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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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2

»Morgen, Herr Kölsch.«

»Morgen, Herr Wiskotten.«

Der graubärtige Werkmeister lüftete, wie es Gustav Wiskotten getan, die seidene Schirmmütze.

»Mein Bruder Wilhelm geht anfangs nächster Woche nach England zurück. Sorgen Sie doch, daß heute noch die Musterkarte für London aufs Kontor kommt.«

»Ist schon in der Buchbinderei, Herr Wiskotten. Um zehn Uhr wird sie vorliegen.«

»Sie haben das Geschäft im Kopf wie wir. Im Betrieb was zu bemerken?«

»Die neue Maschine arbeitet. Ein Genuß, sie zu sehen. Denn zu hören gibt's fast nix. Fast geräuschlos.«

»Kommen Sie mit.« Seine Augen strahlten. Und sie gingen über den Fabrikhof ins Maschinenhaus. »Morgen, Armbrust. Na? Stolz?«

Der Maschinenwärter in enganliegendem blauen Leinenanzug und dicken Wollpantinen rückte an der Mütze, grinste und trat beiseite. Durch das mächtige Oberlichtfenster fiel die Morgensonne. Sie spielte auf den blank polierten Steinfliesen, kletterte auf und ab an dem funkelnden Messinggeländer, das die Maschinen schützend umgab, und spiegelte sich in den hundert blitzenden Bestandteilen der Ungetüme. Der Raum und sein Inhalt sahen aus, als wären sie zu einer Ausstellung, zu einer Sehenswürdigkeit bestimmt und nicht zur harten Fron des Werktages. Nicht eine Fußspur auf den Fliesen, nicht ein Fingerabdruck am Geländer und den Maschinen, in der Luft kein Sonnenstäubchen. Die gewaltigen Transmissionsriemen sausten aus der Wand heraus mit einer Geschwindigkeit über das Schwungrad, daß dem Auge war, als schwebten sie regungslos in der Luft.

Gustav Wiskotten ging um den Koloß herum. Langsam, Schritt für Schritt. Seinem Blick entging keine Schraube.

»Kölsch, die kostet ein Vermögen.«

»Wird auch eins einbringen, Herr Wiskotten.«

»Sag' ich auch. Deshalb hab' ich's durchgesetzt. Wer nix riskiert, kann nix gewinnen. Vater und August hatten Herzklopfen. Meinten, die hundertfünfzig Pferdekräfte täten's auch. Nun sehen Sie sich mal den Zwerg an.«

Er klopfte der stilliegenden kleinen Maschine auf den Kessel, wie man ein Reitpferd tätschelt.

»Auch ein braver Kerl, Herr Wiskotten. Tut ihren Dienst wie geschmiert. Gegen die vierhundertfünfzig Pferdekräfte der neuen kann sie natürlich nicht an.«

»Wollen sie auch nicht vergleichen. Wollen einfach sagen: zusammen – sechshundert Pferdekräfte.«

Das kam aus tiefster Brust. Wie ein Vorwärtsbefehl. Der graue Werkmeister blickte zu ihm auf wie der Waffenmeister zu seinem jungen Recken. »Nur nich einrosten lassen.«

Gustav Wiskotten griff den Blick auf.

»Solang ich was zu melden hab', nicht! Werd' schon sorgen, daß sie alle beide laufen und nicht zum Atemholen kommen. Jetzt nehmen wir die Fabrikation halbseidener Bänder dazu. Das ist ein Verkaufen. Und die Färberei wird vergrößert. Vom Rohfaden bis zum fertigen Stück wird alles im Haus gemacht. Was die Ganzgroßen können, können wir heute auch. Und Verdienen wird groß geschrieben.«

»Wann soll die neue Färberei gebaut werden?«

»Sobald ich den Platz hab'. Die Eisenbahndirektion will ihn nicht hergeben. Kann sie ihre Asche nicht anderswo abladen? So 'ne Dickfelligkeit.«

Er wandte sich zum Gehen. »Vielleicht, daß heute Nachricht kommt.« Noch einmal glitt sein Blick liebkosend über die Maschine. An der Tür probierte er die Ölpumpe.

»Armbrust, wenn Sie die Maschinen trocken laufen lassen, holt sie der Deubel!«

»Soll er, Herr Wiskotten.«

Draußen arbeitete der Heizer schweißtriefend an den Feuerlöchern. Seine Schaufel grub sich knirschend in den aufgestapelten Kohlenberg und beförderte im Schwung die Ladung in den Molochsrachen. Das buntgestreifte Hemd stand über der Brust weit auf, die wie Gesicht und Hände vom Kohlenstaub dicht überzogen war. Die Schweißtropfen, die ihm von der Stirn bis ins Hemd liefen, zogen weiße Rinnen in die schwarze Farbe. Als er die Herren kommen sah, hielt er inne in der Arbeit, stützte sich auf den Schaufelstiel und wischte sich mit dem Handrücken die Stirn.

