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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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7

Eine Woche lang hatte der Streik die Wuppertaler Industrie gelähmt und sie gezwungen, mit großem Aufwand von Kosten und Zeit ihre Garne in auswärtigen Fabriken herrichten zu lassen. Die Wiskottensche Fabrik hatte daraus ihren Nutzen geschlagen. Da sie allein leistungsfähig geblieben war und mit Tag- und Nachtschicht arbeitete, hatte sie den Löwenanteil der Aufträge, welche die Herbstsaison vorbereiteten, auf sich gezogen. Die Inhaber der Firma, selbst die Frauen der Familie, waren kaum zur Ruhe gekommen.

»Der Wilhelm versteht den Rummel«, hatte Gustav Wiskotten zur Mutter geäußert. »Der muß den Engländern den Streikdeubel an die Wand gemalt haben, daß sie es wegen der Lieferungen mit der Angst kriegten. An dem ist ein Advokat zugrund gegangen.«

»Ein Avkat? De Willem will nich sechsspännig in de Hölle fahren.«

Seitdem der Jüngste das Haus verlassen hatte, war die alte Frau noch herber geworden.

Ostern war vorüber, und als die Woche zu Ende ging, dampften im Tal alle Schlote. In dicken Wolken wälzten sich die schwarzen Rauchmassen über die langgestreckten Häuserzeilen, und der Reisende, der vom Rhein kommend von der Sonnborner Brücke aus jäh unter sich und vor sich den Talkessel gewahrte, blickte staunend in den rauchenden Krater, in dem dreihunderttausend menschenähnliche Lebewesen existieren sollten. Unter Arbeitgebern und Arbeitnehmern war eine Einigung zustande gekommen. Beide Teile hatten eingesehen, daß ein Vorübergehenlassen der günstigen Geschäftskonjunktur hüben wie drüben dauernderen Schaden als Nutzen anrichten könne, und man war sich mit Forderungen und Gewährungen entgegengekommen. Die Feiertagsröckchen verschwanden im Schrank, ihre Besitzer hatten sich nachgerade im ewigen Sonntagsstaat zu langweilen begonnen, sie hatten Heimweh nach ihren luftigen Blusen, und das tägliche Spazierengehen gewährte ihnen bald schon nicht mehr den Reiz des kräftigen Regens aller Glieder auf den Arbeitsstellen. Als nach dem Osterfest der Himmel alle Schleusen öffnete und von morgens bis abends an der Arbeit war, die Spazierwege in Brei zu verwandeln, als die Reste des alten Wochenlohns verzehrt waren und die Frauen lamentierten, daß die Streikunterstützungen nicht für einen sauren Hering langten, wenn sechse mitäßen, da wurde es den Feiernden ungemütlich in ihren vier Wänden, und sie sehnten sich heftiger nach ihren Meistern, nur um von Muttern loszukommen. So schloß man zu annehmbaren Bedingungen den Frieden, mit der Aussicht, die Paragraphen nach Abschluß einer guten Geschäftsbilanz freiwillig von den Arbeitgebern einer Revision unterzogen zu sehen.

Die Fabrikschlote rauchten, als wollten sie nachholen, was versäumt war.

Gustav Wiskotten sah es und lachte. Er hatte diesmal den Rahm abgeschöpft.

Sein Vorgehen hatte ihm unter den Fabrikanten des Tals wenig Freunde geschaffen. Neidische Blicke folgten ihm und gehässige Bemerkungen über sein geringes Zugehörigkeitsgefühl zur Kaste.

»Was heißt das: Kaste?« hatte er seiner Frau geantwortet, als sie ihm im Namen seines Schwiegervaters Vorhaltungen machte. »Für mich gibt's nur eine Kaste, und das sind die Wiskottens. Wenn's denen in der Fabrik gut geht, bin ich ganz zufrieden.«

»Man merkt euch wirklich an, daß ihr von Bauern abstammt.«

»Ach nee? Das merkst du heute erst?«

»Sonst würdest du dich zu deinesgleichen halten und nicht zu den Arbeitern.«

»Du, die Arbeiter halten zu mir! Das ist ein Unterschied.«

»Das sind so deine Spitzfindigkeiten. Wenn du nicht weiter gearbeitet hätt'st, hätten die andern Fabrikanten nicht klein beigegeben.«

»Wenn sie vorzeitiger an die Arbeiter gedacht hätten, hätten sie das nicht nötig gehabt. Bei uns war Ordnung und Zufriedenheit. Sollte ich zur Belohnung für die alte Mannentreue Unordnung und Unzufriedenheit hervorrufen, nur weil die andern Herren einen Dickkopf aufsetzten, der sie nicht die Hand vor Augen sehen ließ? O nee, ich bin ganz zufrieden.«

»Ich glaub', du freust dich noch darüber, daß die andern in der Patsche saßen?«

»Tu ich auch. Ganz gewaltig sogar. Schad', daß es nicht länger dauerte.«

»Du solltst dich schämen, so was auszusprechen.«

»Die zarte Scham kenn' ich nicht. Und die andern würden sie gegebenenfalls noch viel weniger kennen. Wenn man in der Tinte sitzt, kann man leicht den Märtyrer spielen. Ich habe eben den Mut, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen.«

»Als wenn du überhaupt ein Herz hättest ...«

Er runzelte die Brauen und ging in die Fabrik. Auf dem Platze an der Wupper legte man die Grundmauern. Ein paar Minuten sah er zu. Dann nahm er erfrischt seine tägliche Arbeit auf. Um ihn her war werktätiges Leben, die Leute kannten keine Übermüdung, zum ruhelosen Schlagen und Sausen der Bandstühle pfiffen sie ein Lied. Aus dem Arbeiterinnensaal kam ein Mädchen die Treppe herab gesprungen, übermütig, in großen Sätzen. Sie sah ihn nicht und sprang gegen ihn an. »Du Radschläger«, lachte er und hielt sie fest. Einen Augenblick nur. Dann ließ er sie plötzlich laufen.

