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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
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Zweites Buch

1

Die steilen Straßen hinab, die von den Berglehnen zur Wupper führten, sausten die kleinen Handschlitten über den frisch gefallenen Schnee. Die Knaben, die das Lenkseil in derbgestrickten Fäustlingen führten und an Wegbiegungen kunstgerecht die Hacken in den Schnee schlugen, hatten die Mädchen auf den Schoß genommen und dünkten sich Ritter und Helden. Abenteuer wurden erfunden, kühne Rufe flogen mit dem Wind: »Platz! Platz! Huhu! Hoho!«, und es beschwerte den stürmenden Knabengeist wenig, wenn ein tückischer Stein unter der weißen Decke den Schlitten mitsamt seiner süßen Last kopfüber warf. Die Röcke wurden geschüttelt, die Hosen geklopft, aufgesessen und mit Heidi weiter mit der wilden Jagd! Schneemänner standen vor den Häusern Posten, Schneeballen flogen gegen die lachend sich wehrenden Fabrikmädchen, und auf den glatten Bürgersteigen, auf denen die nichtsnutzige Jugend Eisbahnen angelegt hatte, rutschten würdige Bürger voll Angst und Zorn. Dann wanderten von Haus zu Haus die Polizeidiener und forderten in dienstlichem Tone zum Aschestreuen auf. Und der Schnee tanzte in der Luft, der frühe Mond schien, und die Stadt war voll von Winterjauchzen.

Zum Nikolausfest waren von wundergläubigen Kindern die Schuhe aufs Fensterbrett gestellt worden, damit der getreue Knecht des Christkindes sie nicht bei der Verteilung der Gaben übersehen möchte; in den Auslagen der Bäcker erschienen als Weihnachtswaren das duftende Spekulatius und die mürben Weckmänner, Klaskerle genannt, mit der eingebackenen holländischen Tonpfeife, von den begehrlichen Blicken der Knaben umschmeichelt; die Spielwarenläden eröffneten ihre Ausstellungen, und in den Hinterstuben der Häuser arbeiteten emsig und geheimnisvoll Laubsäge und Straminnadel der weihnachtsseligen Jugend. Und das Weihnachtsmärchen kam mit seinen lichtübersäten Tannenbäumen, seinen feierlichen Liedern, seiner stillen Wehmut für die Alten und der lauten Lust für die Jungen. Dann läuteten die Silvesterglocken durchs Tal, in den Kirchen saßen dichtgedrängt arm und reich in der letzten Nacht des Jahres, Punschduft zog durch die Häuser, und am Neujahrstag trabten wiederum die Kinderscharen durch die Straßen, um bei Freunden und Verwandten gegen Glückwünsche Neujahrsplätzchen einzutauschen. Der harte Frost wechselte mit Tauwetter, die Fabrikschlote rauchten wie immer, der Adventszauber war erloschen, und die nüchterne Epiphaniaszeit brachte die Werktagsarbeit zurück.

Für die Wiskottens war die Weihnachtszeit vorübergegangen wie alltägliche Zeit. Wohl hatte man sich zur Bescherung bei den Eltern versammelt, doch es waren Lücken in der Reihe, und keiner wollte sie bemerken. Man tat, als dächte man nicht nach über das Fehlen von Emilie und den Kindern, über den verlassenen Platz Ewalds. Man sprach um so mehr von Wilhelm, der, von Fritz begleitet, zur Hochzeit nach London gefahren war. Aber auch dieses Thema reichte nicht für den ganzen Abend aus. Und von den Hoffnungen und Befürchtungen für die Fabrik wollte man am Festabend nicht reden. Mit ernsten Augen sah einer am anderen vorüber, mit ernsten Augen trennte man sich.

Gustav Wiskotten suchte gleich nach der Bescherung seine Wohnung auf. Er fand einen Brief seiner Frau vor, der ihm mit allen seinen frommen Wünschen wenig besagte, und ein paar kindliche Handarbeiten seiner Kleinen. Er nahm sie auf, legte sie wieder hin, nahm sie nochmals auf und behielt sie in der Hand, bis er zu Bett ging. Er dachte an die Kiste Spielzeug, die er nach Düsseldorf geschickt hatte. Als Eilsendung am letzten Tage. Denn er hatte auf etwas gewartet mit erregten Pulsschlägen und, wenn er aus der Fabrik kam, im Hausflur aufgehorcht ... Aber das Erwartete war nicht gekommen.

»Sie bleibt bei ihrem Trotz. Wenn ich nachgebe, kann ich quittieren. Und ich will mich nicht bei lebendigem Leibe begraben lassen!«

Er schlief einen unruhigen Schlaf, und Anna Kölsch, die täglich in der Frühe kam, um die kleine Wirtschaft zu besorgen, erschrak vor seinem Aussehen.

»Herr Wiskotten – –«, sagte sie mit feuchten Augen.

»Mädel! Was denn? Sie wollen doch nicht flennen? Liegt gar kein Grund vor. Aber auch gar keiner.«

»Vater läßt fragen, ob Sie einen der Festtage bei uns zubringen wollen.«

»Danke, Anna. Aber ich hab' mich jetzt schon so daran gewöhnt, bei den Eltern zu essen. Ich brauch' da nicht viel zu reden, und keiner nimmt's mir übel. Und dann wollte ich auch einen Marsch in die verschneiten Berge machen. Sagen Sie Vater, ich käme ein andermal, nächste Woche vielleicht, im neuen Jahr.«

Das Mädchen nickte ihm zu.