»Na, Christian, fluscht et? Die Neue schluckt Futter, wat?«

»Och, Herr, dat Biest frißt – ja, ich will mal sagen: mehr als meine Olle und meine sieben Blagen zusammen.«

»Aber satt werdet Ihr sie kriegen, die Maschine un auch das Nest zu Haus.«

»Wär' nich schlecht, Herr Gustav.«

»Vom Samstag an en Dahler Zulage, Christian.«

»Donnerkiel – da sag' ich danke.«

»Wie lang ist der schon in der Fabrik?« sagte Gustav Wiskotten, als er mit Kölsch über den Fabrikhof zum Hauptgebäude schritt.

»So lang wie ich und der Armbrust und noch en paar. Zum Frühjahr werden's fünfundzwanzig Jahr. Seit Ihr Herr Vater hier anfing.«

Gustav Wiskotten schüttelte ihm die Hand. Dann rückten sie an den seidenen Schirmmützen und trennten sich. Der junge Fabrikherr ging durch den Arbeitssaal und die endlose Doppelreihe der ratternden, schlagenden Bandstühle. Es war ein ohrenbetäubendes Getöse in der Halle. Die Transmissionsriemen pfiffen, die Bandstühle klapperten mit ihren hölzernen Armen, für sich ein jeder in monotonem Takt, zusammen in wilder Disharmonie; die Spulen schnurrten, und die Schifflein sausten und tanzten von links nach rechts, von rechts nach links, als wollten sie das Perpetuum mobile ergründen. Und seitwärts spien die Stühle die Masse des fertigen Bandes wie geringelte Schlangen aus. Arbeiter besorgten die Handgriffe, junge Arbeiterinnen steckten die frischen Garnspulen auf. Das lebte und strebte wie in einem Riesenbienenkorb.

Gustav Wiskottens Auge prüfte bei jedem Stuhl den Artikel, den er herstellte. Keiner der Arbeiter blickte auf. Es konnte ein Faden reißen, das Garn sich verzwirnen. Ein Mädchen lief vorbei und ließ eine Spule fallen. Es bückte sich danach. Gustav Wiskotten gab ihm einen Klaps, daß es einen Schritt vorschoß. Das Mädchen lachte mit rotem Kopf. Kein Mensch sah sich um. Das Getöse verschlang jeden Ton.

Und plötzlich: ein Pfiff, ein Abschwellen, eine leere Stille – –. Kaffeepause! Acht Uhr morgens!

Mechanisch blickte Gustav Wiskotten auf die Uhr. Dann ging er über eine Seitentreppe, um zum Kontor zu gelangen. Die Post mußte eingelaufen sein. Unterwegs warf er durch die offene Tür einen Blick in die Haspelstube. Rohseidengarne und Baumwollgarne lagen aufgetürmt in verknoteten Fitzen. Die Haspeln waren leer. Die Arbeiterinnen – an die dreißig Mädchen und etliche jüngere Frauen – hockten im Kreis um ihr dampfendes Kaffeegeschirr. Mitten unter ihnen saß eine alte Frau, sechzigjährig, starkknochig, mit energischen Zügen um Mund und Augen. Auf ihrem breiten Schoß ruhten Seidenfitzen, deren Bearbeitung das Frühstückssignal unterbrochen hatte. Nun dienten sie einem dickleibigen Buch als Unterlage. Die alte Frau las, die goldene Brille auf der Nase, Buchstaben für Buchstaben formend, aus der Bibel.

»Und Jesus ging umher in alle Städte und Märkte, lehrte in ihren Schulen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilete allerlei Krankheit im Volke. Und da er das Volk sah, jammerte ihn desselbigen; denn sie waren verschmachtet und verstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende!«

Man hörte ihr geduldig zu. Man wußte, daß diese Frau mit dem Wort Gottes im Schoß eine rasche Hand besaß.

»Guten Morgen, Mutter«, sagte Gustav Wiskotten.

