Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
Schließen

Navigation:

6

Keiner von uns hatte mit dem Proctor der Königin gerechnet. Man hatte uns zwar auf die gesetzliche Möglichkeit seiner Intervention aufmerksam gemacht, doch wir hatten leichtsinnig geantwortet, daß dergleichen heutzutage ausgeschlossen sei; wir glaubten das wirklich. Es herrschte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die Ansicht, daß ungerechte oder rauhe Gesetzesmaßnahmen nicht zur Anwendung kämen, wenn der Angeklagte ein netter Kerl war. Erst der überraschende Prozeß und die Verurteilung Oscar Wildes riefen der Welt ins Gedächtnis zurück, daß selbst noch zu Ende des höchst wunderbaren neunzehnten Jahrhunderts uralte Gesetze den geistreichsten, witzigsten und reizendsten aller Missetäter zerschmettern konnten. Ältliche Richter saßen in den Scheidungsgerichtshöfen und fällten Urteile, die um nichts weniger wirksam waren, wenn gebildete Leute sie für rückständig erklärten.

Ich für meinen Teil war empört, erleben zu müssen, daß althergebrachte Institutionen über die modernen Ansichten triumphierten. Mein Haß gegen Clara wurde durch die Auflehnung gegen die ganze Welt in den Schatten gestellt. Es schien mir unerhört, daß ich die Kosten ihres Unterhaltes weiterhin zu tragen hatte und mich, solange sie lebte, nicht wieder verheiraten konnte. Ein paar Stunden lang dachte ich ganz ernstlich daran, den Proctor der Königin umzubringen, um meiner Empörung Luft zu machen. Weiß Gott, welch ein alter, vertrockneter Jurist aus der Welt geschafft worden wäre, wenn ich diese Absicht ausgeführt hätte. Daß mir ein solcher Gedanke überhaupt kommen konnte, ist ein Beweis dafür, wie maßlos aufgebracht ich war. Ich faßte den Entschluß, nichts zu Claras oder ihres Kindes Unterstützung beizutragen – was immer Weston mit ihr tun und das Gesetz mir vorschreiben mochte; und drei Jahre lang hielt ich daran auch fest.

Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie mir mitteilte, sie wünsche sich mit mir unter vier Augen auszusprechen ›über die Zukunft unserer Tochter‹. Der letzte Satz reizte mich so sehr, daß ich nicht antwortete. Sie schrieb mir noch zwei weitere Male. Ich hatte inzwischen lebhaftes Interesse für die Bestrebungen der Firma Romer & Steinhart gefaßt. Doch ergab es sich, daß ich zu einer Konferenz über Verbesserungen der Abfallverwertungsanlage in Downs-Peabody nach London fahren mußte. Da ich bei dieser Gelegenheit in dem Hause am Edenbridge Square, das ich endlich vermietet hatte, einen Mann treffen wollte, der meine Möbel zu kaufen beabsichtigte, so bestellte ich auch Clara hin. Dort trafen wir uns zum letzten Male.

(Danach bin ich nie wieder mit ihr zusammengetroffen; nur einmal, vor fünfzehn Jahren etwa, sah ich sie von ferne am Trafalgar Square einem Omnibus nachlaufen. Sie starb vor fünf Jahren in Nizza an der Grippe.)

Sie hatte sich für meine Wiedereroberung sehr einfach und sehr hübsch angezogen. Niemand hätte ihr ein vier Monate altes Baby ansehen können. Ich aber hatte beschlossen, ungerührt zu bleiben. Ich hatte mein Herz hart gemacht und mich gewappnet. Sie fragte mich, was meine Absichten seien und was sie nach meiner Meinung tun solle. »Nichts«, antwortete ich. Sie solle so leben, als ob sie geschieden wäre. Sie könne sich Mrs. Weston nennen. Die Zeitungen hätten eine ganz unauffällige Notiz über die Abweisung der Scheidungsklage gebracht; auch über die Verhandlung sei nur wenig zu lesen gewesen; wir seien auch zu unbekannt, als daß die Öffentlichkeit sich dafür interessiert hätte. Wenn sie nur fest bei der Behauptung bliebe, daß sie und Weston verheiratet seien, so würde sie höchstwahrscheinlich keinerlei Schwierigkeiten haben.

