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Die Wiskottens

Rudolf Herzog: Die Wiskottens - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorRudolf Herzog
titleDie Wiskottens
publisherVier Falken Verlag-Berlin
printrun616.-650. Tausend
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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senderwww.gaga.net
created20150202
modified20151302
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10

Auf den nächsten Tag war die Abnahme der maschinellen Einrichtung der Färberei angesetzt. Klar und kühl stieg der Herbstmorgen auf, blankgewaschen lag das Pflaster des Fabrikhofs. Schweigsam schritt Gustav Wiskotten neben seinem Bruder Fritz über den Hof zu dem nüchternen Ziegelbau, dem heute der lebendige Odem eingeblasen werden sollte. Die Grüße der Leute erwiderte er nicht. Die Muskeln seines Gesichts waren steif, seine Mienen verschlossen. Seine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte er auf die neuen Anlagen und ihre Funktionierung. Andres gab es jetzt für ihn nicht. Der Techniker der Installationsfirma machte den Erklärer. Werkmeister Kölsch hatte sich angeschlossen.

Der kleine Trupp ging die Kufenreihen entlang, zu den Waschmaschinen, zu den Ringmaschinen, zum Transmissionslager. Die Fragen waren kurz und kurz die Antworten. Gustav Wiskotten ließ den gewaltigen Treibriemen über die Scheibe werfen. Totenstill war es. Die schwarzgebeizten Färberkufen gähnten wie eine Reihe leerer Särge. Und nun: ein leiser, singender Ton ... dem Seufzer eines Menschen gleich, der aus schwerem Schlaf erwacht – ein Atemholen, ein staunendes Sichbesinnen und ein jauchzendes Vorwärtsdrängen. Von Kufe zu Kufe schraubte man die Krane auf, brüllendes Wasser verschlang das Gähnen, aufpeitschender Dampf das Tote, durch Eisen und Holz zog ein brausender Lebensstrom, und das Siegeslied der Arbeit füllte wie ein Triumphgesang die Halle, die es sich aus dem Nichts erobert hatte. Die Arbeit, und nur die Arbeit, hatte das Wort. –

Gustav Wiskotten horchte in den entfesselten Lärm hinein. Als suchte er nach einer Melodie. Strack aufgerichtet stand er, nur den Kopf hielt er vorgebeugt. Fritz sprach zu ihm. Er verstand ihn nicht. Dann sagte Werkmeister Kölsch: »Gratuliere, Herr Wiskotten.«

»Wie war das, Kölsch?«

»Ich gratuliere.«

»Ah so. Ja, da liegt wirklich Grund vor. Danke Ihnen, Kölsch.« Er drückte ihm die Hand. »Fritz!«

»Hier, Gustav.«

Der schien für Sekunden vergessen zu haben, was er wollte. Er sprach zu Kölsch und sprach nicht zu ihm. »Was wissen die Menschen davon, was einen das kostet. Selbst unsre Arbeiter wissen es nicht. Die sehen nur die Mauern, nicht aber den Kitt. Und in den hat man seine Lebenskraft hineingemischt und den Verzicht auf – so viel – Schönes in der Welt – –«

»Herr Wiskotten, irgendwie und irgendwo muß man sein Kapital anlegen. Wir sind keine Verschwender.«

»Nee, Verschwender sind wir nicht. Schön muß das zwar auch sein. So aus dem vollen heraus, so unbekümmert ... – Na, es muß auch unsre Sorte geben. Dummköpfe: meinetwegen. Hauptsache: sattelfest!« Jetzt besann er sich auf den Bruder. Er legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und rüttelte ihn. »Na, Jung', un nu heraus mit der Plempe. Das Schlachtfeld hätten wir. Nun heißt es, sich zu Herren darauf machen.«

»Keine Sorge, Gustav. Nächste Woche lass' ich auf der ganzen Linie vorrücken.«

»Das wird ein Tanz werden.«

»Wenn deinem Schwiegervater nur nicht wirbelig dabei wird.«

»Steht ihm ja frei, Polka zu tanzen, wenn ihm zum Galopp die Puste nicht reicht.«

»Glaubst du, daß er auf den Vorschlag eingehen wird, seine Fabrikation einzuschränken und uns für seine Kundschaft in Kommission zu nehmen?«

»Das kommt auf seinen Gemütszustand an. Bis Mittag werd' ich ihn kennen.«

»Na, du wirst die Sache schon deichseln.«

»Werd' ich.« – –

Mit einem großen Blick sah er sich noch einmal im Kreise um, nahm lauschend das Sausen und Brausen des Betriebes in sich auf, dankte dann dem Techniker und ging mit kurzem Gruß über den Fabrikhof zurück in seine Wohnung. Dem Mädchen sagte er, daß die ganze Familie heute beim Schwiegervater äße, der seit gestern nicht wohl sei. Eine halbe Stunde später fuhr er nach Unterbarmen, um den alten Scharwächter in seinem Hause aufzusuchen.

