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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 45
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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So hat also mein Bruder sein Manuskript nicht beendet, und sein Traum einer großen Verschwörung in London, Amerika und der ganzen Welt, die das gefährliche Chaos, in dem wir leben, zu ordnen vermöchte, bleibt ein unbeendigtes Schema, eine Anregung, ein Plan, der auf Ausarbeitung wartet. Ich habe diesen Plan dem Leser so übergeben, wie er ihn hinterließ, eine angefangene, unerprobte Sache, ein Projekt, das halb eine Frage ist.

Mein Bruder hat eine so große Rolle in meinem Leben gespielt, hat mich so sehr beeinflußt, daß ich für sein Buch nicht mehr zu leisten vermag, als es herauszugeben. Auch ich gehöre zu den erfolgreichen Leuten, die diese Welt unzufriedenstellend finden. Ich bin ein Anhänger seiner Revolution. Ich meine gleich ihm, daß das Schauspiel nicht gut genug ist; es kann und muß zu einem besseren gemacht werden. In einer Menge Einzelheiten mag ich wohl von ihm abweichen, in der Hauptsache aber bin ich mit ihm einig. Wenn ich solch ein Buch zu schreiben imstande wäre, so würde es ähnlich ausfallen wie dieses. Ich habe mir entsprechende Hilfe gesichert und mich bemüht, diesen Schriften einen möglichst guten Text und eine vorteilhafte Ausstattung zu geben. Ich habe nichts geändert und nichts weggelassen, obwohl ich bei einigen Stellen die Neigung verspürte, gewisse Nuancen, die mich ziemlich hart treffen, zu verwischen.

Ich meine nichts, was mich persönlich betrifft. Zuweilen macht er sich ja über mich lustig, aber ich sehe nicht ein, warum er sich nicht über mich lustig machen sollte. Vielleicht ist es leichter, mich ernst zu nehmen, wenn man Spaß mit mir treibt. Es ist nicht die geringste Bosheit in dem, was er über mich schreibt, und zuweilen kommt seine Zuneigung in einer Weise zum Ausdruck, die sehr charakteristisch für ihn ist. Er hat, wenn ich mich so ausdrücken kann, seine Schwächen dramatisiert und hat es für passend befunden, mich etwas zu vergrößern, mich in verschiedener Hinsicht zu vergrößern und mich zu einem Repräsentanten der demokratischen Seite des Geschäftslebens zu machen, zu einem Repräsentanten der Detailverkaufsorganisation und der Reklame. Zu diesem Zwecke hat er meine Körpergröße und mein Gewicht ein wenig übertrieben – ich bin kaum fünf Zentimeter größer als er und bezweifle, daß ich jemals zehn Pfund mehr wog, jedenfalls nicht zwanzig – und hat, wie er an einer Stelle zugibt, meine Reden ein wenig ausgeschmückt. Aber er hat das ganz gut gemacht; warum sollte ich nicht als ein Typus hingestellt werden? Was ich aber unmöglich ohne ein Wort des Einwands hingehen lassen kann, ist seine Schilderung meiner Frau.

Es ist aber recht schwierig, etwas dazu zu sagen.

Ich sehe wohl ein, weshalb er sich zu jener Betrachtung Minnies gedrängt fühlte. Daß mein Bruder und meine Frau nie so recht warm miteinander wurden, gehört zu den Dingen in meinem Leben, die ich nicht verwinden kann. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen stand, ich habe nicht die Gabe, solche Mißverständnisse zu entwirren. Er verstand sie nicht, und obwohl sie mir nie klar sagte, was sie von ihm dachte, weiß ich doch, daß sie sich in seiner Gesellschaft immer ein wenig unbehaglich fühlte. Vielleicht fühlte sie, daß er sie kritisierte, und das nahm ihr die Unbefangenheit. Und vielleicht fühlte auch er, daß sie ihn kritisierte. In diesem Buch hier bespricht er sie, zerbricht sich den Kopf über ihre Wesensart.

