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Die Wildente

Henrik Ibsen: Die Wildente - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleDie Wildente
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen Sämtliche Werke
volumeVierter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
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created20071121
projectid35f40dab
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Fünfter Akt

Hjalmar Ekdals Atelier.

Ein kaltes, graues Morgenlicht fällt herein; nasser Schnee liegt auf den großen Scheiben des Dachfensters.

Gina, eine Latzschürze vor, kommt aus der Küche mit einem Staubbesen und einem Wischtuch und geht auf die Wohnstube zu. In demselben Augenblick kommt Hedwig schnell aus dem Flur herein.

Gina bleibt stehen. Na?

Hedwig. Ja, Mutter, ich glaube fast, er ist bei Relling unten –

Gina. Siehst Du wohl!

Hedwig. – denn die Portierfrau sagte, sie hätte gehört, daß Relling Stücker zwei mitgebracht hätte, als er nachts nach Hause kam.

Gina. Hab's mir doch gedacht.

Hedwig. Aber das nützt ja nichts, wenn er nicht zu uns heraufkommen mag.

Gina. Dann will ich doch wenigstens hinuntergehen und mit ihm reden.

Der alte Ekdal,in Schlafrock und Pantoffeln und mit brennender Pfeife, erscheint in der Tür seines Zimmers.

Ekdal. Du, Hjalmar –. Ist Hjalmar nicht zu Haus?

Gina. Nein, er ist wohl ausgegangen.

Ekdal. So früh? Und bei so einem blödsinnigen Schneegestöber? Na, ja; bitte sehr; ich kann ja auch meine Morgenpromenade allein machen. Er schiebt die Bodentür zur Seite; Hedwig hilft ihm; ergeht hinein; sie schließt die Tür hinter ihm.

Hedwig halblaut. Du, Mutter, wenn nun der arme Großvater hört, daß Vater von uns weg will.

Gina. Ach, Quark. Großvater darf kein Wort davon hören. Ein wahres Glück, daß er gestern bei dem Skandal nicht zu Hause war.

Hedwig. Ja, aber –

Gregers tritt durch die Flurtür ein.

Gregers. Na? Haben Sie ihn ausfindig gemacht?

Gina. Er soll unten bei Relling sein, heißt es.

Gregers. Bei Relling! Ist er wirklich mit den beiden Menschen aus gewesen?

Gina. Das wird er wohl.

Gregers. Ja, aber er, der die Einsamkeit so nötig hatte und die ernsthafte Sammlung –

Gina. Sie haben gut reden.

Relling tritt vom Flur herein.

Hedwig ihm entgegen. Ist Vater bei Ihnen?

Gina zugleich. Ist er da ?

Relling. Ja, freilich.

Hedwig. Und Sie sagen uns nichts!

Relling. Ja, ich bin ein Bie–iest! Aber erst hatte ich das andre Bie–iest im Zaum zu halten –, den Dämonischen natürlich; und dann schlief ich so fest, ein, daß –

Gina. Was sagt Ekdal heute?

Relling. Gar nichts sagt er.

Hedwig. Spricht er gar nicht?

Relling. Kein Sterbenswort.

Gregers. Na ja; das ist mir sehr begreiflich.

Gina. Aber was macht er denn?

Relling. Er liegt auf dem Sofa und schnarcht.

Gina. So? Ja, Ekdal kann fürchterlich schnarchen.

Hedwig. Er schläft? Er kann schlafen?

Relling. Ja, es hat ganz den Anschein.

Gregers. Ist zu begreifen; nach dem Seelenkampf, der seine Kräfte erschöpft hat –

Gina. Und dann ist er doch nicht dran gewöhnt, sich nachts ausm Haus herumzutreiben.

Hedwig. Mutter, vielleicht ist das gut, daß er schlafen kann.

Gina. Das denke ich auch. Aber dann brauchen wir ihn ja auch nicht so früh munter zu machen. Sie sollen bedankt sein, Relling. Nun muß ich aber erst das Haus ein bißchen rein und nett machen, und dann –. Komm, hilf mir, Hedwig.

Gina und Hedwig ab ins Wohnzimmer.

Gregers wendet sich Relling zu. Können Sie mir den geistigen Aufruhr erklären, der jetzt in Hjalmar vorgeht?

Relling. Ich habe wahrhaftig nichts davon bemerkt, daß ein geistiger Aufruhr in ihm vorgeht.

Gregers. Was! An einem solchen Wendepunkt, wo sein ganzes Leben eine neue Grundlage erhält –? Wie können Sie denken, daß eine Persönlichkeit wie Hjalmar –?

Relling. Ach, Persönlichkeit – der! Wenn er jemals Ansätze zu solchen Abnormitäten gehabt hat, die Sie Persönlichkeit nennen, so sind die Wurzeln mitsamt ihren Fasern schon in seinen Knabenjahren gründlich exstirpiert worden; das kann ich Ihnen versichern.

Gregers. Das wäre doch merkwürdig – bei der liebevollen Erziehung, die er genossen hat.

Relling. Bei den beiden verschrobenen, hysterischen Fräulein Tanten, meinen Sie?

Gregers. Ich kann Ihnen nur sagen, das waren Frauen, die die ideale Forderung nie in Vergessenheit geraten ließen, ja, jetzt werden Sie wieder einen Witz machen.

Relling. Nein, dazu bin ich nicht aufgelegt. Übrigens weiß ich ganz gut Bescheid; denn er hat allerlei gekohlt von diesen seinen »zween Seelenmüttern«. Aber ich glaube nicht, daß er ihnen Großes zu danken hat. Ekdals Unglück ist, daß er in seinem Kreise immer für ein Licht gehalten wurde –

Gregers. Und ist er das vielleicht nicht? In der Tiefe seines Innern, meine ich?

