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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
created20150202
modified20151302
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5

Werkmeister Kölsch schritt mit gefurchtem Gesicht durch die Fabrikräume hinauf zur Haspelstube, wo er die alte Frau Wiskotten wußte. Es war Frühstückspause. Die Leute saßen in Gruppen beisammen, tranken aus blechernen Milchkannen oder kleinen Steingutkrügen ihren Morgentrunk und unterhielten sich zwischendurch mit gedämpfter Stimme. Im Bereiche der Frau Wiskotten war es stiller. Hier tönte nur eine Stimme, gedehnt, und mit Betonung. Frau Wiskotten hielt Morgenandacht. In ihrem Schoß lag aufgeschlagen der hundertachtzehnte Psalm.

»Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, daß ich eingehe und dem Herrn danke. Das ist das Tor des Herrn; die Gerechten werden dahin eingehen. Ich danke dir, daß du mich demütigst und hilfest mir. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein worden. Das ist vom Herrn geschehn und ist ein Wunder vor unsern Augen.«

»Guten Morgen, Frau Wiskotten.«

Sie sah ärgerlich auf.

»Guten Morgen, Kölsch. Sie hätten man ruhig zuhören können. Dat schad't keinen Menschen wat.«

»Ich möcht' Sie mal eben sprechen.«

»Man soll Gott zunächst die Ehre geben. Aber ich denk', auf dat Quantum kommt et nich an. Wenn nur dat Wenige sitzen bleibt, will ich et loben. Warten Sie, ich geh' mit.«

»Frau Wiskotten«, sagte Kölsch, als sie nebeneinander über den Korridor gingen, »Sie brauchen mir deshalb nich bös zu sein, aber nu muß wirklich eine Änderung Platz greifen.«

»Wenn die Änderung eine vernünftige is, bin ich nie bös.«

»Frau Wiskotten, et betrifft Sie selbst.«

»Mich? Wat heißt dat? Ich mein', ich könnt' den Rest, den ich noch zu leben hab', ganz gut so verschlissen werden.«

»Gewiß, Frau Wiskotten, aber die Meinung sollten auch alle haben. Un einer hat sie nich. Un er kann et auch wirklich nich.«

»Sie wollen wohl vom Ewald sprechen, Kölsch. Ich fühl' dat schon heraus. Aber im hundertundneunzehnten Psalm, da wird der liebe Gott gefragt: ›Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten!‹ Jetzt is er in der Prüfungszeit.«

»Ich könnt' Ihnen erwidern, Frau Wiskotten, dat Sie soeben selbst vorgelesen haben, ›der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein worden‹. Gottes Wege sind wunderbar, und es ziemt uns nicht, die Vorsehung zu spielen.«

»Kölsch, wenn Sie nich der alte Kerl wären, würd' ich Ihnen jetzt aber mal den Kopp waschen.«

»Nee, Frau Wiskotten, wie ich Sie kenne, würden Sie dat bleiben lassen. Denn wir haben hier Ernsthafteres als meinen Kopp, dem et nich schlecht geht. Frau Wiskotten, Sie sind die Mutter, und Ihren Jüngsten, den Ewald, haben sie in einer Dachkammer auf einem Strohsack gefunden, halb verhungert. Einen Wiskotten! Halb verhungert!«

Die alte Frau blieb stehen. Hart legte sich ihre Hand auf den Arm des Werkmeisters, und ihre Finger krampften sich in seinen Rockärmel. »Wat – –?«

»Nich wahr, Frau Wiskotten, jetzt schweigen alle Bibelsprüche, denn jetzt spricht die Mutter. Wußt' ich doch.«

»Is er – wieder auf de Beine?«

»Et wird noch ein paar Tage dauern. Gestern abend is meine Anna zurückgekommen. Die und die Frau vom Herrn Gustav, die haben ihn gefunden.«

»Die – Emilie?«

»Dat braucht Sie doch nich zu wundern. Heimatlose stehen sich immer bei.«

»Kölsch, dat ging auf mich. Lassen Sie dat gefälligst. De Jung' – is krank – – Bei fremde Leute –«

»Fremde Leute sind et nu gerad' nich, Frau Wiskotten.«

»Nich? Wat verstehen Sie davon? Wenn en Kind krank is, un et is nich bei der Mutter, dann is et unter fremde Leute.«

»Ja, darin eine Änderung zu schaffen, dat liegt nu bei der Mutter.«

Frau Wiskotten sah ihn an. Aus ihrem faltigen Gesicht drang der Blick ihrer Augen scharf in die seinen. Dann sagte sie, während sie seinen Rockärmel freiließ: »Et is gut, Kölsch. Dat weitere wird sich finden.«

»Guten Morgen, Frau Wiskotten.« – –

Sie blieb, als er mit seinem gleichmäßigen Schritt gegangen war, auf dem Fleck stehen und sah geradeaus. Bis die Augenränder sich von der Anstrengung röteten. Ihr selbstsicheres Gesicht schien plötzlich verfallener, die langen energischen Falten hingen welker. »Lieber Herrgott«, murmelten ihre Lippen, »wenn mein Stolz da wat versehen hat, laß et mich nich an dem Jung' entgelten. Ich hab' ihn so lieb wie die andern.«

Auf dem Privatkontor traf sie die Söhne beim Lesen der Post.

