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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
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4

»Du kannst nicht sagen, Gustav, daß ich dir lästig gefallen bin.«

»Gewiß nicht, Herr Pastor.«

»Als das Unglück, das Mißverständnis zwischen dir und deiner Frau, über dich kam, sagte ich mir: Männer wie Gustav Wiskotten müssen das Erkennen von Recht und Unrecht aus sich selbst schöpfen, wenn es Bestand haben soll. Wird es von außen an sie herangetragen, empfinden sie es als eine Demütigung. Und gerade ihnen spielt die liebe Eitelkeit am leichtesten einen Streich, weil sie sich frei davon glauben.«

»Ich eitel, Herr Pastor? Diesmal haben Sie sich getäuscht.«

»Lieber Gustav, lehr du mich nicht die Eitelkeit des Mannes kennen. Wir tragen an diesem Übel viel schwerer als die Frauen. Bei den Frauen pflegen wir sie geradezu; wir phantasieren in Samt und Seide, Bändern und Spitzen, um sie herauszuputzen; die ganze Industrie unsres Tales, die halbe Industrie der Welt wetteifert, um ihnen zu schmeicheln. Wie man einem schönen Kinde schmeichelt, an dem man seine Freude hat. Die Eitelkeit der Frau wird also im Grunde bedingt durch – die Eitelkeit des Mannes. Ja, ja, das ist so. Frauen sind eitel um ihrer Schönheit willen. Man nennt das ja wohl einen Kultus. Die Herren der Schöpfung aber sind eitel darauf, daß dieser Kultus ihretwegen geschieht, und sehr ungehalten, wenn ihnen der heimliche Weihrauch, über den sie so erhaben tun, nicht Tag für Tag angenehm in die Augen steigt. Die Eitelkeit der Frau ist die Freude des schenkenden Kindes, die Eitelkeit des Mannes – der Egoismus des fordernden Herrn und Gebieters.«

»Sie sind nicht schlecht beschlagen auf dem Gebiet, Herr Pastor.«

»Weil ich die Dinge aus der Vogelschau sehe, mein lieber Gustav. Ein Pastor ist gewissermaßen ein Neutrum wie ein Arzt, vor dem man sich nicht geniert. Wir sind sozusagen die unbeteiligten Zuschauer, die höchstens ihrem Beifall oder ihrem Mißvergnügen Ausdruck geben dürfen, auch wohl einmal zur objektiven Kritik zugelassen werden, wenn den Darstellern Zweifel aufsteigen. Aber befolgt werden die Aussprüche des Seelsorgers nur in den seltensten Fällen. Und drängt man sich auf, bekommt man die Eintrittskarte entzogen.«

»Das hat in meinem Hause keine Not.«

»Nein, ein Vorwurf für dich sollte das auch nicht sein. Aber was hilft es, in deinem Hause zu sein, wenn du – hinter dem Vorhang bleibst?«

»Ich bin mir als Publikum beinah selbst schon zuviel.«

»Das hatte ich gefürchtet. Du magst dich selbst nicht mehr anhören. Weil du in den Zweifel geraten bist, ob deine Melodie noch stimmt. Gustav, reden wir einmal offen. Die Vorfälle zwischen dir und deiner Frau sind ja sehr bedauernswerte, aber doch nicht so furchtbar schwerwiegende, daß aus den Steinen des Anstoßes eine Mauer aufgerichtet werden muß. Im Gegenteil. Nur die Manneseitelkeit sieht einen Berg, die Liebe sieht ein Stäubchen.«

»Ich höre Ihnen zu, Herr Pastor, weil Sie einmal da sind und weil Sie es gut meinen. Und deshalb antworte ich Ihnen auch. Mag sein, daß es der Egoist ist, der aus mir spricht. Aber dann soll man mir doch auf der andern Seite die Liebe zeigen! Emilie hat sich durch mich vernachlässigt gefühlt. Ist das ein Wunder, wenn man sich überhaupt nicht finden lassen will? Ich bin nicht fürs Versteckspielen. Vielleicht fall' ich zu polternd mit der Tür ins Haus. Dann ist es doch Sache einer klugen Frau, die feinen Linien herzustellen, daß wir glauben, sie schenkt uns noch was obendrein, und beschämt und doppelt verliebt schnurren. Aber – überhaupt keine Linie? Keine ineinanderlaufenden? Was bleibt einem da übrig, als, jeder für sich, in gesonderten Welten herumzusteigen, bis man sich selbst zum Überdruß wird? Und diesen Überdruß hat Emilie empfunden, aus diesem Überdruß an sich selbst ist sie gegangen. Nicht, weil ich ein paarmal ein bißchen über die Stränge geschlagen habe. So was bemerkt eine vernünftige Frau gar nicht. Und wenn sie es bemerkt, zieht sie sich ihre Lehre daraus. Aus purem Überdruß an sich selbst und aus Energielosigkeit dagegen anzugehen! Das ist die Geschichte.«

