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Die Wildente

Henrik Ibsen: Die Wildente - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleDie Wildente
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen Sämtliche Werke
volumeVierter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
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created20071121
projectid35f40dab
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Zweiter Akt

Hjalmar Ekdals Atelier.

Man sieht dem Raum, der ziemlich groß ist, an, daß er ein Bodenzimmer ist. Rechts ein Schrägdach mit großen Glasscheiben, halb verdeckt von einem blauen Vorhang. Oben in der Ecke rechts die Eingangstür; vorn an derselben Seite eine Tür zur Wohnstube. An der Wand links sind ebenfalls zwei Türen und dazwischen ein eiserner Ofen. An der Rückwand ist eine breite Doppeltür, die so eingerichtet ist, daß ihre Teile zur Seite geschoben werden können. Das Atelier ist einfach, aber gemütlich eingerichtet und ausgestattet. Zwischen den Türen rechts, ein wenig von der Wand entfernt, steht ein Sofa mit einem Tisch und einigen Stühlen; auf dem Tisch eine brennende Lampe mit Schirm; im Ofenwinkel ein alter Lehnstuhl. Verschiedene photographische Apparate und Instrumente sind hier und da im Zimmer aufgestellt. An der Rückwand links von der Doppeltür steht ein Regal, worin einige Bücher, Schachteln, Flaschen mit Chemikalien, verschiedenartige Geräte, Werkzeuge und andere Gegenstände. Photographien und Kleinigkeiten wie Pinsel, Papier und ähnliches liegen auf dem Tische.

Gina sitzt auf einem Stuhl am Tisch und näht. Hedwig sitzt auf dem Sofa, die Hände vor den Augen, die Daumen in den Ohren, und liest in einem Buche.

Gina blickt ein paarmal, wie in geheimer Sorge, Hedwig verstohlen an; dann sagt sie: Hedwig!

Hedwig hört es nicht.

Gina lauter. Hedwig!

Hedwig nimmt die Hände fort und blickt auf. Ja, Mutter?

Gina. Hedchen, jetzt darfst Du aber nicht länger lesen.

Hedwig. Ach, Mutter, laß mich doch noch ein bißchen! Nur ein bißchen!

Gina. Nein, nein, Du sollst jetzt das Buch weglegen. Dein Vater mag das nicht; er liest des Abends auch nie.

Hedwig schlägt das Buch zu. Nein, Vater, der macht sich aus dem Lesen nicht viel.

Gina tut das Nähzeug weg und legt einen Bleistift und ein kleines Heft auf den Tisch. Weißt Du noch, wieviel wir heut für Butter ausgegeben haben?

Hedwig. Eine Krone und fünfundsechzig Oere.

Gina. Richtig. Notiert. Furchtbar, was hier im Haus für Butter draufgeht. Und dann für Schlackwurst und Käse – laß mal sehen – notiert – und dann für Schinken – hm – zählt zusammen. Das macht ja gleich –

Hedwig. Und das Bier kommt auch noch dazu.

Gina. Ja, versteht sich. Notiert. Es läuft ins Geld; aber es muß ja sein.

Hedwig. Dafür haben Du und ich ja doch auch kein warmes Mittagessen gebraucht, weil Vater aus war.

Gina. Ja; und das war gut. Na, und dann habe ich ja auch acht Kronen fünfzig für Photographien eingenommen.

Hedwig. Denk nur, – so viel war das!

Gina. Akkurat acht Kronen fünfzig.

Pause. Gina nimmt ihr Nähzeug wieder zur Hand. Hedwig nimmt Papier und Bleistift und fängt an, etwas zu zeichnen, mit der linken Hand die Augen beschattend.

Hedwig. Ist es nicht wundernett, Vater auf einem großen Diner beim reichen Herrn Werle zu wissen?

Gina. Das kannst Du doch nicht sagen, daß er beim reichen Herrn Werle ist. Der Sohn hat ihn doch holen lassen. Nach kurzer Pause. Mit dem alten Werle haben wir doch nichts zu schaffen.

Hedwig. Ich freue mich riesig drauf, wenn Vater nach Hause kommt. Denn er hat versprochen, er will Frau Sörby um etwas Gutes für mich bitten.

Gina. Ja, Du, glaub' man, in dem Haus, da gibt es Dir gute Sachen!

Hedwig immer zeichnend. Ein bißchen hungrig bin ich nun auch.

Der alte Ekdal mit einem Stoß Papiere unter dem Arm und einem anderen Paket in der Rocktasche, tritt durch die Flurtür ein.

Gina. Wie spät Sie heut nach Hause kommen, Großvater.

Ekdal. Das Kontor war zu. Mußte bei Gråberg warten. Und dann mußte ich durch – hm.

Hedwig. Haben sie Dir wieder etwas zum Abschreiben gegeben, Großvater?

Ekdal. Den ganzen Stoß hier. Sieh bloß mal.

Gina. Das ist ja fein.

Hedwig. Und in der Tasche hast Du auch noch ein Paket.

Ekdal. So? Ach was! Das ist weiter nichts. Stellt seinen Stock in den Winkel. Das gibt wieder für eine ganze Zeit Arbeit, das da, Gina. Zieht den einen Flügel der Tür hinten ein wenig zur Seite. Pst! Guckt einen Augenblick in den Raum und schiebt die Tür dann wieder vorsichtig zu. He – he! Sie schlafen schon, alle miteinander. Und sie hat sich in den Korb gelegt. He – he!

Hedwig. Bist Du sicher, Großvater, daß sie im Korb nicht friert?

Ekdal. I, was fällt Dir ein! Frieren! In der Masse Stroh? Geht nach der oberen Tür links. Wo sind die Streichhölzer?

Gina. Die Streichhölzer stehen auf der Kommode.

Ekdal ab in sein Zimmer.

Hedwig. Das ist wirklich gut, daß Großvater wieder die Masse Schreibarbeit bekommen hat.

Gina. Ja, der arme alte Vater. So verdient er sich doch wenigstens ein bißchen Taschengeld.

Hedwig. Und dann kann er nicht den ganzen Vormittag in der ekligen Madam Eriksen ihrer Kneipe sitzen.

Gina. Das auch, ja. Kurze Pause.

