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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
created20150202
modified20151302
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7

Gustav Wiskotten schob die Geschäftskorrespondenz zurück und blieb, die Arme auf der Platte des Schreibtisches lang ausgestreckt, mit halb geschlossenen Augen sitzen. Aber er sann nicht nach, er sammelte sich. Ein Zug der Abgespanntheit machte sich in seinem Gesicht bemerkbar. In den letzten Wochen hatte er selbst seinen nie versagenden Kräften etwas viel zugemutet, ohne daheim den notwendigen Ausgleich zu finden.

Ein paar Minuten blieb er in seiner vornübergesunkenen Stellung. Dann lehnte er sich langsam zurück und sah seinem Bruder August zu, der emsig schreibend ihm gegenübersaß.

»Nun dürfte sich mein Konto wohl wieder erholen.«

»Vorläufig sind wir über den Berg.«

»Vorläufig? Ich sage dir, das bleibt jetzt so. Die Kundschaft haben wir überrumpelt, sie fressen die neuen Artikel wie die Butter vom Brot, Orders mehr als wir effektuieren können, und die Konkurrenz Scharwächter ist abgetan.«

»Der Haß ist waschechter als die Liebe. Mach dich nur auf Überraschungen gefaßt.«

»Ich halt' sie schon in Händen. Der Alte sucht um einen Waffenstillstand nach, um seine Toten zu beerdigen. In einem persönlich an mich gerichteten Briefe.«

August Wiskotten setzte die Feder ab. »Jeremias Scharwächter hat dir – dir persönlich – geschrieben?«

»Ja, mein Junge, er hat. Nicht aus schwiegerväterlichen Gefühlen. Er spürt auf einmal die Motten im Rock, und ich soll sie ihm herausklopfen. Das Ausklopfen werde ich besorgen.«

»Kommt er hierher?«

»Er schreibt, daß er mich heute vormittag in meiner Wohnung aufsuchen würde. Verstehst du? Um der Sache einen familiären Anstrich zu geben.«

»Und du, Gustav?«

»Mich geht nur der geschäftliche Teil der Unterredung an.« Er erhob sich und stellte sich ans Fenster. August maß ihn mit einem langen, prüfenden Blick und griff ruhig wieder zur Feder.

»Hör mal, August ... Das ist Musik!«

»Was?«

»Sechshundert Pferdekräfte an der Arbeit! Und die Menschen dazu! Da sag' mir einer, das wäre nicht die Poesie des Lebens.«

»Wenn du heute deinen sentimentalen Tag hast, kann es deinem Schwiegervater gut gehen.«

»Auch die hat er mir unterbinden wollen, auch die! Da ist er aber zwischen's Schwungrad geraten.«

»Glaubst du, daß er fertig ist?«

»Er hat sein Kapital angreifen müssen. Und die Art Leute greift lieber ihre Prinzipien an. Das kostet nur ein wehleidig Gesicht und kein Geld. Aber für sein wehleidig Gesicht kauf' ich mir nichts. Er sich für meins auch nicht.«

Er wandte sich vom Fenster ab und griff nach seiner Mütze.

»Du, was sagst du zum Ewald? Der Junge macht sich. Und die Phantasie wollte der Bengel auf Leinwand verklecksen, bei der er nicht das Geld für die Ölfarbe herausgekriegt hätte. Ich bin, weiß Gott, ein ernsthafter Mensch geworden, aber die Keilerei im Neandertal, die segne ich. Die hat den Schlußpunkt gemacht.«

»Wir werden einen neuen Bandstuhl konstruieren lassen müssen.«

»Man zu! Je mehr Überraschung für die Konkurrenz, desto besser. Wenn sie den nachgemacht haben, sind wir schon wieder einen Sprung weiter und schenken ihnen das alte Modell zu Weihnachten. Hast du gesehen, was der Paul gestern abend von Düsseldorf mitgebracht hat? Ich hätte mich besaufen können vor Vergnügen.«

»Gustav, drück dich doch etwas gewählter aus.«

»Ach du alter Kanzelredner, wenn du wüßtest, wie mir ist! Wie mir die Musik auf dem Fabrikhof wohltut! Die hat mich nicht betrogen. Die nicht. Und der halt' ich Treue.«

»Von Emilie nichts?« fragte der Bruder, ohne den Kopf vom Briefbogen zu erheben.

Gustav Wiskotten gab keine Antwort. Er ging, die Mütze im Nacken, aus dem Privatkontor, über den Korridor und zur Haspelstube. »Hast du einen Moment Zeit, Mutter?«

Die alte Frau kam zu ihm heraus. Und sie gingen die Treppen hinab, durch den Bandstuhlsaal, über den Hof bis zur Wupper. Neben dem Kesselhaus stand der alte Christian und warf im Schwung die Kohlen. »Morgen zusammen. Nix für ungut, Frau Wiskotten, aber wenn der Mensch nich vom Affen abstammt, möcht' ich wissen, wie ich die Hühneraugen gerad' an die Händ' krieg'!«

Er zog es vor, die Antwort der alten Frau nicht abzuwarten und im Kesselhaus zu verschwinden.

