Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Herbert George Wells >

Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 33
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
Schließen

Navigation:

4

Es gibt jedoch noch eine Hauptklasse von Ideen und Traditionen, die in Betracht gezogen werden muß, ehe die Übersicht über das Gebiet moralischer Kräfte, das die Frau heute beherrscht, vollständig ist. Es sind dies die mannigfachen romantischen und ritterlichen Traditionen; sie verwirren das Problem des Geschlechtslebens und nähren im Geiste der meisten Frauen die Vorstellung, daß das Weib die Königin der Schönheit, das Hauptziel im Leben des Mannes und eine ausreichende Belohnung für jegliche Leistung, für jede erdenkliche Tat sei. Das ist das Weib nicht, ist es nie gewesen und wird es nie sein. Doch die Dichtkunst ist von jenen Traditionen durchsetzt; sie sind mit der gesamten Menschheitsgeschichte verwurzelt.

Die beiden bisher betrachteten Gruppen von Ansichten und Wertungen entsprechen zwei Hauptmöglichkeiten der Lebensführung, nämlich erstens der Lebensweise des Menschen, der von Elend bedroht und von religiöser Furcht geknechtet wird, und zweitens jener frohgemuter, arbeitsamer, vernünftiger, seßhafter Menschen in normalen Zeiten. Tausende von Jahren hindurch hat die Mehrheit der Männer dauernd mit ihren Frauen zusammengelebt; sie haben mit ihnen gearbeitet, mit ihnen gescherzt, gemeinsam mit ihnen Pläne geschmiedet, sie geschlagen und dann wieder liebkost und sie in nahezu jeder praktischen Hinsicht als gleichgestellte und mitverantwortliche Gefährtinnen betrachtet. Es hat jedoch allezeit noch eine dritte Sorte von Männern gegeben, Männer, die von den Frauen weggingen, und zwar nicht um zu denken und zu grübeln, sondern um Taten zu vollbringen. Solcher Art war der Hirte, der Jäger, der Krieger, der fahrende Ritter, der schweifende Nomade, der Kaufmann, der durch die Wüste zog, der Seemann. In Zeiten harter Enthaltsamkeit kamen ihm Träume der Begierde, die ihn jedoch beileibe nicht sündhaft dünkten, denn er sah in der Befriedigung seiner sinnlichen Lust wohlverdiente Belohnung. Lange Zeitspannen hindurch bedurfte er der Gefährtin ebensowenig wie der gottesfürchtige Heilige. Sie und ihre Kinder hätten das Schiff beschwert, den Zug der Karawane behindert. Weder auf der See noch in der Wüste mochte er sie zur Seite haben, aber er sah sie nicht wie der Heilige als eine andauernde Verlockung, die seine Kraft lähmte. Er kehrte zu ihr zurück der Begierde voll, in froher Erregung und mit Beute beladen.

Diese dritte Form der Beziehung zum Weibe ist im wesentlichen vielleicht noch weit älter als die des normalen seßhaften Lebens. Die Männer der alten Steinzeit waren Jäger. Sie haben Felsenmalereien hinterlassen, die, Heimkehrfeierlichkeiten am Feuer oder Versammlungen des Stammes darstellend, denselben Geist widerspiegeln, der heute noch eine Truppe spanischamerikanischer oder angelsächsischer Cowboys erfüllt, wenn sie nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehren, um ihre Dollars unter die Frauen der Stadt zu verteilen. Die beiden Geschlechter begegnen einander in froher Erregung, die Frauen buhlen, die Männer prahlen.

Diese dritte Art der sexuellen Beziehungen samt den sich aus ihr ergebenden Gepflogenheiten und Gesetzen ist mit lokalen Abweichungen über die ganze Welt hin verbreitet. Sie entsprang dem Leben der nomadischen Völker, ist aber mit dem Schwerte des Reiters überallhin gedrungen. Die Geschichte berichtet uns von immer erneuter Eroberung der besiedelten Landstriche, der kultivierten Gebiete, der Städte durch Männer, die aus der freien Ebene, aus der Wüste oder über das Meer her kamen. Der Wanderer behielt allenthalben die Oberhand; aus ihm wurde der Herrscher, der Aristokrat, der Steuereintreiber, der Gutsbesitzer, der Herr in fast jedem Lande der Erde; und infolgedessen haben sich seine Traditionen überall erhalten. Die Frauen der Besiegten verstanden es, ihre erste Erniedrigung bald zu mildern. Seine Ansichten über das Weib mußten notwendigerweise romantisch sein. Er konnte seine besondere Rolle nicht spielen, wenn er an das Schürzenband der Frau gebunden blieb. Fühlte er sich zu abenteuerlichen Fahrten getrieben, dann empfand er sie als ein Hindernis, nach einer Phase der Einsamkeit jedoch gewann sie zauberhafte Anziehungskraft. Sie wurde Gegenstand der Begierde und dann Besitz, lebendiger Besitz, den man schmückte und mit Geschenken überhäufte, der aber, da er eine verborgene Seele in sich hatte, eifersüchtig bewacht werden mußte. Niemand hat die Sittengesetze, die sich daraus ergaben, geplant. Der Nomade brachte die Keime dazu in die besiedelten Länder; sie waren das natürliche Ergebnis seiner Lebensführung.