Hedwig. Glaubst Du, sie sind noch bei Tisch?

Gina. Das weiß der liebe Gott. Kann schon möglich sein.

Hedwig. Denk bloß, das viele gute Essen, das Vater kriegt. Ich bin sicher, er ist froh und vergnügt, wenn er kommt. Meinst Du nicht auch, Mutter?

Gina. Ja; aber, Du, wenn wir ihm nun noch erzählen könnten, daß wir die Stube vermietet haben.

Hedwig. Aber das ist heut nicht nötig.

Gina. Ach Du, das käme uns aber auch ganz zu paß. Und für uns hat die Stube doch keinen Zweck.

Hedwig. Nein, ich meine, es ist nicht nötig, weil Vater heut so wie so gut aufgelegt ist. Es ist besser, die Sache mit dem Zimmer, die bleibt für ein ander Mal.

Gina sieht hin zu ihr. Du freust Dich wohl, Vater was Gutes erzählen zu können, wenn er abends nach Hause kommt?

Hedwig. Ja, – weil es dann hier lustiger ist.

Gina sinnt vor sich hin. Ach ja! Ist auch wahr.

Der alte Ekdal kommt wieder herein und will durch die vorderste Tür links hinausgehen.

Gina wendet sich auf dem Stuhl halb um. Großvater, wollen Sie etwas in der Küche?

Ekdal. Will was, ja. Aber bleib nur sitzen. Ab.

Gina. Er wirtschaftet da draußen doch wohl nicht mit den glühenden Kohlen herum? Wartet einen Augenblick. Hedwig, sieh mal nach, was er da macht.

Ekdal kommt wieder mit einem kleinen Henkelkrug voll dampfenden Wassers.

Hedwig. Du holst Dir warmes Wasser, Großvater?

Ekdal. Jawohl – tu' ich. Brauch's zu was. Ich muß schreiben, und nun ist die Tinte dick geworden wie Brei, – hm.

Gina. Aber, Großvater, essen Sie doch erst Ihr Abendbrot. Ich habe es Ihnen ja hineingesetzt.

Ekdal. Aus dem Abendbrot, da mache ich mir nichts draus, Gina. Hab' riesig zu tun, sag' ich Dir. Ich will keinen drin haben in meiner Kammer. Keinen, – hm.

Ab in sein Zimmer. Gina und Hedwig wechseln Blicke.

Gina leise. Ahnst Du, woher er das Geld hat?

Hedwig. Er hat es gewiß von Gråberg.

Gina. Keine Idee. Gråberg schickt ja das Geld immer an mich.

Hedwig. Dann muß er irgendwo eine Flasche auf Borg genommen haben.

Gina. Armer Großvater; ihm borgt doch keiner was.

Hjalmar im Überzieher, mit grauem Filzhut, kommt von rechts.

Gina wirft das Nähzeug hin und steht auf. Aber, Ekdal, Du bist schon wieder da?

Hedwig gleichzeitig, springt auf. Nein, daß Du schon nach Haus kommst, Vater!

Hjalmar legt den Hut weg. Ja, es sind die meisten gegangen.

Hedwig. So zeitig?

Hjalmar. Ja, es war doch ein Diner.

Will den Überrock ausziehen.

Gina. Laß mich Dir helfen.

Hedwig. Mich auch. Sie ziehen ihm den Rock aus. Gina hängt ihn an der Rückwand auf.

Hedwig. Waren viel Leute da, Vater?

Hjalmar. Ach nein, nicht viel. Wir waren so etwa zwölf bis vierzehn Personen bei Tisch.

Gina. Und mit den allen hast Du geredet?

Hjalmar. O ja, ein bißchen; hauptsächlich hat mich aber Gregers in Beschlag genommen.

Gina. Ist Gregers noch immer so häßlich?

Hjalmar. Na, schön sieht er ja nicht gerade aus. – Ist der Alte schon zu Hause?

Hedwig. Ja, Großvater sitzt drin und schreibt.

Hjalmar. Hat er etwas gesagt?

Gina. Nein, was hätte er denn sagen sollen?

Hjalmar. Hat er nicht erzählt, daß –? Ich glaube gehört zu haben, er wäre bei Gråberg gewesen. Ich will ein bißchen zu ihm hineingehen.

Gina. Nee, nee, laß man –

Hjalmar. Wieso? Hat er gesagt, er will mich nicht drin haben?

Gina. Er will heut niemand drin haben –

Hedwig macht ein Zeichen. Hm – hm!

Gina merkt es nicht. – er ist hier gewesen und hat sich warmes Wasser geholt –

Hjalmar. Aha! nun sitzt er und –?

Gina. Wird schon so sein.

Hjalmar. Herrgott, – mein armer, alter, greiser Vater –! Ja, laßt ihn nur sitzen und sich recht ordentlich was zugute tun.

Der alte Ekdal im Hausrock mit brennender Tabakspfeife kommt aus seinem Zimmer.

Ekdal. Wieder da? 's war mir doch auch, als hört' ich Deine Stimme.

Hjalmar. Diesen Augenblick bin ich gekommen.

Ekdal. Du hast mich wohl nicht gesehen, Du?

Hjalmar. Nein; aber es hieß, Du wärst durchs Zimmer gegangen –; und da bin ich Dir nachgekommen.

Ekdal. Hm, nett von Dir, Hjalmar. – Was waren denn das eigentlich alles für Leute?

Hjalmar. O, so allerlei Leute. Da war der Kammerherr Flor und Kammerherr Balle und Kammerherr Kaspersen und Kammerherr Soundso; was weiß ich –

Ekdal nickt. Hast Du gehört, Gina! Er ist mit lauter Kammerherren zusammengewesen.

Gina. Ja, das geht jetzt riesig fein zu in dem Haus.

Hedwig. Haben die Kammerherren gesungen, Vater? Oder was vorgetragen?

Hjalmar. Nein, sie haben nur gekohlt. Und dann verlangten sie von mir, ich sollte ihnen was vordeklamieren; aber dazu kriegten sie mich nicht.

Ekdal. Kriegten sie Dich nicht?

Gina. Das hättest Du aber doch tun können.

Hjalmar. Nein; man braucht doch nicht gleich nach eines jeden Pfeife zu tanzen. Spaziert im Zimmer umher. Ich wenigstens tu's nicht.

