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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 38
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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9

Die Tage in der Villa Jasmin nähern sich, wie mir scheint, ihrem Ende. Nach meinem Flug über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kehre ich wieder zur Erde zurück und finde, daß meine Sicherheit und Ruhe an diesem vertrauten Schreibtisch gestört sind und zu entschwinden drohen. Es hat mir so wohlgefallen, hierher zu kommen und zu schreiben, daß ich an das Ende des Buches mit einem ganz egoistischen Mißbehagen denke. Ich hatte übrigens immer ein Gefühl, als ob diesem glücklichen Asyl etwas Unwirkliches anhafte. Etwas Traumhaftes.

Mir schien, als ob mein Traum sich vollkommener verwirklicht hätte, als es in Wahrheit der Fall ist. Zum ersten Mal träumte ich ihn auf jener Reise von Genf nach Paris, und ich bedurfte des erträumten Hauses so sehr, daß es Wirklichkeit werden mußte. Es war leicht, Clementina, die ein glücklicher Zufall mir in den Weg führte, festzuhalten, sie dem Traum einzuverleiben und zur Priesterin und Gottheit dieses Ortes zu machen. Zwar hätte das Häuschen weiß und nicht rosafarben sein sollen wie dieses, doch über diese Einzelheit konnte ich hinwegsehen, da ich mit so vielen anderen entzückenden Dingen überrascht wurde.

Ich war immer überzeugt davon, daß dieses Obdach und diese Abgeschlossenheit nicht währen können; das Leben hier war zu heiter, war zu schön, um zu dauern. Παντα ῥει: der kleine Brunnen grüßte mich mit dieser Mahnung, als ich das erste Mal hierher kam. Jedoch ich hatte geglaubt, Clementina würde das Ende herbeiführen, würde mir gestehen, daß ihr das Dasein hier zu langweilig sei, daß sie einen unterhaltenderen und weniger beschäftigten Liebhaber gefunden habe und fortzugehen gedenke. Ich war immer darauf vorbereitet, sie ziehen zu lassen, und hatte mir vorgenommen, daß sie auch nach unserer Trennung die Kümmernisse und Entwürdigungen der Geldnot nie wieder zu fühlen bekommen sollte. Ich wäre nicht lang hier allein geblieben. Jedes Mal, wenn ich hierher zurückkehrte, war ich entzückt, sie ob meiner Wiederkunft so froh zu finden.

Doch nun bin ich es, der eine Entscheidung herbeiführen muß. Unsere wunderliche und phantastische Beziehung ist auf Kummer und unterdrückten Hoffnungen aufgebaut, von denen ich keine Ahnung hatte. Nun, da sie mir mitgeteilt sind, entschwindet der Traum.

Helen pflegte zu sagen, sie werde diese oder jene Rolle schon bezwingen. Clementina hatte ihre Rolle bezwungen. Sie war die flüchtige, entzückende, elfenhafte Besucherin der Villa Jasmin. Das war die Rolle, die ich ihr zugeteilt hatte. Sie spielte überdies, daß sie in mich sehr verliebt sei, und meine Rolle war, kühl und von der Arbeit völlig in Anspruch genommen zu sein. Wir sprachen von der Belagerung der Villa Jasmin. Die Belagerung ist vorüber, das Stück ist zu Ende gespielt und wir stehen einander gegenüber, Mann, gegen Frau.

Während ich in den Lüften schwebte und die Traditionen der Beziehung zwischen Männern und Frauen in allgemeinen Ausdrücken festlegte, erkannte ich unter anderen zu beherzigenden Dingen, daß ein gut Teil der heutigen Schwierigkeiten zwischen Mann und Frau den Unterschieden in der Lebensauffassung der beiden zuzuschreiben ist; daß ihre verschieden gearteten moralischen Ansichten sie zu Erwartungen veranlassen, von denen der andere nichts ahnt; so beschwören sie Streit und Grausamkeit herauf. Das ist nun genau das, was ich mit Clementina angestellt habe. Ich habe in ihrem ganz altmodischen Gemüt eine ganz moderne Lebensauffassung vermutet, habe sie gezwungen, danach zu leben und ihren Kampf dagegen für eine spaßhafte Pose gehalten. Ich habe sie geärgert und gekränkt und hundert Mal ausgelacht und dann weiter nicht mehr daran gedacht. Erst heute erkenne ich, daß ich sie damit unglücklich machte und mache.

Ich tadle weder mich noch sie. Wir haben diese Nöte nicht geschaffen, sie sind von selbst entstanden. Man hätte sie voraussehen können, aber ich habe sie nicht vorausgesehen. Ich fühlte mich getrieben, ihr alle Freiheit zu lassen, sie mir nicht zu kaufen, ihr eine Stellung, ein Gehalt zu geben und eine leichte, angenehme Aufgabe an meiner Seite. Das war ein ganz guter Plan. Daß es ihr gefiel, mich zu ihrem Liebhaber zu machen, war ein Glücksfall für mich. Ich verlangte diese Gunst nicht, aber ich schlug sie auch nicht aus. Es galt als abgemacht, daß es zu jeder Zeit zwischen uns aus sein könne, daß es ihr frei stehe, sich einen anderen Liebhaber zu nehmen oder sonst zu tun, was ihr beliebte. Ihre Pflichten bestanden darin, mein Haus zu verwalten, zwischen mir und den Dienstleuten zu vermitteln, die Einrichtung zu kaufen und in Ordnung zu halten, mit mir zu Mittag zu essen und mir nachmittag Gesellschaft zu leisten. Dann entließ ich sie mit einer großzügigen Geste in ihre ausgezeichnete Pension – sie eine freie Frau und ich ein freier Mann. Hier in der Provence sollte sie eine Zeit lang ausruhen, hier sollte sie Frieden und Gesundheit zurückgewinnen, ihr Selbstgefühl sollte wieder gestärkt werden; wenn sich ihr jedoch neue verlockende Möglichkeiten bieten sollten, wollte ich sie ihres Weges ziehen lassen. Dies waren angeblich die Bedingungen unseres Vertrages.