Der romantische Code, der Code des Abenteurers, gewann so überwiegenden Einfluß, weil er das Leben der herrschenden und mächtigen Klassen widerspiegelte. Dichter und Sänger, Roman- und Schauspielschreiber hielten sich an ihn, denn ihm war guter Stoff für die Dichtkunst abzugewinnen, bunte, wirksame Geschichten. Das Leben des gemeinen Mannes ist arm an spannenden Ereignissen; sein schlichter Glaube und sein nüchterner Fleiß eignen sich weder für epische noch für dramatische Darstellung. Die künftige Ordnung wird jedoch mit den Eroberern, Aristokraten und romantischen Helden der Vergangenheit weit weniger zu schaffen haben als mit Männern der harten Arbeit und geschickten Handwerkern. Und die Gefährtinnen, deren die Männer der Zukunft bedürfen werden, wenn ihr revolutionäres Streben die neue Weltordnung errichtet hat, werden der gütigen, lächelnden hilfsbereiten Frau des Bauern und des Handwerkers weitaus ähnlicher sein als der faszinierenden Houri des erregten Cowboys oder deren Sublimierung, der edlen Dame des Ritter-Zeitalters.

Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaße seit meiner Kindheit das gesamte soziale Leben von der romantischen Tradition überflutet worden ist. Diese Tatsache zeigt sich in den Straßen, in denen seinerzeit die Mehrzahl der Frauen schlicht gekleidet ging und abenteuerunlustig war. Heute scheint jede zweite Frau auf der Suche nach einem Abenteuer zu sein; ihre auffallende Kleidung, ihre herausfordernde Haltung beweisen es.

Man kann unmöglich glauben, daß die Überflutung unserer heutigen Welt durch sexuelle Romantik mehr ist als eine vorübergehende Phase in dem riesenhaften sozialen Wandlungsprozeß, der sich vollzieht. Diese neue Richtung entbehrt der materiellen Grundlage; die Gebote der wirtschaftlichen Notwendigkeiten stehen gegen sie. Die rauhe Wahrheit ist, daß wir an einer Überproduktion erwartungsvoller Schönheiten und Heldinnen leiden; der Markt ist übervoll. Jeder wohlhabende Mann, jeder erfolgreiche Abenteurer findet auf Schritt und Tritt reizende, kultivierte, skrupellose junge Frauen, die seiner harren. In vielen unter uns taucht der Cowboy dann und wann noch auf, wir haben Zeiten, da wir die Dollars umherstreuen; aber die meisten von uns sind zu andauernd mit ihrer Arbeit beschäftigt, als daß sie jenen entzückenden Geschöpfen die Aufmerksamkeit schenken könnten, die sie erhoffen und fordern. Die verhältnismäßig Erfolgreichen unter ihnen, die eines Mannes habhaft werden, sehen sich meist binnen kurzem wieder allein – einige Kleider, eine Wohnungseinrichtung, bestenfalls eine kleine Rente ist alles, was ihnen verbleibt. Einige wenige kämpfen sich zu einer meist wenig glücklichen Ehe durch. Die meisten erreichen nicht mehr als flüchtige Aufmerksamkeit und gehen einem trüben Alter entgegen. Unsere Dichtkunst aber ist immer noch der Romantik voll; keiner hat bisher das wirkliche Leben der schönen Frauen inmitten der wohlhabenden Männer von heute geschildert. Mit reichen Erben fahren sie vielleicht noch am besten, was einer der Gründe dafür sein mag, warum so viele von uns bedeutende Einschränkungen des Erbrechtes wünschen. Wir ziehen den Weiterbestand unserer Unternehmungen der Verführung unserer Söhne vor.

