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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Es waren grüne Ostern im Wuppertal. Der Neuschnee, der sich auf den rauhen Höhen meist noch einmal einzustellen pflegte, wenn der Kalendermacher Frühlingsanfang verkündet hatte, war ausgeblieben. Durch die Wälder ging ein kaum sichtbares grünes Flimmern. Und wer es nicht sah, ahnte es. Einer erzählte dem andern die große Neuigkeit: auf den Bergen ist Frühling. Keiner, der sich nicht verwunderte und es weitersprach.

Durch den Hochwald, dem Laufe des kristallklaren Murmelbaches folgend, wanderte Gustav Wiskotten. Wenige Menschen nur begegneten ihm. Drunten hatten die Kirchenglocken gerufen, und die Häuser des Herrn waren angefüllt mit der gläubigen Gemeinde. Ihm war es nicht möglich, unter den vielen zu sitzen. Am Sonntag Palmarum hatte er es versucht und mit den Ohren hörend, nicht mit dem Herzen, die Predigt ausgehalten. Der Pastor sprach gut. Das Wuppertal wählte sich nur auserlesene Redner. Aber der Mann sprach doch nur für die Allgemeinheit, für die Schmerzen und Hoffnungen aller, nicht für Einzelfälle. Und hätte er es getan: er hätte doch nicht mehr vermocht, als in seine Seele hineinzuleuchten, nicht aber die Schatten zu bannen. Und hineinleuchten, das konnte er selber besser, dazu brauchte er keinen Fremden von Amts wegen. War ihm doch schon während der Predigt gewesen, als wäre der Redner am Nächstliegenden, der Alltagswelt mit ihren kategorischen Imperativen, vorübergegangen, um in fernen Gärten mit Früchten zu winken, deren Blüte sie nicht gesehen hatten, sie alle nicht, die im Menschenfrühling ihr Bestes glaubten. Wohl, wohl. Eine Erbauung mochte das sein, eine Erlösung war es nicht. Nicht für ihn. Er brauchte stärkere Beschwörungen.

Aus dem braunen, blankpolierten Buschholz schimmerten die weichen Kätzchen. Er schnitt ein Bündelchen ab und prüfte das junge Holz, in das der Saft gestiegen war. Auf einem Mooshügel saß er, vor sich den Wald, hinter sich das weite einsame Plateau des bergischen Landes, und bearbeitete emsig mit dem Schlegel des Messers die braunen Ruten, bis sich die Rinde vom Holze löste und wie eine Schlangenhaut herunterglitt. Jedes Jahr hatte er für seine Kleinen die ersten Flöten geschnitten. Die Ärmchen auf sein Knie gestützt, hatten sie vor ihm gelegen und mit staunenden Augen die Entstehung des Wunderwerks verfolgt, bis es vollendet war, bis der langgezogene plärrende Ton sie in einen Rausch des Entzückens versetzte und der Vater ihnen als der Wundermann der Welt erschien, der da konnte, was er wollte.

Viel hatte er nicht gekonnt. Die Mutter dachte anders als die Kinder. Sie war nicht für Frühlingswunder, die von der Erde stammen.

Den Kopf vorgebeugt, das Flötchen an den Lippen, saß Gustav Wiskotten und blies leise Töne durch den Wald. Er klang wie vorzeiten. Und der Frühling war auch da, und der Saft stieg ins Holz.

Er warf die Spielerei von sich, jäh, als ob er sich die Finger daran verbrannt hätte. »Na, na, na«, beruhigte er sich. »Nimm dich zusammen. Aber diese Luft – diese Luft ist kaum auszuhalten.«

Er sprang auf, sah sich scheu um, ob er unbelauscht geblieben wäre, und schritt dann hastig vom Wege ab quer durch den dichtbestandenen Wald. Hier sah ihn keiner, und keiner sah seine Gedanken. Sein Arm lag um einen Frauenleib, dessen Zucken seine Hand verspürte, an seine Schulter schmiegte sich ein Kopf, und in einer Fülle braunen Haares verfingen sich die Sonnenstrählchen, die durch das Gezweig flirrten, und schufen rotgoldene Flämmchen. Wenn er sie fortküssen wollte, neigte sich der Kopf hintenüber, schelmische Augen blinzelten ihn an, rote Lippen entzogen sich ihm neckisch im Spiele, um ihn plötzlich zu überfallen, ein Losreißen gab's und eine Jagd durch den Wald und eine Beute, die ihm in der Gefangenschaft das Blut noch heißer machte wie bei der Verfolgung. Bis ein lachend Menschenkind mit geschlossenen Augen, auf Gnade und Ungnade, an seinem Halse hing ...

»Emilie – –«

Nein, doch nicht Emilie. Ihr Körper war es, nicht ihre Art. Und weshalb nicht ihre Art? Gehörte sie nicht zu diesem jungen, blühenden Körper? Waren sie schon Spittelleute? Krochen sie bereits auf allen vieren? Wenn die junge Natur ihr brausendes Zueinander hatte, sollte er in seinem Lebenslenz darauf verzichten?

Und herrisch, verlangend schrie er durch den Wald.

»Du! – – –!«

Irgendwoher kam ein Echo – – –

Da ging er aus dem Wald, einen wilden Pulsschlag in sich, und als er in das Tal und unter die Menschen kam, die vom Kirchgang heimströmten, hatte er den festen Gang und das kühlwägende Auge des Fabrikherrn.

