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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
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4

Erst nach meiner Verheiratung begann ich zu erkennen, welchen außerordentlichen inneren Wandel ich durchgemacht hatte. Die Geschlechtlichkeit, die früher als etwas Fremdes in mir gelebt hatte, war nun meinem Ich völlig einverleibt und beherrschte mein Dasein. Aus einem rein physischen Bedürfnis war sie zum Kern meines Selbstgefühles geworden und erfüllte mich mit immer neuem Besitzertriumph. Meine Forschungsarbeiten gingen eine Zeit lang ohne merkliche Störung weiter. Ehe Clara mich gefangen genommen hatte, war ich so produktiv und eifrig gewesen, daß meine Arbeit nun noch längere Zeit von den damaligen Leistungen zehrte. Allerdings erfand ich nichts Neues mehr, keine blitzartigen Eingebungen durchzuckten mich, ferne, undeutliche Zusammenhänge standen nicht plötzlich in blendendem Lichte klar vor mir, ich sprang nicht nachts aus dem Bett auf, um Seiten und Seiten mit Notizen zu bedecken. Aber ich hatte genug Material in mir aufgespeichert, um fruchtbringend weiterarbeiten zu können. In diese Periode fallen fast alle die Aufsätze über Kristallbildungen, die ich zwischen 1892 und 1901 veröffentlichte, und die mir den Titel eines Professors der ›Royal Society‹ eintrugen. Auch verschiedenen Untersuchungen, die mir später bei der Firma Romer, Steinhart, Crest & Co. sehr zustatten kommen sollten, widmete ich mich in jenen Jahren. Weder ich selbst noch sonst jemand bemerkte zunächst, daß ich an geistigem Schwung verloren hatte.

Ich war reifer, war zum Manne geworden, ich hatte meinem Leben Vollendung gegeben, ich hatte mir ein junges Weib gekauft und hielt es frohlockend in meinen Armen. Unsere Tage waren ein Festesrausch. Doch als wir uns an die Sinnenfreude gewöhnt hatten und nicht mehr so völlig einer im anderen aufgingen, standen die Probleme des Lebens ebenso ungelöst vor uns wie eh und je.

Es war wohl – wenn ich eine abgeschmackte Metapher gebrauchen darf – die Absicht von Mutter Natur, daß wir eine Anzahl von Kindern in die Welt setzen sollten, und daß ich in der Zeit, da Clara sie getragen und gepflegt hätte, auf die Jagd nach Geld und Reichtum ausgezogen wäre. So hätte es auch die Tradition der menschlichen Gesellschaft gewollt. Wir aber waren aus ganz egoistischen Gründen entschlossen, zunächst keine Kinder zu bekommen. Wir hatten nicht genügend Geld, wir hatten nicht genügend Raum. Clara war trotz ihrer vielseitigen Begabung ungeeignet für jedweden Gelderwerb. Und ich mit meiner schlecht bezahlten wissenschaftlichen Arbeit taugte wenig zum traditionellen Familienernährer. Es mangelte mir an Zeit. Jeder Tag hätte mehr Stunden haben sollen – Stunden zum Nachdenken, Stunden für Berechnungen und Experimente. Clara hingegen wußte mit ihrer Zeit nichts anzufangen. Flink und klug, wie sie war, erledigte sie die eintönige Haushaltungsarbeit im Nu. Die Zeit zwischen unseren Liebesszenen war daher für mich voll ausgefüllt, für sie aber leer und langweilig.