Die Frau muß lernen, daß sie einen Mann zwar heftig, aber doch nicht dauernd anzuziehen vermag, und daß im großen und ganzen sie seiner stärker bedarf als er ihrer. Sie muß sich von dem unglückseligen Wahne befreien, daß das Weib dem Manne die Krone des Lebens bedeute, daß es ihn zu großen Taten ansporne. Die Frauen mögen einen gewissen Typus Mann zu Taten angespornt haben, aber das gehört in ein anderes Gebiet: der Wunsch nach Frauen hat Männer zu Räubern, Piraten, Spielern, Revolutionären, Eroberern, Gelderraffern, Wegelagerern, Dieben gemacht. Aber kein Mann hat je eine große schöpferische Tat vollbracht, ein Kunstwerk geschaffen, sich der Forschung hingegeben, eine Industrie organisiert, in einem Lande Ordnung gestiftet, eine Maschine erfunden – um einer Frau zu gefallen. Dergleichen Werke können nur um ihrer selbst willen vollbracht werden, aus einem inneren Drange heraus; sie erwachsen aus dem verfeinerten Egoismus, den wir Selbstverwirklichung nennen. Manche Frauen haben die Selbstverwirklichung des Mannes behindert oder unterbunden, andere haben ihn beschützt und ihm geholfen, doch sind diese wie jene von nebensächlicher Bedeutung gewesen. Der Mann ist und bleibt Egoist. Wenn er aufhörte, Egoist zu sein, so bedeutete das für ihn, seine Individualität aufzugeben. Selbst wenn er sich in den Dienst der Menschheit stellt, sucht er seine individuelle Eigenart voll zu entwickeln, um sie der unsterblichen Erfahrung der Gattung einzuverleiben. Sogar die Religion hat den Egoismus eher gesteigert als unterdrückt, und zwar mit Hilfe des fürchterlichen Köders der persönlichen Unsterblichkeit. Der Fromme, der in seiner Zelle in Anbetung niedersinkt, will seinen Gott durch außerordentliche Dienste für sich gewinnen. »Herr,« so betet er, »gedenke meiner

Daß der Mann sich dem Egoismus der Frau unterordne, ist der Grundirrtum der romantischen Tradition. Die Frau schlage sich diesen Gedanken aus dem Kopf. Er verlockt sie zu einer Übersteigerung ihres Ich, das sie kläglich zurechtschminkt, parfümiert und zu einem Gegenstande der Anbetung herausputzt. Ihre tatsächliche Persönlichkeit geht in diesem erkünstelten Etwas unter, und sie bemerkt ihren Irrtum erst, wenn der Sklave zu ihrem Besitzer wird und der Herrin die Fesseln einer Eifersucht auferlegt, welche seine instinktive, unbewußte Rache für die unnatürliche Unterordnung ist, die ihm aufgezwungen worden war.

Im großen und ganzen sind die Frauen nicht so stark individuell und nicht in solchem Maße egoistisch wie der Mann. Die romantische Tradition behauptet, daß sie beides weit mehr seien. Die erste Lektion der modernen jungen Frau muß darin bestehen, ihr diese Behauptung auszureden und den wahren Sachverhalt klarzulegen. Der größte Teil des Lebens einer modernen Frau – und es ist erstaunlich zu sehen, wie weit hinab der Einfluß der Romantik gedrungen ist – wird von dem Bestreben ausgefüllt, eine erkünstelte Individualität zu entfalten. Auf dieses Streben verschwendet sie all ihre Kraft, die sie der Entwicklung weit wesentlicherer Eigenschaften hätte zuwenden können. Ohne Unterlaß quält sie sich, um ihre Haare, ihre Haut, ihre Gestalt, ihr Benehmen, sogar ihre Gefühle zu etwas Besonderem zu machen. Selbst ihr Parfüm muß eigenartig sein; ihr Eintritt in ein Zimmer muß Stil haben; seltsame Stoffe und auffallende Farbenwirkungen müssen ihre Mittelmäßigkeit verbergen. Nimm die Göttin mit dir nachhause, zieh' ihr die wundervollen Kleider aus, wasche ihr die Schminke ab, und du wirst einen armen reizlosen kleinen Menschenkörper vor dir haben und ein Gemüt und einen Charakter ohne irgendwelche Bedeutung.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.