»Na, Mutter, jetzt wird der Schornstein rauchen! Der Brinkmann hat die Muster übertragen. Die Karten werden schon geschlagen. In acht Tagen kann der Wilhelm auf die Reise. Sapperlot, das wird ein Tanz!«

»Und der Ewald?«

»Wer –?«

»Der Ewald! Raucht bei dem der Schornstein auch?«

»Dat fragst du, Mutter? Auf einmal?«

»Ja, dat frag' ich. Denn von euch fragt et doch keiner.«

»Dazu haben wir jetzt keine Zeit, Mutter. Hier geht es zunächst um et Ganze!«

»Ach wat, um et Ganze! Wenn die einzelnen Teile absterben, kann ich dat Ganze in de Luft blasen. Weshalb hat sich keiner von euch um den Jung' gekümmert? Weshalb nich?«

»Aber Mutter, du hast doch selber nich – –«

»Sind dat eure Sachen? Nee, dat sind gar nich eure Sachen! Wat eure Mutter zu tun hat, dat weiß sie ganz alleine, und wat ihr zu tun habt, dat solltet ihr nun auch bald alleine wissen. Groß genug seid ihr doch.«

»Donnerschlag, Mutter, dat is aber 'ne Morgenpredigt. Wir haben erst eben den Kaffee im Magen.«

»Ob der Ewald auch nur den Kaffee im Magen hat, danach habt ihr euch wohl nie gefragt?«

»Er schlägt sich durch, Mutter«, sagte Gustav, »dat schadet seiner Entwicklung gar nix.«

»Und dat man ihn halbtot auf dem Stroh aufgelesen hat, direkt am Verhungern, dat schadet seiner Entwicklung wohl auch nix? Man sollt' euch wirklich welche an de Ohren geben, wenn ihr nich so lange Bengels wär't.«

»Mutter! Der Ewald is krank?«

»Gib Mutter mal en Stuhl, Paul!«

Mit starrem Gesicht saß die Alte auf dem Kontorstuhl unter ihren Söhnen. »Dat wir ihn so arg im Stich gelassen haben, dat war Sünde. Nu hat de Jung' et zu büßen.«

»Mutter, er hat doch alle Hilfe zurückgewiesen.«

»Man hätt' ihm mehr Liebe zeigen sollen als Geld. So 'n jung' Gemüt macht darin en Unterschied. Aber wir denken ja immer nur an et Geld und nehmen et, wo wir et kriegen können, selbst die Muster vom Ewald, und an Gegenzahlungen – nee, daran denken wir nich.«

»Mutter, wenn die Fabrik so 'n fein Gewissen haben wollt', dann könnten wir die Bude zumachen.«

»Dann macht sie doch zu! In Gottes Namen macht sie zu! Dat is mir lieber! Aber mein eigen Gewissen, dat spann' ich nich auf den Bandstuhl. Wenn et um den Jung' geht, nich!«

»Donnerwetter, Mutter, is et so schlimm – –?«

Da begann es in dem harten Gesicht der Alten zu zucken und zu zittern ...

Tiefernst standen die Söhne um sie her. Ihre Hände legten sich scheu auf ihre Schultern und ihre Haube. Sie waren nicht gewöhnt, der Mutter schönzutun.

»Mutter, du, Mutter, dat werden wir schon wieder in de Reih' bringen. Dat müßt' doch mit dem Deubel zugehen.«

»Wenn et nach Recht und Ordnung ging'«, sagte die alte Frau und wickelte ihre erregten Hände fest in die Schürze, »dann müßt' ich ja jetzt zum Ewald nach Düsseldorf fahren. Aber der Vater darf et doch nich gewahr werden. Der sorgt sich schon im geheimen genug um den Jung'.«

»Nur nich! Kein Wort zu Vatter!«

Gustav Wiskotten blickte nach der Uhr. »Ich werde heut nachmittag hinfahren.«

»Laß mich mit«, sagte Paul. »Zu mir hat er immer Zutrauen gehabt.«

»Wohnt er noch in der Ratinger Straße? Woher hast du denn die Nachricht, Mutter?«

»Ob er noch da wohnt, müßt ihr die Anna Kölsch fragen. Sie hat ihn gefunden, un – un – die Emilie hat ihn gefunden.«

Keiner fragte mehr. Die Hände glitten von der Schulter der Mutter herab, die Blicke gingen aneinander vorüber. Jeder wartete darauf, daß Gustav Wiskotten etwas sagen würde. Sekunden vergingen. Dann hörte man Gustavs Stimme.