Es war ihm etwas durch den Kopf gefahren, ein Neid auf das warme, liebeslustige Leben. Und nun blieb er den ganzen Tag über verstimmt.

Am Abend kam er wie zerschlagen nach Hause. Er dachte gründlich auszuschlafen. Fritz hatte die Nachtschicht übernommen.

»Guten Abend«, sagte er, als er ins Zimmer trat, und warf die Mütze auf den nächsten Stuhl. »Sind die Kinder zu Bett?«

Emilie saß an ihrem Arbeitstischchen. Sie schaute gar nicht auf. Seine Frage beantwortete sie mit einem kurzen »Ja«.

»Könntest wohl auch guten Abend sagen«, und er setzte sich an den Abendtisch. »Wird gegessen?«

»Die Minna wird's dir gleich bringen.«

»Mir –?«

»Ich hab' schon mit den Kindern gegessen.«

»Ach so.« Er spielte mit Messer und Gabel. Es fiel kein Wort mehr. Dann brachte das Mädchen das Essen, und schweigsam verzehrte Gustav Wiskotten seine Mahlzeit. Als er seine Serviette zusammengeknüllt hatte, ließ er müde die Arme sinken.

»Ich kann nicht mehr zu den Kindern hinein. Ich bin zu kaputt. Ich leg' mich gleich hin.«

Keine Antwort.

»Ist dir was, Emilie?«

»Durchaus nicht. Ich halt' es für ganz richtig, daß du nicht noch zu den Kindern hineingehst.«

»Was soll das heißen?«

»Das werd' ich dir wohl nicht zu sagen brauchen.«

»Keine Ahnung, worauf du nun wieder anspielst ...«

»Weil dir das wohl alle Tage passiert.«

»Was: – Das?«

Emilie Wiskotten hob den Kopf. In ihren verweinten Augen stritten Haß und Verachtung.

»Hätt'st sie ja gleich mitbringen können, die Person!«

»Was nun wieder für eine Person? Zum Donnerwetter auch!«

»Laß das Fluchen!« Sie schrie es heraus. Der Grimm übermannte sie. »Wenn hier einer zu fluchen hat, so bin ich es! Was hab' ich denn von meinem Leben? Ärger, Sorgen, Zurücksetzung, weiter nichts! Behandelt werd' ich, als ob ich das Gnadenbrot bekäm' ...«

»Das ist nicht wahr!«

»Das ist wohl wahr! Nichts wird mit mir besprochen, alles mit der Mutter. Gerad' zur Magd gut genug werd' ich gehalten, jawohl, zur Magd, die fürs Essen zu sorgen hat und ihrem Schöpfer zu danken, wenn sie dich bei Tisch auf fünf Minuten sieht. Was weiß ich denn nach zehnjähriger Ehe mehr von dir, als wie du aussiehst? Nichts, gar nichts! Und wenn ich einmal etwas erfahr', ist es eine Niederträchtigkeit!«

»Du bist nicht bei Sinnen, Emilie.«

»Da soll ein Mensch seine Sinne behalten! Wenn er so was hört! Lauert im Fabrikkorridor den Arbeiterinnen auf, um sie abzudrücken und abzuküssen, und will hier den Unschuldigen spielen. Pfui, pfui!«

Über Gustav Wiskottens Stirn zog sich eine flammende Röte. Er fühlte sich im Unrecht.

»Wer hat dir das erzählt?«

»Also du leugnest nicht einmal. Nicht einmal so viel wert bin ich dir, daß du zu leugnen versuchst. O Gott, wenn nicht die Kinder wären ...«

»Nun beruhige dich zunächst mal. Ich hab' dich nur gefragt, wer dir das erzählt hat.«

»Das kommt gar nicht darauf an, wer's erzählt hat.«

»Darauf kommt es nun gerade sehr an, weil mehr als die halbe Geschichte gelogen ist.«

»Auf einmal? Gelogen? Die Minna hat's doch mit ihren eignen Augen gesehen!«

»Die Minna –?«

»Jawohl, die Minna, als sie den Kaffee aufs Kontor tragen wollte. Da hat sie dich gesehen, wie du das Frauenzimmer umarmt hast. ›Der Herr is gut aufgelegt‹, hat sie gesagt und gegrinst. Ich hätt' sie dafür ins Gesicht schlagen können.«

»Emilie, ist das wirklich so furchtbar, wenn ich mal gut aufgelegt bin?«

»Oh, mit andern, da wirst du's wohl immer sein. Ich werd' ja zu Haus gehalten. Ich erfahr's ja nicht.«

»Ich hab' mit dem Mädel nichts gehabt, als nur einen Scherz, der kein Licht scheut. Ich hab' sie aufgefangen, als sie die Treppe heruntergesprungen kam. Sonst nichts. Von Drücken und Küssen ist gar keine Rede.«

»Das hatt'st du auch nicht nötig!«

»Nee, nötig hatt' ich das nich. Wenn ich nur zu arbeiten habe, daß mir der Schädel summt, und dafür mein Essen und Schlafen – was kann der Mensch mehr verlangen.«

»Also hatt'st du dir doch was dabei gedacht!«

Gustav Wiskotten erhob sich. Er blickte über seine Frau hinweg in die Leere des Zimmers.