Frau Wiskotten verzog keine Miene.

»Wat hast du, Gustav?«

»Mutter, ich wollt' mir nur wat in die Erinnerung zurückrufen.«

»Kannst du dat nich ohne mich?«

»Nee, Mutter, ich hab' dat Bild fester im Gedächtnis, wenn du dabei bist. Hier standen wir vorigen November. Und dann gingen wir in die neue Färberei un setzten uns auf die leeren Kufen. Du un ich. Weißt du noch?«

»So wat vergißt sich nich.«

»Damals fing der Krieg an. Ich hatt' keine Hilfstruppen als dich. An dem Abend hast du mir et Rückgrat steif gemacht. Du kannt'st mich, wie du dich kennst, un, Mutter, wir haben uns nich ineinander getäuscht. Wir haben gesiegt.«

»Dat weiß ich, Gustav, un hab' et nich anders erwartet.«

»Der Mann, der mich aus dem Haus geworfen hat, der mich um die Freud' an Frau und Kindern gebracht hat und mir die Fabrik hat stillegen wollen, dem du un ich da drin, in der neuen Färberei, in der et jetzt rumort wie in 'nem Bienenstock, an dem unvergeßlichen Abend Vergeltung versprochen haben, der wird in einer halben Stunde mit abgezogenem Hut vor mir stehen.«

Es war still zwischen ihnen. Nur die schwarze Wupper gurgelte zu ihnen auf.

Dann sagte die alte Frau und tat einen tiefen Atemzug: »Is et so weit?«

»Er kann sich nich mehr halten, Mutter. Er hat zu doll drauflegen müssen. Verspielt, Mutter.«

»Der Herr hat ihn in unsre Hand gegeben.«

»Jedenfalls is er drin.«

Wieder schwiegen sie, und die schwarze Wupper gurgelte zu ihren Füßen von Arbeit und Lebenskampf, ohn' Ende, ohn' Ende – –

»Wat willst du mit ihm machen, Gustav?«

»Du meinst – wegen Emilie – –?«

»Et is ihr Vatter.«

»Dat er mein Schwiegervater is und der Großvater von den Kleinen, dat hat ihn weniger behindert. Ich will ihn nicht durch größeren Edelmut beschämen.«

»Hast du et dir überlegt?«

»Mutter, er hat uns bei unsrer Arbeit packen, er hat die Fabrik aufschmeißen wollen. Dahinter tritt meine Privatdifferenz zurück. Ich hab' mit ihm nich anders als wie jeder andre Teilhaber der Firma Gustav Wiskotten Söhne zu verhandeln. Sag mir, dat et so recht is.«

Die alte Frau ließ ihren Blick lange auf ihrem Ältesten ruhen. Dann wanderte der Blick weiter, über den Fabrikhof, von Gebäude zu Gebäude. Wie das gewachsen war, seit sie den ersten Stein gerichtet. Wie das weiter aufwuchs, gekittet mit dem Schweiß und dem Herzblut der ganzen Familie. Der ganzen Familie – –

»Et is recht so, Gustav.«

Der wischte sich mit dem Tuch das Lächeln fort, das bitter um seine Mundwinkel zucken wollte. Und aus harten, stolzen Augen folgte sein Blick dem der Mutter. – –

Ein Junge kam gelaufen und meldete einen Besuch für Herrn Gustav Wiskotten.

»Wo?«

»In Ihrem Haus.«

»Ich komm' in fünf Minuten.« Er sah die Mutter an. Die nickte und ging über den Hof zurück.

»Na, Schwiegervater, dann freu du dich ...«

Er gab Kölsch noch einen Auftrag, für den Fall, daß er länger aufgehalten werden sollte, und schritt, ohne Eile zu zeigen, auf sein Haus zu. Im Wohnzimmer erwartete ihn Jeremias Scharwächter.

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Guten Tag, Gustav. Wie geht's? Es sind schwere Zeiten für die Industrie.«

»Das muß wohl woanders sein. Darüber kann ich nicht mitsprechen.«

»Nun, Gustav, ihr werdet auch nicht immer zu lachen haben.«

»Wir lachen den ganzen Tag.«

Herr Scharwächter putzte sich die Nase. Er ging sehr umständlich dabei zu Werk. »Erlaubst du mir, daß ich mich setze?«

»Überallhin, wo ein Stuhl steht.«

»Danke. Es ist ein weiter Weg von mir bis zu dir. Aber da du ihn nicht fandest, mußte ich dir zeigen, daß das Alter die Milde ist.«

»Na, dann seien Sie milde und sagen Sie kurz, was Sie herführt. Ich weiß vor Arbeit kaum aus noch ein.«

»Habt ihr so viel Orders? Wohl alle Bandstühle besetzt?«

»Wir haben sogar zum erstenmal Hausarbeit ausgegeben. Bis die neuen Stühle geliefert werden. Also: bitte.«

»Neue Stühle? Werdet ihr euch auch nicht übernehmen?«

»Wir Wiskottens haben einen gesunden Magen. Der verdaut selbst Konkurrenten, die uns lästig werden.«

Der alte Herr hüstelte. Sein Kopf kroch tief in die Krawatte zurück, als ob es ihn fröre. Ein paarmal öffnete er den Mund.

