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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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6

Ewald Wiskotten lag auf dem Diwan des roten Salons, den Paul auf der Fahrt nach Barmen seinem Bruder Gustav in so behaglichen Farben ausgemalt hatte, und blickte nach der Decke. Ein ganzes, endlos langes Jahr hindurch hatte er sich beunruhigt, aufgescheucht und gejagt gefühlt, keine Stunde hatte ihm von der kommenden erzählt, immer war sein Heil, sein Tisch, sein Dach vom blinden Zufall abhängig gewesen. Zum erstenmal fühlte er sich geborgen und behütet. Behütet! Welch ein warmes Wort das war. Noch wärmer als das Wort »geborgen« – –

Nicht denken! Nur die gütige Laune des Schicksals auskosten ... War sie vorüber, so blieb dem Denken doch ein wiesengrüner Ruhepunkt.

Im Nebenzimmer hörte er Emilie mit den Frühstückstassen hantieren und die Stimmen der Kinder. Im Kauderwelsch plapperten die kleinen Mäuler über ihrer Schokolade, unaufhörlich und ohne den Faden zu verlieren. »Gustav –«, lockte Ewald leise, »Millie – –«

»Onkel Ewald!« tönte es zweistimmig zurück.

Ein Stühlescharren am Tisch, trappelnde Füße, ein Stoß gegen die Tür, und die Kinder balgten sich auf seinem Diwan.

»Ich war zuerst da, Onkel!«

»Ich hab' aber Onkel zuerst einen Kuß gegeben.«

»Jungens küssen nicht.«

»Mama, Mama, der Gustav stuppst mich. Geh doch weg, du eklige Jung'!«

»Du hast dir ja et ganze Gesicht voll Schokolade geschmiert, du fies' Mädchen.«

»Und du hast braune Finger an die Tischdecke gemacht. Au-uh!«

Emilie kam herein. »Guten Morgen, Ewald«, sagte sie, »gut geschlafen?« Und sie nahm mit lachendem Kopfschütteln die Kinder beim Krips und schaffte sie hinaus. »Ihr Schmutzfinken, laßt euch in der Küche abwaschen. Tante Josephine geht einkaufen. Wer sauber ist, darf mit.«

»Bleib mal stehen, Emilie«, bat Ewald Wiskotten, als die Schwägerin zurückkehrte, »mir fällt da was auf.«

»Machst du Studien an mir? Wenn's mir mal ganz schlecht geht, reicht's vielleicht noch zum Modellstehen.«

»Der Feuerbach hat kein so schönes gehabt und nicht der Makart. Und die verstanden sich wahrhaftig darauf.«

»Ewäldchen, ich glaub', deine Krankheit hat dich liebenswürdiger gemacht.«

»Ist dir das schon zuviel? Na, dann will ich dir nur sagen, daß ich keinem raten möchte, dich als Modell zu benutzen.«

»Bist du eifersüchtig?«

»Nee, ich dachte nur an Gustavs Fäuste. Wo der hinpackt, da wächst kein Gras mehr. Meine Schulter ist noch wie ausgerenkt von seinem Griff im Neandertal.«

»Wer weiß, wofür es gut war, Ewald«, meinte sie nachdenklich, aber ihre Gedanken waren nicht bei dem Schwager.

»Bitte, beweg dich mal nicht. Schenk mir mal die ganze Ansicht. So – –«

»Was treibst du denn, du komischer Mensch?«

»Ich messe dir ein Kleid an. Oder vielmehr, ich arbeite das deine aus.«

»Aber das ist doch ein Morgenrock und kein Kleid.«

»Morgenrock, das klingt wie Schlumperei. Es sollte nur Hauskleider, Straßenkleider und Gesellschaftskleider geben. Zu Hause müssen die Frauen ebenso schön, wenn nicht noch viel schöner sein als draußen. Dann gehen den Männern plötzlich die Augen auf.«

»Den Männern?«

»Nun natürlich. Die meisten von ihnen, die sich an fremde Frauen hängen, tun es doch nur, weil sie sie nur zu gewissen Stunden, dann aber immer in festlich gestimmten Gewändern sehen. Die eignen kennen sie nachgerade in denselben langweiligen alten Lappen, die ›im Haus aufgetragen werden müssen‹, zum Überdruß. Dort aber, Emilie, wittern sie etwas ganz Neues, Unbekanntes, Anziehendes in der Frau. Etwas, was dem schönen Stil oder dem weichen Faltenwurf des Kleides verwandt ist. Und der Vergleich fällt natürlich zuungunsten der Ehefrauen aus, welche glauben, es sähe keiner, wenn sie sich zu Hause gehen ließen. Der Mann sieht's! Und das ist doch die Hauptsache!«

