Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Zweig >

Die Welt von Gestern

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/zweig/weltgest/weltgest.xml
typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Welt von Gestern
publisherDeutscher Bücherbund
year1981
firstpub1944
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectid40ec58bf
Schließen

Navigation:

Der Kampf um die geistige Brüderschaft

An sich half es nichts, sich zurückzuziehen. Die Atmosphäre blieb bedrückend. Und ebendeshalb war ich mir bewußt geworden, daß ein bloß passives Verhalten, das Nicht-Mittun bei diesen wüsten Beschimpfungen des Gegners nicht zureichend sei. Schließlich war man Schriftsteller, man hatte das Wort und damit die Pflicht, seine Überzeugungen auszudrücken, soweit dies in einer Zeit der Zensur möglich war. Ich versuchte es. Ich schrieb einen Aufsatz, betitelt ›An die Freunde im Fremdland‹, wo ich in gerader und schroffer Abweichung von den Haßfanfaren der andern das Bekenntnis aussprach, allen Freunden im Ausland, möge auch jetzt eine Verbindung unmöglich sein, treu zu bleiben, um mit ihnen bei erster Gelegenheit wieder gemeinsam am Aufbau einer europäischen Kultur zu arbeiten. Ich sandte ihn an die gelesenste deutsche Zeitung. Zu meiner Überraschung zögerte das ›Berliner Tageblatt‹ nicht, ihn unverstümmelt abzudrucken. Nur ein einziger Satz – ›wem auch immer der Sieg zufallen möge‹ – fiel der Zensur zum Opfer, weil auch der leiseste Zweifel daran, daß Deutschland als selbstverständlicher Sieger aus diesem Weltkrieg hervorgehen werde, damals nicht gestattet war. Aber auch ohne diese Einschränkung trug mir der Aufsatz einige entrüstete Briefe von Überpatrioten ein, sie verstünden nicht, wie man in einer solchen Stunde noch mit diesen schurkischen Gegnern Gemeinschaft haben könne. Das kränkte mich nicht sehr. Ich hatte zeitlebens nie die Absicht gehabt, andere Leute zu meiner Überzeugung zu bekehren. Es war mir genug, sie bekunden, und zwar sichtbar bekunden zu dürfen.

Vierzehn Tage später, ich hatte jenen Aufsatz beinahe schon vergessen, fand ich, mit Schweizer Marke versehen und mit dem Zensurstempel geschmückt, einen Brief, den ich schon an den vertrauten Schriftzügen als von der Hand Romain Rollands erkannte. Er mußte den Aufsatz gelesen haben, denn er schrieb: »Non, je ne quitterai jamais mes amis.« Ich verstand sofort, daß die wenigen Zeilen einen Versuch machen wollten, festzustellen, ob es möglich sei, während des Krieges mit einem österreichischen Freunde in briefliche Verbindung zu treten. Ich antwortete ihm sofort. Wir schrieben einander von nun ab regelmäßig, und dieser Briefwechsel hat sich dann mehr als fünfundzwanzig Jahre fortgesetzt, bis der Zweite Krieg – brutaler als der Erste – jede Verbindung zwischen den Ländern abriß.

Dieser Brief war einer der großen Glücksmomente in meinem Leben: wie eine weiße Taube kam er aus der Arche der brüllenden, stampfenden, tobenden Tierheit. Ich fühlte mich nicht mehr allein, sondern endlich wieder gleicher Gesinnung verbunden. Ich empfand mich bestärkt durch Rollands überlegene Seelenstärke. Denn über die Grenzen hinweg wußte ich, wie wunderbar Rolland seine Menschlichkeit bewährte. Er hatte den einzig richtigen Weg gefunden, den der Dichter in solchen Zeiten persönlich zu nehmen hat: nicht mitzutun an der Zerstörung, am Mord, sondern – nach dem großartigen Beispiel Walt Whitmans, der als Krankenpfleger im Sezessionskriege gedient – tätig zu sein an Werken der Hilfe und der Menschlichkeit. In der Schweiz lebend, durch seine schwankende Gesundheit jedweden Kriegsdienstes enthoben, hatte er sich in Genf, wo er sich bei Kriegsausbruch befand, sofort dem ›Roten Kreuz‹ zur Verfügung gestellt und arbeitete dort in den überfüllten Räumen Tag für Tag an dem wundervollen Werke, dem ich dann später versuchte, in einem Aufsatz ›Das Herz Europas‹ öffentlichen Dank zu sagen. Nach den mörderischen Schlachten der ersten Wochen war jede Verbindung abgerissen; in allen Ländern wußten die Angehörigen nicht, ob ihr Sohn, ihr Bruder, ihr Vater gefallen oder nur vermißt oder gefangen sei, und sie wußten nicht, bei wem sie anfragen sollten, denn vom ›Feinde‹ war keine Auskunft zu erwarten. Da hatte das ›Rote Kreuz‹ die Aufgabe übernommen, inmitten des Grauens und der Grausamkeit den Menschen wenigstens die grimmigste Qual abzunehmen: die folternde Ungewißheit über das Schicksal geliebter Menschen, indem es aus den gegnerischen Ländern den Briefwechsel der Gefangenen nach der Heimat leitete. Freilich, die seit Jahrzehnten vorbereitete Organisation war nicht gefaßt gewesen auf solche Dimensionen und Millionenzahlen; täglich, stündlich mußte die Zahl der freiwilligen Hilfsarbeiter vermehrt werden, denn jede Stunde quälenden Wartens bedeutete für die Angehörigen eine Ewigkeit. Ende Dezember 1914 waren es schon dreißigtausend Briefe, die jeder Tag heranschwemmte, schließlich drängten sich in dem engen Musée Rath in Genf zwölfhundert Menschen zusammen, um die tägliche Post zu bewältigen, zu beantworten. Und mitten unter ihnen arbeitete, statt egoistisch seine eigene Arbeit zu tun, der menschlichste unter den Dichtern: Romain Rolland.