Gerade weil er viel über sie grübelte, blieb sie ihm unverständlich, glaube ich. Ich habe immer gefunden, daß es besser ist, vor allem zu leben und dann erst über die Menschen nachzudenken. Gefühl kann nur mit großem Risiko investiert werden. Man muß sein Herz auf gut Glück hingeben. Aber er und sie hatten, so verschieden sie in vieler Hinsicht waren, das gemeinsam, daß sie vor allem dachten. Er nahm sie nicht von allem Anfang an als gegeben hin, wie man Menschen nehmen muß, wenn Gefühl, herzliches Gefühl freies Spiel haben soll. Er nahm mich als selbstverständlich hin, ebenso unseren Vater, weil wir uns von allem Anfang an in seiner Welt befanden; andere Menschen jedoch kritisierte er, ehe er sie gelten ließ, und so kam es, daß er, der einer der interessantesten und anziehendsten Männer war, überhaupt nur sehr wenige Freunde und kaum einen einzigen intimen hatte. Zwei Menschen jedoch liebte er schließlich rückhaltslos, Mrs. Evans und, wie ich nun aus diesem Manuskript ersehe, Miß Campbell, seine Clementina. Beide Frauen brachte ihm der Zufall und sein Zorn über die Ungerechtigkeit der Welt gegen sie nahe, ehe er sie einer eingehenden Prüfung unterziehen konnte.

Ich analysiere seine Schilderung meiner Frau mit nicht geringem Schmerz und der Schmerz gilt nicht nur ihm, sondern auch ihr. Was er über sie sagt, kommt der Wirklichkeit so nahe und ist doch nicht richtig. Er litt selbst unter den ungreifbaren Dingen, die eine herzliche und beglückende Freundschaft zudritt unmöglich machten. Er litt unter ihnen und war unfähig, sie zu überwinden. Er wünschte diese Freundschaft zudritt, wie ich aus diesem Buch entnehme, ebenso wie Minnie sie wünschte, wie wir alle sie wünschten. Seine erbarmungslose Kritik stand zwischen uns. Sein scharfer Verstand sah, daß es meiner Frau an übersprudelnder Lebenskraft mangelte, daß ihre Gefühlsregungen nichts Spontanes hatten, und klagt sie der Kälte und des Zynismus an. Sein Zustand zwingt ihn, das zu tun, obwohl er den Wunsch hegt, gut über sie zu denken. Er vermengt ihre physische Beschaffenheit mit ihrer Wesensart. Er gebraucht das Wort Zynismus mit allem Bedacht. Er schwächt es durch ein schmeichelhaftes Beiwort ab, aber er bleibt beim Zynismus. Es ist ein so falsches Urteil und doch der Wahrheit so nahe, daß es mich völlig verwirrt. Meine Frau war nicht im geringsten zynisch; es ist das letzte Wort, das man in Bezug auf sie verwenden könnte. Aber aus irgendwelchen mir unbegreiflichen Gründen konnte er ihre sanfte, fein empfindende Natur nicht erfassen. Ihr Zartgefühl, ihre Zurückhaltung hielt er für Schüchternheit, Ausflucht oder Gleichgültigkeit. Er wußte nicht, was sie verletzen konnte, und wenn man das von einem Menschenwesen nicht weiß, dann weiß man sehr wenig von ihm ... Ich habe nicht seine Fähigkeit, einen Charakter zu ergründen oder zu schildern, sonst würde ich sein Buch an dieser Stelle verbessern; ich würde berichten, wie unter dem Stolz, der Treue und der Aufrichtigkeit, die er klar erkannte, so viel Süße und Zärtlichkeit verborgen war und so viel Mut bei aller körperlichen Schwäche, daß ich meine Minnie allezeit höher eingeschätzt habe als sonst eine Frau auf dieser Welt.

Ich bin mir bewußt, daß auch sie ihm gegenüber zu kritisch war. Ich beklage es. Ich kann es nicht verstehen. Wenn ich sie gegen meinen Bruder verteidige, so verteidige ich auch ihn gegen ihre verborgene Ungerechtigkeit. Auf beiden Seiten gab es Ungerechtigkeit. Sie waren die Menschen, die mir am nächsten standen, die ich am meisten liebte. Ich habe an keinem von beiden etwas zu tadeln. Das Schönste, das Beste meines Lebens waren sie. Ich kann nicht sagen, was sie mir waren. Und sie blieben einander fern und fremd. Ich glaube, eine derartige Fremdheit zwischen wertvollen Menschen ist nichts Seltenes. Ich bin gewiß unvernünftig: ich sehne mich nach vollkommener Harmonie in einer Welt, in der es notwendigerweise die mannigfachsten Tonarten geben muß. Aber welche Vergeudung bedeutet diese Mannigfaltigkeit!

