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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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7

Lange Zeit noch saß ich in unserem leeren Haus, nachdem Clara weggegangen war, den Brief betreffs der Möbel auf dem Tische vor mir. Ich saß noch da, als es schon ganz dunkel geworden war. Schließlich suchte ich eine Kerze, zündete sie an, ging im Hause umher und dachte über die Dinge nach, die sich in seinen verschiedenen Räumen ereignet hatten. Es schien mir kaum möglich, daß alles Glück daraus geschwunden war.

Welch ein ärmliches, dürftiges kleines Häuschen es doch mit einemmal geworden war! Und wie stolz waren wir einst darauf gewesen! Ich ging in das Wohnzimmer und setzte mich dort nieder.

Es muß wohl halb elf oder sogar später gewesen sein, als ich das Tor hinter mir schloß, denn ich erinnere mich, daß ich auf dem Weg zur Untergrundbahn die Leute aus den Theatern herausströmen sah. Ich fuhr nach dem ›Strand‹, dem schmalen, alten ›Strand‹, der nun nicht mehr existiert. Er war damals von einer sonderbaren Mischbeleuchtung erhellt: außer den Gaslampen waren versuchsweise zischende Bogenlampen angebracht worden, die tanzende Lichtflecken auf die Köpfe der Menge warfen. Die Leute rannten mich an, denn ich war immer noch in Gedanken versunken; und als ich mich bei Gatti an einem Tische niederließ, ärgerte mich der Kellner, da er meine Bestellung: ›Bringen Sie mir irgend etwas, was schnell geht‹ nicht annehmen wollte, sondern auf bestimmtere Angaben wartete.

Die Stunden des Nachdenkens im dunklen Wohnzimmer meines ersten und letzten Heims wurden zu einem der Wendepunkte in meinem Leben; sie bedeuten das Ende eines Kapitels und den Beginn einer neuen Periode. Sie treten in meiner Erinnerung ebenso scharf hervor, wie der Abschied von Mowbray oder der Abend, da Dickon und ich unseren Auszug aus dem Hause Walpole Stent ankündigten. Der Mann, der ich heute bin, wurde in jenen Stunden geboren; das weit triebhaftere und leidenschaftlichere Geschöpf, das ich war, verschwand. Ich habe geschildert, wie der wissenschaftlich durchgebildete Verstand meines jugendlichen Selbst den Sexualtrieb als etwas Fremdes und Störendes empfand und mit ihm im Kampfe lag. Dieser Kampf endete mit einer Verschmelzung der beiden. Eine Zeit lang hatte der Trieb mich mit sich fortgerissen, hatte alles andere beiseite geschoben. Er hatte mich aggressiv und streitsüchtig gemacht; er hatte mich zu Gelderwerb getrieben und mich erkennen gelehrt, was materielle Macht bedeutet. Mein Verstand war also nicht besiegt, wohl aber zu neuen Erkenntnissen gezwungen worden. Nun waren die beiden in eine Phase des Gleichgewichts und Verständnisses getreten. Immer noch fand ich, daß Forschung, das Streben, welches über die Grenzen des schon erreichten Wissens hinaus zu neuen Visionen der Wirklichkeit führt, das beste im Leben sei. Aber nun wußte ich auch, daß ich diesen mühseligen Aufstieg nicht unternehmen konnte, solange hungrige Gier, die gestillt werden will, mich quälte und verwirrte, solange mein Stolz unsicher blieb, solange ich nicht imstande war, Schönheit in mein Leben zu bringen, wann immer es mich darnach verlangte.