»Du, Ewald, man könnte meinen, du sprächst aus Erfahrung.«

»Das lehrt mich meine Kunst.«

»Wir sollen also zu Hause verschwenden?«

»Davon spricht kein Mensch. Aber konkurrieren sollt ihr. Das läßt sich mit den kleinsten Mitteln erreichen, wenn ihr nur von der falschen Auffassung des Hauskleides abgeht. Ein bißchen liebevolles Versenken in die Aufgabe, dem Mann immer und zu allen Stunden als die schönste zu erscheinen, die jeder Nebenbuhlerin überlegen ist, meinetwegen auch ein bißchen kokettieren – das besorgen die andern ja auch – und immer für den Mann der Schatz, das Staunenswerte, das Stolzmachende und damit das immer aufs neue Begehrenswerte sein. Schau, Emilie, mir ist es so, als taxierte der Mann die Frau zuerst nach dem, was sie aus sich macht. Macht sie ein Aschenputtel aus sich, so behandelt er sie eines Tages auch danach; wirbelt sie als Liebhaberin durch das Haus, er liebt mit; und schreitet sie im Gewande der stillen, reinen Königin durch die Räume: er hält den Atem an und dient. Na, nu denk dir mal, sie ist heute so und morgen so, aber immer apart. Heute einen Spitzenkragen, ein andermal ein Kleidchen mit einem feinen Herzausschnitt und mit lustigen bunten Litzen besetzt, oder – nehmen wir einmal dein weißes Gewand.«

»Da bin ich neugierig.«

»Ich hab's. Der Halsausschnitt muß viereckig sein. Nicht tief. Der feste weiche Wollstoff fällt im Empirestil. Um den Halsausschnitt zieht sich eine breite Borte, mattblauer Grund mit silbernen Lilien und halbgeöffneten Tulpenkelchen, und um den Rock, unterhalb des Knies, dieselbe Borte in doppelter Breite. Du, das müßte dich wunderbar kleiden. Und die Firma Gustav Wiskotten Söhne hätte ein neues Muster auf dem Bandstuhl.«

»Aha, also deshalb! Nun verleugnen sich auch in dir die Wiskottens nicht.«

»Nein, deshalb gewiß nicht allein. Obwohl es wahrhaftig Zeit wäre, daß mal ein neuer, künstlerisch veredelter Geschmack in die Fabrikation käme, denn das kleinliche Zeug mit den bunten Pünktchen, Strichelchen und ornamentalischen Kinkerlitzchen ist doch geradezu zum Totlachen. Nein, der Schönheit wegen! Der Normalmensch hält sich doch die längste Zeit seines Lebens in seinem Hause auf. Und deshalb sollte gerade alles im Hause der Schönheit dienen. Weißt du, was ich möcht', Emilie?«

»Du bist ja ein unheimlich gescheiter Mensch. Sprich dich aus, ich lern'.«

»Aber mir keine auf den Mund geben. Ich bin Patient.«

»Du willst doch nichts sagen, was sich nicht gehört?«

»Nee, ich wollt' nur was vom Unterzeug sagen, von Unterröckchen, Hemden und so was.«

»Weißt du, Ewald, da verstehst du nun gar nix von.«

»Ich nicht, aber meine Kunst.«

»Mal du lieber Bilder.«

»Ich entwerfe jetzt Muster, und ich glaub' fast, das kann auch zur Kunst werden. Es kommt darauf an, ob man das scheinbar Kleine von einem großen Gesichtspunkte auffaßt. Was tragen zum Beispiel die Menschen alles unter ihren Kleidern! Man sieht's ja nicht, denken sie. Als ob nicht jedes Ding an sich schön sein müßte. Als ob man nicht im tiefsten Negligé genau so tadellos, genau so schön – wenn nicht noch schöner – aussehen müßte wie in den kostbarsten Gesellschaftsroben, mit denen man fremden Menschen in die Augen sticht, die gar nicht in Betracht kommen. Ich werde jetzt einmal für Gustav Wiskotten Söhne das Entzückendste an Einsätzen, Besätzen und Applikationen für Weißwäsche entwerfen, was meine Phantasie hergibt. Das muß mit Kleiderausputz Hand in Hand gehen. Gib acht, ich schaff' noch alle unglücklichen Ehen aus der Welt.«

»Ewald, du bist ein Kindskopf. Ich versteh' mich selber nicht, daß ich nicht fortgehe.«

»Emilie, wir lösen die soziale Frage.«

Sie machte sich an seinem Kopfkissen zu tun, schüttelte es auf und strich es glatt. Dabei streifte sie mit der Hand seine Wange. Und er drehte den Kopf und küßte andächtig ihre Hand.