»Ja, Herr Wiskotten, aber Wort halten!«

Und an den Nachmittagen beider Festtage war Gustav Wiskotten allein hinausgewandert, über die einsame, weiße Landstraße, neben der müde und wasserarm die schwarze Wupper dahinzog, zu den einsamen Bergen und den weißbestäubten Wäldern, bis er im Grund die neuerrichtete Hammerschmiede fand. Und jedesmal hatte er sich gefreut, den Eichenklotz, dem nicht Stahl noch Flamme ans Innere zu greifen vermochten, wuchtend und selbstsicher an seiner alten Feuerstelle zu sehen.

In der Neujahrswoche war Wilhelm mit seiner jungen Frau heimgekehrt. Über der Stadt, wo naturfreudiger Bürgersinn aus dem anrückenden Wald gepflegte Anlagen geschaffen hatte, hob sich ihr villenartiges Haus. Gustav Wiskotten war diesmal beim Empfang nicht zugegen gewesen. Ein paar Tage später machte er seinen Besuch. Er traf Mabel allein.

»Lieber Gustav – –.« Sie nahm seine Hände und hielt sie in den ihren.

»Ist das alles?« lachte er. »Bin ich keinen schwägerlichen Kuß mehr wert?«

Sie küßte ihn herzlich und sah ihn lange an.

»Mein Kuß hat dir damals kein Glück gebracht ...«

»Woher weißt du das? Ich behaupte das Gegenteil.«

»Iß das nicht Ironie?«

»Du darfst deine ängstliche Seele beruhigen, Mabel. Es ist nicht Scherz, es ist mein Ernst.«

Sie saßen sich gegenüber, und die junge Frau blickte sinnend durch das Fenster, weit hinaus in das beschneite Tal.

»Schau, Gustav, der gute Ton verlangt, daß man an gewisse Dinge nicht rührt, daß man sich den Anschein gibt, als wäre, auch zu Zeiten schwerer Seelenkämpfe, alles beim andern in bester Ordnung. Gustav –« – sie blickte ihn voll an – »ich halte nichts von diesem guten Ton, ich halte ihn für barbarisch. Wenn's beim Nachbar brennt, helfen wir doch auch beim Löschen.«

»Das ist wahr«, sagte Gustav Wiskotten.

»Sieh, und zuweilen ist es schon eine Art Löschen, wenn man dem Nachbar nur zeigt: ich bin bereit, ich helf'. Das tut dem Manne gut, auch wenn es nur ein Eimer Wasser ist, den man herbeischleppt.«

»Und was verstehst du unter dieser Hilfe – mir gegenüber?«

»Herzhaft an die Wunde herantreten. Nicht tun, als ob man sie nicht sähe. Sprich mit mir und laß mich mit dir sprechen. Ich bin jetzt eine Wiskotten, und die Wiskottens sind eins! Das ist doch auch mein Stolz.«

»Gib mir mal die Hand, Mabel. Donnerwetter, das spürt man. Du bist ein couragiertes Frauenzimmer und trägst das Herz auf dem rechten Fleck. Aber der Kuß damals war kein Unglückskuß. Er hat mir doch Glück gebracht. Still. Laß mich reden. Der Kuß war eine Erlösung. Von einer ganzen langen Reihe von Widerwärtigkeiten, die mir nicht die Arbeitskraft, die mir aber die Lebensfreude untergraben hatten. Und ich wäre sicherlich in das Dunkel hinabgestürzt und da liegengeblieben, schwerfällig, wie ich einmal bin, und auch müde von dem vergeblichen Kampf mit Emilie, in ihr das frohe, am Manne Wunder tuende Weib zu wecken, wenn – siehst du, das braucht dich nicht zu beschämen – wenn du damals nicht gekommen wärst und hätt'st mir gezeigt, wie es sein könnte.«

»Also bin ich doch schuld?«

»Schuld? Mabel, und über das Wort bist du nicht gestolpert? Na ja, jetzt lachst du! Schuld bist du, daß ein Kerl wie ich sich nicht vor sich selber schämen muß, wenn er – hm – also das ist jetzt vorbei. Und das dank' ich dir. Ganz ehrlich. Du hast mich davor bewahrt, daß ich mir selbst lächerlich werde. Herrgott, Herrgott, hier drinnen brennt's. Aber ich will doch lieber den Brand ertragen, als – – frieren.«

»Gustav!« Sie stand auf und ging wie in Gedanken bis zur Tür.