»Du glaubst also, deine Frau empfindet anders, als sie handelt?«

»Herrgott, sie ist doch ein Frauenzimmer und kein Phänomen!«

»Und du? Bist du ein Phänomen?«

»Hab' niemals Anspruch darauf erhoben. Auch nicht, daß ich unfehlbar bin. Emilien gegenüber am wenigsten. Aber was, zum Henker – – verzeihen Sie, Herr Pastor, das flog so heraus –, was gibt ihr das Recht, ihre Fehler mehr zu hätscheln als ich die meinen? Mich zu bestrafen und sich zu belohnen, indem sie mir die Kinder auf eine Zeitlang entzieht? Ich will annehmen, daß die Gedankenlosigkeit der Energielosigkeit die Hand gereicht hat. Diese Gedankenlosigkeit kann ich wieder gutmachen, und wenn ich's noch nicht tat, geschah es, um den Kindern keinen Knacks in ihre Jugenderinnerungen zu schaffen. Ihrer Energielosigkeit aber muß sie selber Herr werden, oder wir kommen aus der Lazarettstimmung nicht mehr heraus. Weiber sind wie Kinder. Wenn man sie bedauert, ist des Heulens kein Ende.«

»Was also muß man mit ihnen tun?«

»Ihren Mut bewundern. Dann schlagen sie vor Vergnügen das Rad. Ganz wie die Kinder.«

»Ich habe darin keine Erfahrung«, meinte Pastor Schirrmacher. »Aber vielleicht sagst du mir, welchen Mut du meinst.«

»Den Mut der Frau, es frischweg mit dem Mann, den sie liebhat, zu wagen. Aus keiner Mücke einen Elefanten zu machen. Und zeigt sich doch einmal ein Elefant, zu tun, als sei's eine Mücke. Vor allem aber, die Liebe zu ihrem Mann höher zu bewerten als die Lehren ihrer Erziehung. Bei Emilie war die Erziehung grundverkehrt. Deshalb ist auch ihre Liebe grundverkehrt. Weil sie nicht den Mut hatte, sich für ein funkelneues Dasein zu entscheiden, wie es eine Ehe verlangt, und nun Gott einen guten Mann sein zu lassen, der schon den richtigen Schick in die Sache bringen wird. Eine Frau, die auf die Weisheit ihres Vaters schwört, hat der Ehegatte nur auf Borg.«

»Aber du sagtest doch, Gustav, daß deine Frau Überdruß an sich selbst empfunden hätte. Dann muß doch eine Selbsterkenntnis vorangegangen sein?«

»Ich weiß doch, daß sie Blut hat«, murmelte Gustav Wiskotten. »Wenn's mal geweckt war, ging's durch. Nur ihre Erziehung verbot ihr, es wecken zu lassen. Nachher war's immer, als ob sie etwas Verbotenes getan hätte. Herr Pastor« – er lachte kurz auf –, »man nennt das übrigens ›aus dem Nähkörbchen schwätzen‹.«

Pastor Schirrmacher wiegte den Kopf. »Überlassen wir diese Deutung Menschen von gewöhnlicher Sinnesart. Wenn wir erst beginnen, uns des rein Menschlichen in uns zu schämen, hat es keinen Zweck mehr, über die Erde zu wandern, und wir verstehen Gott nicht mehr, der uns also schuf.« Er erhob sich. »Und nun will mir scheinen, als ob euer Fall gar nicht so hoffnungslos läge. Wo das Blut einmal gesprochen hat, bleibt die Erinnerung. Und die Erinnerung veredelt, verschönt und – gleicht aus.«

Er reichte dem Hausherrn die Hand.

»Die Frau ist der schwächere Teil. Trotz aller ihrer Selbständigkeitsbestrebungen. Ohne die Liebe findet sie nie das harmonische Gleichmaß, das sie anstrebt. Nur in einsamen Frauen erwächst die Verbitterung ihres Geschlechts. Sorg dafür, Gustav, daß Emilie von dieser Verbitterung befreit wird, indem du ihr die Einsamkeit nimmst.«

»Sie betrachten die Dinge mit einer Milde, Herr Pastor, die ich bei Ihnen am wenigsten gesucht hätte.«

Pastor Schirrmacher lächelte. »Es klingt nicht schön, was ich dir jetzt sage, Gustav. Aber ein Pastor muß ein Stück Diplomat sein. Du kennst mich als den Kanzeldonnerer, als den Zeloten. Schau dich um. Glaubst du, mit diesem Volk hier wäre anders auszukommen als mit Gewalttaten? Wenn wir Pastoren im Tal die Leute nicht andonnerten, würden sie nicht zufrieden sein. Hier liegen die Gegensätze dicht beieinander. Die Lauen heißt es zu erschrecken und mitzureißen und den Frommen die Einbildung zu nehmen, als ob sie frömmer als der Pastor seien. Das letztere ist nämlich eine Kardinaltugend der Wuppertaler, und wenn man in der Welt gegen die Wuppertaler Pastoren zetert, so vergißt man, daß hierzulande der Hirt nur das Echo seiner Herde ist. Du aber, mein Sohn, bist in deiner Art selber eine Persönlichkeit. Da können wir ruhig als Menschen miteinander reden, die da von der Erde sind.«

»Nun, Herr Pastor«, sagte Gustav Wiskotten, »diese Diplomatie ist auch die meine. Im übertragenen Falle. Auch ich gebrauche Gewalttaten, um mir Achtung und Nachdruck zu verschaffen. Solange es sich um Kindsköpfe oder Dummköpfe handelt. Biegen oder brechen. Mit frischen Persönlichkeiten aber rede ich aus dem Herzen. Vielleicht kommt auch Emilie noch einmal dahinter.«