»Dummer Junge«, murmelte sie, aber sie ließ die Hand noch einen Augenblick auf dem Kissen liegen. Es schlug in ihr etwas die Augen auf, das wie Sehnsucht war, die aller Frauen Sehnsucht ist, nach Huldigungen in Blicken und Berührungen, die ihnen sagen, daß sie schön gefunden werden – – –

Schön gefunden werden! Und es danken ... Ihr stieg das Blut sonderbar heiß vom Herzen bis in die Wangen. Wie ernsthaft der Junge geplaudert hatte! Von der Schönheitspflege im Hause und an sich, dem Manne zur Freude und sich selbst – sie wollte sich das Wort nicht gestehen – und sich selbst – da klang es in ihrem Innern wie eine schwingende Saite – sich selbst zur Frauenseligkeit. – –

»Emilie –«

Sie schrak auf. Verstört, als wäre sie bei einem Unrecht ertappt worden. Und doch zitterte das Lächeln um ihre Lippen nach.

»Ja, Ewald –?«

»Es wird nun allmählich höchste Zeit, daß ich aufstehe. Ich stehle hier auf meinem Faulenzer dem lieben Gott den Tag ab und lass' mich päppeln wie ein Kind.«

»Ich tu's ja so gern, Ewald.«

»Emilie, weshalb bist du eigentlich hier eine so ganz andre als in Barmen?«

»Bist du nicht auch anders geworden? Man muß nur den Menschen Gelegenheit geben, sich zu entwickeln, auch den Mädchen. Die eigne Erziehung ändert manchmal viel an dem, was man von Hause aus als Rührnichtan mitbekommen hat.«

»Was Vater und Mutter bekömmlich ist, schafft Sohn und Tochter Magenweh.«

»Ewald, an dir ist doch ein Pastor verlorengegangen.«

»Das kommt vom langen Liegen. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Zum Mittag steh' ich auf.«

»Wenn du mir eins versprichst. Nicht auszukneifen!«

»Nein«, sagte er treuherzig, »ich verlass' dich nicht. Auf mich kannst du zählen.«

»Glaubst du, daß – daß – Paul wiederkommt?«

»Zum Sonntag sicher. Das ist ein prächtiger Kerl. Hättest nur sehen sollen, wie der sich freute, als er an meinem Bett saß und ich ihm von meinen Ideen für ganz neuartige Musterentwürfe erzählte, die eine moderne Ära einleiten sollen. Der wird der moderne Fabrikant. Früher hab' ich ihn einmal ausgelacht, als er mir erklären wollte, daß in jedem Fabrikanten ein Stück Künstler stecken müßte. Heute begreif' ich's. Die Welt bleibt eben nicht stehen. Und Angebot und Forderungen steigern sich mit dem Fortschritt.«

»Steckt auch in – Gustav ein Stück Künstler?«

»Ein Arbeitskünstler! Das ist Nummer eins! Ohne die Nummer helfen die schönsten Entwürfe nichts.«

»Weißt du – weshalb er dich gestern – nicht besucht hat?«

»Paul sagte, er wäre zu Zinters gegangen, um meine Schulden zu bezahlen. Ich war zuerst wütend über diese Einmischung. Aber wie ich nachher hörte, daß sie ja auch meine Muster in der Fabrik benutzen, war's mir recht. Außerdem –«

»Außerdem?«

Er lachte ein verlegenes Knabenlachen. »Ach nix. Ich freu' mich nur, daß die Zinters mal unsern Gustav zu Gesicht bekommen haben. Der wird ihnen schon Respekt vor dem Namen Wiskotten einbleuen. Besonders der koketten schwarzen Katze.« Und sein Gesicht wurde grimmig.

»Was ist denn das für eine schwarze Katze?«

»Das Gretchen Zinters. Ich sprech' nicht gern davon. Hör mal, Emilie, sag der Anna Kölsch nix darüber. Ich lass' mich nicht gern auslachen. Von der mal gar nicht.«

»War denn das Gretchen deine Flamme, du großer Junge?«

»Ein ganz schlaues, berechnendes Geschöpf ist sie. Die große Dame möcht' sie spielen, deshalb tut sie schön. Und ich bin darauf hereingefallen.«

»Also einen Korb hast du schon weg?«

Er bewegte sich unruhig unter seiner Decke. Der Jünglingshochmut stieg ihm in den Kopf und färbte seine Stirn. »Korb! Das fragt sich doch sehr. Wenn sich so ein Ding hat abküssen lassen, als müßt' die Politur herunter, und sagt mit einemmal, von heut an dank' ich, nur weil der andre mit dem Geld auf dem Trockenen sitzt: das ist doch kein Korb?«

»So einer also bist du?« sagte Emilie Wiskotten. »Da sollte man ja sich schleunigst von dir zurückziehen.« Aber sie zog sich doch einen Stuhl heran und ließ sich neben dem Diwan nieder. »Und der soll Gustav Respekt einbleuen?«

»Ich hoffe, daß er's getan hat.«

»Und wenn sie auch mit ihm kokettiert? Ist ihr das zuzutrauen?«

»Der trau' ich zu, daß sie sich selbst an den Papst heranmacht.«

»Der Papst ist Gustav nun gerade nicht – –«, meinte sie und zog die Stirn zusammen.

