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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 39
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
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10

Unser Leben hier begann mit einer fröhlichen Komödie; das Spiel wird weiter gespielt und maskiert tiefe und weitreichende Beziehungen, die zwischen uns erstanden sind. Clementina hat eine leidenschaftliche Liebe in unsere sonnige Komödie getragen, und ich habe so getan, als ob ich es nicht sähe. Wir lieben einander nun sehr innig, aber jeder auf seine Weise. Wir sind sehr verschieden in unserer Art, zu lieben. Ich bin noch nicht sicher, was wir finden werden, wenn wir die Masken abwerfen und einander ehrlich gegenüberstehen.

Clementina bekennt sich mit ihrem ganzen Sein zur Liebe. Sie ist meine Lehrerin in dieser großen Wissenschaft, in dieser großen Kunst, die ihre Beschäftigung, ihr Lebensinhalt ist. Für sie ist Liebe etwas Absolutes, für mich etwas, was man prüfen und bezweifeln kann. Sie spricht von der Liebe als von etwas, was die Frauen von Natur aus verstehen und die Männer nicht; die müssen es lernen. Dieser Unterschied zwischen uns ist so grundlegend wie der des Geschlechtes; er läßt uns die Lage, die Rechte, die Pflichten der Frauen verschieden auffassen. Sie behauptet, daß Liebe von den Frauen geschaffen und von ihnen dem Manne übermittelt werde.

Diese Ansicht über die Liebe ist der meinen gerade entgegengesetzt, entgegengesetzt allem, was ich in diesem Buch, was ich mein ganzes Leben lang behauptet habe. Ich habe die Liebe als etwas ebenso Vorübergehendes wie Schönes hingestellt, etwas, was in die ›sexuelle Beziehung‹ manchmal hineinleuchten kann wie jene rotgoldenen Reflexe, die in Fenstern aufleuchten, wenn das Sonnenlicht sich darin spiegelt. Und ich war immer der Meinung, daß Liebe den Männern ebenso wie den Frauen eigen ist.

Ich habe von Clementinas vermischter Rassenabstammung schon berichtet, auch von ihren verschiedenen üblen Erfahrungen. Ich weiß nicht, ob sie infolge dieser Umstände ein einzig dastehender Fall unter den Frauen oder gerade dadurch typisch ist, ob sie als eine Ausnahme oder ein Musterbeispiel zu gelten hat. Ich weiß nicht, ob wir in einer neuen Welt von Männern und Frauen Adam und Eva gleichen oder nur zufällige Erscheinungen unserer Zeit und für keinen Menschen außer uns von Bedeutung sind. Clementina hegt keinen Zweifel in dieser Hinsicht. Sie ist Eva. Selten gibt es bei ihr ›ich und du‹. ›Eine Frau fühlt‹, sagt sie oder: ›So seid ihr Männer‹.

Ich habe mit ihr darüber gestritten, ob ihre Liebe in ihrem Übermaß und ihrer Vollkommenheit etwas Gewöhnliches, etwas Natürliches oder gar etwas für die Allgemeinheit Grundlegendes sei. Ich erkläre, daß sie etwas Ungewöhnliches ist, eine besondere Veranlagung, nicht eine Notwendigkeit. Sie kommt nicht aus dem Instinkt. Sie ist entwickelt worden, ist sekundär, ist etwas Gezüchtetes. Sie ist dogmatisch, Clementina hat ihr Gefühl übertrieben und verherrlicht. Sie hat sich dieser persönlichen Liebe so hingegeben, wie manche Frauen sich der Religion hingeben. Sie erforscht ihr Gewissen, um Unvollkommenheiten und Schwächen dieser ihrer Liebe aufzuspüren und abzuwerfen.

›Aber das liegt in der Natur der Frauen‹, behauptet sie. ›Es ist Religion. Es ist dasselbe. Oder vielmehr: Religion ist Liebe. Eine der Arten der Liebe. Meine Liebe für dich ist gerade so wie Religion. Wenn ich – obwohl ich es mir nicht vorstellen kann – an irgend einen anderen Mann als an dich dächte, so wäre das eine Sünde. Das ist das oberste Gebot. Du sollst keinen andern lieben als mich.‹

Auf diesem ihrem speziellen Gebiet hat sie sehr feine Argumente.

