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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrector
senderwww.gaga.net
created20150202
modified20151302
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10

»Hallo! Ewald! Steig aus!«

»Paul! Guten Tag! Bist du mir entgegengekommen?«

»Hast du Gepäck? Nein? Um so besser. Na, nun komm schon, der Zug geht weiter.«

Ewald Wiskotten sprang aus dem Coupé. »Das ist doch erst Elberfeld.«

»Ich dachte, du würdest für die letzte Strecke einen Marsch durch das Tal vorziehen. Da hab' ich's auf gut Glück gewagt und bin dir entgegengefahren. Hab' ich das Richtige getroffen?«

»Du wolltest mir wohl Gelegenheit geben, mich zu sammeln? Gesteh's nur.«

»Nein, Junge, das hast du nicht nötig. Aber das Tal solltest du zuerst Wiedersehen, im Arbeitskittel, mit seinen rauchenden Schloten und seinem Maschinengerassel. Dann findest du dich nachher schneller in seinen Menschen zurecht.«

»Also Abhärtungskur ... Jedenfalls war es freundlich von dir, an mich zu denken.«

Als sie durch die Straßen schritten, blieb Ewald Wiskotten vor einem Hause stehen: »Weißt du, wer hier wohnt?«

»Keine Ahnung.«

»Mein verehrter Kollege, der Maler Weert. Ob ich mal einen Sprung zu ihm hinauf tue?«

»Wenn's dich nicht aufregt?«

»Das kann höchstens ernüchtern. Fünf Minuten, wenn du willst. Nur sehen möcht' ich, ob es wirklich Menschen gibt, die ewig hinter verlorenen Idealen hertrauern, statt sich neue anzuschaffen.«

»Leute, die nie Ideale gehabt haben, meinst du.«

Ewald Wiskotten stieg die Treppe hinauf und klingelte. Dasselbe zottelige Dienstmädchen öffnete und ließ ihn ohne weiteres ins Atelier. Und auch hier war alles wie vordem. Inmitten eines Wustes von Trödelkram lag der ergraute Maler auf seinem Runddiwan und verschlief den Tag. Und von der Staffelei lächelte van Dycks jugendschöne Marchesa Spinola gütig herab auf den alten Vaganten, der einmal seine Jugend für Talent gehalten und hier wie dort die Entwicklungszeit verbraust hatte, bis ihm von beiden nur – die Kopie in Händen geblieben war.

Der junge Mann betrachtete ihn aufmerksam. Das weingerötete Gesicht war vergrämt in die Kissen gedrückt. Farbe und Ausdruck des Kopfes kontrastierten seltsam miteinander.

›Vielleicht träumt er gerade‹, dachte Ewald Wiskotten, ›er nutzte die Jugend nach seinen Gaben und nicht nach seinen Begierden, damit er im Alter vor den Leuten nicht zu lügen braucht. Das muß der furchtbarste Gedanke in der Einsamkeit sein: weniger zu sein, als man sich nach außen den Anschein gibt. Nein, ich will ihn nicht wecken. Die Zeit hat nur Wert für ihn, wenn er sie verschläft!‹ Leise ging er zur Tür zurück. Das Bild der Marchesa Spinola sah ihm lächelnd nach. »Ich komm' auch zu dir«, sagte er ruhig, »all die Schönheit finde ich auch, wenn schon auf anderm Wege.«

»Bist du weiser geworden, Ewald?«

»Wenn Weisheit Zielbewußtsein ist ...«

»Weißt du, was Moltke einmal im Deutschen Reichstag gesagt hat? ›Nur in der eignen Kraft ruht das Schicksal jeder Nation.‹ Das trifft auch auf den einzelnen zu.«

»Ich hab' die meine jetzt erkannt. Nun kann es noch Überraschungen, aber keine Enttäuschungen mehr für mich geben.«

» Frohe Überraschungen.«

»Solche, die wir uns selber bereiten, Paul.«

»Schau mal über die Straße. Ist das nicht der alte Korten mit seiner Frau?« Er winkte dem greisen Paare fröhlich zu. »Sie sind stehengeblieben. Da müssen wir sie wohl begrüßen.«