Ich hatte die tiefe Bedeutung des sexuellen Triebs begriffen. Ich konnte mein Leben ohne die Selbstachtung, die Würze des Daseins, die das Weib dem Manne verleiht, nicht voll ausschöpfen. Ich mußte also sehen, wie ich mich mit den Frauen einigen mochte – trotz des Hindernisses meiner gesetzlich nicht gelösten Ehe. Ich mußte mein Leben und meine Beziehungen so gestalten, daß mir ein Unheil, wie es dieses leere Haus verkörperte, fürderhin erspart blieb. Ich mußte mir ein gewisses Ausmaß von Unabhängigkeit und Wohlstand sichern, um dadurch die dauerhaftere Verbindung, die ich binnen kurzem einzugehen hoffte, vor dem Druck der Not und Schulden, wie auch vor der Anziehungskraft eines anderen Philip Weston zu schützen. Das Quidproquo in der Liebe war mir bisher nicht genügend zum Bewußtsein gekommen. Nun war es mir klar und schien mir durchaus berechtigt. Ich begriff nun, warum Clara in der Erwartung ihres Kindes vor der Dürftigkeit unseres beengten Heims geflohen war, und erkannte, daß der Versöhnungsversuch, den sie nun unternommen hatte, mit meiner verbesserten Lage in Zusammenhang stand.

Kann ein Geschöpf, zur Mutterschaft geboren, den Wunsch nach einem Heim unterdrücken? Ich will nicht sagen, ich hätte gelernt, daß Frauen gekauft sein wollen; jedenfalls aber begriff ich, daß sie Geld kosten. Also mußte ich Geld erwerben. Heute weiß ich kaum mehr recht, was ich von Clara erwartet hatte. Ich hatte große Erwartungen in sie gesetzt. Wenn ein Mann sich der Forschung hingibt und damit zwar das Licht der Erkenntnis über die Welt ergießt, Neues schafft und das Alte verändert und umstürzt, jedoch in Armut verharrt, dauernd mit seiner Arbeit befaßt ist und sich nicht zum Beschützer und Familienernährer eignet, so wird er keiner Frau taugen.

Ich war nicht Manns genug – oder vielleicht sollte ich sagen, ich war zu sehr ›Mann‹ –, um die Rolle eines opferfreudigen Wissenschaftlers zu spielen, der den besten Teil seines Lebens unbeweibt und in Armut verbringt. Das hätte ein Gefühl der Minderwertigkeit in mir erzeugt und mich infolgedessen innerlich verkrüppelt. Ich bedurfte des materiellen Erfolgs, verkörpert in einem lebendigen Symbol. Das lebendige Symbol tat mir vor allem not. Ich hatte nun durch Clara und meine bitteren Erfahrungen gelernt, was ich seinerzeit, da Dickon es mir beibringen wollte, mißachtet hatte. Damals waren mir seine Worte leerer Schall gewesen. »Forschung!« hatte er ausgerufen. »Vergnüge dich damit eine Weile – solange du kannst. Doch für einen Menschen, der nicht sein eigener Herr ist, gibt es nicht einmal Gedankenfreiheit auf dieser Welt. Das Leben ist eine Keilerei und wird es wohl noch viele Jahrhunderte hindurch bleiben.«

So mußte also auch ich zum Raubtier werden und mich daran machen, Dickon in seinem Kampf um Besitz, Freiheit und Macht einzuholen. Sobald ich Freiheit und Macht errungen hatte, konnte ich das Verlangen befriedigen, von dem ich besessen war. Und dann erst vermochte ich, wie Dickon gesagt, uneigennützige Arbeit zu leisten, wissenschaftliche Forschung oder sonst etwas, wonach mir der Sinn stehen würde.

Schon hatte ich aus der Arbeit bei Romer & Steinhart recht viel gelernt. Ich hatte Gelegenheit gehabt, mich mit den meisten meiner Direktoren zu messen, und eine Vorstellung von dem Umfang und den reichen Möglichkeiten ihres Unternehmens gewonnen. Für jene Tage war es ein sehr großes Geschäft; verglichen jedoch mit dem Riesenkonzern angegliederter Firmen und assoziierter Gesellschaften, der es heute ist, war es damals klein. Wir hatten keine Beziehungen zu Amerika oder Schweden und unsere Haltung gegen deutsche und andere kontinentale Geschäfte unserer Art war die naiver Rivalität. Das Kapital der Muttergesellschaft beträgt heute zweiunddreißig Millionen Pfund; damals waren es siebenhundertundfünfzigtausend. Die Fabriken in Downs-Peabody waren die größten, die wir besaßen. Doch schon in den frühen Neunzigerjahren ließ das Wachstum der Firma ihre heutige Ausbreitung vorausahnen. Und ich wußte, daß es mir infolge meiner besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten sehr leicht fallen würde, mir einen großen Anteil des Gewinns zu sichern, der künftig zu erwarten war.