Sie sagte, daß das sehr vernünftig sei, sehr vernünftig; daß es aber noch etwas gebe, was sie bedrücke. Sie zögerte einen Augenblick und beschloß dann, ohne Umschweife zu sprechen.

»Philip«, sagte sie, »ist nicht sicher, ob das Kind von ihm ist.«

Sie blickte mich scharf an. Sie schien erforschen zu wollen, ob ich für ausführliche, vertrauliche Mitteilungen empfänglich sei. »Und ich auch nicht«, fügte sie vorläufig noch hinzu.

Ich zuckte die Achseln. »Ich fühle mich an dieser Frage nicht interessiert.«

»Billy,« rief sie, »du hast eine harte Haut. Dem Gesetze nach ist es doch auf jeden Fall dein Kind.«

Das traf mich. Ich stieß einen Fluch aus.

»Wir müssen den Tatsachen doch ins Auge sehen«, sagte sie.

»Philip ist dein Mann.«

»Ich werde mich bei Philip nicht sicher fühlen. Ich fühle mich bei mir selber nicht sicher. Ich war ein Narr, Billy.«

»Du bist leichtsinnig mit dir selbst umgegangen, Clara, und leichtsinnig mit mir. Aber ein Narr bist du nie gewesen.«

»In allem, was du sagst, klingt immer noch die alte Schärfe, Billy.«

Darauf hatte ich nichts zu erwidern. Sie sagte, sie kenne niemanden, mit dem es sich so gut sprechen lasse, wie mit mir. Ich brächte alles klar und frisch zur Aussprache. Wir hätten wunderbare Zeiten miteinander verlebt. Sie verlor sich in Erinnerungen und seufzte. »Ich glaube, ich habe zu spät begriffen, daß man die Folgen dessen, was man tut, zu tragen hat. Ich habe eine große Dummheit begangen.« Es sei, als hätte sie einen Wasserhahn aufgedreht, der sich nun nicht mehr zudrehen lasse. Als Kind habe sie das auch oft versucht, aber dann sei immer jemand gekommen und habe ihr geholfen, wenngleich auch Kläpse erfolgt seien. Dann sei man plötzlich erwachsen und niemand komme mehr, um einem zu helfen. Nur Schläge gebe es immer noch. »Ich habe böse Zeiten durchgemacht«, schloß sie.

Ich war gerührt. Ich milderte meinen schroffen Ton ein wenig. Ich erwiderte ihr, was sie im Leben brauche, sei nicht ein Mann wie ich, sondern ein tüchtiger, fleißiger, älterer Gatte. Es sei vielleicht zu spät, ihr dies zu raten. Der alte Crashaw würde für sie taugen. Wo der sei?

»Er ist verheiratet und ganz blödsinnig in seine Frau verliebt.«

»Na, das ist dann also nichts.«

»Nein«, sagte sie. »Ich bin ein Narr gewesen. Ich hätte zu dir halten müssen.«

Die Altersgrenze der moralischen Selbstverantwortlichkeit sollte vielleicht auf dreißig oder fünfunddreißig hinaufgeschoben werden, meinte ich. »Ich weiß, daß ich auch dir das Leben verdorben habe«, rief sie plötzlich. Es war der wirkungsvollste Satz in unserem ganzen Gespräch. Bis dahin hatte ich nicht gedacht, daß sie den Schaden, den ich genommen hatte, zu ermessen vermochte.

»Ich hatte mir die Sache eingebrockt und mußte sie eben auslöffeln. Ich mache dir keine Vorwürfe.«

»Armer Billy! Du hast eine böse Zeit hinter dir.«

Das Eingeständnis, daß auch ich gelitten hätte, befriedigte sie sichtlich. Der störrische Esel in mir legte die Ohren wieder zurück.