»Ich werde mir überlegen«, meinte Pastor Schirrmacher nachdenklich, »wie hier der Hebel anzusetzen ist.«

»Sehr freundlich, Herr Pastor. Aber zerbrechen Sie sich nicht darüber den Kopf. Es gibt Dinge, die nur zu zweien ausgetragen werden können. Freiwillige Einsicht von innen heraus! Vermittlungen schaffen nur den maskierten Kriegszustand in Permanenz. Das macht den Menschen kaputter als ein offener Kampf, Herr Pastor, und ich bin keine Kompromißnatur.«

»Adieu, Gustav, ich komme wieder.«

»Aber mit einem andern Gesprächsthema, Herr Pastor.«

Auf der Straße lief Pastor Schirrmacher gegen Anna Kölsch. »Willst du verreisen, Kind?« Und er klopfte auf ihre Handtasche.

»Nach Düsseldorf nur«, erwiderte sie hastig.

»Aber das ist doch nicht der Weg zum Bahnhof.«

»Ich habe noch mit Herrn Gustav Wiskotten zu sprechen.«

»So, so. Der ist noch daheim. Höre mal – nach Düsseldorf, sagst du? Hm, Anna, du könntest mir da ein Geschäft abnehmen. Wenn du einmal zu Frau Emilie Wiskotten gingst –«

»Was soll ich dort?« fragte sie in abwehrendem Ton.

»Nur sie besuchen, sehen, wie es ihr geht, mit ihr plaudern und ihr von Herrn Gustav erzählen.«

»Ich weiß nichts Gutes.«

»Gemach, gemach. Um dich zur Richterin aufzuwerfen, dazu gebricht es dir doch wohl an Übersicht. Aber so sind die Frauen. Was bei ihnen Gemüt, Verstand oder rasche Laune ist, das wissen sie oft selber nicht zu entwirren. Besuche nur Frau Emilie Wiskotten. Auch durch gegenseitige Übertreibungen kann man der Vernunft näherkommen. Gute Reise, mein Kind.«

Anna Kölsch stürmte an ihm vorbei und die Treppen hinauf. Sie traf Gustav Wiskotten im Begriff, sich zur Nachmittagsarbeit in die Fabrik zu begeben. »Mädel, Sie explodieren ja!«

»Herr Wiskotten, ist es wahr, daß – ist es wahr –«

»Was soll wahr sein, Anna?«

»Daß Sie gestern Ewald bei den Chausseearbeitern getroffen und geprügelt haben?«

»Unsinn, geprügelt! Ein bißchen fest angefaßt hab' ich ihn.«

»Sie haben ihn aber nicht anzufassen!«

»Wa –? Nun wird's aber Tag! Ich hab' ihn nicht anzufassen? Ich soll mir den Hohn gefallen lassen, daß der Jung' aus lauter Trotz gegen seine Familie verkommt? Aus purstem Oppositionsgeist uns lächerlich macht?«

»Zeigen Sie nicht auch immer und überall Ihren Oppositionsgeist?«

»Kleine, Sie fangen an, mir Spaß zu machen. Und jetzt muß ich in die Fabrik.«

»Ja, weil Sie sich schuldig fühlen, deshalb brechen Sie ab. Der Ewald ist mehr wert als Sie alle!«

»Kind, bitte, nun aber Schluß!«

»Einem Menschen, der so kämpft wie der, der zu der letzten Arbeit greift, nur um sich nichts schenken zu lassen –«

»Wir kriegen auch nichts geschenkt.«

»Doch! Sie lassen sich was schenken, und zum Dank prügeln Sie den, der Ihnen geholfen hat. Das – das ist – –!«

»Das ist eine Gemeinheit, wollen Sie sagen. Ich halte das Ihrer jugendlichen Aufgeregtheit zugute. Aber um Sie zu beruhigen, kann ich Ihnen sagen, daß ich wegen des Drecks, mit dem mich die Kumpanei Ihres heldenhaften Ewald beworfen hat, heute ein Bad hab' nehmen müssen.«

»Das scheint nicht weit gedrungen zu sein«, stieß das Mädchen trotzig hervor.

»Fräulein Anna!«

Das Mädchen brach in Tränen aus. Aber es waren zornige Tränen.

»Was wollen Sie denn von ihm? Wenn er nicht nach Düsseldorf durchgebrannt wäre, in das elende Leben, dann säßen Sie jetzt mit der Fabrik fest! Nur seine prachtvollen Musterzeichnungen werden Sie retten. Das haben Sie und Vater vorgestern doch selbst ausgesprochen. Dann findet man doch ein Wort des Dankes eher als das Anschreien, das ihn nur noch verbitterter machen muß. Er ist doch ein Kranker, der Ewald, der sich bald gar nicht mehr zurechtfindet. Aber Sie mit Ihrer harten Gesundheit meinen immer gleich zupacken zu müssen. Alle Menschen sind nicht wie Sie. Es gibt auch weiche Naturen.«

»Zu denen scheinen Sie mir nicht zu gehören, Anna.«

»Aber ich hab' Gerechtigkeitsgefühl.«

»Und das streiten Sie mir ab?«

»Seinen Zeichnungen haben Sie Gerechtigkeit widerfahren lassen, o ja, weil Ihnen das gelegen kam. Aber Sie nehmen alles hin, als ob es ganz selbstverständlich sei, weil es ja von einem Wiskotten stammt. Statt nun zuallererst dem Ewald Hilfe zu bringen –«

»Er will keine.«

»Nein«, sagte sie und trocknete rasch ihre Tränen, »solche möcht' ich auch nicht. Es muß Liebe dabei sein. Aber die Familie Wiskotten glaubt sich ja etwas zu vergeben, wenn sie sich mal weich zeigt.«

»Kind! Sie spielen hier mit unsrer Freundschaft ...«

Da hob das Mädchen ruhig den Kopf und sah ihn unerschrocken an.