Meine Direktoren waren sich noch nicht ganz im klaren darüber, wie ich zu behandeln sei. Hingegen wußte ich bereits sehr genau, wie ich die Firma zu behandeln hatte. Julian Romer, der jüngere Sohn des alten Romer und der Bruder des großen Roderick, der das Haupt der Firma war, hatte mich eingeführt. Julian verstand viel vom Technischen; Roderick war ein weit besserer Administrator, zählte aber im Technischen nicht mit. Der alte Romer war der Geschäftsorganisator des Konzerns gewesen, Steinhart der wissenschaftliche Geist. Die beiden Söhne Romer – Steinhart hatte nur Töchter, Ralph Steinhart ist sein Neffe – wurden in die Welt geschickt, um etwas Tüchtiges in moderner Chemie und Metallurgie zu lernen. Julian hatte ein besonderes Talent für wissenschaftliche Arbeit und war auch für das Geschäftliche begabt. Er war auf meine frühen Schriften aufmerksam geworden und hatte lange, ehe ich an dergleichen dachte, die Möglichkeit einer industriellen Verwertung meiner Ideen ins Auge gefaßt. Er hatte seinen Mitdirektoren gegenüber auf mich hingewiesen. Er war ein schwarzhaariger, warmblütiger Mann mit frischen Farben, glänzenden Augen und raschen Bewegungen; er sprach vertraulich und eindringlich und pflegte dabei dicht an einen heranzutreten. Wir sollten eine Zeit lang in demselben Laboratorium arbeiten. Er gedachte mir allerlei abzugucken. Seine unermüdliche Liebenswürdigkeit, sein Bemühen, überzeugend zu wirken, waren ein klein wenig zu warm und zu eifrig für mein Temperament. Wir lernten voneinander. Er erfuhr etwas von dem, was ich wußte – gerade genug, um den vollen Wert dessen ermessen zu können, was ich für die Firma zu leisten imstande war –, und ich eignete mir sehr schnell ein gut Teil seiner Geschäftskenntnisse an.

Er erkannte, daß ich die Gans werden konnte und sollte, die der Firma Romer, Steinhart, Crest & Co. goldene Eier legt. Ich hatte jedoch nicht die Absicht, sie angesichts meiner Arbeitgeber zu legen. Nach einer Woche fand ich Julians Interesse für meine Ideen so lebhaft, daß ich alle meine Notizbücher aus dem Laboratorium wieder nach Hause trug und mir einen eisernen Schrank kaufte, in dem ich sie verschloß. Nur ein Notizbuch trug ich in der Tasche mit mir.

Gleich zu Anfang leistete ich, gute Arbeit, die der Firma meinen Wert bewies. Es war nichts Außerordentliches; als frischer, junger Geist brachte ich einen neuen Zug in ein Verfahren, das durch Gewohnheit schablonenhaft geworden war. Das Schlackenverwertungssystem der Firma hatte sich allmählich ausgebildet, war verschiedenen Neuerungen unterworfen worden und galt schließlich allen Direktoren als etwas Selbstverständliches; mit jeder neuen Adaption waren seine Methoden verschwenderischer geworden; es hatte sich rasch vergrößern müssen und war in mancher Hinsicht mangelhaftes Flickwerk. Niemand war auf den Gedanken gekommen, daß man das Ganze sozusagen auf den Kopf stellen könne – und solle. Ich merkte sofort, wie nützlich es sein mußte, das zu tun – ich war eben nicht wie die anderen an das althergebrachte Verfahren gewöhnt. Wenn ich auch schon zehn Jahre in der Firma gearbeitet hätte, so würde ich ebenso blind wie sie gewesen sein. Meine Vorschläge leuchteten ihnen sofort ein und sie nickten einander zu.