»Gustav – es ist in der letzten Zeit nicht ganz so gewesen, wie es zwischen so nahen Verwandten hätte sein müssen.«

»Ganz so nicht.«

»Kein gut Ding, das sich nicht bessert. Wir haben uns in unserm Kummer das Leben gegenseitig schwer gemacht. Nun wollen wir es uns gegenseitig erleichtern.«

»Ich bin begierig auf Ihre Vorschläge.«

»Lieber Gustav, es sind schwere Zeiten für die Industrie. Nein, nein, das kannst du nicht wegdisputieren. Wenn es bei euch augenblicklich gut geht, so ist das auch nur eine Welle, die sich bald wieder im Sande verlaufen wird. Die paar guten Muster, mit denen ihr es diesmal glücklich getroffen habt – du lieber Gott, einmal hat der einen guten Einfall und einmal der; das wechselt – mit denen werdet ihr das Geschäft auf die Dauer auch nicht machen, wenn die Konkurrenz nicht zugibt, daß auch bei den Preisen etwas herausschaut.«

»Die Konkurrenz – damit meinen Sie also sich.«

»Die kleinen Mitläufer kommen wohl nicht in Betracht. In unsern Artikeln, in unsern Spezialartikeln, regeln wir beide in erster Linie den Markt. Die Firma Jeremias Scharwächter und die Firma Gustav Wiskotten Söhne. Und daher, meine ich, wäre es an der Zeit, auch die Beziehungen zwischen uns zu regeln.«

»Die liegen doch sonnenklar.«

»Wenn jeder von uns ehrlich will, kann die Ernte reicher sein.«

»Was das betrifft, für uns wollen wir.«

»Und ich will ebenso.«

»Das sind Ihre Angelegenheiten und geht mich nix an.«

Der Kopf des alten Herrn, der sich vorgewagt hatte, zog sich verscheucht in die Krawatte zurück.

»Ich fürchte, du hast mich nicht ganz verstanden, lieber Gustav. Ich dachte mir das folgendermaßen. Der Kundenkreis ist groß genug für beide Firmen und könnte auch ergiebig genug sein, wenn einer im andern den Verwandten respektierte und ihm den Lohn seiner Arbeit gönnte. Ich habe vorhin gesagt, das Alter ist die Milde. Das soll nicht nur so dahingesprochen sein. Ich werde das Gewesene vergessen und als erster die Hand zu einem schönen Vergleiche bieten. Ich hoffe, das wirst du zu würdigen wissen. Ihr habt in der Fabrik durch mich schwere Kämpfe erlitten, die nicht wiederkehren sollen. Nein, wirklich nicht. Ich werde nicht mehr auf die Preise drücken, ihr sollt ganz frei aufatmen und die Höhe der Notierungen nach eigner Wahl bestimmen, Notierungen, die handgreifliche Gewinne bringen und die ich überall, wo ich auf sie stoße, strikt achten werde. Kurz: ich schlage euch aus verwandtschaftlichem Herzen eine Preiskonvention vor.«

»Da hätten Sie sich kürzer fassen können.«

»Es galt, den alten Groll zu besiegen. Nun habe ich ihn begraben.«

»Das freut mich. Aber mit der Fabrik hat das nix zu tun.«

»Lieber Gustav, ich habe dir die Hand zur Versöhnung geboten.«

»Schön. Eine Versöhnung soll man nie zurückweisen, das wäre nicht christlich. Also wir beide, wir wären versöhnt. Aber ich frage Sie noch immer: Was geht das die Fabrik an?«

»Lieber Gustav, verstehe mich doch recht, ich will doch den Vorteil. Und eine Preiskonvention –«

»Ja, das ist mir nun wirklich interessant. Also welche Vorteile hätte die Preiskonvention für Gustav Wiskotten Söhne ...?«

Er rückte sich gemütlicher in seinem Stuhl zurecht und sah den Besucher aus runden Augen an. Jeremias Scharwächter nahm sich zusammen.