»Wozu brauchen Sie meine Freundschaft? Sie sind sich ja immer und überall selbst genug. Ich will sie lieber denen bringen, die nicht so – gesund sind.«

»Fräulein Anna, vergessen Sie nicht –«

»Nein, ich vergesse nicht, daß ich die Tochter vom Werkmeister Kölsch bin.«

»Mädel, machen Sie mich nicht fuchtig! Daß ich das nicht hab' sagen wollen, liegt auf der Hand. Aber ich hab' den Kopf nun voll genug, als daß ich mich jetzt um andre Dinge als um die Fabrik kümmern könnte. Erst erscheint der Pastor, nun erscheinen Sie, und wir alle drei tun, als hätten wir ein Kaffeekränzchen, während in der Zeichenstube, am Musterstuhl, in der Buchbinderei, überall, nur hier nicht, meine Anwesenheit dringend erforderlich ist. Erst das Geschäft, dann das Vergnügen.«

»Wie kann da die Arbeit Vergnügen machen ...«

»Anna, Sie sind doch sonst ein vernünftiges Geschöpf. Hier gilt es jetzt, einen Hauptschlag zu tun, und der verlangt Arme, Fäuste und Gehirn eines ganzen Mannes. Es handelt sich in dieser Stunde nicht um mich oder um Ewald, überhaupt nicht um einen einzelnen, sondern um die Gesamtheit des Namens Wiskotten. Wenn ich alle Kräfte zur Schlacht heranziehe, kann ich nicht hinter Deserteuren herlaufen. Aber ihre Munition verwend' ich, wo sie mir in die Hände fällt. Und nach dem Sieg wollen wir weiter sprechen. Dann ist die Zeit, Wunden zu verbinden.«

»Und wenn die Verwundeten vorher zugrunde gehen?«

»Das bringt der Krieg mit sich. Ich – ich bin auch nicht dagegen gefeit.«

»Ich werde also allein hinausfahren.«

»So ist's recht. Das ist der Beruf der Frau. Krankenpflegerinnen sind die besten Bundesgenossen unseres Gewissens.«

»Ich zweifle manchmal, Herr Wiskotten – –«

»Ob ich eins besitze? Da schauen Sie mal zum Fenster hinaus, da sehen Sie es greifbar vor sich. Die Fabrik! Das ist mein Gewissen. Und Hunderte von Menschenleben, deren Wohlergehen mir anvertraut ist, sind mein Gewissen. Was will dagegen mein kleines Privatgewissen besagen? Zwei oder drei Menschen von Hunderten abgezogen, das macht nichts aus. Aber Hunderte von zwei oder drei abgezogen –? Adieu, Anna, ich muß in die Fabrik. Wir stehen vor dem kritischen Augenblick, und es ist Zeit, daß ich mein Gewissen beruhige.«

Sie fuhr mit dem Nachmittagszug nach Düsseldorf. Grübelnd saß sie im Wagen. Das Gewissen! Sollte darin der Frauenberuf bestehen, das kleine Gewissen des Mannes zu sein ...?

Sie suchte Ernst auf. Er war nicht in seiner Wohnung. Sie nahm eine Droschke und fuhr erfolglos die Kneipen ab, in denen er zu verkehren pflegte. Um dem Kutscher ihre Mutlosigkeit nicht zu zeigen, gab sie ihm Auftrag, sie im Hofgarten spazierenzufahren. Zwischen den Bäumen spann schon die Dämmerung, und nun kam die treibende Angst und wirbelte ihre Gedanken durcheinander. Allein Ewald aufsuchen? Sie schrak zusammen, wenn sie an das fürchterliche Haus dachte mit seinen zusammengepferchten Menschen. Alle würden sie aus den Türen kommen, um zu sehen, weshalb das Fräulein des Abends bei dem jungen Mann so laut und anhaltend pochte. Nein, allein konnte sie es nicht. Sie mußten zu zweit sein, um sich Mut zu machen. Wer? Wer? Wen kannte sie außer Ernst in Düsseldorf? Da fiel ihr Emilie Wiskotten ein. Mit einem Ruck saß sie im Wagen aufrecht. Emilie Wiskotten – –

Nur ein paar Herzschläge lang überlegte sie. Gustavs Frau würde helfen. Weil sie eine Frau und – weil sie selbst in der Fremde war. Sie würde den Schwager nicht entgelten lassen, daß sie sich in ihrem Manne getäuscht glaubte. Das war nicht Frauenart.

»Fahren Sie in die Gartenstraße, zur Villa von Fräulein Scharwächter, Kutscher.«

Fünf Minuten später hielt der Wagen vor dem Haus. Sie hieß den Kutscher warten und klingelte. Das alte Fräulein kam selbst, um zu öffnen.