Julian betrug sich bei der Sitzung in London, als ob er mich gezeugt, großgezogen und gelehrt hätte, was ich zu sagen habe. Er soufflierte mir. Trotzdem – dieses mein erstes goldenes Ei festigte meine Stellung bei der Firma, gab mir Zeit, tiefergehende und wichtigere Probleme der angewandten Metallurgie auszuarbeiten und eine Methode zu ersinnen, die mir eine Gewinnbeteiligung an der praktischen Verwertung meiner Ideen sichern konnte.

Diese Möglichkeit beschäftigte mich in starkem Maße, während ich in meinem leeren Hause saß und nachdachte.

Ich erinnere mich ganz deutlich, daß ich Clara eine Zeit lang beiseite schob und mich, in der Dunkelheit vor mich hinlächelnd, mit Julian befaßte. Ich mochte ihn damals schon recht gern und meine Freundschaft zu ihm ist mit den Jahren gewachsen. Er war am Vortage unmittelbar nach jener Sitzung nach Downs-Peabody zurückgefahren; mir jedoch hatte er einige Male gesagt, ich möge doch nur ja in London ohne Hast alles, was ich zu tun hätte, erledigen; ich hatte ihm für seine Freundlichkeit wärmstens gedankt.

Als ich über ihn nachdachte, verweilten meine Gedanken eine Zeit lang bei den charakteristischen Eigenschaften seines Volkes. Ich halte nichts von dem Aufheben, das betreffs der Rassenfrage gemacht wird. Jeder heute lebende Mensch ist meiner Überzeugung nach von gemischter Rasse; immerhin hat der eine mehr von der weißen und der andere mehr von der schwarzen Rasse und der dritte gehört vorwiegend der mongolischen an. Verglichen mit mir, ist Julian ein Mittelmeertypus, südöstlich, jüdisch; und ich kann, neben ihn gestellt, als ein Vertreter der nordischen Rasse gelten, westlich, blond. Unsere geistige Wesensart weist unterhaltsame Unterschiede auf. In seiner Gegenwart fühle ich mich langsam und dumm, aber solide. Sein Geist umtänzelt den meinen, der gleichmäßig dahinschreitet. Er stürzt auf eine Frage los, so wie ein lebhafter junger Hund in ein Zimmer rennt, alles beguckt und beschnuppert, unentwegt mit dem Schwanze wedelt und eilends wieder davonläuft, sobald er erkennt, daß es da weder ein Stück Zucker noch einen Knochen zu holen gibt. Er denkt unerhört schnell. Im Schachspiel habe ich nicht mehr Chancen, ihn zu besiegen, als ein Gorilla. Und trotzdem kann ich mich zu Erkenntnissen durchringen, die er niemals erreicht. Ich kann einen Weg ausfindig machen, wo er überzeugt ist, daß es keinen gebe; ich kann Dinge sehen und ihm zeigen, auf die er allein nie kommen würde.

Vielleicht stellen Julian und ich zusammengenommen eine künftige Rassenmischung dar, die für das Geschick der Menschheit von großer Bedeutung werden wird. Wir beide und Roderick haben gemeinsam Leistungen vollbracht, die keinem von uns in ausschließlicher Zusammenarbeit mit gleichartigen Menschen möglich gewesen wären.

Aber ich sehe, daß ich von den Betrachtungen abgeschweift bin, denen ich in dem leeren Hause am Edenbridge Square nachhing. Von Julian dürften meine Gedanken zu meinen anderen Mitarbeitern in Downs-Peabody übergegangen und so zu persönlicheren Fragen gelangt sein. Zum erstenmal, seit ich zu beobachten und zu denken begonnen hatte, kam ich nun mit fähigen reichen Leuten in Berührung, die emsig bemüht waren, noch reicher zu werden, und ich begann in Bezug auf menschliche Beweggründe und meine eigenen Möglichkeiten allerlei zu erkennen, was mir bisher verborgen geblieben war. Ich hatte nicht begriffen, was dem Verlangen, reich zu werden und zu bleiben, eigentlich zugrunde liegt. Meine Beurteilung der Beweggründe war zu einfach gewesen. Ich hatte bloß die äußeren Formen des Daseins im Auge gehabt; nun begann ich die treibenden Kräfte des Lebens zu erkennen.