Wir wollen alle in unserem eigenen Ich gefestigt sein, meint sie und macht sich damit zum Echo meiner eigenen Gedanken. Wir brauchen alle für unseren Seelenfrieden innerliche Einigkeit. Ich habe meine besondere Idee von einer Weltrevolution, von der großen schöpferischen Arbeit zur Errichtung einer Weltrepublik, der ich mich hingeben kann. Dadurch einige ich meine Ziele, mein Streben. Sie kann durch eine derartige Idee nicht zu innerer Einigung kommen. Eine Frau kann nicht durch Abstraktionen innerliches Gleichgewicht erlangen, eine persönliche Liebe aber vermag ihr Halt zu geben. Wenn sie sie verlöre, würde sie in Stücke gehen, ebenso wie ich in Stücke ginge, wenn ich den Glauben an meine revolutionäre Idee verlöre.

»Aber warum nicht Religion?« frage ich sie.

»Eine Frau muß sehen und fühlen können«, meint sie. »Die Frauen sind viel unmittelbarer. In den Klöstern sind wohl Tausende von Frauen, die das, was sie eine Vision nennen, erbeten, erhoffen, ersehnen. Sie nennen es eine Vision, weil man sie diesen Namen gelehrt hat, aber was sie wünschen, ist etwas greifbar Wirkliches. Für sie sind Bilder eine Notwendigkeit. Ich sage dir, es ist ganz das, was mich an die Liebe bindet. Du bist mein Bild. Hast du bemerkt, wie viel Leben man in katholischen Bildern findet – Blut, Verzweiflung, Tränen? Pein, Qual, Schmerz, all das tröstet religiöse Frauen, weil es einen Zusammenhang mit der Wirklichkeit hat. Opfer, immer neue Arten materieller Gottesverehrung, erfüllen ihre Gemüter. Aber selbst dann muß man den Glauben haben. Ohne diesen werden die Bilder weder seufzen noch die Augen wenden. Das ist es, warum ich nicht religiös wurde. Einmal hatte ich fast den Glauben.«

»Du warst katholisch?«

»Ja, doch das, was mein Vater über die Katholiken gesagt hatte, schien mir auch richtig. Wenn mein Vater nicht ganz nüchtern war, konnte er ein wundervoller Theologe sein. Er unterminierte meinen Glauben zu einer Zeit, da ich noch gar nicht recht verstand, was er sagte. Ich entdeckte, daß ich nicht glauben konnte. Wenn ich betete, so hörte ich etwas in mir sagen: Du glaubst ja das alles nicht, du redest dir nur ein, daß du es glaubst. Was ich brauchte, war ein lebendes Wesen, nicht ein Geist, ein körperliches Wesen, das mir Rede und Antwort stehen kann, meinen Widerpart – dich.«

Ich zitierte den heiligen Augustin, um ihr zu entgegnen, daß sie nicht in mich, sondern in die Liebe verliebt sei.

»Du behauptest, daß du ganz und gar mir zugewendet seist, während ich mich auch mit anderem beschäftige«, brachte ich vor. »Aber das ist nicht wahr; du bist mir nicht mehr zugewendet als ich dir. Du bist der Liebe zugewendet und versuchst andauernd, auch mich dazu zu bringen, daß ich die Liebe als den Mittelpunkt meines Lebens auffasse.«

Dem vermag sie kein vernunftgemäßes Argument entgegenzustellen. »Ich liebe dich,« sagt sie, »nicht die Liebe.«

Mit dieser absoluten Feststellung hörte die Diskussion auf; eine Analyse nützt nichts. Die Liebe, die sich durch mich verkörpert hat, ist ein untrennbarer organischer Teil ihres Ich. Das Gefühl ist übertrieben, aber Clementina liebt so unverkennbar und so stark, daß ich die Wirklichkeit dieser Liebe ebenso wenig leugnen kann, wie die ihres sanft geschwungenen braunen Halses und ihrer leuchtenden Augen.

Es ist eine sehr besitzgierige Liebe; sie drängt dazu, mir meine Freiheit zu rauben. Ich fliege sehr gerne, und zuweilen, wenn der Himmel klar ist und der Verschwender in mir sich regt, lasse ich mein Eisenbahnbillett verfallen und miete mir einen Aeroplan von London nach Antibes. Vor kurzer Zeit flog ich von Genf hierher. Sie aber hat eine übertriebene Angst vor der Gefahr des Fliegens. Sie macht keinen Unterschied zwischen den Unfällen, die sich während des Trainings und bei Experimenten ereignen und den seltenen bei Passagierflügen. Ihre Selbstbeherrschung versagt; sie kann nicht umhin, mich anzuflehen, ich möge ihr versprechen, nie wieder zu fliegen. Das bereitet mir Verdruß. Ich mache ihr Vorstellungen, verweile bei dieser Sache, weil sie die Wurzeln unserer Beziehung berührt. Meiner Veranlagung nach bin ich gegen solche Einschränkungen; aber ihre Verzweiflung ist echt. Ihr gebe ich kein Versprechen, machte jedoch meine zwei letzten Reisen hierher unter Protest mit dem Schiff und dem Zuge.