Relling. Ich habe nie etwas davon bemerkt. Daß sein Vater es glaubte –, das mag hingehen; denn der alte Leutnant ist ja Zeit seines Lebens ein Rindvieh gewesen.

Gregers. Er ist Zeit seines Lebens ein Mann mit einem Kindergemüt gewesen; das begreifen Sie eben nicht.

Relling. Na ja doch! Aber als nun der liebe, süße Hjalmar mit knapper Not Student geworden war, da galt er auch gleich unter seinen Kommilitonen wieder für das große Zukunftslicht. Hübsch war er ja, – das zog, – rot und weiß, – so wie die kleinen Mädchen die Burschen gerade gern haben; und weil er auch dies leichtgerührte Gemüt und das Herzgewinnende in der Stimme hatte, und weil er so schön verstand, die Verse und Gedanken anderer Leute zu deklamieren –

Gregers zornig. Sprechen Sie von Hjalmar Ekdal?

Relling. Mit Ihrer Erlaubnis – ja: denn so sieht es inwendig aus, das Götzenbild, vor dem Sie auf der Nase liegen.

Gregers. Ich bin doch, meine ich, auch nicht so ganz blind.

Relling. O doch; sehr weit davon sind Sie nicht. Denn sehen Sie, Sie sind auch ein kranker Mann.

Gregers. Da haben Sie recht.

Relling. I ja. Sie sind ein komplizierter Fall. Da ist zuerst dieses lästige Rechtschaffenheitsfieber; und dann, was schlimmer ist, – taumeln Sie fortwährend in einem Vergötterungsdelirium; immer müssen Sie etwas zu bewundern haben außerhalb Ihrer eigenen Angelegenheiten.

Gregers. Freilich muß ich das außerhalb meines eigenen Ichs suchen.

Relling. Aber Sie täuschen sich schandbar in den großen Wunderfliegen, die Sie um sich zu sehen und zu hören glauben. Sie sind wieder einmal in eine Häuslerstube geraten mit der idealen Forderung; hier im Hause wohnen keine solventen Leute.

Gregers. Wenn Sie nicht höher denken von Hjalmar Ekdal, wie kann es Ihnen dann Spaß machen, stets und ständig mit ihm zusammen zu sein?

Relling. Herrgott, ich bin doch nun einmal so etwas wie ein Doktor, zu meiner Schande sei es gesagt; und da muß ich mich wohl der armen Kranken annehmen, die hier mit im Hause wohnen.

Gregers. So! Ist Hjalmar Ekdal auch krank?

Relling. So ungefähr alle Menschen sind krank; leider.

Gregers. Und welche Kur wenden Sie bei Hjalmar an?

Relling. Meine gewöhnliche. Ich sorge dafür, die Lebenslüge in ihm aufrecht zu erhalten.

Gregers. Die Lebens – lüge? Habe ich recht gehört –?

Relling. Ja, ich sagte: die Lebenslüge. Denn sehen Sie, die Lebenslüge, die ist das stimulierende Prinzip.

Gregers. Darf ich fragen, mit was für einer Lebenslüge Hjalmar behaftet ist?

Relling. Da muß ich doch bitten. Solche Geheimnisse verrate ich Quacksalbern nicht. Sie wären imstande, ihn mir noch verdrehter zu machen. Aber die Methode ist probat. Ich habe sie auch bei Molvik angewandt. Den habe ich »dämonisch« gemacht. Das ist die Fontanelle, die ich ihm in den Nacken setzen mußte.

Gregers. Ist er denn nicht dämonisch?

Relling. Was, zum Teufel, heißt denn dämonisch? Das ist doch bloß so ein Kohl, den ich erfunden habe, um den Mann am Leben zu erhalten. Hätte ich das nicht getan, so wäre das arme, gute Schwein schon vor manchem lieben Jahr in Selbstverachtung und Verzweiflung zugrunde gegangen. Und nun erst der alte Leutnant! Der hat freilich sich seine Kur selbst erfunden.

Gregers. Leutnant Ekdal? Inwiefern?

Relling. Ja, was meinen Sie wohl, warum dieser Bärenjäger da unter dem Dach herumläuft und Kaninchen jagt?! Auf der ganzen Welt gibt es keinen glücklicheren Schützen als diesen alten Knaben, wenn er sich da drin in der Rumpelkammer herumtummeln kann. Die vier oder fünf vertrockneten Weihnachtsbäume, die er sich aufgehoben hat, die sind für ihn dasselbe wie der ganze, große, frische Höjdalswald. Der Hahn und die Hühner sind Auerhähne und -hennen in den Föhrenwipfeln; und die Kaninchen, die den Boden lang hupfen, das sind die Bären, mit denen er anbindet, der kühne Freiluftgreis.

Gregers. Ja, der unglückliche, alte Leutnant; er hat viel von den Idealen seiner Jugend herunterlassen müssen.

Relling. Ehe ich es vergesse, Herr Werle junior, – gebrauchen Sie doch nicht das Fremdwort: Ideale. Wir haben ja das gute deutsche Wort: Lügen.

Gregers. Meinen Sie, die beiden Dinge sind miteinander verwandt?

Relling. Ja, ungefähr wie Typhus und Faulfieber.

Gregers. Herr Doktor, ich ruhe nicht, bis ich Hjalmar aus Ihren Klauen gerettet habe.