In jungen Jahren hatte ich die soziale Ordnung, in die ich hineingeboren worden war, vorwiegend als ein Bestreben aller gesehen, Arbeit von sich abzuwälzen und Freiheit zu erringen. Ich hatte gemeint, so und so viele Leute seien arm und führten ein in jeder Hinsicht beschränktes Leben, weil ein zu großes Ausmaß der für die Gemeinschaft notwendigen Arbeit auf ihren Schultern laste. Mein früher Sozialismus war nichts anderes als ein einfacher und sehr vernünftiger Plan, die Arbeit neu und besser zu verteilen. Jedem sollte dadurch ein Übermaß an Arbeit erspart, jedem sollte Muße und Freiheit geschenkt werden. Vom Gesichtspunkt der Hintergassen und des gemeinen Lebens der Mühe und Not aus gesehen, hatte es mir auf solche Art möglich geschienen, alle Menschen glücklich zu machen. Nun aber hatte ich begonnen, das Leben der Familien Romer, Steinhart und Crest zu teilen, und begriff, daß der Stolz eines ihrer treibenden Motive war. Ich bewegte mich wieder in großen Häusern, Parks und Gärten, in einer Atmosphäre des Überflusses und der Prachtentfaltung. Eine Menge schlummernder Erinnerungen aus den Tagen von Mowbray lebten wieder in mir auf, und es wurde mir klar, daß der Mensch, der ein Haus besitzt, wohlernährt ist und sich sicher fühlt, alsbald vor anderen großtun möchte. Er strebt nach immer mehr.

Wenn jedermann in leidlichem Wohlstand lebte und niemand übermäßig viel Arbeit leisten müßte oder versklavt wäre, so würde der Trieb, zu prahlen und sich vor anderen hervorzutun, nicht etwa unbefriedigt bleiben; er würde sich vielmehr in noch nicht dagewesenem Ausmaße betätigen. Die Romers und die Steinharts trieben einen protzigen Aufwand wie die Familien des englischen Landadels in unseren besten Romanen; eine gewisse orientalische Prachtliebe, die zu unterdrücken sie sich mit geringem Erfolge bemühten, kam bei ihnen noch hinzu. Die Schlafröcke Rodericks waren unbeschreiblich prunkvoll, und Julian habe ich seit jeher im Verdacht, daß er goldgestickte Unterhosen trägt. Verglichen mit ihnen zeigten die Crests, eine alte englische Familie, die seit Generationen Kohlenbergwerke besitzt, eine kühl hochmütige Überlegenheit über das gemeine Menschenpack. Crest versteht vom Geschäft ungefähr so viel wie ein Pferd, aber seine Unfähigkeit steigert den hochadeligen Eindruck, den er erweckt. Im Sitzungssaal ist er ebenso schweigsam wie listig. Seit Generationen war die Familie Crest reicher und reicher geworden, und zwar dadurch, daß sie überall im Wege stand und aufgekauft werden mußte. Crest und Lady Muriel, seine Frau, das war mir bereits klar, verachteten Romers und Steinharts im Grunde dafür, daß sie durch tätige Arbeit Reichtum erwarben, anstatt ihn untätig zu genießen. Julian erinnerte mich wohl in den seltenen Augenblicken, da er seine gewohnte Höflichkeit vergaß, daran, daß ich ein besoldeter Angestellter sei; die Crests aber ließen es mich jederzeit fühlen. Sie hatten die Absicht, über mich hinwegzuschreiten; sie behandelten mich mit herablassender Zurückhaltung oder übersahen mich. Solche Überlegenheit machte ihnen das Leben lebenswert.

