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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 40
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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11

Wenn diese unersättliche Sehnsucht, diese zärtliche Hingabe Clementinas Liebe ist, dann ist es wahr, was sie sagt: Ich habe nie geliebt und ich weiß nicht, was Liebe ist.

Vielleicht gilt das nicht nur für mich, sondern für alle normalen Männer.

Vielleicht war eine gewisse Ähnlichkeit mit dieser strahlenden Wärme in meiner Sehnsucht nach Helen und in meiner Verzweiflung über ihren Verlust, aber die Ähnlichkeit liegt eben nur in der Sehnsucht und in der Verzweiflung. In der Sehnsucht war mein Gefühl ebenso stark, aber es war trotzdem von anderer Art. Es lag keine Hingabe darin, keine Spur von Selbstunterwerfung; ich verwandelte mich nicht, ich wollte, daß Helen sich verwandle: obwohl ich viel verlangte, gab ich nichts, und die letzten zwei Jahre unserer Beziehung waren von Gegnerschaft ebenso sehr erfüllt wie von der Sehnsucht, beieinander zu sein. Ich habe mich nie jemandem geschenkt. Ich habe nie den Wunsch gehabt, mich einem Menschen hinzugeben. Entweder bin also ich abnormal oder Clementina, oder es besteht ein tiefer geistiger Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern, den ich erst jetzt zu begreifen beginne.

Ich bin nun sehr, sehr verliebt. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich damit, darüber nachzudenken, wie ich mein Leben einrichten soll, um Clementina ganz darin aufzunehmen und sie so glücklich wie möglich zu machen. Das tue ich, weil ich sie auf meine Art liebe; ihr Glück ist auch mein Glück. Aber wenn ich ganz ehrlich sein will: Selbst jetzt ist sie mir noch nicht notwendig. Ich könnte und würde ohne sie weiter leben. Ich würde leiden, aber ich würde weiter leben. Sie ist mir nicht notwendig, und niemand ist mir je notwendig gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß mir je jemand notwendig sein könnte, und was noch mehr ist, ich bin mir selbst nicht notwendig. Das heißt, es erschreckt mich nicht, sterben zu müssen. Ich bin nicht verzweifelt bei dem Gedanken, daß ich nun bald tot und gänzlich vergessen sein werde. Letzten Endes kümmert mich das nicht im geringsten.

Clementina aber ist mit dem Leben verbunden, untrennbar mit dem Leben verbunden. Das Leben bedeutet für sie so viel, daß sie, wenn sie eine entsetzliche Enttäuschung erlebte, imstande wäre, Selbstmord zu begehen. So wichtig ist ihr das Leben. Und ihr Selbstmord wäre eine wirkliche Tragödie. Ich glaube nicht, daß es mir möglich wäre, Selbstmord zu begehen oder irgendwelche übergroße Anstrengungen zu machen, um dem Tode zu entgehen. Ich kann nur, indem ich übertreibe, zum Ausdruck bringen, was ich hier tastend zu erfühlen versuche. Der Leser gestatte mir folgende Formel: ich stehe außerhalb des Lebens und nehme Erfahrungen in mich auf. Ich experimentiere gern mit dem Leben, wünsche etwas damit anzufangen; ich gehöre nicht der Substanz des Lebens an, ebenso wenig wie der Materie.

Es ist möglich, daß ich einen Gegensatz zwischen mir und Clementina hier nun übertreibe. Es gibt ohne Zweifel Unterschiede zwischen uns, die keine grundlegende Bedeutung haben. In mir ist die Resignation eines Sechzigjährigen, und sie hat die Lebenskraft einer Dreißigjährigen; ich bin nordischer Abstammung und Idealist, sie besitzt den positiven Realismus ihres mittelmeerländischen Blutes. Aber nach allen Deduktionen solcher Art bin ich immer noch zu dem Glauben geneigt, daß es einen grundlegenden Unterschied zwischen uns gibt und daß dieser zwischen Männlichem und Weiblichem im allgemeinen besteht. Ich schreibe absichtlich zwischen Männlichem und Weiblichem und nicht zwischen Männern und Frauen, denn in allen Männern ist etwas von der Frau und in allen Frauen etwas vom Manne. Die Natur hat bei den Säugetieren die Geschlechter nicht so unbedingt voneinander getrennt. Der biologische Unterschied zwischen männlich und weiblich ist aber trotzdem so klar wie der zwischen Osten und Westen. Das Weibchen ist das Leben selbst, seine Fortsetzung, das Männchen eine experimentelle Projektion des Lebens. Es liegt in der männlichen Natur zu versuchen und zu handeln, zu schaffen und zu vergehen, und in der Natur der Frauen verlangt das Weibliche Besitz zu ergreifen von unserem persönlichen Ich und zu versuchen, dieses Ich zu erhalten und es fortzusetzen. So war es zwischen den Geschlechtern seitdem das Leben begann, so muß es sein, damit die Menschheit erhalten bleibe. Wie sonst sollte die Menschheit vorwärts schreiten und sich aufrecht erhalten?

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