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Die Welt von Gestern

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern - Kapitel 13
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Welt von Gestern
publisherDeutscher Bücherbund
year1981
firstpub1944
correctorJosef Muehlgassner
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Im Herzen Europas

Als zu Ostern 1917 meine Tragödie ›Jeremias‹ in Buchform erschien, erlebte ich eine Überraschung. Ich hatte sie innerlich in erbittertstem Widerstand gegen die Zeit geschrieben und mußte darum erbitterten Widerstand erwarten. Aber genau das Gegenteil ereignete sich. Von dem Buche wurden zwanzigtausend Exemplare sofort verkauft, eine für ein Buchdrama phantastische Zahl; nicht nur die Freunde wie Romain Rolland setzten sich öffentlich dafür ein, sondern auch jene, die vordem eher auf der anderen Seite gestanden wie Rathenau und Richard Dehmel. Direktoren von Theatern, denen das Drama gar nicht eingereicht worden war – eine deutsche Aufführung während des Krieges blieb doch undenkbar – schrieben mir und baten mich, ihnen die Uraufführung zu reservieren für die Friedenszeit; selbst die Opposition der Kriegerischen zeigte sich höflich und respektvoll. Alles hatte ich erwartet, nur nicht dies.

Was war geschehen? Nichts anderes als daß der Krieg eben schon zweieinhalb Jahre andauerte: die Zeit hat ihr Werk grausamer Ernüchterung getan. Nach dem furchtbaren Aderlaß auf den Schlachtfeldern begann das Fieber zu weichen. Die Menschen sahen mit kälteren, härteren Augen dem Krieg ins Gesicht als in den ersten Monaten der Begeisterung. Das Gefühl der Solidarität begann sich zu lockern, denn von der großen ›sittlichen Reinigung‹, die von den Philosophen und Dichtern überschwenglich verkündigt worden war, nahm man nicht mehr das geringste wahr. Ein tiefer Riß ging durch das ganze Volk; das Land war gleichsam in zwei verschiedene Welten zerfallen, vorne die der Soldaten, die kämpften und das Grauenhafteste an Entbehrung erlitten, rückwärts die der Zuhausegebliebenen, die sorglos weiterlebten, die Theater bevölkerten und an dem Elend der anderen noch verdienten. Front und Hinterland profilierten sich immer schärfer gegeneinander. Durch die Türen der Ämter hatte sich in hundert Masken ein wüstes Protektionswesen eingeschlichen; man wußte, daß Leute durch Geld oder gute Konnexionen einträgliche Lieferungen bekamen, während schon halbzerschossene Bauern oder Arbeiter immer wieder in die Schützengräben getrieben wurden. Jeder begann darum sich rücksichtslos zu helfen, soweit er nur konnte. Die notwendigen Gebrauchsgegenstände wurden dank eines schamlosen Zwischenhandels täglich teurer, die Lebensmittel kärglicher, und über dem grauen Sumpf des Massenelends phosphoreszierte wie ein Irrlicht der aufreizende Luxus der Kriegsgewinnler. Ein erbittertes Mißtrauen begann allmählich die Bevölkerung zu erfassen – Mißtrauen gegen das Geld, das immer mehr an Wert verlor, Mißtrauen gegen die Generäle, die Offiziere, die Diplomaten, Mißtrauen gegen jede Verlautbarung des Staats und Generalstabs, Mißtrauen gegen die Zeitungen und ihre Nachrichten, Mißtrauen gegen den Krieg selbst und seine Notwendigkeit. Es war also keineswegs die dichterische Leistung meines Buches, die ihm den überraschenden Erfolg gab; ich hatte nur ausgesprochen, was die andern offen nicht zu sagen wagten: den Haß gegen den Krieg, das Mißtrauen gegen den Sieg.

Auf der Bühne allerdings im lebendigen gesprochenen Wort solche Stimmung auszudrücken war scheinbar unmöglich. Demonstrationen hätten unvermeidlich eingesetzt, und so meinte ich darauf verzichten zu müssen, während der Kriegszeit dies erste Drama gegen den Krieg gespielt zu sehen. Da erhielt ich plötzlich vom Direktor des Züricher Stadttheaters ein Schreiben, er möchte meinen ›Jeremias‹ sofort auf die Bühne bringen und lade mich ein, der Uraufführung beizuwohnen. Daran hatte ich vergessen, daß es – so wie in diesem zweiten Kriege – noch ein kleines, aber kostbares Stück deutscher Erde gab, dem die Gnade gewährt war, sich abseits halten zu dürfen, ein demokratisches Land, wo das Wort noch frei, die Gesinnung ungetrübt geblieben. Selbstverständlich stimmte ich sofort zu.

Meine Zustimmung konnte freilich zunächst nur eine prinzipielle sein; denn sie setzte die Erlaubnis voraus, Dienst und Land für einige Zeit verlassen zu dürfen. Nun traf es sich glücklich, daß in allen kriegführenden Ländern eine – in diesem zweiten Kriege gar nicht etablierte – Abteilung bestand, die sich ›Kulturpropaganda‹ nannte. Immer ist man genötigt, um den Unterschied der geistigen Atmosphäre zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkriege zu verdeutlichen, darauf hinzuweisen, daß damals die Länder, die Führer, die Kaiser, die Könige, in der Tradition der Humanität aufgewachsen, sich im Unterbewußtsein des Krieges noch schämten. Ein Land nach dem andern wies den Vorwurf, ›militaristisch‹ zu sein oder gewesen zu sein, als niederträchtige Verleumdung zurück; im Gegenteil, jedes wetteiferte zu zeigen, zu beweisen, zu erklären, zur Schau zu stellen, daß es eine ›Kulturnation‹ sei. Man warb 1914 vor einer Welt, die Kultur höher stellte als Gewalt und die Slogans wie ›sacro egoismo‹ und ›Lebensraum‹ als unmoralisch verabscheut hätte, um nichts dringlicher als um Anerkennung weltgültiger geistiger Leistung. Alle neutralen Länder wurden deshalb mit künstlerischen Darbietungen überflutet. Deutschland sandte seine Orchester unter weltberühmten Dirigenten in die Schweiz, nach Holland, nach Schweden, Wien seine Philharmoniker; sogar die Dichter, die Schriftsteller, die Gelehrten wurden hinausgeschickt, und zwar nicht, um militärische Taten zu rühmen oder annexionistische Tendenzen zu feiern, sondern einzig um durch ihre Verse, ihre Werke zu beweisen, daß die Deutschen keine ›Barbaren‹ seien und nicht nur Flammenwerfer oder gute Giftgase produzierten, sondern auch absolute und für Europa gültige Werte. Noch war anno 1914-1918 – ich muß es immer wieder betonen – das Weltgewissen eine umworbene Macht, noch stellten die künstlerisch produktiven, die moralischen Elemente einer Nation im Kriege eine Kraft dar, die als einflußreich geachtet wurde, noch bemühten sich die Staaten um menschliche Sympathien, statt wie Deutschland 1939 mit ausschließlich unmenschlichem Terror sie zu Boden zu knüppeln. So hatte mein Ansuchen, zur Aufführung eines Dramas Urlaub in die Schweiz zu erhalten, an sich gute Chancen; Schwierigkeiten waren höchstens aus dem Grunde zu befürchten, weil es sich um ein antikriegerisches Drama handelte, in dem ein Österreicher – wenn auch in symbolischer Form – die Niederlage als denkbar antizipierte. Ich ließ mich im Ministerium beim Chef der Abteilung melden und trug ihm meinen Wunsch vor. Zu meinem großen Erstaunen versprach er mir sofort, alles zu veranlassen, und zwar mit der merkwürdigen Motivierung »Sie haben ja, Gott sei Dank, nie zu den dummen Kriegsschreiern gehört. Na tun Sie draußen Ihr Bestes, daß diese Sache einmal zu einem Ende kommt.« Vier Tage später hatte ich meinen Urlaub und einen Auslandspaß.

