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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
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9

Emilie Wiskotten stand am Fenster, die Hände um den Fensterriegel verschlungen, das Kinn gegen die Hände gedrückt. Nun hatte sie das erste Examen bestanden. Es war doch schwerer gewesen, als sie gezeigt hatte, dies Lustigtun. Jetzt, da sie es zu Ende geführt hatte, empfand sie erst die Größe der Zumutung, die an sie herangetreten war, aber sie empfand auch ihre Bedeutung. Und der Ernst, mit dem sie an die eben erlebte Szene und den stillschweigend übernommenen Rollentausch dachte, wandelte sich in das heitere Selbstgefühl der jungen Mutter, die ihrem eigenwilligen Knaben gegenüber zum erstenmal den lächelnden, überlegenen Ton der Behandlung gefunden hat ...

Aus dem Treppenhaus drang das Lachen ihres Mannes an ihr Ohr. Es durchrieselte sie bis in die Fußspitzen. Die zweite Probe nahte. Und sie mußte mit Gewalt der furchtbaren Erregung Herr werden, die plötzlich über sie hereinbrach, ihr Denken ausschaltete und mit unbarmherzigem Klöpfel in rasendem Takt auf ihrem Herzen hämmerte.

Gustav Wiskotten stand in der Tür. Sein Lachen zerflatterte. Er bemerkte eine Dame am Fenster, deren schlanke Schönheit eine weich dem Körper sich anschmeichelnde Toilette hob, statt sie eifernd zu verhüllen. Er bemerkte eine Dame und hatte nur seine Frau, nur Emilie zu finden erwartet. Da sah er die Mittagssonne auf ihr Haar fallen und die roten Flämmchen aus den Flechten locken.

»Emilie –?« sagte er zaghaft.

Sie löste die Hände von dem Fensterriegel und wandte sich um. Das waren Emiliens Augen und waren es doch nicht. Es war etwas Leuchtendes, Mädchenjunges in ihnen, das sie nicht einmal als Braut gekannt hatte. Und es war auch in der Haltung, in der weichen Bewegung, mit der sie sich ihm zugewandt hatte. Das verwirrte ihn und nahm ihm den robusten Mut zum Angriff. Er getraute sich in seiner Fabrikjacke nicht an die Erscheinung heran. Das war ja Mabel, Mabel in verschönerter Auflage – –

»Ich hätt' dich beinah' – nicht wiedererkannt«, sagte er stockend.

»Willst du mir nicht die Hand geben, Gustav?«

Er streckte seine Hände vor und drehte sie nach rechts und links. »Augenblick! Ich will sie mir nur eben waschen.«

Er wollte schnell an ihr vorbei, um zum Schlafzimmer zu gelangen.

»Ich habe abgeschlossen«, sagte sie leise.

»Nanu? Weshalb denn?«

»Damit uns keiner stört.«

»Bei der Pauke?«

»Ich fürchte mich nicht. Schimpf nur.«

»Wer? Ich –? Abgeschlossen hast du? Also – also nicht deshalb?«

»Weil ich dachte, du, du – wolltest mich gern – allein haben – –«

»Allein –?« wiederholte er mit verhaltenem Atem und blickte nicht auf. Aber ein Zittern lief ihm durch Arme und Schultern.

»Gustav«, sagte sie, »ich will's nicht wieder tun ...«

Das Zittern lief ihm bis in die Knie. Nun wirbelte es auch in seinem Kopf.

»Schon deshalb nicht, weil du ohne mich – Streiche machst, die ich doch nicht immer verantworten – –«

»Willst du den Mund halten? Willst du auf der Stelle –? Menschenskind! O du – Ruhig!«

»Du drückst mich tot!«

»Ich küss' dich wieder lebendig! Still! Gott, die Lippen! Weiter – weiter!«

»Gustav – –!«

»Tu' ich dir weh? Warte, ich stell' das Gleichgewicht wieder her! Das gehört ja alles mir ... Nicht widersprechen! Keinen Ton! Wegzulaufen! Mich um alles das zu bestehlen!«

»Ich hab's ja nicht gewußt––-«

»Weißt du's jetzt?«

»Ja! Ja!«

»Emilie! Mädel! Frau! Bist du das wirklich, oder ist das nur Spaß?«

Nun saß er im Sessel und hielt sie auf dem Schoß. Und sie drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. »Nimm es, wie du willst – –«

»Dann nehm' ich's für beides. Hörst du, für beides! Das ist die rechte Mischung ...«

Ganz still lag sie und rührte sich nicht. Und seine Hände streichelten sie immerfort. Mit einer Sanftheit, die sie bei dem starken Manne seltsam wohltuend berührte.