Er wußte, der Fabrikherr mußte die Oberhand behalten. Heute mehr denn je.

Zu Hause traf er Anna Kölsch. Sie hatte sein Wohnzimmer mit Sträußen blühender Haselkätzchen geschmückt. Er schaute sie an.

»Wie appetitlich Sie aussehen, Fräulein Anna.«

Sie zeigte ihre Hände.

»Ich habe Ostereier gefärbt. Da sehen Sie's noch. Nennen Sie das appetitlich?«

»Ach, ich mein' ja nicht die Hände, ich mein' das liebe Gesicht, das Ganze.«

Sie versteckte die Hände auf dem Rücken und lachte ihn fröhlich an. Und dann, erst verwundert, erstarrte das Lachen, und in die Augen trat langsam ein seltsames Erschrecken. Gustav Wiskotten hatte den Arm um sie gelegt.

»Anna –«

Ganz steif wurde der Mädchenkörper in seinem Arm. Und nun sah er in ihren Augen das stumme Entsetzen.

Da ließ das tolle Flimmern vor seinen Augen nach. Schwerfällig hob er die Hand und strich ihr mit der ganzen Breite über das erblaßte Gesicht. »Nein, nein, ich fress' dich nicht auf. Ich bin doch nicht der Werwolf. Das ist nur die Freude an dir. Närrchen! Gönnst du sie mir nicht?«

Da wich die Starrheit aus ihren Blicken, die Augen wurden weich, und um ihre Mundwinkel zitterte es.

»Doch, Herr Wiskotten.«

»An andern Menschen erleb' ich keine Freude. Das ist ein verfluchtes Gefühl.«

Sie lehnte wie ein Kind den Kopf gegen seine breite Brust. Von unten herauf sah sie bettelnd zu ihm auf. »Herr Wiskotten –«

»Ja, Kleine –?«

»Rufen Sie Ihre Frau –«

»Anna, das verstehen Sie kleines Mädchen nicht.«

»O doch, ich versteh' es.«

Staunend blickte er in das junge, errötende Gesicht. Und da er nichts zu antworten wußte, streichelte er mechanisch die langen blonden Flechten, die wie eine Krone um ihre Stirn lagen. »Ich versteh' es«, hatte das junge Ding gesagt, das noch nicht zwanzig war, und seine alte Mutter, die die sechzig überschritten hatte, hatte ihn auch verstanden. Trugen denn alle Frauen, jung und alt, heimlich ein Liebesvermögen? Etwas, das sie miteinander verband und sie dennoch befähigte, Licht und Schatten zu verteilen, um einer gerechten Liebe willen. Die sechzig Jahre der Mutter, die rückwärts sahen, sprachen für den Kampf, die zwanzig Mädchenjahre, die vorwärts blickten, für den Frieden. Das Ziel aber war beiden gemeinsam.

»Sagen Sie mal – Anna – haben Sie – eine heimliche Liebe?«

»Davon ist doch nicht die Rede.«

»Es kommt mir aber fast so vor –«

»Rufen Sie Ihre Frau, Herr Wiskotten!«

»Und wenn ich's täte?«

»Dann den Ewald auch!«

»Was? Auch den Ewald?«

»Nun ja«, lachte sie und schlüpfte aus seinem Arm, »es ist doch nur Ihretwegen, damit Sie wieder an Menschen Freude haben.«

»Kleine Anna, da sind Sie sehr falsch berichtet. Der Ewald trotzt nach wie vor, ja noch mehr als früher. Da er bald mündig wird, hat er sich jede Einmischung verbeten. Und meine Frau schreibt mir, daß es den Kindern ausgezeichnet gehe. Von sich kein Wort.«

»Das ist es ja eben.«

»Was ist es?«

»Daß sie von sich nichts schreibt. Sie möchte gewiß, daß Sie kämen und selbst nachsähen.«

»Anna, Sie sind doch noch ein Kindskopf. Das hatt' ich einen Moment vergessen. Tut mir leid.«

»In gewisse Feinheiten können nur Frauen hineinsehen, die sie selbst verspüren. Männer begreifen das nicht so leicht.«

»Nun grüßen Sie mir aber Ihren Vater. Und das schleunigst! Das kommt davon, wenn man sich mit Wickelkindern einläßt. Marsch!«

»Kommen Sie heute abend? Vater liest Mörike. Nein, heute Reuter.«

»Und ob ich komme!«

»Adieu, Herr Wiskotten. Heute ist Auferstehungstag.«

»Adschüs, Dummkopf!« –

Ah, das hatte gut getan. Er reckte die Arme und durchquerte das Zimmer. Das war noch angefüllt von Mädchenlachen. Lachten so Mädchen? Oder lachten so Mädchen mit Frauengefühlen? Und – Frauen mit Mädchengefühlen – –? Das war beinahe dasselbe. Und doch nicht. – Er horchte, als ob er Musik vernähme ... – Das erstere, das war das Suchen nach der Melodie. Das letztere: das Lied.

Mittagstafel war bei den alten Wiskottens angesetzt. Auch Wilhelm und Frau Mabel erschienen. »Herrjeh, Gustav, hast du in der Lotterie gewonnen? Wir können's brauchen.«

»Gute Nachrichten?« fragte Mabel.