Sie nickte, ohne aufzublicken, und las weiter. Und Gustav Wiskotten öffnete die Tür zum Kontor, trat geräuschvoll ein, warf seine Mütze auf den Tisch und rief: »Post her!«

»Kannst wohl auch guten Morgen sagen.«

»Knurr nicht, August. Lauf' schon seit Sieben im Betrieb herum. Da vergißt man die Zeit.«

»Du sähst wohl am liebsten, wenn man schon eine Stunde vor der Post die Kontorstühle wärmte.«

»Jedenfalls lieber, als daß die Mutter so früh herausläuft. Hätt'st doch achtgeben können. Sie ist nicht mehr die Jüngste.«

»Mutter ist gesund. Und den Haspelmädchen tut die Beaufsichtigung gut, auch die Morgenandacht.«

»Die Leute sollen in der Kaffeepause ausspannen. Die Andachten könnt ihr extra einrichten. Alles zu seiner Zeit.«

»Sag's doch der Mutter.«

»Ich werd' mich hüten. Na? Post gut?«

»Die Bestellungen auf kurze Lieferfrist häufen sich. Wenn wir uns nur nicht zu früh engagiert haben.«

»Ach, Unsinn. Wir leisten, was nur verlangt wird.« Er saß über die Briefe gebeugt und überflog Seite auf Seite. »Gut ... Sehr schön ... Was? Preise drücken? Gibt's nicht. Ach so, bei solchen Posten ... Da lohnt es sich. Muß kalkuliert werden, mit Überstunden. Verdammt!« Er schlug mit der Faust auf einen Brief.

August Wiskotten erhob sein glattrasiertes Gesicht und warf einen hastigen Blick nach der Tür, die das Privatkontor vom großen Kontor trennte. »Gustav!«

»He? Was denn? Choräle singt man in der Kirche, aber nicht im Geschäft. Was sagst du nun zu dieser Eisenbahnergesellschaft? Lehnt kurzweg ab, zu verkaufen! Will uns aushungern! Will uns strangulieren! Oho! Na warte!«

»Hab' ich nicht gewarnt, Gustav? Erst das Hinterland haben, erst bauen, dann die neue Maschine und dann die neuen Engagements nach außen hin?«

»Zum Kuckuck, daß wir die günstigste Konjunktur versäumt hätten! Du bist doch selber Kaufmann, schlauer als Moses und die Propheten ...«

»Meine kaufmännische Tätigkeit hat mit der Bibel auch nicht das geringste zu tun.«

»Nee, das kann dir dein Feind nicht nachsagen. Also nu laß mal den unberührten Kaufmann reden.«

»Wir müssen etwas suchen. Wir müssen etwas finden, womit wir die Eisenbahndirektion ärgern, bis daß sie quiekt.«

»Ärgern!« Gustav Wiskotten war aufgestanden. Und dann lachte er sein lautestes Lachen. »August, die Sünde hast du auf dem Gewissen. Ich bin Adam, der verführte. Nun laß mich machen.«

»Wenn du so willst, ist Handel und Wandel Sünde. Geschäft ist Geschäft. Das hat seine eigene Moral.«

»Bravo! Einen Jammer von gestern scheinst du nicht zu haben. Wo ist denn Wilhelm, Fritz und Paul?«

»Wilhelm ist wegen der Musterkarte auf der Buchbinderei, Paul sitzt auf dem Kontor, und Fritz ist auf seinem Laboratorium in der Färberei. Alles in Ordnung.«

»Hat Vater gut geschlafen?«

»Danke. Ewald leistet ihm Gesellschaft.«

»Bis nachher denn.« Er schob die Mütze in den Nacken und ging grübelnd hinaus. Nachdenklich durchquerte er den Fabrikhof, ging um die Färberei herum und stand an der Wupper, die das Fabrikgebiet nach hinten abschloß. Fauchend strömte der Dampf aus den Röhren der Färberei in das dunkle Wasser und verwandelte es in dicken, fettigen Schaum. Klatschend sausten die roten, blauen und schwarzen Abwässer der Färberei in den Fluß, der, seit er in den Bereich der Wuppertaler Industrie getreten war, keinen einzigen reinen Quelltropfen mehr mit sich führte. Jenseits der Wupper, auf weithin sich streckenden Wiesen, übten die Barmer Bleicher ihr Gewerbe aus; diesseits, neben der Färberei der Wiskottens, benutzte die Eisenbahn den tiefer liegenden Grund, Massen von Asche abzuladen.

Lange stand Gustav Wiskotten am seichten Ufer und blickte den Flußlauf hinauf. Ohne das große brachliegende Gelände neben der Färberei war die bauliche Entwicklung der Fabrik zum Stillstand gebracht. Wer hätte das voraussehen können? Ganz klein hatten die Alten hier vor fünfundzwanzig Jahren begonnen und langsam, je nach dem Verdienst des Jahres, sich vergrößert. Als Gustav Wiskotten, kaum mündig geworden, Emilie Scharwächter geheiratet hatte, hatte er durchgesetzt, daß ihr Geld in den Betrieb gesteckt und ein weiteres Areal hinzugekauft wurde. Er sah noch die erschrockenen Augen seines biederen Vaters vor sich.