Die Männer sahen sich selten. Scharwächter gehörte zu der strengsten Richtung der Kirchlichen im Tal, die sich jeder äußeren Freude abhold zeigt. Das laute und unfromme Wesen seines Schwiegersohns war ihm fatal. In einem Raume mit ihm glaubte er sich übersehen, an die Wand geschoben, um seinen Wert gebracht. Nur aus kaufmännischen Gründen hatte er die Beziehungen geknüpft, nur aus kaufmännischen Gründen hielt er sie aufrecht. In schwierigen Fällen war Emilie die Vermittlerin zwischen den beiden Firmen gewesen.

Das Haus lag in einer Nebenstraße. Ein eisernes Staket schloß es gegen die Straße ab. Der Verputz war gespart. In langen Jahren hatte wildwuchernder Efeu die Arbeit billiger verrichtet und die roten Ziegelmauern bis unter das Dach mit einem grünen Kleide übersponnen. Auf einem blankpolierten Messingschild an dem Eingangspförtchen las man die Worte: Jeremias Scharwächter.

Gustav Wiskotten zog an der Schelle. Eine alte Frau, die Köchin, Magd und Wirtschafterin in eins war, öffnete.

»Herr Scharwächter zu Hause?«

»Ich will nachsehen.«

»Das kann ich selber.« Er trat ein.

»Ich soll aber immer melden, wer kommt.«

Er schob sie einfach beiseite, klopfte an eine Tür und drückte auf die Klinke.

»Guten Morgen.«

Herr Scharwächter wandte den Kopf, schob das glattrasierte Kinn tief in den weißen Krawattenstreifen und sagte von der Höhe seines Pultstuhles herab grämelnd: »Ich habe doch nicht ›Herein‹ gerufen.«

»Ich bin's, Schwiegervater.«

»Das seh' ich ganz gut. Aber ich hab' doch nicht ›Herein‹ gerufen.«

»Schön. Du hast nicht ›Herein‹ gerufen. Bitte, klettre mal herunter. Ich möcht' mit dir sprechen.«

»Es ist für mich kein Vergnügen, dich hier zu sehen.«

»Nee«, sagte Gustav Wiskotten und legte seinen Hut auf den Tisch, »ein Vergnügen ist das nicht, wenn einem die Frau durchgeht. Wo steckt sie?«

Der kleine hagere Herr kletterte von seinem Pultstuhl und knöpfte sich den hochschließenden Gehrock zu. »Wenn du von meiner Tochter redest, bitte ich dich, das in manierlicheren Ausdrücken zu tun. Du redest hier nicht von einem deiner Fabrikmädels.«

»Ist sie etwa nicht durchgegangen?«

»Nein! Sie hat nur eine eheliche Gemeinschaft aufgehoben, die keine christliche mehr war.«

»Keine christliche? Ich weiß nicht, was du damit meinst.«

»Leider Gottes hast du das nie gewußt. Sonst ständ'st du heute nicht als Bittender hier.«

»Als Bittender? – Hör mal, Schwiegervater, du kannst deinen hohen Ton wohl etwas mäßigen. Von Bitten ist hier gar nicht die Rede, sondern von Fordern. Ruf mir mal Emilie her.«

»Du willst mir in meinem Hause Befehle erteilen? Einer wie du, der mit dem Hute in der Hand kommen sollte?«

Gustav Wiskotten lachte kurz auf. »Na, und so weiter! Mach's kurz, ich hab' keine Zeit.«

»So nimm dir die Zeit. Nimm sie dir zunächst einmal, um in dich zu gehen. Das ist eine bessere Verwendung deiner Zeit, als fortgesetzt an Ehebruch zu denken.«

»Schwiegervater!!«

Der hagere Mann kroch vor der dröhnenden Stimme in sich zusammen. Aber nur für Sekunden. Dann streckte er das glattrasierte Gesicht aus der weißen Halsbinde vor und sprudelte dem Gegner seine Argumente entgegen.