»Das eine nicht und das andre nicht.«

»Was hast du nur?« meinte August ärgerlich. »Zum Vergnügtsein ist kaum die Zeit.«

»Nix hab' ich, gar nix. Nur in meiner Wohnung, da ist heut morgen gelacht worden. Oder war es Schwalbengezwitscher? Die streichen ja schon durchs Tal. Möglich, daß mir das in den Kleidern hängengeblieben ist.«

»Der Gustav steht knapp vor dem Verrücktwerden«, erklärte Fritz.

Nur Paul kam heran und schlug ihn auf die Schulter. »Gustav, hast du sie auch gehört? Ja, wahrhaftig, es sind schon Schwalben.«

»Dichterseele«, sagte der Bruder und lachte.

Bei Tisch ging es heute geräuschvoller zu. Man kam in der Unterhaltung an der Geschäftslage, die sich von Tag zu Tag schärfer zuspitzte, nicht vorbei. Obschon man sich Mühe gab, sie nur wie absichtslos zu streifen.

»Heut vor 'm Jahr war noch der Streik«, meinte Frau Wiskotten. »Aber Aufruhr bringt keinen Segen.«

»War das so schlimm wie die Revolution, Papa?« fragte Mabel. Sie schwärmte für den still fröhlichen Mann, und der alte Wiskotten schwärmte für die unbeirrt fröhliche Schwiegertochter. Sie zwinkerte ihm zu. Das hieß: erzähl, sonst kommen die andern mit ihren unendlichen Geschäften.

»Nee, Kindchen«, sagte der alte Wiskotten. »Aber schlimm war auch die Revolution nicht. Ich stand damals als junger Gesell bei einem Meister vorübergehend in Arbeit, der zu den Elberfelder Barrikadenmännern gehörte. Jeden Tag sagte er zu der Frau: ›Mutter, ich muß auf Wache.‹ Oder: ›Mutter, heut hab' ich Patrouille.‹ Oder: ›Ek is Exerzieren angesetzt mit Scharfschießen.‹ Un als dann plötzlich mal Alarm geblasen wurd', da rannt' er durch et ganze Haus und sucht' und sucht' sein Gewehr. ›Herrgott, Wiskotten, lop doch ens schnell tom Hasenklever en de Wirtschaft, ob ek do min Gewehr gestern häw stonn loten, un wenn et do nich is – Deuwel, wo woar ek denn vörgestern – ah so, dann kiek ens en de Wirtschaft vom Krüger em Island noh, ob ek et do vergehten haw.‹ Und et war richtig seit vorgestern beim Krüger im Schirmständer, obwohl de Meister gestern zur Patrouille un heute zum Scharfschießen ausgezogen war. Wenigstens war dat Mutters Meinung ...«

»Wenn et sich um 't Biertrinken handelt, werden Frauen immer hinter 't Licht geführt«, bemerkte Frau Wiskotten.

»Mutter«, sagte der Alte und sah seine Frau gutmütig an, »et gibt auch Ausnahmen darunter, die sich dat nich gefallen lassen.«

»Sind nich die schlechtsten, Vatter.«

»Mein' ich auch.«

Mabel hatte sich die plattdeutschen Wendungen der Erzählung übersetzen lassen. Sie amüsierte sich nachträglich.

»Ich möcht' auch einmal eine Revolution mitmachen.«

»Mutter, Mabel hat Durst«, sagte Gustav Wiskotten. »Sie spielt auf 'ne neue Flasche an.«

»Mabel, wir müssen mal 'ne Bierreise machen«, rief Fritz.

»Eine Inspektionsreise«, verbesserte Paul. »Vielleicht finden wir beim Hasenklever oder beim Krüger im Island auch noch Vatters Gewehr!«

»Es wär' euch besser«, grämelte August, »ihr sorgtet mal zunächst für Schießpulver. Hier habt ihr ein größer Wort als in der Fabrik. Da ist euch das Witzemachen nun vergangen.«

»Uns? Du meinst wohl: dir?«

»Der August kriegt et mit der Angst!«

»Er sieht schon den Sieg der Kirche in Gestalt seines Betbruders Scharwächter.«

»Fang doch en Kompaniegeschäft mit dem Kerl an!«

August Wiskotten sah auf. Seine Augen zogen sich scharf zusammen. »Wenn nicht Ostern wäre, würd' ich dir –«

»Nee, laß lieber. Ich hau' wieder.«

Frau Wiskotten pochte mit dem Zeigefinger auf die Tischkante. »Schämt ihr euch nich? Is dat ein Betragen am heiligen Feiertag? Wo soll da Segen herkommen?«

»Is ja Spaß, Mutter«, beruhigte Gustav. »Aber der August hat nich unrecht. Et Schießpulver wird verdammt knapp.«

Am Tische trat ein langes Schweigen ein. Jeder war mit seinen Gedanken in der Fabrik.

»Wie lang reicht et noch?« fragte Frau Wiskotten. Ihre Stimme war ganz ruhig.

»Wir führen für das Seidenverfahren ein Extrakonto. Wenn der Scharwächter noch drei Monate seine Barverluste aushält, bleibt uns nur noch die Baumwolle wie früher.«

Fritz Wiskotten schlug mit der Hand auf den Tisch. Seine Erfindung tanzte wie eine bunte Seifenblase in der Luft. Aber er sagte kein Wort. Gustav tat ihm leid ...

»Drei Monate!« sagte Frau Wiskotten. »Heut haben wir Ostern. Und der Heiland ist in dreien Tagen gestorben und wieder auferstanden. Wenn er will, kann er an uns auch in drei Monaten ein Auferstehungswunder tun.«

»Jawohl.«

Dann sprach August Wiskotten ein kurzes Dankgebet für Speis und Trank, und man wünschte sich gesegnete Mahlzeit.

