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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 43
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Epilog.
Ein Schlusswort des Sir Richard Clissold

1

Hier hörte mein Bruder zu schreiben auf, um die Feder nie wieder zur Hand zu nehmen. Keine seiner Hoffnungen sollte verwirklicht, keiner seiner Pläne ausgeführt werden. Keine Arbeit wurde mehr von ihm gefordert nach diesem seltsamen Buch, das er fast beendet hatte. Ich kann nicht erraten, was er wohl noch zu sagen beabsichtigte. Ich habe nicht einmal Notizen für die Abschnitte, die noch hätten folgen sollen. Ohne Zweifel kam Miß Campbell, seine Clementina, ins Zimmer, indes er über sie schrieb. Er hörte zu schreiben auf. Und er kehrte nie wieder zu seinem Schreibtisch vor dem Fenster zurück.

Er wurde auf einer schmalen Straße, die vom Gorge du Loup nach Thorenc führt, am 24. April 1926 durch ein Automobilunglück getötet. Miß Campbell, die mit ihm in seinem Wagen saß, wurde gleichzeitig getötet. Dies ereignete sich einen oder zwei Tage, nachdem er das unbeendigte Kapitel hatte liegen lassen. Er war ein geschickter, gewissenhafter Fahrer, vorsichtig wie jeder Mensch mit lebhafter Phantasie notwendig sein muß, aber das Glück war gegen ihn. Das Automobil des Dr. Pierre Lot war denselben schmalen Weg aufwärts gefahren und stand an einem Platz, an dem ein Ausweichen sehr gut möglich war. Der Doktor selbst befand sich in einem Schäferhaus, das dort an der Straße, dem zur Schlucht abfallenden Abhange gegenüber steht. Mein Bruder wollte an dem Wagen des Arztes vorüberfahren, als plötzlich – so vermuten wir – eines der Kinder des Schäfers dahinter hervorlief und entsetzt in der Mitte des Weges einen oder zwei Meter vor dem Kühler meines Bruders stehen blieb. Ohne Zweifel hat er die Bremsen angezogen, aber er muß auch seitwärts gedreht haben, um das schreckensstarre Kind zu schonen. Es hing nur an ein paar Zentimetern, wie der Arzt mir erzählte. Die Radspuren der linken Räder gingen über den Grasrand des Weges, dort wurden ein paar Steine locker und der Rasen gab nach.

Der Wagen überschlug sich seitlich, stürzte gut zwanzig Meter hinab, zerschmetterte die beiden Passagiere, rollte über sie und fiel noch dreißig Meter oder mehr bergab. Ich habe noch nie ein derartig zertrümmertes Automobil gesehen. Eines der Räder, die Sitze und zwei Kotflügel lagen herum und der Kühler war von einem jungen Tannenbaum durchbohrt. Der Arzt wurde von dem entsetzten Kind zur Hilfe gerufen.

Miß Campbell war sofort tot. Ihr Kopf war völlig zerschmettert; sie muß sofort gestorben sein. Mein Bruder lebte noch. Sein Rückgrat war gebrochen, er war tödlich verletzt, aber er lebte ohne Sinn und Zweck noch einige Zeit. Der Doktor scheint mit klugem Verstand gehandelt zu haben. Er ließ Stroh und Heu und eine Matratze aus dem Haus des Schäfers bringen und machte meinem Bruder an der Stelle, wo er lag, so gut es ging, eine Ruhestätte zurecht; er hatte Morphium für eine Injektion bei der Hand, und so lag mein Bruder noch zwei Stunden im Sonnenschein, ehe er starb. Der Arzt blieb die ganze Zeit bei ihm.

Der Arzt spricht nur gebrochen Englisch und hatte Mühe, mir all die Einzelheiten mitzuteilen.

Billy kam nach einiger Zeit wieder zu Bewußtsein. Er blickte den Arzt an und fragte: »Une dame?«

Der Doktor erwiderte ihm, er möge beruhigt sein, aber mein Bruder wollte den Kopf heben und umhersehen. Der Doktor hielt ihn davon ab.

