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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 34
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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5

Diese Phase des sozialen Lebens, da die oberen und mittleren Klassen, ja sogar noch die Handwerker in einer Flut von sexueller Romantik versinken, muß bald vorübergehen. Es gibt zuviele Frauen und zu wenige Männer, die diese Träume verwirklichen wollen; und die romantischen Männer, die sich noch finden, erkennen allmählich die zunehmende Minderwertigkeit ihrer Berückerinnen. Das Gefühl der Sündenhaftigkeit war die letzte Gewalt, die die Frauen einschränkte; es ist verschwunden. Diese Art der Beziehungen aber bringt Mädchen, Frauen – und unter normalen Lebensumständen auch Männern – zu viel Demütigung und Enttäuschung. Die Lage wird dadurch besser werden, daß immer mehr junge Frauen mit stetig wachsender Ehrlichkeit und Befähigung zu arbeiten beginnen. Eine starke Veränderung wird sie durch die soziale Atmosphäre erfahren, die begabte Frauen wahrscheinlich binnen kurzem schaffen werden. Eine wirkliche Entspannung aber wird erst dann eintreten, wenn einer auch noch so frechen und vom Glücke bevorzugten Abenteurerin alle Aussichten auf materiellen Erfolg genommen werden.

Das zu bewerkstelligen liegt bei jenen Männern, welche die Bedingungen des Wirtschaftslebens zu ändern die Macht haben. Das endgültige Heilmittel gegen die Herabwürdigung des Lebens durch die Extravaganzen der romantischen Dame ist die Abschaffung des Cowboy-Typus, des Glücksritters, des Spielers. Wenn wir Geschäftsleben und Handel regeln, abenteuerliche Finanzunternehmungen unterbinden, einschränkende Monopole abschaffen, die Macht des Geldgebers abschwächen und das Erbrecht einschränken, werden die Hilfsquellen des Verschwenders versiegen, wird der Heldin der Grund unter den Füßen weggezogen werden. In demselben Maße, als das wirtschaftliche Leben der Welt gesundet, wird die romantische Tradition verfallen, selbst wenn sie noch einige Traditionen hindurch in Romanen und auf der Bühne, in der Presse, im Kino, in Gepflogenheiten, Kostümen, Benehmen und Konversation, in jeder Tagesangelegenheit gegen die Idee einer ernsteren, nicht parasitischen Frau anzukämpfen versucht.

Ich weiß sehr wenig von den heutigen jungen Frauen. Man sagt, daß seit dem Kriege ganz neue Typen aufgetaucht sind, doch stehen diese außerhalb meiner persönlichen Erfahrung. Ich bin schon zu alt, um mit einer Frau unter dreißig Jahren einen Gedankenaustausch zu pflegen. William Clissold der Zweite wäre vielleicht imstande, meinen Betrachtungen manches hinzuzufügen. Blind oder taub bin ich jedoch nicht; ich besitze die Gabe, auch uneingeweiht eine Menge Dinge zu verstehen, die Mädchen und Frauen betreffen. Ich glaube, es spukt in der Phantasie dieser Typen immer noch die romantische Tradition, aber ein neuer Code ist im Begriffe, sie zu verdrängen. Der Kampf zeigt sich in ihrer Kleidung. Die kurzen Haare, die kurzen Röcke beweisen Freiheitsdrang, aber viele von ihnen, sogar ganz junge, schminken sich wie alte Buhlerinnen. Die Führenden dieser jungen Generation dürften wohl wissen, was sie wollen, die meisten aber scheinen noch ganz unsicher, ob sie Heldin oder Kamerad sein werden. Sie lassen den Zufall entscheiden. Vielleicht ist Angelina am Montag ein Kamerad, verfällt aber Dienstag abend nach den Aufregungen einer Kinovorstellung in die alte Rolle der Heldin. Das mag ihrem Partner Edwin das Leben recht schwer machen.