»Nein, aber der Gustav Wiskotten ist er.«

»Kann der keine Dummheiten machen?«

»Die erscheinen aber doch, an seiner Tüchtigkeit gemessen, so klein, daß man sie übersieht.«

»Wenn sie ihn aber auch geküßt hat? Er kann doch vielleicht – hastig getrunken haben?«

»Du, dann nimmt er zu Haus die Zahnbürste.«

»Ist das so sicher – –?«

»Denk doch nur daran, was er für eine Wut hatte, als er mich unter den Chausseearbeitern entdeckte. Weil er Angst hatte, ich hätte mich verplempert. Und fürs Verplempern ist der Gustav nie zu haben gewesen. Mal 'ne tüchtige Kneiperei, daß es dampfte, oder eine Rauferei wie damals in der Fabrik – dann aber: Kopf frei und alles beim alten, alles an seinen Platz!«

Sie träumte vor sich hin und antwortete nicht. Da war dieser junge Ewald. Und so jung er war, er hatte schon sein Abenteuer hinter sich. Und blieb doch der frische, stolze Bursche. Sollte das die unabweisbare Jugend der Männer sein? Das naturgemäße Stück Wildheit und Piratentum, aus dem die stärkste Kultur sich entwickelt? Edler Wein aus heißem Most? An diesem Most, diesem Ewald, verstand sie es doch so gut? Und bei Gustav hatte sich ihre Barmer Mädchenerziehung vom ersten Tage an dagegen gesträubt, die unbekümmerte, unabweisbare Jugend des Mannes in ihm zu verstehen. Zwei Jahre nur war er älter gewesen als dieser große Junge da, am Tage ihrer Hochzeit. Und sie hatte jahraus, jahrein jedem jugendlichen Braus in ihm eine Szene entgegengesetzt. Bis er kopfscheu geworden war und seine durstigen Augen auf fremde Weiden schickte ... War da nun sein Vergehen das größere, oder – das ihre – –? Und es wollte ihr nicht aus dem Ohr, was der Ewald vorhin von den »Dummheiten« gesagt hatte – »Die erscheinen doch, an seiner Tüchtigkeit gemessen, so klein, daß man sie übersieht.« Das war der Gesichtspunkt, der ihr gefehlt hatte. Sie strengte sich an, sich die Reihe seiner Vergehungen, die sie immer bis aufs Blut gereizt hatten, ins Gedächtnis zu rufen. Aber sie kamen nicht. Nur der Mann stand vor ihr, der kraftvolle, energische Mann, der den Willen besaß, mit steifem Nacken durch das Leben zu schreiten und die Bahn freizumachen für alles, was zu seiner Sippe gehörte. Und langsam, während sie die Scham in den Wangen klopfen fühlte, rang sich in ihr die Erkenntnis durch, daß es Männer gäbe, denen gegenüber kleinliches Nörgeln und Wägen ein Verbrechen an ihrer Persönlichkeit, ein Diebstahl an ihrem Leben sei. ›Herrgott‹, dachte sie zitternd, als hätte sie ein Moor passiert und erkenne jetzt erst schaudernd die überstandene Gefahr, › die Einsicht hat sich mit einem halben Jahr unsrer Jugend bezahlen lassen.‹

»Emilie?« vernahm sie neben sich die Stimme Ewalds.

»Ja?« fragte sie und schüttelte den Kopf, als wollte sie sich von umherschwirrenden Gedanken befreien.

»Also das hast du mir versprochen. Der Anna Kölsch kein Wort!«

Sie erhob sich und strich ihm über das Haar. Das hatte sie früher nicht gekonnt. Nicht bei ihrem Manne. »Magst du sie so wenig leiden?«

»Leiden? Das schon. Aber sie hat so was in ihren Augen, das kann ich nicht vertragen?«

»Was denn?«

»So was – Jungfrauenhaftes.«

»Schäm dich – Ewald.«

»Nun soll ich mich auf einmal schämen! Warum denn? Ich mein' doch damit keine Entweihung? Von der himmlischen Jungfrau ist sie beinah so weit entfernt wie der Gustav vom Papst. Gott sei Dank! Betschwestern sind nun mal gar nicht mein Fall. Wenn ich sage ›Jungfrauenhaftes‹, so versteh' ich darunter so etwas Reines, Großes. So eine reine Freude und so eine große Aufopferungsfähigkeit. Weißt du, die bleibt Mädchen, und wenn sie Großmutter geworden ist.«

»Und das«, fragte Emilie und staunte über das natürliche Empfindungsvermögen dieses jungen Blutes, »das verträgst du nicht?«

»Ich komm' mir immer so verwahrlost neben ihr vor. So recht wie ein Junge, der in der Pfütze herumspringt und den Mädchen die weißen Kleider vollspritzt. Ein Mann soll sich aber einer Frau gegenüber nicht verwahrlost vorkommen. Das steht nicht im richtigen Verhältnis.«