»Machen wir keinen Ausflug?« fragte Mabel. »Eine kleine Wagenpartie?«

»Sei nich so leichtsinnig«, verwies sie Frau Wiskotten. »En Taler hat nur dreißig Groschen.«

»Ach, nicht meinetwegen. Die Männer brauchen eine Auffrischung.«

»Sobald wir in der Fabrik Luft schnappen, Mabel«, tröstete Gustav. »Den ersten Tag widmen wir dir. Verlaß dich drauf.«

»Gustav, ich werde an meinen Vater schreiben.«

»Daß du hier unter die Barbaren geraten bist?«

»Daß ich mich unter diesen Barbaren so wohl fühle, daß ich mich revanchieren muß.«

»Wie das?«

»Mein Vater soll dir beispringen, Gustav. Es gibt Menschen, die nur im Überfluß, und Menschen, die nur im Übermut leben können. Du gehörst zu den letzteren.«

»Ist das etwas so Notwendiges?«

»Ja. Denn wir zehren alle davon. Siegesbewußtsein reißt immer mit. Du siehst, es sind ganz egoistische Motive.«

»Hast du Angst um mich?«

»Nein.«

»Danke dir. Das tut besser als deines Vaters Geld. Übermut muß den Glauben der andern hinter sich stehen haben, dann ist er Kraft für alle. Sonst – Leichtsinn eines einzelnen. Und auf den Hund komm' ich nicht.«

Sie schüttelte ihm die Hand. »Du sollst es nur wissen.«

Er nickte ihr zu. Aus einem warmen Kameradschaftsgefühl heraus. Dann ging er heim.

Der Nachmittag wurde ihm nicht lang. Früher, bei Frau und Kindern, hatten die Feiertage kein Ende nehmen wollen. Einer hatte den andern gelangweilt, keiner mit sich und dem andern etwas anzufangen gewußt. Der Unterhaltungsstoff des Tages war bald erledigt, und aus der Langeweile entsprang die leichte Gereiztheit von Menschen, die da fühlen, daß sie sich nicht genug sind und sich mehr sein könnten. Heute war sich Gustav Wiskotten genug.

Er saß im Sofa und las. Bücher aus der Hausbibliothek seines alten Freundes Kölsch. Seit Wochen las er darin, und die Bücher hatten ihn zum Feiertagsmenschen gemacht. Wenn er abends mit dem Werkmeister zusammensaß, strömten ihm Gedanken zu, die fernab von der Fabrik im blauen Äther schwammen, und er hatte eine Freude daran wie an einer sonnenbeschienenen Ferienerholung. Er mußte sie aussprechen und mußte sie ergänzen lassen, und die Vereinigung schuf die Stimmung und die Stimmung eine neue Welt, in der selbst die Arbeitsmenschen ruhten und weiße Gewänder trugen und, wenn sie sich berührten, sich nicht nur mit den Händen, sondern auch mit der Seele umschlangen. Und eines Abends hatte er es sich gesagt: »In meinem Hause und in meiner Ehe haben die Ausgleiche gefehlt. Wie soll das tiefe erwartungsfreudige Gefühl in die Liebe kommen, wenn man wenige Minuten vorher brutal den Arbeitsrock in die Ecke geschleudert hat und nun auf sein Recht pocht? Das Recht auf Liebe ist das Aufgeben aller Rechte zugunsten eines Geschenkes, das uns so jubelnd in die Arme geschoben wird, als hätten wir in der Tat Besitzrechte – –«

Nein, Emilie hatte ihm die Geschenke nicht in die Arme geschoben. Sie war mit ihren Geschenken davongelaufen.

Das war's, über das er nicht hinwegkam. Er war ein betrogener Betrüger. Sie hatte im Hause und außerhalb des Hauses mobil gegen ihn gemacht.

Die Adern traten auf seiner Stirn hervor. Es dunkelte im Zimmer, und er vermochte die Worte auf den Buchseiten nicht mehr zu unterscheiden. »Scharwächter«, las er aus jedem heraus, »Scharwächter – Scharwächter – –«

»Mann, du oder ich! Einer muß dran glauben.«

Die Feiertagsstimmung war verflogen. Was sollten ihm die Romane, in denen die Kämpfe der Weltanschauungen nur auf dem Papiere ausgefochten wurden! Hier gab's einen Kampf der Wirklichkeit. Einen Kampf des gesunden, lebensroten Blutes mit dem schleichenden Duckmäusertum, das den Saft verdarb!

»Ich bin nötiger auf der Welt. Über Augenverdreher verfügt unser Herrgott hüben und drüben zur Genüge, über handfeste Kerle weniger. Das ist auch ein Glaubensbekenntnis, Männeken.«

Er unternahm einen Spaziergang durch die engen Straßen, in denen sich die Menschen in Feiertagskleidern mit steifer Würde aneinander vorüberschoben, als seien sie mehr als am Alltag, ließ sich die frische Luft wohltun und stellte sich pünktlich zur Essensstunde bei Kölsch ein.

»Was gibt's denn?«

»Pannhas. Pur Schinkenknochenfleisch un Buchweizenmehl. Von Anna selber eingekocht. Jetzt brät sie ihn. Fingerdick, wie et sich gehört.«

»Kölsch, ich muß mal ganz arg ausspucken.«

»Haben Sie keine Meinung dafür?«

»Ach wat! Mir läuft bloß so arg et Wasser im Mund zusammen.«

Und dann riefen sie beide nach Anna.