Aber er hatte auch seine andere Pflicht nicht vergessen, die Pflicht des Künstlers, seine Überzeugung auszusprechen und sei es auch gegen den Widerstand seines Landes und sogar den Unwillen der ganzen kriegführenden Welt. Schon im Herbst 1914, da die meisten Schriftsteller sich in Haß überschrien und gegeneinander geiferten und belferten, hatte er jenes denkwürdige Bekenntnis ›Au-dessus de la mêlée‹ geschrieben, in dem er den geistigen Haß zwischen den Nationen bekämpfte und von dem Künstler Gerechtigkeit und Menschlichkeit selbst mitten im Krieg forderte – diesen Aufsatz, der wie kein anderer jener Zeit die Meinungen erregte und eine ganze Literatur des Dagegen und Dafür hinter sich zog.

Denn dies unterschied den Ersten Weltkrieg wohltätig vom Zweiten: das Wort hatte damals noch Gewalt. Es war noch nicht zu Tode geritten von der organisierten Lüge, der ›Propaganda‹, die Menschen hörten noch auf das geschriebene Wort, sie warteten darauf. Während 1939 keine einzige Kundgebung eines Dichters weder im Guten noch im Bösen auch nur die mindeste Wirkung zeitigte, während bis heute kein einziges Buch, keine Broschüre, kein Aufsatz, kein Gedicht innerlich die Massen berührte oder gar in ihrem Denken beeinflußte, vermochte 1914 ein vierzehnzeiliges Gedicht wie jener ›Haßgesang‹ Lissauers, eine Manifestation wie jene törichte der ›93 deutschen Intellektuellem‹, und andererseits wieder ein Aufsatz von acht Seiten wie Rollands ›Audessus de la mêlée‹, ein Roman wie Barbusses ›Le Feu‹ Ereignis zu werden. Das moralische Weltgewissen war eben noch nicht so übermüdet und ausgelaugt wie heute, es reagierte vehement auf jede offenbare Lüge, auf jede Verletzung des Völkerrechts und der Humanität mit der ganzen Kraft jahrhundertealter Überzeugung. Ein Rechtsbruch wie der Einmarsch Deutschlands in das neutrale Belgien, der heute, seit Hitler die Lüge zur Selbstverständlichkeit und die Antihumanität zum Gesetz erhoben, kaum mehr ernstlich getadelt würde, konnte damals noch die Welt von einem bis zum anderen Ende erregen. Die Erschießung der Nurse Cavell, die Torpedierung der ›Lusitania‹ wurden dank des Ausbruchs universaler moralischer Entrüstung für Deutschland verhängnisvoller als eine verlorene Schlacht. Es war für den Dichter, den Schriftsteller also keineswegs aussichtslos, zu sprechen in jener Zeit, da das Ohr und die Seele noch nicht von den unablässig schwatzenden Wellen des Radios überströmt waren; im Gegenteil: die spontane Manifestation eines großen Dichters übte tausendmal mehr Wirkung als alle offiziellen Reden der Staatsmänner, von denen man wußte, daß sie taktisch, politisch auf die Stunde eingestellt waren und bestenfalls nur die halbe Wahrheit enthielten. Auch in diesem Sinne des Vertrauens auf den Dichter als den besten Bürger reiner Gesinnung wohnte noch unendlich mehr Gläubigkeit jener später so sehr enttäuschten – Generation inne. Da sie aber um diese Autorität der Dichter wußten, suchten ihrerseits die Militärs, die Amtsstellen alle Männer von moralischem, von geistigem Prestige in ihren Aufputschungsdienst zu spannen: sie sollten erklären, beweisen, bestätigen, beschwören, daß alles Unrecht, alles Böse auf der anderen Seite angehäuft sei, alles Recht, alle Wahrheit der eigenen Nation zu eigen. Bei Rolland gelang es ihnen nicht. Er sah seine Aufgabe nicht darin, die haßschwüle, mit allen Aufputschungsmitteln überreizte Atmosphäre noch zu steigern, sondern im Gegenteil, sie zu reinigen.