Keuschheit, das Wort im Sinne einer unbesiegbaren Kraft der Enthaltsamkeit genommen, gilt heute nicht mehr als Tugend; einst war sie nicht nur die vornehmste, sondern eigentlich die einzige Zierde der braven Frau. Sie konnte lügenhaft, feige und faul sein, das erschien seinerzeit als ganz schmackhafte Zugabe zu ihrer einzig wichtigen Tugend. Doch wenn die neuen Typen Jungfräulichkeit auch nicht mehr als höchste Glorie einschätzen und Keuschheit nicht mehr als eine Verpflichtung betrachten, so folgt daraus nicht, daß ihr neuer Code ein ausschweifendes Geschlechtsleben oder gar geschäftliche Ausbeutung der sexuellen Begierde des Mannes billigen wird. In dieser Beziehung stehen die Frauen in offenem Kampf gegen die romantische Tradition, die sowohl die erfolgreiche Prostituierte wie auch die parasitische Ehefrau unter ihre Fittige nimmt. Ich glaube, daß Frauen von heute daran sind, eine neue Auffassung von sexueller Lauterkeit herauszuarbeiten. Sie befinden sich in einer Phase des Experimentierens. Bei vielen entartet das Experiment zu ziel- und würdeloser Lauheit. Sie folgen eigentlich nicht den Wünschen ihres Herzens, sondern tun eben, was man von ihnen verlangt. Die Aufgabe, das neue Ideal zu schaffen, ist schwer und vielfältig. Das allgemein gültige Schlagwort lautet: Frauen sollen nur um der Liebe willen lieben. Aber wie jeder derartig allgemein gehaltene Satz, sagt auch dieser sehr wenig. Denn was mag nicht alles unter dem Worte Liebe verstanden werden.

Clementina hat in Bezug auf diese Fragen die Mittelmeerländern eigene scharfe Beobachtungsweise. Forderungen, die sich nicht in deutlicher Fassung an die Wirklichkeit halten, läßt sie nicht gelten. Sie unterzog meine Ablehnung der käuflichen Liebe einer genauen Prüfung.

»Du sagst; eine Frau darf sich nicht um eines Gewinnes, sondern nur um der Liebe willen hingeben. Gut, ausgezeichnet. Aber was treibt sie anfänglich zur Liebe? Was gibt in neun Fällen von zehn den Anstoß dazu, daß sie einen Mann liebt? Seine Güte, seine Macht, seine Gabe zu schenken. Sie fühlt, daß er schenken kann. Sie gibt sich um der Liebe willen hin – ja. Aber sie liebt, weil sie den Mann als einen starken, sicheren Beschützer empfindet. Ist das schon Käuflichkeit?«

Ich erwog diesen Einwand.

»Liebe ich dich etwa nicht?« fuhr sie fort. »Zweifelst du daran? Du weißt, daß ich dich liebe. Du weißt es. Ich würde für dich sterben, aber was machte mich dich lieben? Doch nicht deine Schönheit, Clissoldaki?! Mein Herz wendete sich dir zu, weil du zu mir kamst, stark und gütig und hilfreich. Weil du Macht hattest, indes ich vom Leben besiegt worden war. Du kamst zu mir. Vertrauensvoll. Ich war furchterfüllt. Hungrig war ich, ja hungrig war ich an jenem Abend. Und du sagtest zu mir: ›Wenn Sie in die Provence reisen wollen, bitte, ich ermögliche es Ihnen.‹ Das war ganz wunderbar. Du kannst mir neue Wege eröffnen, mir Freiheit schenken, Haus und Garten aus dem Boden erstehen lassen, meinem Leben Sicherheit geben.«

»Ist es nur das?«

»Keineswegs. Das weißt du. Mein Lieber, das weißt du. Aber verliebt sich eine Frau in einen Mann, der all das nicht schenken kann? Der versagt, der sich vom Leben unterkriegen läßt, der nicht beschützen und nicht geben kann? Alle neuen Ideen der Welt können das nicht ändern. Die Frauen werden sich dem starken Mann zuwenden, dem fähigen Mann, dem Mann, der ein Gebieter ist. Ihre Herzen werden sich ihm zuwenden. Ihre ehrliche Liebe. Ebenso wie eure Liebe sich der Schönheit zuwendet. Wenn unsere Liebe einmal gewonnen ist, ach, dann dürft ihr schwach sein, dann dürft ihr grausam sein. Aber bis zum Ende aller Tage, mein Lieber, wirst du nie imstande sein, herauszufinden, ob eine Frau sich um der Macht eines Mannes willen verkauft oder sich ihm aus Liebe geschenkt hat.«

Große griechische Gesten dienten der Bekräftigung ihrer Worte. »Manche wissen es selbst nicht«, erklärte sie mit Nachdruck. »Viele werden sich niemals darüber klar.«

Und dann mit erhobenem Zeigefinger: »Ich habe Mädchen gesehen, die sich verkauften und schließlich ihren Ehegatten doch lieben lernten und so weit kamen, daß sie den armen Liebhaber verachteten, der nichts weiter konnte, als Abendserenaden spielen und schöne Augen machen. Der nicht imstande, gewesen ist, sie zu entführen. Der versagt hatte.«

Ich gebe zu, daß dies eine wichtige Glosse zu meiner Definition von sexueller Lauterkeit ist, aber ich finde nicht, daß sie dadurch zerstört wird. Die Frau, die einen Mann zu gewinnen versucht, weil seine Macht ihr gefällt, ist bei weitem etwas anderes als jene, die ihre Reize für den Markt zurecht macht. Die oberflächliche Wirkung mag dieselbe sein, aber die Richtung der Gefühle eine andere.

