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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Ich muß mich wohl dazu entschließen, von dieser Liebe zu sprechen, die Clementina trotz all meines Widerstandes in den Vordergrund meines Gemütes zwingt. Einen Abschnitt jedoch muß ich noch der Analyse der Formen sexueller Beziehungen widmen, wenn auch hauptsächlich nur deswegen, weil die Liebe, wie sie sie auffaßt, sich in diesen Formen abspielt. Ich will, so gut ich kann, die allgemeinen Kräfte bloßlegen, die zusammenwirken, um schließlich die Einzelfälle zuwege zu bringen; erst dann will ich auf unseren besonderen Fall zu sprechen kommen. Ich will meine Übersicht der Veränderungen, die in der Beziehung der Geschlechter heute vor sich gehen, durch eine Prophezeiung des künftigen Standes der Dinge vervollständigen.

Trotz aller Romantik, aller Extravaganz, aller Aufregung und aller Verschwendung im Leben der heutigen Frau glaube ich nicht, daß diese Zustände von wirklicher Dauer sein werden. Obwohl die Flut fast die ganze Welt überschwemmt, ist der Grund nicht tief. Ich glaube nicht, daß diese Ära der Trivialität dauern wird, denn ich sehe, daß sie den Frauen zu viel Enttäuschung und Kummer verursacht. Daß die überwiegende Mehrzahl der Frauen nicht die geringste Neigung zeigt, die heutigen Zustände zu verändern, beirrt mich nicht. Die Frauen können en masse sehr schnell zu einer neuen Haltung übergehen, schneller noch als Männer. Die weiblichen Wertungen sind immer sehr schwankend gewesen, und eine leise Brise von heute nachmittag kann morgen zu einem Wirbelsturm werden. Ich bin daher geneigt, aus kleinen, unwesentlichen Anzeichen große Hoffnungen zu schöpfen.

Die Frauen haben in der Vergangenheit in Bezug auf ihre Lebensideale äußerste Plastizität gezeigt. Die häusliche, wohl beschützte Frau wurde von der Flut der Romantik hinweggeschwemmt. Dann kam die Epidemie der Heldinnen; es schien, als ob die Frauen überhaupt keinen anderen Lebenszweck mehr hätten, als zu tanzen. Wir haben auch die sich gegen ihr Geschlecht auflehnende Frau kennengelernt, die leidenschaftliche Gegnerin des Sexuellen. Nun sind Kräfte am Werk, die die Frauen nach Stolz und Zurückhaltung streben lassen; der Stolz spielt eine immer größere Rolle. Wenn die schöpferischen und führenden Männer, die eine neue Weltordnung in den lebenden Körper der alten einbauen, sich der vollen Bedeutung ihres Beginnens bewußt werden und alle Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, erkennen, werden auch die Frauen erwachen und die neue Einsicht und die neuen Ziele mit ihnen teilen. Sie werden an diesen Dingen nicht nur um ihrer selbst willen interessiert sein, sondern auch deswegen, weil sie die Männer interessieren. Nichts, was die Männer heute besitzen, bleibt den Frauen ganz vorenthalten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Frauen der Zukunft anders sein könnten als tätig, einfach gekleidet, zurückhaltend in der Liebe und den Männern gegenüber freundschaftlich.

Mehr als sonst irgend etwas werden die Ideale und Gepflogenheiten der Frauen das soziale Leben des künftigen Weltstaates beeinflussen, jenes Gemeinwesens mit größerem Horizont, längeren Rhythmen und stärkerer Lebenskraft. Die neuen Frauen werden außerordentlich viel Einfluß, Macht und Ansehen erlangen, indem die Männer sich, ihre Zeit und ihre Kraft vom Netze der käuflichen Frau befreien. Schminke und Parfüm haben keinen wirklichen Zauber, keine wahre Schönheit. Die neuen Frauen werden die Mode angeben und ihren schwächeren, weniger charaktervollen Schwestern zum Muster dienen. Ernst, Fähigkeit, Unabhängigkeit werden die allgemeine Mode werden.