»Emilie –? Meine Emilie – –?«

Mutter und Sohn sahen sich in die Augen. Sie hatten zusammen gestritten und zusammen gelitten. Sie beide brauchten sich nichts vorzumachen.

»Weißt du, Gustav, wat der Albert Kölsch mir vorhin sagte, als ich mich wunderte? Heimatlose, sagte er, stehen sich immer bei.«

»Paul kann mitfahren«, entschied Gustav Wiskotten nach einer Pause. Er nahm die Mütze von der Fensterbank und zog sie sich in den Nacken. »Macht, daß ihr an die Arbeit kommt.«

Schweigend gingen sie an ihre Beschäftigungen.

»Mutter«, sagte August Wiskotten, der allein im Privatkontor mit der alten Frau zurückgeblieben war, »geh du jetzt zum Vatter und leist' ihm Gesellschaft. Wenn du willst, schick' ich zum Pastor Schirrmacher, damit du eine Aussprache hast.«

Frau Wiskotten erhob sich.

»Laß dir dat nur nich einfallen, August. Et gibt Dinge, darin is 'ne Mutter allein der Pastor. Un jeder Pastor von Beruf en Mannsbild. Laß dir dat von deiner Mutter gesagt sein.«

August Wiskotten runzelte die dünnen Brauen. »Jedenfalls werde ich mal zu Anna Kölsch gehen, um Genaueres zu hören.«

»Dat is en andrer Fall. Un – du kannst dat Mädchen von mir grüßen.« –

August Wiskotten erledigte die Post. Als es elf Uhr schlug, nahm er seinen Hut und ging durch die Fabrik, um Wilhelm zu ersuchen, für die letzte Stunde seinen Platz einzunehmen. An der Wupper traf er Kölsch, der die Partien zählte, die aus der Färberei kamen. »Nur en paar Couleuren, Herr August. Aber von nächster Woche an wird dat anders. Wenn die Muster vom Ewald auf die Stühle kommen, werden die Färber sich in die Hände spucken können, um mit der Wirkerei Pol zu halten.«

»Ich möcht' mal zu Ihrer Tochter, Herr Kölsch. Sie haben doch nichts dagegen?«

»Dat Mädchen is groß genug, um Besuche allein zu empfangen.«

»Auf Wiedersehen.«

»Mahlzeit, Herr August.«

August Wiskotten ging im Geschäftsschritt über die Straßen, erwiderte geschäftsmäßig die Grüße der Agenten, die von Fabrikkontor zu Fabrikkontor hasteten, und bog mit dem ernsten Gesicht des Geschäftsmannes in die Straße ein, in der sich das Haus von Albert Kölsch befand. Er zog die Klingel, und Anna öffnete ihm.

»Guten Morgen, Fräulein Kölsch. Ihr Herr Vater erlaubte mir, Sie einen Moment zu stören.«

»Bitte, Herr Wiskotten, Sie stören mich durchaus nicht.«

Er saß ihr gegenüber, sah ihre jugendschlanke, festgeformte Gestalt, den schweren Flechtenkranz um ihre Stirn, und sah an ihr vorbei. Die Stille wurde drückend. »Kommen Sie vielleicht Ewalds wegen, Herr Wiskotten?«

»Ja – die Mutter läßt Sie grüßen. Ich möchte gern, Mutters wegen, Genaueres von Ihnen hören, Fräulein Kölsch.«

»Als ich gestern von Düsseldorf abfuhr, war er noch sehr schwach. Und sehr gereizt. Den – den Schwächeanfall wird er ja schnell überwinden, denn Emilie, Frau Emilie Wiskotten, pflegt ihn. Aber die Hauptsache bleiben die angegriffenen Nerven. Da kann nur Güte helfen, die sich nicht abschrecken läßt.«

»Wird er die ebenfalls bei Emilie finden?«

»Männer wissen nicht damit umzugehen.«

»Und Sie, Fräulein Kölsch?«

»Ich? – Ja, ich helfe Frau Emilie.«

August Wiskotten zog die Finger seiner Handschuhe lang. Seine Stirn lag in nachdenklichen Falten. Er überlegte.

›Gerechter Himmel‹, dachte das junge Mädchen, ›er wird doch nicht seinen Antrag erneuern wollen? Hätt' ich ihm doch nichts von der Güte der Frauen gesagt!‹

»Fräulein Kölsch – –« Nun kam es. Ein Entschlüpfen war nicht mehr möglich.

»Ja, Herr Wiskotten?« – – Das klang sehr klein und leise.

»Es ist jetzt ein Jahr, daß ich durch Herrn Pastor Schirrmacher bei Ihnen anfragen ließ, ob – Nun, Sie wissen ja wohl.«

»Ich weiß.«

»Ich habe da einen großen Fehler begangen.«

»Ja«, sagte sie und atmete erleichtert auf.