»Ist es das Kleid?« fragte sie.

»Nein, du bist es. Wenn du es nicht wärst, würd' es vielleicht das Kleid sein. Allen Respekt. Das ist schön.«

»Ich habe Schulden gemacht. Du mußt das Kleid bezahlen.«

»Gott sei gedankt! Ich hab' eine leichtsinnige Frau.«

»Die Frau soll nicht besser sein wollen als der Mann.«

»Du, Emilie, davon wollen wir lieber nicht sprechen. Jetzt nicht, nein? So! Bleib liegen, wie du liegst ... Ich muß dich spüren, spüren – – Daß du zurückgekommen bist, so froh und – so selbstverständlich ... Ich kann dankbar sein – Emilie – –«

Da blieb sie still an seiner Brust. Nur die Arme regten sich, suchten seinen Kopf und verschlangen sich um seinen Nacken. –

Die Kinder wunderten sich, daß die Mittagszeit nicht eingehalten wurde. Sie schlichen herbei, um ins Eßzimmer zu spähen, und fanden die Tür verschlossen.

»Laß sie nur in die Türklinke beißen. Die Stunde kommt nicht wieder.«

»Sie kann nicht wiederkommen, weil sie bleibt, Gustav. Ich versprech' es dir. Denn ich bin nun wirklich deine Frau geworden, die sich freut, daß du bist, wie du bist.«

»Damit ist nicht immer Staat zu machen.«

»Weil du früher mit deiner Frau keinen Staat machen konntest. Das färbte ab.«

»Emilie, laß mich mal in deine Augen sehen. Die sind ja ganz feucht? Was, meinetwegen? Und mir sitzt es in der Kehle, weil – weil –«

»Du sollst dich nicht entschuldigen. Für alles, was in der Ehe passiert, ist die Frau verantwortlich. Sie hat, während der Mann arbeitet, Zeit genug, ab und zu zu tun. Lieb und schön zu sein, und, siehst du, und klug zu sein ist ihre Pflicht. Männer, die von der Arbeit kommen, wollen daheim eine Bemutterung finden. Ich hab' dir so viel abzubitten – –«

»Emilie, was soll ich darauf antworten? Du hast deine Zeit gut angewandt. Während ich – ich –«

»Nun wollen wir die Kinder hereinlassen.«

Sie legte ihm die Hand auf die unruhig zwinkernden Augen und küßte ihn auf den Mund. Dann erhob sie sich schnell und ging zur Tür, um zu öffnen. »Kommt schnell, der Papa wartet auf euch.« Und während er die Kinder beim Kragen nahm und sie zu sich emporhob, fand er Zeit, seine Bewegung niederzukämpfen. Das hatte sie gewollt, und er merkte es wohl.

»Anna«, rief Gustav Wiskotten dem Mädchen entgegen, das hereinkam, um den Mittagstisch zu rüsten, »nun muß ich Ihnen leider den Dienst aufkündigen. Bringen Sie mal Ihr Dienstbuch, Samariterin.«

»Anna, er will jetzt immer brav sein.«

»Nein, sie will brav sein.«

»Wem glaubst du es?«

»Wie? Ihr seid Freundinnen? Und so was hielt ich mir im Haus? Da hab' ich mir ja wirklich den Bock zum Gärtner gesetzt.«

»Herr Wiskotten, von der Fabrikation verstehen Sie ja das meiste in Barmen, aber von –«

»Anna, was Sie jetzt sagen wollen, ist nicht christlich. Einen Anfänger muß man unterstützen.«

Sie gab ihm die Hand, mit festem Druck.