»Das ist schon möglich, Emilie.«

»Ich will's jetzt wissen! Oder hast du nun doch den Mut verloren?«

»Ich hatte mir gedacht«, sagte Gustav Wiskotten und ließ den Blick nicht von der Zimmerwand los, »wie schön es doch sein kann, jung zu sein, wie schön es doch sein kann, wenn einem ein junges Blut am Halse hängt, wie schön es doch sein kann, wenn einem ein liebes Geschöpf lachend und singend entgegenspringt und einem so mit seiner jungen tollen Liebe warm macht, daß man tagsüber bei der Arbeit statt zwei Fäuste sechzig Fäuste zum Schaffen spürt, nur um schneller heimzukommen. Wie schön es doch sein kann! Und wie manche Frauen so gar kein Talent dazu haben.« – –

Da brach es aufs neue aus ihr hervor.

»Du willst alle Schuld auf mich wälzen? Nach allem, was gewesen ist? Du?«

»Laß, Emilie. Das haben wir nun häufig genug gehabt. Du bist, wie du bist. Daran ist nichts mehr zu ändern.«

»Warum hast du mich denn geheiratet? Du willst mir doch nicht weismachen: deshalb, um mich zu erziehen?«

Gustav Wiskotten sah sie an. Es zuckte in seinem Gesicht.

»Wir waren beide blutjung damals. Von einer rechten Ehe, und wie sie sich auswächst, davon hatten wir keinen Begriff.«

»Nur deshalb hast du mich geheiratet?« fragte sie mit offenem Hohn.

»Und weil du schön warst. Da sagte ich mir: ein schöner Mensch ist auch ein fröhlicher Mensch, und Fröhlichkeit macht zu guten Kameraden. In deiner Fröhlichkeit hatt' ich mich nun geirrt.«

»Aber nicht in meinem Geld –?«

Er war auf den Angriff gefaßt gewesen.

»Ohne dein Geld«, sagte er ruhig, als handelte es sich um längst bekannte Dinge, »hätte ich dich nicht heiraten können. Wir Wiskottens waren vor zehn Jahren noch nicht so gestellt, uns einen Luxus gestatten zu können, unter dem die Familie gelitten hätte. Das mag hart klingen. Aber es ist stahlfester Familiensinn. Und er hätte dir, wenn du als kluge Frau darüber nachgedacht hättest, auf der andern Seite schnell sagen können, daß ich mit diesem stahlfesten Familiensinn auch an meiner neugegründeten Familie hängen würde. Und daß es in deiner Hand liegen würde, das zu Harte weicher zu machen, als nun die Fabrik aufatmete, und ich mit ihr. Aber du hast nix Luxuriöses in dir gehabt, weder an Heiterkeit noch an Gefühlen. Durch ewiges Klagen und Zanken kannst du den Zusammenhang nich herstellen. Und mich hat nun die Fabrik und immer nur die Fabrik zu müd' dazu gemacht.«

Emilie Wiskotten warf sich heftig weinend in ihren Stuhl.

»Ich wollt', ich wär' fort, ich wollt', ich hätt' die Kinder nicht, um hier heraus zu können, wie der Ewald. Ja, wie der Ewald! Der hat's euch wenigstens gezeigt, daß er sich nicht schurigeln läßt, daß er wer ist, der sich Beachtung verschafft! O Gott – –«

Gustav Wiskotten griff nach der Mütze.

»Wo willst du hin? Du hast doch gesagt, du willst dich zu Bett legen?«

»Ich hab' vergessen, in der Fabrik was anzuordnen. Da wird sich das Zubettlegen kaum lohnen.«

Da stand sie neben ihm.

»Ist – die von – heute nachmittag – auch in der Fabrik?«

»Du solltest mir deine Eifersucht lieber anders zeigen. Gut' Nacht.«

»Auf der Stelle würd' ich das Haus verlassen! Ohne noch einmal mich zu demütigen ...«

»Gut' Nacht.«

Er schritt schwerfällig über den Fabrikhof und schickte seinen Bruder Fritz, den er rauchend im Privatkontor fand, nach Hause.

»Mir ist eingefallen, ich hab' noch zu tun. Geh nur, da kommt's auf die paar Stunden mehr auch nicht an.«

Als der alte Kölsch später hereinkam, um über eine Ausführung zu reden, fand er seinen jungen Herrn, den Kopf aufgestützt, am leeren Schreibtisch. Auf eine Frage erhielt er keine Antwort. Da ging er hin und legte ihm die Hand auf die Schulter. Gustav Wiskotten sah auf, und ihre Blicke trafen sich. »Kölsch, man wird alt. Mir fehlt der Jungbrunnen.« Der Alte drückte ihm kräftig die Schulter. Dann ging er leise hinaus und tat für seinen Herrn die Arbeit. Worte hatte er nicht. – –

Eine Woche darauf kam Wilhelm Wiskotten aus England zurück. Er traf früh am Vormittag ein und begab sich sofort ins elterliche Haus, um zunächst einmal gründlich von den Strapazen der Reise auszuschlafen. Als Gustav Wiskotten am Nachmittag von der Fabrik herüberkam, schlief er immer noch.