Wer heute die acht Seiten dieses berühmten Aufsatzes ›Au-dessus de la mêlée‹ wieder liest, vermag seine immense Wirkung wahrscheinlich nicht mehr zu verstehen; alles, was Rolland darin postulierte, meint, wenn mit kühlen, klaren Sinnen gelesen, doch nur selbstverständlichste Selbstverständlichkeit. Aber diese Worte waren in einer Zeit geistiger Massentollheit gesprochen, die heute kaum mehr rekonstruierbar ist. Die französischen Superpatrioten schrien, als dieser Aufsatz erschien, auf, als hätten sie versehentlich ein glühendes Eisen in die Hand bekommen. Über Nacht war Rolland von seinen ältesten Freunden boykottiert, die Buchhändler wagten den ›Jean Christophe‹ nicht mehr in die Auslagen zu stellen, die Militärbehörden, die den Haß brauchten zur Stimulierung der Soldaten, erwogen bereits Maßnahmen gegen ihn, eine Broschüre nach der andern erschien mit der Argumentation: ›Ce qu'on donne pendant la guerre à l'humanité est volé à la patrie.‹ Aber wie immer bewies der Aufschrei, daß der Schlag vollwichtig getroffen hatte. Die Diskussion über die Haltung des geistigen Menschen im Kriege war nicht mehr aufzuhalten, das Problem für jeden einzelnen unvermeidlich gestellt.

 

Nichts ist mir bei diesen meinen Erinnerungen bedauerlicher, als daß mir die Briefe Rollands aus jenen Jahren nicht zugänglich sind; der Gedanke, sie könnten in dieser neuen Sintflut vernichtet werden oder verlorengehen, lastet wie eine Verantwortung auf mir. Denn so sehr ich sein Werk liebe, halte ich es für möglich, daß man später sie dem Schönsten und Humansten beizählen wird, was sein großes Herz und sein leidenschaftlicher Verstand jemals entäußert haben. Aus der maßlosen Erschütterung einer mitleidenden Seele, aus der ganzen Kraft machtloser Erbitterung geschrieben an einen Freund jenseits der Grenze, also einen offiziellen ›Feind‹, stellen sie die vielleicht eindringlichsten moralischen Dokumente einer Zeit dar, wo Verstehen eine ungeheure Kraftleistung und Treue zur eigenen Gesinnung allein schon einen grandiosen Mut erforderte. Bald kristallisierte sich aus dieser unserer freundschaftlichen Korrespondenz ein positiver Vorschlag: Rolland regte an, man solle versuchen, die wichtigsten geistigen Persönlichkeiten aller Nationen zu einer gemeinsamen Konferenz in der Schweiz einzuladen, um zu einer einheitlichen und würdigeren Haltung zu gelangen und vielleicht sogar einen solidarischen Appell im Sinne der Verständigung an die Welt zu richten. Er wollte von der Schweiz aus übernehmen, die französischen und ausländischen Geistigen zur Teilnahme einzuladen, ich sollte von Österreich unsere und die deutschen Dichter und Gelehrten sondieren, soweit sie sich noch nicht selbst durch eine öffentliche Haßpropaganda kompromittiert hätten. Ich machte mich sofort ans Werk. Der wichtigste, der repräsentativste deutsche Dichter war damals Gerhart Hauptmann. Ich wollte, um ihm Zusage oder Absage leichter zu machen, mich nicht direkt an ihn wenden. So schrieb ich unserem gemeinsamen Freunde Walther Rathenau, er möge Hauptmann vertraulich anfragen. Rathenau lehnte ab – ob mit oder ohne Verständigung Hauptmanns, habe ich nie erfahren –, es sei jetzt nicht an der Zeit, einen geistigen Frieden einzuhalten. Damit war eigentlich der Versuch gescheitert, denn Thomas Mann stand damals im anderen Lager und hatte eben in einem Aufsatz über Friedrich den Großen den deutschen Rechtsstandpunkt eingenommen, Rilke, den ich auf unserer Seite wußte, entzog sich aus Prinzip jeder öffentlichen und gemeinsamen Aktion, Dehmel, der ehemalige Sozialist, unterzeichnete seine Briefe mit kindlich-patriotischem Stolz als ›Leutnant Dehmel‹, über Hofmannsthal und Jakob Wassermann hatten mich private Gespräche belehrt, daß auf sie nicht zu zählen war. So war von deutscher Seite nicht viel zu hoffen, und Rolland erging es in Frankreich kaum besser. Es war 1914, 1915 noch zu früh, der Krieg für die Menschen des Hinterlandes noch zu weit. Wir blieben allein.