»Ja –?«

»Ich bin auch eine verheiratete Frau. Aber wenn ich mit Wilhelm einmal uneins sein sollte –«

»Was würdest du tun?«

Sie schloß die Augen und bog den Kopf zurück. »Sehnsüchtig darauf warten würde ich, daß er der Stärkere bliebe. Das würde ich tun! Das ist – Frauenliebe!« Sie kehrte zurück und reichte ihm die Hand. »Laß dich nicht unterkriegen, Schwager! Es wäre schade für dich und – – für Emilie!«

*

Die neue Färberei qualmte mit der alten um die Wette, die Bandstühle, um eine Reihe vermehrt, ratterten vom Morgen bis in den Abend. Und doch wurden die Gesichter der jungen Fabrikherren nicht froh, und um den Mund der alten Frau Wiskotten gruben die Falten sich tiefer. Die Hypothek an Emiliens Vater war zurückgezahlt. Ohne weiteres war Mabel mit ihrer Mitgift eingesprungen. Die neue Erfindung von Fritz, der Baumwolle im Farbband das Aussehen und den Glanz der Seide zu verleihen, hatte sich in der Praxis über Erwarten bewährt. Das fertige Fabrikat an bunten Bändern und schwarzen Spitzen schlug jede Konkurrenz durch seine Billigkeit. Und dennoch kamen die Aufträge spärlich, dennoch gelang es nicht, in die neue Kundschaft einzudringen, und das Lager füllte sich mit Warenbeständen. Was nutzten da die sechshundert Pferdekräfte der Maschinen, was der Fleiß der Arbeiter, was der wagemutige Geschäftssinn der Fabrikherren? Überproduktion. Im Februar, als Wilhelm Wiskotten von einer wenig ergiebigen Geschäftsreise zurückkehrte, lastete das Wort wie ein Alb auf den Gemütern.

Frau Wiskotten saß mit ihren Söhnen im Privatkontor. Feierabendstille lagerte über der Fabrik. Die Brüder waren mit der Mutter allein.

»Schieß los, Wilhelm«, sagte Gustav Wiskotten, »aus deinen Orders war nicht viel zu ersehen.«

»Ihr könnt mir glauben, daß ich mir alle Mühe gegeben habe.«

»Selbstverständlich. Weiter!«

»Die ganze Kundschaft des alten Scharwächter hab' ich durchgenommen. Und überall – dasselbe. Man sah die Musterkarten ein, man prüfte, man lobte, und man fragte nach den Preisen.«

»Nu? Un dann? Standen die Kerls dann nich Kopp?«

»Nee, aber ich!«

Die Brüder starrten ihn an. »Unmöglich. Zu teuer? Die wollen wohl für den Preis obendrein reine Seide?«

»Ja, das wollen sie.«

»Mach keine Witze. Die Sache ist zu ernst. Also was wollen sie?!«

»Ja doch. Reine Seide zu demselben Preis.«

»Bist du verrückt? Dat kann ja nich mal der Scharwächter mit seinem Ramsch.«

»Und gerade der Scharwächter tut's.«

»Mein Schwiegervater –?«

»Dein Schwiegervater. Firma: Jeremias Scharwächter. Ich habe mich mit eignen Augen überzeugt.«

August Wiskotten stellte still vor sich hin eine Kalkulation auf. Jetzt reichte er sie herum. »Wenn Scharwächter zu dem Preis verkauft, tut er's zum Selbstkostenpreis. Am Geschäft kann ihm also nichts gelegen sein.«

»Er will uns Schwierigkeiten machen«, meinte Fritz, der Erfinder, finster. »Er will uns ärgern und herausgraulen.«

»Nee«, sagte Frau Wiskotten, »er will uns kaputt machen.«

Gustav Wiskotten ging im Zimmer auf und ab. Am Fenster blieb er stehen und warf einen langen Blick über den Fabrikhof und die Gebäude ... Dann wandte er sich um.

»Die Sache geht mich an«, begann er, »mich ganz allein. Das liegt doch wohl auf der Hand. Hätte ich die Geschichte mit Emilie nicht gehabt, wären wir längst über den Berg. So aber gilt jeder Schlag, den der alte Scharwächter gegen uns führt, mir, mir persönlich. Oder zweifelt einer daran?«

Die Brüder sahen stumm vor sich hin.

»Also daran zweifelt keiner. Ja, dann glaubt ihr doch wohl auch nicht, daß ich euch die Kastanien aus dem Feuer holen lasse? Daß ich für das, was ich eingerührt habe, euch bluten lasse? Nee, Jungens, ein bißchen Stolz könnt ihr bei euerm Gustav doch noch voraussetzen.«

»Wat soll dat heißen?« fragte Frau Wiskotten, und ihr Blick hing gespannt an ihrem Ältesten.

»Dat soll zweierlei heißen, Mutter. Erstens, daß wir uns von dem Mucker nich an die Wand drücken lassen. Jetzt gerad' nich. Und wenn's mein Letztes kostet. Und zweitens, daß ich wiederhole: wenn's mein Letztes kostet. Nicht das eure. Hab' ich euch in die Tinte geritten, so hab' ich euch wieder herauszuziehen. Das will ich. Bitte, da gibt's gar keinen Widerspruch. Ich weiß, was ich rede. Und nun hört mal genau zu. Hier handelt es sich jetzt darum, wer den längsten Atem hat. Der Scharwächter oder wir. Für mich« – seine Augen funkelten – »ist die Sache jetzt eine Ehrensache. Der Scharwächter unterbietet uns, um uns kaputt zu machen. Ob er ein Jahr oder zwei zum Selbstkostenpreis hergibt und nichts verdient, tut ihm nichts. Aber nichts verdienen oder – verlieren, das ist ein Unterschied. Und er soll verlieren! Er unterbietet uns. Gut. Von heute an werden wir ihn unterbieten.«

»Gustav! Bist du bei Sinnen? Das kann die Fabrik ja gar nicht ertragen!«

Die Stimmen der Brüder schwirrten aufgeregt durcheinander.