Ekdal. I nein, Hjalmar, der ist nicht so ohne weiteres zu haben.

Hjalmar. Ich weiß nicht, warum gerade ich für die Unterhaltung sorgen soll, wenn ich einmal unter Menschen gehe. Laß die anderen sich doch anstrengen. Die Bande geht da von einer Futterstelle zur andern und frißt und säuft tagaus, tagein. So sollen sie sich auch hübsch nützlich machen für das viele gute Essen, das sie kriegen.

Gina. Das hast Du doch wohl nicht gesagt?

Hjalmar trällernd. Ho – ho – ho –; sie haben so allerhand zu hören bekommen.

Ekdal. Und das hast Du den Kammerherren ins Gesicht gesagt!

Hjalmar. Wird schon so gewesen sein. Hinwerfend. Und später hatten wir einen kleinen Disput über Tokajer.

Ekdal. Tokayer? Du, das ist ein feiner Wein!

Hjalmar bleibt stehen. Er kann fein sein. Aber ich will Dir sagen, nicht alle Jahrgänge sind gleich fein; es kommt ganz darauf an, wieviel Sonne die Trauben bekommen haben.

Gina. Nein, Du weißt aber auch alles, Ekdal.

Ekdal. Und darüber fingen sie zu disputieren an?

Hjalmar. Sie wollten's versuchen; aber dann wurde ihnen begreiflich gemacht, daß es mit den Kammerherren genau dasselbe wäre. Von denen wären auch nicht alle Jahrgänge gleich fein – wurde gesagt!

Gina. Nein, auf was Du nicht alles kommst!

Ekdal. He – he! Und das kriegten sie unter die Nase gerieben?

Hjalmar. Ins Gesicht kriegten sie's.

Ekdal. Du, Gina, er hat's den Kammerherren ins Gesicht gesagt.

Gina. Nein, denk nur, ins Gesicht.

Hjalmar. Ja, aber ich wünsche nicht, daß darüber gesprochen wird. So etwas erzählt man nicht weiter. Die ganze Sache verlief ja auch natürlich in aller Freundschaft. Es waren ja doch nette, gemütliche Leute; weshalb sollte ich sie denn verletzen? Nein!

Ekdal. Aber, ins Gesicht –

Hedwig schmeichelnd. Wie famos Du im Frack aussiehst. Der Frack kleidet Dich fein, Vater.

Hjalmar. Ja, nicht wahr? Und der hier paßt mir wirklich ganz großartig. Er sitzt wie angegossen; – vielleicht 'ne Idee zu eng unter'm Arm –; hilf mir, Hedwig. Zieht den Frack aus. Ich ziehe lieber die Jacke an. Wo ist die Jacke, Gina?

Gina. Da ist sie. Bringt die Jacke und hilft ihm.

Hjalmar. So! Vergiß nur nicht, daß Molvik den Frack gleich morgen früh wiederbekommt.

Gina legt den Frack hin. Wird schon besorgt.

Hjalmar reckt sich. Ah, das ist doch viel gemütlicher. Und so eine lose und bequeme Haustracht paßt auch besser zu meiner ganzen Erscheinung. Meinst Du nicht auch, Hedwig?

Hedwig. Ja, Vater!

Hjalmar. Besonders, wenn ich die Kravatte so in zwei flatternde Enden schlinge –; sieh mal, so –! – Was?

Hedwig. Ja, das steht gut zu dem Knebelbart und dem dichten, krausen Haar.

Hjalmar. Kraus möchte ich es eigentlich nicht nennen, eher noch lockig.

Hedwig. Ja, denn es ist so langgekraust.

Hjalmar. Eigentlich gelockt.

Hedwig nach kurzer Pause, zupft ihn an der Jacke. Vater!

Hjalmar. Na, was ist?

Hedwig. O, das weißt Du ganz gut.

Hjalmar. Ich weiß wirklich nicht; – nein.

Hedwig lachend und weinerlich. O doch, Vater; Du darfst mich jetzt nicht länger quälen!

Hjalmar. Aber was ist denn?

Hedwig rüttelt ihn. Unsinn! Gib es nur jetzt her, Vater! Du weißt doch – das Gute, das Du mir versprochen hast.

Hjalmar. Ach! Herrgott – daß ich das vergessen mußte!

Hedwig. Vater, Du willst mich nur necken. Schäm' Dich! Wo hast Du es denn?

Hjalmar. Ich habe es wahrhaftig vergessen. Aber wart' einmal! Ich habe doch noch etwas für Dich, Hedwig. Geht und sucht in den Fracktaschen.

Hedwig springt umher und klatscht in die Hände. Ach, Mutter, Mutter!

Gina. Siehst Du, wenn Du nur Geduld hast, so –

Hjalmar mit einem Papier. Sieh – da ist er.

Hedwig. Das da? Das ist ja bloß ein Stück Papier.

Hjalmar. Du, das ist der Speisezettel. Der ganze Speisezettel. Da steht »Menü«; das heißt Speisezettel.

Hedwig. Sonst hast Du nichts?

Hjalmar. Du hörst doch, das andere habe ich vergessen. Aber Du kannst mir auf mein Wort glauben: die Leckereien, die sind nur ein armseliges Vergnügen. Setz' Dich jetzt nur an den Tisch und lies die Karte vor: dann werde ich Dir beschreiben, wie die Gerichte schmecken. Da, – Hedwig.

Hedwig würgt die Tränen hinunter. Danke. Sie setzt sich, jedoch ohne zu lesen; Gina macht ihr Zeichen; Hjalmar merkt es.

Hjalmar geht im Zimmer umher. Ein Familienvater soll aber auch an die unglaublichsten Dinge denken; und vergißt er nur einmal die kleinste Kleinigkeit, gleich sieht er saure Mienen! Na, man gewöhnt sich auch an so etwas. Bleibt neben dem Alten am Ofen stehen. Hast Du heut abend da hinein geguckt, Vater?

Ekdal. Kannst Du Dir doch wohl denken. Sie ist in den Korb.

Hjalmar. So? In den Korb? Sie fängt also an, sich dran zu gewöhnen.

Ekdal. Ja, freilich; das habe ich doch vorausgesagt. Da sind nun aber doch einige kleine Sachen –

Hjalmar. Etliche Verbesserungen, ja.