»Daß du mit deinen Fabrikmädchen schäkerst, das wirst du wohl nicht leugnen? Daß du ihnen im Dunkeln auflauerst, um sie – ah pfui – in die Arme zu nehmen und – und –«

»Ach Gott, die armen Dinger. Weiter.«

»Jawohl: weiter! Immer noch weiter! Dein Gewissen sagt dir selbst, daß es damit noch nicht zu Ende ist, sonst hättest du nicht gesagt: weiter! Wie es sich für eine treue Ehefrau geziemt, hat dir Emilie siebenmal und siebenmal siebzigmal vergeben, hat dir sanfte und ernste Vorstellungen gemacht, hat dir durch ihr Leben ein Beispiel gegeben –«

»Bist du nun fertig, Schwiegervater?«

»Mit dir? Schon längst! Aber mit der Zahl deiner Sünden und Verirrungen noch lange nicht. Selbst die Verlobte deines leiblichen Bruders ist dir nicht heilig! Und da soll sich eine christliche Frau wie Emilie nicht schaudernd abwenden und ein Haus verlassen, aus dem du ein Sodom und Gomorra machst?«

Gustav Wiskotten hielt mit Gewalt an sich.

»Red jetzt mal nicht biblisch, sondern rein menschlich. Hier handelt es sich um pure Eifersucht. Und zur Eifersucht hat Emilie nicht die Spur von Berechtigung.«

»›Wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.‹ So steht es Matthäus am fünften, Vers achtundzwanzig. Und du hast die Verlobte deines Bruders nicht nur angesehen und begehrt, du hast deinem Triebe keine Schranken aufgelegt und die erste Gelegenheit wahrgenommen, um dich heimlich mit ihr zu küssen!«

»Wer sagt das?«

»Emilie.«

»Das ist infam gelo–« Er brach ab, nahm sein Taschentuch heraus und wischte sich, sich abwendend, die Stirn. »Ruf Emilie!« sagte er dann ruhig. »Das haben wir beide unter uns abzumachen.«

Herr Scharwächter sah an ihm vorüber.

»Nun, ruf sie schon! Ich tu' ihr nichts.«

»Emilie ist nicht hier.«

»Wenn sie spazierengehen kann, scheint die Sache ja nicht so tief zu sitzen.« Er zog die Uhr. »Da läutet's Mittag. Nun wird sie wohl gleich kommen.«

»Sie wird nicht gleich kommen, denn sie ist nicht hier.«

Gustav Wiskotten horchte auf. »Nicht hier? Soll das heißen: Nicht in Barmen?«

»Sie ist mit den Kindern zu Tante Josephine nach Düsseldorf gefahren, wo sie zunächst zu bleiben gedenkt.«

»Ohne – meine – Einwilligung?«

»Du hast jetzt eine Prüfungszeit. Wenn du dich geläutert hast und eines Tages ehrlich bereust, kannst du sie zurückholen.«

»Ohne – meine – Einwilligung –?«

»Mit Genehmigung ihres Vaters. Wie gesagt, wenn du –«

»Gib Ruh' mit deinen Salbadereien! Himmeldonnerwetter, hab' ich über meine Frau zu bestimmen oder du?«

»Da dir die moralischen Grundlagen abhanden gekommen waren, so kehrte sie unter den Schutz ihres Vaters zurück. Ein Bestimmungsrecht hat nur immer der Moralische. Der Unmoralische möchte es sich nehmen. Aber wo es sich ums Stehlen handelt, soll meine Tochter nicht der Hehler sein. Dazu hab' ich sie nicht in der christlichen Lehre aufgezogen.«

»Du hättest sie besser für das Leben erziehen sollen! Unser Herrgott braucht keinen Vormund.«

»Ich dulde in meinem Hause keine Lästerungen!«

»Wer hier lästert, das bist du. Mit deiner Anmaßung, als hättest du das Reich Gottes ganz allein gepachtet. Nur, weil du die Bibel auswendig gelernt hast und die Stellen auslegen kannst wie eine alte Wahrsagerin. Wo du hinblickst, da siehst du Sünde, Strafe, Buße. Aus dieser Welt, die Gott zu seiner Freude schuf, von der es heißt: ›und er sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut!‹ machst du einen Pfuhl und ein Fuchseisen. Wenn das keine niederträchtige Unterstellung des lieben Gottes ist, so will ich von morgen an den alten Christian ablösen und für Zeit meines Lebens Heizer werden.«

»Geh hinaus aus meinem Hause!«

»Besser wär' schon, du gingst. Du bist ja katholischer als der Papst. Leute wie ihr sollten ein protestantisches Männerkloster auftun, statt Kinder in die Welt zu setzen, die erblich mit dem Star belastet sind und die Sonne grau sehen. Was wißt ihr denn von Verantwortung?«

»Ich trage dafür die Verantwortung, daß meine Tochter rein aus diesem Jammertal zurückkehrt.«