Allein, aber doch nicht ganz allein. Etwas hatten wir durch unseren Briefwechsel schon gewonnen: eine erste Übersicht der paar Dutzend Menschen, auf die innerlich zu zählen war und die in neutralen oder kriegführenden Ländern gemeinsam mit uns dachten; wir konnten uns gegenseitig aufmerksam machen auf Bücher, Aufsätze, Broschüren hüben und drüben, ein gewisser Kristallisationspunkt war gesichert, an den sich – zögernd zuerst, aber immer stärker durch den immer lastenderen Druck der Zeit – neue Elemente ansetzen konnten. Dieses Gefühl, nicht völlig im Leeren zu stehen, machte mir Mut, öfters Aufsätze zu schreiben, um durch die Antworten und Reaktionen all die Vereinzelten und Verborgenen, die mit uns fühlten, ans Licht zu ziehen. Ich hatte immerhin die großen Zeitungen Deutschlands und Österreichs zur Verfügung und damit einen wichtigen Wirkungskreis, ein prinzipieller Widerstand der Behörden war nicht zu befürchten, da ich nie ins Aktuell-Politische übergriff. Noch war unter der Einwirkung des liberalistischen Geistes der Respekt vor allem Literarischen sehr stark, und wenn ich die Aufsätze überlese, die es mir damals gelang in die breiteste Öffentlichkeit zu schmuggeln, so kann ich den österreichischen Militärbeamten meinen Respekt für ihre Großzügigkeit nicht versagen; ich konnte immerhin mitten im Weltkriege die Begründerin des Pazifismus, Berta von Suttner, begeistert rühmen, die den Krieg als das Verbrechen der Verbrechen brandmarkte, und über Barbusses ›Le Feu‹ in einer österreichischen Zeitung ausführlich berichten. Eine gewisse Technik mußten wir uns freilich zurechtlegen, während wir diese unsere unzeitgemäßen Anschauungen während einer Kriegszeit weiten Kreisen übermittelten. Um das Grauen des Krieges, die Gleichgültigkeit des Hinterlandes darzustellen, war es in Österreich natürlich nötig, das Leiden eines ›französischen‹ Infanteristen in einem Aufsatz über ›Le Feu‹ hervorzuheben, aber Hunderte von Briefen von der österreichischen Front zeigten mir, wie deutlich die Unseren ihr eigenes Schicksal erkannt. Oder wir wählten, um unsere Überzeugungen auszusprechen, das Mittel des scheinbaren gegenseitigen Angriffs. So polemisierte im ›Mercure de France‹ einer meiner französischen Freunde gegen meinen Aufsatz ›Den Freunden im Fremdland‹; aber indem er ihn in der vorgeblichen Polemik bis auf das letzte Wort übersetzt abdruckte, hatte er ihn glücklich nach Frankreich hinübergeschmuggelt, und jeder konnte ihn (was die Absicht war) dort lesen. Auf solche Art gingen Blinklichter, die nichts als Erinnerungszeichen waren, hinüber und herüber. Wie sehr sie von denen, für die sie bestimmt waren, verstanden wurden, zeigte mir später eine kleine Episode. Als Italien im Mai 1915 Österreich, seinem früheren Bundesgenossen, den Krieg erklärte, sprang bei uns eine Haßwelle auf. Alles Italienische wurde beschimpft. Zufällig waren nun die Erinnerungen eines jungen Italieners aus der Zeit des Risorgimento namens Carl Poerio erschienen, der einen Besuch bei Goethe schilderte. Ich schrieb, um inmitten des Haßgeschreis darzutun, daß die Italiener mit unserer Kultur von je die besten Zusammenhänge gehabt hätten, demonstrativ einen Aufsatz ›Ein Italiener bei Goethe‹ und da dieses Buch von Benedetto Croce eingeleitet war, nutzte ich den Anlaß, um Croce einige Worte höchsten Respekts zu widmen. Bewundernde Worte für einen Italiener bedeuteten in Österreich zu einer Zeit, da man keinem Dichter oder Gelehrten eines Feindeslandes eine Anerkennung zollen sollte, selbstverständlich eine deutliche Demonstration, und sie wurde bis über die Grenzen hinaus verstanden. Croce, der damals Benedetto Croce war erst 1920-1921 Minister. in Italien Minister war, erzählte mir später einmal, wie ein Angestellter des Ministeriums, der selbst nicht Deutsch lesen konnte, ihm etwas bestürzt mitteilte, in dem Hauptblatte des Kriegsgegners stehe etwas gegen ihn (denn er konnte sich eine Erwähnung nicht anders als im Sinne der Gegnerschaft erdenken). Croce ließ sich die ›Neue Freie Presse‹ kommen und war zuerst erstaunt und dann im besten Sinne amüsiert, statt dessen eine Reverenz zu finden.

 

Ich denke nun durchaus nicht daran, diese kleinen isolierten Versuche zu überschätzen. Sie haben selbstverständlich auf den Gang der Ereignisse nicht die geringste Wirkung geübt. Aber sie haben uns selbst – und manchen unbekannten Lesern – geholfen. Sie haben die gräßliche Isoliertheit, die seelische Verzweiflung gemildert, in der ein wirklich menschlich fühlender Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts sich befand – und heute nach fünfundzwanzig Jahren sich wieder befindet, ebenso machtlos gegen das Übermächtige und, ich fürchte es, sogar noch mehr. Ich war mir schon damals voll bewußt, daß ich mit diesen kleinen Protesten und Geschicklichkeiten nicht die eigentliche Last von mir abzuwälzen vermochte; langsam begann sich in mir der Plan eines Werks zu formen, in dem ich nicht nur Einzelnes aussagen könnte, sondern meine ganze Einstellung zu Zeit und Volk, zu Katastrophe und Krieg.