»Die Fabrik soll's auch gar nicht tragen. Ich will's tragen.«

»Du – –?«

»Ja, ich. August wird feststellen, wie hoch sich mein Anteil an der Fabrik beziffert, einschließlich dessen, was von den Eltern an mich fällt. Diese Summe verpfände ich euch. Wilhelm, der durch seine Heirat über Barmittel verfügt, wird so freundlich sein, den Gegenwert für meinen Anteil in bar der Kasse zur Verfügung zu stellen. Bin ich eines Tages in der Lage, wenn wir die Schwierigkeiten überstanden haben und die Fabrikation sich gehoben hat, die Differenz zurückzuzahlen, so trete ich wieder mit allen Rechten ein. Ist die Summe verloren, so fällt mein Anteil an Wilhelm, mit dem ihr euch auseinandersetzen könnt, und ich trete definitiv – aus.«

Stille herrschte. Die Mienen der jungen, energischen Geschäftsleute waren ernst.

Dann sagte Frau Wiskotten ruhig: »Gustav hat recht.«

Der nickte ihr bloß zu.

Wilhelm wollte widersprechen. Auch die andern verlangten, Protest einzulegen. Aber die alte Frau sah sich kühl im Kreise um. »Gustav hat recht! Hier heißt et: entweder – oder! Einen kann et treffen. Die Fabrik nich!«

Da erklärten sie sich einverstanden. Und kein billiges Trostwort griff Platz.

Gustav Wiskotten atmete tief auf. Kalter, wilder Stolz stand in seinen Augen. Nun war er der Herr seines Schicksals. Und wenn nur auf Monate: er war der Herr! Jeremias Scharwächter sollte es verspüren. Und durch ihn – Emilie – –.

Er griff nach seiner Mütze, grüßte kurz und ging hinaus. Und wohl eine Stunde lang umkreiste er in der Dunkelheit die Gebäude der Fabrik ...

Vierzehn Tage darauf trat Wilhelm Wiskotten eine neue Reise an. Er fuhr nach Berlin, zu den Grossisten, und von dort, ohne erst nach Barmen zurückzukehren, nach London, um auf der Heimreise Paris zu berühren. Er hatte strikten Auftrag, überall, wo er der Konkurrenz Scharwächters begegnete, die Preise zu drücken und Orders zu jeder Notierung entgegenzunehmen.

Mit verhaltener Spannung wartete man daheim. Dann kamen die ersten Berichte. Orders lagen nicht bei oder nur in kleinen Posten. Und doch las Gustav Wiskotten die Briefe mit grimmiger Freude. Wilhelm schrieb, daß die Berliner Kundschaft bereits ihren Bedarf bei Scharwächter gedeckt hätte, daß er aber; als er die Preise erfahren, nur ruhig sein Bedauern geäußert hätte mit dem Bemerken, daß er ihnen das um so viel schönere patentierte Wiskottensche Fabrikat heute um ein Drittel billiger angestellt haben würde, als sie bei Scharwächter eingekauft hätten. Von der Kundschaft sei alsdann umgehend an Scharwächter geschrieben worden, der, um sich das Absatzgebiet zu erhalten, nach allerlei Ausflüchten zum Entschluß getrieben worden sei, in eine nachträgliche Preisreduktion zu willigen. Das bedeute für Scharwächter das Zusetzen baren Geldes und somit einen beträchtlichen Verlust, den er von Tag zu Tag zu steigern bemüht bleiben würde.

»Bar Geld wegschenken – das geht ihm an die Nieren.«

Die Berichte von London lauteten ähnlich, aber ein großes Paket Orderzettel lag bei. Die geschäftskundigen Engländer witterten den Kampf und gedachten, sich die Chance auf keiner von beiden Seiten entgehen zu lassen. Sie zwangen Jeremias Scharwächter unter Hinweis auf eine Lockerung der Geschäftsbeziehungen, ihnen die Differenz zwischen den Preisen der Wiskottens und den seinen mit einem ausgleichenden Betrag gutzuschreiben, und schlossen gleichzeitig mit Wilhelm Wiskotten für größere Warenposten ab.

Gustav Wiskotten lachte. »Geriebene Gauner, die Inglischmen. Aber nu kommt doch Leben in die Bude.«

Und lebendig wurde es in der Fabrik. Seit langer Zeit wieder keuchten beide Dampfmaschinen vereint, klapperten die Färberknüppel in beiden Färbereien, begannen die neuen Bandstühle, die wieder stillgesetzt waren, mit den alten gemeinsam die hölzernen Arme zu recken, die Garne durch die Karten zu schlagen und Band zu speien. Die Haspelmädchen wagten nicht mehr, sich Liebesgeschichten zuzuflüstern, in den Packstuben regnete es Flüche und Rippenstöße.