Ekdal. Die aber doch gemacht werden müssen.

Hjalmar. Ja, reden wir ein bißchen von den Verbesserungen, Vater. Komm her, setzen wir uns aufs Sofa.

Ekdal. Schön! Hm! – Will aber erst noch die Pfeife stopfen; – muß sie wohl auch reinigen. Hm.

Ab in sein Zimmer.

Gina lächelt Hjalmar zu. Die Pfeife reinigen, Du!

Hjalmar. Na ja, ja, Gina, laß ihn nur –; den armen schiffbrüchigen Greis. – Ja, die Verbesserungen, – es ist das beste, wir machen sie gleich morgen.

Gina. Morgen wirst Du wohl keine Zeit haben, Ekdal.

Hedwig einfallend. O doch, Mutter.

Gina. – denn vergiß nicht die Kopien, die retussiert werden müssen. Die Leute haben schon so oft danach geschickt.

Hjalmar. So! Also wieder die Kopien! Die werden schon noch fertig. Sind vielleicht neue Bestellungen gekommen?

Gina. Leider nein; morgen habe ich bloß die beiden Porträts, wie Du weißt.

Hjalmar. Sonst nichts? Natürlich, wenn man die Hände in den Schoß legt –

Gina. Aber was soll ich denn tun? Ich meine, ich rücke es doch soviel wie möglich in die Zeitungen ein.

Hjalmar. Ach, in die Zeitungen, in die Zeitungen! Du siehst ja, was das nützt. Und wegen der Stube, da war wohl auch niemand da?

Gina. Nein, noch nicht.

Hjalmar. Das war ja zu erwarten. Wenn man sich nicht umtut, so –. Man muß sich ordentlich zusammennehmen, Gina!

Hedwig geht zu ihm. Soll ich Dir nicht die Flöte holen, Vater?

Hjalmar. Nein; keine Flöte; ich brauche keine Freuden auf dieser Welt. Geht umher. Ja, morgen will ich arbeiten, daß es 'ne Art hat. Daran soll es nicht fehlen. Ich werde arbeiten, soweit meine Kräfte reichen –

Gina. Aber liebster, bester Ekdal, so habe ich das ja gar nicht gemeint.

Hedwig. Vater, soll ich nicht eine Flasche Bier hereinholen?

Hjalmar. Nein, auf keinen Fall. Nur keine Umstände für mich. Bleibt stehen. Bier? – Hast Du von Bier gesprochen?

Hedwig lebhaft. Ja, Vater; schönes, frisches Bier.

Hjalmar. Na, – wenn Du durchaus willst, so hol' meinetwegen eine Flasche herein.

Gina. Ja, tu das; dann werden wir es uns gemütlich machen.

Hedwig läuft auf die Küchentür zu.

Hjalmar am Ofen, hält sie auf, sieht sie an, nimmt ihren Kopf in seine Hände und drückt sie an sich. Hedwig! Hedwig!

Hedwig froh und in Tränen. O, Du lieber Vater!

Hjalmar. Nein, nenn mich nicht so! Da hab' ich nun am Tisch des reichen Mannes gesessen und zugegriffen, – habe gesessen und geschwelgt an der strotzenden Tafel! – Und doch konnte ich –!

Gina am Tische sitzend. Ach, Unsinn, Unsinn, Ekdal.

Hjalmar. Doch! Aber Ihr dürft es nicht so genau mit mir nehmen. Ihr wißt ja, daß ich Euch doch lieb habe.

Hedwig umarmt ihn. Und wir haben Dich so furchtbar lieb, Vater!

Hjalmar. Und wenn ich dann und wann einmal ungemütlich sein sollte, so – Herrgott – so vergeßt nicht, daß ich ein Mann bin, der von einem Heer von Sorgen bestürmt wird. Na! Trocknet die Augen. Kein Bier in solchem Augenblick. Gib mir die Flöte.

Hedwig läuft an das Regal und holt sie.

Hjalmar. Danke schön! So ist es recht. Mit der Flöte in der Hand und mir zur Seite Ihr beiden – o!

Hedwig setzt sich zu Gina an den Tisch; Hjalmar geht auf und ab, setzt kräftig ein und spielt einen böhmischen Volkstanz, aber in langsamem, elegischem Tempo und mit gefühlvollem Vortrag.

Hjalmar bricht ab im Spiel, reicht Gina die linke Hand und sagt bewegt: Mag's immerhin eng und ärmlich unter unserem Dache sein, Gina – es ist doch eine Heimstatt. Und ich sage Euch: hier ist gut sein!

Beginnt wieder zu spielen; gleich darauf klopft es an der Flurtür.

Gina steht auf. Still, Ekdal, – ich glaube, es kommt wer.

Hjalmar legt die Flöte auf das Regal. Was ist denn nun schon wieder!

Gina geht und öffnet die Tür.

Gregers Werle draußen auf dem Flur. Verzeihung –

Gina weicht ein wenig zurück. Oh!

Gregers. – wohnt hier nicht der Photograph Ekdal?

Gina. Jawohl.

Hjalmar geht an die Tür. Gregers? Du bist es doch? Na, so komm nur herein.

Gregers tritt ein. Ich habe Dir ja gesagt, ich würde bei Dir vorsprechen.

Hjalmar. Aber heut abend noch –? Du hast die Gesellschaft verlassen?

Gregers. Die Gesellschaft sowohl wie mein väterliches Haus. – Guten Abend, Frau Ekdal. Ich weiß nicht, ob Sie mich noch kennen?

Gina. O ja, der junge Herr Werle ist nicht so schwer zu erkennen.

Gregers. Nein; ich sehe ja meiner Mutter ähnlich; und ihrer entsinnen Sie sich wohl.

Hjalmar. Du hast das Haus verlassen, sagst Du?

Gregers. Jawohl, ich bin in ein Hotel gezogen.

Hjalmar. Ja, so. Na, da Du nun einmal da bist, so leg' ab und nimm Platz.

Gregers. Danke sehr.

Legt den Überzieher ab. Er hat sich umgekleidet und trägt einen einfachen grauen Tuchanzug von ländlichem Schnitt.

Hjalmar. Komm her, aufs Sofa. Mach' es Dir bequem.