»Zunächst, lieber Gustav, ein ruhigeres Arbeiten. Ohne die Angst, der andre kommt einem zuvor. Ferner aber die Sicherheit, daß die Konkurrenzartikel sich nicht mehr bekämpfen, sondern sich, da sie den Käufer dasselbe kosten, nebeneinander behaupten, und zwar gewinnbringend. Wenn wir vor jeder Kampagne die Qualitäten vergleichen und unter uns die Preise regulieren –"

»Pardon, Sie wollten von den Vorteilen für Gustav Wiskotten Söhne sprechen.«

»Das tue ich ja.«

»Bis jetzt zählen Sie nur die Vorteile auf, welche die Firma Jeremias Scharwächter bei dem Handel haben würde. Wo steckt die Gegenleistung?«

»Aber sie liegt doch auf der Hand. In der Gegenseitigkeit steckt sie, lieber Gustav.«

»Ja, wenn es sich um zwei gleich prosperierende Firmen handelte. Sie hätten mit Ihrem Vorschlag im vorigen Herbst kommen müssen, wissen Sie: als Sie den vorschnellen Plan faßten, uns jämmerlich in die Tinte zu reiten. Aber heute? Mit einer Firma – so viel Geschäftskenntnis trauen Sie mir wohl zu –, die drauf und dran ist, zu liquidieren, weil sie immer stärker mit Unterbilanz arbeitet, schließt man keine Vergleiche, der diktiert man seinen Willen oder rasiert sie weg.«

Jeremias Scharwächter fuhr blaß und erregt von seinem Sitze auf. Er bemühte sich, ein Lachen zu finden, ein lustiges, überlegenes Lachen, aber es kam heiser und erkünstelt.

»Unterbilanz? Liquidieren? Sonderbare Späße machst du, um mich billiger zu bekommen.«

»Billiger? Ich hab' Sie ganz umsonst.«

»Spanne den Bogen nicht zu straff. Wenn ich so, wie ich gekommen bin, aus diesem Hause gehe –«

»Werden Sie zu Hause die Läden herunterlassen können. Das ist mir bekannt.«

»Gustav!« Scharwächter trat auf ihn zu und faßte ihn beim Ärmel. »Und wenn es so wäre? Nehmen wir es einmal an ...«

»Es ist so. Darüber ist kein Wort mehr zu verlieren.«

»Und – und – an Emilie würdest du gar nicht denken?«

»Bleiben Sie beim Geschäftlichen, Herr Scharwächter!«

»Aber sie ist doch deine Frau!«

»Stimmt. Meine Frau. Nicht die Frau von Gustav Wiskotten Söhne.«

»Lieber Himmel, sei doch nicht so unbarmherzig! Seit meinem Großvater behauptet meine Firma ihren angesehenen Namen.«

»Mein Vater ist auch Großvater. Und mein Vater und meine Mutter, haben die herumgelungert, waren das Glücksritter, über die man herzieht, als hätten sie nicht ehrliche Schwielen an den Händen? Nee, Herr Scharwächter, zu der Einsicht, daß die Wiskottens ehrliche und achtbare Gegner sind, hätten Sie früher gelangen sollen. Wer unsre Arbeit respektiert, der ist unser Freund. Wer uns angreift, auf den hauen wir ein, was das Zeug halten will. Sie haben uns angegriffen. Resultat: Sie scheuern sich die Hose. Die Sache ist erledigt.«

»Gustav, das kann nicht dein Ernst sein! Emilie trägt meinen Namen!«

»Das ist der alte Irrtum. Sie trägt meinen!«

Jeremias Scharwächters Hände griffen nervös in die Luft, als suchten sie einen rettenden Gedanken zu fassen. Dünner Schweiß perlte auf seiner pergamentenen Stirn. Der Hals ragte weit aus der schwarzen Krawatte.

»Wissen Sie, was Mutter sagt, Herr Scharwächter? Sie kennen doch meine Mutter? Sie ist eine gottesfürchtige Frau, und sie sagt: »Der Herr hat ihn in unsre Hand gegeben.«

Jeremias Scharwächter zog krampfhaft die Hände zusammen.

Aus! – –

Eine Weile blieb es still zwischen den Männern. Dann entschloß sich Scharwächter zur Demütigung. Er wandte sich und schritt langsam zur Tür, die in die inneren Räume führte.

»Herr Scharwächter«, sagte Gustav Wiskotten weicher, »Sie irren sich. Dort geht's in mein Schlafzimmer.«

In dem vergilbten Gesicht des andern zeigte sich kein Verständnis. Er drückte auf die Klinke und öffnete die Tür.

»Kommt mal heraus, Kinder, zu eurem lieben Papa.«

»Himmeldonnerwetter! Spielen Sie hier kein Theater! Verstehen Sie mich? – Wa – was? Ihr – ihr seid da? Kinder! Gustav! Emilie!«

Er drängte sich vor, beugte sich, die Arme weit geöffnet, die jauchzenden Kinder aufzufangen, vornüber, verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Knie, warf sich herum, lag, lang ausgestreckt, auf dem Teppich, die Kinder auf der Brust, die er küßte, jetzt den Jungen, jetzt das Mädchen, Töne hervorstoßend, die Worte bedeuten sollten und doch nur ein Gurgeln waren ...

