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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Die Gebräuche und die Moral, die Gesetze und die Abkommen zwischen den Geschlechtern, die Hoffnungen, die die Menschen in Bezug auf Liebe hegen, die Rechte, die sie in der Liebe und der Ehe beanspruchen, all das bildet heute ein riesenhaftes, gefährliches und unglückseliges Wirrsal. In der Vergangenheit gab es wohl Qual, Unterdrückung und Kummer im Geschlechtsleben, nie aber war es so zufällig, ungerecht und verderbenbringend wie heute. Nach dem heutigen Stand der Dinge ist niemand seines Glückes sicher, und keine Verhaltungsweise führt unbedingt zum Erfolg. Jeder von uns muß Fehler machen.

Ich habe versucht, aus meinen Beobachtungen und Erfahrungen heraus eine Art Klassifizierung in dem Gewirre von Traditionen und Ideen vorzunehmen, die heute das Verhalten von Mann und Frau zueinander bestimmen. Das ist eine notwendige Vorarbeit für jeden, der in diesem Probleme zu irgendwelchen Folgerungen gelangen will. Wie ich gezeigt habe, ist die Beziehung der Geschlechter von Natur aus vielfältig, aber diese Vielfältigkeit ist nichts, verglichen mit dem Wirrsal unserer Traditionen und Ansichten. Wir schwanken zwischen ihnen hin und her, ohne recht zu wissen, was wir tun; wir halten uns an eine Gruppe von Wertungen, doch ehe wir uns dessen bewußt werden, haben wir unseren Kurs gewechselt, weil irgendwoher ein neuer Wind bläst. Der nächsten Generation dazu zu verhelfen, daß sie sich des Ursprungs ihrer treibenden Ideen auf sexuellem Gebiete klar wird, ist eine der vornehmsten erzieherischen Aufgaben derer, die eine neue und bessere Phase des menschlichen Daseins vorbereiten wollen.

Ich habe weder in meinem eigenen Leben noch in dem meiner Umgebung viel geschlechtliches Glück gesehen. Ich sah frohes Sich-Finden und strahlende Hoffnungen, aber das gewöhnliche Geschick aller zeitgenössischen Liebesgeschichten ist, daß sie matt und farblos werden. Ich glaube nicht, daß eine natürliche Gegnerschaft zwischen Mann und Frau besteht, die in diesem, dem wichtigsten Erlebnis der meisten Menschen notwendig eine Enttäuschung bedingte. Ich glaube, daß fast alle Konflikte und Enttäuschungen, die heute auf sexuellem Gebiete entstehen, auf eine gewisse Unvorbereitetheit des Gemütes zurückzuführen sind, auf Unkenntnis physischer und psychischer Tatsachen, auf schwankende und sinnlose Hoffnungen und auf ungerechtfertigte Ansichten darüber, was in geschlechtlicher Hinsicht als recht, vernünftig, schön und ehrenwert zu gelten habe. Aus Enttäuschung erwachsen Groll, Entfremdung, Bosheit, Grausamkeit. Die heutige Liebesgeschichte beginnt mit Illusionen und führt über Mißverständnisse zu Streit. Sie hebt oberflächlich an und endigt in Zwist oder dumpfer Ergebung.

All die Codes, Codefragmente und Traditionen des Gefühls und der Erwartungen, die heute das Tun der Menschen bestimmen, lassen sich in gewisse Hauptklassen einteilen. Diese Klassen sind ihrer Grundlage nach durchaus ungleichartig, entstammen verschiedenen Schichtungen unseres Wesens, sind in der Größenordnung nicht gleichwertig, sondern gehören verschiedenen Kategorien an. Zunächst einmal kann man alle jene Beweggründe, Urteile und Ansichten über sexuelle Dinge, in denen die Idee der Sünde eine Rolle spielt, zusammenfassen. In ihnen zeigen sich Furcht und Widerwille. Sie können als eine Gruppe von Ideen gelten. Aus ihnen ergibt sich ein Typus, den man als die Frau des sündigen Mannes bezeichnen könnte. Die Begierde kämpft gegen Scham und eine angsterfüllte Neigung zu Abstinenz. Die Keuschheit erfährt eine ungeheure Übertreibung. Die ideale Frau ist ein geschlechtloses Wesen, hilfsbereit, dienstbar, ewig jungfräulich und trotzdem eine dauernde Versuchung.