Nach der Mahlzeit steckte Gustav Wiskotten seine Zigarre an, und Kölsch setzte seine Pfeife in Brand. »Reuter?« fragte er schmunzelnd.

»Ja, Herr Kölsch, die Geschichte vom Korl Hawermann. Wissen Sie, dat is wie so 'n fetter Ackerlandduft, der Herz und Seele auf den Damm bringt.«

Korl Hawermann und sein großer Freund Bräsig hatten das Wort. –

Gustav Wiskotten lag, die Zigarre im Mund, die Hände hinter den Kopf geschoben, lang ausgestreckt im Strohsessel, zog die Stirn zusammen, wenn es wehmütig wurde, oder lachte, wenn der Humor über die Stränge schlug, daß er die Zigarre mit den Zähnen halten mußte.

»Nee, nee, nich weiter. Dat Stücksken nochmal!« Und der Leser entzündete sich an der Freude des Hörers. Beide hatten sie die Umwelt vergessen.

Anna Kölsch saß in einer Ecke des Zimmers vor ihrem Arbeitstischchen. Auch sie feierte. Hin und wieder knisterten ein paar Blätter zwischen ihren Fingern, wenn sie umwandte. Sonst war es ganz still um sie her.

Einmal sprach der Vater sie über die Schulter hin an. »Na, Anna? Was machst du?«

»Ich beseh' Bilder.«

»Hören Sie auch zu, Fräulein Anna? Das is ja ein göttlicher Kerl, der Reuter.«

»Ich hör' alles.«

Wieder die Stimme des Vorlesers, ein Räuspern oder ein Auflachen des Hörers und das Knistern der Blätter unter des Mädchens Händen, das langsam in Versunkenheit geriet ...

Plötzlich schrak es auf. Die Männer hatten eine Kraftstelle erwischt. Ihr schallendes Gelächter erschütterte den Raum.

»Gott, bin ich erschrocken!«

Gustav Wiskotten drehte sich um. »Famos, Fräulein Anna!« Er sprang auf und hob die Blätter auf, die ihr vom Schoß gefallen waren. »Einfach zum Radschlagen! Der weiß, was Humor ist! Heulen und lachen möcht' man immer zugleich.«

»Danke«, sagte sie und nahm die Blätter.

»Sie haben wohl ein bißchen geträumt? Waren die Bilder so süß? Was is es denn? ›Erstes Liebessehnen‹? Oder gar 'ne heilige Genoveva mit dem Prinzen Schmerzensreich?«

Da kreuzten sich ihre Blicke.

»Mädelchen«, sagte Gustav Wiskotten, »wenn ich mich über etwas lustig gemacht habe, was Ihnen teuer ist: es war nicht bös gemeint.«

»Sie dürfen es ruhig sehen, Herr Wiskotten.« Aber sie streckte die Blätter doch nur zögernd hin.

Gustav Wiskotten wehrte scherzend ab. Da streifte sein Auge eins der Blätter, und sein Blick spannte sich. »Was ist denn das – für eine sonderbare – Mädchenschwärmerei?«

Nun trat auch der Werkmeister heran. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er blinzelte, als ob er nicht richtig sehe. »Was ist das, Anna? – Wie kommst du dazu – –?«

»Ist es denn so was Wichtiges?«

Der Werkmeister nahm die Blätter, staunte hinein, blickte verdutzt auf Gustav Wiskotten, der sie ihm schnell aus der Hand nahm, und nun blickten sie beide hinein.

»Aber das ist ja – das sind ja –«

»Kölsch, was sagen Sie dazu?«

»Ja, Herr Wiskotten – Sprechen Sie zuerst!«

»Das ist ja unbezahlbar. Das sind ja Entwürfe von einer Pracht der Muster und einer Mannigfaltigkeit der Dessins – sehen Sie mal hier, diese kostbare Bandzeichnung, und hier, diese phantastisch schöne Spitze! Das ist ja eine nagelneue Stilart! Das schmeißt ja alles über den Haufen, was man bisher in dem Genre gehabt hat! Wo sind die Sachen nur her? Wem gehören die Entwürfe?«

»Mir«, sagte Anna. Sie war plötzlich so aufgeregt wie die Männer.

»Ihnen?«

»Dir?«

»Können Sie sie wirklich gebrauchen, Herr Wiskotten?«

»Mädel, stellen Sie nicht so furchtbar dumme Fragen. Sie sind sich der Tragweite ja gar nicht bewußt! Ob ich sie gebrauchen kann! Ich lieg' ja schon seit Wochen wie ein Wegelagerer auf der Lauer und wär' heilfroh gewesen, wenn ich nur die Hälfte von soviel origineller Schönheit erwischt hätt'. Und unterdes ruht hier der ganze Reichtum in der Hand von einem kleinen Mädchen. Ja, wissen Sie denn gar nicht, was das für eine sündhafte Hinterziehung ist? Donnerwetter, lachen Sie nicht!«

»Doch! Doch! Wenn ich mich doch freue!«

»Heraus mit der Sprache! Wem gehören die Musterentwürfe?«

»Ihnen, Herr Wiskotten! Ich schenk' sie Ihnen.«

»Machen Sie keine Scherze! Die Sache ist ernster, als Sie glauben! Sind die Blätter frei? Sind sie der Konkurrenz zugänglich? Mädel, nun sprechen Sie doch ein einziges Mal zusammenhängend.«

»Herr Wiskotten, ja! Die Blätter sind frei. Kein Mensch hat sie gesehen. Ich hab' sie geschenkt erhalten, kürzlich erst, und – und für mich waren sie ein Andenken. Ich habe ja keine Ahnung gehabt, daß sie für Sie von solchem Wert sein können. Und nun freu' ich mich ja wie Sie, ach, noch viel mehr. Und nur Ihnen gehören sie jetzt.«

Gustav Wiskotten warf die Blätter auf den Tisch und faßte das Mädchen bei der Schulter.