»Kölsch«, sagte Gustav Wiskotten zu dem alten Werkmeister, »der Mensch muß seinen Spaß haben.«

»Wie lang, Herr Wiskotten?«

»Bis Matthäi am letzten.«

»Wann wird das sein?«

Der Fabrikherr zuckte die Achseln. »Haben Sie was von – von Scharwächter gehört?«

»Er soll herumgehen blaß wie ein Leintuch.«

»Kölsch, da wollen wir sorgen, daß er gelb wird.«

»Er is zäh Leder, Herr Wiskotten.«

»Bin ja auch nich von Pappe. Da, schauen Sie mal, die ganzen Lagerbestände ausgeräumt.«

»Aber hat nix eingebracht.«

»Nix eingebracht? Drehen Sie sich mal auf dem Absatz um, rundum! Alles is in Bewegung, alles an der Arbeit. Wohin Sie sehen, Tätigkeit und Freude! Ist das vielleicht gar nix? Ist das nicht zehntausendmal mehr als das Herumschleichen un Faulenzen in den letzten Monaten? Und wenn nix andres dabei herausspringt als der Rausch dieser Arbeitswochen! Himmeldonnerwetter, man weiß doch wieder, daß man lebt.«

»Gott sei Dank, Herr Wiskotten. So hab' ich Sie lang' nicht sprechen gehört.«

»Is ne eigne Art mit dem Fidelsein, Kölsch. Bei mir entspringt's aus den Fäusten. Wenn die ihren Schöpfer loben, tut's auch das Herz. Und vom Herzen geht's dann doppelt vergnügt zurück in die Fäuste.«

»Herr Wiskotten, ich hab' drüber nachgedacht. Jeden Abend, wenn ich zu Haus bei der Pfeife saß. Und ich glaub', ich hab's.«

»So–o – – –?« Das kam zweifelnd.

»Ich mein', Herr Wiskotten, das neue Patent nutzt uns erst dann richtig, wenn wir es mit ganz neuen, ganz aparten Mustern verbinden. Wenn das Verfahren eine neue Idee darstellt, müssen auch in der Ausführung neue Ideen zutage treten. Daß es nur so in die Augen springt. Daß sofort ein gewaltiger Unterschied vorliegt zwischen unsern Artikeln und denen Scharwächters und Konsorten. Das muß – ja, wie soll ich sagen – das muß wie ein neuer Frühling sein. Und alles unter Musterschutz stellen lassen. Dann beißen sie sich die Zähne aus.«

»Kölsch – Mensch!«

»Ja, in der Theorie sich dat auszuklamüseren, is ja wohl kein Kunststück.«

»Kölsch, Sie haben mal wieder gut Wache gehalten. Während ich im Dunkeln saß, haben Sie für mich nach Sternen geangelt. Mein Kopf muß doch in letzter Zeit bedenklich gelitten haben, daß ich mal wieder den Wald vor lauter Bäumen nicht sah.«

»Privatsorgen machen müder als Geschäftssorgen. Wenn wir nicht wissen, wofür wir eigentlich arbeiten –«

»Still, Kölsch. Ich weiß es. Und nun kommen Sie gleich mal mit zum Musterzeichner.«

Neben der Kartenschlägerei hockte in einem Abteil ein altes Männchen über seinem Zeichenbogen und strichelte und punktierte in große Karrees allerlei Muster hinein, nach denen für die Bandstühle die Karten geschlagen wurden, durch deren Löcher die Fäden liefen und sich geheimnisvoll zu Gebilden verschlangen.

»Was machen Sie denn da Schönes, Herr Brinkmann? Darf man mal sehen?«

»Bitte, Herr Wiskotten.« Das Männchen trat händereibend zurück, überzeugt von der Vortrefflichkeit seines Schaffens.

»Hm ... Erklären Sie doch mal.«

»Das – ja, also das – das wird ein Pünktchenmuster. Weißer oder matter Grund mit ganz kleinen roten und blauen Sternchen. Niedlich, nicht wahr?«

»Haben Sie sonst noch was Neues?«

Das Männchen schlug seine Mappe auf. »Hier ein farbig unterbrochenes Strichmuster, hier eins in Schlangenlinien, hier eins getupft, in Kreisen und Quadraten, hier Ornamente für Spitzen und hier –«

»Das haben wir aber schon seit Methusalems Zeiten, Herr Brinkmann, diese Neuheiten sind ja im Grund so alt wie die Wupper. Wir müssen ›Nouveautés‹ haben, Herr Brinkmann.«

»Sind es auch«, eiferte das Männchen. »Schauen Sie nur einmal genauer zu, Herr Wiskotten. Kein Muster ist wie das vorjährige. Immer wieder finden Sie feine, pikante Varianten.«

»Geb' ich gern zu, Herr Brinkmann. Aber statt der Varianten möcht' ich nun mal wieder Originale haben. Nix wie Originale, Herr Brinkmann. Strengen Sie mal Ihre Phantasie an.«

Das vertrocknete Männchen lächelte ein mitleidiges Lächeln. Was verstanden Leute des Schlages von der feinen Musterzeichenkunst! »Schön, schön, ich werde schon Neues schaffen. Bis an die Grenzen der Möglichkeit.«

