leise: »Ganz schwarzes Haar hast du.«

»Weiß ich längst.«

»Und ganz schwarze Augen, die hin und her huschen wie Leuchtkäfer des Nachts.«

»Jeck biste nu emal.«

»Und ein ganz fein aristokratisch Näschen, mit Nasenflügeln, die sich immer bewegen.«

Sie lachte in sich hinein.

»Und einen Mund, so rot, als käm's Blut durch.«

»Den hab' ich von meiner Mutter.«

»War die so schön wie du, Gretchen?«

In den Augen des Mädchens zuckte es auf. »Vatter traf sie in Rotterdam, als er noch auf dem Rhein fuhr. Da war sie der Stern.«

»Der Stern?«

»So nennt man dat in den feinsten Singspielhallen. Wat beim Theater die Primadonna is. Wenn sie nich gestorben wär', braucht' ich Vatter nich zu helfen und wär' auch beim Theater.«

»Möchtest du?«

Sie schloß die Augen. Ihre Nasenflügel bewegten sich schneller. »Reich werden, vornehm werden – –«

Er hielt sie ganz fest. Die Kehle war ihm wie ausgetrocknet. »Und wenn ich's würde? Für dich mit?«

»Du –?«

»Ja – ich!«

»Laß dich ens ansehen ...«

»Nein!« rief er und sprang auf die Füße. Seine jungen Augen blitzten. »Laß du dich ansehen!«

Sie standen sich gegenüber und musterten sich, als hätten sie sich nie gesehen. Als wären sie sich etwas Neues geworden, etwas ganz Eigenartiges. Hüben und drüben ein kurzes Lachen. Halb erstickt. Und dann griff der große Junge zu, mit festem, klammerndem Griff, tanzende Punkte vor den Augen, die aus ihrer schwarzen Pupille zu springen schienen, die dicht unter der seinen war. Und aufseufzend schloß er die Augen, ließ schwer den Kopf sinken und nahm ihr mit seinem Kuß den Atem.

Sie rang ihm nicht mehr entgegen. Sie ließ sich von den unkundigen, unersättlichen Lippen küssen, bis er selber einhalten und Luft schöpfen mußte. Da bäumte sie sich, auf den Zehen sich hebend, in seinem Arm auf und biß ihn ins Ohr.

»Wilde Katze!« stieß er hervor und zwang ihren Mund. Ihre Zähne schimmerten ihm entgegen. Und nun küßten sie sich, und keines wußte, wer der Gebende und wer der Nehmende war.

»Gretchen, Gretchen –!«

»Ewald – –!«

»Jetzt hab' ich eine Braut!«

»Och, dazu biste noch zu jung ...«

»Ich? Übers Jahr bin ich mündig.«

»Ja, werden se dir dann dein Geld auszahlen müssen –?«

»Weiß ich nicht«, sagte er bestürzt. »Aber ich schaff's auch so!« Das klang im alten Trotzton. »Ich werd' nicht lang auf der Akademie herumsitzen, ich werd' bald Bilder malen. Zwei – drei Jahre – ach, Gretchen!«

»Et wär' aber doch besser, wenn deine Familie beispringen tät. Die haben doch dat arg viele Geld.«

»Wird sich finden, Gretchen. Gib nur acht, die werden mir schon noch kommen! Wo ist dein Mund? Ach – – du – –!«

»Gehn m'r heute abend in den Zirkus?«

»Wohin du willst! Wo ist der Zirkus?«

»Auf der Oberkasseler Seit'. Ich war am Sonntag mit dem Franz Stibben aus Neuß da. Der wird nächste Ostern Kaptän auf ene Schiff von sei'm Vatter.«

»Das hört aber von jetzt an auf«, bestimmte er.

