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Die wilde Jagd

Paul Scheerbart: Die wilde Jagd - Kapitel 8
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typenovelette
booktitleDie wilde Jagd
titleDie wilde Jagd
authorPaul Scheerbart
year1900
sendersolbach@dwelle.de
firstpub1900
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RASEREI!

Geister, die auf einem schrägen Glasdach immer weiter runterrutschen und in der Dunkelheit die große Angst vor dem Unbekannten empfinden, sehen in der Ferne weiße Punkte aufleuchten.

Die weißen Punkte werden größer, und die Geister erkennen, daß sich weiße Vögel ihnen nahen – leuchtende Vögel.

Die Vögel sind sehr groß, und in ihren großen Krallen haben sie große blanke Scheren. Molchköpfe haben die Vögel, und sie sagen zu den Geistern mit glucksender Stimme: »Wenn Ihr wollt, so könnt Ihr jetzt selbständig werden; mit unsern blanken Scheren können wir die Spinngewebefäden, die Euch an Eure Sterne fesseln, zerschneiden.«

Die Geister rufen natürlich: »Los! Los! Schneidet nur zu!« Da werden die Vögel so leuchtend hell, daß wieder die glitzernden Fäden zu sehen sind – und die werden dann gleich eifrig von den Vögeln entzweigeschnitten; die Scheren klappern wie in einem großen Friseurladen; es sind wohl einige hundert Scheren in Bewegung.

Und die Geister sind frei!

Und sie jauchzen und schweben gleich hoch in die Luft hinauf – und in die nächste Sternenwelt hinein.

Die Sternschwere ist fort, und die Geister sausen dahin wie flinke Kometen – nur noch flinker.

Alles Lästige ist fort.

Frei sind die Geister.

Und dahin schießen sie – bald so schnell wie Billionen Orkane zusammen.

Die Sterne flitzen nur so vorüber, daß die Geister bald gar nicht mehr sehen, an was für Sternen sie vorüberjagen.

Die Geister haben gar keine Zeit, sich das Aussehen der Sterne anzusehen – ob die eckig, rund oder schlauchförmig, scheibenartig oder wie Trichter sind – ist ja saumäßig piepe den freien Weltjägern, die nur empfinden wollen, daß sie frei sind – und hinschießen können, wohin's ihnen paßt.

Und sie wollen hinaus in die freiste Welt – dorthin, wo's keine Sternwelten mehr gibt.

Und die Sterne bilden für ein paar Augenblicke glitzernde Fäden rechts und links von den Geistern – so schnell schießen die dahin.

Und dann sind die Geister in einer Weltgegend, die frei von allen Sternen ist – alle großen Sternwelten zusammen bilden da bald bloß einen kleinen Lichtpunkt – und auch der verschwindet.

Und es ist finster, und Knipo wird zum Anführer der zehntausend ernannt.

Jetzt glauben die Geister, sie könnten aus einer Weltecke in die andre fahren; und sie setzen dem Knipo auseinander, daß er ihnen sämtliche Weltwunder zeigen müsse.

Knipo meint, er möchte wohl zunächst alle unsichtbaren Weltwunder sehen.

Doch auch die absoluteste Freiheit hat ihre Schranken – die Geister können das für sie Unsichtbare nicht erblicken.

Da schlägt Knipo vor, die großen bunten Gasräume zu besichtigen.

Und sie fliegen wieder raus aus der Finsternis – wieder an unzähligen Sternen vorüber, die ungeheure Polypen sind und grade die Absicht haben, sich gegenseitig die langen Beine auszureißen.

Wie die Polypen immerzu die Farben wechseln!

Aber die Geister haben keine Zeit, dem Spiele zuzuschauen – und an manchen anderen Sternschauspielen fliegen sie ebenso schnell vorüber, daß schließlich rechts und links von ihnen wiederum nur noch bunte Streifen aufflammen – so schnell rast die wilde Jagd dahin.

Und es durchrauscht die Geister eine wilde heiße Seligkeit – jetzt endlich können sie sich austoben – durch die ganze unendliche Welt durch – immerzu im rasenden Tempo durch und durch gehen – alles steht ihnen offen.

Und so kommen die Geister in die Gasräume- und da geht's aus grüner Luft in rote – und aus der roten in die bunten Lüfte – und aus den bunten in die weißen und gelben.