Um aber den Krieg in einer dichterischen Synthese darstellen zu können, fehlte mir eigentlich das Wichtigste: ich hatte ihn nicht gesehen. Ich saß jetzt fast ein Jahr festgeankert in diesem Büro, und in einer unsichtbaren Ferne ging das ›Eigentliche‹, das Wirkliche, das Grausige des Krieges vor sich. Gelegenheit, an die Front zu fahren, war mir mehrmals geboten worden, dreimal hatten mich große Zeitungen ersucht, als ihr Berichterstatter zur Armee zu gehen. Aber jede Art Schilderung hätte die Verpflichtung mit sich gebracht, den Krieg in einem ausschließlich positiven und patriotischen Sinne darzustellen, und ich hatte mir geschworen – ein Eid, den ich auch 1940 gehalten habe – niemals ein Wort zu schreiben, das den Krieg bejahte oder eine andere Nation herabsetzte. Nun ergab sich zufällig eine Gelegenheit. Die große österreichisch-deutsche Offensive hatte im Frühjahr 1915 bei Tarnow die russische Linie durchbrochen und Galizien und Polen in einem einzigen konzentrischen Vorstoß erobert. Das Kriegsarchiv wollte nun für seine Bibliothek die Originale all der russischen Proklamationen und Anschläge im besetzten österreichischen Gebiet sammeln, ehe sie heruntergerissen oder sonst vernichtet wurden. Der Oberst, der meine Sammlertechnik zufällig kannte, fragte mich an, ob ich das besorgen wollte; ich griff selbstverständlich sofort zu, und mir wurde ein Passepartout ausgestellt, so daß ich, ohne von einer besonderen Behörde abhängig zu sein und ohne irgendeinem Amt oder Vorgesetzten direkt zu unterstehen, mit jedem Militärzug reisen und mich frei bewegen konnte, wohin ich wollte, was dann zu den sonderbarsten Zwischenfällen führte: ich war nämlich nicht Offizier, sondern nur Titularfeldwebel und trug eine Uniform ohne besondere Abzeichen. Wenn ich mein geheimnisvolles Dokument vorzeigte, erweckte dies einen besonderen Respekt, denn die Offiziere an der Front und die Beamten vermuteten, daß ich irgendein verkleideter Generalstabsoffizier sein müsse oder sonst einen mysteriösen Auftrag habe. Da ich auch die Offiziersmessen vermied und nur in Hotels abstieg, gewann ich überdies den Vorzug, außerhalb der großen Maschinerie zu stehen und ohne jede ›Führung‹ sehen zu können, was ich sehen wollte.

Der eigentliche Auftrag, die Proklamationen zu sammeln, beschwerte mich nicht sehr. Jedesmal, wenn ich in eine jener galizischen Städte kam, nach Tarnow, nach Drohobycz, nach Lemberg, standen dort am Bahnhof einige Juden, sogenannte ›Faktoren‹, deren Beruf es war, alles zu besorgen, was immer man haben wollte; es genügte, daß ich einem dieser Universalpraktiker sagte, ich wünschte die Proklamationen und Anschläge der russischen Okkupation, und der Faktor lief wie ein Wiesel und vermittelte den Auftrag auf geheimnisvollem Wege weiter an Dutzende von Unterfaktoren; nach drei Stunden hatte ich, ohne selbst einen Schritt gegangen zu sein, das Material in der denkbar schönsten Komplettheit beisammen. Dank dieser vorbildlichen Organisation blieb mir Zeit, viel zu sehen, und ich sah viel. Ich sah vor allem das furchtbare Elend der Zivilbevölkerung, über deren Augen das Grauen über das Erlebte noch wie ein Schatten lag. Ich sah das nie geahnte Elend der jüdischen Ghettobevölkerung, die zu acht, zu zwölft in ebenerdigen oder unterirdischen Zimmern wohnte. Und ich sah zum erstenmal den ›Feind‹. In Tarnow stieß ich auf den ersten Gefangenentransport russischer Soldaten. Sie saßen eingezäunt in einem großen Viereck auf der Erde, rauchten und schwätzten, von zwei oder drei Dutzend älteren, meist bärtigen Tiroler Landsturmsoldaten bewacht, die ebenso abgerissen und verwahrlost waren wie die Gefangenen und sehr wenig den schmucken, wohlrasierten, blank uniformierten Soldaten glichen, wie sie bei uns zu Hause in den illustrierten Zeitungen abgebildet waren. Aber diese Bewachung hatte nicht den geringsten martialischen oder drakonischen Charakter. Die Gefangenen zeigten keine wie immer geartete Neigung, zu entfliehen, die österreichischen Landsturmleute keineswegs den Wunsch, die Bewachung streng zu nehmen. Sie saßen kameradschaftlich mit den Gefangenen zusammen, und gerade daß sie sich in ihren Sprachen nicht verständigen konnten, machte beiden Seiten außerordentlichen Spaß. Man tauschte Zigaretten aus, lachte sich an. Ein Tiroler Landsturmmann holte gerade aus einer sehr alten und schmutzigen Brieftasche die Photographien seiner Frau und seiner Kinder und zeigte sie den ›Feinden‹, die sie einer nach dem anderen bewunderten und mit den Fingern fragten, ob dieses Kind drei Jahre alt sei oder vier. Unwiderstehlich hatte ich das Gefühl, daß diese primitiven, einfachen Menschen den Krieg viel richtiger empfanden als unsere Universitätsprofessoren und Dichter: nämlich als ein Unglück, das über sie gekommen war und für das sie nichts konnten, und daß eben jeder, der in dieses Malheur geraten war, eine Art Bruder sei. Diese Erkenntnis begleitete mich tröstlich auf der ganzen Fahrt, vorbei an den zerschossenen Städten und geplünderten Geschäften, deren Möbel wie gebrochene Glieder und herausgerissene Eingeweide mitten auf der Straße lagen. Auch gaben mir die wohlbestellten Felder zwischen den Kriegsgebieten die Hoffnung, daß in ein paar Jahren alle die Zerstörungen wieder verschwunden sein würden. Freilich konnte ich damals noch nicht ermessen, daß ebenso rasch wie die Spur des Krieges vom Antlitz der Erde auch die Erinnerung an sein Grauen aus dem Gedächtnis der Menschen entschwinden könnte.