»Wat denn?«

»Daß du mit andern Herren allein ausgehst. Jetzt gehörst du mir ganz allein.«

»Aber der Franz Stibben hat doch zum Vattern gesagt, dat er mich heirate möcht' ...«

»So ein Prolet! Dich heiraten! Das könnt' ihm wohl passen. Er soll sich nicht noch mal hertrauen, der Rheinkadett!«

»Schimpf nich so dreckig. Die Stibbens, dat sind ganz wohlhabende Leut.«

»Proleten sind sie!« schrie er aufgebracht, »Proleten! Mit ihrem Fünfgroschenreichtum! Sprich nicht mehr davon, hörst du? Ich kann's nicht vertragen.«

»Aber du und ich, wir haben doch noch gar keinen Verspruch. Dat jilt ja jar nich, wenn m'r nich mündig is.«

»Aber in einem Jahr gilt's. Dann verloben wir uns, Gretchen, sag doch ...«

»Um sieben Uhr am Markt beim Jan-Willem-Denkmal. Still! Da ruft mich der Vatter –«

Er nahm hastig ihren Kopf zwischen seine großen Hände und küßte sie atemlos, wohin er traf. Dann schlüpfte sie hinaus. –

Nun zeichnen! Komponieren! Den Glücksrausch ausbeuten! Aber es wurden krause Linien, die er zu Papier brachte. Immer schweiften seine Gedanken ab, immer suchten seine Augen, was nicht da war, und wenn im Haus die Stiege knackte, horchte er auf, und seine Hände zitterten. Vor Aufregung zerbrach er den Kohlenstift in kleine Stücke. Nun mußte er sich die Hände waschen. Und dabei fiel ihm seine Kleidung ein. Siedendheiß wurde ihm zumute. Er faßte den Rock mit spitzen Fingern und drehte ihn am Fenster um und um. Die Ärmel glänzten verdächtig. Scheu, als täte er Unrechtes, holte er den Tuschkasten und färbte die abgescheuerten Stellen auf. Dann zog er leise die Stiefel aus, schnitzelte mit dem Taschenmesser an den Absätzen und rieb sie blank. Saubere Wäsche besaß er. Und der Hut? Er drehte ihn in den Händen. Nun, das war eben ein Künstlerhut, je lappiger, desto bester.

Um ein Viertel vor Sieben patrouillierte er das Jan-Willem-Denkmal ab. Das Geld trug er lose in der Hosentasche. Fünfundzwanzig Mark. Daß der Ernst Kölsch das Geld gerade heute ihm hatte aufdrängen müssen, das war eine Fügung gewesen. Nun konnte er sich eine Loge leisten. »Nutzet die Jugend, sie kehret nicht mehr ...« pfiff er erregt vor sich hin. Wo blieb nur Gretchen?

Die Rathausuhr hatte Sieben geschlagen. Es prickelte ihm in den Fußsohlen. Um über die endlose Zeit hinwegzukommen, begann er zu zählen. Von eins bis sechzig. Eine Minute gleich sechzig Sekunden. Aber jedesmal war er eher so weit als der Zeiger auf der Rathausuhr. Da gab er's auf und rannte im Trab um das Denkmal. Ein Viertel nach Sieben kam sie.

»Gretchen –«, aber der Vorwurf blieb ihm im Munde stecken. Wie ein adlig Fräulein erschien sie seinen verliebten Augen. Das weiße Kleidchen umschmeichelte ihre Glieder, der breite Spitzenkragen hob die feste Schönheit der jungen Büste, unter dem zierlich gebogenen Strohhütchen ringelten sich die Locken.

»Komm schnell, dat wir hier nich noch jesehen werden. Hier wohnt als so'n Volk.«

»Wo bleibst du so lange, Gretchen?« fragte er im hastigen Vorwärtsschreiten. »Das war wie eine Ewigkeit.«

»Ich hatt' doch dem Vatter jesagt, ich wär' beim Trinchen Kleuden in der Flingerstraß' einjeladen. Nun mußt' ich noch expreß hin, um da Bescheid zu sagen.«

»Das ist aber doch geschwindelt.«

»Och du! Dat is doch nur so daherjesagt als Exküse.«

Das verstand er nicht gleich. Aber sie ließ ihm auch gar keine Zeit dazu, um darüber nachzudenken. »Was für Plätze wirst du nehmen? Sperrsitz?«

»Loge. Das ist doch selbstverständlich, wenn ich mit dir geh'.«

Sie kniff ihn vor Freude in den Arm. Und dann drängte sie noch eiliger vorwärts.