In der Pension wohnten allerlei Leute, möglicherweise recht interessante Leute. Ich sah sie nicht. Clementina hatte zwei hübsche Zimmer, deren langweilige Einrichtung wir durch orientalische Teppiche, Bücher und allerhand andere Dinge verschönten. Da konnte sie lesen, Gedichte schreiben – wenn es ihr Spaß machte – und sich von allen bösen Erlebnissen der Vergangenheit erholen. Und ich konnte in meinem ›Mas‹ denken und arbeiten, konnte kommen und gehen, wie es mir gefiel und wie es meine Geschäftsinteressen erforderten. Wenn ich für lange Monate oder ein Jahr weggehen wollte, so war das meine Sache; sie sollte ihr Gehalt weiterbeziehen, ab und zu im Hause nach dem Rechten sehen, reisen, wenn es ihr beliebte – ihre finanzielle Lage gestattete ihr das. Jeanne war verläßlich genug, das Haus allein zu betreuen. Es wäre nicht nötig gewesen, daß Clementina sich in mich verliebte, sich so sehr in mich verliebte, daß unsere Beziehung nun von Leidenschaft erfüllt ist.

Jedoch es ist geschehen; sie ist über die Bedingungen unseres Vertrages hinausgegangen. Sie hat für mich gearbeitet, wie kein Mensch noch gegen Bezahlung gearbeitet hat; sie hat mich mit zärtlicher Ergebenheit umsorgt. Auch ich bin, ohne es zu bemerken, allmählich von meinem ursprünglichen harten Rationalismus abgewichen. Sie ist wohl noch mehr zu tadeln, aber auch ich bin unbedachtsam gewesen. Während ich daran war, das Zukunftsbild eines schöneren, freieren Zusammenlebens von Mann und Frau zu entwerfen, hat mir die Gegenwart eine Falle gelegt. Ein inniges Liebesgefühl ist zwischen Clementina und mir emporgewachsen.

Ich weiß noch kaum, wie notwendig sie mir geworden ist; aber es ist klar, daß sie mir sehr notwendig ist. Ihre Gesellschaft, ihr Gespräch, ihre ganze Art entzücken mich gleich warmem Sonnenschein. Ich liebe den Klang ihrer Stimme, ich liebe ihren Anblick; ich ertappe mich oft, wie ich sie betrachte; ihr Geschmack gefällt mir ganz wunderbar. Aber was noch mehr ist als all dieses, ihr Glück und ihr Unglück gehen mir so nahe, daß ich ihr nicht länger wehe tun und dabei in Frieden leben kann.

Aber obwohl unser Gefühl sich auf solche Art verändert hat, halten sich unsere Alltagsgepflogenheiten äußerlich immer noch an die erkünstelte Form unseres Originalvertrags. Clementina ist immer noch meine Sekretärin und kommt zur Mittagszeit aus ihrer Pension herunter, um zu sehen, ob hier alles in Ordnung ist, heißt den bellenden Titza schweigen, wenn ich noch am Schreibtisch sitze, spricht mit dem Gärtner, dem Klempner und kauft Stoffe ein, um die Stühle neu beziehen zu lassen. Und ich komme und gehe, gebe mich meiner Arbeit hin und tue empört, wenn sie ihren Diensten Zärtlichkeiten hinzufügt. Es besteht die Konvention, die sogar Jeanne achtet, daß wir keine Liebesleute sind. Aber all das, was vor einem Jahr so fröhlich, so unterhaltsam schien, wird täglich hohler und hohler. Sie möchte leichter zu mir kommen können und ich möchte sie näher haben.

Jedoch die Villa Jasmin ist ein sehr kleines Haus und die Ruhe dieses Arbeitszimmers ist mir wichtig. Hier in diesem Haus kann ich mir keine andere Lebenseinteilung vorstellen als die, die wir bis jetzt hatten.

Clementina nun bringt, ohne zu wollen, diese Lage durch den bekümmerten Ausdruck ihres Gesichtes zu einer Krise. Ihre Angst und ihre Instinkte gehen mit ihr durch und stellen sie vor das Rätsel dessen, was da kommen wird. »Ich liebe dich ganz und gar«, sagt sie. »Ich habe mein Leben in deine Hände gegeben. Ich habe kein anderes Leben als dieses hier, das du mir geschaffen hast. Willst du mich verlassen? Was wirst du tun, wenn das Buch, das du hier zu schreiben dir vorgenommen hast, zu Ende ist?«

Sie kann sicher sein, daß ich nicht von ihr gehen werde. Wir werden miteinander gehen, wenn die schönen Tage in der Villa Jasmin zu Ende sind.

Jedoch weiß ich noch nicht, wie wir von hier weggehen und wohin wir uns wenden werden. Ich war so sehr mit abstrakten Betrachtungen befaßt, daß diese Frage mich überrascht. Bis ich nicht selbst eine Ahnung von ihrer Lösung habe, weiß ich nicht, was ich Clementina sagen soll.

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