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Die Welt des William Clissold. Zweiter Band

Herbert George Wells: Die Welt des William Clissold. Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
authorH. G. Wells
titleDie Welt des William Clissold. Zweiter Band
publisherPaul Zsolnay Verlag
year1931
firstpub1927
translatorHelene M. Reiff und Erna Redtenbacher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170602
projectidd92a84a2
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14

»Aber was geht dich denn eine Weltrepublik; an, die du nie zu sehen bekommen sollst?« fragt Clementina, die sich mit zunehmender Hartnäckigkeit in den Kopf gesetzt hat, zu verstehen, worauf ich und dieses Buch aus sind.

»Warum sollte dich der Gedanke, daß die Menschen niemals zu einer Weltrepublik gelangen werden, unglücklich machen, während es dich nicht im geringsten zu beunruhigen scheint, daß du bald sterben mußt?«

Die Frage ist berechtigt.

Warum sollte ich wohl mit meinen Tagen und Stunden beinahe geizig geworden sein, bloß um nach einem Ziel hinzuarbeiten, das ich nie im Leben erreichen werde? Warum beschäftigen und treiben mich diese Dinge so an, daß ich mich selbst vergesse? Warum greife ich nicht einfach nach jenen Vergnügungen, zu denen ich jetzt so reichlich die Mittel besitze, und ›freu' mich des Lebens‹?

Die Antwort darauf zieht sich wie ein Faden durch das ganze komplizierte Gewebe von Beobachtungen, Betrachtungen und Vorschlägen, das ich gewoben habe. Sie lautet, daß ich erwachsen bin.

Ich bin voll entwickelt in einer Welt, in der noch die wenigsten menschlichen Wesen bis zu einer vollkommenen Erkenntnis der Möglichkeiten, die ihnen ihr ausgereifter Zustand bieten würde, durchdringen. Ich habe das Glück gehabt, dazu zu gelangen, nicht weil ich irgendwie eine besondere außergewöhnliche Eigenschaft besaß, sondern weil mich meine Umstände und Erlebnisse davon abgehalten haben, mich mit Auffassungen und Routinen abzufinden, welche die Entwicklung der Menschheit verzögern und aufhalten. Ich blieb von jenen Mittelschul- und Universitätslehrplänen verschont, die der Entwicklung so vieler Bemittelter in jugendlichem Alter Einhalt tun, ich entging einer Anstellung, durch welche die größere Mehrheit jeder Gelegenheit zu weiterem Wachstum beraubt wird, ich setzte es nicht aufs Spiel, mich glücklich zu verheiraten und mit jenem Familienleben zu begnügen, welches für viele sozusagen den Hintergrund bildet, auf dem sie von der Bühne des Lebens abtreten können. Ich war niemals, auf keiner Stufe, von den Kleinigkeiten des Lebens so eingenommen, daß ich mein Interesse für das Leben als Ganzes vergessen hätte. Ich schritt geistig vorwärts, als sich die meisten anderen Leute den Gepflogenheiten und Erfordernissen unserer Welt gemäß entweder aus eigenem Antrieb zur Ruhe setzten oder dazu genötigt wurden. Und so der Richtung der Kräfte in mir ungehindert überlassen, wuchs ich heran.

Ich bin schließlich gänzlich darüber hinausgewachsen, mich als die wichtigste Begebenheit meines Lebens aufzufassen. Mein eigenes Glück oder Unglück regt meine Leidenschaften nicht mehr heftig auf. Mit meiner persönlichen Karriere als meiner Hauptbeschäftigung bin ich fertig. Jenes vollständige Befangensein in den Gefühlen, Taten, dem Stolz und den Aussichten des William Clissold, mit welchem ich meinen Anfang nahm, ist durch die weitergehenden Forderungen der Rassenentwicklung langsam verdrängt worden und hat ihnen schließlich ganz Platz gemacht. Sie packen mich jetzt, ihnen gehöre ich. William Clissold schrumpft in meinen Augen zu relativer Bedeutungslosigkeit zusammen, ›der Mensch‹ steht auf und wächst.

Und so sicher William Clissold, mein enges Ich, sterben wird, bevor irgendein größerer Teil der gegenwärtigen Revolution vollendet werden kann, ebenso sicher wird der Mensch, jenes größere Ich, in dem mein enges Ich nicht mehr als ein Gedanke, ein vorübergehender Zustand ist, weiterleben. Unmerklich bin ich dazugekommen, als Mensch zu denken, zu wünschen, zu handeln, wobei ich den Körper und die Kräfte des William Clissold, die einst mein ganzes Ich darstellten, als Medium benütze. Und während, wie ich merke, alles, was ich ausdrücklich und allein zum Vergnügen, zur Lust, zum Gewinn William Clissolds tue, ein Ende hat, bald vergessen sein wird und der Abfall in irgendein Grab getan werden wird, schreitet alles, was ich als Mensch denke und angehe, auf eine Zukunft hin, die kein bestimmtes und endliches Ziel hat und die durch den Tod keine Niederlage erleiden muß.