 

Ich war einigermaßen verwundert gewesen, einen der höchsten Beamten eines österreichischen Ministeriums mitten im Kriege so frei sprechen zu hören. Aber unvertraut mit den Geheimgängen der Politik, ahnte ich nicht, daß 1917 unter dem neuen Kaiser Karl in den oberen Kreisen der Regierung schon leise eine Bewegung eingesetzt hatte, sich von der Diktatur des deutschen Militärs loszureißen, das Österreich im Schlepptau seines wilden Annexionismus gegen seinen inneren Willen rücksichtslos weiterschleifte. Man haßte in unserem Generalstab die brutale Herrischkeit Ludendorffs, man wehrte sich im Auswärtigen Amt verzweifelt gegen den unbeschränkten Unterseebootkrieg, der Amerika uns zum Feinde machen mußte, selbst das Volk murrte über die ›preußische Anmaßung‹. All das drückte sich vorläufig nur in vorsichtigen Untertönen und scheinbar absichtslosen Bemerkungen aus. Aber in den nächsten Tagen sollte ich noch mehr erfahren und kam, früher als die andern, einem der großen politischen Geheimnisse jener Zeit unvermutet nahe.

Das geschah so: ich hielt mich auf der Reise in die Schweiz zwei Tage in Salzburg auf, wo ich mir ein Haus gekauft und nach dem Kriege zu wohnen vorgenommen hatte. In dieser Stadt bestand ein kleiner Kreis streng katholisch gesinnter Männer, von denen zwei in der Geschichte Österreichs nach dem Kriege als Kanzler eine entscheidende Rolle spielen sollten, Heinrich Lammasch und Ignaz Seipel. Der erstere war einer der hervorragendsten Rechtslehrer seiner Zeit und hatte auf Haager Konferenzen das Präsidium innegehabt, der andere, Ignaz Seipel, ein katholischer Priester von einer fast unheimlichen Intelligenz, war bestimmt, nach dem Zusammenbruch der österreichischen Monarchie die Führung des kleinen Österreich zu übernehmen und hat bei dieser Gelegenheit sein politisches Genie hervorragend bewährt. Beide waren sie entschiedene Pazifisten, strenggläubige Katholiken, leidenschaftliche Altösterreicher und als solche in innerster Gegnerschaft gegen den deutschen, den preußischen, den protestantischen Militarismus, den sie als unvereinbar mit den traditionellen Ideen Österreichs und seiner katholischen Mission empfanden. Meine Dichtung ›Jeremias‹ hatte in diesen religiös-pazifistischen Kreisen stärkste Sympathie gefunden, und Hofrat Lammasch – Seipel war gerade verreist – bat mich in Salzburg zu sich. Der vornehme alte Gelehrte sprach sehr herzlich zu mir über mein Buch; es erfülle unsere österreichische Idee, konziliatorisch zu wirken, und er hoffe dringend, daß es über das Literarische hinaus seine Wirkung tun werde. Und zu meinem Erstaunen vertraute er mir, den er vordem nie gesehen, mit jener Offenheit, die seine innere Tapferkeit bewies, das Geheimnis an, daß wir uns in Österreich vor einer entscheidenden Wende befänden. Seit der militärischen Ausschaltung Rußlands bestehe weder für Deutschland, sofern es sich seiner aggressiven Tendenzen entäußern wolle, noch für Österreich mehr ein wirkliches Hindernis für den Frieden; dieser Augenblick dürfe nicht versäumt werden. Wenn der alldeutsche Klüngel in Deutschland sich weiter gegen Verhandlungen wehre, müsse Österreich die Führung übernehmen und selbständig handeln. Er deutete mir an, daß der junge Kaiser Karl diesen Tendenzen seine Hilfe versprochen habe; man würde vielleicht schon in nächster Zeit die Auswirkung seiner persönlichen Politik sehen. Alles hänge jetzt davon ab, ob Österreich genug Energie aufbringe, statt des ›Sieg-Friedens‹, den die deutsche Militärpartei gleichgültig gegen weitere Opfer fordere, einen Verständigungsfrieden durchzusetzen. Im Notfall müsse aber das Äußerste geschehen: daß Österreich sich vom Bündnis rechtzeitig loslöse, ehe es von den deutschen Militaristen in eine Katastrophe gerissen werde. »Niemand kann uns einer Untreue beschuldigen«, sagte er fest und entschieden. »Wir haben mehr als eine Million Tote. Wir haben genug geopfert und getan! Jetzt kein Menschenleben, kein einziges mehr für die deutsche Weltherrschaft!«

Mir stand der Atem in der Kehle still. All das hatten wir uns im stillen oft gedacht, nur hatte niemand den Mut gehabt, am hellen Tage auszusprechen: ›Sagen wir uns von den Deutschen und ihrer Annexionspolitik rechtzeitig los‹, denn das hätte als ›Verrat‹ am Waffenbruder gegolten. Und hier sagte dies ein Mann, der, wie ich vordem schon wußte, in Österreich das Vertrauen des Kaisers und im Auslande dank seiner Tätigkeit im Haag das höchste Ansehen genoß, mir, einem beinahe Fremden mit solcher Ruhe und Entschiedenheit, daß ich sofort spürte, eine österreichisch-separatistische Aktion sei längst nicht mehr im Stadium der Vorbereitung, sondern schon im Gange. Die Idee war kühn, entweder Deutschland durch die Drohung mit einem Separatfrieden für Verhandlungen geneigter zu stimmen oder im Notfall die Drohung durchzuführen; sie war – die Geschichte bezeugte es – die einzige, die letzte Möglichkeit, die damals das Kaiserreich, die Monarchie und damit Europa hätte retten können. Leider entbehrte die Durchführung dann der Entschlossenheit des ursprünglichen Planes. Kaiser Karl sandte den Bruder seiner Frau, den Prinzen Parma, tatsächlich mit einem geheimen Brief an Clemenceau, um ohne vorherige Verständigung des Berliner Hofes die Friedensmöglichkeiten abzuhorchen und eventuell einzuleiten. Auf welche Weise diese geheime Mission zur Kenntnis Deutschlands gelangte, ist, glaube ich, noch nicht völlig aufgeklärt; verhängnisvollerweise hatte Kaiser Karl dann nicht den Mut, öffentlich zu seiner Überzeugung zu stehen, sei es, daß – wie manche behaupten – Deutschland mit einem militärischen Einmarsch in Österreich drohte, sei es, daß er als Habsburger das Odium scheute, ein von Franz Joseph abgeschlossenes und mit so viel Blut besiegeltes Bündnis im entscheidenden Augenblick aufzukündigen. Jedenfalls berief er nicht Lammasch und Seipel, die einzigen, die als katholische Internationalisten aus innerer moralischer Überzeugung die Kraft gehabt hätten, das Odium eines Abfalls von Deutschland auf sich zu nehmen, an den Posten des Ministerpräsidenten, und dies Zögern wurde sein Verderben. Beide sind sie erst in der verstümmelten österreichischen Republik statt im alten Habsburgerreiche Ministerpräsidenten geworden, und doch wäre niemand befähigter gewesen, das scheinbare Unrecht vor der Welt zu verteidigen als diese bedeutenden und angesehenen Persönlichkeiten. Mit einer offenen Drohung des Abfalls oder dem Abfall hätte Lammasch nicht nur Österreichs Existenz gerettet, sondern auch Deutschland vor seiner innersten Gefahr, dem schrankenlosen Annexionsdrang. Es stünde besser um unser Europa, wäre die Aktion, die jener weise und tief religiöse Mann mir damals offen ankündigte, nicht durch Schwäche und Ungeschick verdorben worden.