»Mädel, Sie verdienten, eine Wiskotten zu sein.«

»Stellen Sie sich das so angenehm vor?«

»Nee, das nich. Aber es ist gut, wenn die Wiskottens erfahren, daß außer dem lieben Gott auch noch was andres zu respektieren ist.« – –

»Ich möchte zu deiner Mutter«, sagte Emilie nach Tisch.

»Hat das nicht Zeit?« fragte er verwundert.

»Ich suche dich nachher in der Fabrik auf. Willst du?«

»Recht so. Mach erst klare Bahn. Meine Frau muß einen offenen Blick haben.«

Der alte Wiskotten hatte sich zu einem Schlummerstündchen zurückgezogen. Emilie traf die Schwiegermutter allein. Sie saß in ihrem strohgeflochtenem Sessel am Fenster und las in ihrem Leibblättchen »Quellwasser für das christliche Haus«.

»Guten Tag, Mutter.«

Die alte Frau sah auf, drückte die Brille tiefer und gewahrte Emilie.

»Du hast dich rar gemacht. Dat sei nu, wie et sei. Kommst du jetzt wieder täglich?«

Kein Zug in dem faltigen Gesicht drückte Überraschung aus.

»Ja, Mutter, ich komm' jetzt wieder täglich. Geht es dir und Vater gut?«

»Danke. Zu klagen ist immer. Aber dafür haben wir ja den Glauben an ein Jenseits. Setz dich.«

Die alte Frau schob das »Quellwasser für das christliche Haus« zurück, hakte die Brille ab und faltete die Hände auf der Tischplatte.

»Wat gibt Gustav an? Er hat mir letzte Zeit nich gefallen.«

»Er wird dir schon wieder gefallen, Mutter. Ich werde dafür sorgen.«

»Wenn der Mann spintisiert und die Frau grämelt, spukt der Deubel durch en Schornstein.«

»Das sind traurige Ehen, Mutter.«

Die alte Frau blickte scharf nach ihrer Schwiegertochter, wischte mit der flachen Hand ein Stäubchen vom Tisch und legte die Hände wieder zusammen. »Freut mich, dat du mir beistimmst. Wat machen die Kinder?«

»Sie werden morgen die Großeltern besuchen. Der Gustav will jetzt Admiral werden.«

»Et Wasser hat keine Balken. Sorgt, dat de Jung' Maschinenbauer wird. Den können wir in de Familie brauchen.«

»Der Ewald ist nun auch aus seinen Gewissensnöten.«

»Hat ihm et Gewissen geschlagen?«

»Ich meinte: aus seinen künstlerischen Gewissensnöten.«

Die alte Frau zuckte Bei dem Wort zusammen. Sie ließ die Finger der einen Hand auf der andern spielen. Aber sie beherrschte sich.

»Den Bildermaler hat er an den Nagel gehängt. Für die Feierabendstunden, Mutter. Er arbeitet jetzt im Kunstgewerbe, und der Professor Neudörfer hat ihn für den feinsten und originellsten Kopf erklärt. In den letzten Wochen soll Ewald sich selbst übertroffen haben. Hat Paul dir davon erzählt?«

Ein kurzes, stummes Nicken. Aber die Strenge der Züge milderte sich. Der Blick wurde weicher und nachdenklich ...

»Mutter, wir müssen wohl alle hindurch, wenn wir Herr über uns selbst werden wollen. Und es ist gut so, Mutter. Sonst glauben wir immer, irgendwo anders oder irgendwas andres sei schöner, und wir hätten das rechte Leben verfehlt.«

»Die rechte Erkenntnis liegt bei Gott.«

»Gott ist in den Menschen, Mutter, und deshalb muß auch die rechte Erkenntnis aus uns kommen.«

»Wer kann sagen, daß er Gottes Wege kennt?«

»Mutter, ich habe sechs Monate in der Einsamkeit darüber nachgedacht. Wenn wir Gottes Wege nun doch einmal nicht kennen, sollen wir uns um so mehr um die eignen kümmern. Und mein Weg geht – wo Gustavs Weg geht. Und der seine, wo mein Weg geht. Ich will die Religion jetzt von unten auf erfassen und nicht mehr von oben.«