Obwohl keiner von uns beiden so viel Lebensgier in sich hatte, wie die jungen Leute von heutzutage, so waren wir doch ungeduldig genug, aus der Zwiespältigkeit unserer Lage großes Unheil entstehen zu lassen. Das Haus auf dem Edenbridge Square mit dem grünen Tor und dem Messingtürklopfer und der hübschen Einrichtung, die ich mit Hilfe einer von Dickon entliehenen Summe angeschafft hatte, war uns anfänglich als das bezauberndste Liebesnest erschienen; mit der Zeit aber hielten wir uns diesem Heim immer mehr fern. Ich verbrachte einen immer größeren Teil des Tages im Laboratorium, und sie fühlte sich, fast ohne Pfennig in der Tasche, in ihren billigen, aber geschickt gemachten Kleidern, hinausgetrieben, um irgend eine Unterhaltung, eine Zerstreuung, eine Anregung zu finden. Eine Zeit lang kam sie zu mir ins Laboratorium, um mir zu helfen und mit mir zu arbeiten; aber ihre flinken Hände waren meist dort, wo sie nicht hätten sein sollen, und ihr schneller, aber nicht sehr logisch arbeitender Geist neigte zu falschen Auffassungen. Bald fand sie die Rolle einer Laboratoriums-Assistentin, die untergeordnete Hilfsdienste zu leisten hatte, langweilig und war beleidigt, wenn ich selbst meine Arbeit nicht im Stiche lassen wollte, um mit ihr in meinem Privatzimmer der Liebe zu pflegen. Für Clara hatte mein Privatzimmer vor allem diesen Zweck.

Sie dachte daran, Theater zu spielen, sie dachte daran, ihr Zeichentalent auszubilden. Philip Weston, der später Dickons bester Plakatzeichner werden sollte, war sehr bereit, ihr Stunden zu geben. Sie machte außerordentliche Fortschritte, entwickelte aber niemals Originalität oder tiefere Empfindung. Sie trat wieder in die ›Fabian Society‹ ein, die sie seit ihrer Verheiratung nicht mehr besucht hatte, und in verschiedene andere Vereinigungen, die ihr gesellige Zusammenkünfte versprachen. Diese fanden jedoch zumeist des Abends statt, zu einer Zeit also, da die Langweile sie nicht so sehr bedrückte, die Einsamkeit nicht so schwer auf ihr lastete. Um den Nachmittag auszufüllen, dazu eignen sich Malstunden in einem Atelier viel besser.

Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hinweg blicke ich heute auf die Bedrängnis jener zwei jungen Leute zurück, deren einer ich war, und kann nunmehr sehen, daß weder sie noch ich gerechterweise für unser Unglück verantwortlich gemacht werden darf. Wie alle menschlichen Wesen wurden wir von den Fluten des ewigen Wandels getragen, und das Schicksal wollte es, daß uns ein Wirbel erfaßte. Sie kannte die Kräfte nicht, die in ihr wohnten, noch jene, die sich von außen her ihrer bemächtigten und sie schwindelig machten, und ich hatte sehr wenig Selbsterkenntnis. Ich wollte arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten. In der Zeit, die ich für sie übrig hatte, durfte sie mir ihre Liebe schenken und meinen Stolz befriedigen. Was sie sonst tat, kümmerte mich nicht, wenn sie mir nur mein Herrenrecht über sie nicht verletzte. Unter dem Druck ihrer Lebensgier begann sie jedoch alsbald das dennoch zu tun; und da sie mich nicht in Kummer und Wut versetzen wollte, belog sie mich auf das geschickteste.

Welch ein albernes, ruheloses Geschöpf sie doch war! Wie unvermeidlich sie dem Zug nach aufregenden Abenteuern folgte! Ein Drittel eines Jahrhunderts ist seither verflossen, und es wird mir heute noch schwer, ruhigen Blutes daran zu denken, daß Philip Weston und sie, indes ich über meinem petrographischen Mikroskop saß, in gegenseitigem Entzücken über ihre vollkommene Körperschönheit einander Aktmodell standen.

Ich wußte von diesem Abenteuer damals nichts, aber ich fühlte es in der Luft. Ich begann darüber zu grübeln, wie sie ihre Zeit verbringen mochte, und war entsetzt, als ich entdeckte, daß Argwohn und Eifersucht sich in mir regten. An Weston dachte ich anfänglich gar nicht, aber es beunruhigte mich, daß Billy Parker wieder aufgetaucht war und sie recht gern zu kostspieligen Mahlzeiten einlud. Billy war ja der Schwager ihrer Schwester, also waren ihm solche Einladungen gestattet. Sie sprach so oft und so ohne Anlaß von ihm, daß ein weiserer Gatte als ich ihn kaum für gefährlich gehalten hätte. Ich aber begann alsbald im petrographischen Mikroskop nichts anderes mehr als Billys Bild zu sehen.