Aber es geht wieder so schnell, daß sie die einzelnen Gasräume nur ganz flüchtig kennenlernen – kaum bleiben ihnen Geruchserinnerungen haften. – – –

Und die hastigen Weltdurchstürmer empfinden ihre Freiheit nicht mehr als ein reines Glück – es geht alles zu schnell – und sie fragen sich schon, ob sie für solch freies Leben auch geschaffen sind – es wird ihnen bereits das Hastige, das naturgemäß in jeder Freiheit steckt, zu einer Art Qual.

Aber Knipo hat schon wieder einen Plan: er will die große Götterallee kennenlernen, von der er schon mal wo gehört haben will – da soll die kolossalste Bildhauerkunst zu sehen sein.

Und sie kommen auch dahin und erblicken dort unmäßig große Standbilder, von denen die Geister immer nur kleine Partien sehen. Ganz unmöglich erscheint es den Hastigen, sich auch nur eine ungefähre Vorstellung von dieser kosmischen Skulptur zu bilden; so viel Zeit lassen sie sich eben nicht.

Auch hier geht's wieder mit Blitzesschnelligkeit durch ach – viel schneller, als alle Blitze, die's geben könnte, zusammen – so schnell, daß selbst diese Götterbilder zu Lichtstreifen werden.

Und der gelbe Geist schreit plötzlich laut auf: »Sollten wir nicht unsre Kugelsterne unterschätzt haben?«

Die rasende Hast wirkt so zerstörend; feinere Genüsse dringen gar nicht durch. –

Und sie kommen zu den größten Riesen, die's in der Welt gibt.

Die Riesen schlafen grade und schnarchen; das Schnarchen hört sich wie ein wahnsinniges Orkangeheul an.

Die Geister bemerken mit den Augen nur gewaltig hohe steile Felsenwände, die Knipo für Fußsohlen halten will.....Die ganze Welt erscheint den zehntausend bloß ein großes Buch zu sein, in dem sie blättern, aber nicht lesen dürfen; nicht mal die Bilder können sie sich ansehen. –

Knipo kriegt den Einfall, daß sie sich neue Sinne besorgen müßten, um diesen vermaledeiten »Weltkrempel« besser durchschauen zu können.

Und hinter sechs luftleeren Räumen bekommen die Geister die neuen Sinne.

Indessen jetzt geht alles noch viel schneller als bisher; sie wissen nichts Rechtes mit den neuen Sinnen anzufangen, da sie doch nicht gelernt haben, mit ihnen umzugehen; sie lassen sich auch nicht die Zeit, die neuen Sinne zu schärfen und sich anzupassen.

Und so sind sie schließlich froh, wie sie ihre alten Sinne wieder haben.

Durch andre Verwandlungen werden die tollen Geister ebenfalls nicht klüger. –

»Sollte dieses Götterleben«, sagt Knipo in einer smaragdgrünen Weltecke, die dick wie Teer ist, »nicht ein wenig verfrüht in unserem Weltleben sein? Aus reiner Blasiertheit könnte ich beinahe wieder fesselsüchtig werden. Die Unbenutzbarkeit und die Unübersehbarkeit der neuen Geschichten hat mich so blasiert gemacht, daß ich mich demnächst für ein Steinwesen halten werde. Hol der Teufel dieses Götterleben!«

Man stutzt bei dem Worte »Teufel«, aber es erfolgt doch eine lebhafte Zustimmung im ganzen Zuge!

Es dauert nur nicht lange, so redet der gelbe Geist von der Fabrik neuer Weltkräfte mit einer hinreißenden Lebendigkeit.

»Da müssen wir mal hin!« ruft er aufgeregt, »alte Narren denken natürlich, die Schwerkraft und manche andre Kraft fülle die halbe Welt. Und dabei ist die halbe Welt noch weniger denkbar als die ganze. Die Kräfte reichen nicht so weit. Tatsache bleibt es jedenfalls, daß noch unsäglich viele neue Kräfte fabriziert werden – und für die muß doch Platz gemacht werden.«

Und die unternehmungslustigen Geister rasen durch Schlangen- und Trichtersterne durch – und kommen in die Fabrik.