»Es is ihm zu gönnen, Mutter. Bei den Misters drüben bei der Hand zu sein, geht in die Beine.«

»Du siehst nich gut aus, Gustav.«

»Hab' ich einen so schlechten Witz gemacht?«

»Ich hab' gar nich darauf gehört, weil ich dich angekuckt hab'. Komm, trink 'ne Taste Kaffee mit. Pastor Schirrmacher is auch da.«

Gustav Wiskotten ließ sich bewegen. »Ich hab' Vatter lang nich guten Tag gesagt. Deshalb.«

Der alte Wiskotten war sichtlich erfreut, seinen Ältesten vor sich zu sehen. Er hielt die ihm hingestreckte Hand lange fest. »Kerl du, mach dich nich so rar. Keiner lacht mir so die Gicht aus den alten Knochen wie du.«

»Wie geht's, Vatter? Mußt nich bös sein, daß ich weggeblieben bin. Ich hab' nix zum Lachen gewußt.«

»Setz dich, Gustav. Mach heut mal Feierabend.«

»Guten Tag, Herr Pastor. Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht gleich begrüßte.«

»Guten Tag, mein lieber Gustav. Du hast ganz richtig die Reihe eingehalten. Ehret Vater und Mutter, auf daß es euch wohl gehe.«

»Ich versuch's, Herr Pastor. Man tut, was man kann.«

»Nun ist der Ärger mit dem Streik ja auch glücklich überwunden. Ich habe den Leuten am letzten Sonntag Quasimodogeniti eindringlich ins Gewissen gepredigt: Wehe dem, durch den Ärgernis in die Welt kommt.«

»War das das Evangelium des Tages?«

»Das Evangelium des Tages stand Johannes im zwanzigsten: Selig sind, die da nicht sehen und doch glauben.«

Gustav Wiskotten löffelte in seinem Kaffee. »Ja – das hätten die Leute wohl auch schwer verstanden.«

»Der ungläubige Thomas aus der Heilsgeschichte hat sich fortgepflanzt bis auf unsre Tage!«

»Der Heiland ließ ihn wenigstens fühlen, daß er der Heiland war. Ich muß auch sehen und fühlen, was ich glauben möchte.«

»Ja, dat Streiken is nu zu Ende«, fiel Frau Wiskotten ein. Die Wendung, die das Gespräch nehmen wollte, paßte ihr nicht. »Nu werden Sie wohl alle Hände voll zu tun haben, Herr Pastor.«

»Zu tun gehabt haben, Mutter.«

»Deine Mutter, mein lieber Gustav, hatte ganz recht. Die Arbeit nimmt zu. Es kommen jetzt viele Leute, die ihr Unrecht einsehen, und bei denen ich mit einem kernigen Sprüchlein nicht hinter dem Berge halte.«

»Auch Fabrikanten?«

Der Pastor sah ihn scharf an. Dann sagte er, jedes Wort betonend: »Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat. Denn es ist keine Obrigkeit, wenn nicht von Gott.«

»Herr Pastor« – Gustav Wiskotten spielte nervös mit seiner Tasse – »wir sind unter Erwachsenen. Aus der Bibel läßt sich alles beweisen. Aus unsern Taten weniger. Sie wissen, wie buchstabengläubig die Wiskottens sind, die Mutter, der August. Da können Sie mich als Thomas schon in den Kauf nehmen. Und sehen Sie, Herr Pastor, ich zweifle nun einmal an der alleinigen Wirkung der Predigten, die oben von der Kanzel kommen, wenn nicht vorher unten die Taten feste eingegriffen haben.«

»Sprich dich nur aus, mein Sohn.«

»Was is da viel zu sagen? Es ist nun mal Sitte im Tal, daß die Pastöre die Gemeindemitglieder besuchen. Ja, wo hört denn die Gemeinde auf? Mit denen, die zur Kirche kommen? Dann wär's doch nur ein Gegenseitigkeitsgeschäft. Ich denk' mir die Gemeinde viel größer, und die, die nicht zur Kirche kommen, brauchen den Pastor und den Freund oft viel nötiger. Die andern haben ihn ja sowieso jeden Sonntag in der Kirche.«

Pastor Schirrmacher klopfte ihm die Hand. »Das hast du gut gesagt. Das ist eine Ansicht, die nicht ohne weiteres zu verwerfen ist. Und handle ich etwa nicht nach deinen Wünschen?«

»Herr Pastor«, erwiderte Gustav Wiskotten warm, »Sie machen eine Ausnahme, Sie sind einer von der alten Garde. Ich hab' nicht vergessen, daß Sie mir einmal in der Kinderlehre die Bibel an den Kopf geworfen haben, weil ich während der Auslegung der zehn Gebote mit den Mädchen in der andern Reihe stramm poussierte. Das hat mich dummen Jung' damals sehr zu Ihnen hingezogen, weil ich spürte, daß das werktätiges Christentum war. Nee, nee, Mutter, ich spotte nich. Das is mir heiliger Ernst. Und ich weiß auch, Herr Pastor, daß Sie Jahr für Jahr Ihr ganzes Gehalt hergeben, um Ihren Armen und Kranken aufzuhelfen. Und die werktätige Christenliebe macht Ihnen unter Ihren Amtsbrüdern so mancher nicht nach.«