»Jammertal? Das stimmt! Jammerkerle laufen genug drin herum, die so lang weh- und demütig sind, bis sie vor lauter geistlichem Laienhochmut kaum noch Luft schnappen können. Und wenn du deine Tochter so rein vor jedem Erdenstäubchen bewahrt wissen wolltest, so hättest du sie Nonne werden lassen, aber nicht einem sechs Fuß langen gesunden Kerl zur Frau geben sollen. Ich denke, das ist deutsch gesprochen. Dich mach' ich haftbar, dich! Emilie ist das Opfer eurer vermaledeiten Erziehung. Man möchte heulen, wenn man soviel stramme Wuppertaler Mädel sieht mit den grämelnden Gesichtern, denen durch euer Muckertum von Kindheit an die Sinne verkrüppelt werden, daß sie in jeder süßen Seligkeit den Gottseibeiuns sehen mit seinem Fallstrick. Dann laufen sie herum mit verengtem Horizont, schreckensdummen Augen, und eine lange Rinne Trübsal läuft hinter ihnen her, wo lauter glückselige Menschenfreude sein könnte. Ist es da ein Wunder, daß sie als Frauen das ganze Leben muffig finden, wenn sie den Muff in ihren Mädchenkleidern mitgebracht haben? Zu fröhlichen Weibsbildern sollt ihr sie erziehen, die frei ins Leben schauen wie unsereins und, wenn sie fromm dabei sind, sich sagen: ›Schöner mag's im Himmel sein, aber entzückender ist es vorläufig hier!‹ Dann gibt's auch fröhliche Männer und einen Wuppertaler Nachwuchs, der in der Wolle gefärbt ist. Keine Halbseidenen!«

Herr Scharwächter hatte seinen Kopf weit aus der Krawatte vorgestreckt. Seine Lippen zitterten. Sein Zeigefinger stieß in die Luft. Er suchte nach einem Wort, den Lästerer im Innersten zu treffen, zu zerschmettern.

»Du – du – Herr Gustav Wiskotten, ich kündige Ihnen hiermit die Hypothek auf Ihrer neuen Färberei!«

Gustav Wiskotten starrte ihn an. Und langsam verhärteten sich seine Züge und wurden eisern.

»Soll das heißen, daß Sie das Band – zerschneiden? Und daß – Emilie – –?«

»Sie haben gehört. Ich kündige Ihnen die Hypothek zum ersten Januar.«

»Haben Sie sich auch die – Folgen überlegt?«

»Wenn Sie an der Erde liegen, werden Sie an die heutige Stunde denken und die gerechte Strafe erkennen. Wie Spreu sollt ihr verweht werden, wie Spreu!«

»Wer spricht denn von mir? Ich meine die Folgen für Sie.«

»Das Spaßen wird Ihnen schon vergehen, wenn Sie auf der Geldsuche sind. Glauben Sie nur nicht, daß man Ihnen hier im Wuppertal Ihr einseitiges Vorgehen im Färberstreik vergessen hat. Sie werden was erleben!«

»Daß ich auf der Geldsuche bin, stimmt.« Gustav Wiskotten trat einen Schritt näher. »Und ich hatte vor, den Vater meiner Frau daran teilnehmen zu lassen.«

»Ich habe keine Gemeinschaft mit Ihnen. Ganz klein sollen Sie noch werden!«

»Sie wollen also den Krieg. Den Krieg zwischen unsern Firmen. Den Krieg bis aufs Messer. Gut, Herr Scharwächter, den können Sie haben. Und jetzt sollen Sie ihn haben. Sie sind der Quell und Urheber meines ehelichen Zwistes, Sie haben mich mit Emilie um die Freude meines Arbeitslebens betrogen und um die Fröhlichkeit meiner Jugend, Sie haben sie mir aus Berechnung gegeben, weil Sie Angst hatten, Mutter hätte vor zehn Jahren die Fabrikation Ihrer Ramschware aufnehmen und Sie im Zusammenraffen hindern können. Nun sind Sie der schwerreiche Mann. Und nun möchten Sie uns alle zusammen unter die Fuchtel kriegen. Und nun sollen Sie sehen: es lebt ein Gott. Ein Gott für die Unverzagten, die die Nase geradeaus tragen und nicht schweifwedelnd nach oben schielen wie der Hund nach dem Kopfkraulen. Hier, Herr Scharwächter –« – er griff in die Brusttasche und legte ein paar farbige Bandkoupons auf das Pult des Fabrikanten – »hier haben Sie den Fehdebrief der Wiskottens. Machen Sie das nach, Männeken, aber fix, sonst sind Sie in Jahresfrist mit ihrem Kram tot und begraben. Auf Schritt und Tritt werd' ich Ihnen nachgehen, und wo Sie nur mit Ihrem Schund auftauchen, da werd' ich Sie mit diesem Prachtartikel unterbieten! Diesmal haben Sie richtig verstanden. Un–ter–bieten! Ja, ja, ich weiß schon. Zum ersten Januar kriegen Sie Ihr Geld. Legen Sie es in preußischen Konsols an, oder ich jag' es Ihnen durch die Lappen. Guten Morgen!«