»So ändre es doch. Das liegt doch nur an dir. Ein rechter Mann muß doch auch seine Fehler einsehen können.« – –

Um die Mittagszeit ließ sich Ewald Wiskotten nicht mehr halten. »Ich bin doch keine Dame des Rokoko, die Besuche am Bett empfängt. Ich muß in die Beinkleider.«

»Schön sind sie nicht.«

»Ich werde mir nach Tisch einen fertigen Anzug kaufen.«

»Hast du Geld?«

»Nein, aber du! Vor dir geniere ich mich auch nicht ein bißchen mehr.«

Emilie Wiskotten lachte: »Ist das wieder eins deiner Komplimente?«

»Ich schaue mir die Menschen, die ich anpumpe, sehr genau auf ihre Qualitäten an.«

»Ob sie es auch nicht zurückfordern? Ich werde mich also der Ehre gewachsen zeigen müssen.«

Bei Tisch saß Ewald Wiskotten zwischen den Kindern, die ihm aufgeregt vom Rhein erzählten. Er ließ sich nicht nötigen und schlug eine brave Klinge. Bis er die Augen des alten Fräuleins voll Verwunderung auf sich haften fühlte. Da sank ihm langsam der Arm ...

Als er nachmittags das Kleidergeschäft verließ, in einem blauen Cheviotanzug, schwarzen Hut und blanken Stiefeln, fühlte er sich befähigter, den erschrockenen Blick des alten Fräuleins zu ertragen. Ohne sich in der Stadt aufzuhalten, kehrte er nach der Gartenstraße zurück. Er fand Emilie im Salon. Anna Kölsch war angekommen.

Sein erster Impuls war, umzukehren. Aber man hatte schon seine Anwesenheit bemerkt. Da nahm er sich zusammen, schritt knarrend über den Teppich und sagte dem Mädchen einen steifen Dank.

»Bildschön siehst du aus, Ewald«, bewunderte ihn Emilie und ließ die beiden allein, um den Kaffeetisch zu besorgen.

Ewald stand am Fenster und blickte in das Gärtchen hinaus, in dem sich an den Hecken das erste Sprossen zeigte. Nur ein Fliederstrauch hatte größere Eile an den Tag gelegt. Ewald Wiskotten freute sich, daß er einen Gegenstand gefunden hatte, dem er sein besonderes Interesse widmen durfte. Anna Kölsch saß in dem roten Polstersessel und hielt die Wimpern über die Augen gesenkt.

»Du mußt doch noch recht schwach sein, Ewald?«

»Weshalb?«

»Weil dich das Reden so anstrengt.«

»Wenn man im Bett gelegen hat, weiß man nichts zu erzählen.«

»Die Stimmung in dem kleinen Zimmer in der Ratinger Straße war gemütlicher.«

»Du bist wohl gekommen, um dich lustig zu machen?«

»Was fällt dir ein?«

»Überhaupt, das wollt' ich dir noch sagen: Es war ja sehr menschenfreundlich von dir, daß du mich da oben aufgesucht hast, aber geschickt hat sich das gar nicht, daß du die ganze Nacht dageblieben bist, geschickt hat sich das absolut nicht.«

»Das ist aber doch stark! Du willst mir wohl zum Dank noch Vorhaltungen machen?«

»Wenn du selbst nicht dazu imstande bist und kein andrer Mensch dir es sagt, dann muß ich dich eben darauf aufmerksam machen.«

»Du? Wie willst du zu dem Recht kommen?«

»Weil ich der ältere von uns beiden bin und der Mann. Das genügt doch wohl.«

»Ewald, du machst dich furchtbar lächerlich.«

Er fuhr herum. »Ich verbitte mir das. Ganz entschieden.«

»Und ich verbitte mir diesen Ton.«

»Ach, du! Du hast dir noch gar nichts zu verbitten. Junge Mädchen haben überhaupt still zu sein.«

»Gott, sieh nur einer den großen Herrn Wiskotten an! Zwei Jahre älter bist du und sechs Jahre törichter.«

»Es lohnt sich ja nicht, mit dir zu streiten.«

»Ja, ich muß wirklich sehr tief in der Dummheit drinstecken, daß ich mich mit dir abgebe.«

»Wer zwingt dich denn? Du bist doch von selbst gekommen.«

»Du bist ein – ein –« Sie erhob sich und ging stumm zum Zimmer hinaus.

»Pah!« machte er. Aber es war ihm nicht wohl dabei zumute. Auch daß der Fliederstrauch der Hecke voraus war, lockte ihm keinerlei Interesse mehr ab. Unruhig trat er von einem Fuß auf den andern und sah scheu hinter sich. Ihm war, als müßte sich jetzt die Tür öffnen und, wie in den Kindertagen, die Mutter eintreten, um ihm für irgendeine halbeingestandene Sünde wortlos eine Tracht Prügel zu verabreichen. Diese abgekürzte Erledigung der Angelegenheit wäre ihm sogar lieb gewesen.