»Wenn du mich liebtest,« sage ich, »würdest du mich tun lassen, was mir gefällt.«

»Aber wenn du getötet würdest?«

»Ein Mann will sich Gefahren aussetzen dürfen.«

Ihre Liebe hemmt mich. Ich kann mich nun nicht mehr dem köstlichen Vergnügen hingeben, hoch in der freien Luft dahinzusausen; ich sehe sie verzweifelt allein und verlassen – weil es mir beliebte, mich mit einem Flugzeug zerschmettern oder verbrennen zu lassen. Diese Vorstellung verfolgt mich nun, wenn ich durch die Wolken fliege. Ich würde mich für den gemeinsten Kerl halten, wenn ich das Unglück hätte, abzustürzen. Ich könnte nicht mit Selbstachtung sterben; ihr tränenreiches ›Sagte ich es dir nicht?‹ würde mir noch in den letzten Minuten in den Ohren klingen. Aber wenn Männer die Ängste liebender Frauen teilen, wie könnten sie jemals furchtlos sein?

Doch dieser ihr Besitzgeist äußert sich auch in liebevollen Gedanken und Dienstleistungen: es ist sehr bestrickend zu fühlen, daß man umsorgt wird und stets williger Anpassung sicher sein kann. Ich kann die vielerlei kleinen Aufmerksamkeiten, die sie mir erweist, nicht schildern. Sie sind zu demütig und zu rührend. Wenn ich ihrer bedarf, gibt es für sie kein Hindernis. Zu jedem Spaziergang, zu jedem Ausflug, zu jeglicher Hilfe ist sie bereit. Und wie oft überwindet sie sich, wie oft zeigte sie noch ein lächelndes Gesicht, selbst wenn sie schon übermüdet war – bis irgend eine Kleinigkeit mir ihre Schwäche verriet.

Sie hält sich um der Liebe willen in Zaum. Ich entdecke, daß sie ihre Impulse unterdrückt und eine Selbstbeherrschung zeigt, die sie vor einem Jahre noch nicht besaß. Wir sind beide von außerordentlich hitzigem Temperament, aber die Jahre haben mich gelehrt, zornige Handlungen entweder ganz zu vermeiden oder das Unrecht wenigstens hinterher einzugestehen und wieder gutzumachen. Ihr Trieb, sich in heftigen Worten zu äußern, ist sehr stark; nicht mit Unrecht sagt man von den Griechen, daß sie das erste Volk in der Geschichte gewesen seien, die einen reichlichen Gebrauch von der Sprache machten. Dazu kommt noch kampfbereite Überempfindlichkeit, die sie in den Jahren der Demütigung des ihr aufgezwungenen Minderwertigkeitsgefühles erworben hat. Sie pflegt kleine Ungerechtigkeiten von meiner Seite genau zu erwägen und jede etwas oberflächliche Kritik als einen Angriff aufzufassen.

Es erscheint mir schwierig, einen unserer stürmischen Auftritte in allen Einzelheiten zu schildern. Solche Szenen entsprangen zumeist aus irgend einer winzigen Unbedachtsamkeit meinerseits, sozusagen aus nichts, aus einer ungeschickten französischen Wendung, die ich gebraucht hatte, oder aus einem englischen Worte, das sie mißverstand. Dann geschah es, daß beim Spaziergang oder bei einer Mahlzeit meine sonnige frohe Gefährtin entschwand und an ihre Stelle ein Geschöpf mit weißem Antlitz und bösen Augen trat, das unsäglich litt und von leidenschaftlichem Verlangen erfüllt war, zu beleidigen und zu verletzen.

Tief in Clementinas Herzen steckt Groll gegen das Leben; sie ist betrogen, ist mißhandelt worden. Es ist bei ihr noch mehr als der gewöhnliche Groll jener, die unter schlechten Umständen ins Leben treten; sie wurde immer verbitterter. Dann aber fand sie mich und baute sich ein neues Leben auf. Nach Niederlagen, Enttäuschung und Unglück ist sie noch einmal zur Liebe zurückgekehrt. Aber sie muß sich fest an die Liebe klammern. Manchmal erscheint es ihr ganz leicht, mich zu lieben. Doch fängt sie erst an, sich sicher zu fühlen. Anfangs konnten kleine Zwischenfälle sie in Angst versetzen, in Angst, sie könne verlieren, was sie mit solcher Leidenschaft aufrecht zu erhalten wünschte.