Die Tür fiel ins Schloß. Draußen knarrte das Eisenpförtchen. Keinen Blick warf Gustav Wiskotten zurück. Sein Schritt hallte fest auf dem Straßenpflaster.

Zu Hause rief er das Dienstmädchen zu sich.

»Minna, meine Frau ist mit den Kindern nach Düsseldorf gefahren. Zur Pflege von der Schwester des alten Herrn Scharwächter. Ich hatte geglaubt, der alte Herr selber sei krank. Na, das kann nu in Düsseldorf lang dauern; daher hat meine Frau die Kinder mit sich genommen, damit sie bei der alten Dame nich so allein is. Sie können inzwischen nach Haus reisen.«

»Is et möglich, Herr Wiskotten?«

»Sie hören doch. Sie kriegen Ihren Lohn und Kostgeld. Meine Frau wird Ihnen dann später schreiben. Wann geht der Zug nach Ihrem Nest?«

»Nach Gevelsberg? Um Zwei, Herr Wiskotten.«

»Das wär' in einer Stunde. Können Sie den noch erreichen?«

»Ich zieh' mich nur schnell um, Herr Wiskotten.«

Sie war schon in der Tür, angstvoll erregt, der Herr könnte widerrufen. Eine halbe Stunde später rannte sie mit ihrem Schließkorb, den Christians Jüngster an einem Henkel gepackt hielt, über den Fabrikhof und zum Tor hinaus. In der freudigen Eile hatte sie ganz vergessen, sich von ihrem Herrn zu verabschieden. –

»Die wär' spediert«, sagte Gustav Wiskotten. »Sie hätte nur Klatsch und Tratsch gemacht. Nun ist die Luft rein.«

In Gedanken schritt er durch die leeren Zimmer zur Kinderstube. »Hallo!« rief er. Dann preßte er Daumen und Zeigefinger der Linken fest in die Augenhöhlen. »Ach so – –«

Mit einemmal wurde er müd. Er setzte sich auf das Bettchen des Jungen und streichelte mechanisch die Kissen. Der schwere Körper sank vornüber. Und nun glitt die Hand hin und her über die Kissen des kleinen Mädchenbettes.

»Das halt' ich nich aus. Deubel, nee – –«

Wie ein Schüttelfrost überlief es ihn. Er sah sich scheu um. Dann warf er den Kopf in die Kissen, riß an dem Laken und biß hinein ...

Draußen schrillte die Fabrikpfeife. Das Klappern der Absätze, das Rasseln der blechernen Kaffeegeschirre der Arbeiter, die vom Mittagessen kamen, schallte zu ihm hinauf. Er hörte es nicht. Er lag lang ausgestreckt und starr und dachte an seine Kinder.

Die Wanduhr schlug, tickte und tickte, schlug aufs neue und tickte weiter. Jetzt hob sie wieder an. Vier Uhr.

Er stützte sich auf die Ellbogen, zählte die Schläge mit, strich sich das Haar aus der Stirn und stand auf, mit geschlossenen Augen.

»Kinder gehören zur Mutter.«

Er öffnete die Augen ganz weit, als lauschte er hinter seinen Worten her.

»O nee. Die werden mir nich mit hineingezogen. Kinder gehören zur Mutter. Und die wird sich schon eines Tages besinnen.«

Er ging die Treppe hinab. Im Briefkasten an der Haustür lag ein Brief. Hastig zog er den Schlüsselbund aus der Tasche, öffnete den Behälter und griff hinein. Draußen hörte er Schritte. Nur jetzt keine Störung! Den Brief in der Hand stand er, schweres Herzklopfen in der Brust, hinter der Kellertür.

»Gustav!« rief eine Stimme durch das Haus.

»Das ist Fritz«, sagte er sich.

Der Bruder polterte die Treppe hinauf, rief oben in jedem Zimmer den Namen und kehrte vor sich hinbrummend zurück.

Einen Augenblick wartete Gustav Wiskotten. Dann ging er ganz leise zur Haustür, schloß ab und stieg die Treppe hinauf.