Die Institution der Ehe, so wie wir sie heute kennen, hat fälschlich den Ruf, seit Urzeiten her unverändert bestanden zu haben. In Wirklichkeit aber hat sie sich ungeheuer verändert und verändert sich immer noch in Bezug auf Verpflichtungen, Einschränkungen, Gültigkeit, Löslichkeit und Dauer. Man wird gefragt: »Sind Sie für oder gegen die Ehe? Wollen Sie sie abschaffen?« Wir sind jedoch alle für und gegen die Ehe und stückweise schaffen wir sie alle ab. Wir verändern sie dauernd durch neue Gesetzgebung. Während meiner Lebzeiten ist die frühere Herrschaft und das Besitzrecht des Gatten zu einem Schatten geworden; tätliche Angriffe auf die Frau sind ihm verboten, es steht ihm nicht mehr frei, seine Kinder dem Elementarunterrichte zu entziehen, und die Scheidungsbedingungen sind wesentlich erleichtert worden. Die Ehe von heute ist nicht die Ehe von gestern und noch weniger die von morgen. Wenn wir all das abrechnen, was an der Institution der Ehe in den verschiedenen zivilisierten Gemeinwesen unserer Zeit verschieden ist, so wird man finden, daß das, was übrig bleibt, sich auf nichts weiter beläuft, als auf die gesetzliche Anerkennung und Bekräftigung des natürlichen Triebes im Menschentier, sich zu paaren und zum Schutze der Nachkommenschaft ein gemeinsames Leben aufrecht zu erhalten.

Die Vernunft verbündet sich mit sozialen Bedürfnissen, um die Ehe soweit einzuschränken, daß sie nichts anderes mehr ist als eine Einrichtung zum Schutz der Kinder. Solange sie mehr ist als das, wird der Staat fortfahren, erwachsene Menschen ganz zwecklos ihrer geschlechtlichen Freiheiten zu berauben, zur gefährlichen Demoralisierung des Gesetzes und der Polizeiorganisationen, deren man bedarf, um die zu eng gezogenen Einschränkungen aufrecht zu erhalten. Das Gemeinwesen hat sich um geschlechtliche Angelegenheiten nur dann zu kümmern, wenn die allgemeine Gesundheit bedroht oder ein Kind geboren wird. Dann müssen Verpflichtungen anerkannt werden; dem neuen Weltbürger muß ein Heim gesichert werden.

Heute ist die gesetzliche Ehe mehr als ein solches äußerliches Band, teils wegen der ohnehin im Schwinden begriffenen sozialen Notwendigkeit eines Erbschaftsgesetzes, teils wegen der unverschämten Intoleranz unserer geistig wie sittlich diskreditierten religiösen Organisationen. In jeder Generation demütigen und schädigen wir Tausende von Individuen durch die Unterscheidung zwischen ehelicher und unehelicher Geburt, und das, weil man sich einbildet, es sei unerläßlich, den Großgrundbesitz zusammenzuhalten, welcher doch durch die Erbschaftssteuer zerstückt wird, und weil die Abgaben an die Kirche noch immer orthodoxe Pfarrer und Priester zu ernähren vermögen. Das sind Dinge der alten Weltordnung. Schon sind Kräfte am Werk, sie beiseite zu schaffen, langsam, aber sicher. Wenn der Bastard dem legitimen Sohn gleichgestellt ist und die Besitzrechte zwischen Gatten und Frau dieselben sind wie zwischen Liebhaber und Mätresse, so wird die Welt aufhören, sich für den Heiratsschein der Frau zu interessieren, und Ehe kaum mehr bedeuten als das gewohnheitsmäßige Zusammenleben, die freie Ehe zweier Menschen.