»Nee, nee, Herr Brinkmann, über die Grenzen hinaus. Mögliches ist für jeden erreichbar. Wenn wir ein Wurstschnappen veranstalten wollen, müssen wir Unerreichbares bringen. Dann behalten wir die Wurst in der Hand, und die andern schnappen sich allgemach den Atem aus. Ich werde Sie in acht Tagen wieder besuchen.«

»Sehr angenehm, Herr Wiskotten.« –

»Dem Kerl ist die Phantasie eingetrocknet wie dicke Tinte. So ein alter Pedant! Einmal im Jahr legt so ein Kerl ein Ei, und die übrige Zeit brütet er drauf herum und ist selber am gespanntesten, was da wohl zum guten Schluß herauskommen mag: ein Huhn, eine Ente oder eine Nebelkrähe. Ich glaub', wenn Sie dem Philister von Goldfasanen und Paradiesvögeln reden, schlägt ihm der respektvolle Schreck in den Leib, daß er das Eierlegen überhaupt verlernt.«

»Wir müssen frische Kräfte heranziehen, Herr Wiskotten.«

»Ich werde inserieren.« –

Nach Feierabend ging Gustav Wiskotten durch die Straßen der Stadt. Er wollte zum Stammtisch. Aber plötzlich überfiel ihn ein Ruhebedürfnis. Jetzt die Beine unter den Tisch strecken, auf dem Tisch die leis surrende Lampe und um den Tisch ein paar gute frohe Gesichter ... Er bog ab und ging in Gedanken bis vor Albert Kölschs Haus. Er klingelte. Über den Flur kamen eilige Mädchenfüße.

»'n Abend, Fräulein Anna. Kann ich mithalten?«

»Och, die Überraschung! Sie kommen aber gerade recht. Riechen Sie schon was?«

»Reibekuchen.«

»Wird sich Vater freuen! Endlich halten Sie Wort. Na, ich will nicht schimpfen.«

Er schaute dem fröhlichen Mädchen in die Augen. Wie in zwei blanke Seen, die jedes Bild verschönt widerspiegeln.

»Schimpfen Sie nur lustig drauflos! Es klingt doch immer wie Gesang.«

Werkmeister Kölsch erhob sich erstaunt aus seinem Strohsessel. Das Buch, das er in der Hand hielt, fiel zu Boden. »Der Herr Gustav ...!«

»Stör' ich Sie auch nicht? Sie lasen gerade.«

»Nur bis das Mädel, die Anna, mit ihren Reibekuchen so weit is. Die müssen nämlich heiß gegessen werden. Daher dauert's an solchen Tagen länger. Mögen Sie auch Reibekuchen?«

»Mögen? Kölsch, ich bin doch so gut mit Wupperwasser getauft wie Sie.«

Er nahm Platz, blickte sich in dem gemütlichen Zimmer um, kroch wohlig in sich zusammen und merkte, daß sein eben noch vibrierendes Blut ganz still und ruhig geworden war.

»Was lesen Sie denn da, Herr Kölsch?«

»Jean Paul.«

» Wie heißt der Onkel?«

Der Werkmeister schmunzelte. »Jean Paul, Herr Wiskotten. Das ist nämlich mein Lieblingsdichter. So recht für beschauliche Leute, die gern auf die Straße, die hinter ihnen liegt, zurückblicken und ihre Freud' daran haben, was für ein närrisch Menschenvolk darauf herumspringt. Man kommt sich dann nämlich sehr erhaben und sehr behaglich in seiner Haut vor.«

»Lebt der Mann noch?«

»En hundert Jährchen wird er wohl tot sein. Aber seine Werke werden immer lebendig bleiben.«

»Jessas, da hab' ich mich schön blamiert. Keine Ahnung hatt' ich von dem Mann. Überhaupt, meine Bildung! Ich kenne Schiller und kenne, wie man so sagt, Goethe, und damit kämen wir gleich zur Bandfabrikation.«

»Nehmen Sie sich mal die Zeit, Herr Wiskotten. Sie werden es nicht bereuen.«

»Gott, wenn ich all die Bücher bei Ihnen sehe! Außer en paar Junggesellengeschichten, die ich unter Verschluß halte – na, die Literatur gehört wohl überhaupt nicht hierher. Und von Goethe mußten wir auf der Schule den Erlkönig auswendig lernen, und über Schiller kriegten wir in Sekunda ein Aufsatzthema: ›Wie läßt sich der Charakter der Jungfrau von Orleans erklären?‹ Für meine Ausführung erhielt ich eine hinter die Ohren. Das war in den Augen meiner Mitschüler das höchste Lob meiner fortgeschrittenen Mannbarkeit. Ja, weiter sind meine Beziehungen zu den Dichtern nicht gediehen.«

»Dichter sind wie Mütter, Herr Wiskotten. Man kommt nie zu spät und nie umsonst.«

»Ich bin für sie wohl ein zu ungehobelter Gast.«

»Das sind ihnen die liebsten. Denn die Leute, die nicht gewöhnt sind, Gastgeschenke zu empfangen, sind wie dankbare Kinder. Ich hab's an mir selbst erfahren. Und dann, als meine Frau starb – – wie gesagt, Dichter sind wie Mütter.«

Gustav Wiskotten stand auf und ging langsam zu dem Schrank, durch dessen Glasfenster das Gold der Bücherrücken schimmerte. Andächtig las er die Namen.