Mehr vermag ich nicht zu sagen. Ich hätte viel – ich weiß nicht, wie viel – darum gegeben, wenn das, was hier über Minnie berichtet wird, in anderer Weise vorgebracht worden wäre, mit einem Hauch von nachträglicher Liebe. Es hätte gar nicht so sehr anders sein müssen. Ich zeigte ihm einmal einen Brief Minnies – er erzählt davon –, weil ich dachte, dieser Brief würde ihn ihr wahres Wesen erkennen lassen. Nach ihrem Tod. Aber selbst der schien ihm erkünstelt, wie ich nun erfahren habe. Und es war ein so zärtlicher Brief!

Ich lasse alles so stehen, wie er es geschrieben hat. Ich kann sein Buch nicht verstümmeln.

Der Verlust meines Bruders ist noch sehr lebendig in mir. Das schmerzliche Erlebnis hat mich in unsere Kindheit zurückgeführt, in jene Jahre, da wir im Hause unseres Stiefvaters enge Verbündete waren, und in die Zeit unseres harten und anstrengenden Lebens als Studenten. Ich finde, daß seinem Buche wenig hinzuzufügen ist. Da ich ihn so gut kenne, scheint zumindest mir seine Persönlichkeit in dem, was er geschrieben hat, voll zum Ausdruck zu kommen. Ich möchte jedoch hervorheben, daß er weitaus gütiger war, als dieses Manuskript erraten läßt, und daß in seiner Stellungnahme zu vielen Dingen des zeitgenössischen Lebens eine Gereiztheit zutage tritt, die ihm im gewöhnlichen Leben ferne lag.

Man darf nicht vergessen, daß er stets sehr stark aufträgt. Er fand Spaß an Übertreibung. Er lachte im Alltagsleben weitaus mehr, als man nach dem Buch hier vermuten würde. Gedrucktes kann weder seinen Blick noch seine Betonung wiedergeben. Er wirft seine Bilder mit kühnen Strichen hin, besonders im dritten Buch; er bemüht sich nicht, die Linien abzuschwächen oder feiner zu zeichnen. Das mag unvermeidlich gewesen sein. Vielleicht hatte er keine andere Möglichkeit, der Schilderung Nachdruck zu verleihen. Er legt große Ideen bloß, die heute in vielen Köpfen auftauchen, Ideen, die den bestehenden Einrichtungen entgegengesetzt sind; er wünscht Kontrast und Gegnerschaft besonders zu betonen, und indem er das tut, bekommen seine Behauptungen etwas Kriegerisches, wird sein Ton aggressiv.

Er konnte sehr gütig sein, er war gegen Einzelne eigentlich immer gütig, aber mit der Menschheit im allgemeinen und mit gewissen Klassen, gewissen Berufen, die ihm die alte Ordnung zu verkörpern schienen, hatte er wenig Geduld. Politiker, königliche Personen, Lehrer, Berufssoldaten, Schriftsteller kann er kaum erwähnen, ohne ihnen einen Hieb zu versetzen. Wie rauh geht er mit unserem armen Halbbruder Walpole Stent um!

Indem dieses Buch fortschritt, ging mit meinem Bruder offenkundig eine Veränderung vor sich. Die Vision einer größeren Welt, die er heraufbeschwor, wurde ihm immer mehr zu etwas Wirklichem, etwas greifbar Nahem, unmittelbar Erreichbarem. Je mehr er daran glaubte, desto riesenhafter wurde das Ganze – wenn ich mir ein Paradoxon gestatten darf –, desto größer die Anstrengung, die Nervenanspannung, die dieser Glaube erforderte. Seine Verachtung der Zustände unserer Zeit wurde immer grollender. Seit jeher spottete er über Leute, denen die bestehenden Dinge so sicher vorkamen; schon als Student war er ein großer Spötter, er erzählt es selbst. Die Überzeugung, daß vieles von dem, was er verspottete, schon verjährt und nutzlos geworden sei, daß es da und dort ersetzt werden könnte und doch nicht ersetzt wurde, wuchs in ihm, und sein Spott verriet immer deutlicher den Zorn in seinem Herzen. ›Werden sie das nicht endlich einmal abschaffen?‹ fragte er sich. ›Soll das immer so weiter gehen?‹ Mitunter verlor er die Selbstbeherrschung. ›Hört mit den verdammten Narreteien auf, hört auf mit diesem lebenverschwendenden Irrsinn!‹ So klingt es aus manchem Abschnitte dieses Buches.