Die Kinder lärmten herein; um ihn zum Kaffee zu holen. Nun hieß es sich sammeln und Haltung zeigen. Wie der Delinquent, der da weiß, daß Staatsanwalt und Scharfrichter ihn ernst erwarten. Der Teppich, über den er ins nächste Zimmer schritt, kam ihm vor wie ein sturmbewegtes Meer. Nun schlug er verstockt die Augen auf.

Wie lange sollten die Vorbereitungen noch dauern? Hatten die beiden Frauen noch nicht das nötige Quantum Malice zusammen, um über ihn herzufallen, den langen, undankbaren, flegelhaften Menschen? Sie lächelten ihn freundlich an – –

»Bitte, Ewald, hier – neben Anna.«

Mißtrauisch nahm er den Platz ein. Die wollten ihn sicher machen. Er würgte an seinem Weißbrötchen, das ihm Emilie gestrichen hatte. Aber nichts erfolgte.

Sollte Anna ihn gar nicht verklagt haben – –? Er wagte einen halben Blick nach ihr hin, und sie fing ihn auf.

»Schmeckt's?« fragte sie freundlich. »Dann bist du wieder durch.«

Das schnürte ihm die Kehle zu. Er bekam einen Hustenanfall und griff schnell nach der Tasse.

»Onkel hat sich verschluckt!« jauchzten die Kinder. »Onkel hat nicht langsam gegessen! Owei!«

»Wollt ihr wohl artig sein!« gebot Emilie. »Ihr wißt, Tante Josephine ist in der Stadt.«

»Und kauft mir ein Segelschiff. Mama, das lassen wir aber noch heut auf dem Rhein fahren.«

»Heute morgen, ganz in der Frühe schon, hat mich deine Mutter rufen lassen, Ewald.«

»Wie geht's denn dem Vater?«

»Er saß ganz heiter am Fenster. Und deine Mutter war auch sehr freundlich.«

»Das muß ihr komisch stehen.«

»Sie hat mich gefragt, ob ich heute nicht wieder nach Düsseldorf fahren könnte, um zu sehen, wie es dir ginge.«

»Gestern war doch erst der Paul hier.«

»Sie wurd' aus dem konfusen Bericht nicht klug. Und sie wollt' es ganz sicher wissen, daß dir nichts mehr fehlte.«

»Die Mutter?«

»Als ob es einen Menschen gäbe, den das mehr berührte, Ewald. Das weißt du auch ganz gut.«

»Grüß sie wieder. Und Vater. Ich – ich würde von mir hören lassen.«

Sie reichte ihm mit schneller Bewegung die Hand. »Die werden sich freuen. Die haben ja in dem ganzen Jahr nichts andres getan, als heimlich darauf gewartet.«

»Meinst du –?«

»Ich kann mich da hinein versetzen. Es muß für Eltern leichter sein, ein Kind zu verlieren, als ein Kind zu haben, das ihnen zeigt, daß es sie nicht braucht. Wie alt und überflüssig müssen sich da die Leute vorkommen. Kannst du dir das vorstellen?«

Er blickte auf seinen Teller. – –

Das alte Fräulein kam aus der Stadt zurück und entschuldigte sich mit vielen Worten, daß es die Kaffeestunde versäumt habe. Aber der kleine Gustav habe ihr die Freundschaft kündigen wollen, wenn er nicht noch heute das Segelschiff erhielte, das er am Vormittag in einer Auslage erspäht hatte.

»Hast du es mitgebracht, Tante? Heute kannst du nicht sagen, es wär' nicht mehr dagewesen. Denn ich habe es selbst gesehen.«

»Hier ist es, du kleiner Quälgeist.«

»Mama, Mama! Setz deinen Hut auf. Sieh nur, draußen scheint die Sonne ganz warm. Wir wollen alle zusammen an den Rhein und das Schiff fahren lassen. Onkel Ewald, wohl, du gehst auch mit, und Tante Anna auch?«

»Ich darf jetzt wohl zu Hause bleiben«, sagte das alte Fräulein beleidigt.

Der Junge stutzte. Dann kletterte er sacht dem alten Fräulein aus den Schoß. »Danke dir auch, liebe Tante Josephine.«

Sie war gleich wieder versöhnt, küßte den Jungen ab und setzte den Strampelnden auf die Erde. »Geht nur und amüsiert euch. Wenn ihr heimkommt und Hunger mitbringt, sollt ihr über Tante Josephine nicht zu schimpfen haben.«

Da wanderten Emilie mit Anna und Ewald mit den Kindern durch den Sonnenschein des Frühlingstages dem Golzheimer Gelände zu. Auf dem Rhein spielten blitzende Lichter. Breit und behaglich stoß er dahin, als sonnte er sich wohlig in den ersten Frühlingsstrahlen. Die Luft war weich und still, die Ufer leer, kein Mensch an dieser abgelegenen Stelle.