»Du bist sehr klug geworden, Emilie.«

»Wenn man die Krankheit fühlt, gewinnt man das Leben lieb.«

»Und den Himmel?«

»Wir müssen Gott in allen seinen Werken loben. Du tust es doch auch, Mutter. In der Freude an der Fabrik. In dem festen Stolz auf die Familie. Und daran will ich mich jetzt beteiligen.«

Die alte Frau Wiskotten blickte geradeaus. »Verkehrt is da sicher wat bei, aber et hört sich gut an. Un da man so wenig Gutes zu hören kriegt, will ich et gern von dir akzeptieren. Da is ja auch der Vatter ...«

Emilie Wiskotten erhob sich schnell.

»Wat! Dausend auch! Is dat nich die Emilie? Ich meint' doch, ich hätt' die Stimme erkannt?«

»Ich wollt' dich aber nicht stören, Vater.«

»Ach wat, stören! Der Geldbriefträger stört einen auch nie. Nee, Kind, die Freude – –! Ich muß dich in die Arme nehmen.«

Da fühlte sich Emilie Wiskotten zu Hause. Und dies Gefühl wollte sie zu Gustav tragen.

Als sie mit den beiden Alten den Nachmittagskaffee eingenommen hatte, ließ sie sich nicht mehr halten.

»Gehst du mit, Mutter? In die Fabrik? Ich habe Gustav versprochen, ihn heute nachmittag noch aufzusuchen.«

»Natürlich geh' ich mit. Dat würd' sonst auf den Haspelstuben nett drunter und drüber gehen, wenn sie nicht wüßten, ich komm'. Adieu, Vatter, in em Stündchen bin ich zurück. Da liegt et ›Quellwasser‹.«

»Du denkst aber auch an alles«, lobte der alte Wiskotten und zwinkerte Emilie zu.

Auf dem Kontor saß August über der Arbeit. »Tag, Emilie. Wie geht's?« Er tat, als wüßte er von ihrer langen Abwesenheit nicht das geringste. »Gustav ist bei Fritz im Laboratorium.«

Sie ging über den Hof zur Färberei. Ihre Kinder spielten im Aschenhaufen neben dem Kesselhaus, und der alte Christian fand Zeit, die Heizschlünde und die Plappermäuler seiner kleinen Freunde gleichzeitig zu bedienen. Als er Emilie gewahrte, salutierte er mit der Kohlenschaufel. »Heiliges Linksschwenk! – – Wenn Sie mal Zeit haben, Frau Wiskotten! Unsereins hat ja wohl fingerdick den Kohlenstaub in den Augen, aber so viel sehen, dat die Alte zu Haus nich jünger wird, dat kann man doch noch. Sie müssen ihr dat umgekehrt beibringen, Frau Wiskotten. Sie haben dat Rezept.«

Sie nickte ihm lachend zu, fuhr den eifrig beschäftigten Kindern durchs Haar und ging durch die Färberei, die dicken weißen Schwaden zerteilend, die Treppe hinauf zum Laboratorium.

»Guten Tag, Fritz.«

»Alle Wetter! Emilie! – – Dreh dich mal um, Kind. Nun wieder nach vorn. Tipptopp! Und die Hauptsache: Du kannst es tragen, und es trägt nicht dich.«

»Ist das alles?«

»Ich trau' mich nicht. Der Gustav lauert wie 'ne englische Dogge. Na, nu gerade! Sapperlot! Küssen hast du auch gelernt!«

Gustav Wiskotten stand, die Hände in den Hosentaschen, und schaute zu. »Du, Fritz, wenn deine Anwesenheit hier nicht mehr absolut erforderlich ist –«

»Gott, ja! Ich geh' schon. Alter Neidhammel. Wofür läßt man denn seine Brüder so hübsche Weiber heiraten, wenn –«

Gustav Wiskotten nahm die Hände aus den Taschen. Die Tür klappte. »Nun hab' ich die Arme doch einmal frei ...«