Immer war es irgendeine Kleinigkeit, die sie daran erinnerte, daß ihr Gott aus irdischem Stoff gemacht sei, irgendeine egoistische Äußerung, irgendeine Behauptung. Dann wurde ich eine Zeit lang nichts weiter als eben einer aus der Reihe von Männern, die ihr Leben zertrampelten, eines jener Geschöpfe, die alles Leben mit Füßen treten, die immer bloß nehmen, nehmen und mißachten und die Welt zu einem Jammertale machen.

Ich verstand das zuerst gar nicht. Ich zuckte bloß die Achseln und begegnete ihrer ›Laune‹ mit hartem Gesichtsausdruck.

Diese Streite, die aus einem Nichts zu entstehen schienen, werden immer seltener. Anfangs dauerten sie einen Tag oder länger; sie wollte dann nicht in die Villa Jasmin herunterkommen und gab mir zu verstehen, daß sie packte, um irgendwohin, nach einem unbekannten Ort der Welt abzureisen. Wie eiskalt ich sie behandelte, wie schwer ich es ihr machte, einen Weg zurückzufinden! Später zeigten diese Zwiste etwas weniger Heftigkeit und waren von kürzerer Dauer; sie währten nur mehr Stunden; dann schrumpften sie auf Ausbrüche von nur zehn Minuten zusammen, und wenn ich es recht bedenke, so haben sich in letzter Zeit gar keine mehr ereignet.

Dieser Übergang von häufigen Konflikten zu dauernder Heiterkeit ist durch und durch ihr Werk. Sie hat ihre Veranlagung zu heftigem Aufbrausen bezwungen, ebenso wie eine Novize in einem Kloster sich darin übt, einen sündigen Hang zu bezwingen. Sie hat ihren Glauben zu mir gestärkt, bis schließlich der leidenschaftliche Zweifel an meinem Wert ein Ende fand. So hat sie mit aller Überlegung eine Beziehung aufgebaut, wie ich sie früher nie gekannt und überhaupt nicht für möglich gehalten hatte.

Als ich das letzte Mal aus England zurückkam, entdeckte ich eine Schreibmaschine in ihrem Wohnzimmer. Sie hatte mich nicht erwartet und schnell ein Tuch darüber geworfen. »Ich wollte nicht, daß du das Ding siehst, ehe ich alle Lektionen genommen habe«, sagte sie. Sie hatte die Maschine gekauft, war in einer Schule in Grasse und tippte bereits recht gut. Und all diese Mühe nahm sie sich nur, weil der Maschinschreiber in Cannes, der für mich schreibt, mich zuweilen über Gebühr warten läßt.

»Warum eigentlich deine Sachen außer Haus tippen lassen? Das kann doch ich tun.«

»Warum solltest du das? Es ist mühsam und langweilig.«

»Ich möchte an deiner Arbeit teilhaben. Ich möchte etwas für dich tun können.«

»Aber es war doch ausgemacht, daß du für dich studieren solltest. Du solltest hier lesen, Gedichte schreiben; du solltest dich hier auf dich selbst besinnen.«

»Ich habe mein Interesse am Gedichteschreiben verloren. Es war immer recht schwach, was ich da geschrieben habe. Immer. Seit ich hier bin, hat mich mein Geschreibe immer mehr an die frommen Bücher erinnert, die ich in meinen katholischen Tagen zu lesen bekam. Es ist mir unerträglich. Liebe kann lächerlich gemacht werden, wenn man sie niederzuschreiben beginnt und je mehr man liebt, desto überspannter scheint, was man darüber sagt – wenngleich es wahr ist. Und dann möchte ich etwas über dieses dein Buch erfahren.«

»Du sagtest doch einmal, daß darin leider nur von Marx und Politik die Rede sei.«

»Ich bin jetzt anderer Meinung.«

Und dann in verändertem, etwas gekränktem Ton:

»Merkst du nicht, daß ich nützlich sein will? Willst du nicht, daß ich nützlich bin? Kannst du denn nicht begreifen, daß ich dir nützlich sein will? Bedeutet dir das gar nichts? Ich lese jetzt englisch, um mich im Englischen zu vervollkommnen, um meine Orthographie zu verbessern. Und jeden Tag, wenn du fort bist, gehe ich nach Grasse. Ich lerne. Was sollte ich sonst tun? Handelslehre, Rechnen lerne ich. Ich bin immer eine schlechte Rechnerin gewesen. Ich möchte aber jetzt von geschäftlichen Dingen auch etwas verstehen. Oh, du findest das kindisch! Du lachst!«