In dieser Beziehung stimmt das Buch völlig mit seinem Leben überein. Seine Neigung, den Ansichten der Masse entgegenzutreten, zeigte sich schon in seiner Studentenzeit. Jede Menge reizte ihn, nicht nur die albern royalistisch gesinnte. Von Jahr zu Jahr schien ihm weniger an der Meinung und dem Beifall der Allgemeinheit zu liegen. Dem Durchschnittsmenschen wurde er immer mehr entfremdet. Nach dem Krieg begann er gesellschaftliche Verpflichtungen völlig zu mißachten; er übersah die Menschen, folgte kaum einer Einladung, ließ alle Höflichkeiten, die ihm lästig waren, beiseite. Bücher, Theaterstücke, Interessen des Tages kümmerten ihn nicht mehr. Er trat von der Bühne des Lebens ab. Wenn er sich wie alle anderen Leute kleidete und betrug, so tat er das nur, um nicht aufzufallen; die Gepflogenheiten des Alltags schienen ihm von so geringer Wichtigkeit, daß er sich durch ihre Mißachtung hervortun wollte.

Er hatte sich allerdings immer ein wenig abseits von der Allgemeinheit gehalten. Von allem Anfang an war er ein Ausnahmemensch; schon als Knabe war er recht einsam. Er war seinem Alter voraus und zeigte eine ausgesprochene Individualität, und er ging geradewegs auf die Dinge zu, die ihn ansprachen. Kricket langweilte ihn, wie es die meisten klugen Jungen langweilt, denn es bedarf so langer Übung, wenn es gut gespielt werden soll. Er empörte sich gegen die Albernheit der Spiele, die englischen Schuljungen mit solcher Wichtigkeit aufgezwungen werden, andererseits zog ihn ein Laboratorium magnetisch an. Er stand jedoch nie als ein Ausgestoßener abseits. Er konnte sich anderen Knaben sehr angenehm machen, und trotz des scharfen Urteils über die Lehrerschaft war er bei seinen Lehrern gut angeschrieben; einige hatten sogar lebhaftes Interesse für ihn. Er war nicht trotzig, er entwand sich nicht der Arbeit; zuweilen konnte er sehr lustig sein. Seine innerliche Abgeschlossenheit wuchs mit den Jahren, und zwar infolge seiner Lebensumstände und infolge seiner Überzeugungen. Allmählich fand er heraus, daß ihm die allgemeine Lebensführung nicht taugte, daß die vorherrschenden Ideen, die vorherrschenden Sitten nicht zu ihm paßten. Die Menschen schienen ihm ihr Leben in stumpfer und alberner Tätigkeit zu verschwenden, und er fühlte, daß seine besten Kräfte in der allgemeinen Verschwendung mitverschwendet wurden. Sein Glaube an des Menschen Möglichkeiten machte ihn zuweilen unmenschlich. Er war rauh mit uns Menschen, weil er so viel von uns erwartete. Seine Flucht in das einfache Leben der Provence, von der er so befriedigt spricht, seine zunehmende Neigung, immer wieder dorthin zurückzukehren und sich die Welt von diesem abseits gelegenen Platze aus zu betrachten, waren aus einem tief in ihm wurzelnden Verlangen geboren, aus dem Verlangen, sich vor Zerstreuung und Ablenkung zu schützen.