»Du vergissest, daß ich keine Familie habe.«

»Bei den Geistlichen sollte eben der Begriff ›Familie‹ ein ganz andrer sein, oder sie sollten nicht Geistliche werden. Das ist ein Beruf, der sich nicht mit Examen erreichen läßt wie ein andrer. Dazu gehört unterschiedslose Menschenliebe und Selbstverleugnung. Über die Kirchgänger hinaus bis zu der großen Gemeinde derer, die daheim bleiben, die gewöhnt sind, übersehen zu werden, und die den Glauben an den Herrgott nicht finden, weil man ihnen den Glauben an die Menschen nicht gibt. Herr Pastor, wenn Sie nicht ein alter Freund unsrer Familie wären, würde ich nicht so sprechen. Aber glauben Sie mir, in der Fabrik da lernt man was. Da sieht man körperlich Elend und Gewissensnot oft auf einem Haufen. Die jüngeren Herren Pastöre im Tal sollten das mal von Grund auf kennenlernen. Nicht in den Presbytersitzungen oder bei Besuchen frommer Gemeindekinder, sondern in den kleinen Wohnungen, vom Keller bis zum Dach. Dann würden sie merken, daß es mit Wettern oder Säuseln von der Kanzel herab nicht allein getan ist. Wir Fabrikanten erziehen zur Arbeit, die Pastöre sollten zunächst zu Menschen erziehen. Engel werden wir von selber.«

Pastor Schirrmacher lächelte in sich hinein.

»Hab' ich dich wirklich in der Kinderlehre gehabt ...?« Er reichte ihm die Hand über den Tisch. »Dann will ich stolz auf meine Resultate sein, wenn ich ihnen in der Gestalt auch nur sporadisch begegnen möchte. Aber was du von der großen Gemeinde der Übersehenen sagtest, mein lieber Sohn – darin wirst du wohl recht haben. Wenn man mehr nach den Hausnummern ginge und weniger nach den Namensschildern, brauchte man die sozialdemokratische Gefahr nicht an die Wand zu malen.«

»Wenn das Ihr Ernst ist, Herr Pastor, na, dann Pro ... – Donnerwetter, ich trink' ja Kaffee!«

»Ich tu' auch in einem Glas Wein Bescheid. Was meinen Sie, Vater Wiskotten?«

»Das soll ein Wort sein, Herr Pastor. Mutter, gib mal Gläser. Nee, nee! Ich hab' keine Gicht, ich tu' nur so.«

Frau Wiskotten brachte die Rotweingläser. Kopfschüttelnd war sie der Unterhaltung gefolgt. Jetzt glaubte sie für ihren Ältesten eine Entschuldigung vorbringen zu müssen.

»Ich weiß gar nich, wie unser Gustav nur auf so wat kommt? Darüber hat er doch früher nich nachgedacht.«

»Vielleicht, weil der Ewald fortgelaufen ist. Wie kommt der Mensch plötzlich auf Gedanken ...?«

»Haben Sie von Ihrem Sohn aus Düsseldorf etwas gehört?« fragte Pastor Schirrmacher und führte sein Glas zum Munde. Er wollte den Alten Zeit lassen, zu antworten. Frau Wiskotten aber saß mit hart zusammengepreßten Lippen und starrte mit dem Ausdruck der Schwerhörigen geradeaus in die Luft.

»Ich habe durch Kölsch von ihm gehört«, antwortete Gustav Wiskotten für die Mutter. »Der Sohn unsers alten Werkmeisters ist ebenfalls in Düsseldorf auf der Akademie. Er hat geschrieben, daß Ewald angekommen sei und sich in der Bolkerstraße bei einem Zinters eingemietet habe. Es ging ihm augenscheinlich gut.«

»Also liegt zunächst zu Besorgnissen kein Grund vor?«

»Zu Besorgnissen? Der Jung' ist doch ein Wiskotten. Er soll sich nur die Hörner ablaufen, glattweg bis auf den Dickschädel. Wenn der ihm erst brummt, wird er schon zu Kreuze kriegen.«

»Für die Theologie ist er nicht geboren«, sagte Pastor Schirrmacher und wiegte den Kopf.

»Er kann ja trotzdem ein tüchtiger Kerl werden«, lachte Gustav. »Schneid hat er. Das hat er bewiesen. Fragt sich nur, wie weit sie reicht.«

»Du hast eine große Liebe für ihn.«

»Ich lieb' jeden, der Schneid hat. Das ist nie schlecht Material. Außerdem: wir Brüder prügeln uns nur unter uns, sozusagen aus übergroßer Liebe. Nach außen hin wacht einer eifersüchtig für den andern.«

»Nun siehst du, mein lieber Gustav«, sagte der Pastor, trank sein Glas aus und erhob sich, »daß auch Besuche in Häusern mit Namensschildern zuweilen nicht ohne Nutzen sind. Ich wenigstens muß gestehen, daß ich den Nachmittag für mich gut angewandt habe. Sechs Uhr ist es geworden. Halten Sie sich weiter so rüstig, lieber Vater Wiskotten, und Gott erhalte Ihnen Ihren zufriedenen Sinn. Adieu, liebe Frau Wiskotten. Gustav, du besuchst mich wohl einmal zu einer langen Pfeife?«

»Jetzt werd' ich den Wilhelm aus den Federn jagen«, sagte Gustav Wiskotten, als Pastor Schirrmacher gegangen war. »Der Kerl schläft wie ein Lord. Na, endlich!«

Wilhelm erschien, frisch rasiert, mit sorgsam gestutzten Bartkoteletten. Sein weiter Sakkoanzug war nach streng englischem Schnitt.