Es war vollkommen gegen meine Auffassung von unserem Verhältnis zueinander, Fragen an sie zu stellen oder ihr gar in Bezug auf die Verwendung ihrer freien Zeit Vorschriften zu machen. Wir hatten, ehe wir heirateten, sehr offen über die Beziehung zwischen Mann und Frau gesprochen und waren übereingekommen, daß wir durch die veraltete Zeremonie keineswegs ›gebunden‹ sein wollten. Wir sollten beide ›vollkommene Freiheit‹ bewahren.

Ich vermute, daß die jungen Leute von hoher und fortschrittlicher Gesinnung seit Generationen auf eben dieselbe Weise miteinander sprechen. Shelley, zum Beispiel, zeigt diese Auffassung. In seinen Briefen und Gesprächen finden sich Sätze, die sexuelle Großmut als etwas Selbstverständliches hinstellen. Wahrscheinlich hat die Auflehnung gegen den Zwang der Ehe mit dem Wandel der sozialen Bedingungen stetig zugenommen; sie wuchs umsomehr, je leichter und gesicherter das Leben der Allgemeinheit wurde, je weniger bedeutsam das wohlgeschützte Heim, das sich aus der Lagerstätte der Urzeit des Menschen entwickelt hatte. Schon im sozialen Leben des imperialistischen Rom läßt sie sich nachweisen; sie zeigt sich in vielen Gebräuchen der Ritterzeit, und die letzten zwei Jahrhunderte sind erfüllt von ihr. Ich bezweifle, daß irgend ein Tier in wirtschaftlicher Hinsicht so rasch sozial werden kann, wie der Mensch in der letzten Million von Jahren, ohne gleichzeitig auch im Geschlechtsleben sozial zu werden. Einzelnlebende Tiere paaren sich; der Mensch jedoch ist fast das einzige Herdentier, das die Paarung erstrebt. Zu jener Zeit aber lag mir diese umfassende philosophische Betrachtungsweise fern. Ich wußte nicht, daß ein gut Teil des Kummers in den kleinen Häusern am Edenbridge Square und in ähnlichen Vierteln von London, Paris und New-York – und vermutlich auch von Peking und Bombay – hauptsächlich auf dem Widerstreit zwischen dem Paarungsverlangen und dem Herdentriebe beruht. Ich war zufällig liberal gesinnt, wirklich nur zufällig; ich predigte Duldung der Herdeninstinkte, aber in meinem Blute war einzig und allein das Paarungsverlangen lebendig. Ich zügelte den Trieb, alleiniges Herrscher- und Besitzrecht auszuüben. Die Spannung, die dadurch in mir entstand, entlud sich in anderer Richtung. Was ich in Bezug auf Claras Moral nicht auszusprechen wagte, sagte ich über ihre Küche. Ich entdeckte plötzlich, daß Claras Haushalt nachlässig geführt und das Dienstmädchen schlecht erzogen sei; und wenn ich zufällig einmal zu ungewohnter Stunde heimkam, empfand ich ihre Abwesenheit als unberechtigt. Ich begann zu nörgeln, wurde reizbar und unfreundlich. Wir stritten, wir schmollten, doch unter dem Zwang unseres kräftigen jungen Liebeshungers versöhnten wir uns alsbald ohne erklärendes Wort. Bald befanden wir uns in Geldschwierigkeiten. Clara pflegte ihr Taschengeld dadurch zu vergrößern, daß sie die Rechnungen unserer Lieferanten unbezahlt ließ. Am Schluß unseres ersten Jahres hatten wir einhundertundsiebzig Pfund Schulden und keine Aussicht auf Zuschuß.

Just um diese Zeit beschäftigte sie der Gedanke an ein Kind besonders stark. Sie erklärte, daß sie sich leidenschaftlich ein Kind wünsche, daß es entwürdigend für uns sei, kinderlos zu bleiben, daß es gerade in Anbetracht der raschen Vermehrung des minderwertigen Teiles der Bevölkerung unsere Pflicht sei, die besonderen Eigenschaften, die wir besäßen, auf Nachkommen zu vererben; daß sie ihr Leben unnütz verschwende, daß sie durch die Verdrängung des Mutterinstinktes demoralisiert werde; daß sie ohne Kind nichts tauge; daß sie allen möglichen Gefahren ausgesetzt sei, solange sie kein Kind habe. All das brachte sie in großer Erregung vor. Ich widersprach ihr. So lange wir in Geldschwierigkeiten seien, würde ein Kind es bei uns nicht gut haben. Ob wir nicht etwa noch ein Jahr warten könnten?