»Jung', Jung'«, hatte der Alte kopfschüttelnd gemeint, »dat baust du dein Lebtag nich voll. Bis dahin schmeißen se mit unseren Knochen längst die Birnen vom Birnbaum.«

Und heute?

Ein kalter, wilder Stolz durchfuhr den grübelnden Mann und hob seine Stirne hoch. So weit war er gekommen! Das war sein Werk! Hemmnisse gab's für ihn nicht! »Wofür bin ich denn sonst auf der Welt?!«

Noch einmal prüfte er mit dem Blick das angrenzende Grundstück. Mit dem Blick des Besitzers. Dann stieß er die Tür zur Färberei auf.

Eine Sekunde lang konnte er nichts erkennen in dem dicken weißen Qualm, der den Raum, feuchtwarm, bis in den letzten Winkel füllte. Dann unterschied er die Leute, die in ihren schwarzen Nesselhemden an Bottichen und Kufen hantierten, in denen die Farbbäder brodelten und die durchlaufenden Dampfröhren einen Höllenlärm verursachten, daß kaum der Takt der die Garne schwingenden Färberknüttel auf den Bottichrändern zu vernehmen war. »He – –! Is Kölsch da?« – »Nich gesehen!« – »Mein Bruder Fritz?« – »Oben!« – Und der Lärm ging weiter.

Gustav Wiskotten stieg über die dampfenden Wasserlachen hinweg. Ein ungeschickt geführter Färberknüttel traf ihn in die Seite. »Hoppla«, sagte der Arbeiter. »Dämelskopp«, quittierte Wiskotten die Entschuldigung. Die Sache war erledigt.

Oben, im engen Laboratorium, traf er Fritz. Den Schnurrbart hochgebürstet, saß er über einen Teller gebeugt und knapperte an einem Hering, den er zwischen den Händen an Kopf und Schwanz straffzog. Vor ihm stand ein halbgeleertes Bierglas.

»Du, sag mal, du irrst dich. Du befindest dich hier nicht im Biwak.«

»Laß mich gewähren. Ein Kater fragt nicht danach.«

»Aber ich! Führ du deinen Kater nach Feierabend spazieren.«

»Zu dumm, darauf zu antworten.«

»Benimm dich, mein Junge!«

Fritz Wiskotten sprang empor. »Was fällt dir ein? Ich bin hier so gut Herr wie du!«

»So! Dann zeig es zunächst vor den Arbeitsleuten. Wenn die mit einem Fuselkopp in die Fabrik kommen, jagen wir sie nach Haus. Heringe sich holen lassen! Um neun Uhr morgens! Die Färber werden sich lustig gemacht haben.«

»Mir total schnuppe.«

»Mir aber nicht. Wer Herr sein will, muß für die Leute fehlerlos sein. Un wenn dir der Kopp kracht vor Jammer oder Katzenjammer, du hast es nicht zu zeigen. Du hast überall der Stärkere zu sein. Das ist Führerparole.«

Fritz Wiskotten trank wütend sein Bier aus.

»Hast du Kölsch nicht gesehen, Fritz?«

»Nee. Was soll er?«

»Will mit ihm sprechen. Die Eisenbahner geben das Terrain nicht her. Und in der Färberei stößt man sich doch jetzt schon die Rippen weg.«

»Verfluchzig! Dann kann ich nicht prompt liefern. Ich muß Raum haben. Geben nicht her? Oho, Gustav, das wirst du ihnen zeigen!«

»Das denk' ich auch. Arbeit' nur fix die Pläne aus, damit alles vorbereitet ist.«

»Kannst dich drauf verlassen. Adschüs, Gustav.«

Gustav Wiskotten verließ die Färberei. Doch gut Material, die Brüder. Nur noch unerzogen. Allerhand Allotria im Kopf.

An der Wupper, neben dem Waschhaus, traf er den grauen Werkmeister. Auch er sah scharf nach dem Nebengrundstück.

»Dat hilft nu nich, Herr Wiskotten, wir müssen et haben. Oder wir können die Vierhunderfünfzigpferdige als alt Eisen verkaufen.«

»Kölsch«, sagte Gustav Wiskotten und trat dicht an ihn heran, »ich hab' Sie gesucht wie eine Stecknadel. Ich weiß, Sie lieben die Fabrik, Sie lieben die Wiskottens. Is es nich so?« Er hatte seinen Arm in den des Alten gelegt.