Ich wurde zu Crests nach Folingden zum Lunch eingeladen, und Lady Muriel ließ mich sehr deutlich merken, daß es unter ihrer Würde gewesen wäre, ein längeres Gespräch mit mir zu führen. Ein Mensch meines Standes mußte warten, bis man ihn – sehr höflich – ansprach; angesprochen, mußte er antworten und dann wieder in ehrfurchtsvolles Schweigen versinken. Nachdem Lady Crest mir die Ehre ihrer Ansprache erwiesen hatte, begann sie über mich hinweg mit Mrs. Roderick Romer über die armen Leute in ihrer Gemeinde zu reden – wobei ich erfuhr, daß die Bewohner des Crestschen Dorfes nicht genug Mädchen für den Dienst im Herrenhaus in die Welt setzten, während es im Romerschen Dorf genug Mädchen gab, die aber zumeist in die nahegelegene Fabrik von Downs-Peabody arbeiten gingen.

»Ich wäre dafür, daß Roderick kein Brampsheeter Mädchen mehr in die Fabrik aufnimmt«, sagte Mrs. Roderick.

»Ein Mädchen, das nicht mit fünfzehn Jahren zu dienen anfängt,« meinte Lady Muriel verallgemeinernd, »wird nie ein gutes Dienstmädchen.«

»Ich sage Roderick immer wieder, daß die Fabrik ganz Bramphsheet verdirbt. Die Mädchen wollen alle über ihren Stand hinaus.«

Das war kaum ein Thema, bei dem ein Angehöriger des Mittelstandes mitsprechen konnte.

Ein trauriges und hübsches ›arisches‹ Gesicht, das einen Ausdruck rätselhafter Gleichgültigkeit zeigte, war hinter Mrs. Rodericks orientalischer Üppigkeit aufgetaucht. Es war der Butler der Familie Crest, der die Erbsen herumreichte. Er hätte Crests Vetter sein können: genau dieselbe Rasse und Erscheinung; nur die Kohlen- und Eisenbergwerke fehlten ihm ...

Meine Gereiztheit gegen die Crests wie auch gegen die Romers und Steinharts, die sich so hoch erhaben über die Bevölkerung von Oreshire dünkten, stand – das erkannte ich nun – in engem Zusammenhang mit dem Bewußtsein, daß meine schlechte wirtschaftliche Lage zum großen Teil an dem Unglück mit Clara Schuld gewesen war. Ich saß in meinem leeren Hause und philosophierte. Ich begann zu begreifen, wie das Geschlechtsleben mit seinen Verzweigungen den ganzen Komplex des sozialen Lebens durchsetzt. Vor zwei Jahren noch hatte ich gedacht, der Geschlechtstrieb sei nichts weiter als eine sinnliche Begierde, ein Hunger, der Befriedigung sucht, verknüpft mit dem Wunsche nach Schönheit. Nun wußte ich, daß dies höchstens der zehnte Teil des Sexuellen im Menschen ist, gerade nur der rotglühende Mittelpunkt einer viel weiter reichenden Begierde, des Verlangens nach Besitz, Sicherheit und Herrschaft. Ich erkannte, wie dieses Verlangen im allgemeinen Wettbewerb des Lebens zum Ausdruck kommt. Der Wunsch einer Frau, einen Mann zu besitzen und ihn zu beherrschen, oder der Wunsch eines Mannes, eine Frau oder Frauen zu besitzen und zu beherrschen, ist nur der Brennpunkt des größeren Wunsches, Männer und Frauen im allgemeinen zu beherrschen. Der Geschlechtswunsch erweitert sich zu dem Verlangen nach Dienerschaft und Untergebenen, nach Menschen, die unserem Willen dienen. Er erweitert sich zu dem Verlangen nach Besitztümern aller Art und findet einen grotesken Ausdruck in der Manie, sich mit Lieblingstieren zu umgeben. Diese Gier nach Herrschaft über lebendige Wesen erklärt auch das sonst völlig idiotische Vergnügen, das viele Menschen daran finden, Fasane oder ähnliche arme und unschädliche Tiere niederzuschießen. Der letzte Ausdruck der Herrschsucht ist die Lust am Töten. Der spezifisch sexuelle Trieb ist nur der Gipfelpunkt eines weit allgemeineren Verlangens, des Wunsches, alles, was lebt, zu besitzen und zu beherrschen.