Dem eigentlich Grausigen des Krieges war ich in den ersten Tagen noch nicht begegnet; sein Antlitz übertraf dann meine schlimmsten Befürchtungen. Da soviel wie gar keine regelmäßigen Passagierzüge verkehrten, fuhr ich einmal auf offenen Artilleriewagen, auf der Protze einer Kanone sitzend, ein anderesmal in einem jener Viehwagen, wo die Menschen im Gestank übereinander und durcheinander todmüde schliefen und, während man sie zur Schlachtbank führte, selbst schon ähnlich waren geschlachtetem Vieh. Aber das Furchtbarste waren die Lazarettzüge, die ich zwei- oder dreimal benutzen mußte. Ach, wie wenig glichen sie jenen gut erhellten, weißen, wohlgewaschenen Sanitätszügen, in denen sich die Erzherzoginnen und die vornehmen Damen der Wiener Gesellschaft zu Anfang des Krieges als Krankenpflegerinnen abbilden ließen! Was ich schauernd zu sehen bekam, waren gewöhnliche Transportwagen ohne richtige Fenster, nur mit einer schmalen Luftluke und innen von verrußten Öllampen erhellt. Eine primitive Tragbahre stand neben der andern, und alle waren sie belegt mit stöhnenden, schwitzenden, todfahlen Menschen, die nach Luft röchelten in dem dicken Geruch von Exkrementen und Jodoform. Die Sanitätssoldaten schwankten mehr als sie gingen, so sehr waren sie übermüdet; nichts war zu sehen von dem weiß leuchtenden Bettzeug der Photographien. Zugedeckt mit längst durchgebluteten Kotzen lagen die Leute auf Stroh oder den harten Tragbahren und in jedem dieser Wagen schon zwei oder drei Tote inmitten der Sterbenden und Stöhnenden. Ich sprach mit dem Arzt, der, wie er mir gestand, eigentlich nur Zahnarzt in einem kleinen ungarischen Städtchen gewesen war und seit Jahren nicht mehr chirurgisch praktiziert hatte. Er war verzweifelt. Nach sieben Stationen, sagte er mir, habe er schon voraustelegraphiert um Morphium. Aber alles sei verbraucht, und er habe auch keine Watte mehr, kein frisches Verbandszeug für die zwanzig Stunden bis ins Budapester Spital. Er bat mich, ihm zu helfen, denn seine Leute könnten nicht mehr weiter vor Müdigkeit. Ich versuchte es, ungeschickt wie ich war, konnte mich aber wenigstens nützlich machen, indem ich bei jeder Station hinauslief und mithalf, ein paar Eimer Wasser zu tragen, schlechtes, schmutziges Wasser, eigentlich nur für die Lokomotive bestimmt, jetzt aber doch Labsal, um die Leute wenigstens ein wenig zu waschen und das ständig niedertropfende Blut vom Boden wegzuscheuern. Dazu kam noch für die Soldaten, die aus allen denkbaren Nationalitäten in diesen rollenden Sarg zusammengeworfen worden waren, eine persönliche Erschwerung durch die babylonische Verwirrung der Sprachen. Weder der Arzt noch die Pfleger verstanden ruthenisch oder kroatisch; der einzige, der einigermaßen helfen konnte, war ein alter, weißhaariger Priester, der – so wie der Arzt verzweifelt war, kein Morphium zu haben – seinerseits erschüttert klagte, er könne seine heilige Pflicht nicht tun, es fehle ihm das Öl für die letzte Ölung. In seinem ganzen Leben habe er nicht so viele Menschen ›versehen‹ wie in diesem einen letzten Monat. Und von ihm hörte ich das Wort, das ich nie mehr vergessen habe, mit harter, zorniger Stimme ausgesprochen: »Ich bin siebenundsechzig Jahre alt und habe viel gesehen. Aber ich habe ein solches Verbrechen der Menschheit nicht für möglich gehalten.«