»Guten Tag! Guten Tag, meine Herren! Ist das nicht Ihr Herr Bruder, Herr Wiskotten? Ei natürlich, ich erinnere mich. Ich danke Ihnen eine schöne Stunde der Kunstbegeisterung, und mein Gedächtnis bewahrt die großen Erinnerungen als seinen köstlichsten Schatz. Denken Sie, ich war bei Bismarck.«

»Soeben sprachen wir von Moltke.«

»Das lobe ich, meine Herren. Die heiligen vaterländischen Namen sollen immerdar von Mund zu Munde gehen. Aber ich – ich habe leibhaftig im Sachsenwalde vor unserm Bismarck gestanden!«

»Sie waren bei Bismarck?«

»Ja, meine jungen Freunde, ich, der alte Korten, habe zu Ostern selbst mit dem Reichsschmied gesprochen.«

»Er hat mich schön blamiert«, klagte das Mütterchen.

»Das kann ich nicht glauben, Frau Korten«, begütigte Paul Wiskotten.

»Meine treue Zeitgenossin«, belehrte der alte Dichter, »weiß nicht oder will nicht wissen, daß der Humor die Quintessenz aller Lebensweisheit ist. Daher liebten die Größten aller Zeiten im Verkehr den humoristischen Ton.«

»Lassen Sie sich nur erzählen, was er da wieder angestellt hat.«

»Ja, Herr Korten, was die Frau will, will Gott. Nun müssen Sie beichten.«

»So hören Sie denn, meine jungen Freunde. Ich war mit einer Schriftstellerdeputation aus vielen deutschen Städten im Sachsenwald. Zwischen den Eichen hervor tritt der Fürst, Deutschlands herrlichste Eiche. Einer der Unsern hielt eine Ansprache. Der Fürst antwortete volltönend. Und dann redete er gemütlich den einen oder den andern an, und ich merkte wohl, daß er die Schlagfertigkeit des deutschen Dichtergeistes auf die Probe stellen wollte. Plötzlich fällt fein Auge auf mich. Bismarcks Auge, meine Herren! Und Bismarcks Hand lag in der meinen! Ja, in der meinen – –«

»Darauf können Sie aber doch stolz sein, Frau Korten.«

»Laß er et nur auserzählen.«

Der greise Dichter lächelte behaglich. »Wir hatten Schriftstellerabzeichen an den Röcken. Einen goldenen Rittersmann mit eingelegter Lanze. Und der Fürst tippt auf das Zeichen auf meinem Rockaufschlag und fragt: ›Wen stellt der vor?‹ – ›Durchlaucht, den edelsten Ritter, Sankt Georg.‹ – ›Ja‹, sagt Bismarck und zwinkert mir zu, ›ich sehe aber den Drachen nicht.‹ – Und ich verstehe und antworte stramm: ›Unsre Drachen, Durchlaucht, haben wir zu Hause gelassen.‹« Neckend stieß er seine Lebensgefährtin in die Seite.

»Aber das ist doch prachtvoll, Frau Korten«, lachten die Wiskottens.

»Weil et Sie nich trifft. Aber sagen Sie selber: Wat soll der Bismarck nu eigentlich von mir denken!«

»Ich werde ihm die Sache schriftlich auseinandersetzen«, versprach Paul Wiskotten dem ärgerlichen Mütterchen, »und ich werde hinzufügen, daß man Ihrem Mann als Dichter nichts glauben darf.«

»Dat kann ihm gar nix schaden.« Und sie trennten sich.

»Wenn der alte Herr demnächst in den Himmel einrückt, wird dort große Verlegenheit herrschen.«

»Weshalb?«

»Weil er schon auf Erden zeitlebens im Stande der Unschuld war. Da hört das Avancement auf.«

»Was der Weert an Idealen zuwenig hat, hat er zuviel.«

»Er hat überhaupt nur Ideale. Ob Republik oder Monarchie, ob Sommer oder Winter – er schlägt begeistert die Harfe.«

»Das Leben muß Steigerungen haben, Paul. Nur nicht versanden! Ob der Sand schwarz oder weiß ist, gilt gleich.«

Sie kamen auf Barmer Gebiet und schritten rüstiger aus. Daheim versammelte sich bald die Familie.