Gregers setzt sich aufs Sofa, Hjalmar auf einen Stuhl am Tisch.

Gregers sieht sich im Zimmer um. Hier also hausest Du, Hjalmar. Hier also wohnst Du.

Hjalmar. Das hier ist das Atelier, wie Du wohl siehst –

Gina. Aber hier ist mehr Platz, und deshalb halten wir uns am liebsten hier auf.

Hjalmar. Früher wohnten wir besser; aber diese Wohnung hat einen großen Vorzug: hier sind prächtige Nebengelasse –

Gina. Und dann haben wir auf der andern Seite des Flurs eine Stube, die wir vermieten können.

Gregers zu Hjalmar. So, so, – Du hast auch Aftermieter?

Hjalmar. Nein, noch nicht. Das geht nicht so rasch, sieh mal. Man muß sich umtun. Zu Hedwig. Aber, Du, wo bleibt denn das Bier?

Hedwig nickt und geht in die Küche.

Gregers. Das ist also Deine Tochter?

Hjalmar. Ja, das ist Hedwig.

Gregers. Und sie ist Euer einziges Kind?

Hjalmar. Sie ist das einzige, jawohl. Sie ist auf der Welt unsere höchste Freude, und – senkt die Stimme – sie ist auch unser tiefster Schmerz, Gregers.

Gregers. Was sagst Du da!

Hjalmar. Ja, Gregers; denn es besteht die drohende Gefahr, daß sie das Augenlicht verlieren wird.

Gregers. Blind wird!

Hjalmar. Ja. Bis jetzt sind nur die ersten Anzeichen zu spüren; und es kann ja auch noch eine ganze Weile gut gehen. Aber der Arzt hat es uns vorausgesagt. Es ist unabwendbar.

Gregers. Das ist ja ein schreckliches Unglück. Wie hat sie das bekommen?

Hjalmar seufzt. Wahrscheinlich durch Vererbung.

Gregers betroffen. Vererbung?

Gina. Ekdals Mutter hatte auch schwache Augen.

Hjalmar. Ja, das sagt Vater; ich kann mich ihrer ja nicht entsinnen.

Gregers. Armes Kind. Und wie trägt sie's?

Hjalmar. Ach, Du kannst Dir wohl denken, daß wir's nicht übers Herz bringen, ihr so etwas zu sagen. Sie hat keine Ahnung von der Gefahr. Froh und sorglos und zwitschernd wie ein kleiner Vogel flattert sie hinein in die ewige Nacht des Lebens. Überwältigt. O, das ist namenlos hart für mich, Gregers.

Hedwig bringt einen Präsentierteller mit Bier und Gläsern und stellt ihn auf den Tisch.

Hjalmar ihr Haar streichelnd. Danke, danke, Hedwig.

Hedwig schlingt den Arm um seinen Hals und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Hjalmar. Nein. Butterbrot jetzt nicht. Mit einem Blick auf Gregers. Oder vielleicht nimmt Gregers einen Bissen?

Gregers ablehnend. Nein, nein, danke.

Hjalmar noch immer wehmütig. Na, bring man doch ein bißchen. Wenn Du eine Kante hättest, so wär' es mir lieb. Und spar' mir nur ja die Butter nicht, Du.

Hedwig nickt vergnügt und geht wieder in die Küche.

Gregers, der ihr mit den Blicken gefolgt ist. Sonst sieht sie recht frisch und gesund aus, finde ich.

Gina. Sonst hat sie ja auch, Gott sei Dank, kein Manko nicht.

Gregers. Sie wird Ihnen gewiß mit der Zeit ähnlich werden, Frau Ekdal. Wie alt ist sie jetzt eigentlich?

Gina. Hedwig ist nun bald akkurat vierzehn Jahre. Sie hat übermorgen Geburtstag.

Gregers. Dann ist sie ziemlich groß für ihr Alter.

Gina. Ja, im letzten Jahr ist sie mächtig in die Höhe geschossen.

Gregers. An denen, die heranwachsen, sieht man am besten, wie alt man selber wird. – Wie lange sind Sie nun schon verheiratet?

Gina. Verheiratet sind wir jetzt so die –; jawohl, bald fünfzehn Jahre.

Gregers. Denken Sie nur an, so lange schon!

Gina wird aufmerksam; sieht ihn an. Jawohl – allerdings.

Hjalmar. Ja, gewiß. Es fehlen ein paar Monate an fünfzehn Jahren. Geht darüber hinweg. Dir muß die Zeit da oben auf dem Werk recht lang geworden sein, Gregers.

Gregers. Jawohl, – während ich sie durchlebte; – jetzt hinterher weiß ich kaum, wo die Zeit geblieben ist.

Der alte Ekdal kommt aus seinem Zimmer, ohne Pfeife, aber mit seiner alten Militärmütze auf dem Kopfe; sein Gang ist ein wenig unsicher.

Ekdal. So, Hjalmar, nun können wir uns setzen und über die Geschichte reden – hm. Was ist denn das da?

Hjalmar geht ihm entgegen. Vater, da ist wer. Gregers Werle –. Ich weiß nicht, ob Du Dich seiner noch erinnerst.

Ekdal sieht Gregers an, der aufgestanden ist. Werle? Ist das der Sohn, das? Was will er von mir?

Hjalmar. Nichts. Er besucht mich.

Ekdal. Na, dann ist also weiter nichts los?

Hjalmar. Kein Gedanke – nein.

Ekdal schwingt die Arme. Nicht deswegen, siehst Du. Ich bin nicht bange, aber –

Gregers geht auf ihn zu. Ich wollte Sie nur von den alten Jagdgründen grüßen, Herr Leutnant.

Ekdal. Jagdgründen?

Gregers. Jawohl, beim Höjdalswerk da oben.

Ekdal. Ach so, da oben. Ja, da war ich gut bekannt dazumal.

Gregers. Sie waren damals ein gewaltiger Jäger.

Ekdal. I freilich. Wird wohl so sein. Sie sehen die Montur an. Ich frage keinen um Erlaubnis, ob ich sie hier drin tragen darf. Wenn ich nur nicht damit auf die Straße gehe, so –

Hedwig bringt einen Teller mit Butterbrot, den sie auf den Tisch stellt.