»Meine Liebste,« sagte ich, »da ist doch nichts zu weinen. Aber warum arbeitest du nicht für dich selbst? Warum lehnst du alles ab, was dir ein Leben außerhalb des meinen geben könnte? Ich sitze hier, um meine Weltanschauung niederzuschreiben und meine Ideen für die letzte Lebensspanne, die mir gegeben ist, zu ordnen. Warum tust du nicht dasselbe? Für dich selbst, neben mir. Ich bin wahrlich nicht etwas, das man anbeten soll, alt, egoistisch, schwerfällig in vieler Hinsicht, und die Welt, der wir dienen können, ist so reich, so voll von unerhörten Möglichkeiten. Ich bin beschämt, einen Sklaven für mich zu haben. Es macht mich lächerlich, es bringt mir zum Bewußtsein, was ich bin, es zeigt mir meine hundert Beschränkungen. Ich liebe dich. Sage ich es dir nicht? Sei mein Gefährte!«

»Dein Gefährte, ja – wenn ich immer an deiner Seite bleiben darf?«

»Ja, mein Gefährte im gleichen Streben, Liebste, wohin immer es uns führen mag.«

»Nein. Nur an deiner Seite. Die Welt bedeutet nichts für mich, wenn ich nicht mit dir bin. Sie kann grausam sein, sie kann übervölkert und ungerecht und häßlich sein. Ich kümmere mich nicht wie du darum, was aus ihr wird. Wenn ich dich verloren habe, ist es mir ganz gleichgültig, ob sie mit Feuerbrand vernichtet wird. Ich will weder Welt noch Leben ohne dich.«

So also steht es um Clementina.

Sie spielt nicht Theater, sie lügt nicht. Ist das nun das wahre Wesen der Frau? Oder ist Clementina in Rasse und Art anders als die Frauen, die ich vor ihr kannte? Es war eine Frau, die zu einer anderen Frau sprach: »Dein Volk soll mein Volk sein und dein Gott mein Gott.« Milton mag tiefer gesehen haben, als wir Modernen vermuten, indem er Adams und Evas Gottergebenheit mit dem Worte schilderte: »Er war für Gott allein; sie für Gott in ihm.«

Clementina ist durch meine Behauptung, sie mache aus der Liebe einen Kult, keineswegs geschlagen. »Jede Frau,« sagt sie, »die wirklich eine Frau ist, wünscht aus der Liebe einen Kult zu machen. Doch unsere Liebe ist nicht etwa erkünstelt, weil wir sie hegen, beschützen und so viel aus ihr machen. Da könntest du ebenso gut sagen, daß ein kleines Kind erkünstelt sei und nicht in der Natur der Frauen liege.«

Noch immer zweifle ich, ob diese wunderbare Selbstaufopferung ganz und gar und allezeit Clementinas eigenstes Wesen ist. Vielleicht ist diese Liebe nur für eine Weile der Ausdruck ihres Ichs. Ihr scheint es, als ob sie ihr völliges Wesen ausmachte. Ich aber kenne sie noch nicht ganz zwei Jahre und weiß nicht um alle Einzelheiten ihres Lebenslaufes. Es kann ein Hochsommer der Liebe sein, eine Phase, in der viele Wünsche und Sehnsüchte zusammentreffen und ineinander verschmelzen. Es ist möglich, daß Clementinas Leben nicht immer diesen schmalen Weg der Leidenschaft für einen bestimmten Menschen weiter gehen wird. Ich bin nun, wenn ich es recht bedenke, nicht nur Clementinas Mann, Gefährte und Liebhaber, ich bin ihre ganze Familie, ich bin ihre ungeborenen Kinder. Sie ist nicht nur meine Gefährtin und Geliebte, sie ist mir gegenüber auch eine in ihren Gefühlen zu kurz gekommene Mutter. Die Liebe, die für einen ganzen Haushalt ausreichte, fällt ganz allein auf mich.

Darin, scheint mir, liegt der Schlüssel nicht nur zu der Ungleichheit ihres und meines Gefühls, sondern auch zu der Frage, wie wir uns das Leben werden einrichten müssen, wenn wir die Gepflogenheiten der Villa Jasmin aufgegeben. Ich für meinen Teil muß gestehen, daß mich die Liebe, mit der ich hier überhäuft worden bin, zwar verwirrt und vielleicht in manchem gehemmt, aber auch über alle Maßen glücklich gemacht hat.

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