»Ja, glaubst du denn«, lachte ihm Gustav entgegen, »wir könnten die Fabrik stillegen, um dich zu begrüßen?« Er schüttelte dem Bruder kräftig die Hand. »Tag, Wilhelm. Siehst aus, wie aus dem Ei gepellt. Staats wie Schüppenkönig. Aber dat macht nix, wenn nur's Herz gut is. Alle Achtung, Wilhelm!«

»Guten Tag, Gustav.« Er nickte den Eltern zu. »Gibt's bald was zu essen, Mutter?«

Frau Wiskotten staunte.

»Ja, Jüngesken«, scherzte der alte Wiskotten, »wat willst du denn haben? Morgenkaffee? Zehnührken? Mittagessen oder Abendessen? Wenn't sein muß, fangen wir noch mal von vorne an.«

»Alles zusammen, Vater, in Gestalt eines Beefsteaks.«

»Mutter, er hat Böffstück gesagt.«

»Aber et is ja noch gar nich acht Uhr? Wat? Da kommen ja schon die Junges?«

August, Fritz und Paul Wiskotten stürmten die Treppe hinauf.

»Ist Wilhelm wach geworden? Guten Tag, Wilhelm! Tag, Jung! Tag, Inglischmen! Heil sei dem Tag«, begann Fritz Wiskotten mit schmetternder Stimme, »der heute uns erschienen ...« Und kräftig fiel der Chor ein: »Widebum, widebum, widebum!«

Der alte Wiskotten strahlte vor Vergnügen. Die Mutter hielt sich die Ohren zu und eilte in die Küche, um dem Mädchen Auftrag zu geben, sofort die Beefsteaks zu braten. Dann saß die ganze Familie um den Tisch und ermunterte Wilhelm zum Reden.

»Aber de Jung' is ja noch ganz flau im Magen«, wehrte die alte Frau.

Fritz schob ihm die Rotweinflasche in die Hand. »Trink aus dem Buddel. Satteltrunk – düdelüdelüdelüt! Fertig zur Attacke.«

»Dat macht ihn doch betrunken!«

»Das zählt beim Dutzend nicht. Was, alter Whiskysohn? Oder putz'st du dir jetzt die Zähne mit Sodawasser?«

»Ich weiß nicht«, sagte Wilhelm mit langsamem Tonfall, »daß ihr euch so absolut keine Lebensart angewöhnen könnt.«

»Lebens–art? Mutter, dem Wilhelm is wirklich flau.«

»Ich meine«, fuhr Wilhelm Wiskotten fort, »man unterscheidet doch, ob man sich in einer guten Familie befindet oder in einem Wirtshaus.«

»Mutter«, sagte Gustav Wiskotten mit gedämpfter Stimme, »paß auf, du kriegst den Hosenbandorden.«

»Wat fällt dir ein, so respektlos von deiner Mutter zu reden«, verwies ihm ärgerlich die alte Frau.

»Doch, doch! Un Vatter wird Peer von England.«

»Ich versteh' dat nich. Dat sind gewiß wieder gewöhnliche Redensarten.«

Die Brüder lachten. Selbst August Wiskotten verzog den schmalen Mund. Dann aber klopfte er auf den Tisch.

»Wir sind doch nicht eine Stunde früher aus der Fabrik gekommen, um Witze zu machen, sondern um in Ruhe Wilhelm anzuhören. Ihr könntet euch wirklich ernsthafter betragen. Hier handelt es sich ums Geschäft.«

Da wurde es still am Tisch.

»Ich habe ja regelmäßig berichtet«, begann der Heimgekehrte. »Zuerst gingen die Geschäfte wie immer. Unterbietungen von der Konkurrenz, langwierige Verhandlungen, Separatwünsche der Kunden, Ärger mit den Agenten. Dann kam Augusts Depesche, daß im Wuppertal abends der Streik ausbrechen würde, daß Gustav mit Aufwendung von Muskelkraft bei uns die Ordnung aufrechterhalten hätte und wir nun die einzigen seien, die prompt liefern könnten und das Doppelte durch Nachtschicht. Am andern Morgen nahm ich mir einen Wagen und fuhr sämtliche Kunden ab, den ganzen Tag über. Jedem einzelnen zeigt' ich die Depesche. Sie kannten die Nachricht schon aus den Morgenblättern und waren sehr besorgt, ob sie auch rechtzeitig ihre Lager assortieren könnten, um Preiskurants und Reisende hinauszuschicken. Na, nun spielte ich natürlich den Großartigen. Unsre Maschinen seien zwar schon über Gebühr in Anspruch genommen, aber um alten Kunden gefällig zu sein, würde ich auch noch ihre Aufträge entgegennehmen, wenn es sich nicht um Störung verursachende Kleinigkeiten, sondern um größere Abschlüsse handelte, und was der schönen Worte mehr waren. Am meisten imponierte den Engländern, daß bei uns allein Ordnung geschaffen sei. Wie ich ihnen erzählte, daß Gustav die Rädelsführer nur so mit den Köpfen aneinander gestoßen hätte, bis keiner sich mehr gemuckst –«

»Aber so hat sich dat ja gar nich verhalten«, bestritt Frau Wiskotten.