»Ich komm' schon!«

»Emilie!«

Und sie an seinem Hals: »Ich kann's gar nicht glauben.«

»Was?«

»Daß das so schön ist.«

»Jetzt – jetzt weiß ich doch wenigstens, wofür ich arbeite.«

»Für was?«

»Für deine fröhlichen Augen. Und damit deine Hände weich bleiben; für mich. Ohne Zweck schuften, nur um der Schufterei willen, das ist so niederträchtig gemein. Aber denken können, das wird eine Krone, wenn du kräftig zulangst, eine Krone, die du schwarzer Arbeitssoldat deinem weißen, kleinen Schatz nachts in das gelöste Haar drückst – Emilie, dann erst wird die Arbeit zur Poesie. Und das ist die einzige Art von Poesie, die ich versteh' und in der ich es mit Schiller und Goethe aufnehm'!«

»Sei nicht so gut zu mir. Aus diesem Zimmer bin ich weggelaufen.«

»Menschen, die sich nicht mal gründlich umeinander gesorgt haben, können sich auch wohl nicht gründlich liebhaben.«

»Ich hab' mich um dich gesorgt, Gustav.«

»Wohl heut morgen noch?«

»Heute morgen? Weshalb denn heute morgen?«

»Ich meint' nur«, sagte er bedächtig, »weil doch heute morgen der Besuch kam –?«

»Ach, die Kleine aus Düsseldorf. Hieß sie nicht Fräulein Zinters? Das war doch nur ein Scherz.«

»Natürlich war das nur ein Scherz.« Er räusperte sich. »Sag mal, wie bist du die denn losgeworden?«

»Ich hab' ihr erklärt, wenn sie zum Theater wollte, würd' ich ihr gern behilflich sein und sie prüfen lassen. Du hättest jetzt leider keine Zeit. Das war doch recht so?«

»Und – weiter?«

»Sie schien die Lust verloren zu haben. Sie wollte lieber nach Neuß heiraten.«

»Sonst nichts?«

»Doch! Ein Paket Spitzen hätt'st du ihr versprochen und dergleichen. Das mußt du nun aber wirklich abschicken. Ich hab' mich fest dafür verbürgt.«

»Du, Emilie, solltest du nicht extra deswegen heute morgen gekommen sein?«

»Weswegen?«

»Um mir aus der Patsche zu helfen.«

Sie strich ihm schnell über sein verlegenes Gesicht. »Du willst dich wohl interessant machen mit deinem Abenteuer?«

»Herrgott«, atmete er erleichtert auf und packte sie im Genick. »Kopf zurück! Du bist doch eine famose Person ...«

»Geworden – vielleicht geworden!«

»Soll einer kommen und das Gegenteil behaupten! Jetzt zeig' ich dir, was aus der Fabrik geworden ist. Auf die Weise wird's Abend.«

Sie hing sich nicht verliebt an seinen Arm. Sie schritt neben ihm her mit ernstem, verständigem Gesicht. Das gefiel ihm, der Arbeiter wegen. Sie ließ sich das neue Wiskottensche Verfahren vorführen, der Baumwolle den Griff und Glanz von Seide zu geben, und den neugebauten Musterstuhl, auf dem nach Ewalds Entwürfen die kunstvollen breiten Bänder geschlagen wurden.

» Der Stuhl hat deinen Vater kleingekriegt.«

»Ist er arg mit euch umgesprungen?«

»Bis an die Ohren hatte er uns schon das Fell gezogen. Grad' wollt' er's drüberstrippen, da taten wir einen Schnaufer. Einen Schnaufer, der ihn um und um purzeln ließ. Jetzt liegt er da.«

»Willst du ihn liegen lassen?«

»Hätt'st du lieber gesehen, wenn ich alle viere gestreckt hätte?«

»Eher Jeremias Scharwächter unter den Hammer, als dich anrühren.«

»Nein, ich laß ihn nicht liegen. Er wird unsre Artikel in Kommission nehmen. Die Welt ist groß und unsre Leistungsfähigkeit unbegrenzt.«

Sie ging dicht an seiner Seite, suchte unauffällig seine Hand und drückte sie. »Ich danke dir, Gustav.«

Sie stattete der Wupper einen Besuch ab. Der Dampf, der aus den Färbereien abgelassen wurde, wirbelte das schwarze, von bunten Streifen durchsetzte Wasser zu fettigem Gischt auf. Gustav Wiskotten sandte einen langen, liebevollen Blick darüber hin.