»Ich gehör' zum Inventar, Herr Gustav.«

»Ja ... Als ich noch klein war und Geschichtenbücher verschlang, da hab' ich bei der Nibelungensage immer für den Hagen geschwärmt. Na, Sie sind ja belesener als ich. Aber bei dem Hagen, dem treuesten Mann seines Königs, der mit der Treue stirbt, da hab' ich als Junge mir immer Sie vorgestellt. Ohne Sie waren wir nicht zu denken.«

Des graubärtigen Mannes Augen leuchteten auf.

»Herr Wiskotten, wir verstehen uns. Pflicht gegen Pflicht. Und was wünschen Sie nu?«

»Kölsch, Sie haben hinter dem Rittershauser Bahnhof einen Garten. Er stößt ans Rangiergeleise.«

»Herr Wiskotten, der liegt zu weit von uns ab. Das wären doppelte Kosten.«

»Für uns! Selbstverständlich! Daran ist nicht zu denken. Aber die Stadt hat deswegen doch bei Ihnen angefragt.«

»Gewiß, und ich hab' geantwortet, daß ich bei einem anständigen Preis verkaufen will.«

»Wissen Sie, was die Stadt damit will?«

Der Werkmeister schüttelte den Kopf. »Kann mir gleich sein, wenn sie gut bezahlt.«

»Die Stadt will ein Geschäft mit der Eisenbahndirektion machen. Oder umgekehrt. Nun?« Seine Augen triumphierten.

»Ja, daran kann ich nix ändern.«

»Kölsch, Sie müssen mir einen großen Dienst erweisen. Sie müssen mir den Garten sofort auf Handschrift hin verkaufen. Ob ich ihn so hoch bezahlen kann wie die Stadt, wenn man sie schraubt, oder ob ich ihn an Sie zurückgeben muß und Ihnen den ganzen Handel mit der Stadt inzwischen verdorben hab', das kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen. Es ist hundsgemein von mir, Ihnen so 'nen faulen Vorschlag zu machen, wo Sie nur zuzugreifen brauchen, um eine große Summe festzuhaben. Kölsch, ich würd' mich auch schämen, einem andern wie Ihnen damit zu kommen. Für mich selbst tät' ich's ums Verrecken nicht. Aber für die Fabrik. – Sehen Sie, das ist wie ein Kind, das man in die Welt gesetzt hat und für das man sorgen muß, daß es mannbar wird. Und wenn es uns den letzten blutigen Schweißtropfen ausquetscht. Die Fabrik, Kölsch!« – Er atmete schwer auf.

»Herr Wiskotten«, sagte der alte Werkmeister, und seine Blicke folgten dem Lauf der arbeitsamen schwarzen Wupper. »Ich versteh' Sie ganz gut. Auch Ihren Plan. Sie wollen was haben, womit Sie die Eisenbahndirektion pisacken können.« Er schaute seinen jungen Herrn an. »Der Garten steht zu Ihrer Verfügung, das bedurfte keiner Worte. Ich werd' doch die Fabrik nicht im Stich lassen.«

»Aber es entgeht Ihnen vielleicht ein größerer Gewinn?'

»Die Wiskottens haben mich fünfundzwanzig Jahr nicht verhungern lassen. Im Gegenteil. Für mich und die Anna reicht's doppelt, auch, daß wir dem Ernst genug nach Düsseldorf schicken können.«

»Wie geht's dem Ernst auf der Akademie? Ist er bald ein großer Maler?«

»Er kann mehr als er tut – –«

»Besser als umgekehrt, Herr Kölsch.«

»Damit tröst' ich mich auch. Soll ich Ihnen jetzt die Unterschrift geben?«

»Hagen«, sagte Gustav Wiskotten. Mit dem ihm eignen kalten, wilden Stolz, den auch der Alte hatte. Dann gingen sie in die Werkmeisterstube, und Albert Kölsch bescheinigte Gustav Wiskotten den Kauf des Gartenlandes, anstoßend an das Rangiergleis des Rittershauser Bahnhofes. Eine halbe Stunde darauf saß der junge Fabrikherr im Zuge, der ihn nach der Elberfelder Station Döppersberg brachte, in deren Nähe sich das Verwaltungsgebäude der Eisenbahndirektion befand.

Der Präsident war nicht zu sprechen. Wiskotten ließ sich bei dem Dezernenten melden, der die Grundstücksangelegenheiten bearbeitete. Er durfte eintreten.