 

Am nächsten Tage reiste ich weiter und überschritt die Schweizer Grenze. Es ist schwer sich zu vergegenwärtigen, was damals der Übergang von einem versperrten, schon halb ausgehungerten Kriegsland in die neutrale Zone bedeutete. Es waren nur wenige Minuten von einer zur anderen Station, aber in der ersten Sekunde überkam einen schon das Gefühl, als ob man aus stickiger eingesperrter Luft plötzlich in starke und schneegefüllte trete, eine Art Taumel, den man vom Gehirn durch alle Nerven und Sinne weiterrieseln fühlte. Noch nach Jahren, wenn ich, von Österreich kommend, an dieser Bahnstation vorbeireiste (deren Namen mir sonst nie im Gedächtnis geblieben wäre), erneuerte sich blitzhaft die Sensation dieses jähen Aufatmens. Man sprang vom Zuge, und da warteten schon – erste Überraschung – am Buffet alle die Dinge, von denen man schon vergessen, daß sie vordem zu den Selbstverständlichkeiten des Lebens gehört hatten; da waren goldene füllige Orangen, Bananen, da lag Schokolade und Schinken offen, die man bei uns nur durch Hintertüren schleichend erhielt, da war Brot und Fleisch ohne Brotkarte, ohne Fleischkarte – und wirklich wie hungrige Tiere stürzten sich die Reisenden auf diese billige Pracht. Da war ein Telegraphenamt, ein Postamt, von dem man unzensiert schreiben und drahten konnte in alle Windrichtungen der Welt. Da lagen die französischen, die italienischen, die englischen Zeitungen, und man konnte sie straflos kaufen, auffalten und lesen. Das Verbotene war hier, fünf Minuten weiter, erlaubt und drüben das Erlaubte verboten. All der Widersinn europäischer Kriege wurde mir durch das nahe Nebeneinander im Raum geradezu sinnlich offenbar; da drüben in dem kleinen Grenzstädtchen, dessen Schildertafeln man mit freiem Auge lesen konnte, wurden aus jedem Häuschen, jeder Hütte die Männer herausgeholt und nach der Ukraine und nach Albanien verladen, um dort zu morden und sich morden zu lassen – hier fünf Minuten weit saßen die Männer gleichen Alters geruhigt mit ihren Frauen vor den efeuumhangenen Türen und rauchten ihre Pfeifen: ich fragte mich unwillkürlich, ob nicht auch die Fische in diesem Grenzflüßchen auf der rechten Seite kriegführende Tiere wären und die zur linken neutral. In der einen Sekunde, da ich die Grenze überschritten hatte, dachte ich schon anders, freier, erregter, unserviler, und ich erprobte gleich am nächsten Tage, wie nicht nur unsere seelische Disposition, sondern auch der körperliche Organismus innerhalb der Kriegswelt herabgemindert wurde; als ich, bei Verwandten eingeladen, ahnungslos nach dem Essen eine Tasse schwarzen Kaffee trank und dazu eine Havannazigarre rauchte, wurde mir plötzlich schwindlig, und ich bekam heftiges Herzklopfen. Mein Körper, meine Nerven erwiesen sich nach vielen Monaten der Ersatzstoffe nicht mehr aufnahmefähig für wirklichen Kaffee und wirklichen Tabak; auch der Körper mußte sich nach dem Unnatürlichen des Krieges wieder umstellen auf das Natürliche des Friedens.

Dieser Taumel, diese wohlige Schwindligkeit übertrug sich auch ins Geistige. Jeder Baum schien mir schöner, jeder Berg freier, jede Landschaft beglückender, denn innerhalb eines Kriegslandes wirkt dem verdüsterten Blicke der selig atmende Friede einer Wiese wie freche Gleichgültigkeit der Natur, jeder purpurne Sonnenuntergang erinnert an das vergossene Blut; hier im natürlichen Zustand des Friedens war die edle Abseitigkeit der Natur wieder natürlich geworden, und ich liebte die Schweiz, wie ich sie nie zuvor geliebt. Immer war ich gerne in dies bei kleinem Umfang großartige und in seiner Vielfalt unerschöpfliche Land gekommen. Nie aber hatte ich den Sinn seines Daseins so sehr empfunden: die schweizerische Idee des Beisammenseins der Nationen im selben Räume ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrlich durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes verwirrtes Europa! Refugium aller Verfolgten, seit Jahrhunderten Heimstatt des Friedens und der Freiheit, gastlich jeder Gesinnung bei treuester Bewahrung seiner besonderen Eigenart – wie wichtig erwies sich die Existenz dieses einzig übernationalen Staates für unsere Welt! Zu Recht schien mir dies Land mit Schönheit gesegnet, mit Reichtum bedacht. Nein, hier war man nicht fremd; ein freier, unabhängiger Mensch fühlte sich in dieser tragischen Weltstunde hier mehr zu Hause als in seinem eigenen Vaterland. Stundenlang trieb es mich noch nachts in Zürich durch die Straßen und am Seeufer entlang. Die Lichter schimmerten Frieden, hier hatten die Menschen noch die gute Gelassenheit des Lebens. Ich meinte zu spüren, daß hinter den Fenstern nicht schlaflos Frauen in den Betten lagen und an ihre Söhne dachten, ich sah keine Verwundeten, keine Verstümmelten, nicht die jungen Soldaten, die morgen, übermorgen in die Züge verladen werden sollten – man fühlte sich hier berechtigter zu leben, während es im Kriegslande schon eine Scheu gewesen und fast eine Schuld, noch unverstümmelt zu sein.

Aber nicht die Besprechungen wegen meiner Aufführung, nicht die Begegnung mit Schweizer und ausländischen Freunden waren mir das Dringlichste. Ich wollte vor allem Rolland sehen, den Mann, von dem ich wußte, daß er mich fester, klarer und tätiger machen konnte, und ich wollte ihm danken für das, was mir sein Zuspruch, seine Freundschaft in den Tagen bitterster Seeleneinsamkeit gegeben. Zu ihm mußte mein erster Weg gehen, und ich fuhr sofort nach Genf. Nun befanden wir ›Feinde‹ uns eigentlich in einer ziemlich komplizierten Position. Es war selbstverständlich von den kriegführenden Regierungen nicht gerne gesehen, daß ihre Angehörigen mit jenen der feindlichen Nationen auf neutralem Gebiete persönlichen Verkehr pflegten. Aber es war andererseits durch kein Gesetz verboten. Es gab keinen einzigen Paragraphen, nach dem man für ein Beisammensein bestraft werden konnte. Verboten und Hochverrat gleichgestellt blieb einzig geschäftlicher Verkehr, ›Handel mit dem Feinde‹, und um uns auch nicht durch die leiseste Umgehung dieses Verbots verdächtig zu machen, vermieden wir Freunde sogar prinzipiell, uns eine Zigarette anzubieten, denn man war zweifelsohne ununterbrochen von zahllosen Agenten beobachtet. Um jeden Verdacht, als ob wir uns fürchteten oder schlechten Gewissens wären, zu entgehen, wählten wir internationalen Freunde die einfachste Methode: die der Offenheit. Wir schrieben uns nicht unter Deckadressen oder poste restante, wir schlichen uns nicht etwa nachts heimlich zueinander, sondern gingen zusammen über die Straßen und saßen offen in den Cafés. So meldete ich mich auch gleich nach der Ankunft in Genf mit vollem Namen unten beim Hotelportier, ich wünschte Herrn Romain Rolland zu sprechen, gerade weil es besser war für das deutsche oder französische Nachrichtenbüro, wenn sie melden konnten, wer ich war und wen ich besuchte; für uns bedeutete es doch nur eine Selbstverständlichkeit, daß zwei alte Freunde sich nicht deshalb plötzlich auszuweichen hatten, weil sie zufällig zwei verschiedenen Nationen angehörten, die sich zufällig miteinander im Kriege befanden. Wir fühlten uns nicht verpflichtet, eine Absurdität mitzumachen, weil sich die Welt absurd benahm.