»Weil ich nicht selbst gekommen bin. Derartige Angelegenheiten müssen persönlich erledigt werden.«

Da war der Schreck wieder. Und die Angst entfärbte ihr Gesicht.

»Nun hängt die Angelegenheit zwischen uns immer noch in der Schwebe. Vielleicht – vielleicht ist es sogar möglich, daß Sie sich inzwischen anders besonnen haben –«

Sie nahm ihr Herz in beide Hände und allen ihren Mut dazu.

»Nein, Herr Wiskotten«, sagte sie und sah ihn mit reinen, offenen Augen an.

»Sie haben einen andern lieber?«

»Ja«, antwortete sie kurz und zog zornig die Stirn zusammen.

»Das freut mich, Fräulein Kölsch, denn ich habe mir die Sache auch anders überlegt.«

Ganz überrumpelt blickte sie ihn an. »Anders?« Der Zorn wurde lachend. »Ja, weshalb fragen Sie mich dann?«

»Weil ich mich durch die Freiwerbung des Pastors Schirrmacher gewissermaßen gebunden fühlte. Man kann doch kein Konto offen lassen, wenn man ein neues eröffnen will.«

»Sie wollen sich verloben, Herr Wiskotten? Ich wünsche Ihnen alles Glück!«

»Danke«, sagte August Wiskotten und erhob sich. »Und da ich Ihnen doch eine Art Revanche schuldig bin, sollen Sie auch zuerst davon hören. Es handelt sich um die einzige Tochter von Pastor Großmann in Elberfeld.«

»Ah – da gratulier' ich doppelt.«

»Gefällt sie Ihnen?«

»Sie hat so viel Würde, und die fehlt mir ganz.«

»Sie wird auch bei Ihnen noch kommen«, sagte August Wiskotten in tröstendem Tone und reichte ihr die Hand. Und plötzlich hatte er es eilig. Die lustigen Augen des Mädchens brachten ihn um seine Ruhe, und wieder mußte er an ihr vorbeisehen.

»Sie tragen mir also nichts nach?«

Da lachte sie ihm ausgelassen ins Gesicht. »Nein, aber nein, Herr Wiskotten.«

Er empfahl sich schnell und hatte Mühe, draußen wieder in den geschäftsmäßigen Schritt zu kommen. –

›Eigentlich‹, dachte das junge Mädchen, als es wieder ins Zimmer zurückkehrte, ›eigentlich war das doch eine Unverschämtheit ...‹

Mit dem Nachmittagschnellzug fuhren Gustav und Paul Wiskotten nach Düsseldorf. Am Bahnhof nahmen sie sich eine Droschke zur Ratingerstraße. »Deubel«, sagte Gustav Wiskotten im Hausflur, »dat stinkt ja hier wie die heilige Pestilenz.« Es waren die ersten Worte, die er während der Fahrt gesprochen hatte.

Sie kletterten die Stiegen hinauf und suchten das Zimmer der Taglöhnerswitwe.

»Paul!«

»Ja, Gustav?«

»Wenn – Emilie drin sein sollte – dann – erwart ich dich hier.«

»Willst du sie nicht sprechen, Gustav?«

»Sie kann ja zu mir herauskommen.«

Die alte Vermieterin trug einen Eimer schmutzigen Wassers aus der Stube.

»Ist Herr Wiskotten zu Haus?«

»De jong Här, der hier sein Logis gehabt hat?«

»Gehabt hat? Wohnt er denn nicht mehr bei Ihnen?«

»Den hat die fürnehm' Dame, die alszu die Nächt' bei ihm jewacht hat, vorhin in en Wagen wegjefahren.«

»War er denn wieder gesund?«

»De jong Här war ja noch jet schlapp. Aber bei so ene staatse Frau, da soll sich dat schon verliere.«

»Hat er Schulden hinterlassen?«

»Wat zu zahlen war, hat die Dame gezahlt. Aber all die Angst und Not, die ich arm alt Dier ausjestanden hab' –«

»Gib ihr en Dahler, Paul.« Dann stolperten sie die Stiegen hinunter. »Nur frische Luft!«

»Daß es der Ewald in dem Stall ausgehalten hat! Das ist doch heldenhaft!«

»Und die Emilie, zwei Tage und zwei Nächte! Da sitz' ich schon lieber beim Oweram in der Kneipe, und wenn der Hecht en Meter dick durch et Zimmer schwimmt. Man weiß doch wenigstens, wat dat is!«

»Gustav, jetzt müssen wir zu Tante Josephine Scharwächter.«

»Wir?«

»Ja, Gustav, wir.«

Gustav Wiskotten zog die Stirn zusammen. Schweigend schritt er nebenher. Dann sagte er kurz: »Begreif doch! In dem Haus leben drei Menschen, die zu mir gehören. Zu mir nach Barmen! Ich – ich kann nicht.«

»Aber du hast doch Sehnsucht«, sagte der andre leise.