»Anna! Was heißt das? Es steht viel auf dem Spiel, besinnen Sie sich. Mir braust es ja im Kopf, als wär' da irgendwo ein Loch hineingeschlagen, und die ganze Dumpfheit könnt' nun hinaus. Ist das wahr? Kann ich die Muster benutzen?«

»Ja, Herr Wiskotten, tausendmal ja!«

Er stieß einen Laut aus. Wie ein Falke, der eine Beute schlägt. Und dann preßte er das Mädchen an sich, daß es in seiner jähen Umarmung aufschrie.

»Sie sind ja wie die Fee im Märchen! Ein Osterengel! Anna, Kind, woher haben Sie die Schätze?«

»Von – von – –«

»Anna, dem Menschen müssen Sie einen Kuß geben.«

»Jetzt sag' ich's nicht.«

»Dann geben Sie ihm also keinen Kuß. Wie heißt der Halunke, der so was verschleudert?«

»Er tut's ja nicht mehr.«

»Was –?«

»Er zeichnet gar keine Muster mehr. Das war nur Spielerei für ihn. Er – er –«

»Wer?«

»Ewald!«

Vor Überraschung ließ er sie los. Hochrot stand sie vor den Männern und strich sich das Haar zurück. Kölsch klopfte ihr auf die Schulter. Seine Augen leuchteten. Sprechen konnte er nicht.

Dann schlug sich Gustav Wiskotten mit den flachen Händen klatschend auf die Schenkel. »Ewald! Ewald!«

»Jetzt wollen Sie wohl die Zeichnungen nicht?« fragte sie angstvoll, und das Blut wich aus den Wangen zurück.

»Und wenn der Mann Beelzebub hieß, Luzifer, Deubelsdreck! Was kauf ich mir für den Namen? Aber Wiskotten – –?« Er tat einen tiefen Atemzug. »Wiskotten is mir lieber – – –!«

Da fiel ihm das Mädchen um den Hals und nach ihm ihrem Vater.

»Jetzt ist alles gut!«

»Nee, jetzt soll's erst gut werden. Kölsch, Mann, alter, treuer Hagen, stehen Sie nicht so väterlich bewegt! Der Wind springt um! Jetzt wollen wir die Segel setzen ...«

»Herr Gustav, wenn wir mit den prachtvollen Nouveautés kommen, unter Musterschutz kommen, da kann Scharwächter zunächst einpacken. Das bricht ihm den Hals.«

»Die soll er uns nachmachen, Kölsch! Jetzt kann er zeigen, ob er Phantasie hat oder bloß Einbildung. Kein Huhn un kein Hahn wird nach seinem alten Kram noch krähen, wenn wir mit den Lockvögeln kommen. Wer kauft Ladenhüter, un wenn er sie halb geschenkt kriegt! Ui, ui, Scharwächter, nu hab' ich dich.«

Er nahm die Blätter auf, eins nach dem andern, hielt sie weit ab, hielt sie dicht vor die Augen, und Kölsch tat es ihm nach.

»Aus den Betten möcht' ich die Jungens trommeln, Kölsch, wenn nicht der Vater seinen Schlaf haben müßt'. Na, morgen! Wär' es schon morgen! Ich freu' mich ja nur, daß – daß Mutter – –«

Der Alte nickte. »Sie hat fest zu Ihnen gestanden.«

»Ja, die Mutter – –«

»Und – Ewald – –?« fragte Anna ganz leise.

Gustav Wiskotten hörte es nicht. Er sah nur die Entwürfe, sah die Färberei dampfen, die Bandstühle hasten, Wilhelm auf der Reise, Orders, die festeren Preisnotierungen – – »Ich muß nach Haus«, sagte er, »ausschlafen. Das wird endlich einmal ein gesegneter Schlaf werden. Und Scharwächter soll an meinem Bett stehen und ihn mir behüten.«

In seinen Augen saß der kalte, wilde Stolz, der sich solange verkrochen gehalten hatte. –

»Gute Nacht, Kölsch! Gute Nacht, Fräulein Anna! Wenn Sie mich einmal nötig haben –«

»Ewald hat Sie nötig.«

»Er soll sich an mich wenden. Ich werd' mich schon um ihn kümmern.«

Kölsch begleitete ihn zur Haustür. Als er zurückkam, rannte ihm Anna in den Arm. Ganz fest schmiegte sie sich hinein.

»Wird's nun gut mit der Fabrik?«

Er sah ihr forschend in die Augen. »Nur deshalb – –?« – –

*

Alle Wiskottens waren versammelt. Auch Mabel war mitgekommen. Wie vor Jahresfrist die Baumwollfitzen, die Fritz Wiskottens Erfindungskunst zeigten, so gingen heute die Blätter von Ewald Wiskotten von Hand zu Hand, die Ernst Kölsch seiner Schwester als Unterhaltung für die Bahnfahrt geschenkt hatte. Aber heute brach kein lärmender Jubel los wie damals. Die Kämpfe des Winters mit ihren schweren Rückschlägen hatten sie stiller gemacht. Dafür glühten die Augen um so heißer.