»Gewiß nicht. Aber ich hab's ihnen so erzählt.«

»Dat war aber nich schön von dir, Willem.«

»Ja, aber dann kamen die Orders, Mutter. Waren die auch nicht schön?«

»Die Orders, die waren gut.«

»Das ist die Hauptsache. Die Londoner Agenten haben an ihre Wuppertaler Häuser telegraphiert, was der Draht hielt, aber als endlich Nachricht kam: ›Streik beigelegt, alle Orders per sofort!‹ da hatte ich die Tasche voll.«

»Prost, Wilhelm«, sagte der alte Wiskotten und sonst nichts. Doch der Schluck schmeckte ihm.

»Bis zum Herbst wären wir nun gedeckt«, meinte August Wiskotten nachdenklich. »Aber die neue Färberei wird es fressen.«

»Arbeit wird sie fressen«, lachte Gustav herausfordernd, »und dann – na, die Geschichte mit dem Dukatenmännchen – –«

»Wir müßten einen Massenartikel fabrizieren«, sagte Wilhelm, »billig und schön, das bringt Geld.«

»Billig und schön! Vorderhand ist das dein Vorschlag auch.«

»Fritz schrieb mir doch von einem neuen Reitpferd, das er sich zur Herbstübung zulegen wollte. Da muß er doch wohl eine neue Idee haben, wie ich ihn kenne.«

Die Brüder sahen auf Fritz Wiskotten, der aufgeregt seinen gepflegten Schnurrbart strich. Instinktiv empfanden sie, daß es hier nicht um einen Witz ging. Hier wurde von der Fabrik gesprochen. Und einen Augenblick war es, als ob das Schlagen der Bandstühle, das Sausen der Spulen und Schiffchen, das Zischen und Stoßen des Dampfes von fernher kommend den ganzen Raum erfüllte.

»Fritz!« sagte Gustav Wiskotten.

Der erhob sich und lief ein paarmal durchs Zimmer. Dann rückte er seinen Stuhl zwischen den Sessel des Vaters und den Stuhl des ältesten Bruders und griff in die Brusttasche.

»Heut bin ich fertig geworden. Mit den Vorarbeiten. Und zur Feier von Wilhelms Rückkehr wollt' ich's euch sagen. Sieh mal her, Vatter. Was ist das?«

Der alte Wiskotten prüfte die Garnfitze. »Baumwolle –«

»Und das hier?«

»Seide – nee, Donnerwetter, dat is ja auch Baumwolle. Nu bin ich ganz konfus. Is dat nu Seide oder Baumwolle?«

»Es ist Baumwolle, Vatter.«

Die Brüder saßen mit vorgestreckten Köpfen dicht zusammengerückt. Man hörte ihren schweren Atem. Dann stand August Wiskotten auf, ging zur Tür, drehte den Schlüssel herum und setzte sich wieder. Die Fitzen gingen von Hand zu Hand.

»Nu los, Fritz – –!«

»Ja, wenn sich das alte Färberauge vom Vatter sogar einen Moment täuschen ließ« – er atmete befreit auf – »dann scheint's ja geraten zu sein. Ich mach's also direkt im Farbbad. Auf Stückware läßt es sich ja nachher aufdrucken, das können andre auch. Aber bei Bändern, die fertig auf dem Stuhl gearbeitet werden, ließ sich das Verfahren nicht anwenden. Und jetzt? Da, seht mal her.« Er nahm einen Bandabschnitt aus der Brieftasche. »Vorige Nacht auf dem Musterstuhl gemacht ...«

Wieder prüfte der alte Wiskotten, und wieder ging der Bandabschnitt von Hand zu Hand.

»Jung', Jung', die Chemie!«

»Ach, Vatter, die paar Semester in Freiburg haben das nicht gemacht, das ist vererbt, das ist von dir!«

»Und von Mutter.«

Die alte Frau hatte schweigend den Bandabschnitt zwischen den Fingern gerieben. Jetzt sah sie auf. »Gustav, dat du die neue Färberei so pressant baust, dat war dein bester Gedanke.«

»Also du glaubst auch daran, Mutter?« rief Fritz.

»Et is der beste Artikel, den ich in dieser Art im Wuppertal gesehen hab'. Fragt sich nur, wie teuer?«

»Nicht teurer wie pure Baumwolle. Ein paar Pfennige Aufschlag. Es ist nur ein Kniff mit den Chemikalien, und ich hab' probiert und probiert, bis ich's heraus hatte.«

Gustav Wiskotten erhob sich. »Komm, Fritz, wir wollen gleich mal aufs Laboratorium.« Auch August hatte sich sofort erhoben. Seine blasse Stirn war gerötet. »Das mußt du uns zeigen.«

»In die Fabrik? Jetzt noch mal? Nee, Kinder, jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Morgen früh.«

»Mensch«, rief Gustav Wiskotten und rüttelte ihn an der Schulter, »bist du denn so aus der Art geschlagen? Vorwärts!«

»Hast du denn nicht einen Funken von Geschäftsgeist?« donnerte August.