»Komm«, sagte Emilie, »laß mir die Kinder. Wir haben uns an das Zusammenspielen gewöhnt.«

Ewald gab dem Jungen die dünne Schiffsleine in die Hand und trat zurück. Das Schiff schwamm stolz dahin. Der kleine Gustav war der Kapitän, Emilie und das Schwesterchen wurden als Passagiere angeredet. Alle drei rannten sie rufend und lachend das Ufer entlang neben dem Schifflein her.

»Einsteigen!« schallte aus der Ferne die Knabenstimme. »Jetzt fahren wir zu unsern Papa!«

Emiliens Antwort war nicht zu verstehen. Aber es war ein Zuruf darin gewesen. – – –

Anna Kölsch hatte ihren Plaid über die Uferböschung gebreitet. Ewald Wiskotten saß neben ihr, hielt seine lange Gestalt vornüber und verfolgte mit dem Blick das Schifflein, das durch sonniges Wasser fuhr. Ein paar phantastisch geformte Weiden winkten aus den Rheinwiesen, und fernhin streckte sich weit und einladend das Land.

»Wann – wann wirst du wiederkommen, Anna? Morgen?«

»Von jetzt an werde ich zu Hause bleiben.«

»Aber weshalb denn? Nur weil ich – weil ich vorhin – –«

»Das hab' ich schon wieder vergessen. Ich werde doch deine Worte nicht auf die Goldwage legen, wo du so viel durchgemacht hast.«

»Und trotzdem – willst du fortbleiben?«

»Ich hab' doch jetzt hier nichts mehr zu tun. Wenn ich morgen deiner Mutter sage, daß du wieder gesund bist, ist alles gut.«

»Doch nicht«, stieß er hervor.

»Ist denn noch was gutzumachen?«

»Ja. Von mir aus. Ich hab' dich immer – und mit Willen – schlecht behandelt – –«

»Weshalb denn nur, Ewald?«

»Weil – weil ich dich sonst ganz anders hätte behandeln müssen. Und – dagegen – hab' ich mich gesträubt.«

Sie saßen, ohne sich zu regen, nebeneinander und blickten über die Wasserfläche. Er mit finsterer Stirn, sie mit einem versonnenen Lächeln. Eine lange funkelnde Welle schwoll am Ufer aus und ließ blitzende Perlen zu ihren Füßen zurück.

»Wie sonderbar«, sagte Anna in das Schweigen hinein, »das habe ich gefühlt.«

»Und bist nicht fortgelaufen?«

»Ich habe es doch gefühlt – –«

»Daß – daß – daß ich – daß ich dich lieb habe – –?«

Sie wandte ganz langsam ihr Gesicht ihm zu, und sie sah, wie alles in ihm kämpfte, Scham, Trotz und drängende Hingabe. Der Knabe und der Mann.

»Das hab' ich schon als Kind gewußt, Ewald.«

»Und – und du, Anna?«

»Ich bin doch hier.«

»Trotzdem, daß – ich muß dir das sagen. Als der August davon sprach, von dir sprach, du weißt ja – da hab' ich kaum hingehört und nur immer an die Künstlerfreiheit gedacht, und alles andre war mir egal.«

»Daran muß sich eine Frau wohl gewöhnen. Der Mann will immer das, was er nicht kennt. Da hast du keine Ausnahme gemacht.«

»Aber – daß ich mit dem Gretchen Zinters anfing – das weißt du nicht.«

»Du hattest ja keinen Menschen. Ich war nicht bei dir.«

»Du – – Anna – –!«

Sie fühlte, wie seine Hand nach ihr suchte, wie sich, unmerklich fast, sein Arm um sie schmeichelte. Einmal nur atmete sie ganz tief auf. Dann saßen sie, einer den Arm des andern um die Schulter, sprachlos und schauten in die Weite ...

Auf dem Rhein tanzte die Sonne, fröhliche Stimmen klangen vom Ufer her, Emilie kam mit den Kindern. Die beiden hatten nicht acht darauf. Sie saßen, als wären sie versunken in die Landschaft, und doch war einer vom andern benommen. Als sich Emilie zu ihnen setzte, sah Anna nur eine Sekunde lang mit glänzenden, lächelnden Augen auf – – und über Ewald hin, der sie fester faßte, still wieder in die Weite ...

Emilie blieb neben ihnen. Auch sie bewegte sich nicht. Konnte das Glück so schweigsam sein? Sich so viel geben, daß es die Worte darüber vergaß? Und doch ging etwas Lautes, Jubelndes aus von diesem jungen Glück, ein Erglühen, das zu Flammen wurde, die ineinanderschlugen. Gab es solch ein Einswerden? Solch ein Versinken in eine Welt, die von der Umwelt nichts mehr wußte? In ihrer Brust stieg es auf und ab, Neid und Sehnsucht. Und die Sehnsucht blieb oben und weckte in ihr ein leises Weinen, das immer heftiger, immer stürmischer wurde, während sie doch regungslos dasaß wie das junge Menschenglück neben ihr, den Blick in die Weite ...