»Mein Name ist Wiskotten, Fabrikbesitzer in Barmen.«

Der Regierungsrat nickte. »Wir haben Ihnen leider eine abschlägige Antwort erteilen müssen, Herr Wiskotten. Die Bahn verkauft nicht. Wir sind selber froh, daß wir ein paar Grundstücke haben, die wir notwendig brauchen.«

»Aber das Terrain neben unserer Färberei kommt für Sie gar nicht ernsthaft in Betracht. Asche können Sie doch an jeder Böschung abladen.«

»Über die Tragweite unserer Ernsthaftigkeit steht Ihnen kein Urteil zu, Herr Wiskotten. Ebenso ist es wohl unsere Sache, zu entscheiden, was wir können und was wir nicht können. Das sind Verwaltungsangelegenheiten, für die Ihnen doch wohl der rechte Blick fehlen dürfte.«

»Könnten wir die Unterhaltung nicht etwas gemütlicher fortsetzen, Herr Regierungsrat?«

»Von Gemütlichkeit ist hier durchaus keine Rede, sondern vom königlichen Dienst.«

»Ich wollte nur ergebenst darauf aufmerksam machen, daß ich seit meiner Konfirmation bereits lange Hosen trage. Das sind fast zwanzig Jahre.«

Der Regierungsrat machte eine kühle Abschiedsverbeugung.

»Sie wollen das für Sie wertlose Terrain nicht an uns verkaufen? Auch nicht, wenn ich Ihnen sage, daß Sie dadurch imstande wären, unsre Fabrikation zu lähmen? Wir sind nicht die geringsten Steuerzahler. Das sollte doch wohl berücksichtigt werden.«

Der Regierungsrat zuckte leicht die Achsel.

»Die Entscheidung in der Angelegenheit ist gefallen. Sie halten sie in Händen. Damit ist die Sache außerhalb unseres Gesichtskreises. Sie verzeihen wohl: ich habe Wichtigeres.«

»Eine Frage noch, wenn Sie erlauben. Ich würde unter Umständen bereit sein, mit der Bahn ein Tauschgeschäft zu machen. Was sagen Sie dazu?«

»Herr Wiskotten, das ist doch hier kein Pferdehandel. Und meine Zeit ist wirklich knapp bemessen.«

»Sie wollen also nicht?«

»Einem neuen Gesuch Ihrerseits steht ja nichts im Wege«, sagte der Beamte in verabschiedendem Tone.

»Danke. Ich brauche meine Tinte nötiger. Na, so werde ich denn in Gottes Namen die neue Fabrik an das Rangiergelände des Rittershauser Bahnhofs bauen. Hoffentlich vertragen wir uns. Ruß- und Funkenauswurf der Lokomotiven wird ja vorschriftsmäßig zu unterbleiben haben. Die Prozesse sind kostspielig.«

»Von welchem Grundstück sprechen Sie denn eigentlich? Das einzige, das sich dort befindet, ist uns von der Stadt angeboten worden.«

»Sehr unrecht von Ihnen, daß Sie sich nicht zuerst mit dem Eigentümer in Verbindung setzten.«

Der Regierungsrat sah scharf auf. Dann klingelte er nach dem Aktenfaszikel und blätterte schnell darin.

»So. Hier hätten wir's ja. Was sprechen Sie denn immer von Ihrem Grundstück? Eigentümer ist Albert Kölsch.«

»War, Herr Regierungsrat, war! Den gegenwärtigen Besitzer sehen Sie in mir.«

»Können Sie sich darüber ausweisen?«

»Wenn Sie Interesse an meinem Grundstück haben? Ich trage das Schriftstück zufällig bei mir. Hier: schwarz auf weiß.«

Der Regierungsrat las und kniff die Lippen zusammen.

»Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Danke sehr, jetzt habe ich mich schon ans Stehen gewöhnt.«

»Bitte sehr um Entschuldigung. Aber unter dem starken Druck der Geschäfte vergißt man so leicht – bitte ergebenst, Herr Wiskotten.«

Gustav Wiskotten setzte sich.

»Es ist gleich Mittagszeit, Herr Regierungsrat. Sie wissen, was das in einem bürgerlichen Haushalt bedeutet.« Er lachte gemütlich. »Das Geschäft liegt ja auch so einfach. Sie haben mein Grundstück so nötig wie das liebe Brot –«

»Nun, nun – darüber ließe sich streiten.«

»Wir wollen's aber nicht, um keine Zeit zu verlieren. Und nun sehen Sie, genau so nötig, wie Sie mein Grundstück haben, habe ich das Ihre. Was tun kluge Hausväter in solchem Falle, um sich Zeit und Kosten zu ersparen? Sie tauschen!«

»Das dürfte doch nicht so einfach sein. Es müßten doch immerhin die Grundwerte gesucht und berechnet werden.«

