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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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Ich schreibe von Männern und Frauen, die sich auf Grundlage der Gleichberechtigung zu Arbeit und Liebe zusammentun. Das ist der moderne Gedanke. Sind jedoch Männer und Frauen einander bisher jemals gleichberechtigt gegenübergestanden?

Ich bezweifle, daß jemals Gleichheit zwischen ihnen geherrscht hat. Viel wahrscheinlicher dünkt es mich, daß von der Zeit unseres Urahnen, des Affen, an das Menschenweibchen ungefähr in ebensolchem Maße physisch benachteiligt war wie die meisten anderen Säugetierweibchen. Die sexuellen Reaktionen der Reptile, Fische, Insekten und Schalentiere liegen außerhalb des Bereiches unseres gefühlsmäßigen Verständnisses; die ganze Reihe der Säugetiere aber zeigt den gemeinsamen Zug der Hingabe des Weibchens an die Jungen. Das neue Wesen behindert die Mutter schon vor seiner Geburt, zehrt an ihrer Kraft, wird ihr parasitischer Gefährte, verlangt Schutz, und ihre Triebe kommen diesen Anforderungen entgegen. Das weniger belastete Männchen entwickelt größere Kräfte und hat mehr Bewegungsfreiheit. Es ist hauptsächlich nur durch die Begierde an das Weibchen gebunden. Die Natur hat Männchen und Weibchen der Säugetiere nicht so verschieden gebildet, daß jedes der beiden Geschlechter nicht auch Ansätze zu den besonderen Eigenschaften des anderen hätte; die meisten männlichen Tiere zeigen eine gewisse mütterliche Zärtlichkeit für die Jungen, und fast kein Weibchen ist völlig Sklave und Opfer der Fortpflanzung; im großen und ganzen aber bleibt der Unterschied fest umrissen. Ich nehme an, daß der primitive Mann die Frau begehrte, um sie kämpfte, sie beherrschte und sich bemühte, sie zu seiner Sklavin zu machen und so mit ihr fertig zu werden; die meisten von uns tun das heute noch. Sie willfahrte ihm oder vereitelte sein Bestreben durch List; sie leistete Widerstand oder unterwarf sich. Es standen ihr nicht viele Möglichkeiten offen. Ich will nicht behaupten, daß sie völlig passiv gewesen sei, aber im großen und ganzen war ihre Lage die ungünstigere. Vorausgesetzt daß er und sie sexuelle Anziehung auf einander ausübten und sich paarten, war das ihre Beziehung; das war und ist die ursprüngliche Beziehung der Geschlechter.

Aber das Leben der primitiven Menschen und der Submenschen, ihrer Ahnen, war von Kampf erfüllt, und der Sexualtrieb stand nicht immer im Vordergrund. Sie jagten und wahrscheinlich war der Mann der bessere Jäger. Das Weib war entweder noch unreif oder eben schwanger oder mit dem Säugen beschäftigt, konnte also in der Regel nicht mit ihm Schritt halten und blieb zurück. Sie hütete das Feuer, sie verharrte am Feuer. Als das wirtschaftliche Leben anhob, wurde ihr der größere Teil der Arbeit nicht gerade aufgezwungen, fiel aber naturgemäß ihr zu. Es war selbstverständlich, daß sie für die Kinder sorgte, das Feuer bewachte und den Lagerplatz sauber hielt. Wahrscheinlich mußte sie Früchte und dergleichen einsammeln. Sie kochte, sie mahlte das Korn. Er vollbrachte dann und wann bedeutsamere Leistungen, die erste regelmäßige Arbeit aber war ihr auferlegt. Die Frau war der erste Arbeiter; der Mann saß müßig. Dafür aber gehörten Herd und Heim ihr. Solcherart muß die ursprüngliche wirtschaftliche Beziehung der Geschlechter gewesen sein. Man setze einen gewöhnlichen Mann und eine gewöhnliche Frau heutigentags in eine Hütte, in ein Häuschen, in eine Ein-Zimmer-Wohnung, und fast ohne irgend welche Erörterung werden sich die Dinge in derselben Weise ordnen.