Und nun stand ich endlich in seinem Zimmer – fast schien es mir dasselbe wie in Paris. Da stand wie damals mit Büchern verstellt der Tisch und der Sessel. Der Schreibtisch flutete über von Zeitschriften, Zuschriften und Papieren, es war dieselbe schlichte und doch der ganzen Welt verbundene Mönchsklause der Arbeit, die sich aus seinem Wesen überall um ihn baute, wo immer er sich befand. Einen Augenblick fehlte mir das grüßende Wort, wir reichten uns nur die Hand, – die erste französische Hand, die ich seit Jahren wieder fassen durfte; Rolland war der erste Franzose, den ich seit drei Jahren sprach, – aber wir waren einander in diesen drei Jahren nähergekommen als je. In der fremden Sprache sprach ich vertrauter und offener als mit irgend jemandem meiner Heimat. Ich war mir voll bewußt, daß mit diesem Freunde der wichtigste Mann dieser unserer Weltstunde mir gegenüberstand, daß es das moralische Gewissen Europas war, das zu mir sprach. Nun erst konnte ich übersehen, was alles er tat und getan in seinem großartigen Dienst um die Verständigung. Nacht und Tag arbeitend, immer allein, ohne Hilfe, ohne Sekretär verfolgte er alle Manifestationen in allen Ländern, unterhielt eine Korrespondenz mit zahllosen Menschen, die ihn um Rat in Gewissensangelegenheiten baten, schrieb jeden Tag viele Blätter in sein Tagebuch; wie keiner von allen in dieser Zeit hatte er das Gefühl für die Verantwortung, historische Zeit mitzuleben und empfand es als Bedürfnis, Rechenschaft einer späteren zu hinterlassen. (Wo sind sie heute, jene unzähligen handschriftlichen Bände der Tagebücher, die einmal den vollkommenen Aufschluß geben werden über alle moralischen und geistigen Konflikte jenes ersten Weltkrieges?) Gleichzeitig publizierte er seine Aufsätze, deren jeder damals internationale Erregung schuf, arbeitete an seinem Roman ›Clerambault‹ –, es war der Einsatz, der restlose, pausenlose, aufopfernde Einsatz seiner ganzen Existenz für die ungeheure Verantwortlichkeit, die er auf sich genommen, innerhalb dieses Wahnsinnsanfalls der Menschheit vorbildlich und menschlich gerecht in jeder Einzelheit zu handeln. Es ließ keinen Brief unbeantwortet, keine Broschüre zu den Zeitproblemen ungelesen; dieser schwache, zarte, gerade damals in seiner Gesundheit sehr bedrohte Mann, der nur leise zu sprechen imstande war und stets mit einem leichten Hüsteln zu kämpfen hatte, der nie ohne umgelegten Shawl einen Gang betreten konnte und nach jedem raschen Schritt innehalten mußte, setzte damals Kräfte ein, die an der Größe der Anforderung ins Unwahrscheinliche gewachsen waren. Nichts konnte ihn erschüttern, kein Angriff, keine Perfidie; furchtlos und klar blickte er in den Welttumult. Hier sah ich den andern Heroismus, den geistigen, den moralischen, denkmalhaft in einer lebendigen Gestalt – selbst in meinem Buche über Rolland habe ich ihn vielleicht nicht genug geschildert (weil man bei Lebenden eine Scheu hat, sie zu sehr zu rühmen). Wie tief ich damals erschüttert und, wenn ich so sagen darf, ›gereinigt‹ war, als ich ihn sah, in diesem winzigen Zimmer, von dem unsichtbar stärkende Strahlung ausging in alle Zonen der Welt, habe ich noch nach Tagen im Blute gefühlt, und ich weiß: die aufrichtende, die tonische Kraft, die damals Rolland schuf dadurch, daß er allein oder fast allein den sinnlosen Haß von Millionen bekämpfte, gehört zu jenen Imponderabilien, die sich jeder Messung und Berechnung versagen. Nur wir, die Zeugen jener Zeit, wissen, was sein Dasein und sein vorbildliches Unerschütterlichsein damals bedeutet hat. Durch ihn hatte das in Tollwut verfallene Europa sein moralisches Gewissen bewahrt.

Mich ergriff in den Gesprächen jenes Nachmittags und der nächsten Tage die leise Trauer, die alle seine Worte umhüllte, die gleiche, wie wenn man mit Rilke vom Kriege sprach. Er war voll Erbitterung über die Politiker und diejenigen, welche für ihre nationale Eitelkeit nicht genug bekommen konnten an fremden Opfern. Aber gleichzeitig schwang immer Mitleid mit für die Unzähligen, die litten und starben für einen Sinn, den sie selbst nicht verstanden, und der doch nur ein Widersinn war. Er zeigte mir das Telegramm Lenins, der – vor seiner Abreise aus der Schweiz in jenem berüchtigten plombierten Eisenbahnzug – ihn beschworen, nach Rußland mitzukommen, weil er wohl verstand, wie wichtig die moralische Autorität Rollands für seine Sache gewesen wäre. Aber Rolland blieb fest entschlossen, keiner Gruppe sich zu verschreiben, sondern unabhängig nur mit der eigenen Person der Sache zu dienen, der er sich verschworen: der gemeinsamen. So wie er niemandes Unterwerfung unter seine Ideen forderte, verweigerte er sich jeder Bindung. Wer ihn liebte, sollte selbst ungebunden bleiben, und er wollte kein anderes Beispiel geben als dies eine: wie man frei bleiben kann und getreu seiner eigenen Überzeugung auch gegen die ganze Welt.

 