»Kannst du dir vorstellen, Emilie, daß ich an dieser schwarzen Brühe hänge wie an meinem besten Freund? Wenn man mich an die oberitalienischen Seen verpflanzte, die Wupper käm' mir nicht aus dem Kopf.«

»Weil sie ein schwarzer Arbeitssoldat ist.«

»Weil sie sich durch tausend Widerwärtigkeiten hindurchschlägt, um in den Rhein zu kommen.«

»Aber hinein kommt sie.«

»Und wenn sie ein Mensch wäre, würd' ich sagen: Nun weiß sie doppelt, was sie hat. Leichte Siege, die aus heiterem Himmel fallen, werden hier im Tal nicht als vollgültig angesehen. Die Leute wollen spüren, daß ein Kerl dahintersteht, der sich durchgesetzt hat. Der sich nötigenfalls jeden Tag von neuem durchsetzen würde. An den glauben sie, an dem halten sie auch zähe fest.«

»Der Wuppertaler ist von besonderem Schlag«, sagte sie stolz.

»Ja«, lachte Gustav Wiskotten, »das ist nun mal so. Er riecht die Rosen dann am liebsten, wenn er noch den Arbeitsschweiß in den Kleidern hat.«

»Find'st du das komisch?«

»Im Gegenteil. Dann ist er sich nämlich bewußt, daß er ein Recht auf die Rose hat. Und daß Feierabend ist.«

»Gustav, so wollen wir es auch machen.«

»Uns täglich die Freude an der Schönheit neu erobern. Ich an dir!«

»Und ich an dir!«

Als sie sich umsahen, erblickten sie Paul hinter sich. »Siehst du, Emilie«, sagte Gustav leise, »der hat das Geheimnis schon lange heraus. Der hat vom ersten Tage an die Arbeit als den großen Hintergrund angesehen, der da sein muß, damit sich alle Bilder leuchtend von ihm abheben. Und er webt zufrieden an dem Hintergrund. Eine glückliche Natur, der Junge.«

Er rief ihn an. »Suchst du mich?«

»Ich möchte euch in eurer Naturbetrachtung nicht lästig fallen. Das sind heilige Momente.«

»Komm nur, Dichter, wir haben unser Gelübde bereits abgelegt.«

»Ich gratuliere euch«, sagte Paul Wiskotten einfach und reichte ihnen die Hand. In der Fabrik wurde Feierabend gepfiffen. Gustav und Emilie Wiskotten sahen sich in die Augen, fragend, lächelnd und bejahend. »Auf Wiedersehen«, nickte Paul.

»Du, es war doch nichts Geschäftliches?«

»Eben deshalb verschwinde ich.«

»Was von Bedeutung?«

»Ich bin der Ansicht, daß es etwas von Bedeutung werden könnte, Gustav. Morgen, wenn du Sammlung dazu hast.«

»Was von Bedeutung und morgen? Und Sammlung? Oho, das wär' neu. Das wär' ganz neu. Sammlung! Wenn's die Fabrik angeht!«

Emilie lachte. »Geh mit zu uns hinauf, Paul. Willst du?«

»Gern. Dort sind wir auch ungestört. Vielleicht lacht mich der Gustav aus.«

»Das wird sich ja nachher finden. Vorher lach' ich nie.«

Die Kinder wurden zu Bett gebracht. Es gab kalte Küche und Bier, um Zeit zu sparen. Dann saßen sie zu dritt um den Tisch. Gustav Wiskotten hielt dem Bruder das Feuer für die Zigarre und sah ihm forschend in die Augen.