 

Jener Hospitalzug, mit dem ich zurückfuhr, kam in den frühen Morgenstunden in Budapest an. Ich fuhr sofort in ein Hotel, um zunächst einmal zu schlafen; der einzige Sitzplatz in jenem Zuge war mein Koffer gewesen. Ich schlief bis etwa elf Uhr, übermüdet wie ich gewesen, und zog mich dann rasch an, ein Frühstück zu nehmen. Aber schon nach den ersten paar Schritten hatte ich ununterbrochen das Gefühl, ich müßte mir die Augen reiben, ob ich nicht träume. Es war einer jener strahlenden Tage, die am Morgen noch Frühling, zu Mittag schon Sommer sind, und Budapest war so schön und sorglos wie nie. Die Frauen in weißen Kleidern promenierten Arm in Arm mit Offizieren, die mir plötzlich wie Offiziere aus einer ganz anderen Armee erschienen als jene, die ich gestern, erst vorgestern gesehen. In den Kleidern, im Mund, in der Nase noch den Geruch von Jodoform aus dem Verwundetentransport von gestern, sah ich, wie sie Veilchensträußchen kauften und den Damen galant verehrten, wie tadellose Autos mit tadellos rasierten und gekleideten Herren durch die Straßen fuhren. Und all dies acht oder neun Schnellzugsstunden von der Front! Aber hatte man ein Recht, diese Menschen anzuklagen? War es nicht eigentlich das Natürlichste, daß sie lebten und versuchten, sich ihres Lebens zu freuen? Daß sie vielleicht gerade aus dem Gefühl heraus, daß alles bedroht war, noch alles zusammenrafften, was zusammenzuraffen war, die paar guten Kleider, die letzten guten Stunden! Gerade wenn man gesehen, ein wie gebrechliches, zerstörbares Wesen der Mensch ist, dem ein kleines Stück Blei in einer tausendstel Sekunde das Leben mit all seinen Erinnerungen und Erkenntnissen und Ekstasen herausfetzen kann, verstand man, daß ein solcher Korso-Vormittag an dem leuchtenden Flusse Tausende drängte, Sonne zu sehen, sich selbst zu fühlen, das eigene Blut, das eigene Leben mit vielleicht noch verstärkter Kraft. Schon war ich beinahe versöhnt mit dem, was mich zuerst erschreckt hatte. Aber da brachte unglücklicherweise der gefällige Kellner mir eine Wiener Zeitung. Ich versuchte sie zu lesen; nun erst überfiel mich der Ekel in der Form eines richtigen Zorns. Da standen alle die Phrasen von dem unbeugsamen Siegeswillen, von den geringen Verlusten unserer eigenen Truppen und den riesigen der Gegner, da sprang sie mich an, nackt, riesenhaft und schamlos, die Lüge des Krieges! Nein, nicht die Spaziergänger, die Lässigen, die Sorglosen waren die Schuldigen, sondern einzig die, die mit ihrem Wort zum Kriege hetzten. Aber schuldig auch wir, wenn wir das unsere nicht gegen sie wendeten.

 

Nun erst war mir der richtige Antrieb gegeben: man mußte kämpfen gegen den Krieg! Der Stoff lag in mir bereit, nur diese letzte anschauliche Bestätigung meines Instinkts hatte noch gefehlt, um zu beginnen. Ich hatte den Gegner erkannt, gegen den ich zu kämpfen hatte – das falsche Heldentum, das lieber die andern vorausschickt in Leiden und Tod, den billigen Optimismus der gewissenlosen Propheten, der politischen wie der militärischen, die, skrupellos den Sieg versprechend, die Schlächterei verlängern, und hinter ihnen den Chor, den sie sich mieteten, all diese ›Wortemacher des Krieges‹, wie Werfel sie angeprangert in seinem schönen Gedicht. Wer ein Bedenken äußerte, der störte sie bei ihrem patriotischen Geschäft, wer warnte, den verhöhnten sie als Schwarzseher, wer den Krieg, in dem sie selber nicht mitlitten, bekämpfte, den brandmarkten sie als Verräter. Immer war es dieselbe, die ewige Rotte durch die Zeiten, die die Vorsichtigen feige nannte, die Menschlichen schwächlich, um dann selbst ratlos zu sein in der Stunde der Katastrophe, die sie leichtfertig beschworen. Immer war es dieselbe Rotte, dieselbe, die Kassandra verhöhnt in Troja, Jeremias in Jerusalem, und nie hatte ich Tragik und Größe dieser Gestalten so verstanden wie in diesen allzu ähnlichen Stunden. Von Anfang an glaubte ich nicht an den ›Sieg‹ und wußte nur eines gewiß: daß selbst wenn er unter maßlosen Opfern errungen werden könnte, er diese Opfer nicht rechtfertige. Aber immer blieb ich allein unter all meinen Freunden mit solcher Mahnung, und das wirre Siegesgeheul vor dem ersten Schuß, die Beuteverteilung vor der ersten Schlacht ließ mich oft zweifeln, ob ich selbst wahnsinnig sei unter all diesen Klugen oder vielmehr allein grauenhaft wach inmitten ihrer Trunkenheit. So wurde es nur natürlich für mich, die eigene, die tragische Situation des ›Defaitisten‹ – dieses Wort hatte man erfunden, um jenen, die sich um Verständigung bemühten, den Willen zur Niederlage zu unterschieben – in dramatischer Form zu schildern. Ich wählte als Symbol die Gestalt des Jeremias, des vergeblichen Warners. Aber es ging mir keineswegs darum, ein ›pazifistisches‹ Stück zu schreiben, die Binsenwahrheit in Wort und Verse zu setzen, daß Frieden besser sei als Krieg, sondern darzustellen, daß derjenige, der als der Schwache, der Ängstliche in der Zeit der Begeisterung verachtet wird, in der Stunde der Niederlage sich meist als der einzige erweist, der sie nicht nur erträgt, sondern sie bemeistert. Von meinem ersten Stück, ›Thersites‹ an hatte mich das Problem der seelischen Superiorität des Besiegten immer wieder von neuem beschäftigt. Immer lockte es mich, die innere Verhärtung zu zeigen, die jede Form der Macht in einem Menschen bewirkt, die seelische Erstarrung, die bei ganzen Völkern jeder Sieg bedingt, und ihr die aufwühlende, die Seele schmerzhaft und furchtbar durchpflügende Macht der Niederlage entgegenzustellen. Mitten im Kriege, indes die andern sich noch, voreilig triumphierend, gegenseitig den unfehlbaren Sieg bewiesen, warf ich mich schon in den untersten Abgrund der Katastrophe und suchte den Aufstieg.