»Ist sie schwer verletzt?« fragte er; er schien sich des Französischen mit Mühe zu entsinnen. »Elle est mal blessée?« Der Arzt, der instinktiv alles genau festhalten wollte, schrieb jedes seiner Worte genau nieder.

Der Doktor versicherte ihm, daß sie nicht leide. Mein Bruder hörte das nicht. »Testament«, murmelte er. »Non. Non. Mein letzter Wille. Vermächtnis.« Er wurde ungeduldig. »Zum Teufel, was soll ich tun?«

»Ich begriff nun,« sagte mir der Arzt, »was ihn bedrückte. ›Elle est morte‹, sagte ich.«

»Morte?« Er verstand den Sinn des Wortes zuerst nicht, dann bekam sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck und schließlich wurde er ganz ruhig, als ob eine schwere Qual von seinem Gemüt genommen sei. »Gut«, sagte er.

Und dann: »Vraiment? Hat sie nicht gelitten?«

Er sagte auch irgend etwas über ›Heirat‹.

Der Arzt beruhigte ihn; er sprach langsam und englisch. »Augenblicklich getötet. Wußte nicht, daß sie starb. War tot, ehe sie etwas fühlte.«

Nach diesem Gespräch ließ die betäubende Wirkung des Schocks nach und seine Verletzungen begannen zu schmerzen. Er war schrecklich zerschmettert, und es drohte die Möglichkeit furchtbarer Leiden. Ich danke Gott für den glücklichen Zufall, daß der Arzt mit dem Morphium bei der Hand war. Wie furchtbar, wenn er das alles allein hätte durchmachen müssen oder in Gesellschaft irgend eines Bauern, der ihn angestarrt hätte, ohne ihm zu helfen.

Gegen das Ende ließ der Schmerz nach, und sein Geist kehrte noch einmal zur Welt zurück ... unklar und tastend nur, wie einer, der im Nebel zu seinem Hause zurückstrebt, aber die Tür nicht finden kann. Er sprach, aber englisch und unzusammenhängend; der Arzt schrieb dem Klange nach auf, was er nicht verstand: »Il a parlé de Monsieur Dschi. Qui est ce Monsieur Dschi?«

Einen Augenblick lang wußte ich nicht, was der Name bedeuten konnte.

Der Doktor suchte in seinen Notizen. Einmal habe es geschienen, als ob mein Bruder lächle; dazu habe er einen Satz gesprochen, der so ähnlich geklungen habe wie: »Fein von dir, Mister Dschi.«

Da verstand ich: »Fein von dir, Mr. G!«

»Was meinte er damit?« fragte der Arzt.

Ich klärte ihn nicht auf. Der Leser aber, der meines Bruders Buch kennt, wird besser imstande sein, zu erraten, was in seinem erlöschenden Gehirn vorging. Ich glaube, dies waren seine letzten Worte. Der Geist, der zurückkam, um diese Worte zu sagen und zu lächeln – ich kann mir sein schmerzvolles Lächeln vorstellen –, schwand wieder in die Nebel zurück, versank immer tiefer in der Dunkelheit, schwand aus seinen Augen und von seinen Lippen, um schließlich ganz und gar von der Nacht aufgesogen zu werden. Dieser Geist hatte wohl beabsichtigt, nach Thorenc zu fahren, dort auszuruhen, dann zurückzukehren, dieses unfertige Buch zu Ende zu bringen und die Pläne auszuführen, die er darin entwickelt hatte. Jedoch war er einige wenige Zentimeter zu stark nach links abgebogen und in eine andere Richtung gelangt, eine Richtung, die keine Umkehr gestattet. Gerade noch ein vergebliches Innehalten, ein halbes Zurückstreben, ein Lächeln über die Schulter, ehe sich die Wege endgültig trennten.

Auf diese Weise verließ mein Bruder die Welt.

Doktor Lot und einige Bauern mit ihren Kindern, die der Szene beiwohnten, waren bald allein mit dem zertrümmerten Auto und zwei steifen zerschmetterten Toten, die still zwischen den Blumen und grauen Steinen des Abhangs im Nachmittagssonnenscheine lagen.

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