Hjalmar. Nun setz' Dich, Vater, und nimm ein Glas Bier. Bitte, Gregers.

Ekdal murmelt etwas und stolpert nach dem Sofa. Gregers setzt sich auf den ihm zunächst stehenden Stuhl, Hjalmar an Gregers' andere Seite. Gina sitzt ein wenig vom Tische entfernt und näht. Hedwig steht bei ihrem Vater.

Gregers. Wissen Sie noch, Herr Leutnant, wie Hjalmar und ich da oben zu Ihnen auf Besuch kamen im Sommer und um die Weihnachtszeit?

Ekdal. So? Taten Sie das? Nein, nein, nein, – habe keine Ahnung. Aber darf schon sagen, bin 'n scharfer Jäger gewesen. Habe auch Bären geschossen. Habe an die neun Stück geschossen.

Gregers sieht ihn teilnehmend an. Und nun gehen Sie gar nicht mehr auf die Jagd.

Ekdal. O, sagen Sie das nicht, mein Lieber. Tu schon noch jagen ab und zu mal. Freilich nicht auf die Art! Denn der Wald, sehen Sie, – der Wald, der Wald –! Trinkt. Was macht der Wald? Ist er schön?

Gregers. Nicht so stolz als wie zu Ihrer Zeit. Er ist stark gelichtet.

Ekdal. Gelichtet? Leiser, gleichsam ängstlich. Das ist 'n gefährliches Geschäft. Das bleibt nicht ohne Folgen. Der Wald, der hat Rache.

Hjalmar füllt ihm das Glas. Bitt' schön, Vater; noch einen Schluck.

Gregers. Wie kann ein Mann wie Sie – so ein Freiluftmensch – mitten in einer qualmigen Stadt, zwischen vier engen Wänden leben?

Ekdal kichert und zwinkert zu Hjalmar hinüber. Ach, hier ist es so übel nicht. Gar nicht so übel.

Gregers. Aber wo ist hier das zu finden, womit Ihr Herz verwachsen ist? Die frische, erquickende Luft, das freie Leben im Walde und auf der Halde, unter Wild und Vögeln –?

Ekdal lächelt. Hjalmar, wollen wir's ihm zeigen?

Hjalmar schnell und ein wenig verlegen. Ach nein, Vater, nein; heut nicht.

Gregers. Was will er mir zeigen?

Hjalmar. Ach, es ist weiter nichts –; Du siehst es schon noch ein ander Mal.

Gregers fährt, zum Alten gewendet, fort. Was ich eigentlich sagen wollte, Herr Leutnant: Sie sollten mit mir da hinauf kommen; denn ich reise schon bald wieder ab. Sie können da auch Schreibarbeit bekommen. Und hier haben Sie ja doch absolut nichts, was Sie trösten oder erquicken könnte.

Ekdal starrt ihn erstaunt an. Ich habe absolut nichts, was – –!

Gregers. Na ja, Sie haben Hjalmar; aber der hat doch wieder seine Familie. Und ein Mann wie Sie, der sich immer hingezogen fühlte zu allem Freien und Urwüchsigen –

Ekdal schlägt auf den Tisch. Hjalmar, nun soll er es sehen!

Hjalmar. Vater, so laß doch, – wozu denn? Es ist ja dunkel –

Ekdal. Unsinn! Es ist doch Mondschein. Steht auf. Er soll es sehen, sage ich. Laß mich durch. Komm, Hjalmar, und hilf mir!

Hedwig. Ach ja, tu's, Vater!

Hjalmar steht auf. Na, meinetwegen.

Gregers zu Gina. Was ist denn eigentlich?

Gina. Ach, glauben Sie nur nicht, daß es weiter was Besonderes ist.

Ekdal und Hjalmar sind zur Rückwand gegangen und schieben von der Tür jeder einen Flügel zur Seite; Hedwig hilft dem Alten; Gregers bleibt am Sofa stehen; Gina näht unbekümmert weiter. Durch die Türöffnung wird ein großer, langgestreckter Bodenraum von unregelmäßiger Gestalt mit Gewinkel und ein paar freistehenden Schornsteinen sichtbar. Dachluken, durch die das klare Mondlicht auf einzelne Teile des großen Raumes fällt; andere liegen in tiefem Schatten.

Ekdal zu Gregers. Dürfen schon näher treten, Sie!

Gregers geht zu ihnen. Was ist denn das eigentlich ?

Ekdal. Können ja selbst nachsehen! Hm!

Hjalmar ein wenig verlegen. Das gehört Vater, weißt Du.

Gregers an der Tür, sieht in den Bodenraum. Sie halten ja Hühner, Herr Leutnant!

Ekdal. Und ob wir Hühner halten! Sie sind jetzt ausgeflogen. Aber Sie sollten die Hühner nur mal bei Tage sehen, Sie!

Hedwig. Und dann ist auch – –

Ekdal. Pst – pst! Noch nichts sagen.

Gregers. Und Tauben, sehe ich, haben Sie auch.

Ekdal. O ja! Werden schon auch Tauben haben! Die haben ihre Brutkästen da oben unter der Dachtraufe; denn die Tauben, die wollen gern recht hoch sitzen, wissen Sie.

Hjalmar. Das ist auch nicht alles eine gewöhnliche Sorte Tauben.

Ekdal. Gewöhnliche Sorte! Meiner Treu, nein. Wir haben Tummler; und ein paar Kropftauben haben wir auch. Aber kommen Sie nur her! Sehen Sie den Kasten da hinten an der Wand?

Gregers. Ja, wozu brauchen Sie den?

Ekdal. Da liegen die Kaninchen des Nachts, mein Lieber.

Gregers. So? Kaninchen haben Sie auch?

Ekdal. Donnerwetter ja, das können Sie sich doch denken, daß wir Kaninchen haben. Du, Hjalmar, er fragt, ob wir Kaninchen haben! Hm! Aber nun kommt das Wahre, sehen Sie. Nun kommt es! Geh Weg da, Hedwig. Stellen Sie sich hierher; so; ja, – und nun sehen Sie da hinunter. – Sehen Sie da nicht einen Korb mit Stroh drin?

Gregers. Ja. Und ich sehe, es liegt ein Vogel im Korb.

