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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 35
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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6

Die sexuelle Lauterkeit, der die Frauen zuzustreben scheinen, ist mit gewissen anderen sittlichen Veranlagungen verquickt. Ich habe schon versucht, diese darzulegen, aber es gelang mir nicht recht, denn sie sind sehr ineinander verwoben. Im Code des Mannes sind sie schon zu finden; aber gerade weil sie von den Frauen stets mißachtet wurden, ist es notwendig, sie in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Ich setzte mir gestern eine Liste auf. Sie begann: ›1. Eine größere Härte Tatsachen gegenüber, Ablehnung gewisser Verlogenheiten.‹ Dann kam: ›2. Entwicklung einer natürlichen Persönlichkeit an Stelle der Zierpuppe von der Schneiderin Gnaden.‹ Der Rest der Liste mag füglich wegbleiben. Nach dem Mittagessen zog ich Clementina zu Rate.

»Hilf mir einmal ein wenig«, sagte ich. »Es gibt manche Dinge, die eine Frau nie tun sollte. Welche sind dies?«

Clementina geriet zuerst auf einen falschen Weg. »Wenn eine Frau einen Mann liebt,« begann sie, »so gibt es nichts, was –«

»Ich meine, ob sie nun liebt oder nicht«, unterbrach ich sie und brachte sie wieder auf die Frage zurück. »Sage mir, Clementina, welches sind die gewöhnlichsten und allgemeinsten Fehler der Frauen? Welches sind ihre Hauptschwächen, gegen die sie Regeln und Verbote aufstellen müssen, wenn sie den Männern aufrecht ins Auge schauen wollen?«

»Wir lügen«, sagte Clementina, ohne zu zögern, und verfiel dann in Nachdenken, während ich Titza Zuckerstückchen aus meiner Kaffeetasse gab.

»Hör zu«, sagte sie und wartete, bis ich ihr meine volle Aufmerksamkeit zuwandte. »Es gibt dreierlei, womit es bei uns hapert, drei Hauptfehler der Frauen. Alle drei beruhen auf Schwäche. Wir sind verlogen, wir sind eitel und wir spielen kein offenes Spiel mit den Männern.«

»Du bist anders«, sagte ich.

»Im Grunde ihres Herzens«, sagte Clementina, »weiß eine Frau, daß sie im offenen, ehrlichen Spiel nicht gewinnt. Sie hat Angst, sie hat Angst vor sich selbst. Sie hat Angst, daß sie zusammenbrechen wird, wenn sie etwas allein tun soll. Sie hat keine Zuversicht. Sie traut sich nichts zu.«

»Sie hat keine Zuversicht, weil sie immer fürchten muß, nicht anständig behandelt zu werden«, sagte ich.

»Wie dem auch sei, es fehlt ihr an Zuversicht. Sobald sie merkt, daß ihr etwas nicht geraten könnte, schwindelt sie; sie lügt, sie weicht aus, sie betrügt, aus Angst.«

»Es ist ganz berechtigt,« unterbrach ich sie, »daß Frauen ängstlich sind. Es war und ist notwendig für sie und ihre Kinder. Es war zu allen Zeiten notwendig. Sie fürchtete sich vor den dunklen Dingen in der Ecke und vor der Gewalttätigkeit des beleidigten Mannes. Das Sichversteckenwollen ist instinktiv, ebenso das Lügen – bei einer Frau. So oft mußte sie die Wahrheit verschleiern, angenehmer machen. Mußte diplomatisch sein. Ausweichend. Ihre Sache war es nicht, den dunklen Dingen in der Ecke in die Augen zu schauen. Schon mit dem Dunkel in der Höhle des Höhlenmenschen mußte sie Frieden halten.«

»Es wird lange dauern, ehe die Frauen aufhören, furchtsam zu sein«, sagte Clementina. »Es liegt nicht nur an der Erziehung, nicht nur an den Umständen; Furchtsamkeit steckt in uns. Wir haben klare Geister, wenn wir auch schwache Körper haben, und wir wissen Dinge – wissen Dinge, die ihr entweder nicht wißt oder die zu sagen ihr zu höflich seid. Wir müssen die Männer beurteilen können. Wir müssen beurteilen können, wer Erfolg haben wird; wir wissen, welche Eigenschaften zum Erfolge nötig sind, und wir wissen, daß wir sie nicht haben. Wenige Kenntnisse, wenig oder gar keine Schulung und noch etwas: nicht dieselbe Konzentrationskraft, nicht die Fähigkeit, an etwas immer und immer festzuhalten. Frauen werden schneller müde und verwirrt im Geist, wenn sie Schwieriges zu Ende zu denken haben. Sie lernen schnell – oh, wir können wunderbar klug sein, wenn ihr uns Regeln, Einzelheiten, Wörter gebt. Aber wenn es zu großen, allgemeinen Dingen kommt, dann kneifen wir aus.«

»Training«, meinte ich. »Tradition.«

»Möglich.«

»Und dann ist der willige, hilfsbereite Mann stets bereit zu sagen: überlaßt das alles mir.«

»Aber kein Mann wird alles einem anderen überlassen wollen, selbst wenn man ihn dazu auffordert. Wir jedoch sind froh, es ihm zu überlassen. Wir fürchten uns vor der Aufgabe, selbst wenn wir sie lösen könnten.«

»Ein traditioneller Mangel an Stolz«, meinte ich.