»Sexuelle Lauterkeit hat nichts zu tun mit Abhängigkeit oder Unabhängigkeit«, sagt Clementina. »Sexuelle Lauterkeit bedeutet, dem Liebhaber treu sein.«

»Aber wenn noch kein Liebhaber vorhanden ist?«

»Dann muß man dem künftigen Liebhaber treu sein.«

»Aber in deinem eigenen Fall –?«

»Ich habe dich gesucht.«

Clementina hat zuweilen etwas Großartiges, das mir den Atem nimmt.

»Ich sprach«, sagte ich nach einer Pause, »von der Moral freier und dem Manne gleichgestellter Frauen. Ich dachte nicht an die Frau, die sich mit der Abhängigkeit vom Manne abfindet. Ich dachte an jene Art Frau, die der romantischen Tradition den Rücken kehrt und sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen will. Sie hat ein Anrecht auf alle Freiheiten des Mannes. Aber seitdem du die Frage aufgegriffen hast, ist mir die freie und gleichgestellte Frau, die ich vor mir sah, entschwunden.«

»War sie denn je da?« fragte Clementina.

»Sie war eben im Begriff, Gestalt zu gewinnen«, meinte ich.

»Ich kann nur von den Frauen sprechen, die ich kenne«, sagte Clementina. »Wir müssen lieben und wir sind nicht so stark wie die Männer.«

Aber wenn Clementina dieser neuen Sorte Frau auch nicht begegnet ist, so glaube ich sie doch schon da und dort gesehen zu haben, und die sexuelle Lauterkeit, die sie im Sinne hat, ist etwas mehr und vielleicht auch etwas weniger als sexuelle Treue für einen gegenwärtigen oder künftigen Liebhaber. Indem sie sexuelle Lauterkeit auf Treue beschränkt, geht Clementina wieder auf die sentimentale, gefühlsmäßige Ansicht von der Stellung der Frau zurück. Sie ist von der Idee besessen, daß Liebe das Wichtigste im Leben sei. Und von dieser Ansicht gerade kämpft sich der neuere Typus los, um jeden Preis. Die Neuen stellen sich gegen diese Auffassung, weil sie darin den Schlüssel zur Erniedrigung und Versklavung der Frau finden. Manche tun die Frage ab, indem sie das Geschlechtliche so behandeln, als wäre es etwas so Triviales wie Schokolade. Andere erkennen seine Bedeutung im Leben, sind jedoch entschlossen, sich nicht davon knechten zu lassen. Sie wollen das Geschlechtsleben von allem anderen lostrennen. Sie wollen trotz seiner nützliche Arbeit leisten und sich in der Welt durchsetzen – so wie ein Mann es tut. Freiheit und Würde sind die Güter, die durch die Sexualität am meisten gefährdet werden. Und um dieser Güter willen muß die Frau, das erkennen sie, aufhören, Schönheit, Heldin, Verführerin, Liebling zu sein, und eine Mitbürgerin werden. Um jener Güter willen muß die Frau erkünstelte Vorteile aufgeben und die einer Gattin auferlegten Einschränkungen zurückweisen. So sehen sie es.

Es ist mir interessant, daß Clementina sich so heftig gegen diese Auffassung von der Rolle der modernen Frau stellt. Denn ich meinerseits habe sie seit jeher gehegt. Ich glaube nicht, daß ich sie jemals sehr eingehend prüfte, instinktiv aber sympathisierte ich mit ihr. Schon als Student sprach ich mit Clara darüber, daß wir einander völlig gleichgestellt und völlig frei seien. Die moralischen Forderungen Godwins und Shelleys habe ich nie in Frage gestellt. Mein ganzes Leben hindurch habe ich den Frauen gegenüber diese Haltung eingenommen. Erst vor kurzem ist mir klar geworden, daß Clementina meine Ansicht leidenschaftlich ablehnt.

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