Die eheliche Umarmung, selbst wenn sie äußerst selten, nach Gebeten und Fasten und unter rauhen Begleitumständen vollzogen wird, bleibt etwas Unreines, ein Abfall vom besseren Leben. Diese Ideale verkörpern eine durchaus männliche Auffassung. Der Mann dieser vom Gedanken der Sünde erfüllten Frau ist ein Geheimnis, das in geistig gesunder Literatur nie verraten worden ist. Die Frauen, erstaunlich befähigt, das zu sein oder zu scheinen, was von ihnen erwartet wird, haben die Rolle des keuschen und völlig unnahbaren Weibes vortrefflich zu spielen verstanden. Noch vor zwei oder drei Generationen herrschte die Auffassung von der Sündhaftigkeit des Geschlechtslebens weithin über die Welt. Um den Preis andauernder Einschränkung gab sie den Frauen künstlichen Wert und künstliche Würde. Doch die großen Stürme der Kontroverse, die so viel Furcht und moralischen Nebel hinwegfegten, haben bewirkt, daß der moderne Geist kaum mehr irgendwelches Gefühl für geschlechtliche Sünde besitzt.

Eine andere große Gruppe von Verhaltungsmaßregeln, die weniger einen Code als vielmehr eine Reihe von Gepflogenheiten darstellt, zeigt sich in der Lebensweise des Mannes aus dem Volke, des Bauern, des Landmannes, des kleinen Ladenbesitzers, des Menschen, der einer Gefährtin und Mitarbeiterin dringend bedarf. In den seßhaften Gemeinwesen der Menschheit hat die große Menge lange Zeitalter hindurch in einer ziemlich roh, aber doch recht vernünftig geregelten Weise gelebt; die Rechte der beiden Geschlechter waren leidlich gegeneinander abgewogen und die Frau hat hier mehr Selbstachtung erlangt als sonst irgendwo. Sie wurde gebraucht, wurde zu Rate gezogen und sie hatte es weder nötig, sich großen Zwang aufzuerlegen noch ein allzu anspruchsvolles Männchen durch besondere Verführungskünste zu fesseln. Sie konnte sich der Mutterschaft hingeben, so viel sie nur wollte. Zuweilen wurden ihre Wünsche in dieser Beziehung etwas zu weitgehend erfüllt, doch wurde da durch die Kindersterblichkeit meist ein Ausgleich geschaffen. Ohne Zweifel störte der Priester das Paar zuweilen durch seltsame Reden von Sünde und Verdammnis, vermochte aber die Seelenruhe der beiden nicht ernstlich zu erschüttern. Und das Gesetz behauptete wohl, die Frau sei des Mannes Eigentum, und versuchte sie niederzuhalten und für kleine Vergehen und Treubrüche heftig zu züchtigen. Sie kannte jedoch ihren Platz und ihre Macht besser als das Gesetz; kochte sie nicht dem Manne sein Essen, machte sie ihm nicht sein Bett und waren nicht sein Friede und sein Stolz in ihre Hand gegeben?

Viele Jahrtausende hindurch hat die große Menge von China bis Peru ein Leben geführt, in dem die Frau in jeder praktisch in Betracht kommenden Hinsicht ebenso notwendig war und ebensoviel Achtung genoß wie der Mann. Seine Gesetze und Gepflogenheiten, die gleich dem englischen Gewohnheitsrechte nicht kodifiziert waren, wurden von Frau zu Frau und von der Mutter auf den Sohn weitervererbt. Religionen mochten den Wohlhabenden Polygamie gestatten, wie der Islam zum Beispiel, und Höflinge und Städter phantastische Gepflogenheiten entwickeln – das Leben des gemeinen Mannes ist nur sehr wenig von der allgemeinen Formel abgewichen. Der anatolische Bauer lebt ebenso nur mit einer Frau wie der irische. Hier in diesem Lande zeigt sich mir die Tradition des einfachen Volkes durch neue Kräfte beeinflußt, ist aber doch noch immer in Kraft auf den mit Jasmin und Oliven bewachsenen Terrassen und in den Häusern, von denen reiche Amerikaner, sparsame Künstler oder Eindringlinge gleich Clementina und mir noch nicht Besitz ergriffen haben. Diese Lebensweise hat, seit der Mensch zum Menschen geworden ist, so gleichmäßig und unverändert bestanden, daß, wer immer der historischen Perspektiven ermangelt, sie nur zu leicht für die naturgemäße Form des menschlichen Daseins halten wird.