Behutsam öffnete er den Briefumschlag. Er hatte gar keine Eile mehr. Er las: »Lieber Gustav, ich bin mit den Kindern zu Tante Josephine nach Düsseldorf gefahren. Die Kinder meinen, es sei eine Reise. Und sie werden von mir auch nichts andres erfahren. Du hast dich schwer an mir versündigt. Nicht allein gestern. Immer. Gestern wurde es mir nur ganz klar. Und Vater hat es mir bestätigt. Ich schäme mich, daß wir unsre Ehe nicht wie eine christliche Ehe geführt haben, daß ich vor deiner Herrschsucht die Stimme meines Gewissens immer wieder ertötet habe. Ich bleibe nun mit den Kindern in Düsseldorf, bis du mir versprichst, ein andrer zu werden, der in der Ehe etwas Heiliges sieht und nicht die Erniedrigung. Ich werde auf dich warten und für dich beten. Deine treue Emilie.«

Zweimal las Gustav Wiskotten den Brief. Es ging ein Zittern durch seine Knie.

Auch das noch? Sie schämte sich –? Eine Erniedrigung –? Sie wollte – beten?

Er straffte seine Knie; breitbeinig und steif stellte er sich hin. Seine Augen glühten, und er biß sich in die Lippen, um weder zu lachen noch zu schreien noch beides zu vereinen. Und den Brief riß er in lange, regelmäßige Streifen, die er zusammenballte und gegen das Fenster warf. –

Den Hut in die Stirn gedrückt, ging er mit seinem ruhigen, schweren Schritt aus dem Haus, zum Fabriktor hinaus, immer die Straße entlang dem herbstlichen Walde zu. Allerlei Kindererinnerungen fielen ihm ein, Knabenstreiche, Jünglingsträume. Nur um das letzte Geschehnis liefen seine Gedanken in weitem Kreise, ohne es zu berühren. Über die Chaussee schritt er dahin, kleine Betriebe lagen zur Linken am Ufer der Wupper, hie und da eine Färberei, eine Bleicherei, und dann, wo der Wald heranrückt und im Tal sich das Wasser zu Teichen staut, ein paar Eisenhämmer, die sich mit zäher Kraft gegen die alles verschlingende Eisengroßindustrie des hinüberlangenden Westfalens behaupteten. Alles das interessierte ihn heute lebhafter als sonst. Er hatte soviel Zeit dafür, und es war ihm, als hätte sein Kopf leere Kammern, in die er tausend Eindrücke hineinpacken könnte, und die doch nicht voll würden. Im Wald stieß er auf einen Hammerteich, unten im Grund, von riesigen Eichen umstanden. Die Schmiede war baufällig geworden oder zu klein für die wachsenden Bedürfnisse. Man riß sie ab. Gustav Wiskotten stand und sah zu. Wie eine Gigantenhöhle der Urzeit erschien ihm der rohgefügte Bau, dessen Hinterwand der nackte Fels bildete. Auf den Steinen wuchs Moos und Farn, wucherte durch Ritzen und Spalten und schmückte das Innere der Schmiede mit wurzelbeständigem Grün. Der Hammerschmied und sein Sohn, muskulöse Gestalten mit braungegerbter Haut und tiefen, klaren Augen, gruben den Feuerklotz aus der Erde und rollten ihn mit Hebeln hinaus. Der Schweiß lief ihnen in Strömen in den Kragenbund ihres Arbeitshemdes. Staunend betrachtete Gustav Wiskotten den Eichenzyklopen. Zweihundert Jahre und mehr stand das alte Hammerwerk; Jahrhunderte vorher hatte der ungeheure Holzklotz, als er noch ein Baum war, im Walde den Stürmen getrotzt, als der Wald noch ein Urwald war. Und die Jahrhunderte Sturm, die an ihm wütend gerüttelt, und die Jahrhunderte Feuer, die auf ihm glührot gebrannt, hatten sein steinhartes Mark nicht anzugreifen vermocht. Massig und fest lag er da, bereit, weitere Jahrhunderte zu überdauern und keine Glut und keinen Schlag an sein Innerstes dringen zu lassen. Ein Sohn der Heimat. – –

Der Hammerschmied blickte auf.

»Der hat's in sich. An dem können wir uns all ein Beispiel nehmen.«

Gustav Wiskotten nickte, klopfte auf den zähen Klotz, als klopfte er einem Schlachtroß die Flanken, dachte über die Worte des Alten nach und schritt weiter. Und immerfort dachte er auf seinem Wege an die Hammerschmiede im Wald, die man wohl niederreißen und neu errichten konnte. Aber der Inhalt, das Hauptstück, der Feuerklotz, der blieb wie er war.