»Ist noch Zeit, einen kleinen Umweg zu machen, Paul?« fragte Ewald Wiskotten, als sie den Mittelpunkt der Stadt, den Altenmarkt, erreicht hatten. »Bitte, sag ja. Nur bei Kölsch guten Tag sagen möcht' ich.«

»Kölsch ist noch in der Fabrik. Es geht auf sieben.«

»Ich wollte Anna begrüßen.«

Paul hob den Kopf, sah den Bruder lächelnd an und schlug den Weg zu Kölschs Wohnung ein. Ernst Kölsch öffnete.

»Du bist hier? Ernst? Hast du Ferien gemacht?«

»Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf. Ich muß nach Italien.«

»Du mußt?«

»Gewollt hab' ich nicht. Aber meine Zeit mußte sich wohl ›erfüllet‹ haben. Der Rompreis ist mir in den Schoß gefallen. Eine ernste Mahnung.«

»Du willst nach Rom?«

»Du hörst doch: ich muß!«

»Nun mach mal keinen Unsinn, wie ist das gekommen?«

»Gott, der Akademiepreis war fällig. Irgend so 'ne milde Stiftung zur Aufrechterhaltung der Streberei. Unsre Meisterschüler haben die Ölfarbe reinweg gesoffen, aber auf der Leinwand war trotzdem nix von einem Farbenrausch zu verspüren. Der Professor rief den Himmel zum Zeugen an, daß Totschlag verboten sei. Ich muß ihm wohl beigestimmt haben, denn er schnauzte mich gewaltig an. › Sie hätten's Talent, wenn Sie nur wollten!‹ Um dem aufgeregten Mann zu beweisen, daß er im Unrecht sei, spannte ich einen Blendrahmen und pinselte drauflos. Der Kerl aber wollte sein Unrecht nicht einsehen, trommelte das Kollegium zusammen, und ich kriegte den Preis. Morgen muß ich fort von hier.«

Ewald Wiskotten schüttelte ihm die Hand. »Ich gratuliere, Ernst, von ganzem Herzen.«

»Nanu? Möchtest du nicht lieber an meiner Stelle sein?«

»Ich gehöre an meine Stelle. Deshalb steht mir Rom doch offen.«

»Bravo, Ewald. Jetzt hast du die richtige Kunstanschauung. Ob Leinwand oder Musterbogen: das Können tut's.«

»Ist Anna zu Haus?«

»In der Küche. Kommt herein.«

»Ewald hat nur eine Bestellung. Wir müssen gleich weiter. Zu Haus ist Geburtstagsfete.«

»Wie ihr wollt. Den Weg kennst du ja, Ewald.«

Er war schon auf dem Gang, öffnete die Tür und stand in der Küche.

»Annchen! Annerl!«

Sie fuhr herum, starrte ihn groß an und fiel ihm stürmisch um den Hals. »Junge – –! Junge –!«

»Nur dich sehen mußt' ich. Nur einmal schnell dich küssen. Annerl! So! Und jetzt zur Familie!«

»Du gehst zu den Eltern?«

»Zu Vaters Geburtstag.«

»Gott sei Dank«, sagte sie und strich ihm das Haar zurecht. »Nun mach eine gute Figur.«

»Du brauchst keine Angst um mich zu haben.«

»Nie im Leben. Besonders nicht, wenn ich dabei bin.«

»Hast du mich lieb, Anna? Immer?«

Sie nahm hastig seinen Kopf. Ihre Mädchenlippen schlossen ihm den Mund. »Frag so was Dummes nicht wieder«, murmelte sie. »Für mich gibt's nichts andres. Und wenn du mir nur Sorgen machst!«

»Ich möchte, daß du stolz auf mich bist. Und bleibst.«

»Eine Frau, die nicht stolz auf ihren Mann ist, hat nicht die rechte Liebe.«

»Wenn er aber Fehler hat? Und ich habe so viele –«

»Zeig sie mir nur ruhig her. Ich werde schon dafür sorgen, daß alle Welt sie für Tugenden hält.«