In Genf begegnete ich gleich am ersten Abend auch der kleinen Gruppe der Franzosen und anderen Ausländern, die sich um zwei kleine unabhängige Zeitungen ›La Feuille‹ und ›Demain‹ sammelten, J. P. Jouve, René Arcos, Frans Masereel. Wir wurden innige Freunde mit jenem raschen Elan, wie man sonst nur Jugendfreundschaften schließt. Aber wir fühlten instinktiv, daß wir am Anfang eines ganz neuen Lebens standen. Die meisten unserer alten Beziehungen waren durch die patriotische Verblendung der bisherigen Kameraden ungültig geworden. Man brauchte neue Freunde, und da wir doch in der gleichen Front standen, im gleichen geistigen Schützengraben gegen den gleichen Feind, bildete sich spontan zwischen uns eine Art leidenschaftlicher Kameradschaft; nach vierundzwanzig Stunden waren wir einander so vertraut, als ob wir uns seit Jahren gekannt, und gaben uns bereits, wie es eben an jeder Front üblich ist, das brüderliche Du. Alle spürten wir – ›we few, we happy few, we band of brothers‹ – mit dem persönlich Gefährlichen auch das Einmalig-Verwegene unseres Zusammenseins; wir wußten, daß fünf Stunden weit jeder Deutsche, der einen Franzosen, jeder Franzose, der einen Deutschen erspähte, ihn mit dem Bajonett anfiel oder mit der Handgranate zerschmetterte und dafür eine Auszeichnung bekam, daß Millionen hüben und drüben einzig davon träumten, einander auszurotten und vom Erdboden zu vertilgen, daß die Zeitungen von den ›Gegnern‹ nur mit Schaum vor dem Munde sprachen, indes wir, diese einzige Handvoll unter den Millionen und Millionen, nicht nur friedlich an demselben Tische saßen, sondern in ehrlichster und sogar in bewußter leidenschaftlicher Brüderschaft. Wir wußten, in welchen Gegensatz wir uns damit gegen alles Offizielle und Befohlene stellten, wir wußten, daß wir uns durch die treue Bekundung unserer Freundschaft persönlich gegenüber unseren Vaterländern in Gefahr brachten; aber gerade das Wagnis trieb unser Unterfangen zu fast ekstatischen Steigerungen. Wir wollten doch wagen und wir genossen die Lust dieses Wagens, denn das Wagnis allein gab unserem Protest wirkliches Gewicht. So habe ich sogar (ein Unikum in diesem Kriege) mit P. J. Jouve gemeinsam in Zürich eine öffentliche Vorlesung gehalten – er las französisch seine Gedichte, ich deutsch aus meinem ›Jeremias‹ –, aber gerade indem wir die Karten derart offen auflegten, zeigten wir, daß wir ehrlich waren in diesem verwegenen Spiel. Was man darüber in unseren Konsulaten und Gesandtschaften dachte, war uns gleichgültig, selbst wenn wir die Schiffe zur Heimkehr damit vielleicht wie Cortez hinter uns verbrannten. Denn wir waren in tiefster Seele davon durchdrungen, daß nicht wir die ›Verräter‹ waren, sondern die andern, welche die menschliche Aufgabe des Dichters an die zufällige Stunde verrieten. Und wie heroisch sie lebten, diese jungen Franzosen und Belgier! Da war Frans Masereel, der mit seinen Holzschnitten gegen die Greuel des Krieges vor unsern Augen das überdauernde zeichnerische Denkmal des Krieges schnitt, diese unvergeßlichen Blätter in Schwarz und Weiß, die an Wucht und Zorn selbst hinter Goyas ›Desastros de la guerra‹ nicht zurückstehen. Tag und Nacht schnitt dieser männliche Mann unermüdlich neue Gestalten und Szenen aus dem stummen Holz, das enge Zimmer und die Küche waren schon vollgehäuft mit diesen Holzblöcken, aber jeden Morgen brachte die ›Feuille‹ eine andere seiner zeichnerischen Anklagen, keine eine bestimmte Nation anklagend, alle nur denselben, unsern gemeinsamen Gegner: den Krieg. Wie träumten wir davon, daß man von Aeroplanen als Flugblätter diese jedem, auch dem geringsten Mann ohne Wort, ohne Sprache verständlichen grimmigen, grausigen Anprangerungen statt Bomben in die Städte und Armeen werfen könnte; sie hätten, ich bin dessen gewiß, den Krieg vorzeitig getötet. Aber leider erschienen sie nur in dem kleinen Blättchen ›La Feuille‹, das kaum über Genf hinausdrang. Alles was wir sagten und versuchten, war im engen Schweizer Kreis verkerkert und kam erst zur Wirkung, da es zu spät war. Im geheimen täuschten wir uns darüber nicht, daß wir machtlos waren gegen die große Maschine der Generalstäbe und politischen Ämter, und wenn sie uns nicht verfolgten, so war es vielleicht deshalb, weil wir ihnen nicht gefährlich werden konnten, erstickt wie unser Wort, gehemmt wie unsere Wirkung blieb. Aber gerade, daß wir wußten, wie wenige, wie allein wir waren, drängte uns enger zusammen Brust an Brust, Herz an Herz. Nie mehr in reiferen Jahren habe ich so enthusiastische Freundschaft empfunden wie in jenen Stunden in Genf, und die Bindung hat allen späteren Zeiten standgehalten.

Vom psychologischen und historischen Standpunkt aus (nicht vom künstlerischen) war die merkwürdigste Figur dieser Gruppe Henri Guilbeaux; an seiner Person habe ich überzeugender als an jeder anderen das unumstößliche Gesetz der Geschichte bestätigt gesehen, daß in Epochen jäher Umstürze, insbesondere während eines Krieges oder einer Revolution Mut und Verwegenheit oft für eine kurze Frist mehr gelten als innere Bedeutung, und hitzige Zivilcourage entscheidender sein kann als Charakter und Stetigkeit. Immer wenn die Zeit rasch vorwärtsstürzt und sich überstürzt, gewinnen Naturen, die es verstehen, ohne jedes Zögern sich in die Welle zu werfen, den Vorsprung. Und wie viele eigentlich ephemere Gestalten hat sie über sich selbst hinausgetragen damals, Bela Kun, Kurt Eisner, bis an eine Stelle, der sie innerlich nicht gewachsen waren! Giulbeaux, ein schmächtiges, blondes Männchen mit scharfen, unruhigen grauen Augen und einer lebhaften Suada, war an sich nicht begabt. Obwohl er es gewesen, der meine Gedichte fast ein Jahrzehnt früher schon ins Französische übertragen, muß ich ehrlicherweise seine literarischen Fähigkeiten unbedeutend nennen. Seine Sprachkraft reichte nicht über die Mittelmäßigkeit hinaus, seine Bildung nirgends in die Tiefe. All seine Kraft lag in der Polemik. Er gehörte aus einer unglücklichen Anlage seines Charakters zu jenen Menschen, die immer ›dagegen‹ sein müssen, gleichgültig eigentlich, wogegen. Ihm war nur wohl, wenn er als echter Gamin sich herumschlagen konnte und gegen irgend etwas anrennen, das stärker war als er selbst. In Paris hatte er vor dem Kriege, obwohl er im Grunde ein gutmütiger Bursche war, in der Literatur unablässig gegen einzelne Richtungen und Leute herumpolemisiert, dann in den radikalen Parteien sich umgetan, und keine war ihm radikal genug gewesen. Nun, im Kriege, hatte er plötzlich als Antimilitarist einen gigantischen Gegner gefunden: den Weltkrieg. Die Ängstlichkeit, die Feigheit der meisten, andererseits wieder die Verwegenheit, die Tollkühnheit, mit der er sich in den Kampf warf, machten ihn für einen Weltaugenblick wichtig und sogar unentbehrlich. Ihn lockte gerade, was die andern schreckte: die Gefahr. Daß die andern so wenig wagten und er allein soviel, das gab diesem an sich unbedeutenden Literaten eine plötzliche Größe und steigerte seine publizistischen, seine kämpferischen Fähigkeiten über ihr natürliches Niveau – ein Phänomen, das man ebenso in der Französischen Revolution bei den kleinen Advokaten und Juristen der Gironde beobachten konnte. Während die andern schwiegen, während wir selber zögerten und bei jedem Anlaß sorgfältig überlegten, was zu tun und zu unterlassen, griff er entschlossen zu, und es wird Guilbeaux' dauerndes Verdienst bleiben, die einzige geistig bedeutsame Antikriegszeitschrift des ersten Weltkrieges, ›Demain‹, gegründet und geleitet zu haben, ein Dokument, das jeder nachlesen muß, der die geistigen Strömungen jener Epoche wirklich verstehen will. Er gab, was wir brauchten: ein Zentrum der internationalen, der übernationalen Diskussion mitten im Krieg. Daß Rolland sich hinter ihn stellte, entschied die Bedeutung der Zeitschrift, denn dank seiner moralischen Autorität und seiner Verbindungen konnte er ihm die wertvollsten Mitarbeiter aus Europa, Amerika und Indien bringen; anderseits gewannen die damals noch aus Rußland exilierten Revolutionäre Lenin, Trotzkij und Lunartscharskij zu Guilbeaux' Radikalität Vertrauen und schrieben regelmäßig für ›Demain‹. So gab es in der Welt für zwölf oder zwanzig Monate keine interessantere, keine unabhängigere Zeitschrift, und wenn sie den Krieg überdauert hätte, wäre sie vielleicht entscheidend für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung geworden. Gleichzeitig übernahm Guilbeaux in der Schweiz die Vertretung der radikalen Gruppen in Frankreich, denen Clemenceaus harte Hand das Wort geknebelt. Auf den berühmten Kongressen von Kienthal und Zimmerwald, wo sich die international gebliebenen Sozialisten von den patriotisch gewordenen absonderten, spielte er eine historische Rolle; kein Franzose, nicht einmal jener Hauptmann Sadoul, der in Rußland zu den Bolschewisten übergegangen war, wurde in den Pariser politischen und militärischen Kreisen während des Krieges so gefürchtet und gehaßt wie dies kleine blonde Männchen. Endlich gelang es dem französischen Spionagebüro, ihm ein Bein zu stellen. In einem Hotel in Bern wurden aus dem Zimmer eines deutschen Agenten Löschblätter und Kopien gestohlen, die freilich nicht mehr erwiesen, als daß deutsche Stellen einige Exemplare von ›Demain‹ abonniert hatten – an sich eine unschuldige Tatsache, da diese Exemplare wahrscheinlich bei der deutschen Gründlichkeit für die verschiedenen Bibliotheken und Ämter angefordert wurden. Aber der Vorwand genügte in Paris, um Guilbeaux als einen von Deutschland gekauften Agitator zu bezeichnen und ihm den Prozeß zu machen. Er wurde in contumaciam zum Tode verurteilt – durchaus ungerechterweise, wie ja auch die Tatsache bezeugt, daß dieses Urteil zehn Jahre später in einem Revisionsprozeß aufgehoben wurde. Aber kurz darauf geriet er überdies durch seine Vehemenz und Intransigenz, die allmählich auch für Rolland und uns alle zur Gefahr wurde, mit den Schweizer Behörden in Konflikt, wurde verhaftet und eingesperrt. Erst Lenin, der für ihn eine persönliche Neigung und auch Dankbarkeit für die in schwerster Zeit gewährte Hilfe hatte, rettete ihn, indem er ihn durch einen Federstrich in einen russischen Staatsbürger verwandelte und mit dem zweiten versiegelten Zuge nach Moskau kommen ließ. Nun hätte er eigentlich erst produktive Kräfte entfalten können. Denn in Moskau war ihm, der alle Meriten eines richtigen Revolutionärs hatte, Gefängnis und Verurteilung zum Tode in contumaciam, zum zweitenmal jede Möglichkeit des Wirkens gegeben. Wie in Genf durch Rollands Hilfe, hätte er dank Lenins Vertrauen bei dem Aufbau Rußlands Positives leisten können; anderseits war kaum jemand durch seine mutige Haltung im Kriege so sehr ausersehen, in Frankreich nach dem Kriege in Parlament und Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle zu spielen, denn alle radikalen Gruppen sahen in ihm den wirklichen, den tätigen, den mutigen Mann, den geborenen Führer. Aber in Wirklichkeit erwies es sich, daß Guilbeaux nichts weniger als eine Führernatur war, sondern nur, wie so viele Kriegsdichter und Revolutionspolitiker, das Produkt einer flüchtigen Stunde und immer fallen unequilibrierte Naturen nach plötzlichen Steigerungen schließlich in sich zusammen. In Rußland vergeudete Guilbeaux als unheilbarer Polemiker wie seinerzeit in Paris seine Begabung in Zänkereien und Stänkereien und verdarb es sich allmählich auch mit denen, die seine Courage respektiert hatten, mit Lenin zuerst, dann mit Barbusse und Rolland und schließlich mit uns allen. Er endete in der klein gewordenen Zeit, wie er begonnen, mit unbedeutenden Broschüren und belanglosen Streitereien; völlig unbeachtet ist er bald nach seiner Begnadigung in einem Winkel von Paris gestorben. Der Verwegenste und Tapferste im Krieg gegen den Krieg, der, wenn er den Anschwung, den ihm die Zeit gegeben, zu nützen und zu verdienen gewußt hätte, eine der großen Figuren unserer Epoche hätte werden können, ist heute völlig vergessen, und ich bin vielleicht einer der letzten, die sich überhaupt noch seiner mit Dankbarkeit für seine Kriegstat des ›Demain‹ entsinnen.