»Die Idee«, begann Paul Wiskotten, »geht nicht allein von mir aus.«

»Ah – eine Idee ...«

»Ewald und ich teilen uns darein.«

»Beide seid ihr nicht auf den Kopf gefallen. Nun bin ich neugierig.«

»Es handelt sich um eine Art Modenblatt.«

»Bist du toll? – Aber sprich dich nur aus.«

»Um ein Modenblatt, dessen Zeichnungen wir unter Musterschutz stellen und dessen Text wir vor Nachdruck schützen. Mit andern Worten: um eine Hausmacht der Firma Gustav Wiskotten Söhne.«

Gustav Wiskotten lehnte sich zurück und streckte die Beine lang in die Stube. »Hausmacht? Das läßt sich hören.«

»Folgendermaßen, Gustav. Ewald tritt, wenn er seine Studien abgeschlossen hat, bei uns als Zeichner ein. Das steht wohl fest. Er arbeitet ja schon heute ausschließlich für uns. Er wird wohl noch ein paar Semester nach Paris und Brüssel gehen, aber Entfernungen kommen ja nicht in Betracht. Außerdem ist das auch nur ein Übergangsstadium. Also, er entwirft für uns die Modeartikel, Bänder, Spitzen, Litzen, Posamenterien und was wir im Lauf der Zeit in die Fabrikation aufnehmen. Denn stehenbleiben werden wir ja nicht.«

»Nee«, sagte Gustav Wiskotten und stieß einen großen Dampfkringel in die Luft.

»Um uns nun von den Grossisten unabhängiger zu machen und das Publikum direkt auf unsre Artikel zu stoßen, wird Ewald außerdem sein malerisches Können verwerten und Kostümbilder zeichnen, deren Spitzen und Bandgarnituren den Hauptanreiz bieten und bis ins kleinste die moderne Schönheit der Wiskottenschen Artikel wiedergeben. Jedes Muster wird noch in Sonderzeichnungen beigefügt. Ich schreibe den Text dazu, erkläre, bestimme den guten Geschmack und zeige, daß auch eine Wiskottensche Feder etwas leisten kann. Wir schließen mit unsern größten Familienblättern Verträge ab und geben das Modenblatt zunächst vierteljährlich als Beilage. Dann kommt es in alle Frauen- und Mädchenhände, die ›Wiskottenschen Nouveautés‹ werden in Dorf und Stadt unter diesem Namen gefordert werden und die Unkosten sich bald zehnfach bezahlt machen. So. Ich bin fertig.«

Gustav Wiskotten hatte längst die Zigarre auf den Aschenteller gelegt, die ausgestreckten Beine zurückgezogen und sich weit über den Tisch gelehnt. Er hatte die Tragweite der Idee sofort begriffen, und sein spekulativer Kopf arbeitete sie weiter aus.

»Jungens – ich tu' euch Abbitte. Daß die Kunst auch eine praktische Seite hat – daß ihr Schwarmseelen das herausfinden würdet – für die Fabrik, für die Firma, für die Familie – nee, wahrhaftig, ihr seid mit Wupperwasser getauft, mit unverfälschtem.«

»Hältst du die Idee für gesund?«

»Reiz mich nicht. Ich kann doch nicht mit dir zum Oweram gehen. Emilie, hol mal eine Flasche Sekt – Herrje, Emilie, Frau, Kind, ich hab' dich ja in der Aufregung ganz vergessen ...«

»Aber ich nicht das Märchen vom Arbeitssoldaten ...«

»Siehst du, siehst du, da kommt er anmarschiert. In der Ferne sieht er was funkeln, was er für seinen Schatz haben muß. Muß! Es gehe, wie es wöll'!«

Emilie lehnte sich mit geschlossenen Augen an ihn.

»Du – –!« Dann raffte sie ihr Kleid, nahm das Licht vom Vorplatz und holte aus dem Keller die gewünschte Flasche. Sie rückte den Männern die Gläser zurecht und schenkte ein.