»Papa, Papa! Dürfen wir jetzt wieder hierbleiben?«

»Wir sind ganz artig, Papa.«

»Und ich hab' ein Segelschiff.«

»Und ich einen Kochherd.«

»Gehst du jetzt mit an die Wupper?«

»Still«, sagte Gustav Wiskotten, und er hielt ihre Köpfchen im Nacken fest und starrte in ihre Gesichter und zog sie jäh wieder an sich und küßte sie, den Jungen, das Mädchen, den Jungen, das Mädchen ...

Und endlich fiel ihm ein, daß sie nicht allein waren. Er setzte die Kinder ab und erhob sich. Mit funkelnden Augen blickte er auf das hagere Männchen, das scheu in sich zusammengekrochen war.

»Das haben Sie gut gemacht, Schwiegervater. Alle Achtung! Na, und nun schicken Sie auch noch Ihre letzten Hilfstruppen vor. Lassen Sie Emilie nur hereinkommen.«

»Emilie ist in Düsseldorf.«

»Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Emilie die Kinder allein hergeschickt hat?«

»Ich habe die Kinder gestern geholt, lieber Gustav. Um dir eine Freude zu machen.«

»Und Emilie weiß von diesem – diesem schönen Familienfest?«

»Nein. Ich habe ihr nur gesagt, daß ich die Kinder ein paar Tage bei mir haben möchte.«

»Gott sei Dank«, sagte Gustav Wiskotten, und es war ihm, als wiche ein Druck von ihm. »Die Komödie hätt' ich auch nicht ertragen.«

»Lieber Gustav –«

»Was wünschen Sie?«

»Die Kinder – die Kinder bitten für ihren Großvater.«

»Machen Sie mir die Kinder nicht auch zu Komödianten, wenn Sie's schon sind. Und – und – Sie sehen, daß ich jetzt keine Zeit habe.« Er hob die Kinder auf den Arm und drückte sie fest an sich. Ihre Köpfe schmiegten sich verschüchtert an sein Gesicht.

»Gustav – – ich will dir eine Freude machen.«

»Das wär' die erste.«

»Ich will dir die Kinder hierlassen, Gustav.«

»Als wenn ich sie freiwillig wieder hergäbe!«

»Aber ich habe sie dir doch gebracht. Ohne Dank wirst du das doch nicht hinnehmen.«

»Nein, Sie Geschäftemacher, die Wiskottens pflegen ihre Schulden zu bezahlen.«

»Willst du jetzt – die Verhandlungen wieder mit mir aufnehmen?«

Gustav Wiskotten setzte die Kinder aufs Sofa und stellte sich ans Fenster. Eine Minute und noch eine kroch dahin. Jeremias Scharwächter biß sich auf die dünnen Lippen. »Gustav –«

Da wandte er sich um.

»Schwiegervater, es geschah zwar aus kleinlichster Berechnung, daß Sie mir eine Freude machten. Aber immerhin: der Effekt ist erreicht, und einen Dank bin ich Ihnen schuldig. Ich will Sie vor der Liquidation bewahren. Ihre Firma soll bestehen bleiben. Ihre Fabrik – nicht! Wickeln Sie ruhig die laufenden Geschäfte ab. Dann können Sie unser Kommissionär werden. Kein Wort weiter. Es ist mein letztes. Sie verkaufen in Zukunft Ihren Kunden unsre Ware. Die Preise bestimmen wir! Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Ich seh', es fällt Ihnen schwer. Guten Morgen, Schwiegervater. Emilie kann beruhigt sein. Die Kinder werden es gut haben. Na – also –: auf Wiedersehen!«

Jeremias Scharwächter verließ, das Kinn tief in die Krawatte gezogen, das Haus. – –

»Kinder!« schrie Gustav Wiskotten. Sie sprangen vom Sofa, sie stürmten gegen ihn an und kletterten an ihm empor, lauter noch schreiend als der Vater, sie ließen sich küssen und drücken und küßten und drückten wieder. Und alle drei kollerten sie über den Teppich, das Zimmer erfüllend mit ihrem kindischen Toben, und Gustav Wiskotten war der kindischste unter ihnen. – –

Dann zog er sich einen andern Rock an und drückte sich heimlich mit den Kindern zum Tor hinaus. Heute sollten sie ihm allein angehören. Kein Mensch sollte ihm auch nur ein Quentchen stehlen. Jetzt erst spürte er, wie verhungert er war.

Eilig trabten sie die hügeligen Straßen hinauf. Erst im Wald fühlte er sich sicher. Und dort oben, in dem jungen Frühlingserwachen, brach der Freudentaumel von neuem aus, und es war ein Jagen und Haschen, ein Kreischen und Flüstern, ein Balgen und Stilliegen. Das war das Köstlichste – –

In dem Waldwirtshaus »Villa Foresta« ließ er ein Mittagsmahl bereiten. Er band ihnen die Servietten, legte ihnen vor und vergaß, selbst zuzulangen. Die Kleinen fühlten sich wie die Prinzen und aßen wie die Drescher. Das behagte dem Vater. Und nach der Mahlzeit ging es wieder tief in den Wald, zum verschwiegenen Murmelbach, und Gustav Wiskotten holte die alten Jugendfertigkeiten hervor und schnitzte ihnen ein Mühlrad, das sich im Wasser lustig drehte.