»Könnte ich – einen Augenblick nur – Frau Wiskotten sprechen?«

»Mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Anna Kölsch aus Barmen.«

»Doch nicht die Tochter von –«

»Ja, die Tochter von Werkmeister Kölsch aus der Wiskottenschen Fabrik. Bitte, lassen Sie mich Frau Emilie Wiskotten nur einen Moment sprechen.«

»Treten Sie in dies Zimmer. Es ist doch – in Barmen – nichts passiert?«

»Nein, nein. Ich möchte nur Frau Wiskotten – –«

»Sofort, sofort.« Und das alte Fräulein eilte schnell hinaus.

Dann hörte Anna Kölsch droben eine Tür schlagen, Schritte die Treppe hinunterhasten, und vor ihr stand Emilie Wiskotten.

»Fräulein Anna ...!«

»Frau Wiskotten –«

»Was ist? Weshalb kommen Sie? Ist etwas geschehen? Gustav? Um Gottes willen, sprechen Sie doch! Ist mein Mann nicht gesund? Ist er krank? Was fehlt ihm? So reden Sie doch nur, Anna.«

»Oh, Frau Wiskotten, wenn er Sie so sehen könnte!«

Emilie Wiskotten griff nach den Händen des Mädchens. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und ihre Schultern bebten.

»Hat er nach mir verlangt? Soll ich heimkommen? Ja, er ist krank! Er würde sonst Sie doch nicht geschickt haben. Anna, ist es schlimm ...?«

»Frau Wiskotten, Ihr Mann ist gesund. Es fehlt ihm nichts, oder – er läßt es sich nicht merken. Gerade jetzt denkt er an nichts als an die Fabrik, und deshalb komme ich zu Ihnen.«

»Deshalb? Wegen der Fabrik? – –«

Ihre Arme fielen matt nieder. Die angespannten Züge wurden schlaff.

»Setzen Sie sich.«

»Nein, Frau Wiskotten, ich kann mich nicht setzen. Ich möchte Sie mitnehmen.«

»Er braucht mich ja nicht. Er zeigt es mir ja – deutlich genug.«

Sie stand ganz aufrecht. Aber aus ihren Augen lösten sich ein paar Tränen und zogen über die blassen Wangen eine lange feuchte Spur.

»Doch, Frau Wiskotten, er braucht Sie. Gerade weil er nur an die Fabrik denkt. Da braucht er jemand, der ihm alles, für das er keine Zeit findet, abnimmt. Die Frau – ich habe es mir auf der Herfahrt überlegt – sollte das kleine Gewissen des Mannes sein, dem er im Lärm der Arbeit kein Gehör schenkt. Frau Wiskotten, es handelt sich um Ewald! Er geht unter! Die Männer können sich nicht um ihn kümmern, da die Geschäfte gerade jetzt sie nicht loslassen. Frau Wiskotten, da müssen wir Frauen doch heran. Um ihnen zu zeigen, daß es ohne das kleine Gewissen nicht geht. Daß sie sonst später an allen ihren Erfolgen ja gar keine Herzensfreude haben könnten.«

»Ewald – –«, wiederholte Emilie Wiskotten, und ihre Gedanken waren nicht bei dem Wort.

Da erzählte Anna Kölsch mit fliegendem Atem von den Kämpfen des Jungen, von seinen Entwürfen, die nun in der Fabrik ausgearbeitet würden, um als Vernichtungsschlag gegen Jeremias Scharwächter benutzt zu werden, und von der Behandlung, die man dem Retter in der Not im Neandertal habe widerfahren lassen, nur weil er in seiner Art so stolz und trotzig gewesen sei wie der Herr Gustav.

»Und nun?« fragte Emilie Wiskotten, die plötzlich aufgehorcht hatte.

»Wir müssen den Ewald aufsuchen. Wir müssen an ihm gutmachen, was die Familie an ihm getan hat. Wenn er der Fabrik geholfen hat, müssen wir doch nun ihm helfen. Und wenn das die Männer vergessen, müssen die Frauen sie beschämen.«

»Kommen Sie«, sagte Emilie Wiskotten rasch, »wir wollen sie beschämen.«

»Ach, Frau Wiskotten!«

In den Augen der Frau war ein sinnendes Leuchten, ein verlorenes Lächeln, das wehe tat.

»Schwache Männer können das nicht vertragen. Aber starke Männer muß man beschämen, wenn sie über uns hinwegsehen. Das habe ich früher auch noch nicht gewußt.«

»Ich habe einen Wagen draußen.«

»Warten Sie. Ich will nur den Kindern gute Nacht sagen. Glauben Sie, daß Ewald krank sein wird?«

»Ich weiß nur, daß er sehr verlassen sein muß.«

»Das ist noch schlimmer. Warten Sie, Anna.«

Als sie zurückkehrte, waren ihre Mienen fest und sicher. Aber ihr Wesen war lebhafter geworden. Als glitte eine geheime Freude hindurch. Schweigend fuhren sie zur Ratingerstraße und stiegen die vier Treppen hinauf.

»Wir wollen nicht anklopfen«, flüsterte Anna Kölsch, »er läßt uns sonst nicht hinein.« Und sie drückte resolut auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Drinnen blieb es still.