Die Kinder kletterten, spielmüde, auf die Böschung und schmiegten sich an ihren Schoß. Sie legte die Arme um sie, als müßte sie sich des Ersatzes vergewissern. Und alle schauten sie in das Gold und Rot des Abends, der das Silber des Tages kosend verdrängte.

»Kommt«, sagte Emilie und richtete sich auf, »morgen ist auch noch ein Tag.«

Sie ging mit den Kindern voran, freundlich ihr Geplapper ertragend. Arm in Arm schritt das junge Paar hinter ihnen drein.

An der Wegbiegung, die vom Fluß in den wispernden Hofgarten führte, blieben die beiden stehen, die glänzenden Träumeraugen ineinander versenkt.

»Ännchen – –«

»Du! Ewald!«

»Einen Kuß – –«

»Ich soll dich – zuerst küssen?«

»Nein! Doch nicht! Ich dich!«

Sie kam ihm entgegen. Sie hielt seinen Kopf zwischen ihren Händen. Einer des andern Staunen trinkend – – Und dann faßten sie sich bei der Hand und rannten wie die Kinder hinter Emilie her, in den dunkeln Hofgarten, um die Glut ihrer Gesichter voreinander zu verbergen. –

»Du machst wohl gar Anstalten, Anna zum Bahnhof zu bringen?« fragte Emilie nach dem Abendessen.

»Selbstverständlich.«

»Fühlst du dich denn stark genug?«

»Ich –? Stark genug? – Anna!«

Die saß mit Glut übergossen und sah verwirrt auf Emilie. Da ließ sie es geschehen.

Und wieder gingen sie Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt.

»Bist mir auch gar nicht bös mehr? Daß ich mich – in deiner Gegenwart – immer so albern angestellt habe?

»Ohne den Stolz hätt' ich dich gar nicht gemocht. Ich mußt' doch erst Angst vor dir kriegen.«

»Jetzt spottest du.«

»Wahrhaftig nicht. Ich hatte Angst. Und das war mir gerade recht so. Ein Mann, der nicht seinen Kopf aufsetzen kann, ist kein Mann.«

»Annerl, ich werd' der deine.«

Sie drückte seinen Arm und sprach nicht.

»Und du – du wirst mich nie im Stich lassen. Auch nicht, wenn – wenn ich mal meinen Kopf aufsetze?«

»Wenn ich keine Sorgen hätte, würd' ich mir ja welche schaffen. Nur, um immer von neuem die Freude kommen zu sehen.«

»Drei Jahre werden wir noch warten müssen. Aber dann, wenn ich vierundzwanzig bin.«

»Dann!«

»Freust du dich darauf?«

Ihre Schulter zitterte an seinem Arm. Und sie beschleunigten plötzlich ihre Schritte, als müßten sie aus dem Bereich ihrer Worte kommen. Aber im Lichtkreis der ersten Straßenlaterne machten sie halt. Um sich mit Augen, die sich vor Erregung weiteten, anzusehen – –

Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, stieg sie noch einmal aus dem Coupé. »Wirst du fleißig sein, Ewald? Für uns!«

»Oho! Für die Firma Gustav Wiskotten Söhne! Ich werd' ein Wort mitsprechen!«

»O du Wickelkind!«

»Willst du das auf der Stelle zurücknehmen? Hier steht ein zukünftiger Chef!«

»Der meine! Das genügt mir.«

»Einsteigen! Türen schließen!« Den Zug entlang lief der Schaffner.

Mit einer jähen Bewegung griff sie nach seinem Kopf und starrte ihm in die Augen. »Gut' Nacht.« Er spürte ihre Lippen blutwarm auf den seinen. Der Zug setzte sich in Bewegung. Aus dem Coupéfenster winkte sie ihm zu: »Schon' dich ...«

Als trüge er die Kräfte der Welt in sich, schritt er hocherhobenen Hauptes über den Bahnsteig und durch die Straßen der Stadt. Eine Tat hätte er tun mögen, einen Schrei ausstoßen, der die Bürger alarmierte. Kurz vor der Gartenstraße begann er zu laufen, um schneller das Haus zu erreichen. Und zu Hause fiel er über Emilie her und küßte sie trotz der Anwesenheit des erschrockenen Fräuleins ab.

Sie wehrte sich nur zum Schein.

»Gilt mir das?«

»Frag nicht! Dir, euch, allen miteinander! Was seid ihr doch für liebe, liebe Weibsen – –!«

»Wir brauchen nur zu wollen ...«

Und sie streichelte sein erhitztes Gesicht und hielt ihm die weit geöffneten Augen zu – – –

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