»Herr Wiskotten, die Bibliothek steht zu Ihrer Verfügung.«

»Wollen Sie mir mal was daraus mitgeben? Ich hab' so lange Abende – –«

»Das ist mir eine Herzensfreude, Herr Wiskotten.«

Das junge Mädchen, in langer weißer Kittelschürze, trug ein Gericht der knusperig gebackenen Kartoffelkuchen auf. »Die Schürze müssen Sie entschuldigen. Ich steh' am Herd, und das Fett spritzt nach allen Seiten. Bitte, zuzugreifen.«

»Setzen Sie sich nicht zu uns, Fräulein Anna?«

»In fünf Minuten – ich muß noch backen, damit nicht über schlechte Bedienung geklagt wird.«

Dann saßen sie zusammen und schmausten. Als Gustav Wiskotten sah, daß dem Werkmeister die Butterbrote gestrichen wurden, verlangte er dasselbe Recht auf Unterstützung. Kölsch wäre ihm sonst immer ein paar Kuchen vor. Und nun erhielten die Männer abwechselnd ihren Anteil. Bis die Platten leer gegessen waren. Der Tisch wurde abgeräumt, die Bierkrüge erschienen mit den Weichselpfeifen, und der Werkmeister las auf des Gastes Wunsch ein Kapitel aus seinem Lieblingsdichter. Zuerst horchte Gustav Wiskotten aufmerksam auf die Worte, dann war ihm die Dichtung nur noch Stimmungserreger. Er ließ sich einlullen und saß wie in warme Decken gehüllt. Das Mädchen zog die Nadel durch eine Handarbeit, ließ die Arbeit im Schoße ruhn, wenn der Vater an eine besonders schöne Stelle kam, sah mit lachenden Augen vom Vater auf den Gast und regte die Hände aufs neue. Wie eine laue Welle glitt der Friede durch das Gemach, schmeichelte sich an die Herzen der Menschen und schaukelte sie lind und weich. Dann hörte Gustav Wiskotten nichts mehr und sah nur noch die Idylle. Er träumte ... Das tat wohl und weh. Aber das stille Wohlbefinden überwog. – –

»Ich habe Ihnen viel zu danken, Herr Kölsch«, sagte er beim Abschied. »Sie sind mir ein Stück Erzieher. – Doch, doch, es ist so. In der Fabrik habe ich von Ihnen gelernt, und – und fürs Haus hätte ich schon früher von Ihnen lernen sollen. Bei Ihnen fühlt man, daß man ein Dach überm Kopf hat. Bei mir regnet's in die Stuben.«

»Decken Sie doch das Dach neu, Herr Wiskotten. Sie sind der Mann dazu.«

»Für einen allein macht's keinen Spaß. Na, wollen nich sentimental werden. Dazu war der Abend zu schön. Fräulein Anna, kleine Fee, was müssen Sie eine Portion Liebe in sich haben! Und immer reicht es noch für einen dritten und vierten. Wird's Ihnen auch nicht zu viel, tagtäglich bei mir nach dem Rechten zu sehen?«

»Ich komm' so gern.«

»Mädel, Mädel, wenn Sie mal heiraten! Sonst sagt man so, der liebe Gott wird daran seine Freude haben; aber in diesem Falle wird er doch die Hauptfreud' einem andern überlassen müssen. Ordentlich neidisch könnt' man werden. Ja, ja, ich mach' schon, daß ich 'rauskomme. Gute Nacht, Fräulein Anna! Gute Nacht, Herr Kölsch!«

Ganz leicht war ihm zumute, als er aus der warmen Behausung auf die Straße trat, auf der das Schweigen der Nacht lag. Und zum ersten Male wieder vermochte er in seinem Hause das Schlafzimmer der Kinder aufzusuchen. Die Kerze in der Hand, leuchtete er auf die leeren Bettchen und das verlassene Spielzeug.

»Kommt wieder!« murmelte er. »Wir wollen alle zusammen darangehen, das Dach zu decken. Wie ein Klümpchen Glück wollen wir dicht zusammenhocken. Wenn – wenn – Aber sie ist halsstarrig, und ich phantasier' wohl.« – – –

*

»Anna!«

»Ja, Vater?«

Der Werkmeister hatte in der Frühe einen Brief erhalten. Die Sonntagsglocken läuteten im Tal, feierlich und mahnend, aber der Werkmeister hatte kein Ohr dafür.