Das Bild ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es machte ihn froh. Er versuchte, sich in die Seele des Holzes hineinzuleben. Die träumte gewiß von Freiheit und Glück und spürte es gar nicht, daß auf ihrer Hülle zwerghafte Geschöpfe herumschlugen und glühende Kohlen zum Brande entfachten. Die lebte ruhig und von keinem belauscht unter dem eisernen Holz ihr Leben für sich.

Plötzlich blieb er stehen und lachte vor sich hin. Ohne daß sich ein Muskel in seinem Gesicht regte.

So wie ihm jetzt, so mußte dem Eichenriesen zumute sein. –

Es wurde Abend. Als er aus dem Wald trat, sah er in der Ferne die Lichter der Stadt. Den Hut in den Nacken geschoben und die Stirn hoch, schritt er mit langen Schritten aus. Aus der Vorstadt drang ihm Kinderjauchzen entgegen. Leuchtende rote Punkte bewegten sich hin und her über die Straßen. Brachte man einen Fackelzug dar? Was war denn heute für ein Tag? Er rechnete nach, und nun fiel ihm ein, daß Martinstag war. ›Mäden‹ nannten ihn die Leute im Tal. Das war ein Kinderfesttag. Im letzten Jahr noch hatte er seinem Jungen und seinem Mädel aus Runkelrüben Laternen geschnitzelt mit greulichen Fratzen draußen und einem Lichtstumpf drinnen. Stolz hatten die Kinder an langen Stangen die Laternen vor das Haus der Großeltern getragen, und er hatte sie an den erregten Händchen gehalten und im Vorgarten mit ihnen das Martinslied gesungen, das Bettellied um Äpfel, Birnen und Nüsse. Vor allen Häusern wurde es gesungen, und die Runkelrübenlaternen grinsten vergnügt als Sterne des Kinderhimmels.

Ein Trupp kleiner Buben und aufkreischender Mädchen zog an ihm vorüber. Ihr helles Lied zog vor ihnen her.

»Mäden is en godden Mann,
Dä us godd wat gewen kann,
Die Äppel und die Beeren,
Die Nöte gont woll met – –«

Er musterte den Trupp mit brennenden Augen, als müßte er seine Kleinen darunter finden. Dann schlug er sich hastig in eine Nebenstraße. Aber auch hier der wimmelnde Kinderhimmel, der gellende Kindergesang.

»Trepp ow un aff,
Trepp ow un aff,
Tast man in den Nötesack,
Tast man nich donewen,
Ka's us godd wat gewen!«

Das hielt er nicht aus. Vor den lachenden, bettelnden Kinderstimmen ergriff er die Flucht. In seine Ohren hinein sangen ihm unaufhörlich die eignen Kinder, das ehrgeizige Kerlchen, der Gustav, und das süße Plappermäulchen, die kleine Emilie. Still! Still! Jetzt nicht – nur jetzt nicht ...

Da lag die Fabrik und sein Wohnhaus. Auch hier Kinder, Scharen von Kindern. Lachend und bettelnd sangen sie zu seinen Fenstern hinauf.

»Owen in dem Eck,
Do hängt dat lange Speck.
Gewet us dat lange,
Lok dat kotte hangen ...«

»Weg da! Donnerschlägers ihr!«

Wie ein aufgescheuchter Spatzenschwarm stob die kleine Bande auseinander und gab dem finsteren Mann den Torweg frei. Dann aber erklang atemlos und erregt der Spottvers hinter ihm her:

»Owen in dem Himmel,
Steht en witten Schimmel,
Steht drob geschrewen:
Gizzhals! Gizzhals! Gizzhals ...!«

Er ließ sie brüllen und ging mit hart hallenden Schritten über den Fabrikhof. Aus dem Dunkel der Gebäude löste sich ein Schatten und kam auf ihn zu.

»Mutter –?«

»Wo bist du gewesen? Wir haben dich den ganzen Tag gesucht. In der Wirkerei müssen heut Überstunden gemacht werden.«

»Freut mich. Ich will gleich ins Maschinenhaus.«

»Wo bist du gewesen, Gustav?«

»Spazieren.«

Sie griff nach seiner Hand, ohne Aufregung, aber mit festem Druck. »Gustav.«

»Was denn, Mutter ...«

»Du läufst sonst nich spazieren, wenn et hier auf den Nägeln brennt.«

»Will et auch gewiß nich wieder tun, Mutter«, lachte er über sie weg.

»Hat et wat – mit Emilie gegeben, Gustav?«

»Mit Emilie –? Die is in Düsseldorf.«

»Auf wie lang?«

»Mutter, ich weiß dat nich.«

Die Hand der alten Frau zitterte. Nur wenige Pulsschläge lang. Dann lag sie ruhig und fest in der Hand des Sohnes.