»Du mußt mir mein Segelschiff von Düsseldorf holen«, sagte der kleine Gustav, »das lassen wir hier schwimmen. Bis in die Wupper und bis in den Rhein und bis ins Meer. Das ist viel weiter als von Düsseldorf bis ins Meer.«

»Und Mama und ich fahren darauf zum Papa«, fuhr die kleine Emilie fort.

»Habt ihr das schon einmal gespielt?«

»Mit der Mama.«

»Und die Mama ist mit euch zum Papa gefahren?«

»Ja, und wenn wir mal nicht artig waren, sagte sie, Papa könnte nur artige Menschen in Barmen gebrauchen. Deshalb seien wir in Düsseldorf, um das zu lernen. Und jetzt kannst du uns gebrauchen.«

Er griff nach ihnen und zog sie heran. »Hat die Mama auch nie über euch zu weinen brauchen?«

»Über uns doch nicht!« meinte der kleine Gustav verwundert.

»Über wen denn?«

»Das wissen wir nicht. Geweint hat sie oft. Aber seit der Onkel Ewald da ist und die Tante Anna so oft aus Barmen kam, ist sie immer vergnügt. Weißt du, was ich glaub'?«

»Na, was glaubst du denn, du Schlauberger?«

»Sie meint gewiß, sie dürft' jetzt auch wieder nach Barmen kommen.«

»Und das freut sie?«

»Wenn man doch so lang' hat weinen müssen ... War sie nicht brav?«

»Die Mama ist immer brav.«

»Und schön!«

Er drückte den Jungen fester. »Schön? – Das erzähl mir mal.«

»Das hat der Onkel Ewald gesagt. Und viel schönere Kleider müßte sie tragen, hat er gesagt, und jeden Tag ein andres, damit es auch jeder sehen könnt', daß sie die Allerschönste wäre, Papa.«

»Und das – hat die Mama – alles angehört?«

»Und so furchtbar gefreut hat sie sich!«

»Lauf zu deiner Mühle, Jung'!«

Er lag im Moos, das die Sonne gewärmt hatte, ein Träumen in den Augen und das Jauchzen der Kinder in den Ohren. »Ah –«, sagte er und dehnte sich, » die Frühlingsluft –!«

An jeder Hand eines der Kinder führend, kehrte er gegen Abend nach Hause zurück. Hocherhobenen Hauptes schritt er durch das Tor, das er am Morgen flüchtend verlassen hatte.

»Schicken Sie sofort mal zu Herrn Kölsch«, trug er dem Pförtner auf, »ich ließe ihn bitten, mit Fräulein Kölsch doch gleich mal herzukommen.«

»Anna muß einstweilen bei den Kindern bleiben«, sagte er sich. »Wir stellen noch ein Bett im Kinderzimmer auf.«

Nur jetzt keine Trennung mehr! Wie hatte er nur auf das Kindergeplapper verzichten können! Ihm stockte der Atem, die Angst legte sich nachträglich um seine Brust wie eine Eisenklammer.

»Kinder – Kinder – –!«

»Papa?«

Das erlöste. – –

Um das Haus schlich sich eine Gestalt. Sie hielt sich im Schatten und spähte nach den erleuchteten Fenstern. Zweimal war der Pförtner mißtrauisch vors Tor getreten und hatte sie durch sein Erscheinen verscheucht. Als sie zum drittenmal wiederkam, rief er sie über die Straße an. Da verschwand sie.

Und Emilie Wiskotten ging durch abgelegene Straßen der mittleren Stadt zu.

»Wenn ich nur mehr von ihm gesehen hätte als die dunklen Umrisse ... Sein Gesicht, um zu wissen, was er denkt ... Er kann sich nicht verstellen ... Ob er glaubt, ich hätte von Vaters Absicht gewußt?«

Am Nachmittag war sie mit dem Personenzug auf Station Unter-Barmen eingetroffen. Sie hatte sich in Düsseldorf nach der eintägigen Trennung von so heftiger Sehnsucht nach den Kindern ergriffen gefühlt, daß sie beschlossen hatte, sie heute noch beim Vater abzuholen. Und ihr Vater hatte ihr kalt abweisend mitgeteilt, daß er sie zu ihrem Manne gebracht hätte und es in seinem Interesse wäre, wenn auch sie sich dorthin begäbe, wohin sie gehöre. Wäre ihr das früher beigefallen, so brauchte er jetzt bei den Wiskottens nicht um gut Wetter zu betteln. Nun aber hätte er die Nachgiebigkeit gegenüber den albernen Zimperlichkeiten der Tochter auszubaden. Mit Verlusten! Mit Verlusten! Und er hatte, seine zugeknöpfte Würde vergessend, außer sich vor Wut auf das Hauptbuch geschlagen. »Anderthalb Hunderttausend! Bist du das wert? Und der Kerl, dein Mann?«