Es gab jedoch noch eine dritte ursprüngliche Beziehung anderer Art. Mann und Frau standen nicht immer in geschlechtlicher Beziehung zueinander, waren nicht immer Männchen und Weibchen; manchmal war er der Sohn, der Jüngere, sie, die Mutter, die Ältere. Dann war sie seine Beschützerin; sie bewahrte ihn vor der Eifersucht und der Ungerechtigkeit des Vaters; sie war in seinen Augen groß und weise, schön, gütig und hilfreich. Das wob einen besonders gearteten Streifen in das Gewebe der Beziehungen. Die meisten männlichen Tiere scheinen diese Phase zu vergessen; beim Menschen aber währt der Zustand jugendlicher Hilflosigkeit so lange und das Gedächtnis ist verhältnismäßig so gut, daß unser ganzes Leben hindurch der Wunsch nach weiblicher Hilfe und Güte in uns bestehen bleibt. Ich kann dieses anders geartete Gefühl in mir von der frühesten Kindheit an bis heute verfolgen. Es erscheint, verschwindet, taucht aufs neue auf und es verwebt sich mit den beiden anderen, so daß die Frauen im allgemeinen bald unsere Gebieterinnen, bald unsere Untergebenen sind. Wir klassifizieren sie nicht auf diese Weise – sie uns ebensowenig; dazu ist das Leben viel zu mannigfach. Heute sind sie dies und morgen jenes. Wenn eine Frau einen Mann in ihre Arme nimmt, so hält sie ein doppeltes Wesen, einen Sieger und einen Schutzsuchenden. Und er umfängt eine Königin und eine Sklavin. In der ägyptischen Mythologie hält Isis, die Königin des Himmels, das Kind Horus in ihren Armen; Osiris ist ihr Herr und Horus ist Osiris. Dieses in der Seele des Mannes niemals völlig erlöschende Abhängigkeitsgefühl ist die erste Schutzwehr der Frau; es mildert die materielle Untergeordnetheit, die ihr durch ihre physische Benachteiligung auferlegt ist. Die Frau widersetzt sich, weicht aus, unterwirft sich, aber sie hilft und bemitleidet auch und gebietet auf geheimnisvolle Weise Ehrfurcht.

In seiner intimen Beziehung zu einer Frau vermischt der Mann, nicht etwa mit Vorbedacht oder Absicht, sondern naturnotwendig, ohne Unterlaß jene drei Urfarben auf der Palette seiner Gefühle. Und die Frau entwickelt den seinen entsprechende Gefühlsnüancen. So weit unsere Natur. Jedoch in unserer Natur liegt noch etwas – es ragt meiner Meinung nach über das Geschlechtliche hinaus, doch macht der Geschlechtstrieb es sich sehr häufig zu nutze –: demutsvolle Hingabe an ein glänzendes, liebliches, bewundertes, uns überragendes Wesen. Der Hund besitzt die Fähigkeit solcher Anbetung in stärkstem Maße; aber der Mensch hat sie heute auch.

All dies sind unabänderliche Tatsachen, mit denen wir rechnen müssen, wenn wir darangehen, die Beziehungen moderner Männer und Frauen zu vervollkommnen. Noch ein Faktor unserer Wesensart, der in einem Ausgleich zwischen den Geschlechtern zur Geltung kommen muß, ist Kameradschaft. Die kameradschaftliche Beziehung wurde wohl zum ersten Mal bei der Jagd oder in der Schlacht zu einem leidenschaftlichen Gefühl von Mann zu Mann. In der Beziehung der Geschlechter gibt es bis heute kein kameradschaftliches Gefühl. Ob es sich jemals zwischen Mann und Frau entwickeln wird, ist die zweifelhafteste Frage. Die Natur spricht dagegen. Der Mensch ist heute, das dürfen wir nicht vergessen, das geselligste Tier; Paarung bei leidlicher Gleichwertigkeit findet sich bisher nur bei einsam lebenden Tieren, Löwen, Tigern und ähnlichen. Gesellig lebende Tiere paaren sich in der Regel nicht; der Mensch gehört zu den wenigen Ausnahmen. Geschöpfe, die ein wirtschaftliches Leben entwickelt haben, paaren sich nicht. Wenn man von der Brunstzeit absieht, gehen in einem Rudel geselliger Tiere stets die gleichen friedlich mit den gleichen: die Hindinnen zusammen und die jungen Hirsche ebenfalls. Der Mensch kann sich aber nicht die Gepflogenheiten der Tiere zur Richtschnur nehmen. Er muß selbst seine besonderen Methoden ausarbeiten. Er ist nicht gleich ihnen dem Wechsel zwischen Brunst und Gleichgültigkeit unterworfen.