»Komm.«

»Wohin, Mutter?«

»Hinten hin, wo uns keiner sieht.«

In der Färberei war Feierabend gemacht. Schwarz und still ruhte sie aus. Nur die Wupper raunte ununterbrochen, unermüdlich an ihren Mauern. Mutter und Sohn gingen an ihr vorüber, schweigsam, sich an den harten Arbeitshänden haltend. Dann sperrte Gustav Wiskotten das Tor der neuen Färberei auf, drehte am Gashahn und machte Licht.

»Setz dich, Mutter, du bist müd'!«

»Ich hab' im Hof auf dich gewartet.«

»Brauchst um mich keine Angst zu haben, Mutter, ich komm' schon nich unter et Brennholz. Siehst du, da war im Wald so ein Eichenklotz –«

»Wat war da?«

»Ach, nix. Ich meint' nur so. Un nu sitzen wir beide ganz gemütlich auf der Färberkufe.«

»Kannst du sagen – weshalb die Emilie – weggegangen is?«

»Mutter – du verstehst dat nicht. Et is – et is wat Eheliches.«

»Ich hab' deinem Vater sechs Söhne zur Welt gebracht.«

Er haschte nach ihren Händen. Unbehilflich, ungeschickt. Liebkosungen waren zwischen Mutter und Sohn nicht gebräuchlich gewesen. Es würgte ihn im Halse. Ein paarmal öffnete er den Mund. Und endlich rang es sich nach oben.

»Gern, Mutter –?«

»Gern.«

Er beugte den Kopf und sah auf die von der Arbeit gebräunten Mutterhände.

»Ihr seid sehr glücklich gewesen, Vatter und du ...?«

»Unser Leben lang.«

»Sich an seinem Weib freuen, dat is doch keine Sünde, dat is doch auch eine Religion.«

»Dat tut man, aber man spricht nich davon.«

»Mutter, wir wollen von heut an nich mehr davon sprechen.«

»Sie wird wiederkommen, Gustav. Wer einmal Frau gewesen is, kommt wieder, und müßt' sie zu ihrem Mann in die Hölle.«

»Beten will sie für mich.«

»Man kann auch in der Hölle beten.«

Er stand auf und ging die Kufenreihen entlang. Die starke Frau blieb unbeweglich sitzen.

»Und wenn sie nich kommt? Denn holen – holen tu ich sie nicht! Freiwillig is sie gegangen, freiwillig muß sie wiederkommen. Oder meine Freud' traut sich bei ihr nicht mehr heraus. Un ich hab' doch sonst nix als die Arbeit.«

»Da hast du sehr viel, Gustav.«

Die Gasflamme knisterte und flackerte und ließ die Schatten von Mutter und Sohn breit den Arbeitsraum füllen. Durch die Fenster tönte das Raunen und Rauschen der schwarzen Wupper.

»Der alte Scharwächter hat die Hypothek gekündigt.«

»Is denn die ganze Familie doll geworden?« Die alte Frau brauste auf. Sie stand auf den Füßen und schien zu wachsen.

»Mutter, ich drück' ihn an die Wand! Paß auf! Dem soll sein Pastorsrock zu weit werden!«

»Un du sagst, du hätt'st keine Freud' im Leben?«

»Mutter! Du un ich!«

»Ich hab' noch Kraft in den Knochen. Laß den nur ankommen!«

»Et geht auf Tod und Leben! Mutter, un gerad' jetzt! Den Kampf kann ich brauchen!"

»Kann man immer, Gustav.«

Gustav Wiskotten blies den Atem durch die Nüstern. Er dachte an den Eichenklotz in der Waldhammerschmiede. Und auf einmal stand er und lachte hallend durch den leeren Raum.

»Wollen mal die Schlachtmusik probieren!«

Der Riemen flog über die Transmissionsscheibe, ein Hebeldruck, und fauchend und sausend setzte sich das Ungetüm in Bewegung. Von Dampfrohr zu Dampfrohr schritt Gustav Wiskotten und drehte die Krane auf. Zischend fuhr der Dampf heraus, quoll zu Massen und füllte vorwärts stürmend den Raum. Ein Stöhnen und ein Kämpfen, ein Jubilieren und eine Lust. Und in dem Lärm und Qualm der losgelösten Arbeitsgeister, die sich anschrien und anfeuerten, stand Gustav Wiskotten mit heißem Trotz in den Augen, dem Lebenstrotz, den er von seiner Mutter geerbt hatte, an den er sich anklammerte.

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