»Und wenn ich nach alledem wieder zu dir zurückkehrte ...«, sagte sie leichthin, so daß es zweifelhaft blieb, ob der Satz der Anfang einer Betrachtung oder ein ernster Vorschlag sei.

Die genaue Form meiner Antwort ist mir nicht in Erinnerung. Ich erwog die Möglichkeit einen Augenblick lang und sagte ihr, daß ich sie dann mit aller Überlegung, aber ohne ihr unnötige Schmerzen zuzufügen, umbringen würde. Wenn ich den Wortlaut dieser meiner Mitteilung vergessen habe, so ist mir ihre Entgegnung um so klarer im Gedächtnis.

»Das ist das Schönste, was du mir je gesagt hast«, rief sie.

»Immerhin ist es besser, du bleibst bei Philip«, sagte ich. »Es wird dir schon gelingen, ihn zu überzeugen, daß ... Außer, du hast auch sein Vertrauen bereits untergraben.«

Ich konnte ihr ansehen, daß sie von ihrer Macht über Philip nicht mehr so sehr überzeugt war, wie einst.

»Ich weiß nicht, wie ihr miteinander steht, Clara,« sagte ich, »aber du mußt dich nun an Philip halten. Wenn du ein zweites Mal über die Schnur hauen solltest, so wird er es wittern, selbst wenn er nichts Bestimmtes weiß. Hast du sein Vertrauen schon durch irgendetwas erschüttert? Du mußt ihm die Sorge für dich und das Kind aufhalsen. Ich werde eher ins Zuchthaus gehen, als dir helfen, das schwöre ich dir.«

»Ich habe dich gar nicht darum gebeten, Billy.«

Sie schien immer noch unentschlossen, welchen Weg sie einschlagen solle.

»Philip hat eine ungeheure Gewalt über mich. Was immer er tut, von ihm kann ich mich nicht scheiden lassen.«

»Du wirst schon einen Trost für deinen verletzten Stolz finden, wenn es nötig sein sollte«, erwiderte ich.

»Du verstehst es, verletzende Dinge zu sagen. Hast es immer verstanden ...«

Es wurde ihr klar, daß unser Gespräch zu nichts führte. Was immer für Absichten sie gehabt haben mochte – ob sie eine Versöhnung erhofft hatte oder eine aufregende Liebesstunde –, sie waren mißlungen. Noch heute frage ich mich, was sie mit dieser Zusammenkunft wohl bezweckt haben mag.

Zum Schluß schüttelten wir uns die Hände, und als meine Hand in der ihren lag, blickte sie mir forschend in die Augen. Sie verrieten ihr nichts. Sie zögerte. Dann schlang sie die Arme um mich und gab mir den letzten ihrer wunderbaren Küsse.

Ich nahm diese Gunst kühlen Blutes hin. Freundlich, ja fast von Anerkennung erfüllt, hielt ich sie in den Armen. »Ach«, seufzte sie, löste sich von mir los und forschte wieder in meinem Gesichte.

»Es ist am besten, du benimmst dich anständig gegen Philip«, sagte ich, als ob nichts geschehen wäre. »Du wirst es ja auch nicht tun, aber es wäre das Beste.«

»Warum hast du mich nicht dazu gezwungen, mich anständig gegen dich zu benehmen?«

Ich glaube nicht, daß ich darauf etwas antwortete.

»Du hättest es so leicht gekonnt.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du hattest mich in der Hand.«

Nachdem sie fortgegangen war, saß ich noch lange an dem kleinen Tisch im Wohnzimmer, an dem ich so oft gearbeitet hatte, und dachte nach.

Sie tat mir außerordentlich leid. Ganz plötzlich, nachdem ich sie endgültig von mir gewiesen hatte, bedauerte ich sie wie nie zuvor. Dieser vergebliche Versuch, mich zurückzugewinnen, milderte meinen Haß. Mit einem Male sah ich die Seichtigkeit ihres Wesens klar vor mir, sah, wie schlecht sie fürs Leben ausgerüstet war und wie kläglich die Dinge für sie standen. Die Trennung hatte ihr die Macht über mich genommen. Ich konnte sie nunmehr wie eine Fremde betrachten. Zum ersten Male im Leben fühlte ich Mitleid für die Frauen – ein Mitleid, das fast jeder Mann früher oder später verspürt.