Doch wenn auch die heutigen Formen der Ehe schwinden werden, so wird das doch dem Zusammenleben von Mann und Frau kein Ende setzen. Die Männer und Frauen einer großzügigeren Welt mit weiterem Horizont werden gemeinsam immer noch den Wunsch empfinden, für längere oder kürzere Zeiträume zuzweit zu leben. Aber die Formen dieser Paarung werden mannigfach sein. Die heute bestehenden Beziehungen zwischen Gatte und Gattin und Liebhaber und Mätresse – diese Form ist heutzutage eine Art Widerspiel der Ehe – werden allerlei Möglichkeiten Platz machen. In dem reicheren, leichteren, weniger überfüllten, weniger zeremoniellen Leben stärkerer Individualitäten, das kommen wird, werden sich die Ehegatten nicht immer an die Konvention der Gleichgestelltheit halten. Vielleicht wird Gleichgestelltheit überhaupt selten sein; wenn wir die Scheuklappen, Geschirrstränge, Tarnkappen, Fesseln, Masken und Knebel, die der sexuellen Phantasie des Menschen aufgezwungen sind, fortnehmen und die lebendige Wirklichkeit ins Auge fassen, so wird uns klar werden, daß wir eine äußerst mannigfaltige Menge von Typen in eine einzige Institution hineingezwungen haben. Und wir werden vielleicht nicht nur die Vielfältigkeit der Temperamente in Betracht ziehen, sondern auch die Tatsache, daß jeder verschiedene Phasen der Entwicklung durchmacht; etwas, was für einen fünfundzwanzigjährigen Mann vernünftig und erstrebenswert ist, mag für einen fünfundvierzigjährigen grausamer Unsinn sein. Die sittliche Beurteilung wird sich wohl nicht nur nach dem Temperament richten, sondern nach dem Entwicklungsstadium des Individuums, das wir vor uns haben. Der Mensch wächst während seines ganzen Lebens; wir sind nicht zu einem gewissen Zeitpunkt und sozusagen endgültig ›erwachsen‹, wie unsere Vorfahren meinten.

Das Gefühl der Demütigung, das in letzter Zeit in zunehmendem Maße in der Frau erwacht, entspringt der Erkenntnis, daß ihr Leben den persönlichen Zwecken des Mannes untergeordnet ist. Sie fühlt, daß das schmachvoll ist und schon auf halbem Wege zur Prostitution liegt. Ihre Auflehnung ist von ganz derselben Art wie die des Arbeiters, der erkannt hat, daß sein Leben von einem profitgierigen Arbeitgeber eingeschränkt, ausgebeutet und erschöpft wird. In beiden Fällen nimmt der Untergeordnete keinen lebendigen Anteil und aller Stolz wird ihm verkümmert. Die revolutionären Kräfte sind daran, nicht nur diese Art von Arbeit abzuschaffen, sondern auch jegliche Art Abhängigkeit von den Launen eines Individuums. Unterordnung wird jedoch zu etwas ganz anderem, wenn der Vorgesetzte selbst sich einer Sache, einem Ideale unterordnet. Wenn auch er dient, und zwar ehrlich und in gutem Glauben, so bedeutet es keine Entwürdigung, ihm zu folgen. Man kann sich keine soziale Ordnung vorstellen, die nicht für die meisten Männer und Frauen eine untergeordnete Stellung bedingte. Ich sehe kein Unglück darin, daß die Mehrheit der Frauen in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit nur eine ergänzende Rolle zu spielen haben wird. Sie werden trotzdem glücklich und in Schönheit leben, stolz auf das, was sie sind und was sie tun.

Aber ich verliere mich immer mehr in abstrakte Betrachtungen. Diese Frauen der künftigen Zeit bleiben trotz all ihrem Stolz und all ihrer Anmut schemenhaft. Ich stelle sie mir als Wesen mit feinem und weisem Geist vor, aber sie sind in ungreifbarer Ferne; ihre Gesichter zeigen leere Ovale, die noch nicht einmal Augen haben, um mich anzusehen.

Es ist spät in der Nacht, und ganz früh am Morgen kommt Clementina, mich zu einem großen Spaziergang in die graue Steinwildnis oberhalb Gourdons abzuholen, den wir seit langem planen. Für Titzas emsige Pfötchen wird der Weg zu weit und zu steinig sein. Ich werde in meinem Rucksack zu essen und zu trinken mitnehmen und wir werden uns im Sonnenschein unter dem blauen Himmel zwischen den Felsen niederlassen und all diese unendlichen Rätsel miteinander besprechen.

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