Diese Fabrik ist nun leider so maßlos groß, daß die armen Geister gar nicht verstehen, was sie da sehen – ihre Eindrücke empfinden sie teils als fleckige, teils als strichförmige Feuergebilde – viel mehr unterscheiden sie nicht.

»Dies ist die unüberwindliche Raserei!« ruft der alte Geist.

Und keiner versteht, was der Alte damit sagen will – der aber redet weiter von der Vergänglichkeit aller Empfindungen. –

Und die zehntausend sehen plötzlich neben einem unendlich scheinenden Schornstein lange Geisterzüge vorbeischweben – und die sind ganz still – wie die Windstille nach dem Orkan.

»Es ist die schnelle Fahrt so anstrengend!«

Also rufen viele seufzend aus. –

Knipo will, wie sie aus der Fabrik nicht klug werden, die Weltenschöpfer kennenlernen, die ganz weit, weit hinten in der Unendlichkeit wohnen – in dieser Unendlichkeit in der niemand ein Ende findet – in keiner Richtung.

Und die zehntausend finden die Weltenschöpfer und sehen sie da sitzen und Sterne formen- wie große Töpfer so kommt's wenigstens den Geistern vor- sie wissen wohl, daß sie sich täuschen könnten – jedoch der Eindruck ist immerhin da.

Und die alleswollenden Geister möchten auch so gerne mal Sterne formen.

Ein Großer will's ihnen erlauben, wenn sie imstande sein sollten, eine neue Sternform zu erfinden, die's noch nicht gibt.

Aber sie können nichts Neues erfinden – das Neue ist so grauenhaft schwer auszudenken – läßt sich auch nicht so leicht entdecken. –

Da werden die Geister allmählich wütend und wollen auf einmal alles vernichten.

Jedoch selbst hier ist wieder ein Riegel vor die Türe der Freiheit geschoben: vernichten darf der, der nichts Neues machen kann, in keinem Fall.

»Verdammte Freiheit!« brüllen die Wütenden.

Und sie fliegen durch eine verzerrte Hohnwelt durch – in der alles Hohn ist – das absolute Karikaturenviertel!

Ein grausiges Gelächter durchbrüllt jenes Viertel fast unaufhörlich – nur wenn neue Sonnen kommen, wird's still.

Und alle merken hier, daß sie so roh geworden sind – so roh – wie Ungeheuer, die die unendliche Welt nur für ihre Speisekammer halten. –

Es ergreift die zehntausend Heimweh.

Und sie wollen durch den nächsten Symbolraum durch – auf dem kürzesten Wege – nach Hause. –

Der Symbolraum erscheint ihnen ganz leer – wie ein ausgeraubtes Haus, das zerfällt.

Eine zinnoberrote Eidechse von imposanter Gestalt springt aus einem meilenlangen Fenster, versperrt den Weg und sagt eifrig: »Vergeßt nicht, daß alle Sterne zusammengenommen und alles Denkbare zusammengenommen, so sehr wir's auch vergrößern mögen, der Unendlichkeit gegenüber immer wieder bloß einen mathematischen Punkt bilden – der alles hat – nur keine Ausdehnung.«

Die zinnoberrote Eidechse platzt und steigt als Feuerregen empor.

Und die Geister fühlen, daß sie noch nicht reif zur Freiheit sind.

Sie können das freie Leben nicht aushalten. –

Und in rasender Hast geht's zurück – durch all die vielen Weltgegenden zurück – zu jener kleinen Ecke, in der jene Kugelsterne leben, mit denen die gehetzten zehntausend einstmals zusammenhingen.

Und kaum sehen sie in der Ferne die Kugelsterne, so wird's auch gleich wieder sehr hell vor ihren Geisteraugen – und sie erblicken wieder mal nach langer, langer Zeit die Spinngewebefäden, die alle straffgespannt in parallelen Linien von den Geistern zu den Kugelsternen hinführen.

Die Scheren der weißen Vögel sind offenbar nicht scharf genug gewesen.

Molchgesichter gucken oben aus grauen Wolken herunter und schmunzeln.

Und die zehntausend fühlen wieder die alte Sternschwere auf ihren Schultern.

Und die Heimkehrenden atmen auf, als wären sie erlöst.

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