»Ach – noch ein Jahr zwecklos dahinleben«, sagte sie. »Billy! Ich werde ein Kind bekommen.«

»Jetzt noch nicht«, sagte ich.

Sie sprach langsam und mit Nachdruck: »Ich werde ein Kind bekommen – jetzt.«

»Mein Gott,« rief ich, »wie ist das möglich?«

Sie antwortete nicht. Ich faßte sie an den Schultern und blickte ihr ins Gesicht.

»Wie ist das möglich?« fragte ich.

Sie erklärte mir die Sache wortreich und wenig stichhaltig. Man könne nie wissen. Es gebe ein Dutzend Möglichkeiten.

Mein Argwohn war nur ganz flüchtig. Die Sorge um unsere materielle Lage überkam mich so heftig, daß Clara eine scharfe Prüfung erspart blieb. Übrigens war mein Mißtrauen gegen sie damals noch nicht sehr stark.

»Nun, dann müssen wir es eben tragen«, sagte ich und war merkwürdig weit entfernt von begeisterter Vaterfreude. »Glaubst du, daß dich körperliche Beschwerden befallen werden? Bis jetzt hast du dich recht wohl gefühlt? Du wirst dich sicher gut halten. Du bist ein prächtiges Weibsgeschöpf, geschaffen für diese Aufgabe. Wir werden einen Raum des Hauses in ein Kinderzimmer verwandeln müssen ... Ich bin neugierig, was das kosten wird ... Na, wir werden es schon schaffen. Aber es wird ein harter Kampf werden. Du verstehst es wahrhaftig, Clara, deinen Willen durchzusetzen – aller Wissenschaft und Kunst zum Trotz.«

Mir war, als zucke sie zusammen.

»Kopf hoch!« sagte ich. »Du bist eine echte Tochter der Natur.«

Seit dem bösen Abschluß unserer Jahresrechnung beschäftigte mich im geheimen ein Plan. Clara hatte ich nichts davon gesagt, weil mir die Vorstellung ihrer gierigen Freude über die Aussichten, die er uns eröffnete, widerwärtig war. Ich wußte, daß ich mich leicht aus unserer Geldklemme befreien konnte, wenn ich meine Arbeit im ›Royal College of Science‹ mit einer Stellung im Laboratorium der großen metallurgischen und chemischen Firma Romer, Steinhart, Crest & Co., vertauschte. Die Leute hatten von mir gehört und wollten mich gerne für sich gewinnen, obwohl sie damals kaum ahnten, wie nützlich ihnen meine Dienste werden würden. Jedenfalls boten sie mir achthundert Pfund im Jahre, welches Gehalt sich durch alljährliche Erhöhung um fünfzig Pfund bis auf zwölfhundert Pfund steigern sollte. Dieses Angebot konnte mich augenblicklich aus allen meinen Sorgen reißen. Der von mir geleitete Elementarkurs im College war eben zu Ende, so konnte meine Kündigung kaum auf Schwierigkeiten stoßen.

Ein Jahr früher würde ich diese Möglichkeit mit Clara besprochen haben. Nun aber hielt ich sie geheim. Trotz der Eröffnung, die Clara mir gemacht hatte, war ich nicht ganz entschlossen. Ich schwankte noch drei oder vier Tage, ehe ich zu Romer & Steinhart ging. Im großen und ganzen war ich belustigt, bitter belustigt über das, was mir geschehen sollte. Ich war mir klar bewußt, daß ich für lange Zeit von der lebendigen Wirklichkeit der Forschung Abschied nehmen würde. Höchstwahrscheinlich würde ich dem Dienst der reinen Wissenschaft für immer entsagen müssen.

Ich beachtete Clara während jener Tage sehr wenig, nachher aber fiel es mir auf, daß auch sie sehr nachdenklich war. Die Aussicht, in unserem winzigen Häuschen ein Kind in die Welt setzen zu müssen, bedrückte sie offenbar. Ich hätte ihre Sorge mit einigen Worten zerstreuen können, empfand aber keine Lust dazu. Manchmal teilte sie mir sehr überschwenglich mit, wie traurig es sie mache, daß sie mir so Schweres aufbürde, manchmal wieder war sie merkwürdig versonnen und zerstreut. Einer der Sätze, die ich ihr zufällig hingeworfen hatte, beschäftigte sie sehr.