Von Genf fuhr ich nach wenigen Tagen nach Zürich zurück, um die Besprechungen wegen der Proben meines Stückes zu beginnen. Ich hatte diese Stadt wegen ihrer schönen Lage am See im Schatten der Berge von je geliebt und nicht minder wegen ihrer vornehmen, ein wenig konservativen Kultur. Aber dank der friedlichen Einbettung der Schweiz inmitten der kämpfenden Staaten war Zürich aus seiner Stille getreten und über Nacht die wichtigste Stadt Europas geworden, ein Treffpunkt aller geistigen Bewegungen, freilich auch aller denkbaren Geschäftemacher, Spekulanten, Spione, Propagandisten, die von der einheimischen Bevölkerung um dieser plötzlichen Liebe willen mit sehr berechtigtem Mißtrauen betrachtet wurden ... In den Restaurants, den Cafés, in den Straßenbahnen, auf der Straße hört man alle Sprachen. Überall traf man Bekannte, liebe und unliebe, und geriet, ob man wollte oder nicht, in einen Sturzbach erregter Diskussionen. Denn alle diese Menschen, die das Schicksal hergeschwemmt, waren mit ihrer Existenz an den Ausgang des Krieges gebunden, beauftragt die einen von ihren Regierungen, verfolgt und verfemt die andern, jeder aber abgelöst von seiner eigentlichen Existenz und ins Zufällige geschleudert. Da sie alle kein Heim hatten, suchten sie ununterbrochen kameradschaftliche Geselligkeit, und weil es jenseits ihrer Macht lag, die militärischen und politischen Ereignisse zu beeinflussen, diskutierten sie Tag und Nacht in einer Art geistigen Fiebers, das einen gleichzeitig erregte und ermüdete. Nun konnte man sich wirklich schwer der Lust entziehen, nachdem man zu Hause Monate und Jahre mit versiegelter Lippe gelebt, zu sprechen, es drängte einen, zu schreiben, zu publizieren, seit man zum erstenmal wieder unzensuriert denken und schreiben durfte; jeder einzelne war zu seinem Maximum gespannt, und auch mittlere Naturen – wie ich an Guilbeaux zeigte – interessanter als sie es vordem gewesen und nachher wieder sein sollten. Von Schriftstellern und Politikern fanden sich solche aller Schattierungen und Sprachen zusammen; Alfred H. Fried, der Träger des Friedensnobelpreises, gab hier seine ›Friedenswarte‹ heraus, Fritz von Unruh, vormals preußischer Offizier, las uns seine Dramen vor, Leonhard Frank schrieb sein aufreizendes ›Der Mensch ist gut‹, Andreas Latzko erregte Sensation mit seinen ›Menschen im Kriege‹ Franz Werfel kam zu einer Vorlesung herüber; ich begegnete Männern aller Nationen in meinem alten ›Hotel Schwerdt‹, wo Casanova und Goethe zu ihrer Zeit schon abgestiegen. Ich sah Russen, die dann in der Revolution auftauchten, und deren richtige Namen ich nie erfuhr, Italiener, katholische Geistliche, intransigente Sozialisten und solche der deutschen Kriegspartei; von den Schweizern stand uns der prachtvolle Pastor Leonhard Ragaz zur Seite und der Dichter Robert Faesi. In der französischen Buchhandlung traf ich meinen Übersetzer Paul Morisse, im Konzertsaal den Dirigenten Oscar Fried – alles war da, alles ging vorbei, man hörte alle Meinungen, die absurdesten und die vernünftigsten, ärgerte und begeisterte sich. Zeitschriften wurden gegründet, Polemiken ausgetragen, Gegensätze berührten oder steigerten sich, Gruppen schlossen sich zusammen oder fielen auseinander; nie mehr ist mir ein vielfarbigeres und leidenschaftlicheres Gemenge von Meinungen und Menschen in so konzentrierter und gleichsam dampfender Form begegnet als in diesen Züricher Tagen oder vielmehr Nächten (denn man diskutierte, bis das Café Bellevue oder das Café Odeon die Lichter auslöschte und ging dann noch oft einer zum andern in die Wohnung). Keiner sah in dieser bezauberten Welt mehr die Landschaft, die Berge, die Seen und ihren milden Frieden; man lebte in Zeitungen, in Nachrichten und Gerüchten, in Meinungen, in Auseinandersetzungen. Und sonderbar: man lebte geistig den Krieg hier eigentlich intensiver mit als in der kriegführenden Heimat, weil sich das Problem gleichsam objektiviert und vom nationalen Interesse an Sieg oder Niederlage völlig losgelöst hatte. Man sah ihn von keinem politischen Standpunkt mehr, sondern vom europäischen als ein grausames und gewaltiges Geschehnis, das nicht nur ein paar Grenzlinien auf der Landkarte, sondern Form und Zukunft unserer Welt verwandeln sollte.