Aber trug ich eine Schuld? Wie hätte ich von Anfang bis zu Ende etwas anderes tun können als das, wozu ich mich getrieben fühlte? Und was konnte ich jetzt tun? Es war mir unmöglich, sie wieder zurückzunehmen, selbst wenn sie dazu bereit gewesen wäre. Hätte ich etwas mehr Nachsicht und Güte zeigen sollen? Aber auch das hätte sie wieder davon abhalten können, das für sie einzig Richtige zu tun, nämlich bei Philip zu bleiben und ihn festzuhalten.

Es kam mir ein halb großmütiger, halb beleidigender Einfall; ich nahm einen Bogen Papier aus meinem Schreibtisch und schrieb ihr, sie möge die Einrichtungsgegenstände, die noch im Hause verblieben waren, für sich nehmen. Sie hatte die Möbel einst voll Freude gekauft. Sie kaufte gut und verständig ein. Ich empfand mit einem Male, daß sie weit mehr als ich an den Sachen im Hause hängen müsse und daß es meine Pflicht sei, sie ihr zu lassen. Glücklicherweise hatte der Möbelkäufer für den ganzen Kram eine so geringe Summe geboten, daß ich noch zu keiner endgültigen Vereinbarung mit ihm gekommen war; sonst wäre mir auch diese kleine großmütige Tat unmöglich gewesen. Der wirkliche Besitzer der Einrichtung war Dickon, wie mir jetzt zu meiner Belustigung einfällt. Ich hatte ihm sein brüderliches Darlehen noch nicht zurückerstattet. Damals aber dachte ich nicht an diesen Umstand. Wahrscheinlich war ich überzeugt, daß ich ihm die Summe bald würde bezahlen können.

Ich tat alles, was ich nur konnte, um Clara einige Jahre lang aus meinem Sinn zu verbannen und die Wunde der Trennung zu heilen. Bald aber kam eine Zeit, da sie sich in großer Verzweiflung befand. Sie schrieb mir erbärmliche und schamlose Briefe. Die Beziehung zu Weston war in die Brüche gegangen; ich weiß nicht, wodurch; es ist immer schwer, in dergleichen Dingen klar zu sehen, selbst die beiden Beteiligten können es in der Regel nicht. Ihre Familie wollte nichts von ihr wissen. Keine ihrer drei Schwestern war gut verheiratet. Sie war offenkundig um unsere Tochter ebenso sehr in Sorge wie um sich selbst. Ich habe allen Grund, anzunehmen, daß sie der Veranlagung und den Absichten nach eine gute Mutter war. Sie ist zum Beispiel mit Hunden und Katzen immer liebevoller und geschickter umgegangen als ich; sie hatte ein Herz für alle Lebewesen, die ihr nahekamen, und ich zweifle nicht daran, daß sie gegen ihr eigenes Kind ganz ausnehmend fürsorglich und gütig gewesen ist. Ich entschloß mich, ihr zu helfen. Doch die Art und Weise, in der ich es tat, macht mich heute noch erröten. Ich muß die Wahrheit bekennen, denn sie erhellt manches. Sie zeigt, wie das Tier im Manne geartet ist. Ich setzte ihr eine Jahresrente von dreihundert Pfund aus, die ihr aber nur so lange zufließen sollte, als sie sich ›tugendhaft hielt‹. Diese Beleidigung mußte sie hinunterschlucken. Mein Rechtsanwalt fand an der häßlichen Klausel nichts auszusetzen; er wäre bereit gewesen, noch eine Verwahrung gegen persönliche Belästigung hinzuzufügen. Aber Juristen sind ja wohl noch in den moralischen Ideen des siebzehnten Jahrhunderts befangen.