Ekdal. Hm! – »ein Vogel« –

Gregers. Ist das nicht eine Ente?

Ekdal verletzt. Wird schon so sein.

Hjalmar. Aber was für eine Ente, glaubst Du?

Hedwig. Das ist keine gemeine Ente –

Ekdal. Pst!

Gregers. Und eine türkische Ente ist es auch nicht.

Ekdal. Nein, Herr – Werle; das ist keine türkische Ente; denn das ist eine Wildente.

Gregers. Wirklich? Eine wilde Ente?

Ekdal. Jaha, so ist's. Der »Vogel«, wie Sie sagten, – der ist eine Wildente. Unsere Wildente, mein Lieber.

Hedwig. Meine Wildente. Denn mir gehört sie.

Gregers. Und die kann hier oben auf dem Boden leben? Und gedeihen?

Ekdal. Natürlich hat sie einen Trog mit Wasser, wo sie drin planschen kann.

Hjalmar. Einen Tag um den anderen kriegt sie frisches Wasser.

Gina wendet sich zu Hjalmar. Aber lieber Ekdal, Du, es wird hier eiskalt.

Ekdal. Hm, dann wollen wir zumachen. Lohnt sich auch nicht, sie in der Nachtruhe zu stören. Faß an, Hedwig.

Hjalmar und Hedwig schieben die Bodentür zu.

Ekdal. Ein ander Mal können Sie sich sie ordentlich ansehen. Setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen. Sie, glauben Sie man, die Wildenten, das ist was ganz Merkwürdiges.

Gregers. Wie haben Sie sie denn nur gefangen, Herr Leutnant?

Ekdal. Habe sie gar nicht gefangen. Wir verdanken sie hier wem in der Stadt.

Gregers stutzt ein wenig. Doch wohl nicht etwa meinem Vater?

Ekdal. Gewiß doch. Dem und keinem sonst. Hm.

Hjalmar. Es ist doch komisch, Gregers, wie Du das erraten konntest.

Gregers. Du hast mir ja schon erzählt, daß Du meinem Vater so mancherlei verdankst; und da dachte ich mir so –

Gina. Aber wir haben die Ente nicht von Herrn Werle selbst –

Ekdal. Deshalb verdanken wir sie Håken Werle doch, Gina. Zu Gregers. Er war mit seinem Boot draußen, wissen Sie, und da schoß er auf sie. Aber er hat doch man schwache Augen, Ihr Vater. Hm; und da wurde sie nur angeschossen.

Gregers. Na ja; sie hat ein paar Schrotkörner abgekriegt.

Hjalmar. Ja, vielleicht drei oder vier Stück.

Hedwig. Sie hat sie unter den Flügel gekriegt und da konnte sie nicht fliegen.

Gregers. Und da ging sie wohl in die Tiefe?

Ekdal schläfrig mit schwerer Zunge. Ist doch natürlich. Machen die Wildenten immer. Sinken, – bis es nicht mehr weiter geht, mein Lieber; – beißen sich fest in Tang und Algen – und dem Teufelszeug, das sonst noch da unten ist. Und dann kommen sie nie wieder herauf.

Gregers. Aber Ihre Wildente ist doch wieder heraufgekommen, Herr Leutnant.

Ekdal. Er hatte so einen fabelhaft scharfen Hund, Ihr Vater. – Und der Hund – der tauchte nach und holte die Ente wieder herauf.

Gregers zu Hjalmar gewendet. Und da habt Ihr sie bekommen?

Hjalmar. Nicht gleich; erst kam sie zu Deinem Vater ins Haus; aber da wollte sie nicht recht gedeihen. Und da erhielt Pettersen den Auftrag, sie zu schlachten–

Ekdal halb im Schlaf. Hm – ja, Pettersen – der Schafskopf –

Hjalmar spricht leiser. Auf diesem Wege, siehst Du, haben wir sie bekommen; denn Vater kennt Pettersen ein bißchen; und als er die Geschichte mit der Wildente hörte, da setzte er es durch, daß sie ihm überlassen wurde.

Gregers. Und da drin auf dem Boden, da gedeiht sie nun famos?

Hjalmar. Na, und ob! Sie ist fett geworden. Na, nun ist sie ja auch schon so lange da drin, daß sie das alte wilde Leben ganz vergessen hat. Und das ist ja doch die Hauptsache.

Gregers. Da hast Du ganz recht, Hjalmar. Laß sie nur nicht einmal Himmel und Meer sehen –. Aber jetzt darf ich nicht länger bleiben; denn ich glaube, Dein Vater schläft.

Hjalmar. Ach, deshalb –

Gregers. Richtig, ja, – hast Du nicht gesagt, Du hättest ein Zimmer zu vermieten, – ein unbewohntes Zimmer?

Hjalmar. Ja. Was ist damit? Weißt Du vielleicht wen –?

Gregers. Kann ich das Zimmer haben?

Hjalmar. Du?

Gina. Nicht doch –, Herr Werle –

Gregers. Kann ich das Zimmer haben? Dann ziehe ich gleich morgen früh ein.

Hjalmar. Aber mit dem größten Vergnügen –

Gina. Nicht doch, Herr Werle, das ist gar kein Zimmer für Sie.

Hjalmar. Aber Gina, wie kannst Du nur so etwas sagen?

Gina. Doch. Denn das Zimmer ist weder groß genug, noch hell genug, und –

Gregers. Das kommt nicht so genau drauf an, Frau Ekdal.

Hjalmar. Ich sollte doch meinen, es ist ein ganz hübsches Zimmer; und auch gar nicht so übel möbliert.

Gina. Aber vergiß nicht die beiden, die drunter wohnen.

Gregers. Was sind denn das für Leute?

Gina. Ach, einer, der Hauslehrer gewesen ist, –

Hjalmar. Ein gewisser Kandidat Molvik.

Gina. – und dann ein Doktor, der Relling heißt.

Gregers. Relling? Den kenne ich oberflächlich; er hat eine Zeitlang oben auf Höjdal praktiziert.

Gina. Das sind so recht ein paar weitläuftige Mannsbilder. Abends gehen sie oft auf den Bummel, und dann kommen sie nachts mächtig spät nach Haus, und da sind sie nicht immer so –

Gregers. An so etwas gewöhnt man sich bald. Ich hoffe, es geht mir, wie der Wildente –

Gina. Hm, ich meine, Sie sollten es noch erst eine Nacht überschlafen.