 

Die ergreifendsten unter diesen Menschen waren für mich – als ob mich schon eine Ahnung zukünftigen eigenen Schicksals berührt hätte – die Menschen ohne Heimat oder schlimmer noch: die statt eines Vaterlandes zwei oder drei hatten und innerlich nicht wußten, zu welchem sie gehörten. Da saß meist allein in einer Ecke des Café Odeon ein junger Mann mit einem kleinen braunen Bärtchen, auffallend dicke Brillen vor den scharfen dunklen Augen; man sagte mir, daß es ein sehr begabter englischer Dichter sei. Als ich nach einigen Tagen James Joyce dann kennenlernte, lehnte er schroff jede Zusammengehörigkeit mit England ab. Er sei Ire. Er schreibe zwar in englischer Sprache, aber er denke nicht englisch und wolle nicht englisch denken – »ich möchte«, sagte er mir damals, »eine Sprache, die über den Sprachen steht, eine Sprache, der sie alle dienen. In Englisch kann ich mich nicht ganz ausdrücken, ohne mich damit in eine Tradition einzuschließen.« Mir war das nicht ganz klar, denn ich wußte nicht, daß er damals schon an seinem ›Ulysses‹ schrieb; er hatte mir nur sein Buch ›Portrait of an artist as a young man‹ geliehen, das einzige Exemplar, das er besaß, und sein kleines Drama ›Exiles‹, das ich damals sogar übersetzen wollte, um ihm zu helfen. Je mehr ich ihn kennenlernte, desto mehr setzte er mich durch seine phantastische Sprachkenntnis in Erstaunen; hinter dieser runden, fest gehämmerten Stirn, die im elektrischen Licht wie Porzellan glatt glänzte, waren alle Vokabeln aller Idiome eingestanzt, und er spielte sie in brillantester Weise durcheinander. Einmal als er mich fragte, wie ich einen schwierigen Satz in ›Portrait of an artist‹ deutsch wiedergeben würde, versuchten wir die Formung zusammen in Italienisch und Französisch; er hatte für jedes Wort vier oder fünf in jedem Idiom parat, selbst die dialektischen, und wußte ihren Valeur, ihr Gewicht bis in die kleinste Nuance. Eine gewisse Bitterkeit wich selten von ihm, aber ich glaube, es war eigentlich diese Gereiztheit, gerade die Kraft, die ihn innerlich vehement und produktiv machte. Sein Ressentiment gegen Dublin, gegen England, gegen gewisse Personen hatte in ihm die Form dynamischer Energie angenommen und ist tatsächlich erst im dichterischen Werke frei geworden. Aber er schien diese seine eigene Härte zu lieben; nie habe ich ihn lachen oder eigentlich heiter gesehen. Immer wirkte er wie eine in sich zusammengeballte dunkle Kraft, und wenn ich ihn auf der Straße sah, die schmalen Lippen scharf aneinander gezogen und immer raschen Schritts, als ob er auf etwas Bestimmtes zuginge, so spürte ich das Abwehrende, das innerlich Isolierte seines Wesens noch stärker als in unseren Gesprächen. Und ich war später keineswegs erstaunt, daß gerade er das einsamste, mit allem unverbundenste, dies gleichsam meteorisch in unsere Zeit niedergestürzte Werk geschrieben.

Ein anderer dieser amphibisch zwischen zwei Nationen Lebenden war Feruccio Busoni, der Geburt und Erziehung nach Italiener, der Lebenswahl nach Deutscher. Von Jugend an hatte ich keinen unter den Virtuosen dermaßen geliebt wie ihn. Wenn er am Klavier konzertierte, bekamen seine Augen einen wunderbar träumerischen Glanz. Unten schufen mühelos die Hände Musik, einzige Vollendung, aber oben horchte, leicht zurückgelehnt, das schöne durchseelte Haupt und lauschte die Musik, die er schuf, in sich hinein. Eine Art Verklärung schien ihn dann immer zu überkommen. Wie oft hatte ich in den Konzertsälen wie verzaubert auf dies durchleuchtete Antlitz gesehen, während die Töne weich aufwühlend und doch silbern klar mir bis ins Blut eindrangen. Nun sah ich ihn wieder, und sein Haar war grau und seine Augen umschattet von Trauer. »Wohin gehöre ich?« fragte er mich einmal. »Wenn ich nachts träume und aufwache, weiß ich, daß ich im Traum italienisch gesprochen. Und wenn ich dann schreibe, denke ich in deutschen Worten.« Seine Schüler waren zerstreut in aller Welt – »einer schießt vielleicht jetzt auf den andern« –, und an das eigentliche Werk, seine Oper ›Doktor Faust‹, wagte er sich noch nicht, weil er sich verstört fühlte. Er schrieb einen kleinen, leichten musikalischen Einakter, um sich zu befreien, aber die Wolke wich nicht von seinem Haupt während des Krieges. Selten hörte ich mehr sein herrlich vehementes, sein aretinisches Lachen, das ich an ihm vordem so sehr geliebt. Und einmal traf ich ihn spätnachts in der Halle des Bahnhofrestaurants, er hatte allein zwei Flaschen Wein getrunken. Als ich vorbeiging, rief er mich an. »Betäuben!« sagte er, auf die Flaschen deutend. »Nicht trinken! Aber manchmal muß man sich betäuben, sonst erträgt man es nicht. Die Musik kann es nicht immer, und die Arbeit kommt nur in guten Stunden zu Gast.«

Am schwersten aber war die zwiespältige Situation für die Elsässer und unter ihnen wieder am allerschlimmsten für diejenigen, die wie René Schickele mit dem Herzen zu Frankreich hielten und in deutscher Sprache schrieben. Um ihr Land ging ja eigentlich der Krieg, und die Sense schnitt ihnen mitten durchs Herz. Man wollte sie nach rechts ziehen und nach links, Bekenntnis zu Deutschland oder zu Frankreich von ihnen erzwingen, aber sie verabscheuten dies ›Entweder-Oder‹, das ihnen unmöglich war. Sie wollten, wie wir alle, Deutschland und Frankreich als Brüder, Verständigung statt Befeindung, und darum litten sie um beide und für beide.

Und rundherum noch die ratlose Schar der Halbverbundenen, der Gemischten, englische Frauen, die deutsche Offiziere geheiratet, französische Mütter österreichischer Diplomaten, Familien, wo der eine Sohn hüben diente und der andere drüben, wo die Eltern da und dort auf Briefe warteten, das Wenige hier konfisziert, die Position dort verloren war; alle diese Zerspaltenen hatten sich in die Schweiz gerettet, um der Verdächtigung zu entgehen, die sie in der alten und in der neuen Heimat gleicherweise verfolgte. In Furcht, die einen zu kompromittieren und die andern, vermieden sie, in jedweder Sprache zu sprechen und schlichen wie Schatten herum, zerstörte, zerbrochene Existenzen. Je europäischer ein Mensch in Europa gelebt, um so härter wurde er von der Faust gezüchtigt, die Europa zerschlug.