Wilhelm Wiskotten sprach zuerst. Als der Reisende der Firma, der mit der Kundschaft verkehrte und den Markt aus der Praxis heraus übersah, vermochte er den Wert der neuen Musterkollektion am sichersten einzuschätzen.

»Ich bin bereit, abzureisen, sobald ihr mir eine Musterkarte davon in die Hand gebt. Ich garantiere das größte Geschäft, das ich je gemacht habe.«

»Zu Preisen, an denen wir uns erholen können?«

»Zu Preisen, wie wir sie ansetzen. Das müssen die Leute kaufen. Es wird das Feldgeschrei der Mode werden.«

Frau Wiskotten legte auf der Tischplatte die Hände zusammen. Sie schaute auf ihren Ältesten. Ohne zu sprechen, saß sie und blickte ihn an, bis er es fühlte. Er hob den Kopf und wandte ihn langsam nach ihr. Da glitt ein rätselhaftes Mutterlächeln über ihre harten Züge. – –

»Ich werde heute noch Brinkmann aufsuchen«, sagte Gustav Wiskotten. »Keine Stunde darf verloren werden, denn jede kostet uns Geld. Er muß den Festtag opfern und sofort damit beginnen, die Muster einzurichten, damit nach den Zeichnungen sofort die Karten für den Bandstuhl geschlagen werden können. Das muß er in ein paar Tagen zwingen, und wenn er sich Hilfe nehmen soll. Was fertig ist, wird sofort zum Musterschutz angemeldet. Dann – dann wird's lustig. Ich kann's kaum abwarten.«

Nun sprachen sie alle durcheinander.

Gustav Wiskotten nahm seinen Hut. »Heute abend trinken wir einen.«

»Nein, heute nachmittag die Wagenfahrt«, bat Mabel. »Du hast es mir versprochen. Und es ist gut, wenn ihr vor der Schlacht erst Luft schöpft. Das verkürzt die Wartezeit.«

»Heute geht's nicht, Mabel. Ich muß zu Brinkmann.«

»Nun denn morgen. Morgen nachmittag. Du verzappelst ja sonst in der Fabrik. Ein Mann, ein Wort, Gustav!«

»Na, meinetwegen. Ich stürm' ja doch sonst jede Stunde dem Brinkmann in die Musterstube. Morgen bin ich wahrhaftig überflüssig. Wohin soll's gehen?«

»Ins Neandertal, wo die vorsintflutlichen Menschen wohnten. Das ist morgen die richtige Umgebung für dich.«

»Nimm dich in acht, du Spötterin!«

»Ich fahr' mit«, erklärte Fritz Wiskotten, »ich hab's verdient. Nix wie Ärger hab' ich bisher von meiner Erfindung gehabt.«

»Paul muß mir morgen bei den Kalkulationen helfen«, bestimmte August, bevor auch der sich melden konnte.

»Na, tröst dich, Paul. August nimmt dich dafür Mittwoch mit in den Jungfrauenverein.«

»Albernes Geschwätz!«

»Sei gut, August!«

Dann waren die alten Wiskottens allein. Sie saßen sich an dem langen Tisch gegenüber, der vor die Fenster gerückt war, und blickten hinaus.

»Mutter ...«

»Ja, Vatter?«

»Dat hat unser Ewald gezeichnet ...«

»Ja, Vatter, dat hat der liebe Gott wohl so gewollt.«

Der Alte lächelte in sich hinein. Es mußte eben jeder seinen Weg gehen. Er baute mehr auf die Wiskottensche Art. – –

Am nächsten Mittag fuhren Gustav, Wilhelm und Fritz Wiskotten mit Mabel über Mettmann ins Neandertal. Der Landauer war bequem und der Tag sonnig wie die Stimmung.

»Bist doch eine Prachtfrau, Mabel. Ich würd' jetzt in der Fabrik verzappeln. Und beschleunigen könnt' ich doch nix. Ah, tut die Luft gut!«

»Mabel, das Reitpferd, das ich dir versprach, nimmt jetzt schon greifbarere Form an. Sorg nur, daß der Wilhelm tüchtig verkauft. An dem liegt's.«

»Werd' mit den Inglischmen schon deutsch sprechen, Mabel. Was meinst du, Frau!«

Sie dehnte im Wohlgefühl heimlich die Arme. Dieser Schlag Männer sagte ihr zu. Das war Lebenstemperament.

Auf den Feldern arbeiteten die Landleute. Aus den Gehöften schrien aufjauchzende Kinder sie an und hängten sich eine Wegstrecke an den Wagen. Die Hügel rückten heran, links und rechts säumte der Wald ihren Pfad, dann wurde der Blick wieder frei, lang streckte sich die Chaussee, und drüben winkten die Felsbildungen des Neandertals.

»Heute früh habe ich von Mutter eine Predigt bekommen«, erzählte Mabel, und sie machte ernsthafte Augen. »Als ich ihr sagte, hier wären Schädel von Menschen gefunden worden, deren Alter nicht nach Jahren, sondern nach Zehntausenden von Jahren berechnet werden könnte. Der älteste Mensch, sagt Mutter, sei Adam, und der wäre vor fünftausendneunhundert Jahren geboren. Es sei sehr traurig, daß ich das nicht aus der Bibel wüßte, sagt Mutter.«

Die Brüder lachten. Dann bog Gustav Wiskotten den Oberkörper über den Wagenschlag und spähte scharf aus.