In der Zirkusloge saß sie wie eine junge Dame. Die Vorstellung war ihr gleichgültig, aber daß ein paar Offiziere der Düsseldorfer Ulanen sie immerwährend durchs Monokel fixierten, machte ihr Spaß. Auch Ewald Wiskotten empfand die Aufmerksamkeit, die man seiner Begleiterin zollte, mit Stolz. Als aber während der Pause die Offiziere immer um sie herumstrichen, regte sich die Eifersucht. Verstimmt kehrte er mit ihr von der Stallbesichtigung zurück. Die Vorstellung nahm ihren Fortgang.

»Guck doch nicht immer hin. Die Kerls werden ja unverschämt.«

»Aber et sind ja Ulanenleutnants. Dat sind doch die feinsten.«

Er preßte ihre Hand. »Ich will nicht, Gretchen.«

Da lehnte sie sich beleidigt zurück.

Nach der Vorstellung gingen sie wortlos nebeneinander über die Rheinbrücke. Als sie sich dem Ufer näherten, trat sie ans Geländer. »Dat Schiff sieht jerad' aus wie dem Franz Stibben seins.« Und gleichmütig schlenderte sie weiter. Er tat, als ob er die Bemerkung nicht gehört hätte, aber das Herz schlug ihm hörbar.

»Gretchen –«

»Geh weg, du bist eklig.«

»Wollen wir zum Wein-Schmitz gehen? Das ist ein ganz vornehmes Lokal.« Er wußte in seiner Angst nichts Besseres.

Sie nahm sofort seinen Arm und drückte ihn. »Ewäldchen – –«

Beim Wein-Schmitz waren nur noch ein paar alte Stammgäste. Sie ärgerte sich und wollte gleich wieder fort. Um ihr zu imponieren, bestellte er eine Flasche Kupferberg Gold. Weil er die Marke vom Mittag her kannte. Zwei Portionen Kaviar ließ er bringen. Sie sah genau zu, wie er ihn aß, und probierte mit spitzen Lippen. Dann lachte sie heimlich in die Serviette.

»Schmeckt's?«

»Fein«, nickte sie lebhaft, trank einen herzhaften Schluck und zog vor den aufsteigenden Sektperlen das Näschen kraus. Da hätte er sie küssen mögen. Und nach einer halben Stunde trieb er nach Hause. Nun war sie es, die nicht fort wollte. Wie eine Prinzessin, die Hof halten möchte, thronte sie auf ihrem roten Polster. Endlich klingelte er an sein Glas und zahlte errötend dem Kellner. Es war ihm gewesen, als hätte der Mensch den Tuschflecken an seinem Ärmel betrachtet.

Gott sei Dank, nun waren sie draußen. Er faßte Gretchen um. Aber sie entzog sich ihm. »Dat is doch keine Art für feine Leut'!« Sie wollte als Dame gelten. Das Köpfchen leicht erhoben, die Fingerspitzen auf seinem Arm, schritt sie unantastbar an seiner Seite. Nun waren sie schon in der Bolkerstraße. Drüben leuchteten die kleinen Fensterchen der Zintersschen Likörstube. Zornig gab er sie frei. Er durfte erst eine Viertelstunde nach ihr eintreten ...

Am andern Morgen stand sein Kaffee wie immer vor der Kammertür. Er hatte einen schweren Kopf und pochende Unruhe im Blut. Die Akademie ließ er Akademie sein. Den Rhein entlang ging er durch die Wiesen, ganz verstört. In der Tasche klapperte ihm Geld. Er nahm es zögernd heraus und zählte es. Es waren fünf Mark.

Dann bemühte er sich, sich Gretchen vorzustellen und sich auf das Wiedersehen zu freuen. Aber als er heimkam, saß der alte Zinters mit der Magd allein am Tisch. Auf seine Frage nach Fräulein Gretchen antwortete der Alte kurz, sie habe Kopfschmerz von einer Geburtstagsfeier. Was der alte Schnapsschmuggler für Spüraugen machte! Halbtot legte er sich aufs Bett und schlief Nachmittag und Nacht durch bis zum andern Morgen.