Die Frauen sahen sich an. Auf dem Korridor, den eine trübe brennende Petroleumlampe spärlich beleuchtete, herrschte eine dicke, verdorbene Luft, die ihnen das freie Atmen erschwerte. Emilie Wiskotten hielt sich das Taschentuch vor den Mund. Anna Kölsch biß die Zähne zusammen.

»Wir müssen zu seiner Wirtin«, flüsterte sie, und sie rafften die raschelnden Röcke zusammen, um kein Geräusch zu machen.

Die greise Taglöhnerswitwe saß in schmutziger Nachtjacke und zerknitterter Haube, unter der die ungekämmten Haarzotteln hervorkrochen, stumpf bei ihrer Abendmahlzeit.

»Wir möchten zu Herrn Wiskotten ...«

»Tür daneben.«

»Da ist zugeschlossen.«

»Is m'r egal.«

Emilie Wiskotten legte ein Markstück auf den Tisch. »Würden Sie die Freundlichkeit haben, zu sorgen, daß aufgeschlossen wird?«

Die Alte drehte das Markstück herum, schob es in die Tischlade und erhob sich.

»Sie müssen nicht sagen, daß Besuch da ist.«

Die Greisin schlurfte in ihren Filzpantoffeln hinaus. Sie klopfte nebenan. Dann verstärkt.

»Jesses, wat heißt dat? Hat'r mein Streichholzschachtel nich gesehn? Doch, sie is drin. Ich will ens kucke.«

Der Schlüssel schnappte im Schloß herum, die Alte ging hinein. Dicht neben der Tür standen die beiden Frauen. Als die Alte hüstelnd zurückkam, nahmen sie ihr die Tür aus der Hand und traten ein.

»Wer ist da?« fragte aus der Fensterecke heiser eine Stimme.

»Guten Abend, Ewald«, sagte Emilie. »Ich will mal zuerst Licht machen.«

Sie tastete herum und fand auf einer Kiste eine kleine Arbeitslampe.

»Nicht anzünden! Nicht!«

Aber schon drang der rötliche Schein durch das Zimmer. Ewald Wiskotten hatte sich auf seinem Bettsack herumgeworfen. In seinem alten Rock lag er, in eine zerschlissene Wolldecke gewickelt, mit dem Gesicht gegen die Wand und hielt die Augen geschlossen. In dem matten Licht sah seine Nase spitz, sahen seine Backenknochen hochgewölbt aus.

»Verlassen Sie mein Zimmer!«

»Sie? Wer ist denn Sie? Junge, mach mal die Augen auf! Ich bin doch Emilie, deine Schwägerin Emilie.«

Er rückte den Kopf von der Wand und öffnete die Augen. »Anna!« stieß er hervor. Sein Kopf fiel zurück. In ohnmächtigem Grimm blickte er auf die Frauen.

»Nun bitte aber einen freundlicheren Empfang. Wir tun dir nichts.« Und Emilie streckte ihm die Hand hin.

Er stieß die Hand zurück, den Blick auf Anna gerichtet. »Hast du's erreicht mit deinem Spionieren!«

»Schimpf du nur, Ewald«, sagte das Mädchen ruhig. »Hinaus kriegst du mich nun doch nicht mehr.«

»Ich bin hier der Herr!«

»Junge, Junge!« beruhigte Emilie Wiskotten und legte ihm die Hand auf die Stirn. Mit einer frauenhaften, mütterlichen Gebärde. »Du bist krank, Ewald. Da hast du ganz still zu gehorchen.«

»Ich nehm' nichts von der Familie!«

»Wer spricht denn von der Familie? Aber – Leidensgefährten, die – ja siehst du, die müssen sich doch aushelfen.«

Verständnislos starrte er sie an. So kannte er sie ja gar nicht. War das – Gustavs Frau?

»Ja, ja, Junge. Wir sind Leidensgefährten. Das hast du wohl nur nicht gewußt, sonst wärst du wohl zu mir gekommen.«

»Einmal hab' ich gehört – – aber –«

»Nicht daran geglaubt. Ich mach' dir auch keine Vorwürfe. Die Hoffnung hab' ich nicht verloren, und du sollst sie auch nicht verlieren, deshalb bin ich zu dir gekommen. Siehst du, Ewald, mir geht's schlecht, aber dir geht's augenblicklich noch viel schlechter. Da wollen wir zusammenlegen und halbpart machen.«

»Emilie – –«

»Würdest du deine Schwägerin im Stich lassen, Jung'? Wenn alle täten, als – als hätten sie mich vergessen? Du bist doch anders. Du mit deiner Begeisterung. Leute, die wie wir im Unglück sind, können doch nicht kleinlich gegeneinander sein.«

»Nein, Emilie.«

»Hast du Schmerzen?«

Er sah sich unruhig um. »Schmerzen? Gar keine!«

»Also, was fehlt dir? Wir beide brauchen uns doch nicht voreinander zu schämen?«

Seine Kinnbacken bewegten sich hin und her. Und langsam zog eine glühende Röte vom Halse herauf über sein eingefallenes Gesicht. »Anna soll's nicht hören«, murmelte er.

Emilie Wiskotten winkte Anna lächelnd zu, zurückzutreten. Dann beugte sie sich dicht über ihn.

»Nun sprich, Ewald, was hast du?«

Er würgte an den Worten. Sie wollten nicht heraus. Und Emilie spürte die Glut seines Gesichtes wie eine heiße Luftwelle.