»Ich bin eine Tochter der Natur,« sagte sie, »und nun hat sie mich gefangen.«

Ich weiß nicht, ob ich Zärtlichkeit für sie empfand. Ich kann mich an kein zärtliches Gefühl erinnern.

Ich hatte eine Unterredung mit dem alten Romer und dann noch eine mit ihm und drei anderen Direktoren, daraufhin wurde unser Vertrag abgeschlossen. Ich teilte den Leitern des ›Royal College‹ mit, daß sie mich verlieren würden. Doch Clara von der bevorstehenden Besserung unserer Lage zu berichten, schob ich noch immer hinaus. Vielleicht wollte ich eine hübsche Szene daraus machen und befürchtete, ihre Freude und Erleichterung würden meinen Groll erwecken und mich zu bitteren Worten veranlassen.

Eines Tages beim Frühstück bemerkte ich, daß sie unglücklich aussah. Niemals hatte ich sie so bekümmert gesehen. Ihr Gesicht war sehr lebendig und ich kannte es gut – es konnte böse, gelangweilt, zerstreut blicken; der Ausdruck aber, den es jetzt zeigte, war mir neu. Sie war der Meinung, daß ich in meine Zeitung vertieft sei, und hatte vergessen, daß ich da war. Sie saß ganz still und starrte vor sich hin, als ob mit einem Male alle Hoffnung aus ihrer Seele geschwunden wäre. »Kopf hoch, Clara«, sagte ich, und sie wurde mit einem heftigen Ruck meiner wieder gewahr. Sie blickte mich mit fragenden Augen an.

»Mir fehlt nichts, Billy«, sagte sie.

Ich blickte auf die Uhr. »Sei nicht traurig«, sagte ich, stand auf und suchte einige Schriften zusammen. Dann nahm ich sie in die Arme und küßte sie. Sie erwiderte meinen Kuß – aber wie gezwungen war er und wie kalt blieb ihr Körper, als ich sie umfaßte.

Ich mußte forteilen; sonst hätte ich ihr in diesem Augenblick von dem Vertrag mit Romer & Steinhart berichtet. Aber ihr erbarmungswürdiger Ausdruck begleitete mich. Er verfolgte mich den ganzen Tag. Sie zeigte so selten ein tiefes Gefühl, daß mir die Vorstellung ihres Elends nun doppelt schmerzlich war. Ich warf mir vor, daß ich zu hart mit ihr gewesen sei – betreffs dieses Mißgeschicks, an dem ich ebenso Schuld trug wie sie. Und überhaupt war ich – so sagte ich mir – in der letzten Zeit hart mit ihr gewesen. An dem bevorstehenden Ereignis hatte fürwahr sie schwerer zu tragen als ich. Ich war ihr kein guter Kamerad gewesen, hatte keine Hilfsbereitschaft an den Tag gelegt. Ich ließ sie meine Enttäuschungen entgelten, Enttäuschungen, die sie wahrscheinlich nicht verstehen konnte.

Ich war so sehr von dem Bestreben erfüllt, den Kummer von ihr zu nehmen, daß ich früh nach Hause kam. Aber sie war weggegangen und kehrte erst nach sechs Uhr zurück. Als sie heimkam, sah sie nicht mehr elend aus: ihr Antlitz war gerötet und ernst, aber außerordentlich lebhaft. Ich hatte in dem kleinen Wohnzimmer gesessen, das auch als mein Arbeitszimmer diente, und hatte recht unaufmerksam ein Bündel Notizen durchgesehen, die ich zum Abschluß einer Arbeit brauchte, und auf ihre Heimkehr gewartet. Ich stand auf, als sie eintrat.

»Schon so früh zurück?« sagte sie.

»Vor fünf!«

»Das Feuer ist ausgegangen«, sagte sie.