Drei Jahre später sprach ich ihr die dreihundert Pfund jährlich bedingungslos zu. Ich sah ein, daß ich kein Recht hatte, ihr betreffs ihrer Lebensführung irgendwelche Vorschriften zu machen. Zu einer Zeit, da ich bereits in recht guten Verhältnissen war, erfuhr ich, daß unsere Tochter zur großen Verzweiflung ihrer Mutter in einer recht schlechten Schule war, und entschloß mich, Clara eine Summe von tausend Pfund jährlich zu zahlen. Mein Rechtsanwalt riet mir, das Geld der Tochter zuzusprechen und Clara nur als Verwalterin zu bestellen; ich aber hatte Vertrauen zu Claras mütterlichem Empfinden. Es zeigte sich bald, daß dieses Vertrauen berechtigt war. Sie erzog ihre Tochter zu einer sehr reizenden jungen Dame und verheiratete sie kurz nach dem Krieg, als der Heiratsmarkt gerade gut war, an einen wohlhabenden Arzt in Cardiff, den die Kleine während ihres Kriegshilfedienstes kennengelernt hatte. Daraufhin begann Clara zu reisen, erst mit einer Freundin, dann mit einer anderen; sie besuchte Ägypten und gewann schließlich Interesse am Roulettespiel in Monte Carlo. Man erzählte mir, daß sie sich ziemlich jugendlich gekleidet und manchmal reizvoll, oft aber abgehärmt ausgesehen habe. Immer war sie in Begleitung von recht alten oder recht jungen Männern. Sie starb, weil sie sich während einer Grippe-Erkrankung nicht genügend schonte. Sie stand zu früh auf, um tanzen zu gehen, erkältete sich aufs neue, fand im Hotel nicht genügend Pflege und erlag der Krankheit. Sie hinterließ etwa vierhundert Pfund Schulden. Diese Summe schien mir sehr bezeichnend für sie: kein haarsträubender Betrag, aber eben doch Schulden.

Ich machte die Bekanntschaft meiner Tochter während ihrer Schulzeit in Brighton. Clara hatte mir mitgeteilt, daß sie, von ihren Schulkolleginnen aufgestachelt, darunter leide, daß ich mich ihr völlig ferne hielt. So entschloß ich mich, an Besuchstagen in der Schule zu erscheinen, mich mit ihr zu zeigen, mir ihre Freundinnen vorstellen zu lassen und sie zuweilen nach London mitzunehmen. Es war nicht schwer, nett mir ihr zu sein. Sie sah mir nicht im geringsten ähnlich, ebenso wenig glich sie Weston; manchmal schien es mir, als ähnle sie Billy Parker; doch das mag eine krankhafte Einbildung gewesen sein. Sie spielt ausgezeichnet Tennis und nimmt diese Kunst lächerlich ernst und wichtig.

Ich kann sie gut leiden und weiß, daß sie mich gerne hat; aber ich bin nie richtig warm geworden mit ihr. Um aufrichtig zu sein, ich fühle weder noch glaube ich, daß sie Blut von meinem Blut, Fleisch von meinem Fleische ist. Ich verspüre ihr gegenüber nichts von jener instinktiven Harmonie und jenem Zutrauen, die mich mit meinem Neffen William oder sogar mit dessen Bruder Richard verknüpfen. William liebe ich. Anläßlich ihrer Verheiratung war ich ziemlich freigebig, und mein Testament soll sie nicht allzusehr enttäuschen. Ich besuche sie zuweilen in Cardiff, wenn mein Geschäft mich in die Gegend führt; und manchmal kommt sie nach London, um mit mir ins Theater zu gehen. Sie setzt sich auf meine Knie, zerrauft mir die Haare und nennt mich Vati. Versuchsweise, könnte man sagen. Ihr Doktor ist ein guter, braver Mann, etwas zu stark gegen die Methode der Psychoanalyse eingenommen, und die beiden Kinder sind lustige, gesunde Geschöpfe, mit denen es sich so vergnüglich spielen läßt wie mit jungen Hunden. Und wenn sie auch nicht Blut von meinem Blut und Fleisch von meinem Fleische sind, so hätten sie gewiß nichts dagegen, es zu sein. Es ist nicht ihre Schuld, daß sie es nicht sind.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.