»Du bist mein kleines Mütterchen ...«

»Ich will deine Frau sein.«

Draußen rief Paul Wiskotten. Heute durften sie sich daheim nicht verspäten. Da drängte Anna zum Aufbruch. »Morgen kommst du ja wieder, Ewald, dann wollen wir Pläne schmieden.«

»Und du bist der Mittelpunkt.«

»Nein, du!«

»Das eine ist ja das andre. Gute Nacht, mein Annerl. Denk heute abend an mich.«

»Tag und Nacht.«

Er küßte ihre Hände und sie küßte ihn auf den Mund. Mit gestreckten Armen hielt er sie von sich, den Kopf zurückgeworfen, die Augen eingekniffen, als betrachtete er ein seltenes Bild, und dann riß er sie ungestüm an sich. »Auf morgen!«

An der Haustür verabschiedete er sich von Ernst Kölsch. »Ich werde nachkommen, wenn auch nur auf kurze Zeit. Während du die jungen Römerinnen studierst, studiere ich ihre alten Spitzen und den antiken Besatzschmuck. Viel Glück, Ernst.«

»Auf Wiedersehen, Ewald. Wir werden beide zu tun bekommen.« –

Im Hause der alten Wiskottens hatte sich die engere Familie vollzählig versammelt. Die Freunde des Hauses, Pastor Schirrmacher eingerechnet, waren schon während der Frühstückszeit gekommen und gegangen. Nun öffnete sich die Tür, und Ewald trat ein, gefolgt von Paul. Einen Augenblick stockte die Unterhaltung. Man wandte die Köpfe, und Mabel hob das Lorgnon.

Ewald Wiskotten ging, ohne sich umzusehen, auf den Vater zu und reichte ihm die Hand. »Herzlichsten Glückwunsch, Vater.«

Der Alte hielt die Hand fest, klopfte darauf herum, schaute mit offenem Mund seinen Jüngsten an und lachte. Seine Augen waren feucht vor Freude. »Mutter, da is ja auch der Ewald –«

»Bleib doch sitzen, Mutter. So. Da bin ich. Geht's dir gut, Mutter? Der Vatter sieht immer jünger aus.«

»'ne Viertelstunde später, und du hätt'st nachessen können.« Sie hielt inne. Im Hintergrund des Zimmers war ihr ein Geräusch verdächtig erschienen. »Ich möcht' wissen, wat dabei zu lachen is, Gustav. Wenn ich das sag', dann iß dat so.«

»Gewiß, Mutter.«

»Wirst wohl tüchtig Hunger haben, Jung'?«

»Draußen verstehen sie nicht zu kochen wie du.«

»Will ich meinen. Neumodsche Art iß gut für die Fabrik, aber nicht für et Haus. Nun sag man den andern guten Tag.«

Ewald ging die Reihe durch und schüttelte jedem die Hand. Man sagte »Guten Tag« und nannte sich beim Vornamen. Als er vor Mabel stand, stutzte der junge Mann, und sein Gesicht wurde rot. »Ewald Wiskotten«, stellte er sich vor.

»Ich hatte bereits das Vergnügen«, scherzte die fröhliche Frau.

»Ich wüßte nicht – –« stotterte Ewald.

»Aber! Aber! Sie haben mir doch Ihre Visitenkarte in den Wagen geworfen.«

Da gedachte Ewald Wiskotten der Worte seines sorgenden Mädchens: »Mach eine gute Figur!« Und er verbeugte sich und fragte in bester Haltung: »Darf ich Sie zu Tisch führen?«

»Ich bin Ihnen durchaus nicht böse«, sagte Mabel, als sie bei Tisch saßen. »Ich hatte soviel Wunderdinge vom › furor teutonicus‹ gehört, und Sie haben, gerade als ob Sie den Wünschen einer Dame ohne Befehl Rechnung tragen müßten, sofort eine kleine Revolution für mich arrangiert. Das war ritterlich.«