»Ich werde sie schon unterkriegen. Aber sie zeigen, wo man sie mir nicht zeigt? So weit – so weit sind wir nun doch noch nicht.«

»Ich werde also allein hingehen. Wann und wo treff' ich dich?«

»Kurz vor zehn am Bahnhof. Ich werd' mich inzwischen mal umtun, wo der Ewald noch Schulden hängen hat. Beste Grüße.«

Sie trennten sich.

»Hör mal, Paul!«

»Ja?«

Gustav Wiskotten kam zurück. »Sieh doch zu, daß du – die Kinder zu Gesicht kriegst ... Du – du verstehst mich –«

Paul schüttelte ihm die Hand. »Selbstverständlich.«

Gustav Wiskotten besah sich Düsseldorf. Was sollte er mit dem Rest des Nachmittags und dem Abend anfangen? Aber das Straßenbeschauen wurde ihm langweilig. Er kannte die Stadt zur Genüge. Von der Alleestraße bog er in die Bolkerstraße ein. Hier wohnten ja die Zinters!

Hinter den kleinen Fenstern lockten die Flaschen mit grünem, gelbem, rotem und weißem Inhalt. Ein Paket Tabak »Hendrick Oldenkott« war darauf aufgebaut. Darüber kreuzten sich zwei lange holländische Tonpfeifen.

»Rein in die Giftbude.«

Er ging ans Büfett, den Hut auf dem Kopf. »Sind Sie Herr Zinters?«

»Eso e fünfzig Jährchens dürft' dat schon sein' Richtigkeit haben.«

»Mein Name ist Wiskotten. Mein Bruder Ewald hat bei Ihnen gewohnt.«

»Wat Sie sagen! De scharmante jonge Här wär' Ihre Herr Bruder? Jretchen, komm mal fix jelaufen. Süch ens, die Ehr'! De Här is ene Bruder von dem Herrn Wiskotten.«

Gretchen Zinters kam, prüfte mit blitzschnellem Blick den Besucher, knickste und reichte ihm unbefangen lächelnd die Hand. Gustav Wiskotten nahm den Hut ab.

»Schad', dat der Herr Ewald die Freud' nich mehr gehabt hat.«

»Weshalb haben Sie ihn denn laufen lassen?«

»Och«, sagte sie zögernd, »er wurde leicht so zutraulich. Un dazu war er doch noch zu jung.«

Gustav Wiskotten lachte amüsiert. »Haben Sie denn zum Alter mehr Zutrauen?«

»Die Alten sind jrad so doll wie die Jungen. Am liebsten sind mir schon die Gesetzten.«

»Und in welche Kategorie tun Sie mich?«

»Wer so fragt, der weiß et auch. Soll ich en Genever bringen?«

»Meinetwegen einen Genever. Hoffentlich ist kein Gift drin.«

»Gift?« mischte sich der alte Zinters ein und zwinkerte schlau. »Wo in Holland der Rhein mündet, dat weiß selbst so ene alte Rheinschiffer wie ich nich, auf Seel' un Seligkeit. Aber wie m'r in Holland an den echten Schabau kömmt un wie m'r ihn billig un unverfälscht über die Stromgrenz' bringt, Herr Wiskotten, dat dürfen Sie mich getrost et Nachts im Schlaf abfragen. Dat heißt – wenn keine Zollbeamte dabei sind.«

Gretchen brachte das Gläschen auf einem Teller. »Wohl bekomm's.« Sie knickste und sah ihn von unten herauf an.

»Trinken Sie nicht mit, Herr Zinters? Zu zweit geht so eine Zollhinterziehung leichter.«

»Jretchen, en Glas. Sehr angenehm, Herr Wiskotten. Wollen Sie nich Platz nehmen? Dann is et nämlich auf der Stell' gemütlicher. Wat sagen Sie? Da bringt dat Mädchen jleich die janze Flasch'. Du hast et jut vor, Jretchen.«

»Soll ich sie wieder fortnehmen?«

»Lassen Sie nur stehen, Fräulein!« Er leerte das Glas in einem Zuge. »Herunter mit allem, was uns quält. – Was kann man denn zu essen bekommen?«

»Einen prima Eidamer Käs'. Hol ens ene schöne Stück her, Jretchen.«

Gretchen verschwand in der Küche, um gleich darauf mit einer rotgefärbten Kugel zurückzukehren. Sie legte flink eine Serviette über den Tisch, trug Teller, Butter und Brot herbei und rückte den Genever hinzu.