»Das hab ich gar nicht bemerkt.«

»Hat Ellen dir den Tee gebracht?«

»Sie ist ausgegangen. Ich habe ihn mir selber gemacht.«

Sie starrte geistesabwesend auf die Dinge, die auf dem Tisch lagen. »Billy,« sagte sie, »ich möchte mit dir sprechen.«

»Bitte, ich stehe dir zur Verfügung.«

»Es ist – es ist etwas sehr Ernstes.«

Ich starrte sie an, unfähig zu erraten, was nun kommen würde. Sie blickte nicht auf mich, sondern an mir vorüber in den leeren Kamin.

»Es muß gesagt werden,« sagte sie, »früher oder später muß es gesagt werden.«

Sie sprach schneller. »Es ist besser, alles zu sagen, als ohne Erklärung wegzugehen. Es ist besser, wenn man die Dinge sagt, es ist besser, Klarheit zu schaffen. Wochenlang schon lag es mir auf der Seele. Nun ist es zu einem Höhepunkt gelangt. Ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst, was wir vor unserer Verheiratung miteinander besprochen haben. Ich meine unsere Abmachung, daß jeder seine volle Freiheit haben solle, wenn er es wünscht. Ich weiß nicht, inwiefern es dir damit ernst war und ob du jetzt noch bereit bist, dich daran zu halten. Aber in all den Monaten, die wir so unglücklich miteinander waren, habe ich an das gedacht, was wir einst beschlossen. Wir erklärten, daß kein Mann und keine Frau durch das Gesetz aneinander gebunden sein sollten, wenn sie einander nicht mehr lieben. Und all die Zeit, da du immer kälter und härter mit mir wurdest und mir das Leben immer schwerer machtest, habe ich mich befragt, Billy, ob wir beide noch Liebende seien, ob wir überhaupt noch vorgeben können, einander zu lieben.«

»Vor kurzer Zeit«, bemerkte ich, »hat das Gefühl, das du leugnest, immerhin Folgen gehabt.«

»Ach, Billy! Das Zusammenleben! Die Gewohnheit! Dem entrinnt man nicht so leicht. Aber ist es Liebe, Billy? Ist es wirkliche Liebe? Und ist es je Liebe gewesen?«

Es wurde mir klar, daß ich etwas völlig Unbekanntem entgegenzutreten hatte. Eine neue, eine veränderte Clara stand vor mir. Ich sehe sie noch ganz deutlich in dem dämmerigen Zimmer vor mir und erinnere mich der Wirkung, die ihre Worte auf mich ausübten. Und zum erstenmal bemerkte ich, daß sie sich auch körperlich schon stark verändert hatte. Ihre hübschen Schultern schienen etwas breiter und abfallender, ihr Nacken sanfter und weißer. Und ihre Augen: da lag etwas Neues darin. Ihr Anblick ist mir im Gedächtnis, aber ich weiß nicht mehr, was ich dachte, noch was ich ihr antwortete. Ich hörte wohl, daß sie erklärte, wir hätten einander nie geliebt, und ich begriff erstaunt, daß sie damit Recht hatte. Warum hatte ich nicht längst erkannt, daß es so war?

An den Anfang unseres Gespräches kann ich mich noch sehr deutlich erinnern, von dem Folgenden aber muß viel aus meinem Gedächtnis entschwunden sein. Mit welchen Worten sie mir beibrachte, daß sie die Absicht habe, mich zu verlassen, und wie lange es dauerte, bis ich die neue Lage begriff, weiß ich nicht mehr. Dann aber schwindet der Nebel des Vergessens mit einem Ruck und ich sehe, wie sie die Hände ineinander krampft und einige Male schlucken muß, ehe sie die folgenden Sätze hervorstößt: »Ich gehe nicht allein fort. Du verstehst nicht, Billy, du verstehst nicht, was ich dir zu sagen versuche. Ich gehe mit Philip Weston fort. Ich bin den ganzen Nachmittag in seinem Atelier gewesen.«

Blitzartig begriff ich nun alles. Ich entsinne mich eines flüchtigen Gefühles der Bewunderung dafür, daß sie den Mut hatte, mir das ins Gesicht zu sagen. Gleichzeitig fuhren ein Dutzend verschiedener voneinander ganz unabhängiger Gedanken durch mein Gehirn. Ich weiß noch genau, daß ich daran dachte, sie zu töten, mir ausmalte, wie ich ihren hübschen Hals, den ich wohl tausend Male voll Entzücken geküßt hatte, würgen, mit diesen meinen Händen würgen würde. Ich war gefährlich. Das wußte sie. Doch eben zur selben Zeit tauchte plötzlich ein Gefühl der Erleichterung in mir auf: ich würde sie los werden! Gleich darauf durchzuckte mich Verzweiflung darüber, daß der Vertrag mit Romer & Steinhart unterschrieben und im ›Royal College‹ bereits mein Nachfolger ernannt war. An Weston dachte ich zunächst kaum. Clara – im Vordergrunde – verdunkelte sein Bild.