Und auch ich war ebenso sexuell, ebenso aggressiv wie die Romers, die Steinharts, die Crests, wie Dickon und alle übrige Welt. Nur hatte ich es nicht gewußt; erst Clara hatte es mich gelehrt.

So sah ich das Leben in meinem leeren Haus. Ich sah es, allen Scheines entblößt, als einen Kampf, dem man nicht entrinnen kann. Man mag den grillenhaften Wunsch nach wissenschaftlicher Erkenntnis hegen – das kann nicht als Entschuldigung gelten. Auch um dieses Verlangen zu befriedigen, muß man kämpfen, ganz ebenso wie für irgendeine andere Laune, die einen befällt. Ehe man der Wissenschaft zu dienen vermag, muß man Lust und Begierde in sich befriedigen oder niederkämpfen, ebenso wie man sich der Gegnerschaft Seiner Mitmenschen zu erwehren und den Widerstand der Natur zu besiegen hat. Daß man durch wissenschaftliche Arbeit dem Wohle der Menschheit dient, gibt einem keinen Anspruch auf Hilfe oder Schonung in dem Kampfe des Lebens. Man muß mit dem bestrickenden Feinde Weib ringen wie auch mit dem Rivalen Mann, der einen zu unterjochen strebt. So ist das Leben und nicht anders. Kämpfe und setze dich durch oder geh unter; du kannst untergehen, wenn auch dein Streben noch so gut ist. Zu meinem Glücke hatte ich eine Waffe in der Hand: meine besondere Begabung und meine Kenntnisse in der Metallurgie.

Ich war entschlossen, zu kämpfen. Was hätte ich sonst tun sollen? Der Gedanke an diesen Kampf mit der Welt war mir zwar langweilig, aber nicht unerträglich. Ich war meiner selbst ziemlich sicher. Irgendwie, das fühlte ich, würde ich mich trotz der schlauen Vorbehalte der Romers, Steinharts und Crests zu Macht und Freiheit durchringen und trotz der Fessel, die Clara immer noch für mich war, Befriedigung meiner Wünsche erlangen. So sah ich damals die Aussichten, die das Dasein mir bot. Zu diesem Ausmaß von Erkenntnis war ich gelangt. Der halb wissenschaftliche, halb religiöse Mystizismus, der mich heute erfüllt, ist erst in späterer Zeit entstanden. In jenen Tagen hatte ich noch keine Ahnung von der bewußten Neugestaltung des Menschheitsschicksales, für die ich heute mit ganzer Kraft zu wirken versuche. Dieser Gedanke entstand nach dem Kriege in mir; er ist ein Ergebnis des Krieges. Damals faßte ich bloß den unvermeidlichen Kampf ins Auge und straffte mich dafür; wenn ich an irgendetwas nach diesem Kampfe dachte, so war es die Wiederaufnahme rein wissenschaftlicher Forschung fern vom Getriebe der Welt. Ich war damals hart und weit selbstsüchtiger als heute.

Jene Stunden in meinem leeren Hause waren von dunkler Einsamkeit und festem Entschluß erfüllt. Schon war mir Clara in weite Ferne gerückt. Ich hatte Abschied von ihr genommen, hatte ihr die Möbel geschenkt und dachte, damit sei dieses Erlebnis für immer abgetan.

Die Kerze, die mir zur Seite stand, war heruntergebrannt, flackerte und ließ rings um mich Schatten tanzen. Draußen fiel fahles Gaslicht auf die dunklen Büsche des menschenleeren Platzes.

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