»Seid ihr verrückt?« schrie der junge Erfinder wütend.

»Jetzt geht's in die Fabrik!« befahl Gustav.

»Schreit doch nicht so«, wehrte Wilhelm Wiskotten unangenehm berührt ab. »Wir sind doch keine Rastelbinder.«

»Was willst du eigentlich mit deinem ewigen Hofmeistern, lächerlicher Kerl?«

»Kurz und gut, es geht nicht«, bestimmte Fritz. »Vor morgen früh nicht. Ich muß erst alles neu präparieren. Und dann kommt Vatter gleich mit.«

»Ja, wenn du das heute abend nicht präparieren kannst – –« Dann aber ging die Enttäuschung in einen ehrlichen Freudenausbruch über: »Deubel noch mal! Himmelherrgottsakramenter du! Alter Schwede!« Und zu jedem Kosewort ein gleich kräftiger Schlag auf die Schulter des Gefeierten.

Die Magd rüttelte an der Tür. Sie brachte das Essen. »Ich halt' mit«, rief Gustav, »Emilie is bei ihrem Vater.« Und trotz der Aufregung wurden die Schüsseln bis auf den letzten Krumen geleert.

»Ihr eßt wie die Scheunendrescher«, tadelte Wilhelm, »man muß sich fast schämen.«

»Vor wem, Inglischmen?«

»Vor meiner Braut!«

»Wa – – Was? – –«

Mit einem Ruck waren die Stühle vom Tisch zurückgegangen.

»Intelligent seht ihr mich gerade nicht an.«

»Du hast – eine Braut?« fragte Frau Wiskotten in strafendem Ton. Der alte Wiskotten rieb sich die Hände.

»Seit gestern. Ist das ein Verbrechen? Ich kündige euch also hiermit feierlich meine Verlobung mit Miß Mabel White an, Tochter des Herrn Charles White, unsers größten Londoner Kunden, und seiner Gemahlin Anna, geborene Winkelmann.«

»Oh – – –!« Das klang höhnisch respektvoll.

»So wat sagt man doch zuerst seinen Eltern?«

»Tu' ich auch, Mutter. Miß White wird euch gefallen. Sie soll im Sommer zu euch kommen.«

»Wat hab' ich denn von der Schwiegertochter? Ich kann doch kein Englisch sprechen.«

»Ihre Mutter ist eine Deutsche, aus Remscheid. Miß White spricht sehr geläufig deutsch.«

Aber das Entscheidende blieb doch, daß der alte Herr der beste Londoner Kunde war. August wies darauf hin: »Da hat Wilhelm mal wieder einen Nagel eingeschlagen.« – – Der Hohn kroch zurück, der Respekt wogte auf. Die Gratulation wurde stürmisch. Bis gegen elf Uhr mußte Wilhelm von seiner Braut berichten, daß sie groß, schlank, elegant und die beste Reiterin im Hyde-Park sei. Gustav Wiskotten hatte stumm zugehört. Er sah die lebensprühende Schwägerin vor sich, mit all dem fremden Reiz, der für den Mann den Ausgleich zum Alltag bedeutet. Wie ein fressender Neid kam es über ihn. Da erhob er sich schnell, jagte die Irrlichter zum Teufel und zwinkerte den Brüdern zu.

Die verstanden ihn und erhoben sich ebenfalls.

»Wo wollt ihr denn noch hin? Et is Zeit zu Bett.«

»Wir wollen Gustav noch nach Hause bringen. Der ist abends so kurzsichtig.«

Sie zogen über die stillen Straßen zur Wirtschaft von Abram Schulte, laut lachend und schwadronierend, als seien sie die Herren des nächtlichen Barmens. Der Zweitjüngste dachte an den Jüngsten. »Schad', daß Ewald nicht dabei ist.«

»Hast du Nachricht von ihm?«

»Er hat das Geld, das ich ihm geschickt hab', zurückgehen lassen.«

»Stolz lieb' ich den Spanier! 'n Abend, Oweram!«

»Wen Gott zwiebeln will, dem schickt er zum Angebinde die Wiskottens. Meine Herren, könnten Sie nicht mal einen andern glücklich machen?«

»Bier her!«

»Laßt den Falstaff reden! Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.«

»Spiele weiter mit die Locken, angenehmer junger Mann. Bier!«

»Hat sie Rasse, Wilhelm?«

»Die Mabel? Die tanzt dich tot und lebendig, Gustav.«

August stieß ihn in die Seite. »Träum nicht, Gustav.« Da sah er sich wirr um, packte sein Glas und begann lärmend zu singen.

»An der Gartentü–a–ür
Hat mein Mädchen mi–a–ir
Sanft die Hand gedrückt.«

Und schwelgend, gefühlsselig und ausgelassen fiel der Chor ein, als läge ihm auf der weiten Welt nichts andres im Sinn:

»O wie ward mir d–o–a,
Als mir das gescha–o–ah,
Als mein Mädchen mi–a–ir
Sanft die Hand gedrückt – – ...«

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