»Stolz«, sagte sie und dachte nach.

»Die Frauen sind nicht stolz genug«, fuhr sie laut denkend fort. »Die Wahrheit zu sagen, ist eine Art von Stolz.«

»Ja, so sehe ich es, verdammt noch einmal«, rief ich aus. »Das stimmt also.«

»Und sie sind eitel, weil sie keinen Stolz besitzen. Oh ihre Eitelkeit, ihre geschäftige Eitelkeit. Sie entfliehen ihrem eigenen Selbst. Sie haschen nach jeder Schmeichelei, schmücken sich mit tausenderlei Kram, weil sie fühlen, daß sie aus sich selbst heraus nichts sind. Vom Manne wollen sie nicht nur Nahrung und Schutz. Sie bedürfen seiner zur Hebung ihres Selbstbewußtseins. ›Liebst du mich?‹ fragen wir. ›Sag, daß du mich liebst!‹ Bis ihr uns schließlich mit den Händen abwehrt, als wären wir Fliegen, und ›Still, still‹ ruft und uns gehen heißt. Erbärmlich ist das. Und nach dem kleinsten bißchen Lob sind wir gierig. Lob ist die Nahrung der Liebe. Ein weiser Mann – auch ein gütiger Mann – läßt seine Frau fühlen, daß sie hübsch ist – jeglichen Tag. Und je weniger sie es ist, desto mehr sollte er darauf hinweisen.«

»Ich habe auch schon Männer gesehen, denen es um schöne Kleider zu tun war,« sagte ich, »und Männer, die sich durch Schmeichelei erhoben fühlten.«

»Und ihr Mangel an Freigebigkeit«, sagte Clementina, ihren eigenen Gedanken folgend. »Kein Gefühl für Gegenseitigkeit im Schenken haben sie. Sie nehmen Geschenke von Männern, die sie verachten. Einen armen, müden, überarbeiteten Gatten, den sie angeblich lieben, lassen sie zahlen und immer wieder zahlen. Von einem Mann erhalten zu werden, fassen sie als ihr Recht auf. Immer wollen sie die Hauptsache sein. Jede kleine Aufgabe scheuen sie, faul sind sie. Sie versuchen nichts, wenn man sie nicht dazu zwingt. Und dann strengen sie sich auch noch nicht an. Sie sind unaufmerksam, lehnen sich auf. In all dem, in all dem liegt Mangel an Stolz. In all dem. Wir haben keinen Stolz.«

Dann mit einer plötzlichen Verwandlung des Ausdrucks, mit hochgezogenen Augenbrauen und veränderter Stimme:

»Wo ist mein Stolz dir gegenüber, Clissoulaki? Wo ist mein Stolz dir gegenüber?«

Sie nahm eine philosophische Haltung an. »Können Frauen Stolz besitzen? Werden sie je Stolz besitzen?«

Niemals könnte eine Menschenstimme völligere Resignation ausdrücken als die ihre, da sie das sagte.

»Clementina,« sagte ich, »die Frauen kämpfen sich eben zum Stolz durch. Sie heben sich aus einer Lage empor, die immer demütigender für sie geworden ist. Sie sind durch wirtschaftliche Kräfte entwertet und durch Traditionen demoralisiert und betrogen worden, die behaupten, sie seien ein seltener und begehrter Artikel, wenngleich sie in Wirklichkeit in Überzahl vorhanden und gar nicht umworben sind. Sie können sich zu Würde nur durchringen, wenn sie wieder stolz werden, eine Sonderstellung ihres Geschlechtes ablehnen und alle männlichen Tugenden zu erreichen streben – ob das den Männern nun recht ist oder nicht. Mut. Aufrichtigkeit. Spiel mit offenen Karten.«

Clementina antwortete nicht.

»Das«, sagte ich, »ist die Quintessenz des Feminismus. Das Frauenstimmrecht, die Frauenbewegung der letzten fünfundzwanzig Jahre hat diesen Sinn. Sie ist eine Rückkehr zum Stolz.«

Clementina aber folgte ihren eigenen Gedankenwegen. Plötzlich blickte sie mich an.

»In manchen Dingen, Clissoulaki, bist du sehr klug, in anderen aber hast du ein Brett vor dem Kopf. Ich glaube nicht, daß es dir je in deinem Leben aufgedämmert ist, wie ungerecht und grausam es sein kann, wenn ein Mann eine Frau als gleichgestellt behandelt.«

»Wie kann es ungerecht sein, jemanden als Gleichgestellten zu behandeln?«

»Gleichgestellt! Wenn wir mit unserem ganzen Wesen lieben! Und ihr hingegen –! Ich liebe den kleinen Titza hier mehr, als du mich je geliebt hast.«

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