»Wir sind nur wütend, wenn wir im Unglück sind.«

»Ach, im Glück seid ihr auch nicht gerade leise!«

»Das kommt ganz auf den Fall an. Zum Beispiel, wenn ich ›du‹ zu dir sagen dürfte –«

»Leise oder laut?«

»Wenn man betet, schreit man doch auch nicht.«

»Prost Schwager. Du hast mir gerade noch gefehlt.« –

Gustav Wiskotten, als Ältester, saß neben dem Vater. Er hob das Glas und stieß mit ihm an. »Dein Wohlsein, Vatter, un noch tausend Jahre so weiter!«

»Drunter hätt' ich et auch nich getan. Prost, Gustav. Ja, ja! Prost ihr alle!«

Nie war eine andre Geburtstagsrede hier gehalten worden, und jeder freute sich darauf. Mit Verwunderung sah man deshalb August Wiskotten sich von seinem Platze erheben.

»Diesmal«, begann er, räusperte sich und fuhr sich mit dem Zeigefinger unter den Kragen, »diesmal wollte ich den Geburtstag unsres Vaters doch nicht vorübergehen lassen, ohne ihm eine besondere Weihe zu geben.«

»Mutter, wo is et Gesangbuch?«

»Der Fritz soll seinen unverschämten Mund halten!«

»Ruhig, August! Laß dich nicht aus dem Konzept bringen. ›Weihe zu geben‹, hatt'st du gesagt.«

August Wiskotten kniff die Lippen ein, dann sprach er weiter.

»Jawohl. Der Tag, an dem man einen ersten Schritt vollzieht, erhält vor allen andern seine Weihe. Ich führe diesem Hause, zum Ausgleich des männlichen Elements, eine neue Tochter zu. Ich habe heute morgen um die Hand von Fräulein Großmann, der einzigen Tochter des Herrn Pastor Großmann in Elberfeld, angehalten und von Vater und Tochter das Jawort in Empfang genommen.«

Die alte Frau Wiskotten saß kerzengerade. In ihren Händen knitterte leise das Taschentuch. Aber in ihrem faltigen Gesicht stand die Befriedigung zu lesen, daß das Pastorentum des Tales doch noch in ihre Familie eingezogen war. Augusts Ältester würde die Kanzel besteigen. Ein Wiskotten ... Vater und Mutter drückten dem Sohn die Hände. Als erster der Brüder war Fritz an seiner Seite.

»Entschuldige, August, die Taktlosigkeit von vorhin. Ich konnt' ja nicht ahnen – ich wünsch' dir von Herzen Glück, und gleich morgen mach' ich Besuch bei Großmanns, mit dem größten Blumenstrauß.«

»Das wird meine Braut sehr zu schätzen wissen, lieber Fritz.«

Emilie Wiskotten lehnte ihre Schulter an Gustav.

»Wenn wir wollen, sind wir auch Brautleute«, sagte der leise. Dann brachte er schnell das Hoch auf Fräulein Großmann aus. Und mitten in das Gläserklingen hinein schallte Ewald Wiskottens Stimme. »Wenn es gestattet ist, möchte ich etwas Geschäftliches vorbringen.«

»Laß das Mädchen nachher abräumen, Mutter.«

»August, schließ die Tür ab.«

Die Unterhaltung erlosch, ein Stuhl wurde noch gerückt, und es herrschte Aufmerksamkeit. Daß es sich in dieser Tafelrunde nicht um die Vorbringung von Kindereien handeln konnte, war jedem selbstverständlich.