Dem ist jedoch nicht so. Παντα ῥει. Jener Wandel der Größenverhältnisse, der für die heutige Zeit charakteristisch ist, erfaßt auch die Lebensweise des gemeinen Mannes in jeder praktischen Einzelheit und wirkt bestimmend auf seine Einbildungskraft. Die mühselige Bebauung der Erde auf kleinen Stückchen Bodens, die seinerzeit die einzig mögliche Grundlage der sozialen Struktur war, wird ökonomisch untunlich; und in noch stärkerem Maße wird der Arbeit der Frau die Würde der Notwendigkeit genommen. Sogar hier tut sich der Wandel der Zeiten kund: die vernachlässigten Olivenbäume, die abbröckelnden Terrassenmauern zeugen für ihn, ebenso die Radfahrer, die in der Dämmerung auf den Wegen dahinsausen und mir zu Bewußtsein bringen, daß meine Nachbarn ringsum nicht mehr Bodenbebauer sind, sondern Arbeiter in einer Fabrik von Grasse. Hier ist diese Entwicklung etwas Neues. Am deutlichsten tritt der Wandel in den Vororten der großen Städte zutage, der großen Städte Englands und der Vereinigten Staaten – übrigens ist heute die Hälfte der Bodenfläche Englands nichts anderes als ein weithin ausgebreiteter städtischer Vorort. Der Mann ist immer noch ein Arbeiter, ja er arbeitet schwerer als je zuvor, aber er arbeitet außer Haus. Er bedarf einer liberalen Erziehung, wenn er Bedeutung und Umfang der ökonomischen Maschine verstehen soll, in der er ein Rädchen ist. Die Frau daheim wird in immer stärkerem Maße ihrer wirtschaftlichen Bedeutung beraubt, sie spielt nur mehr die Rolle einer sexuellen Ergänzung. Sie weiß nichts oder wenig von ihres Mannes Arbeit; diese liegt zu fern ab. Sie braut keinen Trunk, sie bäckt kein Brot mehr. Sie kocht kaum mehr, wärmt hauptsächlich nur fertig Gekauftes auf. Sie spinnt ihr Leinen nicht mehr selbst, sie beherrscht den Haushalt nicht mehr, sie kauft bloß das Nötige ein. Die Gasgesellschaft ist ihr Holzhacker, die Gemeinde ihr Wasserträger. Sie drückt auf einen Knopf, um ihr Heim zu beleuchten. Zu ihrer eigenen wie zu ihres Mannes und des ganzen Gemeinwesens Erleichterung hat sie aufgehört, andauernd Kinder auszutragen, und die wenigen, die sie in die Welt setzt, werden von geübten Lehrern in gut ausgestatteten Schulen weit besser erzogen als von ihr. Der fortschreitende Wandel des Lebens hat ihr ihre normalen Beschäftigungen genommen, ebenso wie er sie und ihren Mann vom Gefühle der Sündhaftigkeit befreit hat.

Was soll sie mit sich anfangen – mit sich und ihren ungeheuer leeren Nachmittagen? Was sollen wir mit ihr anfangen? Der Prozentsatz an Claras nimmt in allen modernen Gemeinwesen zu. Ich bin dafür, daß man Jungen aus ihnen macht, und all die sinnlosen Haushalte, diese Schein-Heime in den Vorstädten auflöst. Sie mögen in möblierten Zimmern wohnen und sich von ihren Freunden besuchen lassen, bis sie einen passenden Lebensgefährten finden und eine Aufgabe, die sie mit ihm teilen können. Sie mögen ebenso erzogen und unterrichtet werden wie ihre Brüder und einer wissenschaftlichen oder geschäftlichen Tätigkeit obliegen, produktive Arbeit tun. Man lehre sie, ihre Geschlechtlichkeit nicht mehr als marktgängige Ware, um es roh zu sagen, nicht mehr als ein Etwas aufzufassen, wodurch sich ein bequemes Leben sichern läßt. Wenn ich an manche Mädchen denke, die man heutzutage sieht, kurzgeschoren wie hübsche Jünglinge, ebenso schlank, tatkräftig und kühn wie ihre Brüder und freimütiger oft als diese im Denken und Tun, so vermeine ich, in dem, was ich hier sage, ganz mit dem Geiste der Zeit zu gehen und auf durchaus mögliche Wandlungen hinzuweisen.

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