In vergangenen Zeiten war die Frau dem Manne hauptsächlich deshalb materiell und moralisch unterlegen, weil sie so früh und so völlig unter den Druck des Geschlechtslebens geriet. In unserem modernen Gemeinwesen ist dieser Druck gemildert worden; sie trägt heute die Bürde des Geschlechtlichen fast ebenso leicht wie der Mann, und es ist interessant zu sehen, wie schnell sie sich nun der Freiheit und physischen Tatkraft des Jünglings nähert. Das wohlsituierte junge Mädchen der westlichen Welt von heute ist körperlich und moralisch der jungen Dame von vor hundert Jahren weit unähnlicher als seinem Bruder. Und man kann es sich weit besser als des Mannes Gesellen und Kameraden vorstellen denn die einstige junge Dame. Vielleicht werden nun die Ähnlichkeiten ebenso übertrieben wie seinerzeit die Unterschiede. Immerhin scheint mir eine Welt, in der eine große Anzahl führender Leute gepaarte Kameraden sein werden, durchaus möglich. Die Assimilation kann sehr wohl noch fortschreiten. Ich bezweifle aber, daß sie die Benachteiligung der Frau jemals völlig aufheben wird. Noch unwahrscheinlicher dünkt mich eine Vertauschung der Rollen. Dem Mann als Typus wird stets die größere Initiative verbleiben, und in seinem intimen Leben wird das Paar nach wie vor die Reaktionen von Unterwerfung und Zärtlichkeit zu fühlen bekommen, die unser Erbe aus der Vergangenheit sind.

Die Welt schreitet von Gleichförmigkeit zu Vielfältigkeit. Es wird ohne Zweifel wie immer so auch künftig eine Menge Ausnahmefälle geben, und für diese wird Freiheit und Duldung bestehen. Was ich mir vorzustellen versuche, ist die vorherrschende Form, in der Männer und Frauen von schöpferischer und kraftvoller Art sich künftig zusammenschließen werden. Auch habe ich bisher nur die in der Natur begründeten Reaktionen zwischen Mann und Frau besprochen, sowie die Bedürfnisse jener Menschen, die von dem Wunsche beseelt sind, so viel schöpferische Arbeit als möglich in einer Welt des Friedens zu leisten. Sowie man sich von abstrakter Betrachtung zur Wirklichkeit wendet, sieht man eine Welt, die jenen Zukunftswünschen völlig kalt gegenübersteht, eine übervölkerte, gierige Welt voll der fieberhaften Vergnügungssucht, des Flitters und des Tandes, der Ausschweifungen, der Herausforderungen, Verfolgungen und der Eifersucht. Der Traum vom weiblichen Kameraden findet sich im Herzen einiger weniger, ist ein Experiment, ein fast hoffnungsloses Experiment, dem Versuche gleich, ein Streichholz im Sturme anzuzünden.

Ist es wirklich nicht mehr als ein Traum, dieses Bild eines arbeitsamen, ernsten sozialen Lebens, eines Daseins, nicht im Verkehre mit allzuvielen, sondern zum größten Teil in Gesellschaft eines geliebten Gefährten verbracht, großzügig und frei im Geiste und von Interessen und Tätigkeiten, erfüllt, die die ganze Welt umfassen? Ich glaube nicht, daß es nur ein Traum ist. Wie aber kann ich diesen Plan, diese Hoffnung mit den unleugbaren Tatsachen des heutigen Lebens vereinen? Wo, fragt ihr mich, sind diese Frauen, diese Gefährten, diese glücklich gepaarten Männer? Wo sind diese vollentwickelten, erwachsenen Menschen?

Ich kann sie euch nicht zeigen, ich habe sie nie gesehen. Meine eigene Geschichte sagt euch das. Ich kann sie nur prophezeien. Aber ich prophezeie sie, wie ich eine Weltherrschaft geistig gesunder und kraftvoller Menschen prophezeie. Unsere heutige Lebensführung ist noch provisorischer als unsere Regierungen. Wir tun heute dies und das, morgen aber wird es niemand mehr tun. Der Wandel der Sitten und Gebräuche, Gewohnheiten und Konventionen ist im letzten halben Jahrhundert ungeheuer gewesen; trotzdem mag er vor den Veränderungen, die die nächsten fünfzig Jahre bringen werden, zu nichts zusammenschrumpfen. Wir leben in der fieberhaften Endphase einer hinsterbenden Ordnung.

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