Ich stand ganz still auf dem Kaminteppich, und der Augenblick der Mordlust ging vorüber.

»Daher also kommt aller Wahrscheinlichkeit nach das Baby?« sagte ich.

Sie befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge und nickte, die Augen immer noch angstvoll auf mich gerichtet.

»Und Weston – ist bereit, dies zu glauben?«

»Er liebt mich, Billy.«

Sie fühlte, daß sie über das Schwerste hinweg war.

»Er kennt dich noch nicht. All diese Mitteilungen sind – etwas verwirrend. Ich war nicht auf sie vorbereitet. Wo, zum Beispiel, denkst du heute abends zu schlafen? Hier? Wir könnten Opfer der – wie nanntest du es doch – Gewohnheit werden. Und dann würde ich dich vielleicht erwürgen. Und das würde Weston überraschen und betrüben.«

So weit schien sie noch nicht gedacht zu haben. Sie beschloß, etliche Dinge zusammenzupacken und zu Weston zurückzukehren. Er würde wohl im Atelier auf sie warten. Sicherlich würde er auf sie warten.

»Man sollte mich erwürgen«, sagte sie. Das schien ihr Eindruck gemacht zu haben. Wahrscheinlich wäre es ihr recht gewesen, wenn ich sie ein wenig gewürgt hätte und sie dann hätte weinen können. Mir hingegen lag nichts ferner als Tränen.

Indes ich immer noch auf dem Kaminteppich ihr gegenüberstand, stieg höhnischer Haß in mir empor. Höhnischer Haß – das war es, was ich für sie empfand; nichts anderes. Und es schien mir, als hätte ich sie seit jeher gehaßt. Ich war geladen mit einer Flut beleidigender Worte. Aber ich sagte nichts. Ich überlegte, daß ein zivilisierter Mann mit fortschrittlichen Ansichten in einer so erstaunlichen Lage anderes als Haß und Hohn empfinden sollte.

»I-ich weiß wirklich nicht, was ich dir sagen soll«, gestand ich. »Pack deine Sachen zusammen, erzähle Ellen irgend eine landläufige Lüge. Sag ihr, deine Mutter sei krank und du müßtest zu ihr. Und geh. So schnell wie möglich. Ich werde sofort weggehen. Ich werde spazieren gehen. Vielleicht gelingt es mir dabei, zu begreifen, was geschehen ist. Ich werde mindestens eine Stunde wegbleiben. Das verspreche ich dir. Inzwischen hast du Zeit, einzupacken und dich zu entfernen ... Das alles kommt etwas plötzlich. Aber ich hätte es wohl ahnen müssen ...«

Ich dachte einen Augenblick nach. ›Was wäre noch zu sagen?‹ Sie trat vor die Tür des Wohnzimmers, durch die ich weggehen wollte. Es schien ihr etwas eingefallen zu sein. Ein Ton der Bestürzung klang in ihrer Stimme:

»Billy,« sagte sie, »vielleicht ist dies ein Abschied für immer.«

Ich stand starr. Sie wollte eine rührende Trennung! Sie wünschte sich eine Szene, in der ich die Rolle eines ›armen, lieben Billy‹ gespielt hätte. Sie wollte ein wenig Reue an den Tag legen und ein wenig Mitleid mit mir. So oberflächlich beurteilte sie die Lage. Sie hatte keine Ahnung von der mörderischen Wut, die in mir tobte.

Ich antwortete nach einer Pause in brutalem Ton: »Was zum Teufel sollte es sonst sein?«

»Billy,« flüsterte sie entgeistert und krampfte die Hände zusammen, »oh, Billy!«

Ich schlug die Türe nicht absichtlich zu, sie schien von selbst ins Schloß zu fallen.

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