Die Kinder hatte er zu Gustav gebracht, um ihn weich zu stimmen. Mußte Gustav nicht an eine abgekartete Sache glauben? Mußte er nicht glauben, sie wollte jetzt, da alles in ihr nach ihm heimverlangte, des Vaters wegen, eines hohen Geschäftsverlustes wegen, sich ihm verkaufen? Der Schlag hatte sie furchtbar getroffen. Nun stand sie wieder draußen und hatte die Klinke schon in der Hand gehabt, um die Tür zu öffnen, die zu ihm führte. So konnte sie nicht kommen. Er mußte mit sehenden Augen ihre freiwillige Heimkehr gewahren. Nur nichts argwöhnen, nur nicht am alten Faden anknüpfen.

Emilie Wiskotten zermarterte ihr Hirn, bis sie das Denken schmerzte, bis sie ganz apathisch durch die heimatlichen Straßen schritt. Sie gelangte in die hochgelegenen Anlagen der Stadt und wußte nicht, was sie hier wollte. Ach, Einsamkeit – –!

»Emilie?«

War sie gemeint? Nein, nein. Und wenn auch.

»Emilie Wiskotten?«

Jetzt mußte sie wohl aus Höflichkeit stehenbleiben. Aber sie ging dennoch weiter.

Eine Hand legte sich auf ihren Arm. Eine behandschuhte Frauenhand. Das fühlte sie durch das Kleid hindurch.

»Willst du mir davonlaufen, du Ausreißerin? Ich habe Finderlohn zu beanspruchen. Bitte, halte mal still.«

»Mabel – –« stotterte sie.

»Erkennst du mich wirklich? Das freut mich aufrichtig. Ich habe dich trotz des Schleiers erkannt, an dieser einzigen Figur, an diesem Wuchs, der gar nicht zu wissen scheint, daß er geradeswegs aus dem Paradiese stammt. Und nun laß mich mal dein Gesicht ohne Schleier sehen.«

Sie nestelte ihr den Schleier hoch und hielt sie beim Kinn. »Entzückend«, lachte sie sie an, »entzückend! Davon bekomme ich die Erstlinge ...« Und sie küßte sie rasch auf den Mund. »Die Lippen, die habe ich mir ganz anders vorgestellt.«

Da vermochte Emilie Wiskotten nicht mehr an sich zu halten. Sie zog den Schleier herab und weinte stumm in das Gespinst.

»Komm, Kind, Frauentränen sind zu heilig für die Öffentlichkeit.«

Sie ließ sich willenlos fortführen. Die Villa Wilhelm Wiskottens war bald erreicht.

In dem kleinen lauschigen Salon der Hausfrau saßen sie am Schmuckkamin dicht nebeneinander. Auf der Marmorplatte brodelte eine silberne Teemaschine. Emilie Wiskotten hatte mit ihrer Erzählung geendet.

Die junge Hausfrau, in einem Spitzenkleid von schmiegsamer Zartheit, strich ihr nachdenklich über das Haar, das von schweren Kämmen gehalten wurde. »Was du tun sollst? Gar nichts. Höchstens – dir das Haar anders machen.«

»Ist das alles?« sagte Emilie mit einem traurigen Lächeln.

»O nein. Nur der Anfang. Der überlegenen Kraft, um nicht zu sagen: der roheren Gemütsstruktur des Mannes haben wir unsre Schönheit entgegenzusetzen. Leute, die sich wahrhaft lieben, müssen beständig auf eine Art Kriegsfuß miteinander leben. Toujours en vedette. Täglich ein Eroberungszug von hüben und drüben. Was tu' ich mit aller Seligkeit, wenn sie schläft? Man muß wissen, daß die Seligkeit sich lohnt. Daß sie zu immer neuen Siegen verleitet. Mit jedem Morgenrot und jedem Abendrot. Jeder Mann ist einer Frau gegenüber ein Phantast. Und wir bestimmen, was er in uns hineinphantasiert. Komm, mach's dir bequem.«

»Bist du allein?«

»Wilhelm ist in England. Er gedenkt seine Mabel demnächst in Gold fassen zu lassen, weil sie ihm die Freude am Lebensgenuß beigebracht hat. Ach, du Närrchen! Ich tu' nur so und belass' ihn bei der Ansicht. In Wahrheit ist die Freude eine gegenseitige. Also du bleibst bei mir.«

»Wenn jemand kommt.«

»Jemand? Ach so. Das Mädchen hat Order, niemand vorzulassen. Du sollst auch im Bett von Wilhelm schlafen. Wie? Nun lachst du. Solche Seelengröße hättest du nicht besessen. Wir plaudern die ganze Nacht. Und nun hole ich dir eine Matinee.«

Nach wenigen Minuten war sie zurück, in die losen Falten eines japanischen Stoffes gehüllt, den nur um die Mitte eine seidene Schnur zusammenhielt. »Uh – mach nicht solche Augen. Ist das nicht protestantisch? Nein? Dann erleichtert's doch dem Mann das Gewissen, ein schönheitsfroher Heide zu sein. Religion ist, was uns schon auf Erden glücklich macht. Jetzt ziehst du die Taille aus.«

»Mabel – –«

Es half ihr nichts, sie mußte sich gefangengeben.