»Von euch allen hat ein jeder die Fabrik ein Stück weitergebracht. Gustav als Organisator, August als kaufmännisches Genie, Wilhelm als Erschließer des Absatzgebietes und Fritz als Erfinder. Von den Eltern zu reden ist überflüssig, denn sie haben das Fundament gelegt. Nur Paul und ich konnten bisher nicht teilnehmen. Das lag aber an unsrer Jugend und nicht an unsern künstlerischen Neigungen. Wir haben dasselbe Blut wie ihr. Und deshalb haben wir unser Talent, eben die künstlerischen Neigungen, in die richtige Pflege genommen, um auch mit unsern Kräften am immer fortschreitenden Ausbau der Fabrik zu helfen, und ich hoffe, meine neuen Musterentwürfe waren eine kleine Probe. Dies Gebiet nun behalten wir uns vor, Paul und ich, weil wir nicht hinter euch zurückstehen wollen.« Und mit klaren, sachlichen Worten erörterte und begründete er den Plan des Modenblattes, welches das Publikum in immerwährender Fühlung mit den Wiskottenschen Artikeln und Neuheiten halten sollte. »Ich werde mich noch zwei Jahre in der Welt umsehen und an allen Plätzen, wo die Industrie einmal eine künstlerische Höhe erreicht hatte, emsig Studien machen. Das hindert aber nicht, daß wir mit der Realisierung des Projektes sofort beginnen. Hier ist ein handschriftliches Probeblatt. Gesellschaftsdamen und einfache Frauen, alles, was sie an Besatz an den Kleidern tragen, ist, wie ihr seht, Wiskottensches Fabrikat. Die Nebenzeichnungen fügen ein anschaulicheres Bild der einzelnen, künstlerisch ausgeführten Muster bei. Der plaudernde und belehrende Text ist von Paul. Hier: bitte!«

Die Blätter gingen von Hand zu Hand. Und die Frauen blickten den Männern über die Schulter.

»Das ist neu! Da steckt Courage drin! Na – sind wir denn nicht jung genug, um Courage zu zeigen?«

Die alte Frau Wiskotten prüfte aufmerksam die Blätter. »Nee«, sagte sie dann, »Windbeutelei is dat nich. Dat is solide Arbeit. Un Arbeit bringt immer Segen.«

»Morgen werden wir auf dem Privatkontor eine Konferenz abhalten«, entschied Gustav. »Die Geschäftsanteile müssen neu geregelt und ausgeglichen werden.«

Die Brüder stimmten zu.

»Da draußen«, begann Gustav Wiskotten von neuem, »da schreien sie über den Rückgang der Privatbetriebe und über die Trustbildungen. Ich sag' euch, der wahre Trust ist die Familie. Wir sind sechs Mann, sechs Nachfolger. Wenn wir jeder auf eigne Kappe loswirtschaften wollten, jeder mit seinem Bruchteil, und der Bruchteil auch, wenn wir ihn in die Höhe gebracht oder doch über Wasser gehalten haben, wieder mal unter die Kinder verteilt wird, dann darf sich keiner wundern, wenn hier einer und da einer über den Haufen geschmissen wird. Dat is keine Familiensimpelei, dat is Sippschaftsgefühl. Dat hat in altersgrauer Zeit die Familien stark gemacht, und dat muß auch wieder der Stolz von heute werden. Jeder einzelne kann nicht ein Genie sein, aber wir zusammen, wir können die Wiskottens sein! Donnerwetter, und dat zählt nich weniger!«

Am Tisch war es still geworden. Die Frauen suchten die Augen ihrer Männer ...

Der alte Wiskotten hob leise sein Glas und trank es aus. Er feierte seinen Geburtstag.

Dann sagte die alte Frau Wiskotten: »Dat soll ein Wort sein.«

»Kannst dich drauf verlassen, Mutter.«

Das klang aus einem halben Dutzend Kehlen und war doch nur ein Klang. –

Die beiden Jüngsten begleiteten in der Nacht Gustav und Emilie heim, die sich mit versonnenen Augen an der Hand führten. Als sie sich vor dem Fabriktor von dem Paare verabschiedet hatten, gingen sie weiter, ohne darüber gesprochen zu haben, die steilen Straßen hinauf, bis die Häuser zurückblieben, über die Bergwiese, durch den knospenden Wald, bis auf der Höhe der Auslug kam, den sie schon einmal gemeinsam aufgesucht hatten. Und sie sahen dasselbe Bild. –

Im Tal schlief der schwarze Riese der Arbeit, vom Mondlicht so silbern überhaucht, als sei er ein lächelnder Genius. Kein Märchenerzähler für die wenigen, ein Lebensspender für die vielen!

»Fühlst du heute, wie schön das ist?«

»Ich fühl' es.« – – –

*

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