Relling. Das wäre für ihn das größte Unglück. Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück. Zu Hedwig, die aus dem Wohnzimmer kommt. Na, kleine Wildentenmutter, jetzt will ich hinunter und sehen, ob Vater noch daliegt und über die merkwürdige Erfindung brütet.

Ab durch die Flurtür.

Gregers nähert sich Hedwig. Ich sehe Ihnen an, es ist noch nicht vollbracht.

Hedwig. Was? Ach, die Sache mit der Wildente. Nein.

Gregers. Kann es mir denken – die Seelenkraft ließ Sie im Stich, als es in die Tat umgesetzt werden sollte.

Hedwig. Nein, das ist es garnicht. Aber als ich heute früh aufwachte und an das dachte, worüber wir geredet hatten, da kam es mir so wunderlich vor.

Gregers. Wunderlich?

Hedwig. Ja, ich weiß nicht –. Gestern, im ersten Augenblick, schien mir etwas so Wunderschönes darin zu sein; aber nachdem ich geschlafen hatte, und wie es mir wieder einfiel, da kam es mir nicht als was Besonderes vor.

Gregers. Nun ja; wie hätten Sie hier denn auch aufwachsen können, ohne daß Sie innerlich etwas eingebüßt hätten!

Hedwig. Das ist mir alles gleich; wenn nur Vater heraufkommt –

Gregers. Ach, hätten Sie nur ein offenes Auge für das, was dem Leben seinen Wert gibt, – hätten Sie den echten, frohen Opfermut, dann würden Sie sehen, wie er zu Ihnen heraufkommt. – Aber noch glaube ich an Sie, Hedwig.

Ab durch die Flurtür.

Hedwig geht auf und ab; dann will sie hinaus in die Küche; in demselben Augenblick klopft es von innen an die Bodentür; Hedwig geht hin und öffnet ein wenig; der alte Ekdal kommt heraus; sie schiebt die Tür wieder zu.

Ekdal. Hm, es ist ein mäßiger Genuß, so allein spazieren zu gehen.

Hedwig. Hättest Du nicht Lust, auf Jagd zu gehen, Großvater?

Ekdal. Es ist kein Jagdwetter heut. Viel zu dunkel. Man kann kaum die Hand vor Augen sehen.

Hedwig. Hast Du nicht einmal Lust, auf etwas andres als auf Kaninchen zu schießen?

Ekdal. Die Kaninchen, die sind wohl vielleicht nicht gut genug?

Hedwig. Ja, aber erst die Wildente?

Ekdal. Ho – ho! Bist Du bange, daß ich Dir die Wildente totschieße? In meinem Leben nicht, Du. In meinem Leben nicht.

Hedwig. Nein, Du könntest es wohl auch nicht; denn es soll schwer sein, Wildenten zu schießen.

Ekdal. Könnte es nicht? Nun ob ich das kann!

Hedwig. Wie würdest Du es denn anfangen, Großvater – ich meine ja nicht bei meiner Wildente, sondern bei anderen?

Ekdal. Würde sehen, sie unter die Brust zu treffen, verstehst Du; denn das ist das sicherste. Und dann muß man gegen das Gefieder schießen, siehst Du, – nicht mit dem Gefieder.

Hedwig. Sterben sie dann, Großvater?

Ekdal. Natürlich sterben sie – wenn man richtig schießt. Na; muß wohl hinein und mich fein machen. Hm – weiß schon – hm.

Ab in sein Zimmer.

Hedwig wartet ein wenig, blickt verstohlen zur Stubentür, geht an das Regal, stellt sich auf die Zehen, nimmt die doppelläufige Pistole vom Brett und betrachtet sie.

Gina mit Staubbesen und Wischtuch kommt aus der Wohnstube. Hedwig legt die Pistole schnell und unbemerkt weg.

Gina. Steh nicht da und kram' in Vaters Sachen, Hedwig.

Hedwig geht vom Regal weg. Ich wollte bloß ein bißchen aufräumen.

Gina. Geh lieber in die Küche und sieh nach, ob der Kaffie warm bleibt; ich will das Brett mitnehmen, wenn ich zu ihm hinunter gehe.

Hedwig ab. Gina beginnt im Atelier zu fegen und rein zu machen. Nach einer Weile wird die Flurtür zögernd geöffnet, und Hjalmar sieht herein; er hat den Überzieher an, ist jedoch ohne Hut, ungewaschen, und sein Haar ist zerzaust und ungekämmt; die Augen sind blöde und matt.

Gina bleibt stehen, den Besen in der Hand, und sieht ihn an. Herrjeh, Ekdal, – kommst Du doch?

Hjalmar tritt ein und antwortet mit dumpfer Stimme: Ich komme – um gleich wieder zu verschwinden.

Gina. Na ja; kann mir es wohl denken. Aber Herrgott, – wie siehst Du denn aus!

Hjalmar. Wie ich aussehe?

Gina. Und nun erst Dein feiner Winterüberzieher! Na, der hat schön was abgekriegt.

Hedwig in der Küchentür. Mutter, soll ich –? Sieht Hjalmar, schreit laut auf vor Freude, läuft zu ihm. Ach Vater, Vater!

Hjalmar wendet sich weg und wehrt mit der Hand ab. Weg, weg, weg! Zu Gina. Schaff sie mir weg, sage ich!

Gina halblaut. Geh in die Wohnstube, Hedwig.

Hedwig geht still hinein.

Hjalmar geschäftig, zieht die Tischschublade aus. Ich muß meine Bücher mithaben. Wo sind meine Bücher?

Gina. Was für Bücher?

Hjalmar. Meine wissenschaftlichen Werke, natürlich, – die technischen Zeitschriften, die ich für die Erfindung brauche.