»Anna, wenn du bei Herrn Wiskotten gewesen bist, geh gleich zur Bahn und fahr nach Düsseldorf hinüber. Ernst hat geschrieben.«

»Herrgott, Vater! Ist Ewald was passiert?«

»Könntst auch zuerst an deinen Bruder denken.«

Flammend rot blickte sie vor sich hin. »Ernst ist doch gesund?«

»Is schon gut, Mädel.« Er strich ihr beschwichtigend über den schweren Flechtenkranz. »Da, lies. Ich werd' nich klug daraus. Ewald Wiskotten käm' nich mehr zum Essen? Er hätt' Krach auf der Akademie gehabt? Un seine Wohnung hätt' er auch verlassen? Da wird's wahrhaftig Zeit, daß du Räsong in die Geschichte bringst.«

»Vater, ich mach' mich gleich fertig. Zum Abend bin ich zurück.«

»Sag aber dem Herrn Gustav nix. Der hat an seinem Päckchen schon genug zu tragen.«

Die kurze Fahrt nach Düsseldorf wurde dem Mädchen zur Unendlichkeit. Und immer tauchten Bilder vor ihr auf, blasse, schreckhafte Bilder, die sie verjagte, um sie selbst wieder zurückzurufen. An Ernst hatte sie telegraphiert. Der Bruder war auf dem Bahnhof.

»Was ist denn los, Annerl?«

»Ja, das frag' ich dich!«

»Mich? Ich werde gänzlich unvorbereitet um zehn Uhr morgens aus dem besten Schlaf geholt und soll auf nüchternen Magen weissagen. Bißchen viel verlangt.«

»Hast du Ewald Wiskotten gefunden?«

»Hab' ihn gar nicht gesucht.«

»Wenn da aber ein Unglück – –?«

»Ach was, Unglück! Von der Akademie gewimmelt haben sie ihn wegen Talentlosigkeit. Das werden nachher die originellsten Künstler. Und nun schämt er sich, hält irgendwo die Hände vors Gesicht und ruft: ›Kuckuck, wo bin ich?‹«

»Ernst, sei nicht so albern. Wir müssen Ewald Wiskotten sofort suchen. Vater will es.«

»Ich glaub'«, meinte Ernst Kölsch gähnend, »wenn ich verlorenginge, ihr kämt nicht mit Extrapost. Und bin doch das leibliche Kind.«

»Unkraut vergeht nicht.«

»Du Naseweis – Herrje, Kleines, mach nicht so 'ne Schutzmannsmiene. Ich bin dein Arrestant. Los!«

Sie fuhren zu Zinters und trafen die Tochter des Hauses.

»Können Sie uns wohl sagen, Fräulein, wo Herr Wiskotten jetzt wohnt?«

»Dat kümmert mich nich. So ene Hungerleider, wat der is.«

»Wohin sind denn seine Sachen geschafft worden?«

»Der Gemüshändler von nebenan hat sie in der Rocktasch' weggetragen. Nur die Rechnung hat er verjessen.«

»Komm, Ernst, wir gehen zu dem Gemüsehändler.«

Gretchen Zinters, die Hände in der Tändelschürze, rührte sich nicht vom Fleck. »Wenn Sie sein' Braut sind, hau, dann jratulier' ich abber!«

Die Tür schloß sich. Anna Kölsch ging unbekümmert ins Nachbarhaus. »Ratinger Straße«, beschied sie der Händler und beschrieb ihr das Haus. »Dat Zimmer is wie en Mausloch.«

Die Geschwister stiegen die vier Holzstiegen des altersschwachen Hauses hinauf, das von geringen Leuten bis unter das Dach besiedelt war, Gipsfigurenhändlern, die auf den Straßen mit ihrer Ware hausierten, Gelegenheitsarbeitern, Lumpenverkäufern – jedes Zimmer fast hatte einen andern Besitzer. Und in dem schlechtesten und kleinsten hauste Ewald Wiskotten.

Die Tür war geschlossen. Anna klopfte an. Drinnen ein Geräusch. Dann Stille. Nun schlug Ernst Kölsch schallend gegen die Tür.

»Mach auf, Mensch. Hier Kölsch! Ich weiß, daß du zu Haus bist. Anna ist bei mir.«

Keine Antwort.

»Ewald – –!« rief das Mädchen leise.

»Donnerwetter, Ruh' will ich! Mir geht's gut! Ich brauch' euch nicht!«

Ganz blaß horchte das Mädchen auf den Wutausbruch. Dann ging sie still die Treppe hinab.

»Wer so brüllen kann, der hat sich noch nicht besiegt erklärt, Annerl. Tröst dich, Samariterin! Du bist zu früh gekommen.«

»Ernst«, sagte sie, und der Schreck zitterte noch in ihrer Stimme, als sie in des Bruders Atelier standen, »laß es nicht zu spät werden. Geh jeden Tag zu ihm! Hilf ihm auf, Ernst!«

»Verdient hat's der Dickkopf nicht«, brummte der. »Und dabei kann der Bengel was. Nur Bilder kommen dabei nicht heraus. Schau mal her, was er mir geschenkt hat. Er wollt' es zerreißen, da fiel ich ihm in den Arm. Da! Amüsier dich in der Eisenbahn damit, dann geht die Zeit herum. Ich vermache dir den Krempel.«

Er rollte die Blätter zusammen und steckte sie ihr unter den Arm. »Nu lach aber mal, Mädel!«

Noch immer saß die Angst in ihren weitgeöffneten Augen. »Ernst –«

»Kindskopf, ich versprech' dir's ja. Ich nehm' ihn an die Leine. Hand drauf.«

Die uneröffnete Rolle im Schoß fuhr sie nach Barmen zurück. – – –

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