Aber unbewußt hatte ich, indem ich ein Thema der Bibel wählte, an etwas gerührt, das in mir bisher ungenützt gelegen: an die im Blut oder in der Tradition dunkel begründete Gemeinschaft mit dem jüdischen Schicksal. War es nicht dies, mein Volk, das immer wieder besiegt worden war von allen Völkern, immer wieder, immer wieder, und doch sie überdauert dank einer geheimnisvollen Kraft – eben jener Kraft, die Niederlage zu verwandeln durch den Willen, sie immer und immer wieder zu bestehen? Hatten sie es nicht vorausgewußt, unsere Propheten, dies ewige Gejagtsein und Vertriebensein, das uns auch heute wieder wie Spreu über die Straßen wirft, und hatten sie dies Unterliegen unter der Gewalt nicht bejaht und sogar als einen Weg zu Gott gesegnet? War Prüfung nicht ewig von Gewinn für alle und für den einzelnen gewesen – ich fühlte dies beglückt, während ich an diesem Drama schrieb, dem ersten, das ich von meinen Büchern vor mir selbst gelten ließ. Ich weiß heute: ohne all das, was ich mitfühlend, vorausfühlend damals während des Krieges gelitten, wäre ich der Schriftsteller geblieben, der ich vor dem Kriege gewesen, ›angenehm bewegt‹, wie man im Musikalischen sagt, aber nie gefaßt, erfaßt, getroffen bis in die innersten Eingeweide. Jetzt zum erstenmal hatte ich das Gefühl, gleichzeitig aus mir selbst zu sprechen und aus der Zeit. Indem ich versuchte, den andern zu helfen, habe ich damals mir selbst geholfen: zu meinem persönlichsten, privatesten Werk neben dem ›Erasmus‹, in dem ich mich 1934 in Hitlers Tagen aus einer ähnlichen Krise emporrang. Von dem Augenblicke, da ich versuchte, sie zu gestalten, litt ich nicht mehr so schwer an der Tragödie der Zeit.

An einen sichtbaren Erfolg dieses Werkes hatte ich nicht einen Augenblick geglaubt. Durch die Begegnung so vieler Probleme, des prophetischen, des pazifistischen, des jüdischen, durch die choralische Formung der Schlußszenen, die aufsteigen in einen Hymnus des Besiegten an sein Schicksal, war der Umfang dieser Dichtung dermaßen über den normalen eines Dramas hinausgewachsen, daß eine richtige Aufführung eigentlich zwei oder drei Theaterabende erfordert hätte. Und dann – wie sollte ein Stück auf die deutsche Bühne kommen, das die Niederlage ankündigte und sie sogar rühmte, indes täglich die Zeitungen schmetterten ›Siegen oder Untergehen!‹ Ein Wunder mußte ich es schon nennen, wenn das Buch gedruckt werden durfte, aber selbst in dem schlimmsten Falle, daß dies nicht gelingen sollte, hatte es wenigstens mir selbst geholfen über die schwerste Zeit. Ich hatte alles im dichterischen Dialog gesagt, was ich im Gespräch mit den Menschen um mich verschweigen mußte. Ich hatte die Last, die mir auf der Seele lag, weggeschleudert und war mir selbst zurückgegeben; in eben der Stunde, da alles in mir ein ›Nein‹ war gegen die Zeit, hatte ich das ›Ja‹ zu mir selbst gefunden.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.