»Eigentlich sollt' ich dich ohne Matinee dasitzen lassen. Die griechischen Göttinnen hätten nicht die Arme über der Brust zusammengeschlagen, selbst wenn sie als Mädchen Mabel White gehießen hätten. Wäre ein unberufener Lauscher genaht, so hätte eine Nymphe nur an diesen Kamm gerührt – so – und die Göttin Diana oder sagen wir Venus versank in den Fluten ihres Haares.«

»Mabel, was tust du? Ich bin ganz verwirrt.«

»Ich auch. Ich seh' dich nicht mehr. Ich seh' nur eine Woge, die dich weggezaubert hat. Bist du wirklich ganz allein darunter? O du Liebes- und Lebensrekrut, wie kann man sich mit solchem Haar von einem Manne trennen, dem man etwas zu sagen hat!«

Emilie Wiskotten griff in das Haar und steckte es auf. Die Fröhlichkeit der Schwägerin versetzte sie in einen Taumel, dessen sie sich schämte. Schämen wollte. Sie vermochte es nicht. Sie hätte sich an die Brust der andern werfen mögen. Um zu lachen oder zu weinen, war ihr selber nicht klar. Mit aufgeregten Händen knotete sie im Nacken ihr Haar.

»Schade«, sagte Mabel. »Aber diese Bewegung kleidet dich nicht minder schön. Ich hatte doch recht, dich nicht gleich in die Matinee zu wickeln.«

Da ließ Emilie ihr Haar fallen. »Mabel!« rief sie, »Mabel! Ach Gott, du!« Sie hing an ihrem Hals, sie schluchzte, sie lachte, sie drückte sich an sie und versteckte den Kopf an der Schulter der lebensheiteren Frau, wie ein Mädchen im Lenz, wie eine Braut, die den Bräutigam erwartet, wie eine Frau, die jauchzend spürt, was Gott ihr als Höchstes gab, den seligen Schöpferdrang, im Glück, im Beglücken. »Mabel, was machst du aus mir – –?«

»Was du schon längst bist, ohne daß du es wissen wolltest. Was jede von uns ist, wenn sie ihre Kräfte nützt. Innerliche Schönheit und äußerliche, beides in eins. Ich führ' dich nur zu dir zurück, du verlaufenes Schäfchen. Von der falschen Scham zum strahlenden Weib. Siehst du, man muß strahlen. Dann ist man rein.«

»Und ich hab' dich gehaßt –«

»Mach dir das doch nicht selber weis. Dich selbst hast du gehaßt, weil du nicht den Mut fandest, zu sein wie ich. Gesteh es nur ein. Es ist kein Mann in der Nähe.«

Sie saßen am Kamin, vor der brodelnden Teemaschine. Die Täßchen klirrten in ihrem Schoß.

»So muß ich es auch haben«, sagte Emilie Wiskotten und blickte, weit zurückgelehnt in den breiten Ledersessel, mit glänzenden Augen zur Decke.

»Du bist auf dem Weg zur Genesung«, antwortete Mabel.

Und durch den Raum zog zweistimmiges, heiteres Frauenlachen.

Als sie in den geschnitzten Betten lagen, hielt Emilie mitten im Geplauder inne.

»Wie komm' ich zu Gustav?«

»Im Triumphwagen. Männer müssen Anbeter sein.«

»Wo nehm' ich den Triumphwagen her? Ich stehe heute so kläglich da wie noch nie.«

»Schlaf, Liebchen, und bete zum lieben Gott, daß er deinen geliebten Gustav einen recht dummen Streich begehen lassen möge, aus dem du ihn in Gnaden errettest.«

»Mabel, spotte nicht.«

»Ernsthaft, Emilie. Männer müssen immer ein Dankgefühl in sich tragen für die stillschweigende Vergebung irgendeiner Schuld. Das stärkt ihre Treue wunderbar und erhöht ihre Liebe und Verehrung. Hast du gebetet? Dann gib mir einen Gutenachtkuß. Und grüße Gustav, wenn du ihn diese Nacht siehst.«

Ein leises, klingendes Lachen aus den Kissen, halb schon aus den Träumen heraus. Die flogen zur stolzen Themse und blieben an der schwarzen Wupper. Und beider Ufer fanden sie unvergleichbar schön.

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