»Und wo bleibst du?«

»Heut trink' ich mit dir.«

»Prost Paul! Du und Ewald! Von heut an zählt ihr mit.«

»Prost ihr beide. Nehmt's als Hochzeitsgeschenk.«

»Wenn du anzüglich wirst, fliegst du 'raus.«

»Natürlich! Jetzt, wo das Geschäftliche erledigt ist, bin ich überflüssig.«

»Bist du auch, Dichterseele. Trink en bißchen schneller.«

»Ich kann ja die Flasche mit auf den Hof nehmen.«

»Das könnt' dir so passen. Jetzt, wo du mir warm gemacht hast. Gib mal deine Hand. Gott sei gedankt, daß auch in euch der alte Familiensinn Wurzel geschlagen hat.«

»Wir sind doch von einer Mutter – –«

»Vatter nicht zu vergessen. Ohne Sonne keine Freude am Segen.«

»Soll ich Ewald schreiben, daß du einverstanden bist?«

»Übermorgen hat Vatter Geburtstag. Auch Wilhelm kommt zurück. Schreib ihm, er soll sich auf die Socken machen und als Gratulant erscheinen. Nicht als verlorner Sohn. Er hat ja sein Geschenk bei sich. Und abends, wenn wir bei Tisch sitzen, rückt ihr damit heraus und erläutert eure Idee. Ich seh' schon Vatters vergnügte Augen.«

»Und dabei ist ihm die Sache selbst egal. Nur daß sie von uns ausgeht, das macht ihm den Spaß.«

»Es gibt auch keine schönere Freude«, sagte Emilie, »als andre froh zu sehen. Das geht hin und her und her und hin, wie ein Pendel zwischen den Herzen. Ist es nicht so?«

»Paul, wenn du nu nich nach Haus gehst, fangen wir noch alle an, Gedichte aufzusagen.«

Paul Wiskotten machte sich marschfertig. »Er treibt jetzt Literatur, Emilie. Aber sehr mit Auswahl. Den Reuter liest er schon zum drittenmal.«

Gustav brachte ihn die Treppe hinab und schloß hinter ihm das Haus. Als er ins Zimmer zurückkam, sah er Emilie unter der Lampe stehen. »Du«, sagte er, und seine Augen glänzten, »das ist eine kapitale Idee, die sich die Jungens da ausgeheckt haben. Wenn die realisiert wird – –«

Sie lächelte, hob den Arm und drehte das Licht aus. Noch hörte er das leise Rascheln ihres Kleides.

Die Frühlingsnacht blinzelte durch die Scheiben. Ein Streifen silbernen Lichtes glitt vom Fenster bis zu der Tür, hinter der sie verschwunden war. Als hätten ihre Füße die leuchtende Spur zurückgelassen. – –

Seine Augen weiteten sich in der Dunkelheit und hafteten an dem silbernen Streifen. Seine Brust hob und senkte sich unter tiefen zitternden Atemzügen. Ganz knabenhaft traumselig ward ihm zumute. Als huschte hinter jener Tür der Weihnachtsengel einher, entzündete sein Verlangen und dämpfte es wieder zu scheuer Verehrung. Nur ein Schritt bis zur Tür, nur ein Schritt – – Und die Befangenheit löste sich und ging unter in einem Strom starken Glücksempfindens, der aus seinem Kopf die Arbeitsgedanken spülte und aus seinem Herzen, was nicht Emilie hieß.

»Jetzt beginnt«, sagte er sich, »der zweite Teil des Märchens vom Arbeitssoldaten.« –

Er öffnete die Tür. Auch hier nur ein Streifen des silbernen Lichtes. Aber in dem Licht stand eine junge weiße Frau, die, das schwere Haar für die Nacht aufnehmend, ihm ein blasses Gesicht und stillglänzende Augen zuwandte ...

Über den Fabrikhof ging die Frühlingsnacht.

Kein Wort sprach er. Er schritt auf sie zu, leise und behutsam, und leise und behutsam legte er den Arm um sie. Sie schmiegte sich wie ein Kind hinein, und er drückte sein Gesicht in ihr kühles weiches Haar.

Draußen wuchsen die riesigen Schatten der Fabrikgebäude. Aber in die heimliche Kammer konnten sie nicht hinein. Mehr und mehr füllte sie sich mit dem silbernen Schein der Lenznacht.

Ein einziges, tiefes Schweigen –

Doch an dem pochenden Leben, das er im Arme hielt, fühlte Gustav Wiskotten, daß er lebte und weshalb er lebte.

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