Gina sucht auf dem Bücherbrett. Sind's die hier, wo keine Deckels dran sind?

Hjalmar. Ja, gewiß.

Gina legt einen Stoß Hefte auf den Tisch. Soll Hedwig sie Dir nicht aufschneiden?

Hjalmar. Brauche kein Aufschneiden.

Kurze Pause.

Gina. Es bleibt also dabei, daß Du von uns wegziehst, Ekdal?

Hjalmar stöbert zwischen den Büchern. Das versteht sich doch, meine ich, ganz von selbst.

Gina. Na ja.

Hjalmar heftig. Ich kann mir doch nicht jeden Tag, Stunde für Stunde, einen Stich ins Herz versetzen lassen!

Gina. Gott verzeih' Dir, daß Du so etwas Abscheuliches von mir glauben kannst.

Hjalmar. Beweise mir –!

Gina. Mir scheint, Du solltest beweisen.

Hjalmar. Bei einer Vergangenheit wie der Deinen? Es gibt gewisse Ansprüche –; ich fühle mich versucht, sie ideale Ansprüche zu nennen –

Gina. Und Großvater? Was soll aus dem armen Kerl werden?

Hjalmar. Ich kenne meine Pflicht; der Hilflose geht mit mir. Ich will in die Stadt und Anstalten treffen –. Hm. – Zögernd. Hat keiner meinen Hut auf der Treppe gefunden?

Gina. Nein. Hast Du den Hut verloren?

Hjalmar. Ich hatte ihn natürlich auf, als ich nachts nach Hause kam; das ist zweifellos; aber heut konnte ich ihn nicht finden.

Gina. Herrjeh, wo bist Du denn bloß gewesen mit den beiden Bummelfritzen?

Hjalmar. Ach, frag' doch nicht nach so unwesentlichen Dingen. Glaubst Du, ich bin in der Stimmung, mich an Einzelheiten zu erinnern?

Gina. Wenn Du Dich nur nicht erkältet hast, Ekdal!

Ab in die Küche.

Hjalmar spricht halblaut und erbittert mit sich selbst, während er die Schublade leert: Du bist ein Schurke, Relling! – Ein Spitzbube bist Du! – Ah, niederträchtiger Verführer! – Wüßt' ich doch nur wen, der Dich meuchelte.

Er legt einige alte Briefe beiseite; findet das zerrissene Schriftstück vom vorhergehenden Tage, nimmt es und betrachtet die Stücke; legt sie hastig beiseite, als Gina kommt.

Gina stellt ein vollbesetztes Kaffeebrett auf den Tisch. Hier ist ein Schluck Warmes, wenn Du Appetit hast. Und auch Butterbrote und ein Stückchen Pökelfleisch.

Hjalmar blickt verstohlen nach dem Kaffeebrett. Pökelfleisch? Unter diesem Dache nimmermehr! Freilich habe ich seit fast vierundzwanzig Stunden keine konsistente Nahrung zu mir genommen; aber das ist egal. – Meine Aufzeichnungen! Meine angefangenen Lebenserinnerungen! Wo finde ich mein Tagebuch und meine wichtigen Papiere? Öffnet die Tür der Wohnstube, prallt aber zurück. Da ist sie schon wieder.

Gina. Ja, du lieber Gott, irgendwo muß das Kind doch sein.

Hjalmar. Geh heraus.

Er macht Platz. Hedwig kommt verschüchtert ins Atelier.

Hjalmar mit der Hand auf der Türklinke, sagt zu Gina: Während der letzten Augenblicke, die ich in meinem früheren Heim zubringe, wünsche ich von fremden Personen verschont zu bleiben –

Geht in die Stube.

Hedwig mit einem Satze auf ihre Mutter zu, fragt leise und bebend: Meint er mich?

Gina. Bleib in der Küche, Hedwig, oder nein, – geh lieber auf Deine eigene Kammer. Spricht zu Hjalmar, während sie zu ihm hineingeht: Wart' mal, Ekdal; wühl' nicht so in der Kommode herum; ich weiß, wo alles Zeugs liegt.

Hedwig steht einen Augenblick unbeweglich in Angst und Ratlosigkeit; sie beißt die Lippen zusammen, um die Tränen hinunterzuwürgen, dann ballt sie krampfhaft die Hände und sagt leise: Die Wildente!

Sie schleicht zum Regal und nimmt die Pistole herunter, öffnet die Bodentür ein wenig, schlüpft hinein und zieht die Tür hinter sich zu.

Hjalmar und Gina fangen im Wohnzimmer einen Wortwechsel an.

Hjalmar kommt mit Schreibheften und alten losen Papieren, die er auf den Tisch legt. Wie soll denn der Reisesack ausreichen! Ich muß ja doch tausenderlei Dinge mitschleppen!

Gina kommt hinterher mit dem Reisesack. Dann laß doch all das andere derweile liegen, und nimm bloß ein Hemd und ein paar Unterhosen mit.

Hjalmar. Puh, – diese anstrengenden Vorbereitungen –! Legt den Überzieher ab und wirft ihn aufs Sofa.

Gina. Und der Kaffee, der steht nun auch da und wird kalt.

Hjalmar. Hm –. Trinkt unwillkürlich einen Schluck und dann noch einen.

Gina wischt die Stuhllehnen ab. Das Schwerste wird wohl für Dich sein, so einen großen Boden für die Kaninchen zu finden.

Hjalmar. Was? Die Kaninchen, die soll ich auch alle mitschleppen?

Gina. Ja, der Alte kann doch nicht ohne Kaninchen sein, meine ich.