»Das ist ja für eine ganze Familie«, lachte Gustav Wiskotten. »Was meinen Sie? Dem wollen wir drei gemeinsam zu Leibe!«

»Soll m'r recht sein, Herr Wiskotten. Aber et Brot janz fein schneiden, Jretchen, und der Käs' dick. M'r sind ja unter uns.«

Gustav Wiskotten langte zu. Er fühlte sich ganz behaglich neben dem schönen Kind mit den lebhaften, schmiegsamen Bewegungen. »Augen haben Sie, so schwarz wie Kohlen, Fräulein.«

»Fast akkurat so hat et der Herr Ewald gesagt.«

»Gut, daß Sie mich an den erinnern. Herr Zinters, wie hoch steht nun der junge Mann bei Ihnen in der Kreide?«

»Nich der Red' wert, Herr Wiskotten. Deshalb brauchen Sie nich in et Portemonnaie zu fassen. Dat tragen Sie los' in der Westentasch'.«

»Na, dann geben Sie mal her, damit Sie die Rechnung streichen können.«

Der Wirt erhob sich, kramte auf seinem Büfett herum und brachte einen langen Streifen Papier. Gustav Wiskotten durchflog ihn. Er machte große Augen. Da spürte er die Berührung eines weichen Körpers und las, ohne seine Verwunderung über die angeführten Posten zu äußern, weiter. Gretchen Zinters hatte sich an ihn gelehnt, wie von ungefähr. Das dunkle Köpfchen über seine Schulter gereckt, sah sie mit ihm zugleich die Rechnung ein.

»All dat Extragute, wat m'r ihm getan haben, dat haben m'r gar nich erst aufgeschrieben. Er konnt' mitunter auch sehr anspruchsvoll sein.«

»So, so. – Was haben Sie für schönes schwarzes Haar.«

»Dat hat der Herr Ewald auch gefunden.«

»Dem haben Sie wohl nett den Kopf verdreht?«

»Er hat en ja mir verdrehen wollen.«

»Und das ist ihm nicht geglückt?«

»Ich mach' mir nu mal nix aus so junge Leut'.«

»Würd' ich mehr Glück haben?« scherzte er.

Sie stieß ihn leicht mit der Schulter. Wie ein Kätzchen, das einen Buckel macht und sich schnurrend reibt.

Gustav Wiskotten wurde es wohlig warm. Er warf noch einen Blick auf die Endsumme der Rechnung, zog seine Brieftasche und schob dem Wirt, der einen Gast bedient hatte, ein paar Scheine hin. »Bitte.«

Zinters nahm sie auf und ging wechseln. »Die Zinsen werd' ich jleich einhalten. Et macht fast nix.«

»Fällt denn für den Zwischenhändler nichts ab, Fräulein Gretchen?«

Der Gast drehte ihnen den Rücken zu, der Alte rechnete im Nebenzimmer. Sie bog horchend den Kopf nach allen Seiten, beugte sich schnell vor und legte fest ihre Lippen auf die seinen. »Scht«, machte sie. »Jetzt is et genug. Vor Ihnen muß m'r sich in acht nehmen.«

Aber er zog sie mit kurzem Ruck noch ein zweites Mal an sich. So ein süßes Geschöpf ...

»Machen Sie nich so böse Augen – –«

»Das sind keine bösen Augen, das sind hungrige Augen. Ich werde Sie gleich fressen.«

»Bleiben Sie noch en bißchen? Ja?«

»Wenn Sie sehr lieb sind – –«

Sie strich ihm als Antwort mit der Hand über das Gesicht, hinauf und hinunter. »Dat is Plüsch und dat is Samt«, lachte sie dazu. »Bleiben Sie noch en bißchen.«

»Schmeichelkatze«, knurrte er und rüttelte sie an der Taille.

Der alte Zinters kam zurück. Gustav Wiskotten überblickte Geld und Rechnung. »Da fehlen doch fünf Mark?«

»Hatten Sie nich gesagt, fünf Mark für die Bedienung? Entschuldigen Sie, dat hatt' ich gemeint.« Und er suchte in der Westentasche, »Nix für ungut, Herr Wiskotten. M'r kann sich verhören.«

»Lassen Sie nur. An das Dienstmädchen hatte ich nicht gedacht.«

»Aber en Pfeifchen gefällig? Ene echte holländische Mutz aus Guda. Un echt holländische Tabak. De is in Barmen jar nich erhältlich.«

»Schön. Der Wissenschaft halber.«

Der Wirt holte Tabakskasten und frische Tonpfeifen. Die Ellbogen aufgestemmt, den dicken Qualm des Kanasters vor sich hinknüllend, saßen die Männer am Tisch. »Dat wär' esu die rechte Stimmung für ene kleine Skat. Wat halten Sie davon, Herr Wiskotten?«

»Fehlt der dritte Mann.«

»Et könnte ja auch ene Frau sein. Et Jretchen versteht et janz leidlich.«

»Fräulein Gretchen?«

»Krieg doch ens vor Spaß die Karten, Jretchen. So, nu misch. Aber et darf nich um hoch Geld gehen. Der Point en Pfennig. Mehr kann ich selbst enem Herrn Wiskotten nich bieten.«

»Hören Sie mal! Der Point en Pfennig? Das kann ja Goldstücke kosten.«

»Ja, wenn Sie uns die abnehmen wollen? Ich hab' dat nich vor. Treffsolo!«

»Halt, ich bin noch nicht soweit. Treffsolo? Sie passen, Fräulein Gretchen? Ich auch.«

Das Spiel begann. Der Alte spielte raffiniert, er heimste Stich auf Stich ein. Gretchen Zinters trat unter dem Tisch Gustav Wiskotten leise auf den Fuß. Das machte ihn zerstreut. Nun ließ sie ihr Stiefelchen auf seinem Fuße stehen. Da lugte er über die Karten weg lachend zu ihr hin, und sie fing seinen Blick mit den Augenwinkeln.