Auch heute ging er nicht zur Akademie. Er wollte die Kompositionsaufgabe lösen. Ganz nüchtern war ihm zu Sinn. Er entwarf und verwarf, er strichelte hin und korrigierte, er nahm einen frischen Bogen und begann aufs neue. Um die Mittagszeit fragte er bei Zinters an, ob er an der Mahlzeit teilnehmen könne. Bei Tisch sah er Gretchen. Sie begrüßte ihn ganz kühl, während ihm das Herz bis in den Hals schlug. Als aber der Vater für einen Augenblick aufstand, um einem Kunden einen Genever einzuschenken, und die Magd nicht von ihrem Teller aufsah, den sie emsig auslöffelte, zwinkerte sie ihm schnell zu und machte leuchtende Augen. Dann kam der Vater zurück, und alles war wie zuvor. Aber die leuchtenden Augen sah er immer noch oben in seiner Mansarde, sein junges Blut klopfte wieder unternehmungslustiger und tatendurstiger, und mit der Zähigkeit der Wiskottens griff er nach einem neuen Zeichenbogen und entwarf und komponierte und rang mit seinem Stoff, bis er mit plötzlich einbrechender Dunkelheit das Papier nicht mehr erkennen konnte. Daß es Abend geworden war, hatte er gar nicht gemerkt. Er ging hinunter, um im Küchenzimmer etwas zu essen. Die Magd war im Keller, um ein paar Kruken aufzufüllen. Aus der Schankstube kam Gretchen mit einem Teller voll rotgefärbter Käserinden. Sie blickte sich um und stellte den Teller hin. Da spürte er auch schon ihren Körper und ihren Kuß. »Pßt ...« machte sie, und trällernd ging sie zur Gaststube zurück, wo sie mit Vaters alten rheinbefahrenen Freunden Karten spielte. Hastig verzehrte Ewald Wiskotten in der Hinterstube sein Abendessen.

Am nächsten Tag kam Ernst Kölsch. Während er die Komposition betrachtete, rieb er mit dem Finger gedankenvoll über sein bürstenartig geschorenes Schnurrbärtchen.

»So sprich doch nur endlich, Ernst.«

»Schad', daß wir nicht Winter haben.«

»Wieso?«

»Na, dann könnst du doch wenigstens Schnee schippen.«

»Ernst!«

Der Heimatgenosse packte ihn heftig beim Rockkragen. »Kerl! Was machst du? Umfallen? Du nährst dich zu schlecht, das geht doch nicht so weiter.«

»Ist es wirklich nichts? Liegt – gar nichts drin?«

»In dem Sängerkrieg da? Nun mach mal nicht so angstvolle Augen. Wenn man nix Ordentliches in die Knochen kriegt, soll der Deubel die Begeisterung für einen Sängerkrieg finden. Abgesehen von dem blödsinnigen Düsseldorfer Thema.«

»Nichts, Ernst, gar nichts?«

»Doch. Es liegt was drin. Ich weiß nur noch nicht was. Begabung hast du. Sie ist nur noch nicht recht malerisch wirksam. Du willst gleich zu viel, über dein ungepflegt Talent hinaus. Und dazu einen leeren Magen! Mensch, stell dir mal vor: ein geborener Wuppertaler mit einem leeren Magen!«

»Also – Hoffnung hast du doch?«

»Hoffnung? Mehr, mein Junge! Gewißheit, daß irgendwas in dir steckt. Die Kostüme holst du sonderbar gut heraus. Nun leg dir mal zunächst 'nen Kappzaum an. Man muß die Dinge gemächlicher auf sich zukommen lassen, oder man verspritzt sein Pulver und wirft dann die leere Flinte ins Korn. Hör mal, du ziehst zu mir.«

»Das – das kann ich nicht«, stotterte Ewald Wiskotten.

»Recht hast du«, sagte Ernst Kölsch, »man soll getrennt marschieren und zusammen schlagen. Also werden wir von jetzt an zusammen essen.«

»Du weißt, daß ich dazu kein Geld hab'.«

»Anna meinte, ich sollt' nun endlich solide werden und auf meiner Bude essen. Wenn's mir allein zu langweilig wär', sollt' ich mit dir gemeinschaftliche Küche machen. Wir rechnen mit Jahresschluß ab. Das hat ja keine Eile. Hier behältst du die Atelierklause bei. Du, wir tun dem guten Mädel, der Anna, wirklich einen Gefallen.«

Ewald Wiskotten schlug in die dargereichte Hand. Draußen lag verschwenderische Sommersonnenglut. Seine Hände waren eiskalt geworden.

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