»Was hast du?« wiederholte sie ganz leise und mütterlich.

»Hunger!« stieß er hervor und schlug die Hände vors Gesicht.

Das Wort wuchs riesengroß empor, schwankte mit hageren Gliedern durch die Kammer, stieß sich an den leeren Kisten, die das Mobiliar ausmachten, und raschelte mit Rattenzähnen im Stroh des Bettsacks. Anna fühlte es, daß es im Zimmer war. Gesicht und Hände wurden ihr kalt, ihr Atem kroch mühsam aus der Tiefe, ein stummes Weinen saß ihr in der Kehle wie bei Kindern, die sich in der Dunkelheit fürchten. Mit hilfesuchenden Augen schaute sie auf Emilie.

Emilie Wiskottens Hand hatte gezittert. Einen Augenblick nur. Dann steifte sie ihren Körper gegen den Schauer, der ihr durch die Schultern rann. Hunger! Sie hatte auch Hunger. Der da vor ihr gestand es ein.

Sie zwang ihren Blick, ruhig und prüfend zu bleiben. Bis er fast eine kalte Schärfe gewann. So weit also ließen es die Wiskottens mit den Schößlingen kommen, die sich nicht freiwillig dem Stamm fügen wollten. Sie wurden ausgehungert.

»Du bist gerad' wie ein kleiner Junge, Ewald«, sagte sie. »Wenn man Hunger hat, ißt man doch. Aber man legt sich doch nicht hin und zieht sich die Decke über die Ohren. Herrgott, solche Kleinigkeiten!«

Er hielt noch immer die Hände vor den Augen. Aber er horchte verwundert auf. Hatte sie ihn nicht verstanden?

»Ich würd' dich einfach bitten, mit mir zu kommen«, fuhr sie in dem Tone fort, mit dem man selbstverständliche Dinge behandelt. »Aber Tante Josephine, bei der ich wohne, ist so ein altes umständliches Fräulein, wenn sie nicht vorbereitet ist. Weißt du was, wir essen bei dir. Ich deck' den Tisch, und Anna holt ein.«

Er blieb sprachlos. Nur jetzt nicht die wunderliche Stimmung mit einem Wort zerreißen und davonjagen. Alles mit sich geschehen lassen. Als ginge ein Märchen aus seiner Kindheit um ihn herum.

Emilie Wiskotten sprach leise mit Anna Kölsch. »Werden Sie sich nicht fürchten, über die Straße zu gehen?«

»Fürchten? O nein ...« Und die Zähne schlugen ihr aneinander.

»Ich werde unterdes von der Alten ein wenig Feuer in das Ofentrömmelchen tragen lassen. Diese Nacht werden wir kaum fort können.«

Als Anna Kölsch nach einer Viertelstunde mit einer Flasche Portwein, Kakao, Milch, Eiern und Zwiebäcken heimkehrte, war das Öfchen geheizt, die große Kiste vor dem Fenster mit einem Tuch bedeckt und mit zwei Tellern, zwei Tassen und einer kleinen Pfanne bestellt. »Mehr war nicht sauber«, sagte Emilie. »Es muß auch so gehen. Die Alte bringt einen Brief an Tante Josephine, daß ich nicht nach Haus komme. Ich hab' ihr noch eine Mark gegeben.«

»Ich werde Rührei machen, das ist leicht.«

»Geben Sie mir die Portweinflasche. Der Wein soll ihn vorher anregen.«

Anna Kölsch hielt sich im Hintergrund. Ewald sollte von ihrer Anwesenheit so wenig wie möglich verspüren. Sie schob die Pfanne auf das Öfchen, wandte dem Zimmer den Rücken und beschäftigte sich mit dem Gericht. Emilie Wiskotten schenkte einen Tassenkopf voll Wein, beugte sich über den Jungen, der steif ausgestreckt lag, und veranlaßte ihn, zu trinken. »Das ist der Willkommenschluck. Langsam. In ganz kleinen Zügen.« Und er trank ...

Nach wenigen Minuten huschte ein Schatten heran. Anna trug das Pfännchen auf den Tisch und verschwand wieder in ihrer Ecke, aus der nur ihre Augen groß hervorlugten. Emilie Wiskotten füllte einen Teller, steckte einen Zwieback in den Wein und stützte Ewalds mageren Rücken.

»Nun iß.«

Die Augen auf der Wolldecke, aß er langsam und dann hastiger, immer hastiger. Und die letzten Tropfen des Weins tupfte er gierig mit dem Zwieback aus der Tasse. Behutsam bettete Emilie ihn zurück. Ihre Kraft ging zu Ende, wie sein Stolz zu Ende ging.

»Liegst du gut?« fragte sie und meisterte ihre Erregung.

Er gab keine Antwort. Der Wein hatte ihn betäubt. Er war im selben Augenblick, in dem er die Glieder dehnte, eingeschlafen.

Emilie Wiskotten ging auf Fußspitzen durch die Kammer. Anna bewegte sich. Sie tat ihr einen Schritt aus der Ecke entgegen. Ganz fest umschlangen sie sich, als müßte eine die andre stützen, als müßte eine die andre daran hindern, Geräusch zu machen. Und eine weinte an der Schulter der andern. Als wären die Deiche durchbrochen, die alle Tränen im Herzen aufgestaut hätten, weinten die Frau und das Mädchen – –

»Still«, sagte Emilie, »er darf nichts hören.«

»Ich – will nicht – hinsehen.«

»Ach, Anna, ob ich hinsehe oder nicht – –.«

Da preßte das junge Mädchen dicht ihren Körper an Emiliens Brust.