»Atout«, sagte Zinters.

»Wieso? Haben Sie denn den letzten Stich genommen?«

»Aufpassen«, meinte gleichmütig der Wirt, »Atout!«

»Bitte«, sagte Gustav Wiskotten, langte über den Tisch und deckte den letzten Stich auf. »Na also! Womit wollen Sie den genommen haben?«

»Mit dem Coeurbuben ...«

»Das scheint mir aber der Coeurkönig zu sein.«

»Wat? Donnerlütsch! Der König? Nee, meine Augen. Jretchen, wo is denn nur mein' Brill'?«

Das Spiel ging weiter. Gustav Wiskotten und der Alte betrachteten sich mit mißtrauischen Blicken.

»Prr, Herr Zinters. Sie haben nicht bekannt. Spielen wir hier Skat oder spielen wir hier Mogelramsch –?«

»Gott«, sagte Gretchen Zinters schmollend, »Sie sind aber auch gleich immer so. Wir spielen doch zum Vergnügen.« Und sie zupfte ihn heimlich am Rockärmel und machte ihm mit den Augen Zeichen. Da ließ er den Alten spielen, wie er wollte. Das lustige Einverständnis mit dem augenblitzenden, zärtlich tuenden Mädel machte ihm mehr Spaß. Der Tabaksqualm legte sich über den Tisch, die Genevergläschen wurden geleert und gefüllt.

Hin und wieder stand der Alte auf, um Gäste zu bedienen. Den Skatblock, auf dem er Gewinn und Verlust der Spielenden notierte, nahm er jedesmal mit. Dann rückte Gretchen Zinters näher. »Lassen Sie ihm doch dat Vergnügen. Ich freu' mich ja so.«

»Über mich, Katze?«

»Dat sollt' ich Ihnen eigentlich jar nich sagen. Ich mach' Sie nur noch einjebildeter.«

»Ich kann's vertragen, Herrgott noch mal! Schnell! Vatter kuckt grad' weg.«

Das Blut ging ihm schwer und heiß durch die Adern und schwoll ihm bis in die Stirn. Er war nicht mehr daran gewöhnt, Zärtlichkeiten zu empfangen. Der Geruch des Likörs, der Tabaksqualm – und aus dem Tabaksqualm lockend und winkend die schwarzen Mädchenaugen wie dunkelglühende, reife Brombeeren – er reckte die breite Brust aufs neue. » Allons, Mädel!«

»Is et wahr, dat ihr in eurer Fabrik dreihundert Leute beschäftigt?«

»Es werden wohl noch ein paar mehr sein.«

»Wat fabriziert ihr denn alles?«

»Besatzartikel, Bänder und Spitzen.«

»Hurrijeh! Wenn ich dat doch nur mal sehen könnt'!«

»Soll ich dich mitnehmen?«

»Ach, dat is Ihnen ja nich Ernst. Aber schicken können Sie mir mal en Paket.«

»Und was krieg' ich dafür? Na? Wollen wir uns wiedersehen?«

»Och ja! Aber et darf keiner wissen!«

»Nur wir beide.«

»Hach, Sie! Ich könnt' Ihnen gradzu immer 'ne Kuß geben!«

»Du Räuber, du! Was für ein weich warm Geschöpfchen hab' ich da im Arm.«

»Wissen Sie, wat ich möcht'? Wat ich am liebsten möcht'?« Sie sah ihm, bettelnd wie ein Kind, von unten in die Augen.

»Keine Ahnung. Von mir was?«

»Wenn Sie wollten, könnten Sie mir helfen. Ich – ich möcht' zum Theater.«

»Alle Achtung! Aber ich glaub' wahrhaftig, du hast Talent.«

»Ich würd' auch für Sie ganz allein spielen.«

»So – –?« sagte er, streckte die Beine und ergab sich der unbekannten Stimmung, die ihn wie ein warmes Bad überflutete. »Und was hätte ich dabei zu tun?«

»Für meine Ausbildung sorgen«, entgegnete sie rasch.

»Und später bin ich dich los.«

»Dat trauen Sie sich ja selber nich zu«, schmeichelte sie und sah ihn mit kindlicher Bewunderung an. »Zwei wie Sie gibt's ja jar nich auf der Welt. Sie sind so stark ...«

»Soll ich dich mal mit einem Finger aufheben?« Und er zeigte schmunzelnd seine Fäuste.