Hjalmar. Daran wird er sich wohl gewöhnen müssen. Es gibt höhere Lebensgüter, auf die ich verzichten muß, als Kaninchen.

Gina stäubt das Regal ab. Soll ich Dir die Flöte in den Reisesack tun?

Hjalmar. Nein. Keine Flöte. Aber gib mir die Pistole.

Gina. Die Pistole willst Du mitnehmen?

Hjalmar. Ja. Meine geladene Pistole.

Gina sucht sie. Die ist weg. Er muß sie mit hineingenommen haben.

Hjalmar. Ist er auf dem Boden?

Gina. Wahrscheinlich doch.

Hjalmar. Hm, – der einsame Greis.

Er nimmt ein Stück Butterbrot, ißt es und trinkt die Tasse aus.

Gina. Hätten wir nun die Stube nicht vermietet, so könntest Du da hineinziehen.

Hjalmar. Ich sollte unter einem Dach wohnen bleiben mit –! Nimmer-, nimmermehr!

Gina. Aber könntest Du denn nicht für einen Tag oder zwei in die Wohnstube ziehen? Da wärest Du doch ganz für Dich.

Hjalmar. Heraus aus diesen Mauern!

Gina. Na, wie wär's denn unten bei Relling und Molvik?

Hjalmar. Nenn mir nicht die Namen dieser Menschen! Mir vergeht der Appetit, wenn ich bloß an sie denke. – Ach nein, ich muß hinaus in Sturm und Schneewetter, – muß von Haus zu Haus gehen und ein Obdach suchen für Vater und mich.

Gina. Aber Du hast ja keinen Hut, Ekdal! Du hast den Hut ja verloren.

Hjalmar. O Ihr Schubijacke, – Ihr Lotterbuben. Ein Hut muß herbei. Nimmt ein zweites Stück Butterbrot. Das muß besorgt werden. Denn ich habe wirklich keine Lust, auch noch mein Leben dranzusetzen.

Sucht etwas auf dem Frühstücksbrett.

Gina. Was suchst Du denn?

Hjalmar. Butter.

Gina. Soll gleich da sein.

Geht in die Küche.

Hjalmar ruft ihr nach: Ach, ist nicht nötig; ich kann das Brot auch trocken essen.

Gina bringt eine Butterdose. Sieh mal – frisch gebuttert!

Sie schenkt ihm eine frische Tasse Kaffee ein; er setzt sich aufs Sofa, streicht noch mehr Butter aufs Butterbrot, ißt und trinkt eine Weile schweigend.

Hjalmar. Könnte ich wohl, ohne von jemand – wer es auch immer sei – behelligt zu werden, – einen Tag oder zwei da drin in der Stube wohnen?

Gina. Gewiß könntest Du das, wenn Du nur wolltest.

Hjalmar. Denn ich sehe gar keine Möglichkeit, Vaters ganze Sachen in solcher Geschwindigkeit wegzukriegen.

Gina. Und dann, – Du mußt ihm ja doch auch erst noch sagen, daß Du nicht länger mang uns leben willst.

Hjalmar schiebt die Kaffeetasse weg. Auch das, jawohl; diese ganzen verwickelten Verhältnisse von neuem durchkauen zu müssen –. Ich muß es mir überlegen; ich muß erst verpusten; alle die Lasten kann ich nicht an einem einzigen Tage tragen.

Gina. Nein, und noch dazu bei so einem Sauwetter wie das draußen.

Hjalmar nimmt Werles Brief. Ich sehe, das Papier, das treibt sich hier noch immer herum.

Gina. Ich hab's nicht angerührt.

Hjalmar. Mich geht der Lappen ja nichts an –

Gina. Na, ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, davon zu profetieren.

Hjalmar. – aber es ist auch nicht gerade nötig, daß er in Fetzen geht; – in der Unordnung meines Umzugs könnte er leicht –

Gina. Ich werde schon aufpassen, Ekdal.

Hjalmar. Der Schenkungsbrief gehört doch in erster Linie Vater; und es ist seine Sache, ob er Gebrauch davon machen will.

Gina seufzt. Ja, der arme, alte Vater –

Hjalmar. Der Sicherheit halber –. Wo finde ich etwas Kleister?

Gina geht ans Regal. Da steht der Kleistertopf.

Hjalmar. Und einen Pinsel?

Gina. Hier ist auch der Pinsel. Bringt ihm die Sachen.

Hjalmar nimmt eine Schere. Nur einen Streifen Papier auf die Rückseite –. Schneidet und kleistert. Fern sei es von mir, mich an fremdem Eigentum zu vergreifen, – und am allerwenigsten an dem eines bedürftigen Greises. Na, und an dem – anderer auch nicht. – So. Laß es vorläufig da liegen. Und wenn es trocken ist, so tu es weg. Ich will das Aktenstück nie mehr vor Augen sehen. Nie mehr!

Gregers tritt vom Flur her ein.

Gregers ein wenig verwundert. Was, – Du sitzt hier, Hjalmar?

Hjalmar steht rasch auf. Ich war vor Erschöpfung umgesunken.

Gregers. Du hast doch gefrühstückt, wie ich sehe.

Hjalmar. Auch der Körper fordert zuweilen sein Recht.

Gregers. Wozu bist Du nun entschlossen?

Hjalmar. Für einen Mann wie mich gibt es nur einen Weg. Ich bin im Begriff, meine nötigsten Sachen zusammenzuraffen. Aber Du wirst begreifen, – dazu gehört Zeit.

Gina etwas ungeduldig. Soll ich Dir nun die Stube in Ordnung bringen oder soll ich den Reisesack packen?