Doch trotz solcher Zurückgezogenheit war keinerlei Selbstgenügsamkeit in ihm, und hier, denke ich, liegt der Schlüssel zu seiner religiösen Einstellung gegenüber dem Wesen der Menschheit und zu der besonderen Tiefe seiner Liebeserlebnisse. Wenn er seine Alltagswelt verließ, so bedeutete das nicht, daß er keine, sondern daß er eine andere, eine hilfreichere und ihm näher verwandte brauchte. Unsere Welt in London konnte ihm zu wenig Erstrebenswertes geben und belastete ihn zu sehr. Von ihm darf mehr als von irgend einem die Behauptung gelten, daß er seiner Zeit voraus gewesen sei. In den ›erwachseneren‹ Tagen von 2026 nach Christo hätte er vielleicht einen Kreis verstehender Freunde gefunden und liebende Frauen nach seinem Herzen. Er war keineswegs ein unglücklicher Mensch, er war von sanguinischem Temperament, unerfreuliche Dinge machten ihn eher streitlustig als mißmutig. Doch die fortschreitende Entwicklung seiner Ideen, seine Geringschätzung allgemein gültiger Meinungen, die immer wieder niedergekämpfte Furcht, daß der Herdentrieb der Menge schließlich ihn und seinesgleichen besiegen, alle seine Träume zunichte machen und schließlich zur Ausrottung des Menschengeschlechtes führen könnte, warfen den Schatten großer Einsamkeit auf ihn. Die Art, wie er diesen Schatten zu bannen versuchte, verrät nur zu deutlich seine Verachtung des Herkömmlichen.

Sein Zusammenleben mit der berüchtigten Mrs. Evans, das ihn uns für eine Zeit entfremdete, war mehr als unbewußte Verachtung. Sie war für ihn ein Banner. Er wollte von ihr nichts Übles glauben; er duldete kein Wort, das gegen sie gerichtet war. Er wollte in dem, was sie getan, nichts Böses sehen. Sie war ihm ein Anlaß, den ›Keuschheitsschwindel‹, wie er sich ausdrückte, und manches andere obendrein zu verdammen. Er hatte schon in jenen Tagen gegen Frauen, die sich gesellschaftlich korrekt benahmen, ein richtiges Vorurteil. Daß Unterwerfung und stillschweigende Ergebung als Tugenden gelten sollten, reizte ihn zu wilder Auflehnung in Worten und Taten. Er mußte Empörermut anerkennen, selbst solchen, wie ihn Mrs. Evans gezeigt hatte.

Dasselbe Element der Auflehnung dürfte zu Anfang auch in seinem letzten Liebeserlebnis mit Clementina Campbell eine Rolle gespielt haben. Er gibt das zwar nicht zu, aber man kann es zwischen den Zeilen lesen. Er erzählte mir nie von ihr, aber das mag daran gelegen haben, daß sich keine passende Gelegenheit dazu bot. Wir beide waren sehr beschäftigte Menschen, wir sahen einander im Jahre 1925 nur sehr wenig und er schrieb einen Brief nur, wenn es unbedingt sein mußte. Ich erfuhr von ihrer Existenz überhaupt erst, als ich nach seinem Tode in die Provence fuhr. Ich bin sehr traurig darüber, daß ich sie nie gesehen habe. Was immer er anfänglich von ihr gedacht haben mochte, wie immer die Art ihrer Beziehungen anfangs gewesen sein mag, über die Tiefe und Aufrichtigkeit ihrer Liebe gegen das Ende kann kein Zweifel bestehen. Es war eine gegenseitige Liebe, inniger, wie ich glaube, als irgendeine, die ihm früher zuteil geworden war. So oft er Clementina erwähnt, verrät sich sein zärtliches Gefühl für sie. Aber es geht nicht allein um die Liebe zu ihr, er verfolgt, wie stets, seinen Lieblingsgedanken; man muß nicht einmal sehr aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, um zu erraten, daß er sie symbolisierte wie seinerzeit Mrs. Evans, daß er an ihr seine revolutionären Ideen erweisen wollte. Durch sie wäre er vielleicht zum Erfolg durchgedrungen. Die Art, wie die Leute in Magagnosc und Grasse von ihr sprachen, lassen auf eine sehr reizende Persönlichkeit schließen und es ist möglich, daß er in unseren nachsichtigeren Zeiten imstande gewesen wäre, sie als seine Frau wieder in die Welt einzuführen, die sie ausgestoßen hatte. Er wäre mit ihr in die Welt zurückgekehrt, zu einem letzten großen Kampf, zu einem vollkommeneren, systematischeren Kampf, als er je zuvor einen geführt hatte, einem Kampf gegen die Herkömmlichkeit, gegen die bestehenden Einrichtungen. Er war immer noch voll Leben.