»Frau Wiskotten, der, den Sie meinen, verhungert auch. Er ist nur stärker als der Ewald und hält es länger aus.«

»Ich – ich verhungere!«

»Nein, der Herr Gustav. Ich weiß es ja. Ich sehe ihn ja Tag für Tag. Er zeigt es nur nicht, weil er sich fürchtet, er könnte sich was vergeben. Aber er denkt nur immer an Sie.«

Sie saßen aneinandergeschmiegt auf der Kiste, die Stuhl und Sofa vorstellte. Das Feuer im Öfchen und die Lampe warfen tanzende Scheine durch die leere Kammer. Und die beiden Frauen füllten die Leere um sich her mit Gestalten.

»Hat er von mir gesprochen?«

»Es klingt immer durch, Frau Wiskotten.«

»Sag doch ›Emilie‹. Ich kann dich – leichter fragen.«

»Ja, Emilie.« Das Mädchen preßte sich dichter an sie.

»Und was – was sagt er?«

»Er hätte Sehnsucht nach der Freude. Aber es müßte die Freude sein.«

»Und das sagt er von mir? Nicht – von einer andern?«

»Er kommt ja nur noch zu uns. Sonst lebt er nur für die Fabrik.«

»Wie sieht er aus, Anna?«

»Zu Hause stiller, in der Fabrik strenger.«

»Was macht die Fabrik?«

»Ihr Vater, der Herr Scharwächter, hat sie totmachen wollen. Es ging immer schlimmer. Dann hat der Herr Gustav die Zähne zusammengebissen. Er soll sein ganzes Vermögen drangesetzt haben, sagt der Vater, damit seine Brüder keinen Schaden litten.«

»Der Gustav – –«, sagte Emilie und starrte ins Feuer.

»Und nun haben sie die neuen Muster, die vom Ewald. Damit will Herr Gustav den letzten Schlag gegen Herrn Scharwächter führen. Vater sagt, das hielte er nicht aus.«

»Wer hielte es nicht aus?« fuhr sie auf.

»Der Herr Scharwächter«, sagte das Mädchen ängstlich.

»Ah – – nicht der Gustav«, und sie atmete tief auf und hob den Kopf.

»Ich versteh' – dich nicht.«

»Ich versteh' mich selber nicht. Aber das muß wohl so sein. Ich hab' immer auf meinen Vater gehört, immer, immer! Und meine Angst war bei Gustav. Anna, er darf nicht verlieren!«

»Er wird auch nicht verlieren. Aber der Herr Scharwächter.«

»Sprich doch von Gustav! Hier sieht's ja keiner, daß ich mich schäme. Aber mein Vater, siehst du, mein Vater wäre mir gar nichts mehr, wenn er Gustav unterkriegte. Kein Mensch darf über ihm sein, keiner!«

»Emilie, wenn du ihm das sagtest.«

»Wenn ich allein bin, kann ich es sagen. Diese lange, fürchterliche Einsamkeit. Dann steht man ganz nackt vor sich selbst da. Und sieht sich selbst. Und gesteht sich zu, daß – ach du, daß all der kleinliche Widerstand und die Furcht, der andre könnte uns auch so sehen, im Grunde ja doch nur etwas Künstliches ist. Gerade so, wie die weibliche Schwäche nur dann eine Entwürdigung ist, wenn man daran deutelt und künstelt. Ich hab' es immer getan, und weil ich mir nicht eingestehen wollte, daß ich mich selbst betrog und ihn mit, wurde ich reizbar und verbittert gegen alle Welt. Dann ging ich. Und es war doch nur Zorn über mich selbst, daß ich ihm nicht mehr war. Das erfuhr ich erst in den leeren Tagen und schlaflosen Nächten, und auch, wer der Schuldige war. Denn mich – mich hat – die Trennung – krank gemacht.«

Sie saß mit zusammengeflochtenen Fingern und abwesenden Blicken.

»Wenn du einmal Frau wirst, Anna, wirst du das verstehen. Man weiß ja gar nicht, was man alles an den Mann hängt. Könnt' ich es ihm doch zeigen! Aber dann schäm' ich mich vor mir selber.«

»Emilie, ich würde mich nicht schämen.«

Da sah Emilie Wiskotten das Mädchen, das solche Scham nicht kannte, staunend an, und sie sah an Stelle der Scham die Keuschheit. Ganz still saßen sie beieinander, und die Nacht schritt vor. – –

Und wie aus tiefem Sinnen heraus sagte Emilie Wiskotten – und sie wußten beide nicht, waren Minuten oder waren Stunden vergangen –: »Als du heute abend zu mir kamst, um mich zu holen, da packte mich der Schreck, es könnte Gustav etwas zugestoßen sein, so arg, daß ich fast verrückt wurde. Und als ich hörte, es sei um Ewald, da hätte ich gewünscht, es möchte Gustav sein. Ist das nicht fürchterlich?«

»Emilie, weil du Sehnsucht nach ihm hast. Kranken können wir helfen.« – –

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