Hjalmar nach einem ärgerlichen Seitenblick auf Gregers. Packe, – und bring in Ordnung.

Gina nimmt den Reisesack. Na ja; so tue ich also das Hemd und das andere hinein. Geht in die Wohnstube und zieht die Tür hinter sich zu.

Gregers nach kurzer Pause. Nie hätte ich gedacht, daß es so enden würde. Liegt denn wirklich für Dich eine Notwendigkeit vor, Haus und Herd zu verlassen?

Hjalmar geht unruhig umher. Was, meinst Du denn, soll ich tun? – Ich bin nicht dazu veranlagt, unglücklich zu sein, Gregers. Um mich her muß alles schön und ruhig und friedlich sein.

Gregers. Aber das kann es ja doch! Versuch' es nur einmal. Mir scheint, hier ist jetzt fester Baugrund, – fang von vorn an. Und vergiß nicht, daß Du ja doch auch für die Erfindung zu leben hast.

Hjalmar. Ach sprich mir nicht von der Erfindung. Mit der hat es noch gute Weile.

Gregers. So?

Hjalmar. Ja, du lieber Gott, was in aller Welt soll ich denn erfinden? Die anderen haben ja doch das meiste schon vorher erfunden. Es wird von Tag zu Tag schwerer –

Gregers. Und Du hast doch so viel Arbeit darauf verwendet!

Hjalmar. Dieser Liederjan, der Relling war es, der mich dazu veranlaßt hat.

Gregers. Relling?

Hjalmar. Ja, der war es, der mich zuerst auf mein Talent für irgend eine bedeutsame photographische Erfindung aufmerksam machte.

Gregers. Aha, – das war Relling!

Hjalmar. Ach, ich bin so von Herzen glücklich darüber gewesen. Nicht so sehr wegen der Erfindung selbst, als weil Hedwig an sie glaubte, – an sie glaubte mit der ganzen Macht und Kraft ihrer Kinderseele. – Ja, das heißt – ich Narr habe mir immer eingebildet, daß sie daran glaubte!

Gregers. Hältst Du es wirklich für denkbar, daß Hedwig falsch gegen Dich gewesen ist?

Hjalmar. Jetzt halte ich alles für denkbar, was immer es sei! Hedwig steht im Wege. Sie wird mir die Sonne verdrängen aus meinem ganzen Leben.

Gregers. Hedwig! Hedwig meinst Du? Wie sollte sie Dir die Sonne verdrängen können?

Hjalmar ohne zu antworten. Wie unsagbar lieb habe ich das Kind gehabt! Wie unsagbar glücklich fühlte ich mich jedesmal, wenn ich heimkehrte in meine dürftige Stube, und sie mir mit ihren süßen, leis zwinkernden Augen entgegenflog. O ich argloser Tor! Ich liebte sie so namenlos; – und da dichtete und träumte ich mich in den Wahn hinein, daß auch sie mich namenlos wiederliebe.

Gregers. Und Du meinst, das wäre nur ein Wahn gewesen!

Hjalmar. Wie kann ich das wissen? Aus Gina kann ich ja nichts herausbringen. Und außerdem fehlt ihr ja doch jeder Sinn für die ideale Seite der Wirrungen. Aber ich fühle das Bedürfnis, mich Dir anzuvertrauen, Gregers. Dieser furchtbare Zweifel –; vielleicht hat Hedwig mich nie so recht von Herzen lieb gehabt.

Gregers. Dafür könntest Du möglicherweise einen Beweis erhalten. Horcht auf. Was ist das? Ich glaube, die Wildente schreit.

Hjalmar. Die Wildente schnattert. Vater ist auf dem Boden.

Gregers. So? Strahlt vor Freude. Ich sage, Du könntest unter Umständen einen Beweis dafür erhalten, daß die arme, verkannte Hedwig Dich lieb hat!

Hjalmar. Ach, was für einen Beweis kann sie mir geben! Ich darf an keine Versicherung von der Seite glauben.

Gregers. An Hedwig ist ganz gewiß kein Falsch.

Hjalmar. Ach, Gregers, gerade das ist nicht so sicher. Wer weiß, was Gina und diese Frau Sörby sich hier zuweilen ins Ohr gezischelt und getuschelt haben mögen? Und Hedwig, die hat feine Ohren. Vielleicht ist die Schenkung nicht einmal so unerwartet gekommen. Ich glaube so etwas gemerkt zu haben.

Gregers. Was für ein Geist ist denn in Dich gefahren!

Hjalmar. Mir sind die Augen aufgegangen. Paß nur auf; – Du wirst sehen, die Schenkung ist nur der Anfang. Frau Sörby hat immer für Hedwig so viel übrig gehabt; und jetzt steht es ja in ihrer Macht, für das Kind alles Erdenkliche zu tun. Sie können sie mir zu jeder Zeit und Stunde nehmen, wenn sie Lust haben.

Gregers. Hedwig verläßt Dich nun und nimmermehr.

Hjalmar. Halte das nur nicht für ausgemacht. Wenn die dastehen und ihr mit vollen Händen winken –? Ach, und ich habe sie doch so unsagbar geliebt! Ich habe doch mein höchstes Glück darin gefunden, sie behutsam an der Hand zu nehmen und sie zu leiten, wie man ein Kind, das sich im Dunkeln fürchtet, durch einen großen, öden Raum geleitet! – Jetzt fühle ich es mit der Qual der Gewißheit, – der arme Photograph im Dachstübchen ist ihr niemals wirklich und wahrhaftig etwas gewesen. Sie hat nur listig sich bemüht, so lange mit ihm auf gutem Fuße zu stehen, bis die Zeit gekommen wäre.