»Die Größe der Areale stimmt fast überein. Die Werte aber sind von dem Moment an, da das Objekt unbedingt in die Hände gebracht werden muß, ideelle Werte. Schrauben Sie Ihren Preis so hoch wie Sie wollen, er kann meinen Preis nie übersteigen, wohl aber erreichen, wenn wir uns die beiderseitige Situation klarmachen und ohne Umschweife auf den Kern der Sache gehen.«

»Sie reiten eine forsche Attacke, Herr Wiskotten.«

»Ich weiß, was ich solch einem Gegner schuldig bin.«

Der Regierungsrat verneigte sich. »Da darf ich wohl nicht zurückbleiben. Ich werde dem Herrn Präsidenten sofort Vortrag halten. Würde es Ihnen morgen um diese Zeit wieder passen?«

Gustav Wiskotten erhob sich. »Es freut mich, daß wir uns so schnell verstanden haben. Besonders, da ich ohne Aufschub mit dem Bauen beginnen muß, hier – oder dort. Morgen um zwölf also. Gesegnete Mahlzeit, Herr Regierungsrat.«

»Auf Wiedersehen, Herr Wiskotten.«

Ein kräftiger Händedruck, und die Tür schloß sich hinter ihm.

»Diese Wuppertaler«, brummte der Regierungsrat verärgert. »Da sagt man, sie seien fromm wie die alten Juden. Jawoll! Gerissen sind sie wie die alten Juden.« Dann ließ er sich dringlich beim Präsidenten zum Vortrag melden.

Gustav Wiskotten ging über die Straße zum Bahnhof. Seine stahlblauen Augen blickten ohne zu zwinkern in die Mittagssonne. Er sah irgendwo in der Ferne seine Fabrik, wie ein Wiskottensches Fideikommiß, wie eine Latifundienbildung. Vor hundert Jahren – ah, da gab es, die paar Gewerbe abgerechnet, nur Bauernhöfe auf Barmer Gebiet. Das alte zähe Bauernblut regte sich in ihm. Das Gut halten; nur Verwalter sein; es vergrößern, wie die Familie sich vergrößert. Der Erbe sorgt für den Erben.

Was in diesen stahlblauen Augen zu lesen stand, war das, was während des nächtlichen Spazierganges über die Barmer Berge Paul Wiskotten, der Träumer unter den Brüdern, die Persönlichkeit der Familie genannt hatte ...

Als Gustav Wiskotten zu Hause anlangte, herrschte Mittagspause. Nur Christian, der Heizer, saß in der Tür des Maschinenhauses und löffelte aus einem Blechnapf Gemüse, Kartoffeln und Rindfleisch. Wenn er einen besonders guten Bissen ergattert hatte, steckte er ihn dem Blondkopf in den Mund, der auf das geleerte Geschirr wartete und inzwischen mit gierigen Kinderaugen jede Bewegung des väterlichen Löffels verfolgte.

»Hat der Jung zu Haus nix abgekriegt, Christian?«

»Gewiß dat. De hat den Ranzen voll. Aber die Blagen meinen ja, bei Vattern gäb es immer wat Extraes.« Er klapste dem Jungen stolz eins auf den Hosenboden. »Sie wissen ja selber, wie dat is, Herr Wiskotten.«

Gustav Wiskotten hatte Sehnsucht nach den Seinen. Einen Blick warf er noch auf die schwarze Wupper. ›Wart‹, dachte er, ›dich werden wir bald noch schwärzer haben!‹ Dann eilte er in wenigen Sprüngen die Treppe zu seiner Wohnung hinauf.

»Mahlzeit, Emilie. Wo sind die Kinder?«

»Verhungert wären sie, wenn sie auf ihren Vater hätten warten sollen. Der ganze Braten taugt nix mehr.«

»Laß ihn. Wenn wir nur was taugen. Donnerwetter, hast du dich staats gemacht.«

»Ach, Gustav, laß doch das Anfassen. Das Kleid ist vom vorigen Winter.«

»Aber du bist doch nicht von gestern. Komm her. Was geht mich das Kleid an.«

Er nahm sie in die Arme und küßte sie derb ab. »Ein Mund wie Honig, und was drum und dran is – na, was denn?«

»Gustav!« sagte sie und machte sich frei. »Nun hast du mir das Haar wieder losgemacht.«

»Ein Haar wie weichste Seide. Wenn ich's abschneide, kann ich's in der Fabrik verarbeiten lassen. Na, komm, ich hab's verdient.«

»Du immer mit deiner Fabrik!«

Er setzte sich an den Tisch und aß. Er hatte einen Wolfshunger.