»Was hast du entdeckt, Gustav?«

»Mir war doch einen Augenblick so – – Aber das is doch Unsinn – nee, doch! Schaut mal da! Sakrament, da, unter den Chausseearbeitern! Der mit der Karre, der Erde fährt! Habt ihr ihn? Ist das nicht – Ewald?«

»Biste verrückt?« Die Brüder waren aufgefahren. Auch Mabel. Aufrecht standen sie in dem Landauer, der sich rasch der Arbeiterkolonne näherte.

»Halten Sie mal an.«

Gustav Wiskotten stieg aus. Ohne Zögern schritt er durch die Reihe der arbeitenden Leute hindurch, die ihm finster nachsahen. Jetzt hatte er den jungen Menschen mit der Karre erreicht. Er legte ihm hart die Hand auf die Schulter. »Ewald!«

Der warf den Zugriemen ab und wandte sich blitzschnell um. Erregt blickte er auf den Bruder. Dann schwand die Schamröte, die ihm jäh ins Gesicht geschlagen war, er preßte die Lippen aufeinander, und sein Blick wurde feindselig.

»Was soll das da?« Gustav Wiskotten stieß mit dem Fuß nach der Schiebkarre.

»Geht's dich was an?«

»Hoho! Auf dem Ton pfeifen wir nicht! Was soll das heißen, daß du dich unter dem zusammengewürfelten Volk herumtreibst? Wie?«

»Du siehst es ja. Ich arbeite.«

»Du hast wohl vergessen, was du dem Namen Wiskotten schuldig bist! Hast du den Verstand verloren? Da bin ich ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Marsch, mit!«

»Ich hab' dich nicht gerufen. Stör mich hier nicht, oder ich ruf den Wegeaufseher.«

»Was –? Renitent willst du sein?« Gustav Wiskotten packte ihn mit eisernem Griff vorn bei der Jacke. »Dreh dich mal um. Siehst du den Wagen? Fritz sitzt drin und Wilhelm mit seiner Frau. Die wird Freud' haben, ihren jüngsten Schwager begrüßen zu können.«

Ewald Wiskotten zitterte. Er hatte die Dame bemerkt. »Los«, stieß er hervor, »auf der Stelle los! Ich geh' nicht mit. Willst du mich loslassen? Hilfe! Leute! Hierher! Zu Hilfe – –!«

Die Chausseearbeiter liefen mit den Schippen herbei. »Loten Sie den Mann los!«

»Ek well önk den Deubel donn! Dä geht mit! Vorwärts!«

»Ich hab' nix mit ihm zu schaffen! Der will mir das Recht auf Arbeit wehren! Sind wir hier solidarisch oder nicht?«

»Hände weg von dem Mann! Aber wat plötzlich!«

Schippenstiele fuchtelten vor Gustav Wiskottens Augen. Aber er hielt fest. Da flog ihm eine Schippe Erde ins Gesicht. Er ließ los und wischte sich die Stirn. Neue Schippen Erde flogen heran, Knüttel wurden geschwungen, dreißig Stimmen heulten um ihn her. Mitten in den Knäuel griff er, um sich Bahn zu machen. Wilhelm und Fritz sprangen über den Wagenschlag und stürzten herbei. Ein Wutgeheul empfing sie, Erdklumpen, Steine. Aber sie rissen den Bruder aus dem Knäuel und zum Wagen hin. Wie eine Lawine die Schar der Arbeiter hinter ihnen her, alle Leidenschaften urplötzlich entfesselt. Unter ihnen Ewald Wiskotten wie in einem Rausch. Die Brüder erreichten den Wagen. Mabel stand hoch aufgerichtet und hielt das Lorgnon vor die Augen. Das reizte den Haufen zum Äußersten.

»Dat Frauenzimmer 'rut! Dat Frauenzimmer!«

Gustav Wiskotten kletterte auf den Bock. Er riß dem schlotternden Kutscher Zügel und Peitsche aus der Hand. Mitten durch den auseinanderstiebenden Haufen ließ er die Gäule gehen, und links und rechts hieb er mit der Peitsche hinein. Hinter dem davonsausenden Landauer flogen Flüche und Steine – –

»Was war das?« fragte Mabel erstaunt.

»Oh – oh – –« Gustav Wiskotten würgte an den Worten – »nur eine kleine Ovation, die dein jüngster Schwager dir darbrachte.«

»Was seid ihr Wiskottens für amüsante Menschen ...« – –

Der Chausseearbeiterhaufen hatte sich beruhigt. Der Aufseher ließ sich Bericht erstatten. »Das waren Ihre Brüder?« fragte er. Spöttisch blickte der Haufe auf Ewald Wiskotten und rückte, ausspuckend, von ihm ab. »Mak schnell, dat du no Hus kömm's!«

Ewald Wiskotten sah sie entgeistert an. »Gehen Sie schon«, sagte der Aufseher finster, »Sie gehören nicht hierher!«

Da ging er wortlos. »Sie gehören nicht hierher!« Wohin gehörte er denn eigentlich? Nicht hierhin, nicht dorthin. Er fror. Seine Knie wurden müd. Schwankend zog er die stundenweit sich dehnende Straße nach Düsseldorf, ohne Begleitung. Und verkroch sich wie ein geschlagenes Tier in seinen Winkel. – –

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