Blitzschnell beugte sie sich nieder und küßte sie. »Ich komm' nach Barmen.«

Er fühlte die Mädchenlippen auf seinen Händen bis ins Mark. Eine wilde Kraft kam über ihn. Leichtsinn und Zerstörungswut. Rohe Lebensfreude und gänzliche Weltverachtung. Er griff nach dem Likörglas und trank es aus. Seine Hand schloß sich wie eine Klammer um die Finger des Mädchens. In seinen Augen brannte es. »Gut. Wir sprechen dann auch übers Theater.«

Die Schankstube leerte sich. Der alte Zinters komplimentierte den letzten Gast hinaus, kam händereibend zurück und wollte das Spiel wiederaufnehmen. Gustav Wiskotten sah nach der Uhr. »Was ist das? Das kann doch nicht stimmen. Gleich halb zwölf?«

»Jetzt wird et erst jemütlich, Herr Wiskotten.«

Aber Gustav Wiskotten forderte die Zeche. »Ich muß sofort zum Bahnhof.«

Da rechnete der einstige Rheinschiffer, die Mütze im Nacken, die Tonpfeife zwischen den Zähnen und die Hemdärmel weit aufgerollt, augenblinzelnd ab. Gustav Wiskotten hatte einige zwanzig Mark zu bezahlen.

»Wo stehen hier Droschken?«

»Jleich um die Eck'. Am Rathausmarkt. Jretchen, weis' ens Herrn Wiskotten zurecht.«

»Adieu denn.«

»War mir ein wirklich Vergnügen, Herr Wiskotten. Ich hoff', Sie tun mir bald wieder die Ehr' an.«

Von der Haustürschwelle aus zeigte ihm Gretchen Zinters den Droschkenstand. Es war dunkle Nacht. Und plötzlich fühlte er ihre Arme wie zwei weiche Schlangen um seinen Hals gleiten und ihre hastigen Lippen auf seinem Mund.

»Sie schreiben mir, gelt? Un mich nich vergessen – –!«

Kurz vor Abfahrt des letzten Schnellzugs langte er am Bahnhof an. Paul kam ihm aufgeregt entgegen. »Wo bleibst du nur, Gustav? Seit zwei Stunden wart' ich. Es ist dir doch nichts passiert?«

»Nix Unangenehmes«, lachte Gustav Wiskotten aufgeräumt und dehnte die Arme in der Nachtluft.

»Steig schnell ein. Der Zug geht ab.«

Gustav Wiskotten pfiff im Coupé vor sich hin. Dann unterbrach er sich. »Na? – Und – Ewald?«

»Ich hab' den ganzen Abend bei ihm gesessen. Du, es war doch schade, daß du nicht mitgegangen bist. Ewald erholt sich sichtlich. Er ist nur noch etwas störrisch. Aber das hält nicht stand, das kann ja auch gar nicht standhalten. In der Atmosphäre! Denk dir das Bild. Er liegt auf einem Diwan in einem Salon, der ganz in Rot gehalten ist. Rote Samtmöbel, rote Samtvorhänge und rote Samtdecken. Alles wie zum Einkuscheln. Und auf dem Tisch steht eine hohe Lampe mit abgedämpftem Licht. Nur ein Weißes ist im Zimmer. Das ist Emilie in einem langen, weißen Kleide.«

»In der Woche?«

»Ja. Und ihre Bewegungen sind ganz ruhige, und das tut dem Ewald so wohl wie ihre Stimme, die ganz still und gütig ist. Die richtige Pflegerinnenstimme. Da geniert man sich nicht. Man möchte gleich dableiben und auch krank werden. Weißt du, es ist da so eine Reinheit in der Stille, die einen schnell gesund macht. Nachher kamen die Kinder.«

»Die Kinder –?« Gustav Wiskotten fuhr aus seiner Ecke auf. »Wie sahen sie aus? Haben sie nach mir gefragt?«

»Der kleine Gustav trug einen weißen Matrosenanzug. Er will jetzt, wo er den Rhein kennt, Admiral werden. Und die kleine Emilie hatte ein weißes Kleidchen mit einer roten Schärpe an und rief ›Papa‹, als sie mich sah. Wie sie ihren Irrtum bemerkte, fing das kleine Ding zu weinen an.«

Gustav Wiskotten biß sich auf den Schnurrbart. Und mit einer schwerfälligen Bewegung zog er sein Taschentuch und wischte über den Schnurrbart hin und her.

»Ich hab' währenddes Schnaps getrunken«, sagte er rauh. – –

Er ließ das Fenster herunter und lehnte sich hinaus. Die dunkle Landschaft flog an ihm vorüber, und der Nachtwind zauste sein Haar. Er horchte hinaus ... Weinte seine Kleine? Und der Jung' wollte nun Admiral werden? Und Emilie trug ein langes, weißes Kleid – –?

Er spürte einen schlechten Geschmack im Mund. Das war der Genever.

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