Ich wünsche, er hätte diesen Kampf durchfechten können. Ich wünschte, er hätte ihn durchgefochten und ich hätte ihm zur Seite stehen können. Es ist nicht natürlich, daß er vor mir gegangen ist. Er war für mein Leben von großer Bedeutung, schon in jenen frühen Tagen, da er mich, der ich zwei Jahre älter war, im Lernen zu überflügeln begann. Er hat mich mein ganzes Leben lang erfrischt und angeregt; ich kann mir gar nicht vorstellen, was aus mir geworden wäre, wenn ich seinen Einfluß nicht verspürt hätte. Die Umstände haben uns einander sehr nahe gebracht. Zuzeiten waren wir einander ein wenig entfremdet, niemals aber ganz. Und von Gewohnheit und Kameradschaft abgesehen – Sehnsucht nach seinem Wesen erfüllt mich, nach seinem Wesen, das stark war und doch schwach, trotzig und doch hilfesuchend, frei und hartnäckig im Denken und Tun und doch zärtlichen Gefühls voll; der Kummer um ihn wird mich niemals verlassen.

Ich kann immer noch nicht glauben, daß er tot ist. Er ist mir seit den ersten Tagen, da ich bewußt zu leben begann, sehr viel gewesen; so wird es mir schwer, mir vorzustellen, daß er wirklich aus dieser Welt gegangen und nicht etwa nur nach Amerika, Sibirien oder Südafrika gereist ist, um bald wieder zurückzukehren. Was immer ich schrieb, stets fühlte ich seine Kritik. Dieses Gefühl habe ich jetzt noch. Wenn ich morgen eine lakonische Postkarte von ihm unter meinen Briefen fände, so wäre ich nicht erstaunt. Erst nach einigen Minuten würde ich sie als seltsam empfinden.

Aber es ist vorüber. Ich denke an den lebhaften kleinen Jungen in kurzen Hosen, mit leuchtenden Augen und frischen Farben, wie er seine Gouvernante ärgerte oder nach einem unerwarteten Angriff auf mich, vor Freude und Entsetzen quiekend, das Weite suchte. Ich entsinne mich, wie er nackt im Sonnenschein an irgendeiner Küste Frankreichs stand und wie mir aufdämmerte, daß er schön gebaut sei. Dann sehe ich uns in einem wilden Kampf mit französischen Jungen in Montpellier. Da ist das erregte Gesicht des jungen Sozialisten wieder, der in sein Thema so vertieft ist, daß er die Frühlingsblumen in Kensington-Gardens nicht bemerkt. Und da der Student, der, der Schar seiner Kameraden entrückt, an die Lösung einer besonderen Aufgabe gehen durfte. Und so jagt eine Erinnerung die andere, die meisten davon aus der Zeit, da wir noch keine zwanzig Jahre zählten. Indem die Gestalt mir näher rückt, wird sie größer, aber weniger klar. Ich sehe ihn als Tennisspieler im Flanellanzug in Lambs Court, manchmal gelangweilt, manchmal wild wie eine Katze, wenn ein Gewitter droht, ein recht ungleichmäßiger Spieler. Ich sehe ihn, wie er in freudigem Erkennen lächelnd auf irgendeinem großen Schiff auf mich zukommt oder wie er sich im Rauchzimmer des Klubs zwischen den Tischen bis zu mir durchschlägt. Und am Ende kommt ein Bild, das unsinnig und gräßlich ist, das Bild des zerschmetterten Automobils inmitten zerwühlten Rasens und abgerissener kleiner Sträucher.

Mein geliebter Bruder!

Παντα ῥει  ... Auch er ist dahingegangen. Diese Worte – es sind wundervolle Worte und sie tauchen gleich einem Refrain in diesem Buche immer wieder auf – sollen als einzige Inschrift auf seinem Grabstein stehen.

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