Nur durch diese Auffassung, daß sich der menschliche Lebenszyklus langsam zum vollen Reifezustand hebt, kann ich die Haupttatsachen meiner eigenen Entwicklung erklären, daß nämlich meine kindliche Heftigkeit im Hoffen, Verlangen und Fürchten, die einst so rasch und feurig und vorübergehend war wie die Stimmungen eines Tieres, allmählich verschwand, die Härte meines Geistes aus den früheren Jahren her weicher wurde, körperliche und weltliche Eifersucht abnahm und ich mir eine standhafte Gleichgültigkeit gegen Geschehnisse erwarb, die einst meinen Eigendünkel rasend gemacht, mich in Lebensverzweiflung oder tiefste Erniedrigung gestürzt haben würden. Und all dies ist ohne Einbuße an Lebenskraft von mir abgefallen, nur durch die fortschreitende Geltendmachung eines etwas uneigennützigeren Systems von immer höheren Trieben, die jeweils auf jeder früheren Stufe meinen Lebensinteressen noch völlig ferngelegen haben. Ich habe mich, Jahr für Jahr, ausgebreitet und bin weniger egozentrisch geworden. Ich kümmere mich weniger um mich, weil ich mich mehr und mehr um die Menschheitsrepublik kümmere. Es sind wohl Rückfälle zur alten Leidenschaft, zu Trotz und Zorn, zu akuter persönlicher Einstellung und krampfhafter Gier vorgekommen und sie kommen auch noch vor, doch werden sie kürzer, seltener und dem zunehmenden und befreienden Adel der weiteren Einstellung vollständiger zugänglich. Sie werden, an ihr gemessen, unwirklich und unwesentlich.

Was mit mir geschehen ist, kann mit den meisten Menschen geschehen. Es will eben beginnen. Daß ich von meinem gierigen engen Ich befreit wurde, ist gar nichts Abnormales; es ist heutzutage bloß ein wenig ungewohnt, zumal bis zu diesem Grade. Die meisten anderen Leute könnten ebenso wie ich über die Stufen kleinlicher, nichtssagender Beschäftigungen und gewohnheitsmäßiger, allzu hoher Selbstbeachtung hinweggebracht werden. Sie haben alle gelegentlich Stimmungen, die auf ein höheres Interesse hindeuten. Diese Stimmungen würden in einer vernünftigeren, gerechteren, weniger gemein drängenden Welt unterhalten, vervielfacht, miteinander verknüpft und vorherrschend gemacht werden.

In diesem Teil meines Buches habe ich die Idee einer großen Revolution in den ökonomischen, politischen und sozialen Beziehungen der Menschheit in Form eines die ganze Welt umspannenden Projektes aufgestellt. Sie hätte auch noch auf eine andere Art aufgestellt werden können, auf ältere Art, in Form eines Projektes, das so eng und konzentriert ist wie ein einziges Herz. Die Erreichung der Weltrepublik und die Erreichung des völlig erwachsenen Lebenszustandes bilden die allgemeine und die besondere Ansicht ein- und derselben Tatsache. Jede bedingt die andere. Die erstere würde den Menschen von Traditionen, ökonomischen Gebräuchen, sozialen Ungerechtigkeiten, geistigen Gewohnheiten, belastenden Institutionen, unnötigen Dienstbarkeiten und knabenhaften Ansichten befreien, die sein Leben auf diesem Planeten verkürzen, verwirren und verunstalten, die es zerreißen, arm machen, es in beständiger Gefahr vor dem verheerenden Kriegsfieber halten und ihm mit Vernichtung drohen. Und die andere würde den individuellen Menschen vor der Knechtschaft instinktiver Triebe, unvernünftigen Aberglaubens und der verbitterten Konzentration auf persönliche Zwecke, die zu keinem anderen Ende als zu Alter und Schwächlichkeit, Schmach, Enttäuschung und Tod führen können, befreien. In der fürsorglichen Behandlung und Heilung der Art liegt die Heilung des Individuums. Das Individuum vergißt die Geschichte seiner verdammten und eingekerkerten Persönlichkeit, die die Zeit seiner Unreife beherrschte, die Geschichte der Sterblichkeit, und zerfließt in das unendliche Geschehen der Weltgeschichte und das unsterbliche Wachstum der Rasse.

Dies ist meine Philosophie des praktischen Lebens, meine Mystik, wenn man so will, meine Religion. Dies ist meine Antwort auf Clementinas Frage. Dies ist meine endgültige Lebensauffassung, nach der ich lebe, dargestellt im Rahmen meiner Welt. Zu diesem völlig erwachsenen Zustande finden, so glaube ich, Männer und Frauen ihren Weg durch das Geflunker und die Gefahren, die falschen Darstellungen und Absurditäten, die Heftigkeit, Roheit, Wirrnis und das Getümmel der heutigen Zeit. Wenige kommen jetzt schon dazu, zweifelnd und jeder für sich allein, wie ich es getan habe, bald aber werden es mehr sein. Wie das geschieht, wird sich der Pfad zur Weltrepublik weit auftun und diese neue Form des menschlichen Lebens wird die allgemeine Form der ganzen aufsteigenden Rasse werden.

Wir werden alles Kindische, alle leidenschaftlichen Extravaganzen, alle Furcht vor Nachtmahren abtun. Unser Geist wird in einer lebendigen Weltliteratur leben und sich in lebendiger Kunst üben; unser Wissen wird ständig zunehmen und unsere Macht wachsen. Unser Planet wird einer Werkstatt in einem freundlichen Garten gleichen und von ihm werden wir mit immer geringerer Furcht auf unser Erbe in Raum und Zeit inmitten der Sterne hinausblicken.

Wir werden gemeinsam Menschen sein und gemeinsam unsterblich und jeder von uns wird seine Individualität bis zur höchsten Stufe entwickeln, nicht mehr als kämpfendes Einzelwesen, sondern als Teil und Förderer eines fortlaufenden Ganzen.

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