 

Inzwischen war die Aufführung des ›Jeremias‹ herangerückt. Sie wurde ein schöner Erfolg, und daß die ›Frankfurter Zeitung‹ denunzierend nach Deutschland berichtete, es hätten der amerikanische Gesandte und einige prominente alliierte Persönlichkeiten ihr beigewohnt, beunruhigte mich nicht sehr. Wir spürten, daß der Krieg, nun in seinem dritten Jahr, innerlich immer schwächer wurde und Widerstand gegen seine ausschließlich von Ludendorff erzwungene Fortführung nicht mehr so gefährlich war wie in der ersten Sündenzeit seiner Glorie. Der Herbst 1918 mußte die endgültige Entscheidung herbeiführen. Aber ich wollte diese Zeit des Wartens nicht länger in Zürich verbringen. Denn ich hatte allmählich wachere und wachsamere Augen bekommen. Im ersten Enthusiasmus meiner Ankunft hatte ich vermeint, unter all diesen Pazifisten und Antimilitaristen wirkliche Gesinnungsgenossen zu finden, redlich entschlossene Kämpfer für eine europäische Verständigung. Bald wurde ich gewahr, daß unter denen, die sich als Flüchtlinge aufspielten und die sich als Märtyrer heroischer Überzeugung gebärdeten, einige dunkle Gestalten sich eingeschmuggelt, die im Dienst des deutschen Nachrichtenbüros standen und bezahlt waren, jeden auszuhorchen und zu überwachen. Die ruhige, solide Schweiz erwies sich, wie jeder aus eigener Erfahrung bald feststellen konnte, unterhöhlt von der Maulwurfsarbeit geheimer Agenten aus beiden Lagern. Das Stubenmädchen, das den Papierkorb ausräumte, die Telephonistin, der Kellner, der bedenklich nahe und langsam servierte, standen im Dienst einer feindlichen Macht, oft sogar ein und derselbe Mann im Dienst von beiden Seiten. Koffer wurden auf geheimnisvolle Weise geöffnet, Löschblätter photographiert, Briefe verschwanden auf dem Weg zu oder von der Post; elegante Frauen lächelten einem in aufdringlicher Weise in den Halls der Hotels zu, sonderbar eifrige Pazifisten, von denen wir nie gehört, meldeten sich plötzlich an und luden ein, Proklamationen zu unterzeichnen oder baten scheinheilig um Adressenmaterial ›verläßlicher‹ Freunde. Ein ›Sozialist‹ bot mir ein verdächtig hohes Honorar für einen Vortrag vor der Arbeiterschaft in La Chaux-de-Fonds, die nichts davon wußte; ständig hieß es auf der Hut sein. Es dauerte nicht sehr lange, bis ich merkte, wie gering die Zahl derjenigen war, die man als absolut verläßlich ansehen konnte, und da ich mich nicht in Politik hineinzerren lassen wollte, schränkte ich meinen Verkehr immer mehr ein. Aber selbst bei den Verläßlichen langweilte mich die Unfruchtbarkeit der ewigen Diskussionen und die eigenwillige Verschachtelung in radikale, liberale, anarchistische, bolschewistische und unpolitische Gruppen; zum erstenmal lernte ich richtig den ewigen Typus des professionellen Revolutionärs beobachten, der sich durch das bloß Oppositionelle seiner Stellung in seiner Unbedeutendheit gesteigert fühlt und an das Dogmatische sich klammert, weil er in sich selber keinen Halt besitzt. In dieser geschwätzigen Wirrnis bleiben, hieß sich verwirren, unsichere Gemeinsamkeiten kultivieren und die eigene Überzeugung in ihrer moralischen Sicherheit gefährden. So zog ich mich zurück. Tatsächlich hat von all diesen Kaffeehauskomplotteuren keiner ein Komplott gewagt, von all den improvisierten Weltpolitikern nicht ein einziger verstanden, Politik zu machen, als sie wirklich not tat. Sobald das Positive begann, der Aufbau nach dem Kriege, blieben sie in ihrer krittelnden, nörgelnden Negativität stecken, genau wie unter den Antikriegsdichtern jener Tage nur sehr wenigen nach dem Kriege noch ein wesentliches Werk gelungen ist. Es war die Zeit gewesen mit ihrem Fieber, die aus ihnen dichtete und diskutierte und politisierte, und wie jede Gruppe, die nur einer momentanen Konstellation und nicht einer gelebten Idee ihre Gemeinsamkeit verdankt, ist dieser ganze Kreis interessanter, begabter Menschen spurlos zerfallen, sobald der Widerstand, gegen den er wirkte – der Krieg – vorüber war.

Als den richtigen Ort wählte ich mir etwa eine halbe Stunde weit von Zürich einen kleinen Gasthof in Rüschlikon, von dessen Hügel man den ganzen See und nur klein und fern noch die Türme der Stadt überblickte. Hier brauchte ich nur diejenigen zu sehen, die ich zu mir bat, die wirklichen Freunde, und sie kamen, Rolland und Masereel. Hier konnte ich für mich arbeiten und die Zeit nützen, die unterdes unerbittlich ihren Gang ging. Der Eintritt Amerikas in den Krieg ließ allen, denen der Blick nicht verblendet und das Ohr nicht durch heimatliche Phrasen ertaubt war, die deutsche Niederlage als unvermeidlich erscheinen; als der deutsche Kaiser plötzlich ankündigte, er wolle von nun ab ›demokratisch‹ regieren, wußten wir, was die Glocke geschlagen hatte. Ich gestehe offen, daß wir Österreicher und Deutschen trotz der sprachlichen, der seelischen Zugehörigkeit ungeduldig waren, daß das Unvermeidliche, da es unvermeidlich geworden, sich beschleunige; und der Tag, da Kaiser Wilhelm, der geschworen, bis zum letzten Hauch von Mann und Roß zu kämpfen, über die Grenze flüchtete und Ludendorff, der seinem ›Siegfrieden‹ Millionen Menschen hingeopfert, mit seiner blauen Brille nach Schweden auswischte, hatte viel Tröstliches für uns. Denn wir glaubten – und die ganze Welt damals mit uns –, mit diesem Kriege sei ›der‹ Krieg für alle Zeiten erledigt, die Bestie gezähmt oder gar getötet, die unsere Welt verheert. Wir glaubten an Wilsons großartiges Programm, das gänzlich das unsere war, wir sahen im Osten in jenen Tagen, da die russische Revolution noch mit humanen und idealistischen Ideen Brautnacht feierte, einen ungewissen Lichtschein kommen. Wir waren töricht, ich weiß es. Aber wir waren es nicht allein. Wer jene Zeit erlebt, der erinnert sich, daß die Straßen aller Städte dröhnten vor Jubel, um Wilson als den Heilbringer der Erde zu empfangen, daß die feindlichen Soldaten sich umarmten und küßten; nie war so viel Gläubigkeit in Europa wie in den ersten Tagen des Friedens. Denn jetzt war doch endlich Raum auf Erden für das langversprochene Reich der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, jetzt oder nie die Stunde für das gemeinsame Europa, von dem wir geträumt. Die Hölle lag hinter uns, was konnte nach ihr uns noch erschrecken? Eine andere Welt war im Anbeginn. Und da wir jung waren, sagten wir uns: es wird die unsere sein, die Welt, die wir erträumt, eine bessere, humanere Welt.

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