Gregers. Sie nehmen mich wohl sehr ungern ins Haus, Frau Ekdal?

Gina. I Gott, wie können Sie so was glauben?

Hjalmar. Ja, es ist wirklich sonderbar von Dir, Gina. Zu Gregers. Doch sag' mal, Du gedenkst nun fürs erste in der Stadt zu bleiben?

Gregers zieht seinen Überzieher an. Ja, ich gedenke jetzt hier zu bleiben.

Hjalmar. Aber nicht in Deinem väterlichen Hause? Was willst Du denn anfangen?

Gregers. Ja, Du, wenn ich das nur wüßte – dann wäre ich nicht so übel dran. Aber wenn man das Kreuz hat, Gregers zu heißen – »Gregers« – und auch noch »Werle«; Du, hast Du schon mal so etwas Ekliges gehört?

Hjalmar. Ach, das finde ich gar nicht.

Gregers. Äh! Pfui! Ich hätte Lust, den Kerl anzuspucken, der so heißt. Aber wenn man nun einmal das Kreuz hat, Gregers – Werle zu sein auf dieser Welt, wie ich es bin –

Hjalmar lacht. Haha, wenn Du nicht Gregers Werle wärst, was möchtest Du denn sonst sein?

Gregers. Hätte ich die Wahl, so möchte ich am liebsten ein flinker Hund sein.

Gina. Ein Hund!

Hedwig unwillkürlich. Ach nein?!

Gregers. Ja, ein Hund, ein rechter Ausbund von Flinkheit, so einer, der untertaucht nach Wildenten, wenn sie sinken und sich in Tang und Algen festbeißen unten im Morast.

Hjalmar. Weißt Du was, Gregers, – davon verstehe ich keine Silbe.

Gregers. Ach, einen besonderen Sinn hat es auch nicht. Na, also morgen früh – ziehe ich ein. Zu Gina. Viel Arbeit werden Sie mit mir nicht haben; denn ich mache alles selbst. Zu Hjalmar. Morgen reden wir weiter. – Gute Nacht, Frau Ekdal. Nickt Hedwig zu. Gute Nacht!

Gina. Gute Nacht, Herr Werle.

Hedwig. Gute Nacht.

Hjalmar, der ein Licht angezündet hat. Einen Augenblick, ich will Dir leuchten; es ist gewiß dunkel auf der Treppe.

Gregers und Hjalmar ab durch die Flurtür.

Gina sieht vor sich hin, das Nähzeug im Schoß. War das nicht ein wunderlicher Schnack, er möchte gern ein Hund sein?

Hedwig. Ich will Dir etwas sagen, Mutter, – ich glaube, er hat etwas andres damit gemeint.

Gina. Was sollte denn das gewesen sein?

Hedwig. Das weiß ich nicht; aber es war, wie wenn er etwas andres meinte, als was er sagte – die ganze Zeit.

Gina. Glaubst Du? Ja, sonderbar war's.

Hjalmar kommt zurück. Die Lampe brannte noch. Löscht das Licht aus und stellt es weg. Na, endlich kann man einen Bissen zu sich nehmen. Fängt an, Butterbrot zu essen. Na, siehst Du, Gina, – wenn man sich nur umtut, so –

Gina. Wieso umtut?

Hjalmar. Ja, ist es denn nicht ein Glück, daß wir die Stube endlich einmal vermietet haben. Und denk nur, – an einen Menschen wie Gregers, – an einen alten, guten Freund.

Gina. Ja, ich – ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

Hedwig. Ach Mutter, Du sollst sehen, wie nett es wird!

Hjalmar. Du bist aber auch sonderbar. Zuerst warst Du wie versessen drauf, die Stube los zu werden; und nun ist es Dir nicht recht.

Gina. Ja, Ekdal, – wenn es bloß ein andrer gewesen wäre, so –. Aber was glaubst Du, wird der alte Werle sagen?

Hjalmar. Der alte Werle? Was kümmert den das?!

Gina. Aber Du kannst Dir doch denken, daß es zwischen denen wieder 'nen Krach gegeben hat, wenn der junge das Haus verläßt. Du weißt ja, wie die beiden miteinander stehen.

Hjalmar. Ja, mag sein, aber –

Gina. Und nun glaubt am Ende der Alte, Du steckst dahinter –

Hjalmar. So laß ihn glauben, was er will! Der alte Werle hat furchtbar viel für mich getan. Herrgott ja, – das erkenne ich an. Aber deshalb kann ich mich doch nicht für ewige Zeiten von ihm abhängig machen.

Gina. Aber, bester Ekdal, vielleicht muß Großvater dran glauben; am Ende verliert er nun das kleine bißchen Verdienst, das er bei Gråberg hat.

Hjalmar. Fast hätte ich gesagt: wenn es doch so käme! Ist es nicht demütigend für einen Mann wie mich, seinen alten grauen Vater wie einen Ausgestoßenen herumlaufen zu sehen? Aber nun ist bald die Zeit erfüllt, denke ich. Nimmt ein frisches Butterbrot. Habe ich einmal eine Aufgabe im Leben, so führe ich sie auch durch!

Hedwig. Ach ja, Vater! Tu das!

Gina. Pst; weck ihn man nicht auf!

Hjalmar leiser. Ich werde sie durchführen, sage ich. Es wird schon einmal der Tag kommen, da –. Und deshalb ist es gut, daß wir das Zimmer vermietet haben; denn so bin ich unabhängiger gestellt. Und das muß der Mann sein, der eine Aufgabe im Leben hat. Nach dem Lehnstuhl hin, bewegt. Armer, alter, greiser Vater. – Vertraue Du nur Deinem Hjalmar. – Der hat breite Schultern; – kraftvolle Schultern wenigstens. – Eines schönen Tages wirst Du erwachen und –. Zu Gina. Glaubst Du es vielleicht nicht?

Gina steht auf. Ja, gewiß, doch; aber erst wollen wir sehen, wie wir ihn in die Klappe kriegen.

Hjalmar. Ja, das wollen wir.

Sie fassen den Alten behutsam an.

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