»Du – Emilie – den Platz hätten wir.«

»Welchen Platz nu schon wieder?«

»Den Platz von der Eisenbahn. Den Kerls hab' ich eine Laterne aufgesteckt. Plötzlich konnten sie sehen, wo Bartel den Most holt. Im März bauen wir.«

»Aber du willst doch nicht schon wieder Geld in die Fabrik stecken? Woher denn nur? Wir haben doch Kinder?«

»Gerade der Kinder wegen. Und nicht nur 'reinstecken, doppelt herausholen, doppelt und dreifach. Gib mal acht, wenn die neuen Gebäude stehen! Da kann die Vierhundertfünfzigpferdige samt der Hundertfünfzigpferdigen die Lungen voll nehmen. Die Wiskottens sollen alle zusammen satt werden.«

»Das werden wir. Aber wenn's so weitergeht –«

»Wenn's nicht so weitergeht, wolltst du wohl sagen. Ja, dann könnten wir eines Tages schön auf dem Proppen sitzen. Heute können nur noch große Betriebe mitreden. Und verlaß dich drauf, wir werden mitreden.«

Er trank sein Weinglas leer.

»Du – Emilie – wenn du deinen Vater siehst –«

»Was soll der denn dabei? Geld hergeben? Der denkt besser an sein Kind als du an die deinen.«

»Sag ihm, ich käm' heute abend. Er sollt' aber eine kalt stellen. Wir wollten über das Glück seines Kindes beraten.«

Er stand auf und dehnte die Arme. »Das hat geschmeckt. Nun ist die Maschine wieder geheizt.« Er hielt die starken Arme waagerecht wie ein paar Windmühlenflügel.

Emilie sah nach ihm hin. Ganz wenig. Von der Seite nur. Sie war doch stolz auf ihn. Nur, daß er sie immer wie ein albernes Kind behandelte. Und sie war Hausfrau und Mutter. Was wollte er denn mehr?

»Emilie –«

»Ja – – –?«

Er lachte, und sie lachte auch. Dann ließ sie sich ohne Weigern in die Arme nehmen.

»Nun ruf mal die Kinder.«

Sie kamen hereinmarschiert. Der Junge – Gustav, wie jeder Erstgeborene in gerader Linie – mit schnüffelndem Näschen, die kleine Emilie, nach der Mutter getauft, laufend, stolpernd, sobald sie den Vater erblickt hatte. Er fing sie auf und setzte sie auf seine Schulter, wo sie vor Vergnügen krähte.

»Na, ihr Rabauen, ihr laßt den Vater allein essen?«

»Hast du alle beide Äpfel allein aufgegessen?« fragte der Junge mit hängender Lippe und suchte auf dem Tisch.

»Du gönnst sie mir wohl nicht, mein wackerer Sohn?«

»Gönnen wohl, aber Emilie und ich hatten uns doch schon drauf gespitzt!«

»Ja, wenn ihr euch schon drauf gespitzt hattet, dann werden wir wohl mal zusehen müssen, ob sie noch nicht ganz in den Magen gerutscht sind. Sucht!«

Juchzend strebte das Schwesterchen von der Schulter herunter. Links und rechts hingen sie an dem lachenden Vater und durchsuchten eilig seine Taschen.

»Ha!« schrie der Junge.

»Ha!« krähte das Schwesterchen ihm nach.

Dann wollten sie sich mit ihrer Beute davonmachen. Aber der Vater erwischte sie.

»Was –? Ist das eure gute Erziehung?«

»Ihr sollt ›danke‹ sagen«, fuhr Emilie Wiskotten sie an.

»Danke ...« sagten sie kläglich und blickten auf die Äpfel, die für sie bedeutend an Wert verloren hatten.

»Stropp«, lachte Gustav Wiskotten und fuhr seinem Ältesten durchs Haar. »Nu sag mal, was du werden willst.«

»Pastor.«

»Wa–was? Wie kommst du denn darauf?«

»Dann kann ich sonntags in der Kirche reden, und keiner darf mucksen. Aber lieber – lieber möcht' ich noch was andres werden.«

»Herrgott, was wird nu kommen?«

»Leichenwagenkutscher.«

»Lei ... Leichenwagenkutscher – –?«

»Dann hab' ich immer einen langen Zug hinter mir, und ich bin der Erste!«

Gustav Wiskotten atmete tief aus. »Gott sei Dank«, sagte er, »er hat wenigstens Ehrgeiz ...«

In der Fabrik pfiff man zur Arbeit. Links und rechts der Wupper. Im ganzen Tal – –.

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