Gregers. Das glaubst Du ja selber nicht, Hjalmar.

Hjalmar. Das ist ja eben das Gräßliche, daß ich nicht weiß, was ich glauben soll, – daß ich es nie wissen werde. Aber kannst Du denn wirklich zweifeln, daß es sein muß, wie ich sage? Hoho! Du baust zu stark auf die ideale Forderung, mein guter Gregers! Wenn die anderen kämen – die mit den vollen Händen – und dem Kinde zuriefen: verlaß ihn – bei uns wartet Deiner das Leben –

Gregers schnell. Ja, und was dann –?

Hjalmar. Wenn ich sie dann fragte: Hedwig, bist Du bereit, das Leben für mich zu lassen? Lacht spöttisch. Ja, prost Mahlzeit – Du würdest schon hören, was für eine Antwort ich bekäme. Man hört einen Schuß fallen auf dem Boden.

Gregers laut vor Freude. Hjalmar!

Hjalmar. So; nun geht er auch noch auf die Jagd.

Gina tritt ein. Ujeh, Hjalmar, ich glaube gar, der Alte donnert da allein auf dem Boden herum.

Hjalmar. Ich will doch gleich sehen –

Gregers lebhaft, ergriffen. Einen Augenblick! Weißt Du, was das war?

Hjalmar. Natürlich weiß ich es.

Gregers. Nein, Du weißt es nicht. Aber ich weiß es. Es war der Beweis!

Hjalmar. Was für ein Beweis?

Gregers. Es war eine kindliche Opfertat. Sie hat Deinen Vater bewogen, die Wildente zu schießen.

Hjalmar. Die Wildente zu schießen!

Gina. Denk einer an –!

Hjalmar. Zu welchem Zweck?

Gregers. Sie wollte Dir das Beste opfern, was sie auf der Welt hat; denn sie meinte, dann müßtest Du sie wieder lieb haben.

Hjalmar weich, bewegt. Ach, das Kind!

Gina. Ja, auf was die nicht alles verfällt!

Gregers. Sie wollte nur Deine Liebe wieder haben, Hjalmar; ohne die meinte sie nicht leben zu können.

Gina kämpft mit den Tränen. Nun siehst Du es selbst, Ekdal.

Hjalmar. Gina, wo ist sie denn?

Gina schluchzend. Das arme Ding, – sie wird wohl draußen in der Küche sitzen.

Hjalmar geht hin, reißt die Küchentür auf und sagt: Hedwig, – komm! Komm herein zu mir. Sieht sich um. Nein, hier ist sie nicht.

Gina. Dann wird sie auf ihrem Kämmerchen sein.

Hjalmar draußen. Nein, da ist sie auch nicht. Kommt herein. Sie muß ausgegangen sein.

Gina. Ja, Du wolltest sie ja nirgendswo im Hause dulden.

Hjalmar. Ach, käme sie doch nur bald nach Hause, – so daß ich es ihr recht ordentlich sagen kann. – Jetzt wird alles gut, Gregers; denn jetzt können wir, glaube ich, ein neues Leben beginnen.

Gregers leise. Ich wußte es ja; durch das Kind würde die Wiederaufrichtung kommen.

Der alte Ekdal tritt in die Tür seines Zimmers; er ist in voller Uniform und damit beschäftigt, seinen Säbel umzuschnallen.

Hjalmar erstaunt. Vater! Da bist Du?!

Gina. Vater, haben Sie auf Ihrer Kammer geschossen?

Ekdal, entrüstet, tritt näher. So, Hjalmar? Du, Du gehst also allein auf die Jagd?

Hjalmar gespannt, verwirrt. Du warst es also nicht, der auf dem Boden geschossen hat?

Ekdal. Ich geschossen? Hm!

Gregers ruft Hjalmar zu: Du! Sie hat die Wildente selbst geschossen!

Hjalmar. Was soll das heißen?! Eilt an die Bodentür, reißt sie zur Seite, sieht hinein und schreit laut: Hedwig!

Gina läuft an die Tür. Jesus! Was ist das?

Hjalmar geht hinein. Sie liegt auf der Erde!

Gregers. Auf der Erde?! Hinein zu Hjalmar.

Gina zugleich. Hedwig! Drin auf dem Boden. Nein, nein, nein!

Ekdal. Hoho, – sie geht auch auf die Jägerei?

Hjalmar, Gina und Gregers schleppen Hedwig ins Atelier; in der herabhängenden Hand hält sie die Pistole zwischen den Fingern festgeklemmt.

Hjalmar verstört. Die Pistole ist losgegangen. Hedwig hat sich selbst getroffen. Ruft um Hilfe! – Hilfe!

Gina läuft auf den Flur hinaus und ruft hinunter: Relling! Relling! Herr Doktor Relling; machen Sie, kommen Sie herauf so rasch wie möglich!

Hjalmar und Gregers legen Hedwig aufs Sofa.

Ekdal leise. Der Wald rächt sich.

Hjalmar neben ihr auf den Knien. Nun kommt sie bald wieder zu sich. Nun kommt sie zu sich –; ja, ja, ja.

Gina, die wieder hereingekommen ist. Wo hat sie sich getroffen? Ich kann gar nichts sehen – –

Relling kommt eilig, und gleich nach ihm Molvik; letzterer ohne Weste und Halstuch, mit offenem Rock.

Relling. Was ist denn hier los?

Gina. Sie sagen, Hedwig hat auf sich geschossen.

Hjalmar. Komm her und hilf!

Relling. Auf sich geschossen! Rückt den Tisch beiseite und beginnt sie zu untersuchen.

Hjalmar liegt noch immer auf den Knien und sieht angstvoll zu ihm auf. Es kann doch nicht gefährlich sein? Was, Relling? Sie blutet ja fast gar nicht. Es kann doch nicht gefährlich sein?

Relling. Wie ist das zugegangen?

Hjalmar. Ach, was weiß ich –!

Gina. Sie wollte die Wildente schießen.

Relling. Die Wildente?

Hjalmar. Die Pistole muß losgegangen sein.

Relling. Hm. Ja so.

Ekdal. Der Wald rächt sich. Aber bange bin ich doch nicht. Geht auf den Boden und schließt die Tür hinter sich.

Hjalmar. Na, Relling, – warum sagst Du nichts?

Relling. Die Kugel ist in die Brust gegangen!

Hjalmar. Ja, aber Hedwig kommt doch zu sich?

Relling. Du siehst doch, daß sie nicht mehr lebt.

Gina bricht in Tränen aus. O, das Kind! Das Kind!

Gregers mit heiserer Stimme. Auf dem Meeresgrund –

Hjalmar springt auf. Doch, doch, sie muß leben! Ach, ich will es Dir auf den Knien danken, Relling, – nur einen einzigen Augenblick, – nur so lange, bis ich ihr gesagt habe, wie namenlos lieb ich sie in all der Zeit gehabt habe.

Relling. Ins Herz getroffen. Innere Verblutung. Sie war auf der Stelle tot.

Hjalmar. Und ich, ich habe sie wie ein Tier weggejagt! Und da kroch sie eingeschüchtert hinein auf den Boden und ging aus Liebe zu mir in den Tod. Schluchzend. Es nie wieder gutmachen zu können! Ihr nicht mehr sagen zu können –! Ballt die Fäuste und schreit nach oben: O, du da oben –! – Wenn du da bist! Warum hast du mir das getan!

Gina. Nicht doch, nicht doch! Vermeß Dir nicht so was Gräßliches. Wir hatten wohl nicht das Recht, sie zu behalten, denke ich mir.

Molvig. Das Kind ist nicht tot; es schläft.

Relling. Quatsch!

Hjalmar schweigt, geht an das Sofa und blickt mit gekreuzten Armen auf Hedwig. Wie sie daliegt, starr und still!

Relling sucht die Pistole zu entfernen. Sie sitzt so fest, so fest.

Gina. Nicht doch, nicht, Relling, – brechen Sie dem Kind nicht die Finger kaput. Lassen Sie die Pikstole sitzen.

Hjalmar. Sie soll sie mithaben.

Gina. Ja, laß sie ihr. Aber das Kind soll nicht hier liegen und paradieren. Sie soll auf ihre eigene Kammer; das soll sie. Faß an, Ekdal.

Gina und Hjalmar nehmen Hedwig zwischen sich.

Hjalmar, während sie tragen. Ach Gina, Gina, hältst Du das aus?!

Gina. Einer muß dem andern helfen. Denn jetzt, meine ich, gehört sie uns doch zu: Dir zur Hälfte und mir zur Hälfte.

Molvig streckt die Arme aus und murmelt: Gelobt sei der Herr; zu Staube sollst du werden; zu Staube sollst du werden –

Relling flüstert: Halt's Maul, Mensch; Du bist ja besoffen.

Gina und Hjalmar tragen die Leiche durch die Küchentür hinaus. Relling macht hinter ihnen zu. Molvik schleicht sich auf den Flur hinaus.

Relling geht zu Gregers und sagt: Das lasse ich mir doch von keinem aufbinden, daß das ein Fehlschuß gewesen ist.

Gregers, der schreckensstarr gestanden, in krampfhaften Zuckungen. Niemand kann sagen, wie das Entsetzliche geschehen ist.

Relling. Die Ladung hat die Taille versengt. Hedwig muß die Pistole direkt gegen die Brust gedrückt und dann abgefeuert haben.

Gregers. Sie ist nicht vergebens gestorben. Haben Sie gesehen, wie der Schmerz das Erhabene in ihm frei machte?

Relling. Erhaben werden die meisten, wenn sie in Trauer an einer Leiche stehen. Aber wie lange, glauben Sie, wird die Herrlichkeit bei ihm währen?

Gregers. Sollte sie nicht währen und wachsen mit seinem Leben?

Relling. Keine dreiviertel Jahr, und klein Hedwig ist für ihn nichts anderes als ein schönes Deklamationsthema.

Gregers. Und das unterstehen Sie sich von Hjalmar Ekdal zu sagen!

Relling. Wir wollen uns wieder sprechen, wenn das erste Gras auf ihrem Grabe verdorrt ist. Dann können Sie ihn geschwollen reden hören »von dem Kinde, das dem Vaterherzen zu früh entrissen ist«; dann sollen Sie einmal sehen, wie er sich einwickelt in Rührung und in Selbstbewunderung und in Mitleid mit sich selbst. Passen Sie nur auf!

Gregers. Wenn Sie recht haben, und ich habe unrecht, dann ist das Leben nicht wert gelebt zu werden.

Relling. Ach, das Leben könnte doch noch ganz schön sein, wenn wir nur Frieden hätten vor diesen famosen Gläubigern, die uns armen Leuten das Haus einlaufen mit der idealen Forderung.

Gregers sieht vor sich hin. Wenn das so ist, dann bin ich nur froh, daß ich nun einmal meine Bestimmung habe.

Relling. Mit Verlaub, – was ist denn Ihre Bestimmung?

Gregers im Begriff zu gehen. Der Dreizehnte bei Tisch zu sein.

Relling. Ach, das glaube der Teufel.

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